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Thema: Brunnengeschichte: Was man aus dem Brunnen ißt

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  • 28.07.03, 21:47
    Anja B.

    Brunnengeschichte: Was man aus dem Brunnen ißt

    Was man aus dem Brunnen isst


    Vor zwölf Nächten war ich in den Wald aufgebrochen. Es sollte mein erstes Nur-in-den-Wald-Gehen werden. Alle anderen Absichten hatte ich freiwillig geknebelt zu Hause gelassen. Abends schien mir eine gute Zeit zu sein mich ohne weiteres aufzumachen. Meinen Körper wollte ich so glauben machen, dass ich auf dem Wege wäre, ihn zu betten, damit er nicht vor eingebildeter Aufregung zerbarst. Doch sobald ich den Wald betreten hatte, schlug sich trotz dieser gerissenen Taktik Ruhelosigkeit an ihm und meinen lichterlos gewordenen Augen nieder, so dass ich mehr stolperte als ging.
    Die ganze Nacht hindurch war ich beschäftigt mir die eingeredete Eleganz anzueignen, die ich mich vorgenommen hatte zu verkörpern.
    Vergeblich.
    Als die Sonne sich schon ankündigte, griff die zurückgehaltene Müdigkeit nach mir und rang mich nieder in ein moosiges taufrisches Bett. Sie behielt mich, bis die Sonne mich traf und weiter bewegte ihre Schatten zu werfen. Doch es waren andere Schatten geworden als die der Dunkelheit und meine mir nun nützlich scheinenden Augen, saugten das Licht um die Dinge ein, wie um sich ihrer Friedlichkeit zu vergewissern. Etwas in mir glaubte, dass sichere Helle bunkern zu können für den dunklen Teil des Tages. Alle Heimlichkeit in mir war noch an Licht gebunden. Noch.
    Beim Gehen wurden meine Schritte langsam Schritte und der Wald begann mich in sich aufzunehmen, der grüne Stiller.


    Was ich gehofft hatte zu erreichen, trat nicht ein. Zumindest nicht so, wie von einem, im Grunde unwissenden Teil in mir, geplant. Erst als ich begann mich leiten zu lassen von seinen Geistern, gelang mir meiner Bewegung nicht mehr vorauseilen zu wollen. Ich folgte mal hier einem Vogel, mal da einer Spinne im Gestrüpp, mal der Spur einer vermeintlichen Ricke. Niemand ausser dem Eichelhäher folgte mir, der die warnte, die gewarnt sein wollten. Es war ein grosser Wald und so lief ich kaum Gefahr auf andere wie mich zu treffen. Das half mir vergessen, dass ich mich anders gedacht hatte, als ich jetzt sein konnte.


    So verbrachte ich meinen ersten Tag, ungeplant und ohne einen Grund für Furcht gefunden zu haben.


    Selbst die Nächte wurden mir lieb und das liess mich ihre Lieder mitsummen. Das Geschenk an mich, wurde die Ruhe in den Schlaf zu kommen. Mein Schlafen war jedoch inzwischen nur ein anderes Wachsein geworden. Die alte Schwere steinerner Betten war von mir abgefallen, wie alte Kalenderblätter. Alle wünschten mir eine Gute Nacht bis zum Morgengrauen, und ich konnte nicht anders, als ihnen die ganze Zeit zuzuhören. Mein Einatmen wurde ihr Ausatmen und die Luft war was wir gaben. Das brachte mich in den Tag und der empfing mich mit seinen Armen, die nie etwas anderes waren, als offen. Jetzt weiss ich, dass es ein Vorbereiten war, auf das, was mir zu tun blieb, in diesen Hallen aus Schimmer und Schall.


    Die Veränderung, die ich kommen sehen wollte, die ich mir voraussagen wollte, war so still in mich eingezogen, dass ich sie erst jetzt bemerkte. Wie ich, für mich, auf einmal dem Klaren folgen konnte. Mein inneres Wasser, war wieder zum Fluss geworden, der sein Bett erkannte und belebt war von den vielen Wesen, die ich in den Pfützen meiner Seele gehalten hatte. Zu fest Gebundenes, für eine zu lange Zeit, war los geworden, ohne wildes Gebell. Die grosse Stummheit, die in mir ausgebrochen war, blieb mir für das, was meine kommenden Taten werden sollten. All das, was nicht zu mir gehören wollte, begann von mir abzufallen.


    Die angelegte Härte derer, die härter waren, die jedoch nie genügte. Die bezahlbare Freude, die unüberhörbar laut sein musste, um als solche zu bestehen. Die aufgeredete Liebe so vieler Jahre, die nur von Angst getragen war und nichts als Angst erlaubte. Wo hätte ich anders hingehen können mit diesen Sätzen, die keine waren. Ich erlaubte mir zu ahnen, dass ich zum richtigen Ort gekommen war, sie zu begraben.
    Morgens lief ich los und verwandelte dabei meine Kümmerlichkeit, zu Größe. Ich fand Neues mich zu füllen, und nach einer Woche wollte ich nicht mehr wissen, wer ich je davor gewesen sein sollte.


    So kam ich an den Brunnen.


    Es war abends, und die Sonne war dabei mit ihrem täglichen Abschied zu schmücken. Er hatte auf mich gewartet seit Zeit getrennt von mir geworden war. Es traf mich so verhersehbar zu sein. Das Wissen, das um die Dinge schwebt, ist grösser als alle Köcher die an meine Arme passten. Gern gab ich wieder auf was ich besitzen wollte, um bewaffnet zu sein für einen Krieg, den es ausserhalb von mir nicht gab. Ich blieb stehen und schaute. Um den Brunnen war alles unsichtbar freigehalten. Frei, von allem, das aufgehalten hätte, geradewegs zu ihm zu gelangen.
    Was für eine grosse Kraft er war. Seine Form war so wie er sie brauchte. Muldige moosige graugrüne Steine, die sich aneinander rund gerieben hatten. Sie mussten sich hier versammelt haben, um so zusammengefunden zu werden. Wie alt gewordene granitgetränkte Augen, die Ausschau hielten. Sie hatten wohl 1000 Jahre eingeatmet, und doch waren sie nicht voll davon geworden. Andächtig stand ich, bis es dunkel wurde.


    Dann tat ich, was zu tun war.


    Aus allem was ich fand, begann ich mein Bett zu bauen, ein Lager, genau auf der Öffnung des Brunnens. Jetzt weiss ich, dass es die Muschel eines Ohres wurde, eines Ohrs, das ich nicht hatte.
    Grosse Äste, kleine, krumme, mittlere Zweige, halblange, abgebrochene, nackte, zerwurmte. Alles was mir brauchbar erschien und nicht allzu morsch war, musste herhalten. Ich bedeckte mein Geflecht mit Blättern und Moos und betrachtete mein Kunstwerk für eine kleine schöne Weile.


    Ich war's zufrieden und bestieg mein neues Bett aus verzukünftigten Schalen. In der Wirre hilfloser Gedanken - meinen Katarakten aus Unverwindbarem, schleppte sich mein Ersatz in den Schlaf. Und mir träumte. So war es. Nicht ich. Mir träumte. Dass ich wach war an einem Ort der mich in sich hatte. Ich war nicht mehr extra und bewegte ich mich, kam alles nach und mit entgegen. Und aus dem brunnen kam eine stimme die jenseits lag, auf der anderen, der lautlosen seite. Ich hatte erst hierher kommen müssen, damit ich still genug für sie geworden war. Ihre vollkommene Gegenwart erinnerte mich, dass ich eine Wahl war, die ich nicht hatte. Völlig in sie eingefasst, trieb ich dahin und liess von allem ab, was ihr nicht gleichen wollte. Seligkeit trug meinen namen.


    Dann wachte ich auf.


    Es war dunkel geworden. Die Sonne war ohne Abschied gegangen. Es war kalt und ich fühlte mich unaufgehoben - das erste Mal seit ich hier war. Das Rauschen der Bäume klang wie Brandung, der ich zu nah gekommen war, doch der ich nicht entrinnen konnte. Mein Herz erinnerte sich, wie es dazu kam - mein Herz, das einzige das mich kannte. Ich war als Fremde in ein Land gekommen, das von sich glaubte, mich zu kennen. Das mich wohl kannte. Und doch bin ich fremd geworden auf diese abgetrennte Art. Unangenähert stiess ich mich in diese Felder aus strömender Glut. Was war passiert ! All die aufgesparte Trauer brach aus mir in diesen willigen Wald. Ich erbrach meine angehäuften Wälle aus Angst und Neid und falscher Treue. O wie unwahr ich gewesen bin und es nun ertragen musste - auf einmal - diese Fäule. Das tat mir zurück, was ich wie aus Versehen von mir haben wollte und nun litt ich mein eigenes Leiden. Mit weit geöffneten Augen, Armen und Beinen gab ich mich preis. Ich ergab mich. Der lauen Luft - bat sie mich zu zerschneiden, sich mich zu nehmen und aufzuteilen, auf dass ich vergeudet würde. Den Wald flehte ich an sich auf mich zu stürzen, mich zu zerreissen bis es kein Zeichen mehr von mir gab. Und die Tiere bat ich von mir zu nehmen was ihnen je von irgendwem genommen war. Nehmt, rief ich. Nehmt alles und bringt nichts wieder.


    Niemand kam. Nur ein leichter Wind. Dem lief wohl alles nach. Denn nichts blieb, da, wo ich lag, lose wie ein Blatt dass nichts fand hin zu fallen. Mein ganzes Wollen war angehalten. Und wie um mich aufzuheben und in etwas Grösseres zu reihen, setzte Regen verständnisvoll ein. Er weichte alles auf für mich mit grossen wilden Tropfen, dass ich nicht wieder hart werden musste und frei schwamm ins Meer der Möglichkeiten. Ich sah auf die andere Seite und wurde ganz still und kreiste.


    Der Pfropf auf dem ich lag, gab nach und wir rauschten in den Brunnen, meine Schalen und ich, vorbei an Zeiten die mich längst nicht mehr meinten.


    Ich schliff dahin, dem alten Licht entgegen und mein Rücken sah ihm an, wie erwartet ich war. Da, meine ausgesparte Stelle schwang, um als erste auf mich zu treffen. Und die Steine halfen mir von ihnen abzugleiten und nicht warm zu werden und nicht weich.


    Ich hing an meinem Fallen.


    Eines aus dem Wasser, das nach Hause kam. Wie ein hochgeworfener schneller Ball, der weiss, dass da Hände sind, die auf ihn warten, da unten im Schatten seiner sonnigen Träume, und er ihnen gehört, weil er aus ihnen kommt und nur in sie zurückzukehren bleibt. Ich bin meine Schwere. Ich bin das Gewicht meiner Seele. Endlich falle ich auf die Schalen der Waage mich zu messen. Hier. Hierher hat mich der Hunger getrieben. Vorbei an diesen angehefteten toten Gesichtern die mir nachschauen ins Steininnere. Ich erreiche die Nahrung. Ich reiche sie mir. Sie schmeckt. Weil ich sie esse. Weil ich erkenne.


    Auf dem Grund dieses Brunnens schwimmen meine Geister. Wir nehmen uns zusammen und befreien unsere versunkene Absicht.


    Letztendlich steigt der erste Laut der einzige, Immersatte hinauf, um der Stille ein Kind zu machen. Staunend schlingt er sich selbst entgegen.


    Oh.


    Ich falle noch immer. In meine Form.
    Oh, sagt sie.


    Antworte.

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