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Thema: Die Prüfung

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Wie heißt die größte deutsche Insel?

 

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  • 09.02.20, 21:08
    aerolith

    AW: Die Prüfung

    Einer der längsten Texte, die hier jemals eingestellt worden sind: satte zwanzig Seiten.

    Mir gefällt die hier mitschwingende Lust am Außergewöhnlichen, die mich als Leser bei der Stange hält. Das Offenkundige ist zugleich das Langweiligste. Ich weiß, daß ich niemals einen solchen Text schreiben werde und eine bange Stimme in mir fragt, was wohl einen ernsthaften Schriftsteller wie kassandra veranlaßt haben mag, hier im Gekröse des Schriftstellerns zu wühlen? Es muß Spaß sein, der Spaß an der Vulgarität, den jeder von uns mal haben sollte.

    Zu viele ÜBER, zu oft erfolgt etwas "schließlich", eine Neigung zu ß-Worten bei vorhersehbarem Handlungsverlauf, was aber angesichts der Zielgruppe verzeihbar ist.
  • 13.08.03, 10:02
    Klammer

    AW: Die Prüfung

    Kassandra, Kassandra,


    ich frage mich, was du hier willst; ernsthafte Auseinandersetzung mit deinen Texten offenbar nicht. Jones und meine Wenigkeit haben uns mit dieser Geschichte ausführlich beschäftigt, Zeit und Mühe investiert, wesentlich mehr als nur das übliche "Forengeplapper" geliefert. Zudem wissen wir beide wirklich, wovon wir reden. Aber das wird einfach von dir beiseite gewischt. Sollen die nur reden, die Geschichte bleibt so wie sie ist.
    Dabei ist sie in der momentanen Form schlecht. Im momentanen Zustand taugt sie nicht einmal als Satire.
    Und glaube mir (jetzt fühle ich mich wie Kassandra), jeder, der nur ein wenig von Literatur versteht und ein paar Geschichten gelesen hat, wird uns recht geben.
    Also schalte dein Gehirn ein und deine Arroganz und deine Eitelkeit aus. Spiel nicht die beleidigte Leberwurst, sondern versuche, den Text so zu sehen, wie er vor dem Leser steht.
    Dann wirst du uns recht geben.


    Klammer
  • 11.08.03, 23:01
    Mr. Jones

    AW: Die Prüfung

    du solltest, finde ich, dir die mühe machen, kassandra, und nochmal drüber gehen. wenn dir am text liegt. denn wo liegt das problem, frag ich dich. denn das wird kein mr. jones-text, keine sorge. aber besser wird er, und zwar ganz bestimmt, wenn du ihn kürzen tust. und wenn ich jetzt vom kürzen sprech, dann mein ich das nicht als regel für kurzgeschichtenautoren, sondern allein auf deinen obigen text bezogen.
    wovor fürchtest dich? oder bist einfach bloss ein ganz ein fauler?


    Mr. Jones
  • 11.08.03, 20:37
    Mr. Jones

    AW: Die Prüfung

    Hallo Mr. Jones,


    danke für Deine Mühe.


    Ich fürchte allerdings, daß - so ich Deine Ratschläge befolgte - dies ein Mr. Jones-Text würde und keiner von mir.


    Natürlich könnte man 50% der Eingangssequenz kürzen, aber weshalb? Um dem Drucker Papier zu sparen? Oder weil eine gute Kurzgeschichte nicht länger als 10 Seiten sein darf?


    Warum sollte bei einer Erzählung nicht legitim sein, was im Roman die Regel ist: Abschnitte, in denen relativ wenig passiert?


    Ich beschreibe gern etwas auführlicher, und ich denke, daß sich allenfalls der Internetleser dabei langweilt, nicht aber der Leser eines Buches. Und wenn doch, dann blättert er eben eine Seite weiter. Wo liegt das Problem?


    Viele Grüße
    K.
  • 10.08.03, 18:52
    Mr. Jones

    AW: Die Prüfung

    guter kassandra, nichts für ungut. aber auch ich beantworte dir deine frage nicht.
    stattdessen denk ich, er hat recht, der klammer, und du solltest dich mit seiner kritik auseinandersetzen. finde ich wirklich. und den libby tät ich rausstreichen. und dann tät ich kürzen, ja. vor allem kürzen. krass kürzen: wo es nur möglich ist.




    Obwohl sein unbekannter Gastgeber die Route anschaulich beschrieben hatte, mußte Christoph irgendwo von der Strecke abgekommen sein. Er fuhr schon seit Ewigkeiten auf einer engen, gewundenen Straße durch die nebligen Wälder des Nordalblandes und hielt vergeblich Ausschau nach einem Hinweisschild. Fast schien es, als hätten es die Bewohner von Felsenstein darauf angelegt, lästige Touristen von ihrem Ort fernzuhalten. Auch seine Autokarte gab keinen Hinweis auf das Ziel. Er musste eine Kreuzung oder Abzweigung übersehen haben. Gut möglich, bei diesem dichten Nebel. Dennoch konnte er sich nicht zur Umkehr entschließen. Er wollte sich in der nächsten Ortschaft nach dem Weg zu erkundigen. In der nächsten Ortschaft... Aber nirgends stiess er auf eine menschliche Ansiedlung. Er sah zur Uhr (welche? Auf die Uhr an seinem Handgelenk oder auf die Uhr im Auto?) und registrierte, daß sie stehengeblieben war und ziemlich exakt die Zeit zeigte, da er die Autobahn verlassen hatte ...
    Wenigstens war der Tank noch halbvoll...(ich tät den Tank zu allem Unglück fast leer machen hier!)
    >>>kassandra, bis hierher. aber dann:
    ...
    Und wenn er einem Hirngespinst aufgesessen war?
    Wenn der Ort Felsenstein ebensowenig existierte wie seine angeblich so berühmte Bibliothek?
    Und was war mit Dr. Thorwaldson, Christophs Briefpartner? Schließlich kannte er ihn nicht persönlich, obwohl sich der angebliche Bibliothekar durch profunde Kenntnisse auch weniger bekannter Publikationen der okkultistischen Literatur seine Hochachtung erworben hatte.
    Was aber, wenn das Ganze nicht mehr war als ein übler Scherz?...
    >>>fragen, die er sich stellt, der christoph, und die mich einschlafen machen. ist die vorgeschichte so wichtig? genügen nicht viel viel dezentere andeutungen? Ich tät das streichen und alles bis und mit:
    . ...Nach seinen Erfahrungen war die berufliche Neugier beamteter Historiker und Philologen nicht so ausgeprägt, daß sie dafür Unannehmlichkeiten in Kauf nahmen. Ohne ein Vier-Sterne-Hotel in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsortes war von dieser Seite kaum nennenswertes Interesse zu erwarten. Und hatte sein Gastgeber nicht etwas von "behelfsmäßiger Unterkunft" geschrieben? In dieser Beziehung hatte die Abgeschiedenheit des Ortes durchaus Vorzüge, auch wenn sich Christoph mittlerweile nach einem Ende der Irrfahrt sehnte


    >>>ja, ich frage mich und vor allem dich nochmals: liesse sich das nicht alles ersatzlos streichen? und die zwei oder drei wichtigsten aussagen über den unbekannten gastgeber, lassen sich die nicht später reinflicken in den text? ich denke sehr: ja doch, das sollte getan werden. die geschichte lässt sich bis auf ein drittel kürzen, oder noch mehr. und das sollte getan werden. das denk ich. noch ein klein wenig mehr beispielhaftes:
    ***
    Urplötzlich lichtete sich der Nebel, und die Stadt lag vor ihm.
    >>>nochmals: das benzin hätt ich ausgehen lassen und so bereits spannung in die story reingebracht. in letzter sekunde jetzt also:
    Aber er erkannte auf den ersten Blick, dass diese Stadt tot war. Die Straßen und Bürgersteige lagen leer und verlassen, und die dunklen Fensteraugen baufälliger Gründerzeitvillen starrten gleichgültig. Schmiedeeiserne Tore bewachten verwilderte Vorgärten und moosbedeckte Wege. Obwohl es schon eindunkelte, brannte nirgendwo Licht. Es schien, als hätten die Besitzer ihre Häuser schon vor Jahren im Stich gelassen. War das Felsenstein? Ein Ortseingangsschild fehlte, oder Christoph hatte es übersehen.
    Er kurbelte das Seitenfenster herunter und lauschte, aber es blieb still.
    Noch einmal nahm Christoph die Skizze zur Hand, die er von seinem Gastgeber erhalten hatte. Wenn die Karte korrekt und das Felsendings war, dann mußte er an der nächsten Kreuzung rechts abbiegen. Aber da war keine Kreuzung in Sicht.
    >>>lass ihn doch hier kurz alle hoffnung verlieren, vielleicht bei einem weiteren blick auf die anzige des tanks. Und dann ein "plötzlich" statt des wunders?
    Das Wunder erschien in Gestalt eines älteren Mannes, der nur wenige hundert Meter weiter zusammen mit seinem Hund in den Lichtkegel der Schweinwerfer geriet. Christoph fiel ein Stein vom Herzen.
    >>>statt den vom herzen fallenden stein wär hier ein ungläubig angebracht. Und ein paar hundert gedanken, die nicht zu fassen sind. Ein tiefes ein und ausatmen christophs vielleicht. Ein schöpfen von mut. Streichen von "Bemüht, den alten Herrn nicht zu erschrecken" vielleicht.
    Bemüht, den alten Herrn nicht zu erschrecken, ließ er den Wagen ausrollen und kurbelte die rechte Seitenscheibe herunter.
    >>>das eine fenster ist schon heruntergekurbelt. Vielleicht statt die rechte besser die andere seitenscheibe schreiben?
    "Entschuldigen Sie ...", rief er. "Könnten Sie mir vielleicht sagen, wo ..."
    Der alte Mann fuhr herum und starrte ihn an wie ein Gespenst.
    >>>wie ein gespenst sollte christoph den alten mann anstarren, oben. Das wär schön gewesen. Hier tät ich den alten mann sich umdrehen lassen, durchaus, aber dann tät ich den christoph nicht erkennen lassen das gesicht des alten.


    Was ist mit ihm? dachte Christoph irritiert. Er sieht aus, als hätte ihn der Schlag getroffen ...
    >>>solche gedachten fragen tät ich übrigens sehr sehr meiden, kassandra! Streichen hier, unbedingt und ersatzlos.


    "Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht ..."
    >>>auch das: streichen, finde ich. es genügt:


    Da stieß der Alte einen gellenden Schrei aus. Gleichzeitig sprang der Hund des Alten heran und versuchte knurrend und geifernd, seinen Kopf durch das halb geöffnete Seitenfenster zu zwängen. Erschrocken (ein bisschen ein stärkerer ausdruck für dies "erschrocken" wär wünschenswert.) trat Christoph das Gaspedal durch, und der Wagen schoß mit quietschenden Reifen nach vorn. Das Tier jaulte auf. Christoph konnte im Rückspiegel sehen, wie es ihm nachsetzte. Er fuhr so schnell er konnte, bis er nur noch von fern wütendes Gebell hören konnte. Dann verminderte er die Geschwindigkeit und atmete tief durch. Willkommen in Felsenstein, dachte er und versuchte ein Lächeln. Der kühle Luftzug aus dem offenen Seitenfenster (welchem jetzt, wohl beiden, oder?) ließ ihn frösteln.
    >>>und so weiter. bis zum ende ist ein weiter weg. Ein viel zu weiter. nochmals und unmissverständlich: hau raus, was sich raushauen lässt hier.
    und dann wird das ende ein thema, vielleicht.


    greetings,
    Mr. Jones
  • 10.08.03, 18:22
    kassandra

    AW: Die Prüfung

    Lieber Klammer,

    Du siehst also, es gibt nichts Neues unter der Sonne.

    Leider hast Du meine Frage dennoch nicht beantwortet: Paßt der Schluß nur zur Geschichte oder nicht?

    Wenn beides abgrundtief schlecht wäre, dann gäbe es wenigstens keinen Bruch in der Geschichte.

    Ansonsten kann ich in Deiner Kritik nichts lesen, was ich nicht mit einem bißchen schlechten Willen selbst dazu zu schreiben wüßte.

    Gruß
    K.
  • 10.08.03, 11:45
    Klammer

    AW: Die Prüfung

    Lieber kassandra,
    ich habe deinen Text gelesen. Aber es war kein Vergnügen. Die Geschichte ist vollkommen misslungen.
    Ich halte mich jetzt mal nicht mit dem Kleinkram auf; du solltest trotzdem noch einmal aufmerksam darüber gehen. Flüchtigkeitsfehler, Unsauberkeiten, Grammatikunsicherheiten, immer gleicher Satzaufbau, usw. häufen sich, ermüden beim Lesen und lenken ab, zerstören die unheilschwangere Stimmung, die du schaffen willst. Gerade der Anfang krankt und er sollte doch den Leser anregen, sich auf den Rest einzulassen. Dein Beginn ist klassisch für eine unheimliche Geschichte: Einer verführt sich, gelangt an einen Ort, den es eigentlich nicht gibt, ein verwunschenes Dorf, er wechselt die Schwelle von hier ins "Anderland". Dieser Weg führt traditionell durch ein Labyrinth (oder, wie unsere Vorväter sagten: "eine Trojaburg", in der irgendwo eine Frau, eine Göttin, ein Minotaurus zu finden sind). Das Verlaufen, Suchen, das Verlassen der Zivilisation (hier auch mit dem Holzpfahl "stehengebliebene Uhr" gewunken), ist eben nur Metapher für das Verlieren in den Abgründen der Seele, über die der Held dann auch noch ausgiebig räsoniert. Damit beginnt wahrscheinlich jede zweite Geschichte dieser Art. Hannemann würde sagen: Das kann man so machen, muss man aber nicht. Wenn man aber so klassisch (oder klischeebeladen) beginnt, also eigentlich nur die vorhandene Horrorliteratur zitiert (es gibt sogar die Burg und den unheimlichen Gastgeber), dann sollte es doch ein wenig interessanter gestaltet sein, vielleicht noch surrealer (weshalb fällt mir hier die Rocky-Horror-Picture-Show ein?), vor allem aber stilsicherer. So wirkt das ganze Unterfangen hilflos und du als Autor überfordert. Lass den Helden nicht so viel über Bücher und Wahnsinn nachdenken (und interessanterweise und für die Geschichte völlig unbedeutend über Lovecraft. Jetzt weiß ich endlich, warum er dir im Kopf herumspukte, als du Eismann kritisiertest. Nicht ich hatte L. in dem Text, du hast ihn mitgebracht. Glaubst du übrigens, dass sich ernsthafte Okkultismusforscher mit dessen kruden Werk beschäftigen?), entwickle das Thema doch aus der Handlung. Lass den Leser noch ein wenig raten, was Chris in Felsenstein (Was für Ortsnamen! Nordalbland! Auch noch mit "b" wie "Nachtalb" geschrieben! Das bereits in der zweiten Zeile! Immerhin wird dort mit Euro bezahlt; das ist beruhigend. Und erst die Personen. "Moira", du rächende Göttin! Nachtigall, ick hör dir trapsen. Hatte nicht Michelle Pfeiffer eine ähnliche Rolle in einem Werwolf-Film? Mir fällt der Titel nicht ein. Jack Nicholson spielte da den Chris...) zu suchen hat. Der Leser will den Personen beim Handeln, nicht beim Nachdenken zusehen. Ich auf jeden Fall hatte erhebliche Mühe, nach dem ersten Absatz weiterzulesen. Ich ahnte in diesem Augenblick, dass Dr. Tear and Prof. Feathers auf mich zukamen, die Frage, zu welchen Nachtwesen der Held gelangte, war ja bereits im Gedicht beantwortet. Steht am Anfang eigentlich etwas über Vollmond? Kurz gesagt, ich war auf gepflegte Weise gelangweilt. Und dann kam diese unglaublich klischeebeladene Beschreibung der Stadt und der Burg: "Ur"-plötzlich lichten sich Nebel, verfallene Villen, moosbedeckte Wege, leere Fensterhöhlen starren, anschließend muss ein Passant kommen, der panisch reagiert. Solchen Klischees wie bei deinen Stadt- und Personenbeschreibungen ("Nase wie ein Raubvogel, tiefliegende Augen" Wenn hast du für die Rolle vorgesehen? Peter Cushing, Christopher Lee, Boris Karloff?) begegnet man heute eigentlich nur noch in B-Filmen oder in Computerspielen. Meinst du das ernst? Wenn du damit Stimmung erzeugen willst, erreichst du das Gegenteil: Auch der gutmütige Leser ermüdet sich, er hat ein Dejavu, weiß schon vor dem Lesen, was als nächstes kommt, tausendmal gelesen, tausendmal gesehen. Und dann wird in der Bibliotheksszene, als die eigentliche Geschichte endlich beginnt, alles erneut zerdehnt und künstlich gestreckt (Die Pater-Anselm-Sequenz wäre für sich genommen eine ganz gute Geschichte. In der hitzflirrenden kristallenen Helle der Crete lauert ein kaum greifbares, unheimliches Grauen hinter verlassenen, weißen Klostermauern. Daraus hättest du etwas machen können). Dass der Schluss dann allerdings handlungsmäßig und sprachlich irgendwo zwischen Jerry Cotton und John Sinclair versackt, ist dann wohl nur konsequent.
    Insgesamt ist es schade um die Zeit, die ich mit dem Text verbrachte.


    Nichts für ungut, Klammer

    ...eines noch:
    "Bei allem Respekt vor Deiner sprachlichen Gewandtheit: Das ist zu Buchstaben geronnene Klischee. Diese Figuren [...] existieren nur an einem einzigen Ort: zwischen Buchdeckeln und (jetzt auch) auf Internetseiten. Frauen mögen zuweilen irrational handeln, aber auch der wölfischste Mond wird sie m. E. nicht dazu bringen, sich spontan [...]bumsen zu lassen. Und noch eines: Die Geschichte ist nicht nur klischeebeladen und extrem unwahrscheinlich, sondern auch effekthascherich bis zum Exzeß. Sorry, aber das Ganze bleibt - trotz der beteiligten Genitalien - eine Kopfgeburt."


    Weißt du noch, wer das geschrieben hat?


    Ein gewisser Kassandra über meine Werwolfsgeschichte "Wolfsmond".
  • 09.08.03, 12:58
    kassandra

    AW: Die Prüfung

    Hallo Klammer,


    wenn man sehr lange an etwas schreibt, verliert man manchmal den Überblick. Eigentlich möchte ich nur wissen, ob die Story (das "t" ist wohl eine Folge alkoholinduzierter Koordinationsstörungen) mit diesem Schluß "funktioniert".


    Ich weiß, daß die Länge des Textes eine Zumutung darstellt, aber aus unerfindlichen Gründen werden meine Geschichten immer länger.


    Gruß
    K.
  • 09.08.03, 11:55
    Klammer

    AW: Die Prüfung

    Ich werde mir heute abend, wenn es sich abgekühlt hat, deine "Stoty" (beam me up, stoty!) mal zu Gemüte führen. Mit einem Glas Rotwein kann ich mich im Kerzenlicht auch dazu überwinden, Texte zu lesen, die mit einem englischen Gedicht beginnen.
    Was genau erwartest du als Replik von mir?


    Gruß, Klammer
  • 03.08.03, 00:08
    kassandra

    Die Prüfung

    Die Prüfung

    I dream about wolves, then I think about me
    How I'd like to run through the woods
    Survive and still be free
    Then I picture myself, sitting high on a hill
    I tilt my head back, close my eyes
    And howl at the moon
    Libby McLaren

    Ich habe mich verfahren.
    Obwohl sein unbekannter Gastgeber die Route anschaulich beschrieben hatte, mußte Christoph irgendwo von der Strecke abgekommen sein. Jetzt fuhr er schon seit Ewigkeiten auf einer engen, gewundenen Straße durch die nebligen Wälder des Nordalblandes und hielt vergeblich Ausschau nach einem Hinweisschild. Fast schien es, als hätten es die Bewohner von Felsenstein darauf angelegt, lästige Touristen von ihrem Ort fernzuhalten.
    Ohne die handgezeichnete Karte seines Briefpartners hätte Christoph nicht einmal die richtige Autobahnabfahrt gefunden. Auf den Vorwegweisern wurde Felsenstein nicht erwähnt, und seine eigene Autokarte gab ebenfalls keinen Hinweis auf das Ziel seiner Reise.
    Christoph zerbrach sich den Kopf darüber, ob er vielleicht eine Kreuzung oder Abzweigung übersehen hatte, konnte sich aber dennoch nicht zur Umkehr entschließen. Seiner Erfahrung nach war es das Beste, einfach weiterzufahren und sich in der nächsten Ortschaft nach dem Weg zu erkundigen.
    In der nächsten Ortschaft ...
    Erst jetzt wurde ihm bewußt, wie lange er schon unterwegs war, ohne auf eine menschliche Ansiedlung zu stoßen. Selbst wenn die Gegend nur dünn besiedelt war, müßte es doch Gasthöfe oder Pensionen geben, die mit ihren Angeboten den Reisenden anzulocken suchten. Nichts dergleichen war Christoph bisher begegnet. Allerdings war der Nebel stellenweise so dicht, daß er unterwegs vielleicht das ein oder andere Hinweisschild übersehen hatte. Christoph sah zur Uhr und registrierte ungläubig, daß sie stehengeblieben war. Sie stand noch immer auf halb zwei, ziemlich exakt die Zeit, zu der er die Autobahn verlassen hatte ...
    Wenigstens war der Tank noch halbvoll, so daß Christoph nicht befürchten mußte, irgendwo mitten im Wald stehenzubleiben, eine Vorstellung, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte.
    Und wenn er einem Hirngespinst aufgesessen war?
    Wenn der Ort Felsenstein ebensowenig existierte wie seine angeblich so berühmte Bibliothek?
    Und was war mit Dr. Thorwaldson, Christophs Briefpartner? Schließlich kannte er ihn nicht persönlich, obwohl sich der angebliche Bibliothekar durch profunde Kenntnisse auch weniger bekannter Publikationen der okkultistischen Literatur seine Hochachtung erworben hatte.
    Was aber, wenn das Ganze nicht mehr war als ein übler Scherz? Christophs Passion war schließlich allgemein bekannt, und vieles, was in der Vergangenheit nur durch akribisches Quellenstudium erkundet werden konnte, war heute im Internet zu lesen.
    Nein - das war vollkommen unmöglich. Christoph war kein sehr selbstbewußter Mensch, aber auf sein Gefühl konnte er sich verlassen. Und eben dieses Gefühl sagte ihm, daß ihn in Felsenstein etwas wirklich Außergewöhnliches erwartete. Ein halbes Dutzend Briefe von Dr. Thorwaldson hatten dieses Gefühl genährt, Briefe, die Hinweise auf Bücher und Ereignisse enthielten, die Christoph - wenn überhaupt - nur andeutungsweise bekannt waren, wenn er sie nicht gar als Hirngespinste abgetan hatte. Hirngespinste wie das von Lovecraft ersonnene Necronomicon des fiktiven Autors Abdul Alhazred oder die sagenhafte Insel Hyperborea.
    Im diesem Umfeld tummelten sich nicht wenige Anhänger des Cthullhu-Mythos, der Christoph jedoch immer ein wenig infantil erschienen war. Wenn das „Böse aus dem Kosmos" so übermächtig war, wie seine Jünger annahmen, warum verbarg es sich dann tief unter der Erdoberfläche oder - wie andere meinten - am Grunde des Ozeans?
    Christoph hatte Lovecrafts Schilderungen tentakelbewehrter Ungeheuer nie ernstnehmen können; für ihn verlor das Böse mit jeglicher Schilderung von Äußerlichkeiten einen Großteil seiner Bedrohlichkeit. Ungleich stärker faszinierten ihn die Abgründe der menschlichen Seele, die oft genug völlig überraschend und ohne ersichtlichen Anlaß zutage traten und den oder die Täter zu den grausamsten und unverständlichsten Exzessen trieben. Lange vor den Häschern der Inquisition und Jahrhunderte bevor Siegmund Freud die Psychoanalyse hoffähig gemacht hatte, hatten sich chinesische, ägyptische und griechische Gelehrte bereits mit den Phänomenen der Zerstörung dessen beschäftigt, das Nathaniel H. Perkins als "the brittle skin of civilization" bezeichnete - die brüchige Haut der Kultur.
    Abseits des Mainstreams okkultistischen Schrifttums fristeten diese Abhandlungen jedoch ein Schattendasein, das Christoph um so unverständlicher erschien, als ein Teil der damaligen Erkenntnisse als durchaus bemerkenswert bezeichnet werden konnte. So hatte der ägyptische Gelehrte Salim Gamal Nazret zum Beispiel an Hand von Gerichtsakten belegen können, daß besonders aufsehenerregende Gewalttaten in "wahnhafter Umnachtung" vornehmlich unter den gebildeteren Schichten der Bevölkerung auftraten und sich mitunter zeitlich und örtlich derart häuften, daß sie zu Unruhen führten. Ähnliches wußte auch der griechische Arzt Leandros Midas zu berichten, wenngleich sich die von ihm beschriebenen Fälle auf einen einzigen Ort, die Universität von Alexandria, konzentrierten. Der gewaltsame Tod Leandros' (er wurde mit zerschmettertem Schädel in seiner völlig verwüsteten Wohnung aufgefunden) ließ immerhin die Vermutung zu, daß seine Nachforschungen für wen auch immer zu einem Ärgernis geworden waren.
    Waren all diese Informationen zwar interessant, so gerieten sie jedoch erst durch die Thesen eines gewissen "Pater Ignatius von Florenz" in den Zusammenhang mit einem möglichen Wirken des übernatürlichen. Dieser Geistliche berichtet in seinen Aufzeichnungen über konkrete Hinweise auf eine Schrift, deren Lektüre trotz des harmlos erscheinender Titels - "Liber Virium Originis" - zu Wahnsinn und exzessiver Gewalttätigkeit führen soll. Auch wenn Christoph keineswegs überzeugt davon war, daß allein das geschriebene Wort einen derart nachhaltigen Einfluß auf die Psyche des Lesers auszuüben vermochte, hatten ihn die Andeutungen des Bibliothekars förmlich elektrisiert. Sollte Dr. Thorwaldson tatsächlich in den Besitz einer bislang unbekannten übersetzung der mittelalterlichen Schrift gelangt sein, oder war er einer Fälschung aufgesessen? Heutzutage gab es eine Fülle technischer Möglichkeiten, das Alter von Schriftproben zu bestimmen, und Christoph konnte sich kaum vorstellen, daß es sein Gastgeber dabei an der notwendigen Sorgfalt hatte fehlen lassen. Was ihn allerdings beunruhigte, war der Hinweis, daß sein Gastgeber den Fund bereits einem "Kreis ausgewählter Fachleute" präsentiert hätte, von denen sich der ein oder andere vielleicht noch auf Burg Felsenstein aufhielte. Christophs Unmut hierüber entsprang dabei weniger verletzter Eitelkeit als vielmehr der Sorge, vor Ort auf eine Ansammlung akademischer Wichtigtuer zu stoßen, deren Gesellschaft er üblicherweise mied.
    Die Abgelegenheit des Ortes bzw. die Schwierigkeit, überhaupt zu ihm vorzudringen, ließen Christophs diesbezügliche Befürchtungen allerdings bald in den Hintergrund treten. Nach seinen Erfahrungen war die berufliche Neugier beamteter Historiker und Philologen nicht so ausgeprägt, daß sie dafür Unannehmlichkeiten in Kauf nahmen. Ohne ein Vier-Sterne-Hotel in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsortes war von dieser Seite kaum nennenswertes Interesse zu erwarten. Und hatte sein Gastgeber nicht etwas von „behelfsmäßiger Unterkunft" geschrieben? In dieser Beziehung hatte die Abgeschiedenheit des Ortes durchaus Vorzüge, auch wenn sich Christoph mittlerweile nach einem Ende der Irrfahrt sehnte ...

    ***
    Urplötzlich lichtete sich der Nebel, und die Stadt lag vor ihm.
    Allerdings war der Anblick kaum geeignet, Euphorie auszulösen. Straßen und Bürgersteige lagen leer und verlassen, und die dunklen Fensteraugen baufälliger Gründerzeitvillen starrten Christoph gleichgültig entgegen. Schmiedeeiserne Tore bewachten verwilderte Vorgärten und moosbedeckte Wege. Obwohl es rasch dunkel wurde, brannte nirgendwo Licht. Es schien, als hätten die Besitzer ihre Häuser schon vor Jahren im Stich gelassen, ohne sich darum zu bekümmern, was aus ihnen und ihrer Stadt wurde.
    War das tatsächlich Felsenstein? Christoph wußte es nicht. Wenn da wirklich ein Ortseingangsschild gewesen war, dann hatte er es übersehen.
    Er kurbelte das Seitenfenster herunter und lauschte in der Hoffnung, irgendwo Stimmen zu hören oder einen verspäteten Passanten nach dem Weg zur Burg fragen zu können. Doch es blieb still.
    Noch einmal nahm Christoph die Skizze zur Hand, die er von seinem Gastgeber erhalten hatte, und versuchte, die dort eingezeichneten Route mit seinen Wahrnehmungen in Einklang zu bringen. Wenn die Karte korrekt war, und er sich nicht verfahren hatte, mußte er an der nächsten Kreuzung rechts abbiegen. Bis jetzt war allerdings keinerlei Kreuzung oder Abzweig in Sicht, so daß Christoph keine andere Möglichkeit blieb, als im Schritt-Tempo weiterzufahren und auf ein Wunder zu hoffen.
    Das Wunder erschien in Gestalt eines älteren Mannes, der nur wenige hundert Meter weiter zusammen mit seinem Hund in den Lichtkegel der Schweinwerfer geriet. Christoph fiel ein Stein vom Herzen. Bemüht, den alten Herrn nicht zu erschrecken, ließ er den Wagen ausrollen und kurbelte die rechte Seitenscheibe herunter.
    "Entschuldigen Sie ...", rief er, nachdem er vergeblich darauf gewartet hatte, daß sich der Mann zu ihm umdrehen würde. "Könnten Sie mir vielleicht sagen, wo ..."
    Der alte Mann fuhr herum und starrte ihn an wie ein Gespenst.
    Was ist mit ihm? dachte Christoph irritiert. Er sieht aus, als hätte ihn der Schlag getroffen ...
    "Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht ..."
    In diesem Moment stieß der Alte einen gellenden Schrei aus - so wild und unartikuliert, daß Christoph unwillkürlich zurückzuckte. Doch ihm blieb keine Zeit, über das seltsame Gebaren des Mannes nachzudenken, denn im gleichen Augenblick war der Hund des Alten heran und versuchte knurrend und geifernd, seinen Kopf durch das halb geöffnete Seitenfenster zu zwängen. Erschrocken trat Christoph das Gaspedal durch, und der Wagen schoß mit quietschenden Reifen nach vorn. Das Tier jaulte auf, ließ aber erst von seiner Beute ab, als es endgültig den Halt verlor. Doch selbst nach dem unsanften Aufprall setzte es dem flüchtigen Feind weiter nach, bevor es endgültig aufgab und seinem Unmut durch wütendes Gebell Luft machte.
    Willkommen in Felsenstein, dachte Christoph, als sich sein Puls ein wenig beruhigt hatte. Ich hätte heute morgen im Bett bleiben sollen ...
    Der kühle Luftzug aus dem offenen Seitenfenster ließ ihn frösteln. Vorsichtig verminderte Christoph die Geschwindigkeit und kurbelte die Seitenscheibe hoch. Dabei fiel sein Blick eher zufällig auf einen unscheinbaren Wegweiser, den er sonst vermutlich übersehen hätte. "Zur Burg" stand in altertümlichen Lettern auf dem verwitterten Holzpfeil, dessen Spitze nach rechts deutete.
    "Wenigstens etwas", murmelte Christoph erleichtert und bog auf den schmalen, unbeleuchteten Fahrweg ein, der in die gewünschte Richtung abzweigte. Schon bald war er gezwungen herunterzuschalten; die zunehmende Steigung und das holperige Kopfsteinpflaster ließen kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit zu. Die winzigen Reihenhäuser, die die ersten Meter des Gäßchens gesäumt hatten, blieben zurück und der Wagen tauchte erneut in das Dunkel des Waldes ein.
    Ob das wirklich die richtige Zufahrt war?
    Christops Zweifel verstärkten sich mit jeder weiteren Kurve auf dem serpentinenartigen Anstieg, der kein Ende nehmen wollte.
    Erst als die stumme Reihe der Baumriesen hinter ihm zurückblieb und die Straße ein wenig breiter wurde, konnte Christoph einen ersten Blick auf das Ziel seiner Reise erhaschen.
    Im Schatten der Abenddämmerung wirkte das massige Gebäude wie eine düstere Zwingburg aus längst vergessenen Zeiten.
    Gleich würde sich das Tor knarrend öffnen und eine Schar waffenstarrender Reiter ausspeien. Hinter den Schießscharten, die die Mauern wie Pockennarben überzogen, ließen sich leicht Bogenschützen vermuten, die den vorwitzigen Eindringling auf Befehl ihres Herrn mit einem Pfeilhagel empfangen würden; und im Wassergraben verwesten gewiß die sterblichen Überreste jener Unglücklichen, die den Zorn des Burgherren auf sich gezogen hatten ...
    Natürlich geschah nichts von alledem, denn nach Auskunft seines Gastgebers beherbergte Burg Felsenstein neben der bereits erwähnten Bibliothek lediglich ein mittelalterliches Brauchtums- und Jagdmuseum, das allerdings nur an den Wochenenden geöffnet war.
    Dennoch erschrak Christoph nicht wenig, als die Flügel des Haupttores tatsächlich lautlos aufschwangen, während der Wagen die Brücke über den Burggraben passierte.
    Offenbar war seine Ankunft nicht unbemerkt geblieben.
    Wenigstens lag das Gelände nicht vollkommen im Dunklen, auch wenn es nur eine einzige Laterne war, die den Burghof in schummrig-gelbes Licht tauchte. Der gepflasterte Innenhof diente augenscheinlich auch als Parkplatz für die Angestellten, denn gegenüber der Einfahrt parkte ein Lieferwagen neben einem dunklen Mercedes und einem Rasentraktor.
    Christoph ließ den Wagen unmittelbar neben dem Mercedes ausrollen, stieg aus und sah sich suchend um. Da nirgendwo Licht brannte, verharrte er zunächst unschlüssig, bis ihn ein Geräusch herumfahren ließ. Schräg hinter ihm, auf der Längsseite des Gebäudes, hatte jemand eine Tür geöffnet und winkte ihm zu.
    Christoph winkte zurück, nahm seine Reisetasche aus dem Kofferraum und marschierte auf das gelbe Lichtviereck zu. Seine Schritte hallten überlaut, als er den Hof überquerte
    "Dr. Thorwaldson?" erkundigte er sich noch im Laufen, und biß sich sofort auf die Lippen. Wer sonst sollte hier auf ihn warten?
    "Ganz recht", erwiderte sein Gastgeber, ein weißhaariger, schlanker Mann im dunklen Geschäftsanzug, mit einem Lächeln. "Und Sie sind Dr. Langenbach, wie ich vermuten darf? Es ist mir eine Ehre, Sie endlich persönlich kennenzulernen, verehrter Freund."
    "Danke, ganz meinerseits."
    Christoph erwiderte den Händedruck des Weißhaarigen und fragte sich, wo er dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte. Vielleicht sah er auch nur aus wie jemand, den er kannte, in jedem Fall erschienen ihm die Züge des Älteren vertraut. Das mochte an der markant gekrümmten Nase liegen, die ein wenig an den Schnabel eines Raubvogels erinnerte, oder an den dunklen, tiefliegenden Augen, die Christoph mit ruhigem Interesse musterten.
    "Ich darf doch vorangehen?"
    Noch bevor Christoph antworten konnte, wandte sich der Weißhaarige um und übernahm die Führung. Obwohl eine Reihe elektrischer Kerzen den Gang erhellten, hatte Christoph Mühe, seinem Gastgeber zu folgen. Erst als sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, vermochte er Einzelheiten wahrzunehmen. Dicke dunkelrote Teppiche, die auf den Treppen von Messingstangen gehalten wurden, dämpften ihre Schritte. Oberhalb der Holztäfelung waren Wände und Decken weiß getüncht, so daß die Struktur der roh behauenen Steine sichtbar blieb. Fenster gab es nur wenige. Sie waren winzig wie Schießscharten, offenbarten aber die Mächtigkeit der Außenwände. Für ein so weit abseits der Touristenzentren gelegenes Gebiet war das Anwesen erstaunlich gut erhalten.
    Nein, nicht nur gut erhalten, fand Christoph, sondern ausgesprochen luxuriös. Der oder die Besitzer mußten enorme Summen in den Erhalt des Gebäudes investiert haben. Die Frage war, wer sich einen derartigen Aufwand leisten konnte, nur um eine Bibliothek und ein unbedeutendes Museum zu erhalten. Christoph nahm sich vor, Dr. Thorwaldson bei Gelegenheit darauf anzusprechen. Doch vorerst gab es Wichtigeres ...
    Er hatte angenommen, sofort in die Bibliothek geführt zu werden, doch sein Gastgeber schien anderes vorzuhaben. Sie stiegen Dutzende von Treppen hinauf, bis sie schließlich einen schmalen Korridor erreichten, von dem mehrere Türen abgingen.
    "Der Gästetrakt", bemerkte Dr. Thorwaldson, als sei es eine Selbstverständlichkeit, daß seine Bibliothek Unterkunftsmöglichkeiten für Besucher bereithielt. Am Ende des Korridors angekommen zückte er einen gewichtigen Schlüsselbund und öffnete die siebente und letzte Tür.
    "Vielleicht nicht unbedingt der Komfort, den Sie gewohnt sind, Herr Kollege", entschuldigte sich der weißhaarige Bibliothekar, nachdem er das Licht angeschaltet hatte, und bedeutete seinem Gast einzutreten.
    Das Zimmer gefiel Christoph auf Anhieb. Es war in der Tat nicht besonders groß oder gar komfortabel, aber es vermittelte einen Eindruck von Vertrautheit, den er sich zunächst nicht erklären konnte. Außer der Bettstelle verfügte es über einen Kleiderschrank, einen schmalen Schreibtisch und einen einzelnen Sessel. Wände und Decke waren in einem warmen Beigeton getüncht und ließen den kleinen Raum hell und freundlich erscheinen. Ein vergleichsweise großes Fenster, dessen Rahmen aus dem gleichen Holz gefertigt war wie Möbel und Türen, erlaubte im Augenblick zwar nur den Blick in den wolkenverhangenen Nachthimmel, aber Christoph konnte sich vorstellen, daß es tagsüber eine herrliche Aussicht bot.
    "Ich nehme an, daß Sie sich vor dem Abendessen noch ein wenig frisch machen möchten", bemerkte Dr. Thorwaldson höflich. "Wenn Sie einverstanden sind, hole ich sie in einer halben Stunde ab."
    "Nur keine Umstände", murmelte Christoph verlegen, aber da hatte der Weißhaarige schon die Tür geschlossen und sich diskret entfernt.
    Immer noch ein wenig irritiert ob der ihm entgegengebrachten Aufmerksamkeit stellte Christoph seine Reisetasche ab. Die lange Fahrt hatte ihn in der Tat ein wenig erschöpft, und ein wenig Ruhe vor einem gewiß arbeitsreichen Abend würde ihm guttun. Dieser Thorwaldson hatte wirklich an alles gedacht ...
    Das Bad verbarg sich hinter einer schmalen Holztür und war unerwartet geräumig. Sein Gastgeber mußte geahnt haben, daß er Duschkabinen wegen ihrer Enge verabscheute und hatte den weiß gefliesten Raum mit einer riesigen, altmodischen Gußbadewanne ausgestattet. Dieser Versuchung konnte Christoph nicht widerstehen, zumal ein messingverzierter Badeofen für heißes Wasser sorgte und den Raum gleichzeitig erwärmte.
    Angenehm erfrischt kleidete er sich nach dem Baden an und verbrachte noch einige Minuten im Dämmerschlaf , bis es klopfte.
    Dr. Thorwaldson kam, um ihn abzuholen. Hastig zog Christoph sein Jackett über und öffnete die Tür.
    "Es machte Ihnen doch nichts aus, wenn die anderen Gäste des Hauses mit uns speisen?" erkundigte sich der Hausherr ein wenig förmlich.
    "Nein, selbstverständlich nicht ..."
    Dennoch war Christoph irritiert. Dr. Thorwaldson hatte in seinem Schreiben zwar angedeutet, daß sich "der ein oder andere" Interessent zum Zeitpunkt seines Besuches auf Burg Felsenstein aufhalten könnte, aber das eben klang fast nach einer größeren Gesellschaft. Außerdem hatte Christoph automatisch angenommen, daß der dunkle Mercedes auf dem Parkplatz seinem Gastgeber gehörte. Wie aber waren dann die anderen Gäste angereist?
    "Dann sollten wir Ihre Kollegen nicht länger warten lassen", murmelte der Hausherr im Gehen, und Christoph beeilte sich, ihm zu folgen.
    Die anderen Gästezimmer schienen unbewohnt zu sein, jedenfalls drangen keinerlei Geräusche auf den Flur. Auch auf ihrem Weg hinab durch die schier endlosen Treppenfluchten des weitläufigen Gebäudes blieb alles still.
    Die letzte Treppe endete in einer Halle von der Größe eines Tanzsaals, von deren Wänden die Ahnengalerie der Burgherren in offenbar berechtigtem Verdruß auf die bunt gemischte Gesellschaft herabstarrte, die von ihrer Tafel Besitz ergriffen hatte.
    Obwohl die Gruppe der Speisenden mit etwa zehn Personen keineswegs klein zu nennen war, wirkte sie angesichts der gewaltigen Ausmaße des Saales und der Größe der Tafel auf schwer zu beschreibende Weise deplaziert.
    Vielleicht war Christophs Unbehagen auch auf die unangemessene Anzugsordnung einzelner zurückzuführen, die von Jeans über farbige Sweatshirts und Wollpullover bis hin zum schwarzen Sonntagsanzug mit Fliege reichte.
    Irgendwie erinnerte Christoph das Szenario an Orwells "Farm der Tiere", eine sicherlich überzogene und vermutlich auch ungerechte Assoziation, die ihm dennoch nicht aus dem Kopf gehen wollte. Natürlich kannte er keinen der Anwesenden, aber das war auch nicht zu erwarten gewesen, da Christoph keinen über die Recherchetätigkeit hinausgehenden Kontakt zu Gleichgesinnten pflegte.
    "Ach, noch etwas", der Hausherr blieb stehen und fuhr mit gedämpfter Stimme fort, "Wir verwenden bei uns keine Titel und keine Familiennamen. Das mag in akademischen Kreisen unüblich sein, aber es erleichtert den Umgang miteinander ungemein. Ich heiße übrigens Erik."
    "Christoph", erwiderte Christoph unglücklich. Obwohl er keinen besonderen Wert auf seinen Titel legte, verabscheute er Vertraulichkeiten dieser Art. Außerdem fragte er sich, wie ein einfacher Bibliothekar dazu kam, eine derart aufwendige Veranstaltung zu organisieren.
    "Einige Ihrer Kollegen sind bereits Anfang der Woche angereist", fuhr sein Gastgeber fort, ohne auf Christophs zurückhaltende Reaktion zu achten. "Die Kosten werden im übrigen von der Stiftung getragen."
    "Welcher Stiftung?"
    "Der Moritz-von-Freihendonk-Stiftung natürlich - Ach, jetzt verstehe ich erst ... Ich war ganz sicher, das in meinem Schreiben erwähnt zu haben."
    "Leider nicht", erwiderte Christoph pikiert. Er mochte keine Stiftungen. Die Leute, die sich üblicherweise hinter den wohlklingenden Namen verbargen, waren nach seiner Erfahrung eher an Publizität als an ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit interessiert - freundlich ausgedrückt. Allerdings war er bei seinen Recherchen mehrmals auf die Familie der von Freihendonks gestoßen, die die Immobilie offenbar seit dem späten Mittelalter in ihrem Besitz hatte.
    "Dann kann ich wohl nur um Nachsicht bitten - ein wirklich unverzeihliches Versäumnis..."
    "Schon gut", murmelte Christoph, schon halb besänftigt. Da es die Situation nun einmal erforderte, würde er die Gesellschaft der "Kollegen" schon zu ertragen wissen. Er mußte ja nicht unbedingt selbst das Wort ergreifen ...
    Ihr Erscheinen war nicht unbemerkt geblieben, mit unverhohlener Neugierde richteten sich die Blicke der Gesellschaft auf den Neuankömmling. Christoph spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß. Mit hochrotem Kopf starrte er zu Boden und wünschte sich weit weg.
    "Guten Abend, liebe Freunde", eröffnete Dr. Thorwaldson die Vorstellungsprozedur. "Darf ich Ihnen unseren heutigen Gast vorstellen?" Das Gemurmel am Tisch erstarb. Christoph entschloß sich, seine demütige Haltung aufzugeben und hob den Blick.
    Sie sehen schlecht aus, dachte er mit leisen Schauder, bevor ihm klar wurde, daß die ungesunde Gesichtsfarbe der Anwesenden wohl weniger auf deren Gesundheitszustand als vielmehr auf das seltsame Zwielicht zurückzuführen war, das den Saal erfüllte.
    "Dr. Christoph Langenberg, einen anerkannten Experten auf dem Gebiet okkultistischen Schrifttums", fuhr die Stimme des Hausherrn in das erwartungsvolle Schweigen, weniger laut fügte er hinzu: "Ich bin sicher, daß es nicht nur seine fachliche Qualifikation ist, die seine Gesellschaft zu einem Gewinn für uns alle machen wird."
    Ein älterer Mann mit einem struppigen Vollbart grinste und blinzelte Christoph verschwörerisch zu. Der lächelte verlegen zurück.
    "Ich darf noch ergänzen", fuhr sein Gastgeber mit offensichtlichem Vergnügen fort, "daß unser Gast einen außerordentlich interessanten Beruf ausübt ..."
    Wieder mußte sich Christoph eines Kreuzfeuers neugieriger Blicke erwehren, während halblaut geflüsterte Vermutungen die Runde machten.
    Nach dieser Ankündigung werden sie wahrscheinlich enttäuscht sein, dachte Christoph beklommen und versuchte seinen Blick von der goldhaarigen Schönheit abzuwenden, die ihm unbekümmert zulächelte. In diesem besonderen Fall war "goldhaarig" keine poetische Übertreibung, denn das schulterlange Haar der jungen Frau glänzte tatsächlich wie pures Gold.
    So etwas ist vollkommen unmöglich, dachte Christoph, es muß gefärbt sein ...
    Mit einer knappen Geste brachte der Hausherr das Getuschel am Tisch zum Verstummen: "Unser Freund befaßt sich ausschließlich in seiner Freizeit mit den stummen Zeugnissen der Geheimwissenschaften und genießt dennoch den Ruf einer internationalen Kapazität. Um so erstaunlicher ist, daß er sich beruflich mit einer durchaus lebendig zu nennenden Materie - der Tierwelt - befaßt. Unser Gast ist ein wissenschaftlich anerkannter Verhaltensforscher!"
    Der frenetische Beifall, der nach dieser kurzen Rede losbrach, erschreckte Christoph mehr, als daß er ihm schmeichelte. Schließlich war seine Arbeit als Ethologe so außergewöhnlich nicht und wurde nach seiner Erfahrung von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Weshalb führten sich die Leute dann so auf?
    Sie sind verrückt, war alles, was ihm dazu einfiel.
    Weit hergeholt schien diese Schlußfolgerung nicht zu sein, denn der Beifall wollte nicht abnehmen und wurde schließlich sogar durch rhythmisches Füßetrampeln verstärkt.
    "Genug!" der Zeremonienmeister hob beschwichtigend die Arme. Der Beifall ebbte ab und verstummte schließlich.
    "Entschuldigen Sie, Christoph", wandte sich der Hausherr nun seinem neuen Gast zu. "Unsere Begeisterung muß Ihnen etwas seltsam erscheinen, aber ich versichere Ihnen, sie hat gute Gründe. Auch im Okkultistischen spielen Tiere - wenn auch oft als Fabelwesen verfremdet - eine herausragende Rolle, und Menschen, die etwas von den Handlungen und Motiven anderer Lebewesen verstehen, verdienen unseren ganz besonderen Respekt."
    Diesmal blieb der Beifall aus, einige am Tisch blickten sogar verlegen zu Boden, als sei ihnen das eben Gehörte peinlich.
    Merkwürdig, dachte Christoph, dabei hat er doch gar nichts Besonderes gesagt.
    "Aber nun genug der Formalitäten", suchend blickte der Gastgeber in die Runde, bis sein Blick an einem leeren Stuhl zwischen der goldhaarigen Schönheit und dem Mann im Sonntagsanzug hängenblieb.
    "O ja", versetzte er mit einem zufriedenen Lächeln, "das scheint mir der richtige Platz für Sie zu sein, Christoph. Links die Unbekümmertheit der Jugend und rechts die Weisheit der reiferen Jahre, ich bin sicher, Sie werden sich bei uns wohl fühlen."
    Rasch folgte Christoph der einladenden Geste des Hausherrn, ängstlich bemüht, nicht zu stolpern und nirgendwo anzustoßen. Erst als er auf dem Lederpolster des hochlehnigen Stuhles Platz genommen hatte, fühlte er sich etwas sicherer. Vor ihm stand ein Gedeck aus weißem Porzellan, die silberne Bestecke glänzten im Licht des hoch über ihren Köpfen hängenden Kristallüsters.
    Eine Glocke erklang, und sofort erschienen zwei livrierte Dienstboten mit Suppenterrinen und begannen zu servieren. Sie bewegten sich mit leichtfüßiger Eleganz und lächelten einander bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu, was die Vermutung zuließ, daß sie neben ihrer Profession auch ihre Neigungen teilten. Noch immer ein wenig befangen starrte Christoph auf seinen Teller und riskierte nur hin und wieder einen flüchtigen Blick in die Runde.
    "Tommie und Stan", flüsterte ihm plötzlich jemand ins Ohr, "sind sie nicht niedlich?"
    Christoph fuhr zusammen und schaute seine Tischnachbarin so überrascht an, daß sie hell auflachte.
    "Hallo Chris", ihre Mundwinkel zuckten noch immer. "Du bist also der Neue?" Christoph blieb nichts anderes übrig, als zustimmend zu nicken. Er wußte, daß er sich unmöglich machte, wenn er sie weiter so anstarrte, konnte seinen Blick aber nicht abwenden.
    "Ich bin Moira", lächelte die goldhaarige Frau und beugte sich ganz nahe an sein Ohr, "Willst du mich ficken?"
    Einen Augenblick lang glaubte Christoph, er hätte sich verhört. Das konnte sie doch unmöglich gesagt haben. Beschämt senkte er den Blick und hoffte, daß niemand am Tisch die geflüsterten Worte verstanden hatte. Es gehörte zu seinen besonderen Talenten, sich für andere zu genieren.
    "Laß das, Moira", knurrte der Mann mit dem struppigen Vollbart vorwurfsvoll. "Meinst du nicht, daß du ein wenig übertreibst? Er ist doch gerade erst angekommen."
    Die junge Frau lachte. Es klang nicht besonders schuldbewußt. Christoph riskierte einen vorsichtigen Blick zur Seite, der seinen Eindruck bestätigte: Moira hatte nicht die Ansicht, klein beizugeben. "Hab ich mir dir gesprochen, Henry?" beschwerte sie sich, indem sie sich dem Bärtigen zuwandte. "Es spielt doch überhaupt keine Rolle, was wir sagen oder tun. Außerdem hast du es gerade nötig. Ich kann mich an Zeiten erinnern ..."
    "Das möchte unser Gast nun wirklich nicht wissen, Moira", unterbrach die kräftige Stimme des Hausherrn ihren Redeschwall. "Ich darf doch um etwas mehr Respekt bitten." Erschrocken fuhr die junge Frau zusammen und griff mit schuldbewußter Miene nach ihrem Besteck.
    Sie haben Angst vor ihm, dachte Christoph, nachdem er einen Blick in die Runde geworfen hatte. Die meisten hielten die Köpfe über ihre Teller gesenkt und aßen ohne aufzublicken; die Gespräche waren verstummt.
    Und noch etwas fiel Christoph auf: Obwohl das Menü nicht nur reichhaltig, sondern auch vorzüglich zubereitet war, schien es niemandem zu schmecken. Suppen und Beilagen waren gut gewürzt, der Braten butterweich und das Gemüse frisch, aber er schien der einzige zu sein, der das zu würdigen wußte. Offenbar empfand man die Mahlzeiten hier als eine lästige Pflicht, denn als er Tommie - oder war es Stan? - um eine weitere Portion Fleisch bat, streiften ihn Blicke, die man durchaus als mißbilligend interpretieren konnte.
    Wenigstens schien seine Nachbarin ihre gute Laune wiedergewonnen zu haben. Als sich ihre Blicke zufällig begegneten, tanzten spöttische Fünkchen in ihren Augen, und ihre goldschimmernden Lippen verzogen sich zu einem verlegenen Lächeln.
    "Bis bald, Chris", flüsterte sie so leise, daß er Mühe hatte, sie zu verstehen. "Wenn du erfahren hast, was du wissen mußt."
    "Was ...", begann Christoph, aber die junge Frau unterbrach ihn sofort: - „Nicht jetzt!“
    Noch bevor er sich von seiner Verwirrung erholt hatte, ertönte das Glockensignal erneut, und der Gastgeber hob die Tafel auf.
    Sofort löste sich die Spannung, und das lautstark einsetzende Gemurmel und Stühlerücken erinnerte Christoph ein wenig an seinen Militärdienst. Die meisten schienen froh zu sein, sich endlich ihren eigenen Angelegenheiten widmen zu können, denn sie entfernten sich rasch, seltsamerweise jedoch nicht in die Richtung, in der Christoph ihre Zimmer vermutet hätte.
    "Halt dich nicht zu lange in der Bibliothek auf - ich warte!" flüsterte ihm seine Nachbarin noch einmal zu, bevor sie sich abwandte und ihn allein ließ.
    Kaum hatten sich die letzten Gäste erhoben, tauchten von irgendwoher Tommie und Stan auf und begannen abzuräumen. Das geschah vollkommen lautlos und so rasch, daß man die beiden für dienstbare Schattenwesen hätte halten können. Das Lächeln, mit dem sie einander bedachten, schien ebenso Teil ihres Wesens zu sein wie die tänzerische Eleganz ihres Auftretens. Ihr Alter ließ sich nur schwer schätzen, da ihre gepflegten Vollmondgesichter kaum Falten aufwiesen und ihr dunkles Haar auch gefärbt sein konnte. Sie wirkten wie zwei altgediente Ballettänzer, die sich auf dem Weg aus der Garderobe ins Theaterrestaurant verirrt hatten und dort Kellner spielten. Christoph mußte unwillkürlich lächeln.
    "Wenn Sie mir bitte folgen möchten." Dr. Thorwaldson war nähergetreten und bedachte seinen Gast mit einem prüfenden Blick. "Kommen Sie, Christoph, ich zeige Ihnen die Bibliothek. Es war wohl nicht sehr aufmerksam von mir, Sie so unvorbereitet mit meinen Gästen zu konfrontieren."
    "Was sind das eigentlich für Leute?" konnte sich Christoph nicht enthalten zu fragen. "Sie erscheinen mir ... nun ja ... ein wenig seltsam."
    "Es sind Menschen, die ein gemeinsames Interesse verbindet", erwiderte der Hausherr mit einem Lächeln. "Die meisten nehmen regelmäßig an unseren kleinen Zusammenkünften teil. Vielleicht ist es diese Vertrautheit, die Ihnen ein wenig merkwürdig erscheint, oder?"
    "Und wer organisiert diese Zusammenkünfte - die Stiftung?" erkundigte sich Christoph, während sie den Saal verließen und einen breiten Korridor betraten, dessen Wände oberhalb der Holztäfelung mit rotem Samt bespannt waren.
    "Natürlich, das ist ja ihre Aufgabe."
    Christoph hätte gern mehr über die Aktivitäten der Stiftung erfahren, scheute sich aber, direkt nachzufragen und damit seine Unwissenheit zu offenbaren. Im Grunde waren ihm die anderen Gäste auch herzlich gleichgültig - mit einer Ausnahme allerdings, über die er sich jedoch zu sprechen verbot ...
    "Der Lesesaal." Dr. Thorwaldson öffnete eine der verzierten Holztüren und bat Christoph hinein. Sie betraten einen halbdunklen, mit kleinen Holztischen und hochlehnigen Polsterstühlen möblierten Salon. Die Wände waren mit grünem Seidenstoff bespannt und mit Gemälden geschmückt, die überwiegend Jagdszenen darstellten. Eine Theke mit chromblitzenden Armaturen und ein wohlgefülltes Weinregal komplettierten die Ausstattung des Raumes, der trotz des dämmrigen Lichtes gemütlicher wirkte als der Festsaal, in dem sie das Abendessen eingenommen hatten. Seltsamerweise waren nirgendwo Bücher zu sehen, ein Umstand, der Christoph zunächst befremdete, bis sein Gastgeber eine weitere zweiflüglige Tür öffnete, die den Blick auf die eigentliche Bibliothek freigab. Der Anblick war faszinierend, allein durch die Größe der Regale, die bis zur Decke mit Büchern vollgestopft waren. Offenbar hatten die Erbauer der Burg in diesem Bereich auf Zwischenwände verzichtet, denn der angrenzende Raum erstreckte sich über mehr als fünfzig Meter Länge, ohne daß ein Ende der riesigen Regalwände abzusehen war. Die Bibliothek mußte Tausenden, nein, Zehntausenden von Bänden Platz bieten, und darunter war gewiß keiner, wie Christoph ein Blick auf die lederglänzenden Buchrücken verriet, der jünger war als hundert Jahre.
    Wie sollte er in dieser verwirrenden Vielfalt etwas von Interesse finden?
    "Keine Sorge", versicherte der Hausherr, als hätte er Christophs Gedanken gelesen. "Ich habe mir erlaubt, etwas für Sie bereitzulegen. Nehmen Sie doch bitte solange Platz." Er deutete auf einen der Lehnstühle und wartete, bis sich Christoph darauf niedergelassen hatte. Erst dann wandte er sich ab und verschwand mit unvermuteter Behendigkeit in der dämmrigen Tiefe der Bibliothek.
    Verwirrt und gegen seinen Willen zur Untätigkeit verurteilt blieb Christoph zurück. Nur zu gern hätte er seinen Gastgeber begleitet, nicht, weil er ihm mißtraute, sondern weil häufig genug der Ort, an dem ein wichtiges Buch aufgefunden wurde, einiges über dessen Herkunft und die Art und Weise aussagte, wie es dorthin gelangt war.
    So aber kam er sich beinahe wie ein Gast vor, dem ein ohne sein Zutun zusammengestelltes Menü serviert wird - eine Rolle, die ihm wenig behagte. Die erzwungene Untätigkeit gab ihm jedoch Gelegenheit, sich die Ereignisse des Abends noch einmal in Erinnerung zu rufen. Obwohl er sich alle Mühe gab, die Dinge mit Abstand zu betrachten, kehrten seine Gedanken immer wieder zu der jungen Frau mit der auffälligen Haarfarbe zurück. Christoph neigte keineswegs dazu, seine Wirkung auf jüngere Frauen zu überschätzen. Wahrscheinlich hatte ihn das Mädchen nur in Verlegenheit bringen wollen, was ihm ja auch gelungen war. Dennoch hatte es etwas an sich gehabt, das über die rein körperliche Attraktivität hinausging - eine Ausstrahlung, deren Intensität ihn faszinierte ...
    "Da ist sie, unsere Entdeckung!" Dr. Thorwaldson trat aus der Bibliothek und präsentierte seinem Gast mit kaum verhohlenem Besitzerstolz ein schmales, in Leder gebundenes Buch, dessen altersfleckiger Einband jedoch keinen Hinweis auf den Inhalt erkennen ließ. Aber es war alt, sehr alt, das wurde Christoph in dem Augenblick klar, als er es vorsichtig aufschlug und die Struktur und Färbung des verwendeten Pergaments erkannte.
    "Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht, daß es nur eine Abschrift einiger wesentlicher Kapitel des L.V.O. ist", ließ sich sein Gastgeber vernehmen. "Wie Sie wissen, ist das Original nie gefunden worden. Aber ich bin sicher, daß dieser Bruder Anselm ganz hervorragende Arbeit geleistet hat."
    Woher will er das wissen, fragte sich Christoph, wenn niemand das Original kennt? Er verzichtete jedoch darauf, den Widerspruch zur Sprache zu bringen und murmelte statt dessen etwas Zustimmendes.
    "Dann lasse ich Sie jetzt allein." Offensichtlich hatte Dr. Thorwandson etwas mehr an Begeisterung erwartet, aber damit konnte Christoph nicht dienen, solange er den Text nicht geprüft hatte. "Wenn Sie etwas kopieren möchten, das Gerät steht im Nachbarzimmer."
    "Vielen Dank", murmelte Christoph abwesend und zog ein Paar dünne Latexhandschuhe aus der Tasche. Sie gehörten ebenso wie die Lupe zu seiner Standardausrüstung für den Umgang mit alten Dokumenten.
    "Sehr professionell", stellte der Hausherr fest. "Melden Sie sich bitte, wenn Sie hier fertig sind. Ich schließe dann ab."
    Wo Christoph sich melden sollte, sagte er nicht, aber das war auch nicht wichtig, denn sein Gast hatte die Bemerkung vollkommen überhört. Seine Aufmerksamkeit galt von jetzt an ausschließlich dem vor ihm liegenden Dokument, und das würde sich so schnell auch nicht ändern ...
    Bevor er sich in den Text vertiefte, untersuchte Christoph vorsichtig Einband und Heftung, aus Sorge, er könnte bei der Lektüre etwas beschädigen. Das Leder des Einbandes schien jüngeren Datums zu sein, wahrscheinlich hatte ein aufmerksamer Bibliothekar die Holzdeckel des ursprünglichen Einbands überziehen lassen. Dennoch war Christoph überzeugt davon, daß das Dokument echt war. Dafür sprachen nicht nur der Zustand und die Art des Pergaments, sondern auch die verwendete Tinte und die Ausführung der Handschrift. Der lateinische Text war in einer für das Spätmittelalter typischen Minuskelschrift niedergelegt, die bereits zahlreiche Merkmale der später als "humanistische Antiqua" bezeichneten Schriftart aufwies. Kodikologie war Christophs Steckenpferd, und so benötigte er keine aufwendigen technischen Hilfsmittel, um sich festzulegen: Das Buch war zweifellos mehr als fünfhundert Jahre alt; aller Wahrscheinlichkeit nach stammte es aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts.
    Dennoch war Christoph nach wie vor skeptisch, was die von Dr. Thorwaldson unterstellte Beziehung zu dem berühmt-berüchtigten "Liber Virium Originis" anbetraf.
    Wie sollte eine Schrift, deren Spur sich im fernen Florenz verlor, in die nordalbische Provinz und in den Besitz der von Freihendonks gelangt sein?
    Einen Teil der Antwort fand Christoph auf den ersten Seiten der Handschrift, in der der Autor, ein gewisser Bruder Anselm, seine Erlebnisse anläßlich einer Pilgerreise in die Heilige Stadt Rom niedergeschrieben hatte.
    Über die Person des Autors und den Anlaß der Wallfahrt erfuhr der Leser nur, daß er sie unternommen hatte, um Absolution für eine nicht näher bezeichnete Verfehlung zu erbitten. Über den Verlauf der Reise und selbst über den Erfolg seiner Mission schwieg sich Bruder Anselm merkwürdigerweise aus. Dafür schilderte er um so ausführlicher seinen Weg durch die karge Landschaft der Crete Senesi, wo nur vereinzelte Gehöfte oder Schutzhütten an die menschliche Präsenz erinnerten. Auf dem Hinweg hatte er hier in einem winzigen Kloster, der Abbazia di Sant Antonio, gastfreundliche Aufnahme gefunden. Deshalb befremdete es ihn über alle Maßen, als er die Abtei bei seiner Ankunft verlassen vorfand. Nachdem der Reisende keine Antwort auf sein Klopfen erhalten hatte, entschloß er sich, selbst nach dem Rechten zu sehen. Er fand das Tor unverschlossen, ebenso wie sämtliche Räume des Gebäudes, das in allem den Eindruck erweckte, als sei die Abwesenheit der Bewohner nur kurzfristig. Weder in den Zellen noch in den Gemeinschaftsräumen fand er einen Hinweis, wohin die Mönche gegangen sein könnten. Alles schien so, wie er es von seinem letzten Aufenthalt her in Erinnerung hatte - mit Ausnahme eines Buches, das wie achtlos weggeworfen vor dem Andachtsraum auf dem Boden lag. Es war ein altes Buch, und der Umstand, daß die Wucht des Aufpralls die Holzdeckel des Einbandes beschädigt hatte, befremdete Bruder Anselm mehr als es jedes andere Zeichen von Unordnung vermocht hätte. Claustrum sine armarie est quasi castrum sine armamentarie ... Kein Zweifel, hier mußte etwas vorgefallen sein, das nicht zu Anselms Bild von den kultivierten Mönchen der Abbazia di Sant Antonio paßte ...
    Nachdem er das Buch zurück in die Bibliothek gebracht hatte, beschloß er, die Suche nach seinen Gastgebern außerhalb des Gebäudes fortzusetzen, fand aber weder im Garten noch auf den umliegenden Weiden eine Spur von ihnen. Als er schließlich in einiger Entfernung einen der üblicherweise von Schafhirten betriebenen Einödhöfe entdeckte, begab er sich eilends dorthin, um sich nach dem Verbleib seiner Gastgeber zu erkundigen. Doch wer beschreibt sein Entsetzen, als er das Anwesen betrat und Mensch und Tier auf das Grausamste zugerichtet in ihrem Blut liegen sah! Ihren Verletzungen nach zu urteilen, waren sie wilden Tieren zum Opfer gefallen. Aber wie mächtig und zahlreich mußten die Angreifer gewesen sein, um ein derartiges Blutbad anzurichten - und wo waren sie jetzt? Von panischer Furcht erfaßt lief Bruder Anselm zurück zum Kloster, um sich dort zu verbarrikadieren, bis Hilfe eintraf. Nachdem er das Haupttor mit einem Balken versperrt hatte, verriegelte er sämtliche Türen, die in das Gebäude führten, und zog sich schließlich in die Bibliothek zurück. Noch immer das schreckliche Bild der zerfleischten Körper vor Augen betete er für die Seelen der Unglücklichen, die der Tod auf so grausame Weise ereilt hatte. Mittlerweile war es dunkel geworden, und mit dem letzten Tageslicht schwanden auch seine Hoffnungen auf eine Rückkunft der Mönche. Nach dem, was er gesehen hatte, konnte er nicht mehr ausschließen, daß auch ihnen etwas zugestoßen war. Ein langgezogenes, vielstimmiges Heulen ließ ihn zusammenfahren. Die Geräusche schienen ganz aus der Nähe zu kommen und bestärkten ihn in seinem Entschluß, die sicheren Mauern des Klosters nicht vor Sonnenaufgang zu verlassen. An Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken, und so nahm er - um sich ein wenig abzulenken - jenes Buch zur Hand, das er unter so seltsamen Umständen aufgefunden hatte. Zunächst glaubte Anselm, an eine etwas trockene philosophische Abhandlung geraten zu sein, dennoch las er weiter, bis die Erwähnung eines Namens bzw. einer heidnischen Gottheit schlagartig sein Interesse weckte. Gleichzeitig fasziniert und abgestoßen verschlang Bruder Anselm Seite um Seite, bis ihm schließlich klar wurde, was es mit dem Buch auf sich hatte. Hinter der Fassade des harmlosen Titels und eines Übersetzers, der zumindest dem Namen nach einmal ein Mann des Glaubens gewesen sein mußte, verbarg sich die grinsende Fratze des Widersachers. Geschickt hatte er seine Opfer mit Versprechungen umgarnt, ihrer Eitelkeit geschmeichelt, um sie am Ende zu seinen willfährigen Handlangern zu machen. Vielleicht - und bei diesem Gedanken lief es Bruder Anselm kalt den Rücken hinunter - hatte er selbst hier, an diesem heiligen Ort, seine Opfer gefunden. Wenn an dem, was er da gelesen hatte, auch nur ein Fünkchen Wahrheit war, dann war den Mönchen der Abbazia di Sant Antonio etwas schlimmeres widerfahren als der Tod - der Verlust ihrer unsterblichen Seele. Er mußte dieses entsetzliche Buch vernichten, bevor es noch mehr Unheil anrichtete. Dann aber kamen Bruder Anselm Zweifel. Wer würde ihm glauben, wenn er das Buch jetzt verbrannte? Vater Abt Johannes vielleicht, was aber, wenn die Angelegenheit höheren Ortes zur Sprache kam? Ohne stichhaltige Beweise würde man seinem Bericht niemals Glauben schenken ...
    Das Buch wollte Bruder Anselm jedoch unter keinen Umständen mit sich nehmen, wohl aber konnte er den einen oder anderen Abschnitt abschreiben, der die Gefährlichkeit des satanischen Machwerks bewies. So geschah es auch, und damit endete der erste Abschnitt zu Christophs Bedauern, der zu gern erfahren hätte, wie es dem guten Bruder Anselm weiter ergangen war.
    Der Inhalt des zweiten und wesentlich umfangreicheren Teiles erwies sich dagegen zunächst als Enttäuschung. Nach Dr. Thorwaldsons Ankündigungen hatte Christoph auf eine originalgetreue Abschrift gehofft, doch was er hier vor sich hatte, war nicht mehr als eine kommentierte Ausgabe einzelner Abschnitte. Unglücklicherweise hatte es Bruder Anselm als glaubensfester Ordensmann für angezeigt gehalten, den Leser bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die ketzerischen und überaus schädlichen Absichten des Verfassers aufmerksam zu machen. Da sich Kommentare und Originaltext im Schriftbild nicht unterschieden, fiel es Christoph zunächst schwer, die jeweiligen Abschnitte auseinanderzuhalten. Doch auch nachdem er eine gewisse Fertigkeit darin entwickelt hatte, die Anmerkungen des übereifrigen Gottesmannes zu überlesen, vermochte ihn die Lektüre nicht zu fesseln.
    So verbreitete sich der unbekannte Verfasser zunächst seitenlang über die schädlichen Auswirkungen der Zivilisation auf den Menschen. Über die Jahrtausende hinweg habe dies zu fortschreitender Degeneration geführt sowie zum Verlust von Fähigkeiten, ohne die früher ein Überleben in freier Natur unmöglich gewesen sei. Doch nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Menschen habe sich verändert, auch seine Sinne und natürlichen Empfindungen seien in einer Weise abgestumpft, daß man im Grunde nur noch Mitleid empfinden könne. Dann folgten die üblichen (und aus Christophs Sicht eher unzutreffenden) Beispiele aus dem Tierreich: Der Geruchssinn von Hunden, die Sehschärfe von Raubvögeln, das empfindliche Gehör fast aller Wildtiere, die Ausdauerleistungen von Raub- und Beutettieren usw. Darüber hinaus verstieg sich der Autor zu der Behauptung, daß mit dem Verfall der körperlichen Kräfte und der Verkümmerung der Wahrnehmungsfähigkeiten auch ein Verlust an emotionaler Tiefe verbunden sei. Den Beweis blieb er erwartungsgemäß schuldig, was ihn jedoch nicht daran hinderte, die Zukunft der menschlichen Rasse unter den obwaltenden Umständen in den düstersten Farben auszumalen.
    Dem folgte eine nicht minder vereinfachende Abhandlung darüber, welcher Nutzen aus einer Verbindung des hochentwickelten menschlichen Gehirns mit einem an die Ansprüche des Überlebenskampfes im Tierreich angepaßten Körper zu erwarten sei. Ein derart beschaffenes Geschöpf sei dem Menschen und erst recht allen anderen Lebewesen in einem Maße überlegen, daß seine Berufung zur Herrschaft von niemandem ernsthaft in Frage gestellt werden könne. Hier mußte Christoph erneut einen längeren Kommentar überspringen, zu dem sich Bruder Anselm ob dieser unverhohlenen Gotteslästerung veranlaßt gesehen hatte.
    Interessant wurde es erst im dritten und letzten Abschnitt des Buches, denn hier überraschte der Autor den Leser mit der Eröffnung, daß der Weg zu dieser im Wortsinne übermenschlichen Existenz dem Wissenden jederzeit offenstehe. Allerdings benötige er hierzu die Hilfe eines Wesens namens Morenia, was in der Sprache der Alten soviel wie "Tochter der Wildnis" bedeute. Unglücklicherweise sei besagte Morenia ein äußerst launisches Geschöpf, das schon so manchen Bewerber ohne ersichtlichen Grund zurückgewiesen habe. Dem Abgewiesenen geschähe daraus jedoch kein Nachteil, wenngleich der eine oder andere als Folge der Zurücksetzung dem Trübsinn verfallen sei.
    Der naive Mystizismus, der aus diesen Zeilen sprach, erinnerte Christoph an weitaus ältere Überlieferungen aus vorchristlicher Zeit. Offenbar war der Urtext unter dem Einfluß einer polytheistischen Naturreligion entstanden. Das bestätigte seinen Verdacht, daß das Auftauchen des sogenannten L.V.O. im Spätmittelalter nur das vorläufig letzte Glied einer Kette ähnlich gearteter Vorfälle darstellte, die sich durch die Jahrhunderte zurückverfolgen ließen. Davon konnte Bruder Anselm natürlich nichts wissen, der sich an dieser Stelle ausschließlich über den "heidnischen Götzenkult" ereiferte, dem der Verfasser das Wort redete.
    Das abschließende Kapitel entsprach dann endlich dem, was Christoph von einer okkultistischen Schrift erwartete: der Beschwörung jener eigenwilligen Gottheit, die die Macht besaß, dem Adepten den Weg zur Vollkommenheit zu weisen.
    Die Bedingungen hierfür schienen keineswegs unerfüllbar: ein fensterloser, von innen abgeschlossener Raum, ein Wandspiegel aus poliertem Metall, eine Nadel oder ein scharfes Messer sowie als zeitliche Voraussetzung die Stunde nach Mitternacht.
    Entscheidend sei allerdings die vorschriftsmäßige Anwendung der Beschwörungsformel in der Sprache des "alten Volkes", die nur Wirkung zeigen könne, wenn der Adept mit blutbenetzten Händen das Metall des Spiegels berühre. Das klang martialischer, als es offenbar gemeint war, denn ein paar Zeilen später präzisierte der Verfasser die Bedingung dahingehend, daß einige Tropfen Blut auf jeder Hand genügten.
    Was die Beschwörungsformel selbst anbetraf, so erstaunte es Christoph nicht wenig, daß der wackere Kirchenmann nicht auf die Idee gekommen war, sie seinen Lesern grundsätzlich vorzuenthalten. Et ne inducas nos in temptationem ...
    Mit dem Wortlaut selbst vermochte er wenig anzufangen: eine willkürlich erscheinende Aneinanderreihung von Wörtern in einer Sprache, die keiner der ihm bekannten glich. Da es Christoph unmöglich schien, sich den genauen Wortlaut einzuprägen, entschloß er sich, das Angebot seines Gastgebers anzunehmen und die betreffende Seite zu kopieren.
    Das moderne Kopiergerät wirkte wie ein Fremdkörper angesichts der erdrückenden Präsenz des auf Papier und Pergament gebannten Wissens vergangener Jahrhunderte. Christoph fuhr regelrecht zusammen, als das Gerät nach dem Einschalten summend warmlief. Die erste Kopie geriet ein wenig dunkel, aber schon die zweite war so gut leserlich, daß es für seine Zwecke genügte. Er schaltete den Kopierer ab und schloß die Tür zur Bibliothek.
    Erst jetzt fiel ihm auf, wie still es in dem Gebäude war. Auch nachdem er die Tür zum Korridor geöffnet hatte, drang kein Laut an sein Ohr. Christoph sah zur Uhr und stellte fest, daß sie nach wie vor auf halb zwei stand. Es war eine Funkuhr, und wenn sie sich nicht von selbst stellte, würde er wohl ohne exakte Uhrzeit leben müssen.
    Gern hätte er sich noch von seinem Gastgeber verabschiedet, aber da er nicht wußte, in welchem Teil des Gebäudes der Hausherr residierte, nahm er von dieser Idee Abstand. Wahrscheinlich war Dr. Thorwaldson auch längst zu Bett gegangen ...
    Ein wenig verunsichert machte sich Christoph auf den Rückweg und erreichte schließlich den Saal, in dem die Gäste das Abendessen eingenommen hatten. Im trüben Schein der Nachtlichter wirkte er noch riesiger als zuvor. Das Geräusch seiner Schritte hallte überlaut von den hohen Wänden wider. Natürlich war um diese Zeit - welche Zeit eigentlich? - niemand mehr unterwegs. Das galt auch für die endlosen Treppenfluchten, die er durchqueren mußte, um sein Zimmer zu erreichen. Er fürchtete schon, sich verlaufen zu haben, als er durch Zufall den schmalen Korridor wiedererkannte, von dem die Türen der Gästezimmer abgingen. Jetzt erinnerte er sich auch wieder an die junge Frau mit dem goldfarbenen Haar - Moira ... Der Name weckte irgend eine Assoziation, die er aber im Augenblick nicht zuordnen konnte. Dafür erinnerte er sich um so lebhafter an das mutwillige Glitzern in ihren Augen, und an das, was sie ihm zum Abschied zugeflüstert hatte.
    Bis bald, Chris ... Wenn du erfahren hast, was du wissen mußt.
    Oder hatte sie das nur gesagt, um sich interessant zu machen? Offensichtlich hatte sie ja auch nicht auf ihn gewartet, obwohl sie davon gesprochen hatte ...
    Er fragte sich, ob Moira wohl auch in dieser Etage übernachtete. Der Gedanke, daß sie sich möglicherweise ganz in der Nähe aufhielt und vielleicht noch wach war, erregte ihn. Er stellte sich vor, wie sie den Reißverschluß ihres Abendkleides löste und den Stoff von ihrem Körper gleiten ließ.
    Seltsam, derartige Phantasien hatte er schon seit längerem nicht gehabt ...
    Die Tür zu Christophs Zimmer war unverschlossen, der Schlüssel steckte von innen. Natürlich erwartete ihn niemand. Obwohl Christoph mit nichts anderem gerechnet hatte, spürte er einen leichten Stich der Enttäuschung.
    Er schloß die Tür ab und legte die Kopie, die er in der Bibliothek angefertigt hatte, auf den Schreibtisch. Dann öffnete er das Fenster und atmete die frische Nachtluft ein. Irgendwo weit entfernt schlug eine Turmuhr. Christoph zählte die Schläge: ... zehn, elf, zwölf. Die stille Stunde. Von unerklärlicher Schwermut erfaßt starrte Christoph hinaus in die Dunkelheit. Er kannte dieses Gefühl von anderen einsamen Orten, Autobahnparkplätzen zum Beispiel oder nächtlichen Fahrten über Land, wenn er unterwegs angehalten hatte, um sich die Beine zu vertreten. Es war das dumpfe Gefühl, etwas versäumt zu haben, ausgeschlossen zu sein vom wirklichen Leben, das irgendwo da draußen stattfand ...
    Dann fiel ihm etwas ein.
    Christoph schloß das Fenster und ging ins Bad. Er mußte nicht einmal Licht machen, um sich zu vergewissern, daß ihn seine Erinnerung nicht getrogen hatte: Der ovale Spiegel über dem Waschbecken bestand aus blankem Metall!
    Christoph nickte, als hätte er etwas bestätigt gefunden, das er schon immer gewußt hatte. Er verschwendete keinen Gedanken daran, daß er seine wissenschaftliche Reputation aufs Spiel setzte. Und er wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, daß er auf dem besten Wege war, die älteste Narrheit der Welt zu begehen ...
    Das einzige, was Christoph in diesem Augenblick beschäftigte, war die Suche nach einem scharfen Gegenstand. In seiner Reisetasche fand er zwar keine Nadel, wohl aber eine hinreichend geeignete Nagelschere. Er krempelte die Ärmel seines Oberhemdes hoch, um die Manschetten nicht zu beschmutzen. Dann nahm er das kopierte Blatt vom Schreibtisch und ging ins Bad.
    Wenn du erfahren hast, was du wissen mußt ...
    Christoph packte die Nagelschere und stieß die Spitze in seinen linken Handballen. Die Wunde begann sofort zu bluten. Er ließ ein wenig Blut auf seine rechte Handfläche tropfen und verrieb die warme, klebrige Flüssigkeit zwischen beiden Händen. Dann preßte er die blutigen Handflächen gegen die Metallfläche des Spiegels und las mit sorgfältiger Betonung die Worte die Beschwörungsformel ab:

    SONEM ETRANIA MAHLI TRES OBLACHA NAHMIL TIR LECHANDRO KAR

    Nichts geschah.
    Vielleicht hatte er die Worte falsch ausgesprochen, oder Bruder Anselm hatte die entscheidende Sentenz fehlerhaft abgeschrieben, oder - und das war am wahrscheinlichsten - das Ganze war tatsächlich nicht mehr als ein Hirngespinst ...
    Halb enttäuscht, halb erleichtert ließ Christoph die Arme sinken und wusch sich die Hände. Dann wischte er die blutigen Abdrücke ab und preßte ein Stück Zellstoff auf die Wunde. Ein erneuter Blick in den Spiegel ließ ihn stutzen. Etwas hatte sich verändert. Vielleicht war es nur das Spiel von Licht und Schatten, aber er hatte den Eindruck, daß die Knochen an Kinn und Wangen deutlicher hervortraten und seine Gesichtszüge weniger weich erscheinen ließen. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Sein Körper gehorchte ihm zwar, reagierte aber anders als gewohnt, irgendwie leichter, müheloser. Christoph spürte die Veränderung in jeder Muskelfaser, jeder Nervenzelle und selbst in der Art seiner Wahrnehmung. Sein Blickfeld weitete sich, und eine Flut von Gerüchen stürmte auf seine Sinne ein. Die wenigsten davon waren angenehm. Die Luft in dem kleinen Raum roch widerwärtig nach Desinfektionsmitteln, Deodorants und menschlichen Ausdünstungen.
    Dann hörte er etwas.
    Jemand war im Zimmer!
    Es spielte keine Rolle, daß er die Tür selbst abgeschlossen und den Schlüssel steckengelassen hatte. Christoph hatte Schritte gehört, also war jemand da. Noch bevor er die Tür geöffnet und nachgesehen hatte, wußte er auch, wer es war: Moira!
    Ihr erregender Duft überlagerte die älteren, unangenehmen Gerüche, die Möbel und Teppiche ausstrahlten. Christophs Körper reagierte augenblicklich und in einer Intensität, die ihn erschreckte.
    Die junge Frau trug ein fleischfarbenes Kleid, das so eng geschnitten war, daß es ihren Körper wie eine zweite Haut bedeckte. Die zierliche Goldkette, die sie um den Hals trug, verstärkte den irritierenden Eindruck völliger Nacktheit. Ihr Haar funkelte im Licht der elektrischen Kerzen und als sich ihre Blicke begegneten, bemerkte Christoph verblüfft, daß selbst ihre Pupillen goldfarben glänzten.
    Wie hat sie das gemacht, fragte er sich, während er ihr Lächeln verlegen erwiderte und hoffte, daß sie seine Anspannung nicht sofort bemerkte.
    "Hallo, Chris!" Natürlich sah das Mädchen genau dorthin und schüttelte den Kopf in gespielter Mißbilligung. "Wie ich sehe, hast du dir mein Angebot durch den Kopf gehen lassen ..."
    Ihre Blicke begegneten sich erneut, und dieses Mal lag in Moiras Blick eine kaum zu mißdeutende Einladung. Christoph trat einen Schritt auf sie zu. Doch als er sie in seine Arme ziehen wollte, entwand sie sich mit unvermuteter Behendigkeit seinem Griff und wies ihn zurecht: "Doch nicht jetzt - vor der Jagd!"
    "Jagd?" erkundigte er sich irritiert und erschrak über den rauhen Klang seiner Stimme.
    "Ja, natürlich, oder willst du etwa nicht mitkommen?" Moira war bereits an der Tür. "Na, mach schon! Wir nehmen dein Auto."
    Christoph griff nach seinem Jackett und lief ihr nach. Er würde ihr überall hin folgen, selbst wenn es ihn in Schwierigkeiten brachte. Er war ihr verfallen.
    Das Mädchen war bereits auf der Treppe verschwunden, aber es fiel Christoph nicht schwer, ihm zu folgen. Die Fährte war zu frisch, als daß er sie verlieren könnte. Aber Moira war schnell. Als er hinaus auf den Hof trat, saß sie schon im Wagen und winkte ihm vom Beifahrersitz aus zu. Christoph dachte nicht einen Augenblick darüber nach, wie sie die Tür ohne Autoschlüssel geöffnet haben könnte. Er dachte überhaupt nicht nach. Es gab Wichtigeres: riechen, schmecken, laufen ...
    Jagd! Jetzt erinnerte er sich: Der Angstgeruch der Beute, der Lauf und das Dröhnen des Pulses in den Schläfen, dann der Sprung und endlich, der süße Geschmack des Blutes. Blut! Christoph leckte sich die Lippen ...
    "Wohin?" erkundigte er sich, nachdem er den Motor angelassen hatte.
    "Einfach zurück auf die Hauptstraße, und dann weiter in Richtung Meerburg."
    Christoph hatte noch nie von einer Stadt dieses Namens gehört, aber auch das war nicht wichtig. Hauptsache, Moira war bei ihm. Er sog den Duft ihres Körpers ein, und stellte sich vor, was sie miteinander tun würden - später. Auch Moira schien daran zu denken, denn sie rückte ein wenig näher an ihn heran und strich dabei wie zufällig über seinen Schoß. Die Erektion begann zu schmerzen.
    "Fahr schneller!" flüsterte sie und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange.
    Christoph gehorchte und trat das Gaspedal durch. Auf quietschenden Reifen schlitterte der Wagen um die engen Kurven.
    So schnell zu fahren machte Spaß. Mit Vollgas jagte Christoph auf die steilen Kurven zu und trat dann das Bremspedal durch, bis es im Magen kribbelte. An der letzten 180-Grad-Kehre hätte er es beinahe nicht mehr geschafft. Mit blockierten Rädern rutsche das Fahrzeug auf die Gegenfahrbahn, schleuderte ein paar Begrenzungspfähle beiseite und streifte einen Baumstamm, bis die Reifen endlich Halt fanden und Christoph die Gewalt über den Wagen wiedergewann.
    "Nur eine Beule", versuchte ihn das Mädchen aufzumuntern, aber Christoph hatte sich schon wieder gefaßt. Es war ja nichts weiter passiert. Er fuhr immer noch zu schnell - trotz des holperigen Kopfsteinpflasters, das sie auf dem Weg durch die engen Gassen der Vorstadt heftig durchrüttelte.
    "Da vorn nach rechts", kommandierte Moira, als die Kreuzung ins Sicht kam. "Wir müssen in jedem Fall zuerst dasein." Ihre Stimme klang angespannt, als könne sie es kaum erwarten, ans Ziel zu kommen. Was das für ein Ziel war, darüber machte sich Christoph keine Gedanken. Moira wußte schon, was sie tat. Das hier war ihr Reich, und er konnte dankbar sein, daß sie ihn in ihrer Nähe duldete ...
    Aber was bedeutet dieses zuerst? Wen erwartete Moira noch? Der Gedanke an einen möglichen Rivalen jagte einen Adrenalinstoß durch Christophs Körper. Ich bringe jeden um, der ihr zu nahe kommt, knurrte er tonlos, während er das Gaspedal so heftig durchtrat, daß die Räder durchdrehten. Ich reiße ihn in Stücke!
    Innerhalb weniger Sekunden hatte er den Wagen auf mehr als hundert Stundenkilometer beschleunigt. In immer rascherer Folge rasten die weißen Markierungspfähle vorbei, und die Tachometernadel kletterte weiter nach oben: 120 ... 140 ... 160. So schnell war Christoph noch nie auf einer Landstraße unterwegs gewesen, aber das kümmerte ihn kaum - Moira hatte es schließlich eilig!
    Bei 190 Stundenkilometern blendete er die Scheinwerfer auf. Gegenverkehr war um diese Zeit ohnehin kaum zu erwarten. Allmählich näherte sich der Zeiger des Drehzahlmessers dem roten Bereich, aber solange keine Hindernis in Sicht war, gab es auch keinen Grund, das Tempo zu vermindern. Moira schien die Geschwindigkeit jedenfalls nichts auszumachen, sie lächelte ihm sogar zu, als er für einen Augenblick zu ihr hinübersah.
    Sie durchquerten jetzt ein größeres Waldgebiet. Der Geruch nach Tannennadeln und feuchtem Holz weckte vergessen geglaubte Erinnerungen und erfüllte sein Herz mit Sehnsucht.
    Vielleicht ist es hier? dachte er hoffnungsvoll, aber da seine Begleiterin keine Reaktion zeigte, fuhr er mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Schließlich blieb der Wald hinter ihnen zurück, und wenig später sah Christoph in der Ferne die Lichter einer Stadt schimmern.
    "Meerburg?" erkundigte er sich nach einer Weile. Er mußte fast schreien, um das Dröhnen des Motors zu übertönen. Vorsichtig verminderte er die Geschwindigkeit, als er in einiger Entfernung eine gelb blinkende Ampel wahrnahm.
    "Ja, Chris", bestätigte Moira und streichelte seine Hand. "Es ist nicht mehr weit."
    "Müssen wir da wirklich hin?" erkundigte sich Christoph skeptisch. Er war zwar noch nie in dieser Gegend gewesen, konnte aber die schmutzigen Ausdünstungen der Stadt schon von fern riechen.
    "Wir biegen an der nächsten Kreuzung nach links ab." Das Mädchen schien seine Frage überhört zu haben.
    "Wohin?"
    "Zum alten Hafen. Das ist der Ort."
    Alter Hafen, dachte Christoph mißmutig. Das klingt eher nach Ratten als nach etwas Vernünftigem. Er war hungrig und ein wenig nervös, weil er nicht wußte, was Moira vorhatte. Und die Gerüche, die von draußen hereindrangen, waren kaum dazu angetan, seine Laune zu verbessern ...
    Nachdem sie die Hauptstraße verlassen hatten, durchquerten sie ein heruntergekommenes Fabrikgelände, das offenbar schon vor Jahrzehnten aufgegeben worden war. Übriggeblieben waren vor allem Schrottplätze, Ruinen und rußgeschwärzte Schornsteine. Die wenigen noch intakten Gebäude schienen schon länger leerzustehen. Türen und Fenster waren mit Brettern zugenagelt, und an den Fassaden verwitterten Zu-verkaufen-Schilder mit Telefonnummern, die nie jemand anrufen würde. Der böige Wind trieb welkes Laub und Papierfetzen über verlassene Plätze.
    Am Hafen roch es nach brackigem Wasser und Rost, und - natürlich - nach Ratten. Es war eine Rattengegend. Der Intensität des Geruchs nach zu urteilen, hatten sie längst die Herrschaft über die baufälligen Lagerhallen und Speicher übernommen, die die Uferstraße säumten.
    "Und wohin jetzt?" erkundigte sich Christoph, nachdem er sich umgesehen und nichts von Interesse entdeckt hatte.
    Moira antwortete nicht. Sie sah ihn einfach nur an, als wartete sie auf irgend etwas.
    Dann hörte er es - ein dumpfes, monotones Hämmern, das klang, als käme es aus einer unterirdischen Höhle.
    Was mochte das sein? Eine Maschine - hier in dieser verlassenen Gegend?
    Das Geräusch wurde leiser, verstummte, und setzte nach einer kurzen Pause in leicht verändertem Rhythmus wieder ein. Christoph öffnete das Seitenfenster einen Spalt breit und schloß es sofort wieder. Der faulige Geruch, den der Wind vom Fluß herübertrug, war unerträglich. Aber er hatte genug gehört, um das Geräusch einordnen zu können: Es war der stampfende Rhythmus von etwas, das sich Christoph scheute, als Musik zu bezeichnen. Offenbar betrieb jemand ganz in der Nähe ein Tanzlokal.
    Christoph fuhr langsamer und entdeckte schließlich etwa zweihundert Meter im voraus einen violetten Lichtfleck. Es war der Widerschein einer Leuchtreklame, wie er wenig später erkannte. Der Schriftzug über dem Eingang war aus seinem Blickwinkel allerdings noch nicht zu entziffern.
    Das zweistöckige Gebäude unterschied sich nur durch seinen helleren Anstrich und die Leuchtschrift von seinen weniger privilegierten Nachbarn. Die Fensterläden im ersten Stock waren geschlossen, das Obergeschoß allem Anschein nach unbewohnt.
    Ohne daß das Mädchen etwas gesagt hätte, ahnte Christoph, daß ihre Fahrt hier zu Ende sein würde. Die Nähe des Ziels und das bohrende Hungergefühl, das in seinen Eingeweiden rumorte, verstärkten seine Nervosität. Es wurde Zeit, daß sich etwas tat ...
    "Fahr weiter!" zischte ihm das Mädchen ins Ohr, als er auf die mit einem "Nur für Gäste"-Schild gekennzeichnete Zufahrt einbiegen wollte. "Ich will nicht, daß sie uns zusammen sehen."
    Christoph zuckte mit den Schultern und fuhr geradeaus weiter bis zur nächsten Seitenstraße, wo er auf Moiras Anweisung anhielt. Er stellte den Motor ab und wartete. Moira würde wissen, was jetzt zu tun war ...

    ***
    Wenig später stieg Christoph aus und lief auf das Gebäude zu, über dessen Eingang eine im Stil der Siebziger Jahre gehaltene Neonreklame mit dem Schriftzug "RIVERBOAT" prangte. Er ging schnell und blieb nur einmal stehen, um einen Blick auf den Parkplatz zu werfen. Die Zahl der geparkten Fahrzeuge erlaubte den Schluß, daß das Lokal um diese Zeit wohl nur mäßig frequentiert war - ein Umstand, der ihren Plänen entgegenkam ...
    Vom Fluß trieb fauliger Abwassergestank herüber, der Christoph beinahe den Atem nahm.
    Wie konnte jemand in einer derart abstoßenden Umgebung ein Lokal eröffnen?
    Einen Teil der Antwort erhielt Christoph, als er die Tür aufgestoßen hatte, und ihm eine Wolke aus Qualm und Alkoholdunst entgegenschlug. Er kämpfte den Hustenreiz nieder und suchte sich mit tränenden Augen einen Platz an der Bar, von dem aus er den größten Teil des Raumes überblicken konnte.
    Vielleicht war das "RIVERBOAT" in besseren Zeit ein Tanzlokal gewesen, jetzt war es etwas anderes. Die Leute, die hierher kamen, wollten nicht tanzen. Sie wollten sich auch nicht betrinken, obwohl einige der Gäste schon recht angeschlagen schienen. Sie wollten etwas erleben, und irgend jemand hatte ihnen eingeredet, daß das "RIVERBOAT" genau der richtige Ort dafür sei. In unmittelbarer Nähe der Bar war eine winzige Bühne aufgebaut, auf die sich das Interesse der Anwesenden fixierte. Die farbigen Spots beleuchteten ein spärlich bekleidetes Mädchen, das sich mit rhythmischen Bewegungen an einer senkrecht angebrachten Chromstange zu schaffen machte. Die Tänzerin sah nicht aus, als ob ihr der Job besonders viel Spaß machte. Das Lächeln klebte wie eine Maske auf ihrem Gesicht, aber es konnte Christoph nicht täuschen ...
    "Was möchten Sie trinken?" Der Barkeeper, ein akkurat gekleideter Mittvierziger mit auffällig blassem Teint fixierte den neuen Gast mit skeptischem Interesse.
    "Bourbon mit Eis." Christoph mußte etwas trinken, das die üblen Gerüche betäubte, die aus allen Richtungen auf ihn einströmten. Hoffentlich ließ Moira nicht zu lange auf sich warten ...
    "Danke, kommt sofort." Mit einer eleganten Drehung wandte sich der Barmann ab und widmete sich der Zubereitung des Drinks.
    Der Rhythmus der Musikbegleitung wurde jetzt schneller. Offenbar näherte sich die Vorstellung ihrem Ende. Das Mädchen trug jetzt nur noch einen hauchdünnen Stringtanga, und seine Bemühungen um die verchromte Metallstange ließen nichts mehr an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Christoph lächelte, als zum Höhepunkt der Darbietung überlautes, rhythmisches Stöhnen aus den Lautsprecherboxen drang. Dann ein letzter, ekstatischer Schrei, die Tänzern glitt zu Boden und das Licht auf der Bühne erlosch.
    Christoph betrachtete die Gesichter der applaudierenden Gäste und stellte fest, daß er kein Mitleid empfand. Schließlich waren diese Leute ja hergekommen, um etwas zu erleben ...
    "Bitte, Ihr Bourbon. Sehr zum Wohl." Christoph hatte den Barmann nicht kommen hören und fuhr herum. So etwas durfte ihm nicht noch einmal passieren. Er bedankte sich und griff nach seinem Glas.
    "Fünfzehn Euro, bitte." Der blasse Mann lächelte entschuldigend. "Wir nehmen keinen Eintritt ..."
    "Okay." Christoph zückte seine Brieftasche, bezahlte und verzichtete auf das Wechselgeld. Dann trank er einen vorsichtigen Schluck von seinem Whiskey und verzog das Gesicht. Das war kein Bourbon. In diesem Laden war wohl alles Fassade ...
    Dann erschien Moira.
    Christoph mußte sich nicht umdrehen, um zu erkennen, daß sie es war. Seine Sinne hatten sich mittlerweile auf sie eingestellt, daß es keines Sichtkontakts bedurfte. Doch er war nicht der einzige, der ihr Eintreffen bemerkt hatte. Zuerst war es nur der Barkeeper, der sichtlich verblüfft in Richtung Tür starrte, dann wurden auch andere aufmerksam. Das Gemurmel der Umstehenden wurde leiser und erstarb fast völlig. Christoph konnte die knisternde Spannung, die Moiras Ankunft verursachte, beinahe körperlich spüren.
    Angesichts des allgemeinen Interesses wäre es unklug gewesen, den Unbeteiligten zu spielen, deshalb beobachtete Christoph mit höflich erstaunter Miene, wie das Mädchen quer durch den Raum auf einen leeren Barhocker zusteuerte und dort Platz nahm.
    "Nicht viel los in dem Laden, oder?" rief Moira gut gelaunt in Richtung Barkeeper, ohne sich um die teils irritierten, teils zudringlichen Blicke ihrer Nachbarn zu kümmern. "Jemand gestorben?"
    Der Angesprochene runzelte zwar mißbilligend die Stirn, blieb jedoch höflich:
    "Was darf ich Ihnen bringen?"
    "Am besten etwas Hartes", erwiderte das Mädchen und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Können Sie mir da etwas Besonderes empfehlen?"
    "Der bestimmt nich, Lady", mischte sich ihr Nachbar zur Linken, ein untersetzter Bikertyp im Black-Sabbath-T-Shirt, ein. "Ich wette, was Sie suchen, fängt mit S an und hört mit Z auf, oder etwa nich?"
    Für Sekunden herrschte betretenes Schweigen.
    "Interessante Theorie", erwiderte Moira ungerührt und drehte sich langsam auf ihrem Barhocker herum. Dann schlug sie lässig die Beine übereinander, daß ihr Kleid ein wenig nach oben glitt, und genoß die Wirkung ihrer Darbietung.
    Die Augen des Mannes quollen förmlich heraus, und sein Gesicht verzerrte sich zu einem satyrhaften Grinsen.
    "Alle Achtung", keuchte er, nachdem er sich ein wenig gefaßt hatte. "Du läßt wohl nich gern etwas anbrennen? - Charly! Eine Bulle Schampus und den Schlüssel für oben ...“
    Der Angesprochene musterte die beiden mit unbewegter Miene und schüttelte den Kopf.
    "So läuft das hier nicht, Mike", erklärte er mit sanftem Tadel, "und das weißt du auch. Wir sind kein Stundenhotel."
    Christoph verbarg sein Lächeln hinter dem Whiskeyglas. Es ging los ...
    "Was soll das heißen, du verdammte Schwuchtel?" brüllte Mike und schlug mit der Faust auf die Theke. "Du zockst hier die Leute ab und spielst dann den Saubermann, wenn sie ein bißchen Spaß miteinander haben wollen?"
    "Du hast deinen Spaß gehabt, Mike", erwiderte der Barmann, ohne die Stimme zu heben. "Und jetzt ist er vorbei." Er sah jetzt noch ein wenig blasser aus als sonst. "Schaff die beiden raus, Frank, aber tu ihnen nicht unnötig weh."
    "Was, wie?!" ereiferte sich der Betrunkene und machte Anstalten, sich auf seinen Gegner zu stürzen. Er kam nicht weit. Eine Faust hatte ihm in Genick gepackt und preßte seinen Hals unbarmherzig zusammen.
    "Ganz ruhig, Mikey", sagte eine nicht unfreundlich klingende Stimme. Sie gehörte zu einem sehr großen Mann, der lautlos aus dem Schatten getreten und sich hinter den beiden positioniert hatte. - Du stehst jetzt schön langsam auf und gehst mit deiner Freundin nach Hause. Du willst doch keinen Ärger?"
    "Ne-in", stöhnte Mike unter dem harten Griff des Riesen. Er sah jetzt nicht mehr sehr unternehmungslustig aus.
    Fasziniert beobachtete Christoph, wie sich etwas in den Augen des Mädchens veränderte. Ihre Pupillen waren jetzt von einem düsteren, bernsteinfarbenen Licht erfüllt, das rasch intensiver wurde.
    "Und was hat das alles mit mir tun, großer Mann?" erkundigte sich Moira in unschuldigstem Tonfall.
    "Keine Ahnung", erwiderte der Riese gutmütig, "aber Charly ist der Boß, und er wird seine Gründe haben."
    "Schade, Frankieboy", sagte das Mädchen im Aufstehen und schlug nach seinem Gesicht. daß sie ihn nicht verfehlt hatte, bemerkten die Umstehenden erst, als sich der Riese plötzlich an den Hals griff und mit einem gurgelnden Geräusch auf die Knie sank. Blut quoll unter seinen Fingern hervor, viel Blut. Er war bereits tot, als sein Körper auf dem Boden aufschlug. Moiras Krallen hatten seine Halsschlagader zerfetzt.
    "Wa ...was soll'n das", stotterte Mike, während sein Blick verständnislos zwischen dem Mädchen und dem leblosen Körper hin- und herwanderte. "Bist du ... verrückt?"
    Das Mädchen lächelte verlegen und schmiegte sich an seine Schulter.

    ***
    Karl Sikorsky, genannt Charly, reagierte rasch und professionell. Mit seiner linken Hand drückte er eine in der Thekenwand verborgene Klappe nach oben und tastete mit der Rechten nach dem Revolver. Er wußte nicht, was seinem Türsteher zugestoßen war, aber es mußte etwas Schlimmes sein, sonst wäre Frank schon wieder auf den Beinen. Es war die Frau, dessen war sich Karl sicher, denn Mike hatte nicht das Format, sich mit Frank anzulegen. Die junge Frau mit den gefärbten Haaren war ihm von Anfang an suspekt gewesen, wahrscheinlich hatte sie sich irgendwo mit Glass oder Crack zugedröhnt und sich dann mit dem Taxi herbringen lassen. Er hatte keine Ahnung, wie sie mit Frank fertiggeworden war, wahrscheinlich hatte sie ein Messer benutzt. Er würde sie erschießen müssen. Einer seiner Angestellten war schwer verletzt oder tot, also klare Notwehr. Vorsichtig spannte Karl Sikorsky den Hahn der Waffe. Er hatte gesehen, wie schnell dieses Weibsstück zuschlagen konnte, deshalb durfte er ihm nicht die Spur einer Chance lassen ...

    ***
    Christoph hatte zwar damit gerechnet, daß Moira etwas unternehmen würde, dennoch überraschten ihn die Geschwindigkeit und der Erfolg ihres Angriffs. Die Gäste, die die Szene aus der Nähe beobachtet hatten, standen noch immer wie vom Donner gerührt. Andere, die nur den Fall gehört hatten, waren aufgesprungen und starrten in offenkundiger Bestürzung auf den Toten. Niemand wagte es, das Mädchen direkt anzusehen, das wieder Platz genommen hatte und sich in aufreizender Gelassenheit das Blut von den Fingern leckte.
    Christoph spürte, wie sich die Härchen in seinem Nacken aufrichteten. Seine Muskeln spannten sich.
    Irgend etwas würde passieren ...
    Sein Blick glitt über die Gesichter der Umstehenden, ohne etwas anderes als Verwirrung oder stummes Entsetzen wahrzunehmen. Von dieser Seite schien keine Gefahr zu drohen.
    Ein leises, metallisches Klicken ließ ihn herumfahren - keinen Augenblick zu spät. Christoph nahm die Bewegung zwar nur aus den Augenwinkeln wahr, aber das genügte ihm, um die Situation zu erfassen.
    Der Barmann!
    Es blieb keine Zeit, Moira zu warnen. Der Revolver war bereits auf ihren Kopf gerichtet. Nur noch -
    Christoph sprang. Es war kein bewußter Vorgang, sein Denken hatte im Augenblick des Angriffs ausgesetzt. Seine Reaktion war die eines Geschöpfes, das ungleich älter war als er selbst, und sie war auf ihre Weise vollkommen ...

    ***
    Karl Sikorsky hielt die Waffe im Anschlag und zielte sorgfältig. Er durfte sich keinen Fehlschuß leisten. Als sich sein Zeigefinger krümmte, durchströmte ihn ein Gefühl tiefer Befriedigung. Er war der Boß, und gleich würde er dieser goldhaarigen Hexe das Hirn aus dem Schädel pusten -
    Den durch die Luft wirbelnden Schatten sah er erst, als es zu spät war. Er spürte einen brennenden Schmerz am rechten Handgelenk, dann riß ihn das Gewicht des Angreifers von den Füßen. Karl sah den schwarz gefliesten Fußboden mit quälender Langsamkeit auf sich zustürzen, dann löschte ein greller Blitz sein Bewußtsein aus.

    ***
    Christophs Zähne hatten sich so tief in den Unterarm des Mannes gegraben, daß es einen Augenblick dauerte, bis er sich befreien konnte. Er schluckte das Blut hinunter und bemerkte verblüfft, daß er den Arm des Mannes beinahe durchtrennt hatte - mit einem einzigen Biß! Das sollte ihm erst einmal jemand nachmachen. Der süße Nachgeschmack des Blutes verstärkte das bohrende Hungergefühl in seinen Eingeweiden, aber noch hatte er seine Aufgabe nicht zu Ende gebracht ...
    Christoph richtete sich auf und wischte sich mit dem Handrücken des Blut von den Lippen. Mit Genugtuung registrierte er den frischen Angstgeruch, den die Gäste des "RIVERBOAT" ausstrahlten. Christoph grinste. Er drehte sich zu Moira um und wärmte sich an ihrem sanften, beinahe zärtlichen Lächeln. Er konnte riechen, daß der Kampf sie erregt hatte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie für ihn bereit war. Christoph zwinkerte ihr verschwörerisch zu und sprang mit einem Satz auf die Theke. Gläser klirrten, und die am nächsten Stehenden wichen erschrocken zurück.
    Die Bewegung brach den Bann, der die Gäste des "RIVERBOAT" bis zu diesem Augenblick gefangengehalten hatte.
    "Raus hier!" brüllte einer, und schon stürmten die Männer in wilder Panik Richtung Ausgang. Einige stolperten über den Körper des toten Türstehers, rafften sich aber sofort wieder auf und liefen, ohne sich noch einmal umzudrehen, davon.
    Einzig Mike, der Biker, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er saß vornüber zusammengesunken auf seinem Barhocker und sah aus, als sei er eingeschlafen. Nur das feuchte Glitzern auf seinem T-Shirt wollte nicht recht dazu passen und auch nicht die klaffende Wunde unterhalb seines Kinns. Offenbar hatte Moira das allgemeine Durcheinander genutzt, um ihrem Verehrer die Kehle durchzubeißen ...
    Kaum war der letzte Gast in der Dunkelheit verschwunden, sprang sie auf und lief ebenfalls in Richtung Ausgang, allerdings nur, um die Tür zu schließen und den Riegel vorzulegen.
    "Es geht los." Moira lächelte geheimnisvoll und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Zunächst wußte Christoph nicht, worauf sie hinauswollte. Er hörte nichts als das Geräusch sich entfernender Schritte. Die Flüchtenden liefen offenbar in Richtung Parkplatz.
    Aber was war das? Warum liefen sie nicht weiter, kamen sogar zurück?
    Erst als Christoph die Hilfeschreie hörte und das heisere Knurren der Verfolger, begriff er, was sich draußen abspielte. Körper stürzten oder wurden zu Boden gezerrt, Schreie gingen in ersticktes Gurgeln über, Knochen splitterten - die Jäger hatten ihre Beute gestellt. Offenbar hatten sich die anderen schon vor Stunden auf den Weg gemacht, sonst hätten sie niemals rechtzeitig zur Stelle sein können ...
    "Das kann ein Weilchen dauern, da draußen", bemerkte Moira scheinbar gleichmütig. Aber an der Art, in der sie sich die Lippen leckte, konnte Christoph erkennen, wie erregt sie war.
    "Bei der Gelegenheit fällt mir ein ...", das Mädchen lächelte spitzbübisch, „... hatte ich dich gestern nicht irgendwas gefragt?"
    Christophs Antwort ging unvermittelt in ein Knurren über, und genauso rasch veränderte sich auch seine äußere Erscheinung. Mit einem gewaltigen Satz sprang der riesige graue Wolf von der Theke und stürzte sich auf das Weibchen mit dem goldfarbenen Fell, das sich der Attacke mit einem Gesichtsausdruck stellte, den man durchaus als Wohlwollen interpretieren konnte.
    Morenia hatte allerdings auch allen Grund zur Zufriedenheit. Christoph Langenberg war von jetzt an einer der ihren. Onkel Erik hatte eine gute Wahl getroffen: Der Neue war stark, klug und zuverlässig.
    Hoffentlich ist er auch ausdauernd, dachte sie nicht ganz uneigennützig und gestattete sich ein aufmunterndes Keuchen.
    Nach dem vorzeitigen Ableben des braven Alfred benötigte die Gemeinschaft dringend adäquaten Ersatz, und Chris hatte die Prüfung mit Bravour bestanden. Außerdem war Morenia überzeugt davon, daß er seine Wahl im vollen Bewußtsein der Konsequenzen getroffen hatte. Schließlich war er ein Mann vom Fach und kein Dummkopf, der an Zufälle glaubte. Spätestens nach dem Auftauchen des Spiegels mußte er Bescheid gewußt haben, selbst wenn ihm die Namensähnlichkeit - Morenia - Moira zunächst entgangen sein sollte.
    Nein, Chris war genau der Richtige - und, wie sich die Wolfsgöttin wollüstig seufzend eingestand, ausdauernd war er wohl auch ...

    - Ende -

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