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Thema: Der brennende Mann

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  • 22.12.17, 13:55
    resurrector

    AW: Der brennende Mann

    Zitat Zitat von asmodai Beitrag anzeigen
    mir hat es spaß gemacht, den text zu lesen und die kommentare dazu. schöner ordner.
    dito, ein Vorzeigeordner, wie man einander trotz gegenteiliger Auffassung unterstützen kann
  • 10.12.01, 00:25
    Hannemann

    AW: Der brennende Mann

    Es ist eine Geschichte. Der Film läuft im Kopf, so soll es sein.
    Tiefschürfen im Alltag ist schon genug, bin ein versponnenes Kerlchen, möchte auf Schwingen der Phantasie entschweben,und wenn schon Probleme, dann auf dem Mars.

    Kassandra, ist der Wettbewerb, unter Langzeitprojekte nachzulesen, für Dich ein Thema?
  • 10.12.01, 00:13
    asmodai

    AW: Der brennende Mann

    mir hat es spaß gemacht, den text zu lesen und die kommentare dazu. schöner ordner.
  • 08.12.01, 18:09
    kassandra

    AW: Der brennende Mann

    Hier die abschließend bearbeitete Version. Der drei "hatte" konnte ich nicht Herr werden, aber sonst ist einiges geändert.
    Wird aber kaum einer bemerken ...
    Danke für die Kommentare!

    Der brennende Mann

    Don’t hang on,
    nothing lasts forever but the earth and sky
    It slips away,
    all your money won’t another minute buy
    Kerry Livgren

    Es war spät geworden.
    Die Rummdogs hatten Martin in ein schmales Seitental der Valles geführt, dessen Ausdehnung er wohl unterschätzt hatte. Obwohl sie sich schon vor einiger Zeit auf den Rückweg gemacht hatten, wollten die Felsen, die den Eingang zur Schlucht markierten, einfach nicht näherrücken.
    Die Sonne war mittlerweile hinter den geröllbedeckten Hängen des Vorgebirges versunken, und es wurde dunkel. Die Sonnenuntergänge auf dem Mars waren alles andere als spektakulär. Normalerweise änderte die münzgroße Sonnenscheibe ihre Färbung kaum und verschwand schließlich irgendwann am Horizont.
    Was die Ausbeute anbetraf, war es ein erfolgreicher Tag gewesen. Die Rummdogs hatten ein knappes Dutzend Sonnensteine freigewählt, die meisten davon faustgroß, und sogar einen der seltenen Bengalsteine, die bei den Händlern äußerst begehrt waren.
    Wenn die Geschäfte weiter so gut liefen, würde sich Martin schon bald weitere Rummdogs leisten können, auch wenn die mechanischen Spürhunde noch immer ein Vermögen kosteten. Dr. Fromberg, der Mann, der sie zusammen mit einem halben Dutzend Angestellter zusammenbastelte, war ein Perfektionist. Er begnügte sich nicht damit, daß seine Kreationen ihrer Funktion genügten, sondern setzte all seinen Ehrgeiz daran, ihnen das Aussehen und den Charakter ihrer irdischen Vorbilder zu verleihen.
    Und so waren die Rummdogs in den Augen ihrer Besitzer keine seelenlosen Roboter, sondern lebendige Wesen, auch wenn in ihren Adern kein Blut zirkulierte, sondern Hydrauliköl. Sie waren anhänglich und verspielt wie junge Hunde, und mittlerweile hatte sich Martin so an sie gewöhnt, daß er sich ein Leben ohne ihre Gesellschaft kaum noch vorstellen konnte.
    Von den Rummdogs abgesehen, lebte Martin allein.
    Es gab nicht viele Frauen auf dem Mars, und die wenigen, die die Strapazen der Reise auf sich genommen hatten, lebten in Gegenden, die wenigstens ein Minimum an Abwechslung und Komfort boten.
    Sicher wäre die eine oder andere von ihnen nicht abgeneigt gewesen, Martin kennenzulernen. Kapitän Lundgren war noch immer ein berühmter Mann und für marsianische Verhältnisse ausgesprochen wohlhabend. Doch die Gelegenheiten dazu waren rar. Außerdem umgab ihn eine Aura der Fremdartigkeit, die alle Versuche selbsternannter Wohltäter, den weiblichen Teil der Marsgesellschaft für ihn zu interessieren, bereits im Ansatz scheitern ließen.
    Martin wäre nie auf die Idee gekommen, sich aus rein praktischen Gründen eine Frau zu suchen. Er hatte versprochen, auf Anna zu warten, und so wartete er. Er liebte sie noch immer, obwohl er seit einer Ewigkeit nichts von ihr gehört hatte. Seine Briefe waren mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurückgekommen, und selbst Flemming war es nicht gelungen, Genaueres zu erfahren.
    Sinfield war ein kleiner Ort, und es gab mehr als einen Grund zu der Annahme, daß Anna die Stadt schon vor Jahren verlassen hatte. Wahrscheinlich hatte sie Martin längst vergessen. Es war kindisch anzunehmen, daß sie noch etwas für ihn empfand ...
    Und wenn ihr etwas zugestoßen warä Es gab unzählige Möglichkeiten, die sie daran hindern konnten, sich zu melden: Verkehrsunfälle, Terroranschläge, Krankheiten. Vielleicht lebte sie nicht einmal mehr.
    Martin schüttelte unwillig den Kopf, konnte aber nicht verhindern, daß die Bilder wiederkehrten, Bilder, die dreiundzwanzig Jahre alt waren und dennoch nichts von ihrer Macht eingebüßt hatten: „Mach’s gut, Marty“, hatte Anna ihm am Flughafen zugeflüstert, „irgendwann komme ich nach ...“ Als er sich nach der Ticketkontrolle noch einmal umgeschaut hatte, hatte sie ihm zugewinkt und mit den Fingern das V-Zeichen geformt. „Du schaffst es!“ Er sah sie noch immer am Geländer stehen und ihm nachwinken, in ihrem weißen Tanzstundenkleid, in dem sie so schmal und zerbrechlich aussah.
    Der Gedanke, Anna vielleicht niemals wiederzusehen, schmerzte. „V“ wie „Victory“ - das war das Siegeszeichen, und Martin hatte gewonnen. Er war der Beste seines Kurses gewesen und der jüngste Absolvent der Akademie, der je zur praktischen Pilotenausbildung zugelassen worden war. Er hatte einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Stratosphären-Flugzeuge aufgestellt und war mit 25 Jahren das erste Mal zum Mond geflogen. Er hatte einen Traum gehabt, und dieser Traum war wahr geworden. Erst jetzt begann er zu begreifen, wie hoch der Preis gewesen war ...
    Mittlerweile lag das Tal in vollkommener Dunkelheit. Das Licht der Sterne war zu schwach, um am Boden reflektiert zu werden, doch die Rummdogs benötigten kein Umgebungslicht, um den Rückweg zu finden. Alle notwendigen Daten befanden sich in ihren Routenspeichern, und so brauchte Martin nur dem Zug der Führungsleine zu folgen, die ihn mit dem Geschirr des Leittieres verband.
    Als Martin das Feuer sah, glaubte er zunächst an eine Sinnestäuschung.
    Nur wenige hundert Meter vor ihnen loderten Flammen auf und tauchten die Hänge ringsum in gespenstisches rotes Licht.
    Das Feuer mußte erst vor wenigen Augenblicken enstanden sein, sonst hätten es die Rummdogs längst bemerkt. Ihre Retina-Implantate waren empfindlicher als menschliche Augen, eine Lichtquelle von dieser Intensität wäre ihnen niemals entgangen.
    Die Rummdogs winselten und drängten sich aufgeregt aneinander. Die Spannung der Führungsleine ließ plötzlich nach, was nur bedeuten konnte, daß das Leittier stehengeblieben war. Martin wußte nicht, ob Rummdogs tatsächlich so etwas wie Furcht empfinden konnten. Vielleicht rührte ihre Unruhe auch daher, daß sie sich mit etwas konfrontiert sahen, das nicht in ihrem kybernetischen Bewußtsein gespeichert war. Das war um so erstaunlicher, da Martin schon häufiger Signal- oder Landefeuer entzündet hatte, so daß der Anblick allein die Tiere nicht derart hätte irritieren dürfen ...
    Sekunden später erkannte Martin den wahren Grund für ihre heftige Reaktion.
    Die Flammen bewegten sich auf sie zu.
    Einen Augenblick lang empfand Martin die Urangst des Menschen vor einem Buschfeuer oder Waldbrand, bis ihm bewußt wurde, daß es außerhalb der Grüngürtel keinerlei Vegetation auf dem Mars gab und somit auch kein brennbares Material.
    Die Feuersäule näherte sich völlig geräuschlos und schien Zentimeter über dem Boden zu schweben. Mittlerweile war sie nur noch ein Dutzend Schritte entfernt.
    Etwas an der Art, in der sich das leuchtende Gebilde auf ihn zu bewegte, irritierte Martin, ohne daß er sich über die Ursache dieses Gefühls klarzuwerden vermochte.
    Die Rummdogs hatten sich zurückgezogen und bellten das Feuer aus vermeintlich sicherer Entfernung an.
    Auch Martin wich Schritt um Schritt zurück, starrte dabei aber wie hypnotisiert auf das Spiel der Flammen. Doch erst als sich seine Augen an die ungewohnte Helligkeit gewöhnt hatten, entdeckte er, daß sich inmitten der züngelnden Flammen etwas bewegte.
    Etwas oder jemand.
    Noch verbarg der blendende Widerschein des Feuers die Einzelheiten, dennoch wurde die Silhouette der von Flammen eingehüllten Gestalt von Sekunde zu Sekunde deutlicher.
    Es war ein Mensch.
    Erst jetzt begriff Martin das Verhalten der Rummdogs. Nicht die Furcht vor dem Feuer hatte sie in die Flucht gejagt, sondern allein die Tatsache, daß sich in diesem Feuer ein Wesen befand, das sie nicht einordnen konnten.
    Martin erging es ähnlich. Wäre er allein gewesen, hätte er an eine Halluzination geglaubt. Aber die Rummdogs sahen offenkundig dasselbe, was er sah, und so mußte er sich wohl von dieser Hypothese verabschieden.
    Natürlich konnte auch ein Trick dahinterstecken, es gab spezielle Flüssigkeiten mit einem sehr niedrigen Flammpunkt, die vorwiegend von Illusionskünstlern benutzt wurden. Aber welchen Sinn sollte eine derartige Vorstellung in dieser menschenleeren Gegend haben? Außerdem bezweifelte Martin, daß der Trick mit dem kalten Feuer in der sauerstoffarmen Marsatmosphäre überhaupt funktionierte.
    Auch das Knistern des Feuers und die Glut unter den Füßen des Flammenmannes sprachen gegen diese Variante. Doch nicht nur der Untergrund brannte, selbst aus den Gliedmaßen und dem Rumpf der Gestalt züngelten Flammen, und der brennende Haarschopf bedeckte ihren Kopf wie eine lodernde Krone.
    Das Gesicht des Flammenmannes lag im Schatten, aus irgend einem Grund war Martin froh darüber. Ein Gesicht hätte die Erscheinung menschlicher gemacht, hätte sein Mitleid herausgefordert, ihn möglicherweise sogar zum Handeln gezwungen - auch wenn er nicht die geringste Vorstellung hatte, welche Art von Handeln das sein könnte.
    So aber verfolgte er die Bewegungen des brennenden Mannes mit dem Staunen eines Kindes, dem man zwar erklärt hat, daß es keine Wunder gibt, das aber jederzeit bereit ist, diese Erwachsenenwahrheit in Frage zu stellen.
    Der Flammenmann war mittlerweile stehengeblieben. Martin glaubte, einen heißen Luftzug auf der Haut zu spüren, aber das konnte auch eine Sinnestäuschung sein. Er schirmte seine Augen mit dem rechten Arm ab, um sie vor dem grellen Licht zu schützen.
    Erst in diesem Augenblick registrierte er bewußt, wie groß der brennende Mann war. Seine Gestalt überragte ihn um mehr als einen Meter, und selbst jetzt, da sie sich ein wenig nach vorn beugte, mußte er den Kopf in den Nacken legen, um sie in voller Größe wahrzunehmen.
    „Kapitän Lundgren!“ Martin fuhr zusammen. Die Stimme schien von allen Seiten gleichzeitig in sein Bewußtsein zu dringen, und sie weckte Erinnerungen, die er nur zu bereitwillig verdrängt hatte. Als er sie das letzte Mal gehört hatte, hatte er gerade einen Menschen umgebracht - oder ein Wesen, das vorgegeben hatte, ein Mensch zu sein. Die Stimme hatte ihn dennoch willkommen geheißen. Vielleicht, weil auch der gewaltsame Tod seines Gegenspielers nur eine Fiktion gewesen war. An das anschließende Gespräch erinnerte sich Martin nur ungern, das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit war zu demütigend ...
    Doch das war lange her, und in all den Jahren hatte sich die Stimme nie wieder gemeldet. Ihm waren auch keine anderen Kontaktversuche bekannt, und manchmal beschlichen ihn Zweifel an der Realität dieser ersten Begegnung.
    „Was wollt ihr?“ Martins Frage klang keineswegs so forsch, wie er beabsichtigt hatte. Ihm war klar, daß der erneute Kontakt alles andere als ein Zufall war. Der brennende Mann war ohne Zweifel Teil einer Botschaft, und den Glauben an gute Nachrichten hatte Martin längst verloren. Obwohl nur wenige Meter vor ihm helle Flammen loderten, fühlte er Kälte in sich aufsteigen.
    „Schmerz“, erwiderte die Stimme des brennenden Mannes, doch es schien nicht die Antwort auf Martins Frage zu sein. „Wir können ihn fühlen.“ Angesichts der Tatsache, daß der Körper des Wesens nach wie vor in Flammen stand, sein Haarschopf wie eine Fackel loderte und seine Haut sich in verbrannten Fetzen ablöste, klang diese Feststellung erstaunlich gelassen.
    Aber Martin wußte, daß seine Gesprächspartner ihr Erscheinungsbild nach Belieben variieren konnten. Der brennende Mann sollte Schmerzen symbolisieren, nur waren diese mit Sicherheit nicht körperlicher Natur.
    „Was wollt ihr?“ wiederholte er ungeduldig. „Wie lautet die Botschaft?“
    Die Stimme antwortete nicht sofort, fast schien es, als fiele es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden: „Es geht nicht darum, was wir - wenn überhaupt - wollen. Aber du hast recht, es gibt diese Botschaft, genau genommen sogar zwei. Die erste lautet: Die Hunde sind frei.“
    „Welche Hunde?“ Unwillkürlich drehte sich Martin nach den Rummdogs um, die sich hinter ihm im Halbkreis niedergelassen hatten und die Szene mißtrauisch verfolgten. „Ist Dr. Fromberg etwas zugestoßen?“
    Die Stimme lachte, aber es lag keine Heiterkeit darin. „Nein, Martin, dem Spielzeugmann geht es gut. Die Botschaft hat nichts mit den Kolonisten zu tun ...“
    „Mit wem dann?“
    „Wenn du darüber nachdenkst, wirst du von selbst daraufkommen. Obwohl das nichts ändern wird ...“
    Der Tonfall der Stimme hatte sich kaum verändert, und doch hatte Martin das Gefühl, als hätte sie ein Urteil gesprochen. Ein Urteil, das endgültig und unwiderruflich war. Er konnte spüren, wie sich die Kälte in seiner Magengegend weiter ausbreitete.
    Eine Zeitlang war nichts weiter zu hören als das Zischen der Flammen, die den brennenden Mann einhüllten.
    „Und die andere Nachricht?“ erkundigte sich Martin schließlich.
    „Die andere Botschaft betrifft dich, Martin“, das Gefühl der Niedergeschlagenheit, das er eben noch empfunden hatte, wich gespannter Erwartung. Sie wollten also doch etwas von ihm. Warum hätten sie ihn sonst aufsuchen sollen?
    „Und die wäre?“
    Wieder vergingen endlose Sekunden, bis sich die Stimme erneut vernehmen ließ, und wieder gab ihm die Antwort Rätsel auf: „Du brauchst Hilfe.“
    Wieso? wollte Martin fragen, begnügte sich dann aber mit einer abwehrenden Geste, die so etwas wie „Ich komme schon zurecht“ ausdrücken sollte.
    „Nein, Martin“, dieses Mal reagierte die Stimme sofort. „Es hilft niemanden, wenn du dir etwas vormachst. Der Schmerz ist stärker. Schau genau hin.“
    Im gleichen Augenblick hob die flammende Gestalt vor ihm den Kopf, so daß das Licht auf ihr Gesicht fiel. Mit einem Aufschrei wich Martin zurück und verbarg sein Gesicht in den Händen. Was er gesehen hatte, war eine grausig entstellte Kopie seiner eigenen Gesichtszüge! Der brennende Mann war kein anderer als er selbst!
    „Er frißt dich auf“, wiederholte die Stimme in seinem Kopf unbarmherzig, „wenn du nichts dagegen unternimmst.“
    „Aber es geht mir gut!“ schrie Martin. „Mir fehlt nichts!“
    „Bist du dir da ganz sicher?“ Und plötzlich war da noch eine andere Stimme. Eine Stimme, die Martin nur zu vertraut war: „Mach’s gut, Marty“, sagte sie, und es klang wie ein Versprechen, „irgendwann komme ich nach ...“
    „Aber sie ist nicht gekommen“, hörte sich Martin schreien, während ihm die Tränen in die Augen schossen. „Ich hab sie doch überall gesucht ... ich hab sie doch überall ...“
    Dann versagte ihm die Stimme. Er sank auf die Knie, verbarg sein Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Er bemerkte nicht, daß die Flammen schwächer wurden, die den brennenden Mann einhüllten. Er bemerkte auch nicht, daß die Rummdogs aufgesprungen waren, um ihrem Herrn beizustehen, wenn es die Situation erforderlich machte.
    Martin sah nichts, hörte nichts und spürte nichts mehr. Kapitän Lundgren, der Mann, der als erster Mensch den Mars betreten hatte, war beschäftigt. Er weinte.
    Er weinte nicht nur um Anna, die er für seinen Traum aufgegeben und für immer verloren hatte. Er weinte um alle Dinge, die hätten sein können, und die niemals sein würden. Er weinte um den Verlust seiner Jugend und des Glaubens, daß letztlich alles gut werden würde.
    Er hatte dreißig Jahre lang keine Träne vergossen und eine Menge nachzuholen. Eine Flut von Erinnerungen stürmte auf ihn ein. Erinnerungen an seine Eltern, seine Heimatstadt, an Freunde, die er er schon vor Jahrzehnten aus den Augen verloren hatte. Er war seinem Traum gefolgt und hatte sie hinter sich gelassen. Doch erst jetzt wurde ihm bewußt, wie sehr er sie vermißte. Nie zuvor hatte er sich so einsam gefühlt - und so verloren.
    „Du brauchst Hilfe“, wiederholte die Stimme in seinem Kopf, doch Martin weigerte sich, sie zur Kenntnis zu nehmen. Die Trauer hüllte ihn ein wie eine graue, undurchdringliche Nebelwand. Erst als der Strom seiner Tränen allmählich versiegte, weil er nicht einmal mehr die Kraft zum Weinen besaß, drangen die Worte bis in sein Bewußtsein vor.
    Niemand kann mir helfen, dachte er verzweifelt. Ich gehöre nicht mehr in ihr Leben und sie nicht in meines. Ich habe Anna verloren. Für immer.
    „Du irrst dich, Martin“, ließ sich die Stimme erneut vernehmen, „Nichts geschieht für immer. Es gibt einen Ort, an dem man dir helfen kann. Möglicherweise.“
    Es dauerte einige Sekunden, bis sich Martin soweit gefaßt hatte, daß er antworten konnte: „Welchen Ort?“
    „Es ist ein See, tief unter den Felsen eines der Täler, die ihr Valles Marineris nennt. Es gibt kein Wort in deiner Sprache für das, was er darstellt.“
    Obwohl Martin nicht zu erkennen vermochte, was ein unterirdischer See mit Anna zu tun haben sollte, weckten die Worte seine Neugier. Umständlich und ein wenig verlegen richtete er sich auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Die Flammen, die den brennenden Mann eingehüllt hatten, waren mittlerweile erloschen. Dennoch schimmerte die Gestalt seines Gegenübers in einem dunklem Rot, als glühe sie von innen her.
    „Wie sollte ein See mir helfen?“ verlieh Martin seinen Zweifeln Ausdruck.
    „Es ist kein natürlicher See“, erklärte die Stimme. „Unsere Vorfahren benutzten ihn in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung. Jetzt bedürfen wir seiner nicht mehr.“
    „Ich verstehe nicht. Was ist er?“
    „Du wirst es erfahren, Martin, wenn du dich entschließt, dir helfen zu lassen.“
    „Ihr würdet mir also den Weg dorthin zeigen?“
    „Das ist nicht mehr nötig“, erwiderte die Stimme gelassen. „Das Mechanowesen, dem du den Namen Metape gegeben hast, besitzt alle notwendigen Informationen. Es wird dich führen.“
    „Wann?“
    „Wann immer du möchtest - nicht heute. Es ist spät, und du bist erschöpft. Wenn du dem Chanan gegenübertrittst, wirst du all deine Kraft und Entschlossenheit benötigen.“
    „Was ist dieser Chanan?“ fragte Martin und bemühte sich, das Zittern in seinen Knien zu unterdrücken. „Eine Art Orakel?“
    „Nein“, die Antwort kam zögernd, beinahe widerwillig. „Der Chanan beantwortet keine Fragen. Es gibt keine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren. Dennoch wirst du möglicherweise Dinge über dich selbst erfahren, die schmerzhaft sind. Sinngemäß übersetzt bedeutet Chanan - Spiegel der Seele.“
    Martin dachte darüber nach, kam aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Was er bislang über diesen geheimnisvollen See - den Chanan - erfahren hatte, erklärte nicht, wie der ihm helfen konnte, Anna zu finden. Deshalb wiederholte er seine eingangs gestellte Frage noch einmal:
    „Wie sollte der Chanan mir helfen?“
    „Er lernt dich kennen und trifft eine Entscheidung. Möglicherweise.“
    „Dann ist er so etwas wie - Gott?“
    Die Stimme antwortete nicht. Dafür geschah etwas mit der dunkel glühenden Gestalt, die noch immer den Weg aus dem Tal versperrte. Sie verlor innerhalb von Sekundenbruchteilen ihre Stabilität, zerbrach in Hunderte winziger Segmente, die ihren Glanz verloren und lautlos zu Boden fielen. Der brennende Mann war verschwunden.
    Mit offenem Mund starrte Martin in die Richtung, in der die Erscheinung buchstäblich zu Staub zerfallen war, doch es war nichts zurückgeblieben - nicht einmal Asche. Der Boden vor ihm war hart gefroren wie der der Umgebung. Winzige Eiskristalle glitzerten im kalten Licht der Sterne.
    Martin mußte die Rummdogs nicht rufen. Sie hatten sich im gleichen Augenblick in Bewegung gesetzt, in dem die leuchtende Erscheinung verschwunden war. Argwöhnisch beschnüffelten sie den Boden und formierten sich schließlich für den Abmarsch.
    Das Tal lag leer und verlassen vor ihnen. Nur der Wind sang leise zwischen den Felswänden, und so blieb es, bis sie im Morgengrauen den Ausgang der Schlucht erreichten.

    Gruß
    K.
  • 05.12.01, 19:07
    aerolith

    AW: Der brennende Mann

    Sehen wir mal von einigen und immer auftretenden sprachlichen und strukturellen Problemen ab, ist die Geschichte spannend und tiefsinnig genug, um als gelungen bezeichnet zu werden. Mir gefällt auch, daß Du die Strukturelemente einer Kurzgeschichte (u.a. offenes Ende, klare Charaktere, Gegenwartsbezug, alltägliche Einfindung) brav benutztest, um etwas daraus zu spinnen. Das ist auch mein entschiedener Kritikpunkt: Die chose wirkt ein bissel konstruiert; es müßte noch fließender und zugleich verzweigter, wenigstens andeutungsweise, verbandelt werden. Martin nehme ich Dir ab, das Ungeheuer auch. Anna ist schön dumm, was aber eher für Dich als sie spricht.
  • 03.12.01, 18:55
    kassandra

    AW: Der brennende Mann

    Lieber Klammer,

    Dein Argument, diese Story sei ein Teil von mehreren und sei auch schon veröffentlicht, verstehe ich nicht:
    Was hat das mit meiner Kritik zu tun? Ist ein Text sakrosankt, wenn er veröffentlicht wurde? Ist der Mars in den anderen Teilen eingehender beschrieben?
    Da hast Du etwas falsch verstanden. Ich setze so gut wie nie veröffentlichte Geschichten in eine Diskussionsforum. Wozu auch? Der brennende Mann ist eine neue Story.
    Dennoch stehen die Geschichten des Zyklus zueinander in Beziehung, so daß manches, das hier unverständlich erscheint, schon seine Berechtigung hat.

    Wenn ja, warum schreibst du dann:
    Es ist mir sch ... egal, wie es auf dem Mars in der Realität aussieht, ich kümmere mich nicht um das "S" in der SF.
    Um es mit den Worten eines Kochs zu sagen:
    Ich koche gerne Risotto, aber ohne Reis, denn den mag ich nicht.
    Das war eine ein wenig überzogene Anmerkung, die aber dennoch im Grundsatz meine Einstellung zur SF wiedergibt: Wissenschaftliche oder technische Details sind uninteressant, es sei denn, sie passen in die Handlung.

    Dein Argument ist niveaulos. Ich habe von dir nicht erwartet, dass du mir die eingehend die technische Revolution auf dem Mars erklärst und wie deine "Rummdogs" im Detail funktionieren, du hast recht, das ist langweilig, aber wenn du eben einen existierenden Planeten als Hintergrund für dein Drama wählst, dann sollte das Ganze schon ein wenig nach Mars riechen.
    Das tut es (hoffentlich). Trotz meiner Abneigung gegen Recherchen aller Art habe ich in diesem Fall eine Menge über den Mars nachgelesen, um nicht völlig hanebüchene Fehler zu machen. Was den Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre anbetrifft, so sind hierzu weniger Terrforming-Aktivitäten nötig, sondern vielmehr Generatoren, die Treibhausgase produzieren. Aber - verstehe mich bitte richtig - im Grunde interessieren die technischen Details NIEMANDEN - von einer Handvoll SF-Experten vielleicht abgesehen.

    Wenn du eine Geschichte in Paris spielen l?sst, dann reden die Leute dort nicht russisch, tragen Kimonos und klagen über die Mücken, die von den Sümpfen kommen. Warum soll etwas, das für den Mainstream gilt, nicht auch für SF gelten, auch für sogenannte weiche?
    Warum erfindest du nicht einfach einen anderen Planeten? Es soll ja noch mehr geben. Oder Parallelwelten? Oder erzähle mir, dass der Mars terrageformt wurde. Egal, denn eigentlich spielt es keine Rolle:
    Planeten außerhalb des Sonnesystems sind in den nächsten 50 Jahren nicht von der Erde aus zu besiedeln. In dieser Zeit aber spielt Martin Lundgrens Traum. Parallelwelten sind etwas für Leute, die über die Handlungen von Wesen, die es nicht gibt, auf Welten, die es ebenfalls nicht gibt, schreiben. So etwas bringt nix.

    Das will ich sicher nicht. Du hast auch recht, unserere Mars-Auseinandersetzung geht weit am inneren Gehalt deiner Geschichte vorbei. Du wolltest ja über einen Menschen und seinen Konflikt schreiben, offensichtlich auch als Hommage an Bradbury (Bei mir waren es übrigens Fahrenheit 451 und Löwenzahnwein, die mich in meinen jungen Jahren beeindruckt haben).
    Also sollten wir über den Inhalt der Geschichte reden. Der ist ebenso banal wie immer wieder neu. Du erzählst eine Erfahrung, die allgemein nachvollziehbar ist, die du allerdings mit deinem SF-Ballast und mit Mystizismus so beladen hast, dass sich Leser wie Traumtänzer nicht ?berwinden konnten, den wirklich nicht langen Text durchzulesen. Im Gegensatz zu dir finde ich es um jeden Leser schade. Es gibt heute nur noch so wenige, dass man sie hüten und pflegen muss.
    Für die Vorurteile des Lesers kann ich nun wirklich nicht. Ich würde wirklich sehr gern für jederman schreiben, aber das ist eine Illusion. Ich muß auch ein wenig darauf achten, daß das Geschriebene wenigstens im Genrebereich eine Chance hat, veröffentlicht zu werden. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, daß auch normale Leser für phantastische Texte zu begeistern sind, wenn der Grundkonflikt nachvollziehbar ist.
    SF-Ballast kann ich im übrigen in den Texten nicht sehen, Mystizismus schon, aber ist das unbedingt etwas Schlimmes?

    Dann klappts auch mit den Mädels.
    Das ist dreißig Jahre danach aus unterschiedlichen Gründen weder notwendig noch erstrebenswert. Und jetzt erfreue ich Dich noch mit einem Zitat aus Kalte Nacht (gleicher Zyklus):
    ... Aber das ist lange her, und manche Träume finden nur deshalb einen Platz in unseren Herzen, weil es Träume geblieben sind.

    Mit melancholischen Grüßen

    K.
  • 03.12.01, 15:56
    Klammer

    AW: Der brennende Mann

    Liebe Kassandra,

    ein paar Anmerkungen, denn deine Erwiderung kann ich so nicht stehen lassen. Nimm sie als lästige Mückenstiche, kratze dich und vergiss sie dann. Dein Argument, diese Story sei ein Teil von mehreren und sei auch schon veröffentlicht, verstehe ich nicht:
    Was hat das mit meiner Kritik zu tun? Ist ein Text sakrosankt, wenn er veröffentlicht wurde? Ist der Mars in den anderen Teilen eingehender beschrieben? Wenn ja, warum schreibst du dann:
    Es ist mir sch ... egal, wie es auf dem Mars in der Realität aussieht, ich kümmere mich nicht um das "S" in der SF.
    Um es mit den Worten eines Kochs zu sagen:
    Ich koche gerne Risotto, aber ohne Reis, denn den mag ich nicht.
    Dein Argument ist niveaulos. Ich habe von dir nicht erwartet, dass du mir die eingehend die technische Revolution auf dem Mars erklärst und wie deine "Rummdogs" im Detail funktionieren, du hast recht, das ist langweilig, aber wenn du eben einen existierenden Planeten als Hintergrund für dein Drama wählst, dann sollte das Ganze schon ein wenig nach Mars riechen. Wenn du eine Geschichte in Paris spielen lässt, dann reden die Leute dort nicht russisch, tragen Kimonos und klagen über die Mücken, die von den Sümpfen kommen. Warum soll etwas, das für den Mainstream gilt, nicht auch für SF gelten, auch für sogenannte weiche?

    Warum erfindest du nicht einfach einen anderen Planeten? Es soll ja noch mehr geben. Oder Parallelwelten? Oder erzähle mir, dass der Mars terrageformt wurde. Egal, denn eigentlich spielt es keine Rolle:
    Ich habe mir immer gewünscht, eines Tages etwas ähnliches schreiben zu können, und das Projekt wird mir auch niemand ausreden können.
    Das will ich sicher nicht. Du hast auch recht, unserere Mars-Auseinandersetzung geht weit am inneren Gehalt deiner Geschichte vorbei. Du wolltest ja über einen Menschen und seinen Konflikt schreiben, offensichtlich auch als Hommage an Bradbury (Bei mir waren es übrigens Fahrenheit 451 und Löwenzahnwein, die mich in meinen jungen Jahren beeindruckt haben).
    Also sollten wir über den Inhalt der Geschichte reden. Der ist ebenso banal wie immer wieder neu. Du erzählst eine Erfahrung, die allgemein nachvollziehbar ist, die du allerdings mit deinem SF-Ballast und mit Mystizismus so beladen hast, dass sich Leser wie Traumtänzer nicht überwinden konnten, den wirklich nicht langen Text durchzulesen. Im Gegensatz zu dir finde ich es um jeden Leser schade. Es gibt heute nur noch so wenige, dass man sie hüten und pflegen muss. Dann klappts auch mit den Mädels.

    Gruß, Klammer
  • 02.12.01, 22:16
    kassandra

    AW: Der brennende Mann

    erst einmal vielen Dank für die überwiegend freundliche Aufnahme.

    Robert, was die "hatte"-Invasion anbetrifft, hast Du sicherlich recht, das Problem ist nur, man bekommt diese Ungetüme so ohne weiteres nicht ersetzt. Ich werde darüber nachdenken.

    Traumtänzer, Vorurteile sind dazu da, daß man sie auslebt.
    Es scheint mir allerdings eine typisch deutsche Herangehensweise, Literatur in "richtige" und "unrichtige" (Horror, SF, Fantasy) einzuteilen.
    Dickens und Oscar Wilde hätten bei dieser Art der Betrachtung in die Ramschkisten der Trivialliteratur gehört (von Poe, Orwell und Wells ganz zu schweigen). Ich mag Grass nicht, aber ist die "Rättin" nicht auch eine Art SF?

    Klammer, hier muß ich anfangen zu streiten.
    Es ist mir sch ... egal, wie es auf dem Mars in der Realität aussieht, ich kümmere mich nicht um das "S" in der SF.
    Der exotische Hintergrund ist nur die Kulisse für menschliche Konflikte (was Du ja einräumst).
    Allerdings sollte man die Geschichte nicht isoliert betrachten, sie ist Teil eines Zyklus' ("Martin Lundgrens Traum").
    Auf dem Backcover des Buches, das den Anstoß für dieses Projekt gab, steht ein Satz, den auch ich in Anspruch nehme: "Xs Geschichten haben nicht das geringste mit dem Mars zu tun, sie spielen allesamt auf der Erde ..." (sinngemäß).
    Autoren, die das "Science" in der SF ernstnehmen, schreiben in der Regel oberlehrerhaft und sterbenslangweilig (Greg Bear zum Beispiel). Wissenschaft hat m. E. in der Belletristik nichts zu suchen.
    Ich gebe Dir allerdings recht, daß das SF-Mäntelchen bestimmte Leute abstößt (tt zum Beispiel), aber das ist doch nun wirklich nicht mein Problem.
    Und jetzt will ich noch etwas Persönliches anfügen: Ich liebe Bradburys "Mars-Chroniken" trotz oder gerade wegen ihrer Naivität und der Nähe zum Kitsch. Als Jugendlicher habe ich oft mit dem Gedanken gespielt, das Buch aus der Bibliothek zu klauen (kaufen konnte man es ja nicht), habe mich aber letztlich nicht getraut.
    Ich habe mir immer gewünscht, eines Tages etwas ähnliches schreiben zu können, und das Projekt wird mir auch niemand ausreden können.
    Fünf Geschichten sind bereits veröffentlicht (in "Das Tor der Träume", EDFC Passau, 2001), und jetzt schreibe ich weitere, bis der Zyklus vollständig ist.
    Wenn ich schon bei den Mädchen keine Chance hatte, für die ich mit 15 Jahren geschwärmt habe, dann will ich mir wenigstens diesen Traum erfüllen.

    Gruß
    K.
  • 02.12.01, 13:24
    rodbertus

    AW: Der brennende Mann

    1. man kann schreiben, sofern das thema mit einem durchgeht; dann sind fehler hinnehmbar
    2. wie isses denn aufm mars? (wie nimmt man ihn ernst?)
    3. konstruierte geschichten müssen tipptopp sein, sonst beule.
  • 02.12.01, 12:55
    Klammer

    AW: Der brennende Mann

    Liebe(s) Kassandra,

    um es gleich vornweg zu sagen, ich bin ein Freund von Science Fiction. Dein Text war jedoch keine.
    Ich lege ebenfalls nicht die strengen sprachlichen Maßstäbe wie Robert an, denn ich glaube, dass man nicht schreiben könnte, wenn man seinen Qualitätsvorstellungen genügen wolle. Man käme nicht über den ersten Satz hinaus.
    Ich bin mit dem Niveau des Textes zufrieden, es ist dem Erzählten angemessen, liest sich flüssig und fesselt. Darauf kommt es doch wohl an?
    Was aber erzählst du? Es ist die Geschichte eines Mannes, der Heimat, Familie und Geliebte verlassen hat, um in der Ferne sein Glück zu suchen. Inzwischen ist er älter und verbittert geworden und ihn plagen die Geister seiner Vergangenheit.
    Diese alte Geschichte, die bereits Homer erzählt hat, kleidest du schick und modisch. Sie spielt überflüssigerweise auf dem Mars, einem unwirtlichen, lebensfeindlichen Kolonisten-"Outback", das an Heinlein erinnert, aber in deiner Geschichte nicht spürbare Umgebung wird, sondern eine blasse Folie bleibt. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Wie ist das mit dem nicht vorhandenen Sauerstoff (Martin hat "offenes Feuer"???) , mit der Eiseskälte in einem Marstall. Ich hätte schon gerne ein wenig mehr "Science" in deiner "Fiction". Kennst du "Man plus" von Frederik Pohl? Dieser Roman nimmt den Mars ernst.
    Und dann dieser weise Alien, der an Bradburys Marsianer gemahnt und von einem unterirdischen See redet, als wäre man auf Arrakis. Nein, das ist alles nur verzichtbares Beiwerk.
    Ein SF-Text ist m. E. dann gelungen, wenn er eine Geschichte erzählt, die eben nur in diesem Genre funktioniert. Deine Geschichte hätte man auch als Main-Stream, als Historisches Drama, als Western, als Horror oder als Mythos schreiben können.
    Nun, du hast dich als Transportmittel für SF entschieden, weil sie dir nahe liegt. Denke aber daran, dass allein das Etikett SF schon Leser abschreckt, die die Geschichte eines einsamen Mannes in feindlicher Umgebung gerne gelesen hätten.

    Gruß, Klammer
  • 02.12.01, 11:19
    traumtänzer

    AW: Der brennende Mann

    siehste, da sollte ich mich dann doch lieber in der sprachlichen bewertung zurückhalten. aber ich hab schon schlimmeres gelesen, so
  • 02.12.01, 10:35
    aerolith

    AW: Der brennende Mann

    naja, tt, wollen wir mal nicht übertreiben; schon im ersten Abschnitt kumulieren da bestimmte Hilfskonstruktionen, wie sie eben, gehäuft vorkommend, einem text abträglich sind.
    Die Rummdogs hatten Martin in ein schmales Seitental der Valles geführt, dessen Ausdehnung er wohl unterschätzt hatte. Obwohl sie sich schon vor einiger Zeit auf den Rückweg gemacht hatten, wollten die Felsen, die den Eingang zur Schlucht markierten, einfach nicht näherrücken.
    Ich muß auch leider feststellen, daß Du den text gebacken hast: zuerst ein Wort, dann ein nachgestelltes, dann eine Abzweigung, die wieder verwortet wird, schließlich kehrst Du nicht zurück, ziehst keine Kreise.
    Was Dich allerdings erfreuen dürfte; es ist besser geworden: Du schwebst zwar nicht, erweckst somit in Deinem Leser auch keine neuen Welten, aber Du setzt die chose auch nicht in den Dreck (vermaledeite Einzelheit).
  • 30.11.01, 12:07
    traumtänzer

    AW: Der brennende Mann

    hallo kassandra,

    ich habe nur zwei seiten deines textes gelesen. nein, es liegt nicht an dir, sondern an mir. ich mag kein science fiction, fantasy oder horror oder so. ich lebe ein wenig hinterm mond :wasgeht?:

    kann dir aber sagen, daß ich den text auf den zwei seiten sprachlich einwandfrei fand. sehr korrekt. lob.

    bye
    tt
  • 30.11.01, 07:16
    kassandra

    AW: Der brennende Mann

    Danke.
    Der Martin-Lundgren-Zyklus ist natürlich umfangreicher. Die meisten Episoden sind aber älter.
    Wettbewerb? Hab ich was übersehen?

    Gruß
    K.
  • 30.11.01, 01:04
    Hannemann

    AW: Der brennende Mann

    Schade, daß es schon zu Ende, kommt hoffentlich noch mehr.
    Ich könnte mir diesen Text sehr gut im Wettbewerb bei den seltsamen Begegnungen vorstellen, würde ihn mir wünschen. Aber Du bist ja gebranntes kind, wie ich gelesen habe.
    Trotzdem...
  • 29.11.01, 20:03
    Kolja

    AW: Der brennende Mann

    Gut, liebe Kassandra.
  • 29.11.01, 19:43
    kassandra

    Der brennende Mann

    hier noch ein Schmankerl für Rob, den Aufbrausenden.

    Der brennende Mann

    Don’t hang on,
    nothing lasts forever but the earth and sky
    It slips away,
    all your money won’t another minute buy
    Kerry Livgren

    Es war spät geworden.
    Die Rummdogs hatten Martin in ein schmales Seitental der Valles geführt, dessen Ausdehnung er wohl unterschätzt hatte. Obwohl sie sich schon vor einiger Zeit auf den Rückweg gemacht hatten, wollten die Felsen, die den Eingang zur Schlucht markierten, einfach nicht näherrücken.
    Die Sonne war mittlerweile hinter den geröllbedeckten Hängen des Vorgebirges versunken, und es wurde dunkel. Die Sonnenuntergänge auf dem Mars waren alles andere als spektakulär. Normalerweise änderte die münzgroße Sonnenscheibe ihre Färbung kaum und verschwand schließlich irgendwann hinter den dunstigen Berggipfeln.
    Was die Ausbeute anbetraf, war es ein erfolgreicher Tag gewesen. Die Rummdogs hatten ein knappes Dutzend Sonnensteine freigewählt, die meisten davon faustgroß und sogar einen der seltenen Bengalsteine, die bei den Händlern äußerst begehrt waren.
    Wenn die Geschäfte weiter so gut liefen, würde sich Martin schon bald weitere Rummdogs leisten können, auch wenn die mechanischen Spürhunde noch immer ein Vermögen kosteten. Dr. Fromberg, der Mann, der sie zusammen mit einem halben Dutzend Angestellter zusammenbastelte, war ein Perfektionist. Er begnügte sich nicht damit, daß seine Kreationen ihrer Funktion genügten, sondern setzte all seinen Ehrgeiz daran, ihnen das Aussehen und den Charakter ihrer irdischen Vorbilder zu verleihen.
    Und so waren die Rummdogs in den Augen ihrer Besitzer keine seelenlosen Roboter, sondern lebendige Wesen, auch wenn in ihren Adern kein Blut zirkulierte, sondern Hydrauliköl. Sie waren anhänglich und verspielt wie junge Hunde, und mittlerweile hatte sich Martin so an sie gewöhnt, daß er sich ein Leben ohne ihre Gesellschaft kaum noch vorstellen konnte.
    Von den Rummdogs abgesehen lebte Martin allein.
    Es gab nicht viele Frauen auf dem Mars, und die wenigen, die die Strapazen der Reise auf sich genommen hatten, lebten in Gegenden, die wenigstens ein Minimum an Abwechslung und Komfort boten.
    Sicher wäre die ein oder andere von ihnen nicht abgeneigt gewesen, Martin kennenzulernen. Kapitän Lundgren war noch immer ein berühmter Mann und für marsianische Verhältnisse ausgesprochen wohlhabend. Doch die Gelegenheiten dazu waren rar. Außerdem umgab ihn eine Aura der Fremdartigkeit, die alle Versuche selbsternannter Wohltäter, den weiblichen Teil der Marsgesellschaft für ihn zu interessieren, bereits im Ansatz scheitern ließen.
    Martin wäre nie auf die Idee gekommen, sich aus rein praktischen Gründen eine Frau zu suchen. Er hatte versprochen, auf Anna zu warten, und so wartete er. Er liebte sie noch immer, obwohl er schon seit einer Ewigkeit nichts von ihr gehört hatte. Seine Briefe waren mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurückgekommen, und selbst Flemming war es nicht gelungen, Genaueres zu erfahren.
    Sinfield war ein kleiner Ort, und es gab mehr als einen Grund zu der Annahme, daß Anna die Stadt schon vor Jahren verlassen hatte. Wahrscheinlich hatte sie Martin längst vergessen. Es war kindisch anzunehmen, daß sie noch etwas für ihn empfand ...
    Und wenn ihr etwas zugestoßen war? Es gab unzählige Möglichkeiten, die sie daran hindern konnten, sich zu melden: Verkehrsunfälle, Terroranschläge, Krankheiten. Vielleicht lebte sie nicht einmal mehr.
    Martin schüttelte unwillig den Kopf, konnte aber nicht verhindern, daß ihm der Schmerz die Kehle zuschnürte. Bilder stürzten auf ihn ein, Bilder, die dreiundzwanzig Jahre alt waren und dennoch nichts von ihrer Macht eingebüßt hatten: “Mach’s gut, Marty“, hatte Anna ihm am Flughafen zugeflüstert, “irgendwann komme ich nach ...“Als er sich nach der Ticketkontrolle noch einmal umgeschaut hatte, hatte sie ihm zugewinkt und mit den Fingern das V-Zeichen geformt. „Du schaffst es!“Er sah sie noch immer am Geländer stehen und ihm nachwinken, in ihrem weißen Tanzstundenkleid, in dem sie so schmal und zerbrechlich aussah.
    Der Gedanke, Anna vielleicht niemals wiederzusehen, schmerzte. “V“wie „Victory“„ das war das Siegeszeichen, und Martin hatte gewonnen. Er war der Beste seines Kurses gewesen und der jüngste Absolvent der Akademie, der je zur praktischen Pilotenausbildung zugelassen worden war. Er hatte einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Stratosphären-Flugzeuge aufgestellt und war mit 25 Jahren das erste Mal zum Mond geflogen. Er hatte einen Traum gehabt, und dieser Traum war wahr geworden. Erst jetzt begann er zu begreifen, wie hoch der Preis gewesen war ...
    Mittlerweile lag das Tal in vollkommener Dunkelheit. Das Licht der Sterne war zu schwach, um am Boden reflektiert zu werden, doch die Rummdogs benötigten kein Umgebungslicht, um den Rückweg zu finden. Alle notwendigen Daten befanden sich in ihren Routenspeichern, und so brauchte Martin nur dem Zug der Führungsleine zu folgen, die ihn mit dem Geschirr des Leittieres verband.
    Als Martin das Feuer sah, glaubte er zunächst an eine Sinnestäuschung.
    Nur wenige hundert Meter vor ihnen loderten Flammen auf und tauchte die Hänge ringsum in gespenstisches rotes Licht.
    Das Feuer mußte erst vor wenigen Augenblicken enstanden sein, sonst hätten es die Rummdogs längst bemerkt. Ihre Retinaimplantate waren empfindlicher als menschliche Augen, eine Lichtquelle von dieser Intensität wäre ihnen niemals entgangen.
    Die Rummdogs winselten und drängten sich aufgeregt aneinander. Die Spannung der Führungsleine ließ plötzlich nach, was nur bedeuten konnte, daß das Leittier stehengeblieben war. Martin wußte nicht, ob Rummdogs tatsächlich so etwas wie Furcht empfinden konnten. Vielleicht rührte ihre Unruhe auch daher, daß sie sich mit etwas konfrontiert sahen, das nicht in ihrem kybernetischen Bewußtsein gespeichert war. Das war um so erstaunlicher, da Martin schon häufiger seine Mahlzeiten am offenen Feuer zubereitet hatte, so daß der Anblick allein die Tiere nicht derart hätte irritieren dürfen ...
    Sekunden später erkannte Martin den wahren Grund für deren heftige Reaktion.
    Die Flammen bewegten sich auf sie zu.
    Einen Augenblick lang empfand Martin die Urangst des Menschen vor einem Buschfeuer oder Waldbrand, bis ihm bewußt wurde, daß es außerhalb der Grüngürtel keinerlei Vegetation auf dem Mars gab und somit auch kein brennbares Material.
    Die Feuersäule näherte sich völlig geräuschlos und schien Zentimeter über dem Boden zu schweben. Mittlerweile war sie nur noch ein Dutzend Schritte entfernt.
    Etwas an der Art, in der sich das leuchtende Gebilde auf ihn zu bewegte, irritierte Martin, ohne daß er sich über die Ursache dieses Gefühls klarzuwerden vermochte.
    Die Rummdogs hatten sich zurückgezogen und bellten das Feuer aus vermeintlich sicherer Entfernung an.
    Auch Martin wich Schritt um Schritt zurück, starrte dabei aber wie hypnotisiert auf das Spiel der Flammen. Doch erst als sich seine Augen an die ungewohnte Helligkeit gewöhnt hatten, entdeckte er, daß sich inmitten der züngelnden Flammen etwas bewegte.
    Etwas oder jemand.
    Noch verbarg der blendende Widerschein des Feuers die Einzelheiten, dennoch wurde die Silhouette der von Flammen eingehüllten Gestalt von Sekunde zu Sekunde deutlicher.
    Es war ein Mensch.
    Erst jetzt begriff Martin das Verhalten der Rummdogs. Nicht die Furcht vor dem Feuer hatte sie in die Flucht gejagt, sondern allein die Tatsache, daß sich in diesem Feuer ein Wesen befand, das sie nicht einordnen konnten.
    Martin erging es ähnlich. Wäre er allein gewesen, hätte er an eine Halluzination geglaubt. Aber die Rummdogs sahen offenkundig das gleiche, was er sah, und so mußte er sich wohl von dieser Hypothese verabschieden.
    Natürlich konnte auch ein Trick dahinterstecken, es gab spezielle Flüssigkeiten mit einem sehr niedrigen Flammpunkt, die vorwiegend von Illusionskünstlern benutzt wurden. Aber welchen Sinn sollte eine derartige Vorstellung in dieser menschenleeren Gegend machen? Außerdem bezweifelte Martin, daß der Trick mit dem kalten Feuer in der sauerstoffarmen Marsatmosphäre überhaupt funktionierte.
    Auch des trockene Knistern des Feuers und die Glut unter den Füßen des Flammenmannes sprachen gegen diese Variante. Doch nicht nur der Untergrund brannte, selbst aus den Gliedmaßen und dem Rumpf der Gestalt züngelten Flammen, und der brennende Haarschopf bedeckte ihren Kopf wie eine lodernde Krone.
    Das Gesicht des Flammenmannes lag im Schatten, aus irgend einem Grund war Martin froh darüber. Ein Gesicht hätte die Erscheinung menschlicher gemacht, hätte sein Mitleid herausgefordert, ihn möglicherweise sogar zum Handeln gezwungen „ auch wenn er nicht die geringste Vorstellung hatte, welche Art von Handeln das sein könnte.
    So aber verfolgte er die Bewegungen des brennenden Mannes mit dem Staunen eines Kindes, dem man zwar erklärt hat, daß es keine Wunder gibt, das aber jederzeit bereit ist, diese Erwachsenenwahrheit in Frage zu stellen.
    Der Flammenmann war mittlerweile stehengeblieben. Martin glaubte, einen heißen Luftzug auf der Haut zu spüren, aber das konnte auch eine Sinnestäuschung sein. Er schirmte seine Augen mit dem rechten Arm ab, um sie vor dem Licht der Flammen zu schützen.
    Erst in diesem Augenblick registrierte er bewußt, wie groß der brennende Mann war. Seine hochgewachsene Gestalt überragte ihn um mehr als einen Meter, und selbst jetzt, da sie sich ein wenig nach vorn beugte, mußte er den Kopf in den Nacken legen, um sie in voller Größe wahrzunehmen.
    „Martin Lundgren!“ Martin fuhr zusammen. Die Stimme schien von allen Seiten gleichzeitig in sein Bewußtsein zu dringen, und sie weckte Erinnerungen, die er nur zu bereitwillig verdrängt hatte. Als er sie das letzte Mal gehört hatte, hatte er gerade einen Menschen umgebracht, beziehungsweise ein Wesen, das vorgegeben hatte, ein Mensch zu sein. Die Stimme hatte ihn dennoch willkommen geheißen. Vielleicht, weil auch der gewaltsame Tod seines Gegenspielers nur eine Fiktion gewesen war. An das anschließende Gespräch erinnerte sich Martin nur ungern, das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit war zu demütigend ...
    Doch das war lange her, und in all den Jahren hatte sich die Stimme nie wieder gemeldet. Ihm waren auch keine anderen Kontaktversuche bekannt, und manchmal beschlichen ihn Zweifel an der Realität dieser ersten Begegnung.
    „Was wollt ihr?“ Martins Frage klang keineswegs so forsch, wie er beabsichtigt hatte. Ihm war klar, daß der erneute Kontakt alles andere als ein Zufall war. Der brennende Mann war ohne Zweifel Teil einer Botschaft, und den Glauben an gute Nachrichten hatte Martin längst verloren. Obwohl nur wenige Meter vor ihm helle Flammen loderten, fühlte er Kälte in sich aufsteigen.
    „Schmerz“, erwiderte die Stimme des brennenden Mannes, doch es schien nicht die Antwort auf Martins Frage zu sein. „Wir können ihn fühlen.“ Angesichts der Tatsache, daß der Körper des Wesens nach wie vor in Flammen stand, sein Haareschopf wie eine Fackel loderte und seine Haut sich in verbrannten Fetzen ablöste, klang diese Feststellung erstaunlich gelassen.
    Aber Martin wußte, daß seine Gesprächspartner ihr Erscheinungsbild nach Belieben variieren konnten. Der brennende Mann sollte Schmerzen symbolisieren, nur waren diese mit Sicherheit nicht körperlicher Natur.
    „Was wollt ihr?“ wiederholte er ungeduldig. „Wie lautet die Botschaft?“
    Die Stimme antwortete nicht sofort, fast schien es, als fiele es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden: „Es geht nicht darum, was wir - wenn überhaupt - wollen. Aber du hast recht, es gibt diese Botschaft, genau genommen sogar zwei. Die erste lautet: Die Hunde sind frei.“
    „Welche Hunde?“ Unwillkürlich drehte sich Martin nach den Rummdogs um, die sich hinter ihm im Halbkreis niedergelassen hatten und die Szene mißtrauisch verfolgten. „Ist Dr. Fromberg etwas zugestoßen?“
    Die Stimme lachte, aber es lag keine Heiterkeit darin. „Nein, Martin, dem Spielzeugmann geht es gut. Die Botschaft hat nichts mit den Kolonisten zu tun ...“
    „Mit wem dann?“
    „Wenn du darüber nachdenkst, wirst du von selbst daraufkommen. Obwohl das nichts ändern wird ...“
    Der Tonfall der Stimme hatte sich kaum verändert, und doch hatte Martin das Gefühl, als hätte sie ein Urteil gesprochen. Ein Urteil, das endgültig und unwiderruflich war. Er konnte spüren, wie sich die Kälte in seiner Magengegend weiter ausbreitete.
    Eine Zeitlang war nichts weiter zu hören als das Zischen der Flammen, die den brennenden Mann einhüllten.
    „Und die andere Nachricht?“ erkundigte sich Martin schließlich.
    „Die andere Botschaft betrifft dich, Martin“, das Gefühl der Niedergeschlagenheit, das er eben noch empfunden hatte, wich gespannter Erwartung. Sie wollten also doch etwas von ihm. Warum hätten sie ihn sonst aufsuchen sollen?
    „Und die wäre?“
    Wieder vergingen endlose Sekunden, bis sich die Stimme erneut vernehmen ließ, und wieder gab ihm die Antwort Rätsel auf: „Du brauchst Hilfe.“
    Wieso? wollte Martin fragen, begnügte sich dann aber mit einer abwehrenden Geste, die so etwas wie „Ich komme schon zurecht“ ausdrücken sollte.
    „Nein, Martin“, dieses Mal reagierte die Stimme sofort. „Es hilft niemanden, wenn du dir etwas vormachst. Der Schmerz ist stärker. Schau genau hin.“
    Im gleichen Augenblick hob die flammende Gestalt vor ihm den Kopf, so daß das Licht auf ihr Gesicht fiel. Mit einem Aufschrei wich Martin zurück und verbarg sein Gesicht in den Händen. Was er gesehen hatte, war eine grausig entstellte Kopie seiner eigenen Gesichtszüge! Der brennende Mann war kein anderer als er selbst!
    „Er frißt dich auf“, wiederholte die Stimme in seinem Kopf unbarmherzig, „wenn du nichts dagegen unternimmst.“
    „Aber es geht mir gut!“ schrie Martin. „Mir fehlt nichts!“
    „Bist du dir da ganz sicher?“ Und plötzlich war da noch eine andere Stimme. Eine Stimme, die Martin nur zu vertraut war: “Mach’s gut, Marty“, sagte sie, und es klang wie ein Versprechen, “irgendwann komme ich nach ...“
    „Aber sie ist nicht gekommen“, hörte sich Martin schreien, während ihm die Tränen in die Augen schossen. „Ich hab sie doch überall gesucht ... ich hab sie doch überall ...“
    Dann versagte ihm die Stimme. Er sank auf die Knie, verbarg sein Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Er bemerkte nicht, daß die Flammen schwächer wurden, die den brennenden Mann einhüllten. Er bemerkte auch nicht, daß die Rummdogs aufgesprungen waren, um ihrem Herrn beizustehen, wenn es die Situation erforderlich machte.
    Martin sah nichts, hörte nichts und spürte nichts mehr. Kapitän Lundgren, der Mann, der als erster Mensch den Mars betreten hatte, war beschäftigt. Er weinte.
    Er weinte nicht nur um Anna, die er für seinen Traum aufgegeben und für immer verloren hatte. Er weinte um alle Dinge, die hätten sein können, und die niemals sein würden. Er weinte um den Verlust seiner Jugend und des Glaubens, das letztlich alles gut werden würde.
    Er hatte dreißig Jahre lang keine Träne vergossen und eine Menge nachzuholen. Eine Flut von Bildern stürzte auf ihn ein. Bilder seiner Eltern, seiner Heimatstadt, von Freunden, die er er schon vor Jahrzehnten aus den Augen verloren hatte. Er war seinem Traum gefolgt und hatte sie hinter sich gelassen. Doch erst jetzt wurde ihm bewußt, wie sehr er sie vermißte. Nie zuvor hatte er sich so einsam gefühlt „ und so verloren.
    „Du brauchst Hilfe“, wiederholte die Stimme in seinem Kopf, doch noch Martin weigerte sich, sie zur Kenntnis zu nehmen. Die Trauer hüllte ihn ein wie eine graue, undurchdringliche Nebelwand. Erst als der Strom seiner Tränen allmählich versiegte, weil er nicht einmal mehr die Kraft zum Weinen besaß, drangen die Worte bis in sein Bewußtsein vor.
    Niemand kann mir helfen, dachte er verzweifelt. Ich gehöre nicht mehr in ihr Leben und sie nicht in meines. Ich habe Anna verloren. Für immer.
    „Du irrst dich, Martin“, ließ sich die Stimme erneut vernehmen, „Nichts währt für immer. Es gibt einen Ort, an dem man dir helfen kann. Möglicherweise.“
    Es dauerte einige Sekunden, bis sich Martin soweit gefaßt hatte, daß er antworten konnte: „Welchen Ort?“
    „Es ist ein See, tief unter den Felsen eines der Täler, die ihr Valles Marineris nennt. Es gibt kein Wort in deiner Sprache für das, was er darstellt.“
    Obwohl Martin nicht zu erkennen vermochte, was ein unterirdischer See mit Anna zu tun haben sollte, weckten die Worte seine Neugier. Umständlich und ein wenig verlegen richtete er sich auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Die Flammen, die den brennenden Mann eingehüllt hatten, waren mittlerweile erloschen. Dennoch schimmerte die Gestalt seines Gegenübers in einem dunklem Rot, als glühe sie von innen her.
    „Wie sollte ein See mir helfen?“ verlieh Martin seinen Zweifeln Ausdruck.
    „Es ist kein natürlicher See“, erklärte die Stimme. „Unsere Vorfahren benutzten ihn in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung. Jetzt bedürfen wir seiner nicht mehr.“
    „Ich verstehe nicht. Was ist er?“
    „Du wirst es erfahren, Martin, wenn du dich entschließt, dir helfen zu lassen.“
    „Ihr würdet mir also den Weg dorthin zeigen?“
    „Das ist nicht mehr nötig“, erwiderte die Stimme gelassen. „Das Mechanowesen, dem du den Namen Metape gegeben hast, besitzt alle notwendigen Informationen. Es wird dich führen.“
    „Wann?“
    „Wann immer du möchtest „ nicht heute. Es ist spät, und du bist erschöpft. Wenn du dem Chanan gegenübertrittst, wirst du all deine Kraft und Entschlossenheit benötigen.“
    „Was ist dieser Chanan?“ fragte Martin und bemühte sich, das Zittern in seinen Knien zu unterdrücken. „Eine Art Orakel?“
    „Nein“, die Antwort kam zögernd, beinahe widerwillig. „Der Chanan beantwortet keine Fragen. Es gibt keine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren. Dennoch wirst du möglicherweise Dinge über dich selbst erfahren, die schmerzhaft sind. Sinngemäß übersetzt bedeutet Chanan „ Spiegel der Seele.“
    Martin dachte darüber nach, kam aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Was er bislang über diesen geheimnisvollen See „ den Chanan „ erfahren hatte, erklärte nicht, wie der ihm helfen konnte, Anna zu finden. Deshalb wiederholte er seine eingangs gestellte Frage noch einmal:
    „Wie sollte der Chanan mir helfen?“
    „Er lernt dich kennen und trifft eine Entscheidung. Möglicherweise.“
    „Dann ist er so etwas wie „ Gott?“
    Die Stimme antwortete nicht. Dafür geschah etwas mit der dunkel glühenden Gestalt, die noch immer den Weg aus dem Tal versperrte. Sie verlor innerhalb von Sekundenbruchteilen ihre Stabilität, zerbrach in Hunderte winziger Segmente, die ihren Glanz verloren und lautlos zu Boden fielen. Der brennende Mann war verschwunden.
    Mit offenem Mund starrte Martin in die Richtung, in der die Erscheinung buchstäblich zu Staub zerfallen war, doch es war nichts zurückgeblieben „ nicht einmal Asche. Der Boden vor ihm war hart gefroren wie der der Umgebung. Winzige Eiskristalle glitzerten im kalten Licht der Sterne.
    Martin mußte die Rummdogs nicht rufen. Sie hatten sich im gleichen Augenblick in Bewegung gesetzt, in dem die leuchtende Erscheinung verschwunden war. Argwöhnisch beschnüffelten sie den Boden und formierten sich schließlich für den Abmarsch.
    Das Tal lag leer und verlassen vor ihnen. Nur der Wind sang leise zwischen den Felswänden, und so blieb es, bis sie im Morgengrauen den Ausgang der Schlucht erreichten.

    Gruß
    K.

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