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Thema: Das wirkliche Blau (Flußspaziergang)

  1. #1
    in nomine Merlei
    Laufkundschaft

    Das wirkliche Blau (Flußspaziergang)

    I. in Old York

    Da saß er nun. Sah auf seinen Monitor. Die Farben verschwammen. Ein Blick zur gläsernen Decke seiner Dachgeschoßwohnung in Greenage Village. Der Himmel grau in grau. Das war seit Jahren so, und es würde sich wohl auch die kommenden Jahre nicht ändern. Mausgrau war modern. Nicht bei ihm. Vielleicht wollten die Leute deshalb seine Collagen in den bunten Magazinen sehen, weil er sich wenig darum kümmerte, was modern war. Er war so eine Art von Gegenbewegung. Aber die Aufträge wurden seltener. Vielleicht ließ er nach. Vielleicht war sein Zenith überschritten. Vielleicht nutzte sich ein stetiges Antisein ab! Wer weiß...

    Es klingelte. Ein kleines, vielleicht achtjähriges Mädchen mit Sommersprossen und langen abstehenden Zöpfen stand in der Tür und wippte in seinen Jesuslatschen vor- und zurück. Es trug ein tiefblaues, leichtes Sommerkleid. In Höhe seines Herzens leuchtete ein goldgelber Mond. Es lächelte aus seinen mausgrauen Augen schelmisch durch ihn hindurch. Es suchte etwas auf seinem Monitor zu erkennen.
    "Was machst du?" fragte es.
    "Nichts", antwortete er lakonisch.
    "Mal mir ein Bild!" forderte die Kleine.
    "Kann ich nicht", warf er ihr trotzig vor.
    Sie stülpte die Unterlippe um und holte aus ihrer Umhängetasche ein Poster.
    "So eins!" sagte sie. Und kurze Zeit und einen Augenaufschlag später hauchte sie noch: "Bitte!"
    Er nahm sich das Poster, entrollte es und sah eine weiße Felsenlandschaft an einer Steilküste. Nur wenige Bäume standen auf dem Felsen, an seinen Füßen schlugen Wellen aneinander. Er spürte eine unbestimmbare Kraft, die ihn sofort in ihren Bann zog. Es war eine andachtsvolle Stille des Kräftigen, die Macht, die nur aus der bewußten Kraft sich speist, die Sehnsucht sucht sich in ihr vergeblich. Er sah das Bild und wußte, was ihm fehlte. Die Kleine lachte immer noch ihr schelmisches Lachen.
    "Wann fährst du?" wollte sie wissen.
    "Ich male dir das Bild, mein Liebes", sagte er, kurz Luft holend. Seine Stimme klang gequält, aber entschlossen. Langsam drehte er sich um und stiefelte zurück in seine Wohnung. Wie betäubt blickte er auf seinen Computerbildschirm, auf dem die Formen nun ineinander flossen. Und seine Auftraggeber? Nun, die würden warten können. Oder besser: Warten müssen. Aber ob sie sich auch so lange gedulden würden? Er zuckte mit den Schultern. Als er mühsam einige Sachen in eine Tasche warf, wurde ihm erst wieder bewußt, wie lange er sein Haus nicht verlassen hatte. Heutzutage traute sich ja auch keiner mehr vor die Tür. Vor dreißig Jahren, da hatten sich noch regelmäßig im Park getroffen und Ideen ausgetauscht. Dann hörten die Treffen plötzlich auf und jeder ging seine eigenen Wege: mit Hast durch die Zeit getrieben, die sie zu überholen drohte. Wie hatten sie damals doch noch gemalt! Er versuchte, sich an seine Studienzeit zu erinnern. Farben! Das war es.
    Aber woher sollte man heute schon Farben bekommen. Er begann, die Schränke seiner Wohnung zu durchwühlen. Schon bald fand er ein kleines Holzkästchen, daß unter einem Berg von Pullovern verborgen war. Pullover hatte er schon seit Jahren nicht gebraucht. Unter seiner Kuppel herrschte ein mildes Klima, welches jegliches Winterutensil überflüssig machte. Der Deckel sprang auf. Farben! Richtige echte Farben! Trotz aller Freude drohte der starke Terpentingeuch ihm den Atem zu nehmen. Was brauchte man noch? Papier! Aber woher sollte man das schon nehmen. Die Magazine kamen übers Internet. Die Einkäufe wurden dort auch bestellt und direkt über einen kleinen Schacht in die Wohnung geliefert. Klopapier war schon seit 25 Jahren aus der Mode. Und das war nun wirklich kein passender Untergrund für ein Bild. Stoff... Wie wäre es mit Stoff? Er raffte eilig zwei weiße Bettlaken zusammen und warf sie und die Farben in den Koffer. Nun war er fahrtbereit.

    Er trat in die kleine Kapsel neben seiner Tür und wurde in Windeseile in den Old Yorker Untergrund befördert. Die Kapsel öffnete sich, spuckte ihn und seinen Koffer förmlich aus und sauste zurück. "Und? Wo wollen Sie hin?" fragte ein Mann in blauer Uniform. "Ähm. Ja, wissen Sie... Ich weiß ja gar nicht... Ich meine..." "Sie wissen nicht, wohin Sie wollen?" Der Reisekoordinator gähnte gelangweilt. "Oh doch! Warten Sie! Ich zeig es Ihnen!" Er entrollte das Poster. "Was steht da? Können Sie es lesen? Verdammt. Gibt es denn hier keine Schaltfläche zum Vergrößern der Schrift?" "Ähm. Nein", sagte er. "Das ist richtiges Papier. Da geht das nicht." "Richtiges Papier? Hab ich ja schon seit Jahren nicht gesehen! Das letzte mal hatte ich welches in der Hand, als damals dieser Klopapierersatz eingeführt wurde. Wissen Sie noch?" Der Uniformierte grinste selig vor sich hin.
    "Caspar David Friedrich steht da", bemerkte er.
    "Und da wollen Sie hin? Nach Caspardavidfriedrich? Noch nie gehört." Der Reisekoordinator tippte den Begriff in seinen Computer. "Tut mir leid. Gibt's nicht. Ist das eine von diesen neuen Jupiter-Stationen? Die sind noch nicht für den Zivilverkehr freigegeben." "Aber nein! Hier steht noch Kreidefelsen auf Rügen. Versuchen Sie es mal damit." "Nach Kreidefelsen?" Der Beamte tippte wieder in Windeseile. "Aber nein" unterbrach er ihn. "Was ist denn mit Rügen?" "Ach so!" Wieder wurde in Windeseile getippt. "Rügen? Ja, ich hab es. Halbinsel... irgendwo in der Ostsee... Vereinigte Staaten von Europa steht hier. Das tut mir leid, aber..." "Was aber? Ich muß dort unbedingt hin!" "Nun, haben Sie denn gestern gar keine Nachrichten gehört? Wir haben vorgestern alle diplomatischen Beziehungen zu Europa abgebrochen. Und gestern haben die Europäer jeglichen Export von Wein und Schokolade gestoppt. Daraufhin erhielten wir strikte Anweisung, niemanden ohne Sondergenehmigung in die betroffene Region reisen zu lassen. Das tut mir wirklich leid, aber..." "Nein! Ich muß dort hin! Mein Leben hängt davon ab!" rief er aufgebracht. "Aber nun... nur weil sie seit gestern keine Schokolade kriegen, müssen Sie doch nicht gleich nach Europa flüchten." "Sie verstehen nicht. Ich bin Künstler. Ich muß das da malen", sagte er nach Verständnis suchend und tippte aufgeregt auf das Bild. "Ich kann Sie jedenfalls nicht durchlassen. - Tut mir leid." Der Reisekoordinator verschränkte bockig seine Arme und war schon bereit, den nächsten Reisewilligen zu sich zu winken.
    "Und wenn ich Ihnen von meiner Reise... sagen wir... fünf Tafeln Vollmilchschokolade mitbringe? Kann ich dann durch?" Die Augen des Beamten weiteten sich: "Fünf Tafeln Vollmilch? Versprechen Sie es denn? - Nein. Das reicht nicht." "Aber natürlich!" sagte er feierlich.

    Er stieg mühsam in eine Kapsel. Eine vertrauenerweckende Damenstimme säuselte Anweisungen. Er befolgte alles und wurde wenig später durch einen der Tunnel gejagt, die man vor 18 Jahren durch die Ozeane gezogen hatte. Nach zehn Minuten stieg die Kapsel wieder über den Erdboden. Auch hier wurde er förmlich ausgespuckt.

    II. auf Rügen

    Die Frau mochte um die fünfzig Jahre alt sein. Sie spielte mit einem Ring an ihrem Finger. Drei Diamanten waren von Silber eingeschlossen. Um den Hals trug sie einen Amethyst, durch den ein Loch ging. Sie hatte schöne Zähne, ihr Lächeln war sanft, ihre Haut weiß, die Figur makellos. Das Kleid war nicht zu weit und eng genug, dies anderen mitzuteilen. Eine Sonne tanzte auf ihrem Herzen. Um ihre Augen war ein Hauch von Traurigkeit. Aber der Mund lächelte, als er sich öffnete. "Kommen Sie aus Old York, um unseren Felsen zu sehen?" fragte sie deutsch. Er hatte seinen Transquilizer nicht eingeschalten und schaute ein wenig hilflos auf den sich bewegenden Mund. Es mußte wohl schon einige Zeit hergewesen sein, daß er sich mit einem Ausländer unterhalten hatte. Sie lächelte kurz und verständnisvoll und schaltete das Gerät an seinem Hals an. Dann wiederholte sie ihre Frage. Sie gingen ein Stück gemeinsam den Weg zum Felsen. Er schleppte seine Malutensilien, sie bückte sich ab und an und hob einen Stein auf, um ihn kurz darauf ins Meer zu werfen. Das Meer war ruhig. Die Sonne fiel hinein. Er wunderte sich, daß er die Brechungen ihrer Strahlen nicht wahrnahm. Dann war sein Blick wieder auf die Frau gerichtet, außerdem mußte er auf die Steine achtgeben, die hier herumlagen. Die Staffelei drückte auf sein Kreuz. Er schwitzte. Dann setzte er sich hin. Sie trat an ihn heran, legte ihre warme Hand auf seine Stirn und sagte etwas, was er nicht verstand: "Du wirst nicht zurückkehren. Dein Platz zum Sterben ist hier. Darum bist du gekommen, Bert!" Sie nahm ihm die Staffelei ab und trug sie schnell die Küste hinauf. Er hatte Mühe, ihr zu folgen. Sie gingen jetzt durch ein Wäldchen. Der Untergrund war weich und schwer. Er hatte das Gefühl, durch Untiefen zu waten. Aber er wollte zu diesem Felsen und folgte seiner Fährerin. Es war nicht viel, was er sah. Aber er wußte, daß er keine Farben sah. Es war kein grauer Himmel, es war kein wirkliches Blau. Es machte keine grünen Fichten am Hang aus, und es waren keine gelblichen Schatten auf der Kreide. Und er wußte, daß er nichts sehen konnte, niemals etwas gesehen hatte und niemals etwas sehen würde. Sie lächelte, nahm seine Hand und führte sie auf die Leinwand. Er malte die Umrisse, die Farben fand sie.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das wirkliche Blau (Flußspaziergang)

    Unbearbeiteter Text der einstigen Nutzerin Merle fürs Flußspaziergang-Buch. Für 19 € ist das Werk käuflich erwerbbar.

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