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Thema: Sieg! (Flußspaziergang)

  1. #1
    in nomine Hageni 2
    Laufkundschaft

    Sieg! (Flußspaziergang)

    Sieg!

    Die Spannung steigt. Sie rennt mit der Stoppuhr neben dem Fluß. Dabei schreit sie ins Megaphon: "Noch 200 m, dann hast du es geschafft. Es wäre ein neuer Rekord, wenn du die Geschwindigkeit hältst. Los schwimm, schwimm, nimm deine Kräfte zusammen!"

    "Seit sechs Stunden kämpfe ich nun schon gegen die Strömung an. Mechanisch schlagen meine Arme gleichmäßig ins Wasser, immer kraftvoll, ohne den Rhythmus zu verlieren. Mein Kopf geht über Wasser - einatmen - dann eintauchen - ausatmen. Ich darf das Gleichmaß nicht verlieren, sonst sind Sekunden verloren. Die Muskeln schmerzen seit geraumer Zeit - aber ich schalte meine Empfindungen aus. Die Wassertemperatur wäre für Ungeübte unerträglich kalt. Ich spüre nichts, meine Haut hat inzwischen Schuppen. Ich weiß, daß mich nur äußerste Disziplin zum Ziel bringen wird. Ich habe keine andere Chance, also werde ich mein Pensum jeden Tag erfüllen - bis zur physischen Vernichtung."

    Ich erinnere mich der Worte meines Großvaters: "Wenn du es nicht schaffst, werden sie dich und mich töten. Allein deine Kraft, deine Unbeugsamkeit ist es, die uns noch leben läßt! Gewinnst du, bringen sie nur mich um, bei dir können sie es sich nicht mehr leisten! Nutze deine Chance, um mich ist es nicht schlimm, ich bin ein alter Mann." Ja, sie lassen meinen Großvater nur am Leben, damit ich mich nicht verweigere. Ich bin ihre einzige Hoffnung. Keiner konnte meine Leistung bringen - alle schieden sie im Vorwettbewerb aus.

    "Noch 100 m", hallt es über den reißenden Fluß, "hervorragend, mach weiter so, halte das Tempo!"

    "Natürlich halte ich das Tempo, ich bin noch nicht am Limit. Ich weiß, daß ich noch mehr Kräfte brauche, morgen werde ich wieder 200 km gegen die Strömung schwimmen. Acht Stunden Schlaf, eine riesige Portion Essen, um die Kalorien wieder zuzuführen, um sie morgen wieder an die Wellen abzugeben. Das ist meine Bestimmung, mein Weg, die Lebensversicherung!"

    "50 m, ..., 40 m, toll, halte durch, du hast es gleich geschafft." Stimmverzerrt vor Aufregung tönt es aus dem Lautsprecher.

    "B e s t z e i t - hurra, Bestzeit, super", schallt es aus dem Megaphon. Ich gleite aus, lege die Arme an den Körper an, tauche ein paar Meter, bis ich am Flußufer wieder über Wasser erscheine. Sie rennt auf mich zu, als ich aus dem Wasser steige. Ich kann mich kaum noch auf den Füßen halten, küßt und umarmt sie mich. Soviel Emotionen bin ich von meiner Trainerin, einer extrem harten Frau, gar nicht gewöhnt. Sie arbeitet eher mit Härte und Disziplin, aber anscheinend ist die heutige Zeit so gut wie noch nie!

    "Ich habe ein ganz gutes Gefühl, du wirst es schaffen können, wenn du so weitermachst!" Mein extrem hoher Puls, meine schnelle Atmung läßt keine Antwort zu, will aber sagen, daß mir keine Wahl bleibt - das weiß sie, das weiß Großvater, das weiß ich.

    Es bleibt noch fast ein Jahr zum Trainieren. Täglich, außer am Sonntag, wird sich noch das gleiche Prozedere abspielen. Mal wird sie begeistert sein, wenn die Stoppuhr eine schnelle Zeit zeigt, mal wird sie brüllen, mich verteufeln, mich antreiben, mir drohen, wenn die Zeit verfehlt wird. Denn: Ich bin die einzige Hoffnung auf einen Sieg. Es werden nächstes Jahr die größten olympischen Spiele der Menschheit gefeiert. Die Königsdisziplin wird erstmalig der Atlantikwettkampf sein. Rund 5500 km von der Atlantikküste Frankreichs bis nach New York werden zu schwimmen sein. Der Sieger wird der größte Held werden - unsterblich, die Nation, die er vertritt wird glänzen! Die Spiele werden von Deutschland ausgerichtet - es werden Spiele zu Ehren der Spiele, die 100 Jahre zuvor stattfanden - 1936 in Germania. Das tausendjährige Reich bekam einen Riß, und das weiß ich nur von meinem Großvater. Das war 1945. Er behauptet, daß Deutschland in Schutt und Asche erstarrte, daß fremde Nationen Deutschland besetzten! Solche Aussagen sind ketzerisch - unglaublich - keiner behauptet so etwas - die Geschichtsbücher schweigen darüber. Aber Großvater bleibt bei seiner Meinung und ich glaube ihm - er ist ein grundehrlicher Mensch, ein belesener Mensch, ein Intellektueller. Er spricht von einer goldenen Zeit, einer Zeit in der Demokratie und Freiheit herrschten, die gerade einmal 60 Jahre hielt, bis der Nationalsozialismus die Macht wieder übernahm. In Germania, einst ich glaube Großvater spricht von Berlin, steht ein Denkmal von Hitler, das 500 m hoch über die Stadt ragt - gleich neben dem historischen Olympiastadium von 1936. 2036 wird die Olympiade zu Ehren der hundert Jahre zuvor stattgefundenen Spiele sein, zur ersten Olympiade des nationalsozialistischen Deutschlands, zur größten Olympiade, die den Ruhm des tausendjährigen Reichs legte. Die Partei ordnete an, daß wir alle Wettkämpfe gewinnen müssen, daß nur die deutsche Nationalhymne erklingen darf! Und dies gilt ganz besonders für den Atlantik-Schwimmwettkampf, der im feindlichen Amerika endet - und dort habe unsere Nationalhymne zu erklingen, daß wir es noch in Deutschland hören!

    Am Horizont sehe ich Großvater neben dem Fluß spazieren gehen. Langsam kommt er auf uns zu. Als meine Trainerin dies bemerkt, verdunkelt sich ihr Gesicht und ihre Euphorie verfliegt. Sie nimmt mich am Arm - und zischt mir zu: "Wenn nur dieser alte Narr, dieser widerspenstige Leugner unserer großen Vergangenheit nicht dein Großvater wäre! Wir hätten ihn schon längst aufgehängt für seine Lügen und Verleumdungen! Dieses dreckige, alte Schwein, dieser Rabulist - er kann froh sein, daß er dich hat." Gut, daß ich noch naß bin und sie so meine Tränen nicht erkennen kann. Tief in meinem inneren trage ich unseren Sieg.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sieg! (Flußspaziergang)

    Unbearbeiteter Text des später bearbeiteten, der im Flußbuch zu finden ist. Bestellung für 19 € plus Versand über diese email.

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