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Thema: Rache

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  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Rache

    Rache

    Am frühen Morgen starb die Frau endlich. Ihre Mörder fühlten sich erschöpft und sehnten sich nach Schlaf. Schon vor einer ganzen Weile waren ihre Wut und ihre Begierde erlahmt. Sie empfanden es als Erlösung, als ein ungeschickter Schlag die Frau tötete. Einer der Mörder packte die nackte Leiche an den Füßen und zog sie aus der Hütte. Dort übergab er sie den Häftlingen. Sie brachten sie dann vorsichtig zu den Öfen, die nie müde wurden, den Gefangenen ein Grab in den Wolken zu scharren. Die kahlgeschorene Frau war noch am Abend zuvor auffallend schön gewesen. Doch jetzt war der kleine, geschundene Leib, den sie zur Verbrennung schleppten, zerstört, die Gliedmaßen im Todeskampf verkrampft. Allein die dunklen, weit geöffneten Augen waren nun ruhig und glänzend.
    Das geschah im Herbst 1944. Die Vorposten der russischen Armee waren nur noch wenige Kilometer vom Lager entfernt. Die Mörder, von denen die meisten die Kriegsgefangenschaft ohne Schaden überstanden, fanden in die neuen deutschen Staaten zurück, passten sich schnell den Verhältnissen an, hatten Familien und arbeiteten als kleine Angestellte auf ihre Rente hin. Selten hatten sie Alpträume. Wenn ihre Kinder nach ihrer Schuld fragten, wurden sie zornig.
    Auch Albert Wegner, der Mann, der den tödlichen Schlag gegen die Jüdin geführt hatte, träumte nur schlecht, wenn er am Abend zu viel gegessen hatte. Ein morgendlicher Kaffee vertrieb ihm aber schnell den Nachgeschmack seiner wenigen unruhigen Nächte. Den Mord hatte er vergessen; er war nur einer der täglichen Morde, die er verübt und ebenfalls vergessen hatte.
    Albert Wegner dachte so lange nicht an die Jüdin, bis er ihr wieder begegnete.
    Er hatte sofort nach der Gefangenschaft geheiratet, bis zu seiner Pensionierung als Buchhalter gearbeitet, zwei Töchter gezeugt und großgezogen. Die Mädchen waren längst aus dem Haus. Er sah sie nur zu Weihnachten, Ostern und seinem Geburtstag, wenn sie ihn abwechselnd zu sich einluden. Wegners Frau war vor drei Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Das hatte ihn am Anfang betroffen gemacht, aber er hatte sich schnell daran gewöhnt, allein zu leben. Er trank jetzt nur etwas mehr Bier.
    Sein Witwerleben war gut eingerichtet, seine hohe Rente half ihm dabei. Vormittags las er im Cafe die Tageszeitung und Illustrierte, aß dann im seinem Stammlokal das Mittagsmenü. Am Nachmittag kümmerte er sich um seinen kleinen Haushalt, den er gewissenhaft führte. Abends sah er fern oder ging in die Wirtschaft um die Ecke, wo er mit Bekannten Karten spielte.
    Dann sah er die tote Jüdin auf der Straße wieder. Sie kam ihm morgens auf seinem Weg ins Cafe entgegen. Als sie an ihm vorüber ging, lächelte ihm flüchtig zu. Sie war modern und elegant gekleidet und sie war nicht älter geworden. Ihr dunkles Haar trug sie noch immer kurz geschnitten. Sie war so schön, dass er sie sofort erkannte. Er hätte jetzt weiter gehen sollen, in seinem Stammcafe einen starken Cognac trinken und mit dessen Hilfe und den Illustrierten versuchen sollen, sie zu vergessen. Aber er konnte nicht weiter, etwas zog ihn hinter ihr her. Er drehte sich um und ging ihr nach, folgte ihr mit nur wenigen Schritten Abstand. Sie schien ihn nicht zu bemerken, denn sie wand sich kein einziges Mal um. Statt dessen verfolgte die Frau ihren Weg zielstrebig. über die Auslagen der Schaufenster streifte sie nur mit oberflächlichen Blicken.
    Während Wegner hinter ihr her ging, sah er ihr resigniertes, blutendes Antlitz vor sich, die aufgeplatzte Wange, die dunklen Augen, vor Angst weit aufgerissen. Dahinter, im Inneren, in der Schwärze der Iris, las er Fassungslosigkeit über das, was mit ihr geschah. Er war nicht derjenige, der auf die Idee gekommen war, diese Frau in die Wachstube zu schleppen, aber er war doch der Zweite, der sie vergewaltigte, während die anderen ihren sich windenden Leib festhielten.
    Er erinnerte sich, wie er sie anschließend mit der Faust schlug, während er sie beschimpfte, diese dreckige, jüdische Hure, die es mit jedem trieb. Einer seiner Schläge rutschte ab, traf sie von unten an der Nase. Wegner konnte spüren, dass sie nachgab, brach. Der Kopf der Frau ruckte nach hinten. Weich fiel sie in die Arme des Mannes hinter ihr, der sie angeekelt zur Seite stieß, damit sie seine Uniform nicht mit ihrem Blut besudelte. Wegner hatte diesen Tod als Erlösung empfunden. Jetzt konnte er wieder zur Tagesordnung übergehen. Sie war endlich tot, die Hure, die ihn erniedrige, die ihn verführt hatte, sie zu vergewaltigen.
    Aber nein: Sie lebte ja. Sie ging vor ihm, tänzelte auf hohen Schuhen, trug einen kurzen Rock, ihr Gesäß rieb bei jedem Schritt in dem engen Stück Stoff hin und her, als wolle sie ihn reizen, seine Tat zu wiederholen. Doch jetzt war er alt und längst nicht mehr fähig zu einer körperlichen Reaktion. Sein Geist jedoch sprang auf die wiegenden Bewegungen an. Während er ihren schlanken Rücken immer gieriger musterte, war nicht mehr viel übrig von dem gutmütigen Großvater, den Wegner sonst darstellte.
    Die Jüdin trat in ein Bürohaus, größte lässig zum Pförtner hinüber. Wegner konnte wieder ihr Gesicht sehen. Es gab keinen Zweifel, sie war es. Er hatte es damals nicht geschafft, sie zu töten. Er sah auf seine Uhr. Es war kurz nach Acht, sie war zur Arbeit gegangen. Heute Abend um Fünf würde er hier wieder stehen und auf sie warten, sie verfolgen und feststellen, wo sie wohnte. Noch hatte er keine feste Vorstellung, was er von ihr wollte. Wahrscheinlich hatte er nur vor, mit ihr zu reden. Aber er war sich dessen nicht sicher.
    Er ging in einen Stehausschank in der Nähe, der so früh am Morgen die Alkoholiker einsammelte. Eine solche Umgebung war nicht seine Welt, aber er wusste im Augenblick keinen besseren Fluchtpunkt, um sich zu erinnern.
    Er stellte sich abseits an die Theke, bestellte einen Cognac. Dann erinnerte sich Wegner an die Dinge, die er über die Jahre verdrängt und weggeschoben hatte. Sie fielen ihm wieder ein. Die Begegnung mit der Jüdin war der Auslöser gewesen. Er erinnerte sich an die Züge, die oft im Stundentakt Menschen brachten, daran, wie sie gleich am Bahnhof die Arbeitsfähigen von den Kranken, Alten, den Frauen und Kindern trennten. Die einen schickten sie zur Arbeit in die Fabriken der IG, die anderen in die Gaskammern. Er erinnerte sich an herausgebrochene Goldzähne, Berge von ihnen, an bis zu den Knochen abgemagerte Menschen, die sie ohne Erbarmen zu Tode prügelten, Hinrichtungen in Massengräbern, immer eine Schicht Leichen, dann ungelöschter Kalk, um den Todesgestank zu unterbinden. Er schwängerte trotzdem die Luft. Er erinnerte sich an Leichen, Tausende, Zehntausende, Hunderttausende. Er stand zwischen ihnen, watete bis zu den Knien im Blut.
    Er litt an den Bildern, die ihm sein Gedächtnis vor die Augen stellte. Zum ersten Mal wurde ihm das Entsetzen, der organisierte Massenmord, an dem er Teil genommen hatte, zur Qual. Ihn schmerzten jedoch nicht seine Taten, sondern die Erinnerung, von der er geglaubt hatte, sie wäre endgültig begraben.
    Der Wirt des Stehausschanks sah den alten Mann lautlos weinen. Er spendierte ihm einen weiteren Weinbrand. Wegner kippte ihn, ohne sich zu bedanken.
    Immer wieder schob sich die Jüdin in den Vordergrund seiner Gedanken, wurde zur Mittelpunkt seines schmerzenden Erinnerns. Immer wieder erlebte er den Augenblick ihres Todes, sah, wie ihr Kopf schlaff und ungelenk nach hinten ruckte, wie ihr Wimmern plötzlich verstummte und wie der nackte Leib zu seinen Füßen lag, gebrochen und blutig. Er hatte damals kein Mitleid mit ihr, zu keinem Augenblick. Nachdem er sie vergewaltigt hatte, hatte er sie sogar gehasst. Nein, er hatte nur Erlösung empfunden. Auch jetzt war in ihm kein Mitleid. Warum auch? Sie lebte ja.
    Das war es, sie lebte, als Zeugin seiner Tat, seiner Erniedrigung. Er hatte eine Jüdin gehabt, eine Judenhure. Mit dieser Erkenntnis begann er, wütend zu werden. Er befürchtete, dass die Frau ihn verriet. Sie musste ihn doch schließlich ebenfalls erkannt haben. Es blieb Wegner nur eine einzige Folgerung: Er musste herausfinden, wo sie wohnte und sie noch töten. Er hatte sie endgültig zum Schweigen zu bringen.
    Kurz schreckte er vor diesem Gedanken zurück, allerdings nicht, weil er Angst hatte, sie zu ermorden. Er fürchtete sich nur vor den Auswirkungen seiner Tat, vor der Verantwortung, die er damit übernahm. Dieses Gefühl war ihm neu: Für seine KZ-Morde hatte er ja keine Verantwortung. Da waren Himmler, das Regime, sein Soldateneid, die ganzen Umstände schuld. Aber er, er war doch nur ein kleines Rad in einer großen Maschine gewesen.
    Wie er es anfangen sollte, diese Frau zu töten, wusste er nicht, er besaß keine Waffen und er traute sich nicht zu, sie zu erwürgen. Er musste es auch schlau anstellen. Auf ihn durfte kein Verdacht fallen. Dieser Gedanke heiterte ihn auf. Es war gut, dass niemand von seiner Verbindung zu der Frau wusste. Man würde bei einem alten Mann wie ihm kein Motiv finden.
    Am Abend wartete Wegner geduldig vor dem Bürohaus auf die Jüdin. Er war jetzt ruhig und entschlossen. Der alte Mann hatte etwas zu viel getrunken und schwankte leicht mit dem Oberkörper. Ihm war auch ein wenig schlecht. Doch seine Hand war in der Manteltasche fest um den Griff eines Küchenmessers gespannt. Er hatte den Nachmittag damit verbracht, das Messer sorgfältig zu schleifen, bis es schließlich mühelos auch den zähen Schinken schnitt, den er von einer seiner Töchter hatte.
    Die Jüdin kam gegen halb Sechs endlich aus dem Gebäude, gerade in dem Augenblick, als Wegner schon aufgeben und heimgehen, sein Unternehmen auf den kommenden Tag verschieben wollte. Sie war mit einer anderen Frau zusammen, die Wegner nicht kannte. Die beiden lachten. Und jetzt, sehr plötzlich, spürte er seine Erregung. Sie zog sich in seinem Unterleib zusammen. Sein Atem ging schneller.
    Er wusste genau, was er zu tun hatte: Er würde der Jüdin folgen. Später dann, wenn es dunkel war, würde er bei ihr klingeln. Sie würde keinen Argwohn hegen und ihm öffnen. Dann wäre da sein Messer. Er hatte es wirklich gut geschärft. Er würde ihr in den Hals stechen, von unten herauf, noch bevor sie reagieren oder schreien könnte. Das war die schnellste Möglichkeit, sie zu töten. Er hatte diesen Fangstoß noch in seiner Ausbildung als Soldat gelernt und er hatte ihn nicht vergessen. Sie würde nach hinten in die Wohnung kippen, nachdem er das Messer wieder aus ihr herausgezogen hatte. Dann würde er einfach die Tür schließen und gehen, so leben wie bisher.
    Zuversichtlich stieß Wegner sich von der Wand ab, an der er gelehnt hatte. Er machte sich auf, die Tat zu vollenden, die er vor dreiundvierzig Jahren begonnen hatte, da draußen, in den ehemaligen Ostgebieten, die jetzt zu Polen gehörten, in dieser Wachstube im Herbst, bevor die Russen kamen. Er machte sich auf, sein schmutziges Werk zu vollenden, seine Arbeit, die er gewissenhaft getan und bei der er nur einmal versagt hatte. Alle waren tot, nur diese Jüdin lebte noch.
    Er trat auf die Straße und jetzt sah sie ihn. Ihre Miene verzog sich entsetzt. Erkannte sie ihn plötzlich? Das war schlecht... Er musste sofort, noch bevor... Er ging noch einen Schritt. Jetzt schrie sie. Im gleichen Augenblick hörte er ein Geräusch. Es war ein hohes, unangenehmes Quietschen. Seine Gedanken rissen ab. Er spürte, wie in seinem Körper etwas zerbrach, er schwer zur Seite geschleudert wurde, in den Schmutz der Gosse. Ein Auto bremste. Es hatte schon die ganze Zeit vergeblich gebremst. Wegner sah nach oben, konnte den Kamin des nahen Fernheizwerks erkennen. War das Blut, das er auf seinen Lippen schmeckte? Er versuchte sich aufzurichten, schließlich hatte er ja ein Ziel. Der Schmerz, den er mit dieser Bewegung spürte, ließ ihn schreien.
    Dann verlor er wohl für einen Moment die Besinnung, denn als er seine Lider wieder öffnete, blickte er in glänzenden, ruhigen Augen der Jüdin. Sie beugte sich über ihn und sprach behutsam zu ihm. Er verstand nicht, was sie sagte. Hatte sein Gehör gelitten? Wieder war Schmerz in seinem Leib, er kochte hinauf zu seinem Gehirn.
    Ihr Gesicht sah sofort sorgenvoll und mitleidig aus. Ihre kühle Hand berührte seine Stirn. Damit konnte sie vielleicht die Umstehenden, aber nicht ihn täuschen. Wegner kam der Gedanke, dass er so nah wohl nie mehr an sie herankommen würde. Jetzt musste er schlau sein. Er versuchte etwas zu sagen, um ihr Gesicht noch näher an seines zu bekommen. Ja, sie tat ihm den Gefallen! Sie neigte ihr Ohr zu ihm herab, bot ihm ihren ungeschützten Hals. So dumm war sie, die jüdische Hure, glaubte, sie hätte schon gewonnen. Seine Hand rutschte am Mantel entlang in die Tasche, fand sein Messer. Jetzt hatte er den Griff in der Hand. Jetzt würde er es doch noch vollenden. Jetzt würde sie gemeinsam mit ihm sterben.
    Was war das für eine lästige Schwärze, die seinen Blick trübte? War das das Dunkle ihrer Iris, in der wieder ihre Fassungslosigkeit stand? Wegners Hand war wie gelähmt. Er versuchte seinen Fangstoß. Aber nun konnte er auch den Arm nicht mehr bewegen. Kraftlos rang er um Atem.
    Bevor er starb, hörte er wieder. Er hörte ihre Stimme. Sie war müde und erschöpft:
    "Der arme alte Mann, ich weiß nicht, was er mir noch sagen wollte... der arme Mann."


    ------------------
    hks
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  2. #2
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    AW: Rache

    toll wie Du den Unterschied zwischen "Mord ohne Verantwortung" und dem persönlichen Mord unterschieden hast. Auch der Hass auf das Opfer. Das einzige was ich nicht verstehe, warum weint er? Wer weint nur weil ihm etwas wieder vor Augen kommt, was er vergessen glaubte, jedenfalls nicht wenn er es nicht neu wertet - und das tut er ja nicht. Das würde ich persönlich weglassen, es sei den er weint seiner Jugend hinterher.
    Schön gesagt:
    Sie brachten sie dann vorsichtig zu den Öfen, die nie müde wurden, den Gefangenen ein Grab in den Wolken zu scharren.


    Kyra

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Rache

    Sehe ich über Deine Distinktion zu evolutiv betrachtenden Passagen einmal hinweg, so bleibt eine Idee, die mir behagt: Wiedergeburt. Schuld und Sühne im Angesicht ewiger Wiederkehr, dazu das Aufbrechen unverarbeiteten Seelenmaterials.
    Ich hätte mich gefreut, wenn Du nach dem ersten Dritteil nicht in die gleichströmende Schiene disparaten Diskurses geschlittert wärest, sondern Augenmerk auf diesen schönen Gedanken der wiedergeburtlichen Vergeltung gelenkt hättest.
    Ironischerweise existierte bei unseren Vorfahren - den ganz vorigen Vormalern - der Begriff des Wiedergängers. Das wäre doch eine schöne Geschichte, wenn die Nennformen draußen blieben und statt dessen die Beiformen Agens der Handlungen und Haltungen würden.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Rache

    Also, da sich sonst keiner mehr für diese Geschichte zu interessieren scheint, beantworte ich mal die Anmerkungen von Kyra und Aero.

    Hallo Kyra, ich danke dir für dein Lob.
    Leider ist das "Grab in den Wolken" nicht von mir, sondern ein Topos aus Celans "Todesfuge". (...dann steigt ihr als Rauch in die Luft dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng...)
    Wegner weint. Er weint nicht aus Trauer; leider weinen die wenigsten Menschen aus diesem Grund. Er weint aus Selbstmitleid, verletztem Stolz, unterdrückter Wut. Der Hass treibt ihm die Tränen in die Augen. Der Wirt versteht das falsch. Er sieht nur den freundlichen, netten Opa. Vielleicht müsste ich das deutlicher formulieren.

    Hallo aero,
    es ist schön, dass du nach den letzten Beiträgen dein virtuelles Dasein nicht aufgegeben hast und ich mal wieder etwas von dir höre, schließlich kann ich mit dir viel besser streiten als mit Robert. Du hast allerdings uneingeschränkt Recht, wenn du mir vorwirfst, die Geschichte würde an ihrem Mittelteil kränkeln. Ich hatte ihn übrigens bereits stark gekürzt habe. Vielleicht wäre es gut, diesen Teil zu streichen und stattdessen die Motivation Wegners durch seine Handlungen zu klären. Ich habe hier sicherlich den einfacheren Weg gesucht.
    Zum Thema Wiedergänger: Natürlich ist eine rächende Wiederkehr nur ein verlogener, geschmackloser Wunschtraum. Deshalb hält die Geschichte bewusst offen, ob es, wie allein der Titel andeutet, wirklich "Rache" ist, die Wegner tötet, oder ob er sich das alles nur einbildet und ihn sein schlechtes Gewissen in einen zufälligen Unfalltod treibt. Die Frau, die mit der Ermordeten identifiziert wird, verrät sich nie. Wenn man allerdings aufmerksam die Tode der Jüdin und Wegners liest, wird man feststellen, dass sie sich auffällig ?hneln und exakt die gleichen Wörter und Bilder benutzt werden.

    Gruß, Klammer.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Rache

    [..]

    Der erste Satz ist ein Hammer für alle Freunde des gepflegten Enkelambettsterbeszenarios, also auch mich. Dann gehst Du, die Spirale dreht sich ein Stück weiter. Gut so.
    Und dann traue ich meinen Augen kaum, in froher Erwartung eines gedeutschelten aci suche ich nach Deinen DASZ-Sätzen. Und ich finde keinen. Na aber! Dann, Hoffnung, aber es ist nur ein
    erstellt von Klammer:
    jetzt bin ich vollends perplex.

    Und schließlich finde ich doch noch was zum Mäkeln. BIS! Du bist so frei, die Zeit mit BIS und ALS zu strukturieren. Natürliche Wörter für eine natürliche Sache. Aber Du überdehnst diese Geschichte mit dem BIS und ALS.

    Zum Inhalt hab ich jetzt noch gar nichts gesagt, was ich aber demnächst nachholen werde.

  6. #6
    kls
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    AW: Rache

    Bis auf die oben angemerkten Fehler, die ich persönlich aber gar nicht registrierte, muss ich uneingeschränktes Lob verteilen. Erinnert es mich an Borchard? Kinsley in der 'Der Tod und das Mädchen'? Ich weiß es nicht, aber dadurch, dass jegliche Betroffenheitsbekenntnis des Autors als Alibi seines Gutmenschenbeweises fehlt, macht die Geschichte spannend. Warum kommt von Klammer nichts mehr?

  7. #7
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Rache

    altersweisheit. er hat erkannt, daß schreiben eitel ist. und da wir hier diesen schritt, das zu erkennen, noch vor uns haben, müßte er sich zu uns herabbeugen. das aber ist einem, der erhaben ist, kaum mehr möglich.

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Rache

    dieser geschichten gibt es viele. ich würde gerne mehr über die anderen opfer lesen, z. b. stalins opfer. im grunde gibts nur einen, der darüber geschrieben hat, nämlich alexander solschenizyn.

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Rache

    zunächst ist karlchen zu danken, dass er den text aus den tiefen des forums gezogen hat. in der tat finde ich den plot spannend, wenn er auch nicht immer stringent ist. die sprache überzeugt über weite strecken.

    Er erinnerte sich, wie er sie anschließend mit der Faust schlug, während er sie beschimpfte, diese dreckige, jüdische Hure, die es mit jedem trieb. Einer seiner Schläge rutschte ab, traf sie von unten an der Nase. Wegner konnte spüren, dass sie nachgab, brach. Der Kopf der Frau ruckte nach hinten. Weich fiel sie in die Arme des Mannes hinter ihr, der sie angeekelt zur Seite stieß, damit sie seine Uniform nicht mit ihrem Blut besudelte. Wegner hatte diesen Tod als Erlösung empfunden. Jetzt konnte er wieder zur Tagesordnung übergehen. Sie war endlich tot, die Hure, die ihn erniedrige, die ihn verführt hatte, sie zu vergewaltigen.
    da gehört klarerweise vorvergangenheit. wie auch in den anderen passagen, wo sie verwendet wurde.

    Er befürchtete, dass die Frau ihn verriet. Sie musste ihn doch schließlich ebenfalls erkannt haben. Es blieb Wegner nur eine einzige Folgerung: Er musste herausfinden, wo sie wohnte und sie noch töten. Er hatte sie endgültig zum Schweigen zu bringen.
    da passt der plot nicht. es gibt davor im text keine hinweis, dass wegener nicht mehr alle tassen im schrank hat. ein bisser mehr bier zu trinken als früher ist zu wenig. also musste ihm klar sein, dass es nicht die jüdin von früher sein kann. die sache spielt ja zumindest 25 Jahre später, rechnet man die zeit der kriegsgefangenschaft wegeners und die zeit, wo seine töchter noch im haus waren, zusammen.

    hier überdribbelte klammer sich selbst. wollte offenbar das konventionelle bild des braven, biederen familienvaters zeichnen, das kriegsverbrechern gerne umgehängt wird und hat dabei übersehen, dass die zeichnung wohl etwas anders vorzunehmen gewesen wäre, um den plot stimmig zu machen: nämlich stärker eine paranoia des protagonisten reinzubringen, damit die realitätsverschiebung einigermaßen plausibel wird. mit dieser unachtsamkeit hat klammer die geschichte für mich gekillt!

    Sie brachten sie dann vorsichtig zu den Öfen, die nie müde wurden, den Gefangenen ein Grab in den Wolken zu scharren.
    ein fürchterliches schiefes bild. Öfen, die ein grab in den wolken scharren! von celan hat es lediglich das grab in den wolken gegeben, immerhin auch eines, das geschaufelt wurde. aber nicht von öfen, sondern menschen.

    grab in den wolken das ist in der tat ein starkes bild. für die juden, die man durch die schlote geblasen hat. da sollte man nichts mehr hinzutun vor allem nicht grabscharrende öfen!

    celan ist eines. klammer ist ein anderes. wer die todesfuge gelesen hat, weiß, dass celan dem schrecken lyrisch kommt. durchgehend.

    klammer schreibt hingegen sehr nüchtern. und das tut seinen geschichten grundsätzlich gut. bei dieser passage aber wurden beide stile zu einem irgendetwas verhunzt, das wenig ansprechend ist.

    xray, ich halte es für nebensächlich, wo die geschichte verortet ist. hier würde ich keine politische symmetrie, korrektheit einfordern. arschlöcher gibt es überall!

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Rache

    schnobs, im gegenteil, ich fürchte, je nachdem, wer mein post liest, könnte auf die idee kommen, mich in die braune ecke zu stellen

    mir gehts eher darum, dass die nazi-opfer aufmerksamkeit bekommen, mitgefühl, etc. und die stalins von der breiten (deutschen) masse gar nicht erst wahrgenommen werden. warum ich so empfinde, liegt sicher in der geschichte meiner familie begründet und in der art und weise, wie die ns-vergangenheit in deutschland "aufgearbeitet" wird.

    ich muss das thema wohl mal selbst verschriftlichen ...

  11. #11
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Rache

    was für ein bullshit, xray. demnächst differenzieren wir noch in gute verbrecher und weniger gute und schlechte. was ist ein verbrecher? jemand, der um seinen vorteil willen andere übervorteilt. am schlimmsten sind die politischen, denn die benutzen menschen bloß als mittel. und genau das ist es doch, was bekämpft werden muß, menschen als mittel für irgendwelche zwecke zu benutzen. dabei spielt es für mich keine rolle, ob dies aus nationalsozialistischen, kommunistischen, kapitalistischen oder religiösen gründen erfolgte. am ende sind sie immer alle tot, die nicht die verbrecher sind.
    kann vertieft werden...

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Rache

    da hast du nicht ganz unrecht, x-ray. hitler sonnt sich im licht der öffentlichkeit. und wer kümmert sich um stalin? niemand!

    tatsächlich ist stalin etwas in vergessenheit geraten. auch lenin mochte ihn postmortal nicht so recht. und so wurden stalins sterbliche grammeln wieder aus dem mausoleum entfernt.

    zwar habe ich in nächster zeit einiges vor. aber ich beabsichtige in nächster zeit auch die große diktatorentriologie abschließen. hitler und mao sind abgehakt. jetzt fehlt noch stalin als der letzte. der allerletzte.

    habe noch ein wenig geduld x-ray, kann 2.hälfte 2009 werden.

    aber dann werden wir den kerl kräftig durchorgeln. versprochen!

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Rache

    Ich bin dieser Art Geschichten einfach müde.
    Man kann wenig falsch machen dabei, weil sie schon allein durch das gewählte Sujet sakrosankt sind und den Autor als "einen von uns, die wir aus der Geschichte gelernt haben" ausweisen.

    Dabei hat niemand tatsächlich etwas gelernt, denn der neue Faschismus kommt gewiß nicht mit der Ankündigung "He, ich bin der neue Faschismus!" über uns, und er hat auch kein braunes Hemd an.

    Kein Verlag kann solche Texte guten Gewissens zurückweisen, setzt er sich doch sonst dem Verdacht aus, nicht an einer angemessenen Vergangenheitsbewältigung interessiert zu sein, selbst wenn dieser Vorwurf von niemandem anders erhoben wird als der eigenen Paranoia.

    Kurzum, ich bin dieser in Worte gegossenen Bekenntnisse der eigenen Empfindsamkeit und Rechtschaffenheit müde.

    K.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Rache

    aber ich beabsichtige in nächster zeit auch die große diktatorentriologie abschließen. hitler und mao sind abgehakt. jetzt fehlt noch stalin als der letzte. der allerletzte.

    habe noch ein wenig geduld x-ray, kann 2.hälfte 2009 werden.
    ich bin gespannt, schnobs!

    was für ein bullshit, xray.


    so ist es doch aber. frag die, die sich einbilden, zu wissen, was richtig ist. sie werden dir sagen, dass hitler der schlimmste verbrecher aller zeiten ist. und wehe, du sagst, wieso?

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Rache

    So, hat die Zeit also wieder einmal eine meiner alten Geschichten nach oben geschwemmt. Ich denke, es ist - auch gegenüber der Rache - nur fair, dass ich als Autor ein paar Dinge dazu sage.
    Ich habe den Text 1985 geschrieben, da war ich 22. Er war Teil meines ersten im Eigenverlag von mir selbst hergestellten Buches Blut geleckt mit der Wahnsinnsauflage von 50 Stück, die ich bei kleinen Lesungen verscherbelte oder verschenkte. Neben Rache fanden sich dort noch Eismanns Wille, Tradition und Eine andere Art der Liebe (diese Texte sind alle hier im Forum zu finden, wenn auch in teilweise stark veränderter Form). Dieses Buch markiert eine Art Anfang, denn mit ihm fand ich auch zum ersten Mal so etwas wie eine Öffentlichkeit und musste viel Kritik einstecken. Kleine Posse am Rande: Rache wurde verfilmt und tingelte durch einige Kurzfilm-Wettbewerbe. Ich besitze leider keine Kopie des Films, da ich mich mit dem Regisseur verstritten habe.
    Rache ist sicherlich die zweitschwächste Geschichte in diesem Buch und ich würde heute so ein Thema nicht mehr anpacken. Das hat jedoch andere Gründe als x-rays und Kassandras Überdruss.

    Zuerst einmal: Der Grund, aus dem ich hier im Moment nicht mehr schreibe, ist nicht meine Überheblichkeit, sondern die unqualifizierten, grotesk dummen Äußerungen mancher Forenmitglieder, die nicht den eigentlichen Text, sondern die Integrität des Autors angreifen wollen. Ich gebe zu, ich bin eine Mimose, wenn mich jemand, der mich nicht kennt, als einen nach Schweiß stinkenden Cordjackenträger bezeichnet. Das ist die Krux des anonymen Internets. Man haut schnell ein paar undifferenzierte Schlagworte hin, traut sich Dinge zu tippen, die man nie in einem normalen Gespräch benutzen würde. (In diesem Zusammenhang hat mich übrigens ausgerechnet Schnobs ausgewogener Kommentar, dem ich vollkommen zustimme, positiv überrascht)
    Ich habe nicht vor, hier noch einmal darzulegen, wie sehr für mich in den Achzigern die Vergangenheitsbewältigung als literarisches Thema im Vordergrund stand und ein Teil meiner persönlichen Auseinandersetzung mit meinem Vater war, der übrigens heute genau der gütige Großvater mit einem Alkoholproblem ist, den die Geister seiner Vergangenheit als SS-ler nicht loslassen. (wenn das interessiert, der möge die Texte von Kleiner lesen, unter dessen Namen ich Bruchstücke aus meinem ersten Roman Das Spiel ins Forum gesetzt habe.) Nein, Kassandra, ich habe sie nicht geschrieben, weil ich der Meinung war, man könne sie gut verkaufen. Ich habe noch nie eine Geschichte einem Verlag angeboten. Ich habe diese Geschichte geschrieben, weil ich mich dazu gezwungen fühlte und weil ich gerne anderen etwas erzählen wollte.
    Ich bin Deutscher (Bayer, Augsburger, Diedorfer, Krodel...) und zu meiner Vergangenheit gehören außer Heine und Hoffmann auch Hitler und Himmler. Seltsam, dass man mir vorwirft, über Dinge zu schreiben, die ich kenne und von denen ich etwas verstehe. Natürlich könnte Rache auch in Russland, in der Türkei oder meinetwegen auf dem Mars spielen, aber diese Mörder, die unsere Väter sind, leben hier unter uns in unserer Heimat, ihnen begegne ich täglich. Rache ist keine Ach-wie-böse-waren-doch-die-Nazis-Geschichte und auch keine Wehret-den-Anfängen-Geschichte, es geht eigentlich auch nicht um Juden und Nazis. Es ist eine Gespenstergeschichte, in der eine Schuld gesühnt wird - es ist Fantasy. Was ich heute noch mag, ist, dass dieser Handlungsclou Rache, nur in der Überschrift steht, die Rächerin selbst gibt sich keine Blöße, wenn man davon absieht, dass sich Anfang und Ende auffällig in der Wortwahl ähneln.
    Diese Geschichte ist misslungen und moralisch zweifelhaft, weil sie das unsägliche Leid der Opfer dazu verwendet, Spannung zu erzeugen. Ihre Moral ist verlogen, weil da nie ein Rächer ist; sie ist sprachlich unreif, der Spannungsbogen hängt in der Mitte durch, der Plot mangels Fähigkeiten nicht ausgearbeitet.
    Das alles weiß ich und doch ist das meine Geschichte, ein Teil meiner Entwicklung als Autor. Sie ist mir wichtig.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  16. #16
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    AW: Rache

    Nein, Kassandra, ich habe sie nicht geschrieben, weil ich der Meinung war, man könne sie gut verkaufen. Ich habe noch nie eine Geschichte einem Verlag angeboten. Ich habe diese Geschichte geschrieben, weil ich mich dazu gezwungen fühlte und weil ich gerne anderen etwas erzählen wollte.
    Ich habe nicht behauptet, daß Du sie wegen des Verkaufens geschrieben hättest, wohl aber, daß es kaum möglich ist, eine derartige Geschichte offen zu kritisieren, ohne in den Ruch eines "Ewiggestrigen" oder "Unbelehrbaren" zu geraten.

    Ich bin Deutscher (Bayer, Augsburger, Diedorfer, Krodel...) und zu meiner Vergangenheit gehören außer Heine und Hoffmann auch Hitler und Himmler.
    So alt bist Du nicht, daß Sie zu "Deiner" Vergangenheit gehörten. Daß Sie zur Geschichte dieses Landes gehören, ist unstrittig.

    Seltsam, dass man mir vorwirft, über Dinge zu schreiben, die ich kenne und von denen ich etwas verstehe.
    Ich bin mir nicht sicher, daß Nachgeborene tatsächlich etwas von dieser Zeit verstehen, das über die reinen historischen Tatsachen hinausgeht.

    Natürlich könnte Rache auch in Russland, in der Türkei oder meinetwegen auf dem Mars spielen, aber diese Mörder, die unsere Väter sind, leben hier unter uns in unserer Heimat, ihnen begegne ich täglich.
    .
    Eben diese (unzulässige) Verallgemeinerung (Väter = Mörder) ist es, die ich in ihrer Selbstgerechtigkeit für unerträglich halte. Niemand bezweifelt ernsthaft, daß es Henker gab und gibt, die straflos davongekommen sind. Aber wie groß ist deren Zahl im Verhältnis zu der jener, die ohne eigenes (juristisches) Verschulden erschossen erschlagen, verschleppt, vergewaltigt oder vertrieben wurden? 1:100? 1:1000? Gewiß auch als Folge des verbrecherischen Krieges der Nazis, aber im Grunde ohne die Möglichkeit, dem Verhängnis durch eigenes Handeln zu entgehen. Diese Menschen sind aus unserer (offiziellen) Geschichtsbetrachtung herausgefallen. Man schämt sich ihrer mehr, als daß man sie bedauert. Das ist für mich unerträglich, denn wie kann man den Opfern der Nazis Empathie entgegenbringen, wenn man es den Angehörigen des eigenen Volkes gegenüber nicht kann? Weil man es verlernt hat, zu trauern? Ich behaupte: gar nicht. Was wir tagtäglich erleben, sind karrierefördernde Lippenbekenntnisse und das Absondern eingelernter Worthülsen ...

    Wenn ich allerdings gewußt hätte, daß Dein Text aus den Achzigern stammt, hätte ich nichts dazu geschrieben. Ich dachte, er sei neu. Und die Auflösung ist wirklich gelungen.

    Gruß
    K.

  17. #17
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    AW: Rache

    Ich habe nicht vor, hier noch einmal darzulegen, wie sehr für mich in den Achzigern die Vergangenheitsbewältigung als literarisches Thema im Vordergrund stand und ein Teil meiner persönlichen Auseinandersetzung mit meinem Vater war,
    das verstehe ich gut, klammer!

    aber diese Mörder, die unsere Väter sind, leben hier unter uns in unserer Heimat, ihnen begegne ich täglich.
    die meisten, auf die das zutrifft, sind längst tot.
    in deinem persönlichen umfeld ist es offenbar anders. dann müsste das aber auch präzise formuliert sein und schon hätte deine aussage eine ganz andere, nämlich authentische, kraft statt pauschal zu sein und opfer zu tätern zu machen.

    Diese Geschichte ist misslungen und moralisch zweifelhaft, weil sie das unsägliche Leid der Opfer dazu verwendet, Spannung zu erzeugen. Ihre Moral ist verlogen, weil da nie ein Rächer ist; sie ist sprachlich unreif, der Spannungsbogen hängt in der Mitte durch, der Plot mangels Fähigkeiten nicht ausgearbeitet.
    harsche selbstkritik. da muss ich im detail noch mal schauen, ob ich das auch so sehe. melde mich nochmal


    die geschichte ist in diesem teil misslungen, finde ich:

    Die Mörder, von denen die meisten die Kriegsgefangenschaft ohne Schaden überstanden, fanden in die neuen deutschen Staaten zurück, passten sich schnell den Verhältnissen an, hatten Familien und arbeiteten als kleine Angestellte auf ihre Rente hin. Selten hatten sie Alpträume. Wenn ihre Kinder nach ihrer Schuld fragten, wurden sie zornig.

    an dieser stelle hab ich beim ersten lesen nicht weiter gelesen.
    diese passage ist für die geschichte 1. belanglos, 2. spricht hier der autor und nicht der mörder = ich als leserin brauche keine belehrung oder politisch korrekte ansage. ich mag nicht bevormundet zu werden -> 3. fataler plot- und strategiefehler des autors.

    du reagierst emotional in deiner selbstkritik statt objetive kriterien des schreibhandwerks anzulegen. ich sehe das so:

    damit geschichten anklang finden - und das ist ja unser ziel als autoren! - brauchen sie u. a. einen spannungsbogen. der ist dir gelungen!
    ich drehe den spieß um - es ist moralisch verwerflich sich keine gedanken zum aufbau des plots zu machen, insbesondere bei geschichten, in denen es um leid geht, das menschen angetan wurde. grund: kein schwein liest so einen text. ergebnis: die opfer bleiben weiterhin ungehört.


    was du mit verlogener moral in bezug auch rächer meinst, verstehe ich nicht. wie meinst du das?

    ich finde, die überschrift passt nicht zum tenor des textes. insofern führt der titel mich in die irre. an deiner stelle würde ich einen anderen titel wählen.

    der plot ist aus meiner sicht nicht komplett ausgearbeitet. er ist unlogisch, denn der mörder hat ja seine vergangenmheit vergessen, wie du schreibst. warum kommt die erinnerung plötzlich zurück.

    ich lese das so: er sieht eine reale frau auf der straße. etwas an ihr (was? das fehlt im text) holt seine erinnerung zurück. das könnte z. b. ihre stimme sein, eine geste, ein geruch, ... das müsstest du meiner ansicht nach einfügen, dann ist der plot rund.

    sprachlich finde ich nix zu meckern, das sich lohnte erwähnt zu werden

    hab ich gelernt aus deinem text?
    kleinigkeiten in ausdruck und stimmigkeit sind das zünglein an der waage. je brisanter das thema, desto genauer müssen autoren konzipieren + fabulieren

    in zensuren ausgedrückt ne 2 +

    guten rutsch wünsch ich dir, klammer! und ich würde mich freuen, wenn du hier wieder mitmachen würdest! das schreibt dir eine virtuelle freundin deiner texte aus längst vergangenen forumszeiten. einen habe ich sogar auf meiner festplatte gespeichert. ja, ja, sachen gibts

    lg
    xray

  18. #18
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Rache

    Ich bin Deutscher (Bayer, Augsburger, Diedorfer, Krodel...) und zu meiner Vergangenheit gehören außer Heine und Hoffmann auch Hitler und Himmler. Seltsam, dass man mir vorwirft, über Dinge zu schreiben, die ich kenne und von denen ich etwas verstehe. Natürlich könnte Rache auch in Russland, in der Türkei oder meinetwegen auf dem Mars spielen, aber diese Mörder, die unsere Väter sind, leben hier unter uns in unserer Heimat, ihnen begegne ich täglich. Rache ist keine Ach-wie-böse-waren-doch-die-Nazis-Geschichte und auch keine Wehret-den-Anfängen-Geschichte, es geht eigentlich auch nicht um Juden und Nazis. Es ist eine Gespenstergeschichte, in der eine Schuld gesühnt wird - es ist Fantasy.
    ...
    Das alles weiß ich und doch ist das meine Geschichte, ein Teil meiner Entwicklung als Autor. Sie ist mir wichtig.

    Gruß, Klammer

    So alt bist Du nicht, daß Sie zu "Deiner" Vergangenheit gehörten. Daß Sie zur Geschichte dieses Landes gehören, ist unstrittig.
    das ist eine frage der identifikation, kassandra. ich nehme für mich auch in anspruch, auf goethes grab zu stehen, auf seinem wie auf kafkas und dem meines ss-großvaters, wie auch auf dem meiner spd-urgroßmutter... ich nehme das an. ich bin humanist und behaupte von mir, alles in allem zu sein. ich nehme das als geschenk, verpflichtung, als fluch und als herausforderung gleichermaßen. alles zu seiner zeit. und ich sehe das als einen tiefen und gewaltigen brunnen, aus dem ich bis an mein lebensende schöpfen kann. verbiegungen, lippenbekenntnisse? das ist was für mimosen (muschis, wie solche leute der magdeburger nennt), nichts für mich. aber mache das bitte jeder mit sich selbst aus. ich verachte leute nicht, die den einfachsten weg gehen, die karriere machen und ich verachte auch das politische system nicht, das sie sich gaben und geben. aber ich bekämpfe es. es ist der uralte kampf.
    ich hatte mal verachtung übrig für menschen, die nicht so tickten wie meinereiner. inzwischen nehme ich sie an. das bedeutet nicht meine unterordnung.
    und ganz abgesehen davon habe ich urvertrauen zu meinen vorfahren. das, was sie taten, wird einen grund gehabt haben. wenn mein ahne jemanden getötet haben sollte, wird er einen grund besessen haben. und ich werde den teufel tun, ihn als nachgekommener zu verurteilen. seit wann ist das küken schlauer als die henne? immer schon? na dann ist es auch egal.

    du sprichst auffallend oft von den oberflächlichen lippenbekenntlern. hat das einen grund?

  19. #19
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    AW: Rache

    hm.ich denke, wenn klammer ein russe wäre, hätte er stalin genommen.
    als deutscher muß man nicht auf fremdes zurückgreifen, das hätte hier dümmlich evasiv gewirkt.
    das ist aber nicht der punkt.
    die nemesis ist hier sehr gut charakterisiert und sie ists ja, die im mittelpunkt steht. ein sozusagen anonymes wirken greift in ein leben ein - und in welchem leben fände es keine schuld?
    das facettenreiche ergibt sich daraus, daß nur auf der oberfläche eine rache der frau im raum steht, eine rache aller opfer gar nicht angedacht sein kann, aber wie viel tiefer ist die rache des täters...
    einer also, der sich rächen will, einer, der angst hat, daß an ihm gerächt wird, einer, der durch all das rächt und doch sich alles nur in seinem hirn abspielt. die chance, vertieft zu verstehen und zu bereuen, vertan und schon greift ein banaler verkehrsunfall ein. der arme mann - so spricht die nemesis zum schluß.

    klammer, an die schreibtafel bitte, deine schöpferische pause war schon lange genug - bin gespannt, was du jetzt drauf hast...

  20. #20
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    AW: Rache

    gerade weil wir deutsche sind, schreit dieses thema doch nach den vielen schicksalen, die bisher nicht zu wort kamen, und dazu gehört eben auch der blick nach osten. finde ich

  21. #21
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    AW: Rache

    du sprichst auffallend oft von den oberflächlichen lippenbekenntlern. hat das einen grund?
    Schau Dich um, sieh in die Gesichter hinter all den wohlgesetzten Worten. Da ist nichts außer wieselflinken Blicken, die abzuschätzen suchen, ob das Gesagte auch Gnade findet vor den Ohren der Wortrichter, die darüber entscheiden, wer weiter mitspielen darf im Spiel der vermeintlich Mächtigen und wer zur Unperson erklärt wird.

    Es ist so ermüdend und würdelos.

    Dennoch Dir und allen Foristen einen Guten Rutsch und ein besseres Neues Jahr.

    K.

  22. #22
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    AW: Rache

    also, ich wundere mich.

    was kann ein kleiner text dafür, daß er zugleich etwas leisten soll, was tausend andere texte besser geleistet haben, und etwas nicht leistet, was noch kein text vor ihm leisten konnte?
    und wie kommt er dazu, daß er nicht in dem gewürdigt wird, was er tatsächlich leistet? nicht einmal vom autor, der ihn in der erinnerung färbt?

    die längste passage im text beschreibt die rachegedanken eines mannes, der sich an einer frau dafür rächen will, daß sie "ihn dazu verführt hat, sie zu vergewaltigen". oditamor. welche umstände ihm dies zusätzlich erleichterten, das zeitkolorit (etwas parasitär zur aufmöbelung mißbraucht), der anker in die geschichte - das ist an diesem text nicht bedeutend.

    und hier wird doch, wenn man so will, von einem ganz anderen opfer der geschichte gesprochen, dem mann, der zwar auf der geschichtlichen machtseite steht, sich aber dennoch zum opfer erniedrigt sieht. das treibt ihn doch um. nicht seine eigenen opfer, nicht die vielen, die er "täglich" getötet hat.



    kassandra, was ist denn mit dir? sprichst du von der bundesrepublikanischen wirklichkeit? vom forum? von uns hier?

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Rache

    Natürlich nicht vom Forum, aber vom Land, in dem ich lebe.
    Guten Rutsch!

    K.

  24. #24
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Rache

    ich finde, klammers text leistet ne menge gutes - z. b. dass wir hier miteinander reden!

    kommt alle gut rein

  25. #25
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    AW: Rache

    das finde ich auch, xray

    und ja, kassandra, deshalb reden wir hier ja dagegen an und bringen alle unsere unterschiedlichkeiten voll mit ein

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