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Thema: Beginn einer Kurzgeschichte

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Beginn einer Kurzgeschichte

    Da spiegelt sich etwas in den Pfützen auf dem Bahnsteig. Da tropft etwas mit dem Regenwasser vom Vordach der Station. Da kündigt sich bereits der vertraute Geruch von in der Sonne trocknendem Asphalt an - dem weniger angenehmen Geruch nasser Hunde nicht unähnlich. Es regnet noch, die Sonne hat die dünner werdende Wolkendecke noch nicht besiegt. Aber da ist schon etwas. Etwas ist da.
    Leon Bennet verläßt das Bahnhofsgebäude mit grauem Kunstlederkoffer und Leinentasche, auf der filzstiftgeschriebene Worte wie Peace und No Future bis zur Unkenntlichkeit verblaßt sind. Und jetzt ist da ein Regenbogen, ein buntleuchtendes Portal am Horizont, das man nicht durchschreiten, das man nur bestaunen kann. Und da ist ein Taxi, das herangewunken wird, und ein schwergewichtiger Fahrer mit Baskenmütze und Nickelbrille, der einem wortlos das Verstauen des Gepäcks im Kofferraum abnimmt.
    Rein in den Wagen und raus aus der Stadt. Eine kichernde Gruppe dreizehn- bis vierzehnjähriger Mädchen fährt mit linkischer, den letzten Rest Selbstverständlichkeit noch entbehrender, die Unsicherheit aber einfach wegkichernder Anmut bemalte Lippen, lackierte Fingernägel und erste Büstenhalter spazieren. Rentner drohen der erwachten Welt mit erhobenen Gehstöcken und strafen Autos, Hundebesitzer und spielende Kinder mit verbissenen Blicken. Die Sonne vertreibt endlich kapitulierende Wolken.
    Raus aus der Stadt, dem uneinholbaren Regenbogen hinterher.
    Ein Brief wird aus der Innentasche des Jacketts geholt und zum viertenmal an diesem Tag gelesen.

    Sechs Stunden mit dem Zug und zehn Minuten mit dem Taxi; nicht einmal einen Arbeitstag dauert es, eine Distanz von fünfzehn Jahren zu überwinden. Ein paar Doppelhäuser im Einheitsstil am Ortsrand, ein kleines Industriegebiet dort, wo früher Kühe grasten - ansonsten ist das Dorf nahezu unverändert. Hier ist der wahrscheinlich kleinste Supermarkt der Welt, dort der Hof des Bauern Nieveling, auf dessen Scheune in grauer Vorzeit die Worte Laßt euch nicht BRDigen geschrieben wurden, und obwohl sie niemand las, als Bauer Nieveling selbst, der sie fluchend abzuwaschen versuchte und dann mit weißer Farbe übertünchte, war es wichtig und unbedingt notwendig gewesen, sie zu schreiben.
    Treffpunkt Am Karpfenteich. Der Wirt ist ein anderer als damals, aber die Dorfkneipe sieht aus, wie sie immer ausgesehen hat - niedrige Decke mit Holzverkleidung, Hirschgeweihe und tote Fasane, ein Glücksspielautomat. Nadine und Max sitzen am Stammtisch hinter Bier und Erdnüssen, und die alten Attitüden kommen wie von selbst: Ein kurzes Kratzen am Hinterkopf und eine nihilistische Drehung auf der Ferse, grinst Leon Bennet schräg an der Welt vorbei, bis sie ihn entdeckt.
    "Schön, daß du gekommen bist", sagt Nadine. Max verzieht keine Miene, und Leon setzt sich an den Tisch und bestellt ein Bier beim wartenden Wirt.
    "So sieht man sich also wieder", sagt Max und legt die geplatzten Träume eines halben Lebens in diese Worte. Mit distanzierter Belustigung bestaunt man gemeinsam die Hirschgeweihe an den Wänden, als hätte man in ihnen nun die gesuchte Rechtfertigung für dieses Treffen entdeckt. Die wahre Rechtfertigung ist jedoch ein Brief, der in der Innentasche von Leons Jackett steckt.
    "Wann kommen die anderen?"
    "Marion und Lukas wollten kommen", sagt Nadine. "Stefan hat abgesagt und wo die anderen jetzt wohnen weiß ich nicht."
    "Weißt du, warum sie es getan hat?"
    "Lisa ist als einzige von uns nie hier herausgekommen. Und sie hatte wohl schon seit längerem psychische Probleme. Ich habe mit ihrer Mutter gesprochen..."
    "Wann ist die Beerdigung?"
    "Morgen."
    Leon versucht der Erdnüsse habhaft zu werden, die er in den Ausschnitt seines Pullovers geschüttet hat. Die anderen sehen nicht hin.
    "Was hat sie eigentlich hier gemacht in all den Jahren?"
    "Sie hat gemalt."
    "Und davon konnte sie leben?"
    "Nein, nicht wirklich. Sie hat das eine oder andere Bild verkauft, war aber immer pleite, soweit ich weiß. Aber sie wollte nichts anderes machen."
    "Scheißspiel", sagt Leon. "Ich mochte sie sehr gern."
    Nadine und Max nicken wortlos.
    Zwei Stunden später sitzt man zu fünft am Tisch. Marion ist noch schöner als damals, denkt Leon. Nach dem Essen lehnt man sich zurück und lächelt zufrieden, vernichtet letzte Unsicherheiten mit großen Schlucken aus steinernen Bierkrügen und fünfzehn Jahre Dorfabstinenz schrumpfen auf zwei Zentiliter Aquavit zusammen, um dann restlos ausgemerzt zu werden. Das Gespräch ist eine endlose Kette von "Wißt-ihr-nochs", die von kopfschüttelndem Gelächter begleitet werden.
    "Wir wollten Nievelings Hof kaufen und eine Künstlerkommune gründen." - "Und Cannabis anbauen." - "Ich werde nie den Gesichtsausdruck meiner Mutter vergessen, als ich mit lila gefärbten Haaren nach Hause kam." - "Den Karpfenteich wollten wir übernehmen und daraus einen Treffpunkt für Musiker und Literaten machen." - "Eigentlich wollten wir das ganze Dorf absorbieren."
    "Aber irgendwann wollten wir nur noch raus", sagt Max. "Nur Lisa nicht. Lisa war eine Träumerin."
    "Wir haben alle geträumt", sagt Nadine. "Könnt ihr euch eigentlich noch erinnern, wie ernst wir unsere Träume damals genommen haben, oder habt ihr das vollkommen vergessen, ihr Juristen, Lehrer und Immobilienmakler?"
    "Wir sind erwachsen geworden", sagt Lukas in einem Tonfall, der fest an sich glaubt, dem aber die Zähne fehlen.
    "Lisa ist auch erwachsen geworden, aber sie hat nie aufgehört, an ihre Träume zu glauben."
    "Was soll denn das jetzt werden?" fragt Marion.
    "Das führt zu nichts", sagt Leon. "Lisa ist tot."
    "Sorry," sagt Nadine - ihre Zigarette zittert zwischen Zeige- und Mittelfinger - "aber Lisa war mal meine beste Freundin."

    Marion, Max und Lukas übernachten in einem Hotel in der Stadt. Nadine schläft im Haus ihrer Eltern und Leon schläft bei ihr.
    "Ich mochte dich schon immer", sagt sie. "Jetzt liegst du zum erstenmal in meinem Bett, und ich bin fast vierzig. Nur an Marion scheint die Zeit spurlos vorbeigegangen zu sein."
    "Du hast keinen Grund, dich hinter ihr zu verstecken."
    Nadine lächelt. Leon streichelt ihre Brüste.
    "Weißt du, warum Lisa sich umgebracht hat?" fragt er. "Was waren das für psychische Probleme? Oder war da noch was anderes?"
    "Ich weiß es nicht. Sensibel war sie ja schon immer, aber ich glaube, es ging auch um Geld. Sie hatte Schulden."
    "Hat ihre Mutter dir das erzählt?"
    "Nein, das... das weiß ich von ihr selbst."
    Leon fragt nicht weiter, denn da liegt etwas in der Luft, da schwingt etwas in ihren Worten mit, das aus dieser Nacht eine Endlosdiskussion machen könnte, und er möchte noch einmal mit ihr schlafen. Ein andermal, denkt Leon. Vielleicht morgen. (...)

    Diesen Textauszug hatte ich bereits in ein anderes Forum gestellt, hatte aber Schwierigkeiten, mit den Kritiken umzugehen, weil sie (meiner Meinung nach) so fundamental waren, daß von dem Text nichts übriggeblieben wäre, wenn ich sie umgesetzt hätte. In erster Linie ging es um sprachliche Überladenheit (ein mir nicht unbekanntes Problem bei meinen G'schichten) und inhaltliche Leblosigkeit.
    Für ein paar Tipps wäre ich dankbar

    Gruß, Mark



    [Diese Nachricht wurde von Mark am 08. August 2001 editiert.]

  2. #2
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    AW: Beginn einer Kurzgeschichte

    Tja, Mark, alter Racker, da machen wir wohl ein bißchen Krautrübensalat. Schlage Dir vor, daß Du die Geschichte von der psychologischen Bestandheit her ab änderst.
    Die Leute treffen sich. Schön. Nimm die Beschreibungen des alt-neuen Lebensumfeldes ernst, also Breite. Die Anfangsgespräche aber nimm nicht ernst, also streiche und verknappe, bis die Sprache auf Lisa kommt. Dann Breite und Abbruch. Vertröstung auf ein später. Keine Nennung des Grundes, warum man sich traf. Nur ein Dasz! So erzeugst Du Spannung, kannst aber auch ins Kraut schießen. Später darfst Du dann breit ausschweifen und..., Zählbares am Ende? Wer weiß?

    Wie singen es Pankow: Sie beißt ?nen alten Pfefferkuchen an... mit Elan!


  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Beginn einer Kurzgeschichte

    Nun ja, die Gespräche (bevor das Gespräch auf Lisa kommt) habe ich auch nicht besonders ernst genommen, deshalb bestehen sie ja auch nur aus:
    Zitat: "Schön, daß du gekommen bist"
    und
    Zitat: "So sieht man sich also wieder"
    und
    Zitat"Wann kommen die anderen?"
    und
    Zitat:"Marion und Lukas wollten kommen, Stefan hat abgesagt und wo die anderen jetzt wohnen wei? ich nicht."
    Ich wüßte nicht, wie ich das noch (sinnvoll) verknappen sollte.

    Ansonsten klingt's schon recht plausibel, was Du schreibst. Vielleicht sollte ich den Grund des Treffens wirklich nicht (auch nicht durch Andeutungen?!) benennen. Werde mir was überlegen.

    Gruß, Mark

  4. #4
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    AW: Beginn einer Kurzgeschichte

    Ich verbinde die Breite Deiner Schreibe mit der Gegend, die Du schilderst. Alles ist langsamer, sollte ruhige Bahnen laufen. Rentner drohen der erwachten Welt...Dorfidylle, in der die Haben-Wollen-Wünsche wachsen. Eine störte...gefällt mir und weckt Neugierde.

  5. #5
    Henry
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    AW: Beginn einer Kurzgeschichte

    Hallo Mark,
    ich schätze, die Hinweise von Robert verunsichern Dich mehr als sie helfen. Nur Du allein kannst wissen, wo du mehr in die Breite, d.h. ausführlicher, werden kannst und was zu verknappen ist. Verknappen kannst Du alles, was im Kontext zum Thema und zur Handlung - auch im weiteren Verlauf der Geschichte - nicht von Bedeutung ist. In die Breite solltest Du mit Absicht gehen - wenn Handlungen Charaktereigenschaften zeichnen sollen oder Lebensumstände oder ähnliches. Stell Dir vor, Du erzählst auf einem Zeitstrahl - da gibt es wichtige Momente für zehn Seiten und Tage für eine Seite.

    Grüße
    Henry

  6. #6
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Beginn einer Kurzgeschichte

    Klingt es so, wie es eben klingt?

    Eine breit angelegte Kurzgeschichte hat was. Epische Breite mit den Elementen des Überschaubaren. Flachlandepigonentamtam. Oh oh. Ich werd wohl mal einen Schluck trinken müssen, um geradewegs gerade zu sein.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Beginn einer Kurzgeschichte

    Ich mag den Text mit den knappen Dialogen. Alles andere gehört gerafft, da ist viel überflüssig und das ist auch noch verdreht. Hab 2 mal reingepickt:

    Und da ist ein Taxi, das herangewunken wird, und ein schwergewichtiger Fahrer mit Baskenmütze und Nickelbrille, der einem wortlos das Verstauen des Gepäcks im Kofferraum abnimmt.
    Er winkt einem Taxi; der fette Fahrer, mit Nickelbrille und Baskenmütze, verstaut wortlos das Gepäck im Kofferraum.
    (Gare du Nord?)
    Leon fragt nicht weiter, denn da liegt etwas in der Luft, da schwingt etwas in ihren Worten mit, das aus dieser Nacht eine Endlosdiskussion machen könnte, und er möchte noch einmal mit ihr schlafen. Ein andermal, denkt Leon. Vielleicht morgen. (...)
    Was liegt in der Luft? Was schwingt in ihren Worten mit? Sag das, oder sprich nicht drüber. Und sag mir, was er genau auf morgen verschieben will. Seine Lust, oder ihr Gerede?
    Gruß M

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