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Thema: Eine kleine Geschichte

  1. #1
    Christiane S.
    Status: ungeklärt

    Post Eine kleine Geschichte

    Mein Freund öffnete eine Schublade der Kommode seiner Frau und holte daraus ein kleines Paket hervor, das in Seide eingewickelt war:
    «Dies ist nicht einfach ein Paket, darin ist feine Wäsche.»
    Er betrachtete die Seide und die Spitze.
    «Dies habe ich ihr vor 8 oder 9 Jahren in New York gekauft, aber sie hat es nie getragen.
    Sie wollte es aufbewahren, für eine besondere Gelegenheit. Nun ja, ich glaube jetzt ist der Moment gekommen.
    Er ging zum Bett und legte das Päckchen zu den anderen Sachen, die der Bestatter mitnehmen würde. Seine Frau war gestorben.
    Er drehte sich zu mir um und sagte: «Hebe niemals etwas für einen besonderen Anlass auf. Jeder Tag, den du erlebst, ist besonders!»
    Ich denke immer an seine Worte, sie haben mein Leben verändert.
    Heute lese ich viel mehr als früher und putze weniger. Ich setze mich auf meine Terrasse und genieße den Blick in die Natur, ohne mich am Unkraut im Garten zu stören.
    Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden und arbeite weniger.
    Ich habe begriffen, dass das Leben aus einer Sammlung an Erfahrungen besteht, die man zu schätzen wissen sollte.
    Außerdem schone ich nichts.
    Ich nehme die guten Kristallgläser jeden Tag, und ziehe meine neue Jacke zum Einkaufen im Supermarkt an, wenn mir danach ist.
    Ich hebe mein bestes Parfum nicht mehr für Festtage auf sondern trage es, wenn ich Lust habe.
    Sätze wie «irgendwann» und «eines Tages» werden aus meinem Vokabular verbannt.
    Wann immer es sich lohnt, will ich, was mir in den Sinn kommt, gleich sehen, hören und machen.
    Ich weiß nicht, was die Frau meines Freundes getan hätte, hätte sie gewusst, dass sie morgen nicht mehr da ist (ein Morgen, das uns viel zu sehr egal ist).
    Ich denke, sie hätte ihre Familie und enge Freunde angerufen. Vielleicht hätte sie sich bei alten Freunden für Freunden für einen Streit entschuldigt, der lange her war.
    Ich stelle mir gern vor, dass sie chinesisch essen gegangen wäre (zu ihrem Lieblings-Chinesen).
    Es sind die ganz kleinen nie getanen Dinge, die mich ärgern würden, wenn ich wüsste, dass meine Stunden gezählt sind.
    Ich wäre traurig, gute Freunde nicht mehr getroffen zu haben, mit denen ich schon so lange Kontakt aufnehmen wollte (irgendwann, eben).
    Traurig, dass ich die Briefe nicht mehr geschrieben habe, die ich schreiben wollte «irgendwann, eben».
    Traurig, dass ich meinen Lieben nicht oft genug gesagt habe, dass ich sie liebe.
    Inzwischen verschiebe ich nichts mehr, bewahre nichts für eine besondere Gelegenheit auf, was ein Lächeln in unser Leben bringen könnte.
    Ich sage mir, dass jeder Tag ein besonderer Tag ist. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist besonders...

  2. #2
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    AW: Eine kleine Geschichte

    Herzlich willkommen im Jetzt. Schön, dass jetzt jemand den Mut fand, diesen ehemals leeren Ordner mit Leben zu füllen.

    Eines Tages saßen das Jetzt, das Gestern und das Morgen am Strand. Das Jetzt schlug vor, etwas zu spielen, um die Lethargie zu vertreiben, doch das Gestern antwortete: "Jetzt nicht, nervendes Jetzt." Das Morgen war sich noch nicht klar darüber, was es tun wollte und sprach: "Vielleicht Morgen früh am Morgen."

  3. #3
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    AW: Eine kleine Geschichte

    Als das Jetzt am nächsten Morgen was erleben wollte, sprach es zur Lethargie: "Lass uns Staunen spielen!"

    Da sprach die Lethargie: "Ich spiel sonst nie. Aber siehst Du dort die Schönheit da vorne im Meer schwimmen?"

    Auch das Jetzt blickte zur Schönheit hin, war begeistert und blickte sich um. Neo Kortex sprach zum Glück nicht. Angesichts der ungeahnten Aktivität der Lethargie wollte das Gestern nicht mehr schweigen und berief sich auf das Morgen, um die Negativität des Jetzt zu erklären. Als dann im Meer - neben der Schönheit noch die Einzigartigkeit zu erkennen war, fiel bei Neo Kortex die komplette Sehrindenfunktion aus. In dem Moment könnte das Staunen entstanden sein. Als die Ruhe bemerkt wurde, die durch das Staunen entstand, hatte sich auch die Situation im Wellenverlauf des Neo Kortex entspannt.

    "Ist schön, Staunen zu spielen", sagte die Lethargie zum Jetzt. "Wenn man die Elektronen mal vom Sofa gehoben hat, ist das Jetzt auch gleich besser gelaunt." Als sogar die Lethargie das Jetzt fröhlich anblickte, schaute auch das Morgen gleich fröhlicher aus der Wäsche.

    Darüber konnte jetzt auch das Jetzt lachen, obwohl es früher eher selten viel zu lachen hatte. Das Gestern schlich sich sich enttäuscht davon. "Sei doch kein Spielverderber", sprach die Hoffnung noch hoffnungsvoll, doch das unverstandene Gestern hatte für Heute erstamal die Nase voll vom Jetzt. Als das Gestern dann endlich weg war, kam das Staunen erfreut zurück. "Wollen wir noch etwas spielen", fragte das Staunen?"

  4. #4
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    AW: Eine kleine Geschichte

    Für das Jetzt war am Morgen auch wieder nur Heute, doch wollte das Jetzt wegen Gestern noch mal mit dem Gestern ein Wort wechseln.

    Jetzt: "Du, Gestern, also, hmmm, wegen gestern, das hat aber nix mit Morgen zu tun."

    Gestern: "Nee, voll easy, Morgen kommt eh immer zu spät."

    Neo Kortex ließ die Muskelfascien rhytmisch spielen und überlistete die Lethargie, die aktiv zum Lachen ansetzte.

    "Morgen will die Schönheit ihre Schwester mitbringen", sprach das Morgen am helllichten Tag.

    "Warum nicht jetzt", fragte jetzt das Jetzt?

    Doch bevor Neo Kortex uns an dieser Stelle mit seinem Erwartungskontext überschüttet, hatte Amyg Dala schon die Schalter zur Hormonproduktion umgelegt. Amyg Dala saß am emotionalen Panikschalter hinter den Kulissen des Bewusstseins und rückt die Strandmöbel gerade, bevor der Verstand sie umrennen kann.

    Zumindest solange Neo Kortex sich nicht einmischt: "Dopaminauschüttung ist eine Frage des Trainings", liebe Amy. Wie Amyg Dala kurz genannt wurde.

    Amy: "Lass mich mit Deinen verkopften Erklärungsversuchen in Ruhe, sonst rege ich uns gleich auf".

    So begann das Jetzt heimlich mit dem Einsammeln körpereigener Endorphine und hortete sie in der Zirbeldrüse für einen besonderen Anlass, vielleicht morgen schon. Hinten am Strand tauchte schon wieder das Gestern auf und das Jetzt nahm verständlicher Weise Reißaus. Das Gestern und das Jetzt konnten selten zusammen sein, ohne miteinander zu kollidieren - bis das Eine dann das Andere gab.

    "Bin ja morgen mal gespannt auf die Schwester der Schönheit", sagte Neo Kortex noch zum Jetzt, da ließ Amyg Dala erneut den Vorhang fallen. "Morgen, morgen nur nicht Heute", sa(n)gen alle faulen Neuropeptide leise. Neo Kortex schlief zappzerrapp und zubbediebuff sofort ein und träumte später von Mela Tonin. Amy rückte panikartig noch die Möbel im Oberstübchen zurecht. Dann stellte sie den Panikschalter auf Schlafmodus und legte sich in die Sonne.

  5. #5
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    AW: Eine kleine Geschichte

    Jetzt liegt das Jetzt am Strand. Das Meer war ruhig, der Horizont aus türkisfarbenem Wasser ging in den hellblauen Himmel über. Niemand war am Meer, der leichte Wind trug den würzigen Geruch des Meeres zusammen mit dem Klang des Meeresrauschens in das Bewusstsein des Jetzt. Es räkelte sich behaglich und verschmolz tiefer mit den Sand. Die kühle Feuchte des Morgens verband sich mit der schon wärmenden Sonne und jetzt erst ließ sich auf das Jetzt auf das Jetzt ein.

    Ich bin immer das Jetzt, dachte es, mehr als jetzt wird niemals sein. Auch das Gestern war einmal Jetzt, was man ihm nunmehr durchaus ansieht. So bin ich auch das Gestern, dachte es jetzt in einem Anflug von Mitgefühl für die Belange des Gestern. Dazu kam dann ein merklich schlechtes Gewissen gegenüber dem Morgen. Das Jetzt bemerkte, zuweilen nicht wirklich feinfühlig mit den Bedürfnissen des Morgen umgegangen zu sein. Wobei das Morgen war niemals da war, wenn man es gerade brauchte, tauchte eine geeignete Ausrede in den schillernden Seifenblasen des Verstandes auf.

    Ein Gefühl gesellte sich dazu: Das Jetzt schämte sich jetzt, aber wofür eigentlich? Es sah das Morgen vor sich, wie seine Reaktion auf das mit Gestern wohl heute wäre, sah den Schmerz der Enttäuschung im Morgen und fühlte sich gleichzeitig vom Gestern getäuscht. Ich brauche weder das Gestern, noch das Morgen, sagte sich das Jetzt. Ich bin jetzt ich und ich liebe mich, wie ich bin. Nicht, wie mich andere gern haben wollen würden.

    Ich spreche mit Gestern und Morgen und teile ihnen meine Gefühle einfach mit. Morgen meint zwar, es hätte mit Gestern nichts zu tun, aber auch das Gestern macht sich Sorgen um sein Morgen. Wir sitzen doch, zeitlich betrachtet, in einem Boot. Alle streiten sich um mich, dachte nun das Jetzt, alle wollen mich nur besitzen und sich mit meiner Schönheit schmücken. Das Gestern und das Morgen sind sich sogar ähnlich, eigentlich suchen beide ja nur ein Samenklo mit Putzfrau. Beide sind so völlig unreflektiert, was die Bedürfnisse des Jetzt angeht. Jetzt war das Jetzt nahe einem Nervenzusammenbruch. Ich will hier weg, dachte es jetzt und stellte vorsichtshalber das Denken völlig ein.

    Als die Brandung zielloser Gedanken und Gefühle endlich abebbte, kamen das Rauschen des Meeres und der Geruch nach Salz und Fisch zurück, die Möwen sangen erneut ihr Lied von Freiheit. Es gibt wegen Gestern nichts zu bereuen und wegen Morgen nichts zu fürchten, dieser Gedanke tröstete das Jetzt jetzt.

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