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Thema: Widerstand

  1. #1

    Widerstand

    Widerstand
    Über eine mattgrüne Wiese geht sie dahin. Neblige Schatten begleiten ihren Gang. In einem dunklen Gewand, l a n g s a m g e h e n d, sich schleppend, die Hände am Boden abstützend.
    Widerstand in sich tragend.
    Vor ihr öffnet sich ein großer weiter Einbruchstrichter, der sie aufnimmt. Lautlos verschlingt.
    Runde, meterhohe aufrechte Wände aus Kalkstein, durchwachsen mit schlamm-grüner Vegetation und sandfarbene Gebirgssimse umgeben sie. Einem Krater ähnlich. Ein Gewölbe mit dumpfem Hall.
    In der Tiefe des Kraters steht sie verloren auf einer dicken Felsplatte in einem weißen Hemd. Breite Goldringe blinken an ihrem Hals und an den Handgelenken.
    Sie schwankt. Ein Lied, ein Summen. Ein Summen der Hoffnung vibriert in ihrem Leib. Ihr Haar fällt, mit dem sich abwendenden Oberkörper hinter ihre Schultern.
    Ein lichter Choral schwingt an den Kalkwänden. Ihr Haar ist pechschwarz, lang und aus einem kämpfend sowie ängstlich gefurchtem Gesicht gestrichen.
    Ihre Augen sind schwarz umrandet und voller Glut. Ihr Mund ist kräftig und klar im Wort. Die Arme weiß und nackt, angewinkelt nach hinten gestreckt. Die Hände kampfbereit geschlossen. Die Beine wie zum Angriff oder zur Flucht gegrätscht.
    Neben ihr steht ruhig und stattlich, nur eine Elle gekrümmt, ein Herr im dunklem Gewand. Sein Haar ist kurz. Grau und gläsern ist sein Gesicht.
    Sanft drängt seine Stimme voller Volumen auf sie ein. Klangvoll abweisend schwingt ihre Stimme ebenso klar dagegen. Im Kanon schwingen die Stimmen von Wand zu Wand. Sein Wort ergibt das ihre. Ihr Wort ergibt das seine.
    In das streitende Duett drängen sich die Stimmen der Schatten ein: Alte, Junge, Gesetzte. Es sind die sich einmischenden und auflehnenden Stimmen der begleitenden Schatten.
    In das machtvoll schwingende Duett ringt sich ein schwermütiges Echo aus der Tiefe des Kratergewölbes hervor.
    Die sich auflehnenden Schatten drohen mit ihren Stimmen zu schwellendem Getöse aufzubrechen.
    Zuvor jedoch legen sich vom Himmel hinabfallende helle Stimmen, wie ein luftiges Tuch über den Krater. Sie schmeicheln, besänftigen, dämpfen die aufgewühlten Stimmen mit hellem Licht.
    Die Frau beschwört, bittet, hofft mit klarer Stimme. Der Gläserne in dunklen Gewand schweigt regungslos.
    Eine Gruppe in groben Sackleinen steht, kaum Gesichter zeigend, auf einem der Simse aus hellem Gestein. Einige knien, andere liegen mit der Stirn auf der Erde. Andere erheben immer noch bekümmert und um Gnade bittend, die Arme gen Himmel.
    Am Rande des Trichters stehen auch die Schatten in den Sackleinen. Die Arme klagend werfend, protestierend und die Not beschwörend, gen Himmel wendend.
    Wieder fleht die Frau in weißem Kleid. Das Geklage der aufbegehrenden Menge schmerzt, rebelliert, grollt, schwillt und schwingt. Löst ein Echo im Krater, in das die besänftigenden lichten Himmelsstimmen hindurchdringen.
    Die sich aufbäumende Menge an den Kalksimsen mäßigt sich. Mit dem seichten luftigen Tuch der Himmelsstimmen, schwingt sich der Kanon eines Kampfes ein.
    Die rebellierende Menschenmenge an den Kalksimsen des Kraters zieht sich zurück. Wieder ereifern sich der Gläserne im dunklen Gewand und die kämpferische um Gnade flehende Frau. Jedes Drängen und um Gnade bitten wird unmittelbar zurückgegeben. Die Stimmen verschmelzen im Gleichklang.
    Die umstehende Menge am Rande des Kraters bäumt sich auf. Gerät wieder in Rebellion. Ein Choral hebt an. Klang und Wort im Gefecht des Paares lassen keine Hoffnung mehr. Es gibt kein Zurück. Keine Wendung. Es ist beschlossen.
    Die Körper der Kapuzen tragenden in Sachleinen geraten in Wallung. Ergriffen drehen sie sich, rufen, schreien, stampfen mit den Füßen, lassen weinend die Gesichter in die Hände fallen oder strecken um Gnade betende Hände gen Himmel.
    Die Himmelsstimmen schweben herab, decken mit glockenhellem Klang das Getöse und den Tumult am Rande des Kraters.
    Die Menge verstummt. Sie schweigt.
    Aus aufgeschichtetem Scheitholz, flammt schmal und lang aus der Tiefe des Kraters eine blaurotgelbe Flamme empor.
    Dumpfe erhabene Töne grollen. Tragend. Fallend.
    Gestoßen wird die flehende um Gnade bettelnde Frau und von einer unsichtbaren Tiefe des Kraters aufgenommen.

    Mit spiegelndem petrolgrünem Wasser gefüllt, liegt der Krater wieder ruhig.
    Nur das Gurgeln des Wassers an den Höhlungen des Kraters, das Schwappen des Wassers an die Kalksimse läßt noch das nachhallende Gemurmel der rebllierenden sich aufbäumenden Menge der Kapuzengewänder vermuten. Grabesstille.

    18.07.1999 Clara Hase

    Anm. Die Kapuzengewänder oder Kapuzen tragende Menge in Sackleinen, gefällt mir selbst noch nicht. Ich habe noch nichts Gescheites anderes gefunden. Also bitte daran nicht stören.
    Welches Bild/Thema kommt euch in den Sinn?

  2. #2
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Widerstand

    - barocker Pomp?
    - Ann Radcliffe?
    - Schnöselbrösel Flaubert?

    Es wird doch nicht eine Butzemannstube an der fauchenden Schneekoppe sein, Rübezahl schaut kurz hinein und hinterläßt eine Schmauchspur!?

    Schreiblaune ist gar nicht schlecht. Alles so zusammengesammelt, dann aber vergessen, worauf's ankömmt. Mithin irden aber.

  3. #3

    AW: Widerstand

    wieso vergessen, worauf es ankommt?
    Der Titel ist "Widerstand" und was passiert?
    Ja, es mag etwas aus unserer heutigen Zeit sein. Aber die Thematik ist ewig wiederkehrend. und betrifft uns alle. Nur wir wünschen es uns SO nicht. Offensichtlich versteht kaum jemand, was ich darstellen wollte, so gesehen kann die Geschichte nicht gut sein.
    Ein Musikton war Auslöser für diesen Text.
    und schuf diesen Krater. Der Rest kam von den anderen Tränen. Nix gesammeltes also. Rein intuitiv geschaffen.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    5.October 2000
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    Bad Füssing
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    54

    AW: Widerstand

    Ein Bühnenbild für den Höllensturz einer Verdammten...das würdige Szenario für den Abortus gefallener Mädchen. Sind sie nicht alle gefallen?
    Sack und Asche, insgesamt etwas dicke Klassik.
    Klageweiber,auf welcher Klippe heulen die unbedingt notwendigen Klageweiber?

  5. #5

    AW: Widerstand

    Hannemann,
    Du bist dicht dran.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    18.June 2009
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    Neuermark (Altmark)
    Beiträge
    87

    AW: Widerstand

    die polypolarität der stimmen verschmelzt zu einer gnadesuchenden. und am ende erlöst hier leider der tod. wo war der geistesblitz gerade unterwegs? er fehlt...
    schöner hochakuteller text

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