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Thema: Deutscher Geist im Verhältnis zu seinen Nachbarn

  1. #1
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    William Morris

    Willkommen in der Bitternis! Wanderer, was willst du mehr?

    Der englische Multikünstler William Morris schrieb gegen die Mechanisierung des Daseins an. Vor allem ästhetisch läßt doch die durchkonstruierte Welt (selbst wenn sie heute von Odeumslogen dekonstruiert werden will) sehr zu wünschen übrig. Aber was dagegen setzen? Vielleicht den Traum eines mittelalterlichen Miteinanders ohne feudale oder auch nur kirchliche Majestät?

  2. #2
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    Post Deutscher Geist im Verhältnis zu seinen Nachbarn

    In diesem Ordner werden verschiedene Autoren aus Ost und West zu Wort kommen, deren Thema der deutsche Geist in seinem Verhältnis zu dem Umwohnern der Deutschen war resp. ist. Am Anfang steht ein Buch von Ernst Troeltsch: Deutscher Geist in Westeuropa. Es erschien 1925 in Tübingen, zwei Jahre nach dem Tode des Religionssoziologen. Nach Troeltsch wird Dostojewski den Osten vertreten.

    Ich nehme hier gern Vorschläge auf. Es ist dies allerdings kein Diskussionsordner. Wenn Diskussion zu der einen oder anderen These gewünscht wird, dann bitte im Forum "Leiden schafft" ausbreiten.

  3. #3
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    Post Kriterien westlicher und deutscher Denkweise

    Kriterium westliche Denkweise deutsche Denkweise
    Grundlage resp. Grundgedanke griechische und römische Stoa, die sich mit christlichen Ideen (v.a. christlichem Naturrecht) verbanden → die Würde der allgemein-menschlichen Vernunft existiert in jedem Menschen, was sich auf das allgemeine Natur- und Weltgesetz der in den Stufen der Einzelwesen sich ausdrückenden und steigernden Vernunftordnung zurückführt, ERGO: die wahre Natur des Menschen ist seine Vernunft, deren Entwicklung gemäß einem göttlichen Heilsplan auf die Bändigung seiner sinnlichen Affektationen zurückwirkt und diese allmählich bändigen hilft → der Staat schafft die Individuen

    Freiheitsidee: beruht auf dem Gedanken der Gleichheit aller Bürger in ihrem Beitrag zur Konstruktion des Gesamtwillens; zugleich wird die Unabhängigkeit des Einzelnen vom Staat betont, der in freier Einsicht in das Nützliche auf der Grundlage persönlicher Unantastbarkeit das Nützliche zu seinem Nutzen schafft
    - mystisch-metaphysischer Sinn der Individualitätsidee als jeweils besondere Konkretation des göttlichen Geistes in Einzelpersonen und überpersönlichen Gemeinschaftsorganisationen (Staaten) → daher gibt es KEINE einheitliche Vernunftwürde wie im Westen, sondern die jeweils eigenartige Vollauswirkung des Geistes nach allen Seiten, die den Staat als Gemeinschaftsform dieser Individuen schafft





    Freiheitsidee: Bildung und Individualität, die mit trotziger Selbstdurchsetzung korreliert; wabert zwischen autonomer Pflichterfüllung und dem Unendlichkeitsgefühl, das als Ergänzung verstanden wird (eine Tätigkeit, die nie aufhört)
    Denkansatz Glaube an ewig göttliches Naturrecht, die Gleichartigkeit der Menschen, die EInheitsbestimmung der Menschheit und die sich daran knüpfende Begrifflichkeit der Humanität → Ideal einer EINHEITsorganisation der Menschheit, wobei aus pantheistischen Anfängen (Gott fließt in alles und allem) vorsehungsgläubiger Theismus (es ist in jeder Religion der gleiche Gott wirksam) entsteht kontemplative und mystische Herausschau (Theorie) der inneren Triebkräfte aus der reichen Fülle des Gegebenen
    Charakteristik - demokratisch, pazifistisch, unitarisch-national, völkerverbindend, auf internationale Verständigung zielend - historisch und organisch
    - will das Geschaute auf den reichen Kosmos individueller Geistesbildungen fortentwickeln → ihr Sinn geht auf das Individuelle, Positive, Immer-Neu-Produktive, Schöpferisch, Seelisch-Organische, die im Individuum eingeistiges Ganzes aufbauen
    Staatsbegriff - versteht sich in politischer und sozialer Hinsicht auf möglichsten Konservatismus gestimmt und betrachtet ihre Grundlagen als ewige göttliche Moral und Rechtsordnung zugleich
    - die Franzosen betrachten ihre Revolutionsglorie als den endlichen Durchbruch der zeitlosen moralischen Menschheitsordnung
    - ihre bourgeoisen Revolutionen liegen weit zurück und sind von der Historie geheiligt
    - vom romantischen Gegenkonzept der Nichtrevolution ausgehend versucht man die Fundamente des westeuropäischen Denkens auch naturwissenschaftlich-mathematisch abzutragen und im Staat und in der Gesellschaft das organische Ideal eines von antibürgerlichem Idealismus erfüllten ästhetisch-religiösen Gemeingeistes aufzurichten
    - der Einheitsstaat 1870/71überwand die Staatlosigkeit in einer lebendigen, individuellen Verkörperung des historisch-produktiven Geistes
    - die Entwicklung einzelner Nationen
    Vertreter Hugo, Byron, de Vigny, Wordsworth, Leopardi, Schopenhauer die meisten deutschen Denker bis etwa 1960, bei Meister Eckart beginnend

  4. #4
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    AW: Kriterien westlicher und deutscher Denkweise

    Der Anfang ist der Grund, die weltanschauliche Basis. Aus diesem Grund speisen sich die Antworten für die täglichen Lebensfragen - meist. Aber bevor das Eigene formuliert werden kann, benötigt man Klarheit über die Denkansätze seines Gegners, denn ihn verstehen heißt ihn bekämpfen können.
    Die weltanschauliche Basis der meisten Parteien der BRD bildet das säkularisierte christliche Naturrecht. Das bedeutet: In vormodernen Zeiten galt als Glaube das ewig göttliche Naturrecht, aus dem die Gleichartigkeit der Menschen geschlußfolgert wurde. Jesus hatte das Heil von den Juden genommen und es ALLEN Menschen gegeben. Das erzeugte bei den Vertretern dieses Ansatzes den Gedanken einer Einheitsbestimmung der Menschheit und die sich daran knüpfende Begrifflichkeit der Humanität. Die Annahme einer Gleichartigkeit der Menschheit gipfelte VERNUNFTgemäß in der Formulierung allgemeiner Menschenrechte. Und weil das scheinbar der schmierig-schwielige Grund ist, hier noch eine weitere Erläuterung zum christlichen Naturrecht, der Basis aller heutigen Politik und (säkularisierten) Heilserwartung:
    Die vorherrschende Politik, egal ob linksliberal, rechtspopulistisch, sozialdemokratisch oder christdemokratisch genannt, zielt auf das Ideal einer EINHEITsorganisation der Menschheit. Aus pantheistischen Anfängen (Gott fließt in alles und allem) entwickelt sich allmählich ein vorsehungsgläubiger Theismus (es ist in jeder Religion der gleiche Gott wirksam). Zwischen Buddha, Allah, Jahwe und dem Christengott soll es dem Wesen nach KEINEN Unterschied geben, differenzierter wird EIN und DERSELBE Gott in jeder Religion als wirksam gedacht und verstanden. Dieser Gedanke wird auf politischen Streit übertragen, der ein Streit unter Brüdern sein soll, die das gleiche Ziel erreichen wollen.
    Dem aus diesem Naturrecht folgenden Menschenbild nach existiert die gleiche Würde der allgemein-menschlichen Vernunft in jedem Menschen. Das ist die säkularisierte Form des christlichen Grundgedankens einer durch den Glauben möglichen Vernunftsetzung des Ich in der Welt, eine Sündenbefreiung durch den Glauben. Säkularisiert (seit dem 18. Jahrhundert, politisch seit der Amerikanischen und stärker dann noch der Französischen Revolution): Elendbefreiung durch den Einsatz der innewohnenden Vernunft, wobei Vernunft und Verstand hierbei meist eineindeutig fungieren. Die Entwicklung des Geistes vollzieht sich daher, so die Schlußfolgerung, in Stufen, dialektisch oder strikt deszendent, jedenfalls wird die Vernunft auf immer neuere Stufen gehoben und bewirkt (politisch) eine Vernunftordnung, die dem göttlichen Heilsplan resp. der pragmatischen Auslegung derselben im politischen Wirkverbund des Weltstaats gipfelt. Erst mit diesemtritt das ewige Reich des Friedens und Wohlstands für alle Menschen ein. Dem Staat fällt hierbei die Funktion zu, die Affekte der Menschen zu bändigen, zu erziehen und hinzulenken auf diesen glückseligen Weltstaat, mit mehr oder weniger Zwang, aber die historische Mission der Arbeiterklasse bei den Linken unterscheidet sich hierbei nicht substantiell von der individuell gefaßten Einsicht in die Notwendigkeit liberaler Sichten und auch nicht von dem nationalsozialistischen Führerstaat. Voneinander verschieden sind nur die Mittel, die zum avisierten Weltstaat der totalen Vernunft führen sollen. Der konsequente Gebrauch der Vernunft bewirkt eine pazifistische, unitarisch-nationale, völkerverbindende und auf internationale Verständigung zielende Artung dieser Politik. Artung? Dies sind die bevorzugten Mittel, um den Einheitsstaat zu bezwecken, aber reichen sie nicht hin, so werden auch Krieg, Sabotage, Lüge, Betrug, Mord und ähnliche unmoralische Mittel angewendet, die zu Kollateralschäden führen, aber immer im Kontext des guten Zwecks in die öffentliche Meinung kolportiert werden, so daß der Zweck die Mittel heilige.
    Und damit sind wir beim vorerst letzten Punkt, der Bestimmung des Staatsbegriffs: Ironischerweise ist der dem säkularisierten christlichen Naturrecht nachfolgende Staat konservativ. Er betrachtet seine Grundlagen als ewige göttliche Moral und Rechtsordnung zugleich. Damit verbunden ist die EWIG gelten sollende (zeitlose) moralische Menschheitsordnung, wie sie in ihren weit weit zurückliegenden bourgeoisen Revolutionen formuliert und nunmehr durch ihren Erfolg von der Historie geheiligt worden sind. Deshalb behaupten sie auch immer wieder, daß ihre Entscheidungen alternativlos seien.


    Gegenüber diesem "alternativlosen" Denken der Gegenwart verschwand die Alternative, die sich immerhin gut einhundert Jahre im politischen Kampf behauptet hatte. Das ist natürlich Unsinn: Nichts kann verschwinden, es wird im Ichts aufgehoben und feiert irgendwann fröhliche Urständ, wenn die Zeit (Heilsplan! ) reif dafür ist. Vielleicht ist die Zeit itzt reif für dafür. Wofür?
    Für die Fassung des Menschen als Einzelwesen, als jeweilige Konkretation des göttlichen Geistes, demnach auch die Fassung des Stammes, der Nation als solche, eben als eine Gemeinschaftsorganisation, die JEWEILS ihre Funktion im Heilsgeschehen besitzt und deshalb nicht in einem Weltstaat nivelliert werden darf. Dieses Prinzip der Politikerfassung erkennt KEINE einheitliche Vernunftwürde an, sondern nur jeweilige Eigenarten, deren historische Aufgabe darin besteht, sich jeweils nach allen Seiten hin zu entwickeln, wobei der Staat nicht die Funktion einer Erziehungs- und Ausbildungsanstalt besitzt, sondern die einer dezent den Rahmen und Schutz für jedwede Aktivität bildende Gemeinschaftsform, die den einzelnen fördert, ihm aber nicht vorschreibt, was er zu tun oder zu lassen hat. Charakteristisch für diesen Ansatz ist das Theoretisieren, die Selbstversenkung in einen Gegenstand des Interesses, nützlich oder nutzlos, zur Entwicklung der geahnten inneren Triebkräfte. Das Dasein wird als Quellung des Überreichen verstanden, nicht als Material, um daraus etwas Nützliches herzustellen.
    Die Außendarstellung der Alternative ist wenig medienwirksam: Organik, Tradition, Wachstum aus den Tiefen, Langsamkeit, Entwicklung auf breiter Basis... All das wirkt in der heutigen Zeit schrecklich langweilig. Wer die Welt so betrachtet und Politik machen will, der benötigt Geduld, denn alles Erkannte muß eingepaßt werden in das, was ist; die individuelle Geistesbildung ist ein Kosmos und gewissermaßen hermetisch. Politik greift das nicht an, sondern geht behutsam vor, hält sich eher zurück, als daß sie eingreift, auch wenn mancheiner die Geduld jetzt nicht aufbringen kann und entweder den Begriff der Pflicht, der Not oder Gesetze fordert, um WEITER zu gehen. Nationalkonservative Politik zielt auf Neues, aber dieses bleibt im Schöpferischen, nicht im Effektvollen; sie zielt auf Seelenentwicklung, auf Ganzheit und nicht auf das Losgelöste und Moderne. Sie ist NICHT mehrheitsfähig, kann aber dennoch viel erreichen, denn sie bildet Menschen, die ihrerseits auf das Gemeinwesen einwirken.

    Folgerungen, gleichsam ein konsequent zu Ende gedachter Vorschlag, also eine Utopie (keine Dystopie):
    Der nationalkonservative Staat ist klein und KEIN Nationalstaat, nicht revolutionär orientiert, gemeingeistig, organisch gewachsen und dennoch produktiv, denn notwendigerweise kann er nicht auf Mehrheiten verzichten, muß also Kompromisse schließen, was nur dann möglich ist, wenn dieser nicht die Basis der Politisierung des Gemeinschaftslebens ausmacht, sondern dieses auf Einergiebigkeit gegründet wird. Dieser Staat muß auf Diäten für Volksvertreter ebenso verzichten wie auf Bürokratisierung. Er muß eine Regierung besitzen, die dem Parlament nicht rechenschaftspflichtig ist, aber das Parlament benötigt (Budgetrecht), um Geld zur Erfüllung der Pflichten ausgeben zu können. An der Spitze muß ein vom Volk gewählter Präsident stehen, der den Regierungschef bestimmt, der sich seine Regierung zusammenstellt. Dieser Staat besitzt eine besondere Aufgabe bei der Organisierung der Volksbildung. Er zahlt kein Kindergeld, denn Kindersegen darf nicht mit monetären Vergünstigungen in Verbindung stehen; er gewährleistet zugleich eine Grundversorgung für seine Bürger (Miete und Energie). Dreijährige Wehrpflicht (mit und ohne Waffe, aber kaserniert) ohne Rücksicht aufs Geschlecht, dennoch getrennt. Ein dreigliedriges Bildungssystem muß die gegenwärtige Verwäßrung konsistieren: Volksschule (für alle bis zur 6.; Abschluß 8. Klasse, danach Berufsausbildung; 50% der Schüler), Realschule (Abschluß 10. Klasse; Berufsausbildung und Ingenieure; 35%) und Gymnasium (Abschluß 13. Klasse; 15% für Beamte und Ärzte), dazu Horte für die Kleinen und Betreuung durch gut bezahlte Beamte. Keine Inklusion. Privatschulen nur bei eigenem pädagogischen Konzept, aber im Kontext der Dreigliederung. Wahlrecht nach Wehrdienst. (Anm.: Die Wehrpflicht ist keine Maßnahme zur kadavergehorsamähnlichen Disziplinierung der Staatsbürger, sondern eine zur Selbstdisziplinierung. Es geht hier nicht um Kriegsvorbereitung, sondern um Ausbildungsabschluß. Jeder soll gemäß seiner bisherigen Ausbildung beim Wehrdienst eingesetzt werden und die Möglichkeit bekommen, seine Bildung weiterzuentwickeln. Allerdings besteht eben durch die Kasernierung ein soldatischer Lebenskontext, der erst nach Absolvierung der Wehrpflicht abgeschlossen wird. Das betrifft auch die Verweigerer des Dienstes mit der Waffe, die als Spatensoldaten oder im Pflegedienst ihre Pflicht erfüllen lernen.) Dieser Staat will kein außereuropäisches Bündnissystem, sondern eines aus europäischen Vaterländern. Fremde Truppen haben in keinem Land dieses ES (Europäisches Sicherheitssystem) etwas zu suchen. Das Asylrecht wird abgeschafft. Jeder darf ins Land und bei entsprechender Qualifikation auch sofort arbeiten, bekommt aber kein Geld vom Staat. Kirchen und private Hilfsorganisationen sind reich genug, um hier ihrer Aufgabe nachkommen zu können. Wer sich als Ausländer nicht an die Gesetze hält, wird ausgewiesen. Strikte Trennung von Kirche und Staat, also die Durchsetzung des Reichsdeputationshauptschlusses. Gemeingefährliche Staatsfeinde werden ausgewiesen, nicht eingekerkert. Abschaffung des Mindestlohnes. Abschaffung zahlreicher Steuern (Benzin, Tabak, Alkohol, Nahrungsmittel, keine Abschreibungen für Spenden und Karikatives, kein Ehegattensplitting etc.) und der Subventionswirtschaft. Keine AKWs und keine Windräder. Keine Massentierhaltung. Schutzzollpolitik. Abschaffung des staatlichen Stiftungswesens.

  5. #5
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    Lightbulb AW: Deutscher Geist im Verhältnis zu seinen Nachbarn

    Bringt man den Gegensatz zwischen der romantischen deutschen Weltsicht und dem modernen Denken in ein Begriffspaar, so muß es
    Fortschrittsdenken vs. Entwicklungsdenken heißen. Fortschritt wird gedacht als ein teleologisches Zulaufen auf einen höchsten Punkt, Monismus, die höchste Vernunft. Entwicklungsdenken geht von Stufen aus, ist hierarchisch. Das eine ist starr, das andere Bewegnis, Gliederung der einzelnen Menschen in gesellschaftliche Zu-Stände. Das ist keine Entmündigung, sondern Folge des Kampfes, der notwendigerweise Führer und Unterlegene schafft, die Führer zu Ganzheitlichen, die Unterlegenen zu Spezialisten erklärt. Die Führer übernehmen das Ganze, die Spezialisten die Teile. Eine politische Gleichheit ist so nicht denkbar, aber die Starrheit derselben fällt auch weg; das deutsche System ist organisch, stets im Fluß.

  6. #6
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    AW: Deutscher Geist im Verhältnis zu seinen Nachbarn

    Die im Westen ausgeprägte Lehre des Individualismus trägt etliche problematische Züge, die bei freier Kraftentfaltung jedes Gemeinwesen, also jedes auf Gemeinschaft orientiertes Staatskonstrukt, zerstören. Früher oder später. Begründung: Individualismus will Zerfaserung, Zersplitterung, Relativität, Auflösung in immer weiter zergliederte Einzelbausteine (Atomisierung), wobei dieser Prozeß nicht bei der Konstituierung eines Ich aufhört, sondern dieses auch zersetzt, als Ganzheit leugnet. Das ist die Quintessenz der Aufklärung. (siehe auch Adorno) Die Ausprägung des freien Menschen ist kein Individualismus, sondern nur im Kontext der Begrenzung möglich. Der freie Mensch WEIß um seine Grenzen, seine Nöte, aber auch sein Können, das nicht für ihn allein da ist und auch nicht zur Errichtung eines Himmelreiches auf Erden für alle (das ist das kalvinistische Zuckerbrot), sondern nur im Kontrast zu seiner Sündhaftigkeit (Bosheit, Egoismus, Mutwille, Gleichgültigkeit, Abgestumpfheit...) verstanden werden muß, andernfalls bleibt es Kompensationshandlung oder führt in den Staat der Not.
    Dagegen kann das Konzept der Klassik/Romantik gesetzt werden: universalhistorische Ganzheit der Menschheit, frei von nationalistischen, rassistischen oder heilserwartenden Grundsätzen, die Bestandteil jeder individualistischen Lehre sind - mehr oder weniger. Wer universalhistorisch argumentiert, der benötigt einen Zielgedanken. Das Fehlen eines politischen Ziels ist Kennzeichen unserer Epoche, die von engen Moralvorstellungen (wer nicht im Konzert der Mächtigen mitspielt, wird bestraft), größtmöglicher Heuchelei (es wird so getan, als ob der eingeschlagene Weg alternativlos sei, zugleich werden die machtpolitischen Interessen einiger weniger bedient) und bizarren Nationalismen (kleine Pfeilspitzen im internen Kampf geopolitischer Hahnenkämpfe einiger Milliardäre) bestimmt wird.
    Will man diesen Weg ins Nichts verlassen und statt dessen einen einheitlichen Gedanken verfolgen, dem sich jeder Teil zufügen kann, so benötigt man eben einen Zielgedanken, der nur dann gewonnen werden kann, wenn man sich das Gewordene in der ganzen Welt genauer betrachtet - und daraus lernt.

    Ich weiß nicht, ob es möglich sein wird, die Humanität und den Individualismus des Westens mit dem Gedanken der organischen Ganzheit des Menschengeschlechts zu synthetisieren.

    Für mich ist ein System, in dem die eigene Individualität (diese ist kein Ergebnis einer individualistischen Lehre, denn Individualismus zerstört das lebendig wachsende Individuum) im Kontext einer hierarchischen Ordnung dienen kann und hierin seine gesamte Kraft zur Eigen- und Fremdentwicklung einsetzt, ethisch von höherem Wert als eine auf (rationale) Vernunft gegründete Vertragsgesellschaft, die den Staat benutzt, um die als bösartig eigestufte Individualität zu zähmen und in der fortwährenden Verstümmlung der Einzelwesen Gleichheit herbeiführen will.

  7. #7
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    Lightbulb Differenz Rousseau/Kalvin vs. Organik

    Es waren die Schweizer Rousseau und Calvin, die das westliche Denken auf die Bahn brachten, auf der es sich heute noch bewegt und nicht bemerkt, daß es eine Kreisbahn ums hypertrophierte, sich aber zugleich zersetzende Ich eingeschlagen hat. Gleichheit, Werkheiligkeit und damit verbundene Menschenrechte, die für alle gleich sein sollen (tatsächlich aber nur den Werkheiligen vorbehalten sind), prägen unsere Zeit und beckmessern alle, die sich nicht auf dieser Bahn befinden oder befinden wollen, anfangs mit Mahnungen, dann mit finanziellen Sanktionen, schließlich mit Krieg.
    Daß Freiheit erst dann entsteht, wenn ein ÜBERindividueller Gemeingeist sich freiwillig in dieses Gemeinwesen einbindet, sei es in Körperschaften, die der Selbstverwaltung dienen, sei es in einer Zunft, einer Kaste, einer Partei Gleichgesonnener, die JEWEILS miteinander im Kampf liegen, aber Teil eines Ganzen sind, das eben nicht durch GLEICHHEIT, sondern durch Verschiedenheit definiert wird und jeweils in seinen Bestandteilen das Ganze voranbringt, das soll hier den WESENtlichen Unterschied zu Rousseaus Idee eines volonte generale bestimmen, der die Minderheit knebelt und mundtot macht, soll den Unterschied zu Calvin bestimmen, der Zugehörigkeit zur Gemeinde von der einzelnen Leistungsfähigkeit und Unterordnung unter ihre Gesetze abhängig macht und den Selbstwert darüber bestimmt udn den anderen deutlich macht, die den eben nicht besitzen (sollen), sich aber erwerben können, indem sie sich den Gesetzen dieser Gemeinde unterwerfen - das ist die westliche Freiheit.

  8. #8
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    Post Die Reichsidee

    Die deutsche Idee der Herrschaft ist die Reichsidee, die oft mit dem Begriff des Imperiums verwechselt wird, dem Cäsarismus. Imperium bedeutet die Schaffung gleicher Wirtschafts- und Sozialverhältnisse. Westen. Die Idee der EU. Unverwirklichbar. Die Idee der USA. Wer ausschert und was eigenes machen will, der wird bekriegt. Denn wer sich gegen das Verdikt der Gleichheit, der ewigen Konsumtion und der permuativen Verbeßrung politischer Zustände zu immer mehr staatlicher Kontrolle stellt, der muß ein Menschenfeind, rückschrittlich und was weiß ich sein.
    Es muß hier auch die Frage gestellt werden, warum sich aus dem Westen seit der Formulierung der Ideen des Liberalismus, die sich im 19./20. Jahrhundert mit denen des Imperialismus und Kapitalismus verbanden, den Liberalismus alsoi hypertrophierten (aufbliesen), KEINE NEUE IDEE Bahn brach?

    Die Reichsidee dagegen ist KEINE Gewalt- und Monopolpolitik, sondern basiert auf der "Idee gegenseitiger Ergänzung nationaler Geister bei gleichzeitiger selbständiger Entfaltung jedes einzelnen" (Troeltsch). Aus dem Reich sprudelten die gesellschaftlichen Konzepte - seitdem es das Reich im politischen Sinne eines selbständigen politischen Organismus nicht mehr gibt, schweigen diejenigen, die gesellschaftliche, künstlerische, philosophische und politiosche Konzepte entwarfen.

    Da muß doch irgendwas faul sein.

  9. #9
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    Smile Bismarcks Erbe (was er bekam und was er hinterließ)

    Die Politik Bismarcks war auf Erreichung des Möglichen (im machtpolitischen Sinn) orientiert. Bis 1871. Danach war Bismarcks Politik die der Saturiertheit, der Sicherung des Erreichten. Daher rührt auch Bismarcks Nein zur Flottenerweiterung, sein zögerliches Ja zur Kolonialpolitik, aber dann nur kleine Happen, und daher rührt auch seine Sozialpolitik. Konstant blieb der Behauptungswille der kontinentalen Stellung, der sich gegen Frankreich und Rußland richten mußte, aber für das Reich nicht bedrohlich wirkte, zumal Bismarck mit Rußland einen Interessenausgleich herbeizuführen wußte und Frankreich deswegen ohne Zähne blieb: Es wußte um seine Schwäche gegenüber dem Reich, wenn es allein blieb.
    Es darf aber gefragt werden, ob die Außenpolitik nach Bismarck gut daran tat, sich im Konzert der imperialistischen Mächte zu Wort zu melden.
    Und damit bin ich beim metaphysischen Grund der Reichspolitik.
    Wir sind ein Volk des Werdens, kleiden die Idee in Wirklichkeit und diese in die Idee. Werden nie fertig. Leben in uns selbst mehr als in dem Äußern, wollen dem Realismus nur so viel Platz einräumen, wie es eben nötig ist, um ein Auskommen zu haben. Wir sind ein Volk des utilitaristischen Werdens, zugleich aber auch lieben wir es, den Kopf aus der Brühe zu heben und nach den Sternen zu greifen. Wir brauchen die Idee, die uns antreibt und diese Idee muß außerhalb der Realität liegen.

  10. #10
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    Weltbolschewismus

    "Das Gewissen", eine Zeitschrift aus dem Jahre 1919, erschienen in Potsdam, fragt, wer politisch in das Vakuum Deutschland hineinstößt: Wilson oder Lenin? (siehe hier: erstellt von "Das Gewissen", Nr. 3/1919, S. 1) Lenin vermochte es, seinem dahinsiechenden Volk einen neuen Lebenszweck zu geben, die Weltrevolution, den Imperialismus des Bolschewismus.
    Wilson war ein Fremdkörper im westlichen System, denn seine Idee eines Völkerbundes gleichberechtigter Nationen mußte scheitern, solange die westlichen Politiker imperialistische Machtpolitik betreiben wollten. "Das Gewissen" schlägt vor, die Entente mit der Idee der Weltrevolution zu impfen, also westliches und östliches Denken zusammenzubringen. Erst dann sei eine gerechte Welt möglich.

  11. #11
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    Post Funktion der Literatur einst und heute

    Daß die deutsche Literatur im späten 18. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte und deshalb Klassik genannt werden muß, steht heute außer Frage. Daß sie Weltgeltung besaß, auch.
    Fraglich mögen Warum und Wieso sein, allerdings nur dem, der offenen Auges staunt und historische Forschungen für krudes Zeug hält.
    Das Warum liegt in der Funktion, die Literatur ab 1750 für die Deutschen besaß. In ihr war Freiheit, in ihr konnte sich ihr artifizielles Selbstverständnis entwickeln. Also taten sie es, dieses Volk arm an Taten und reich an Gedanken. Die Flügel der Phantasie trieben in immer höhere Höhen, faßten die Welt kosmopolitisch und freien Geistes. Literatur und Poesie waren kein Luxusgut, keine Angelegenheit der Reichen (wie im Westen), sondern Lebenselixier auch der Ärmsten, getragen von Schulpflicht und Begabtenförderung durch den Adel, der mehr im Sinne hatte als die Heranziehung funktionierender Beamter und Handlanger.

    Die Literatur verlor mit dem Sieg des Westens in zwei Weltkriegen ihre diesbezüglich fundamentale Bedeutung für die Deutschen und wurde zu einer Spartenbeschäftigung: Freizeitbeschäftigung statt Freiheitbewirkung; Lyrikbäumeleien statt Haindichtung. Also verlor sie an Bedeutung. Verlieren Literatur und Philosophie an Bedeutung, ist das Volk zuerst der Dumpfheit, dann dem Kommerz und schließlich dem Untergang geweiht.
    Dagegen hilft nur eine Umkehr, eine Revolution. Die wird es aber nicht geben. Also Untergang.

  12. #12
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    Post Der lange Weg nach Westen

    Winkler gibt in seinem Buch "Der lange Weg nach Westen" eine um 1930 entstandene These wieder. Hintze und Müller-Armack glaubten, mit der Konversion der Hohenzollern 1613 zum Kalvinismus habe der lange Weg Deutschlands in den Westen begonnen. Sie führen an: die Verbindung der kalvinistischen Oberschicht mit dem lutherischen Volk habe gegenseitig befruchtend gewirkt und schließlich die Verbindung zum kalvinistischen Westen Europas bewirkt, womit wirtschaftlicher Fortschritt und religiöse Toleranz verbunden gewesen seien.

    Ist Bockmist. So sehr ich Otto Hintze bislang schätzte, hier irrt er.
    Es gab KEINE kalvinistische Oberschicht in Preußen. Nur das Königshaus war kalvinistisch. Die meisten preußischen Adligen waren lutherisch, einige katholisch, aber kalvinistisch? Das Volk war zum Großteil lutherisch und nahm den Kavinismus seines Königs achselzuckend zur Kenntnis, aber Durchdringungen waren vor 1945 kaum festzustellen, im Gegenteil. Da verbündete man sich eher mit dem Katholizismus als mit den Katholiken, deren Werkheiligkeit bis heute in der lutherischen Kirche angegriffen wird. Es gilt noch heute als schändlich, Dinge nur wegen eines möglich zu erwartenden LOhnes zu tun. Werkheiligkeit. Das ist ein fundamentaler Widerspruch zum Kalvinismus.
    Zweitens denke man an den Kulturkampf um 1860/90. Diesen Kampf führte das Luthertum gegen den Katholizismus, nicht der Kalvinismus. An der Spitze stand Bismarck, Lutheraner (Pietist). Der kalvinistische König hielt sich heraus. Wenn die Kalvinisten tätig wurden, dann im Kontext des Hofpredigers Stöcker, eines Antisemiten, Sozialistenhassers und Feind jeder Indifferenz. Gegenseitige Durchdringung? Unsinn.

  13. #13
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    Lightbulb Herder und die Eigenentwicklung

    Zuweilen wochenlang nichts Neues, dann gleich zwei Einträge am Tag.

    Heute noch Herder. Herder, Teil des Viergestirns aus Weimar, betonte im Gegensatz zu den anderen drein das Nationale. Eine Idee Gottes. Jeweils. vermischung nicht erwünscht und nicht geplant, hat man das Weltganze im Auge.

    Schöner Gruß an die gegenwärtig maßgebende Politik!

    Herder glaubte nicht an eine machbare Vermanschung der Völker, sondern nannte die Verschiedenheit der Völker naturgegeben. Da springen Linksfaschisten gerade im Karree. Verschiedenheit sei ein Damm, meinte Herder, der Fremdes abhalte und so jedem Volk die Möglichkeit schaffe, seine Eigenart zu entwickeln. Für Herder war das ein Veredlungsprozeß, Humanität und damit Zweck des Menschseins: sich selbst entwickeln!

    Dieses 1787 entwickelte Konzept richtete sich gegen den Weltsstaat, gegen die Hegemoniebestrebungen der (kapitalistischen, auch absolutistischen) Politik und trat für die Eigenentwicklung ein.

    punctum saliens der deutschen (protestantischen) Staatstheorie

  14. #14
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    Exclamation Die Lügen der "Aufklärer"

    Das Pathos des Aufklärungszeitalter brachte zwei große Lügen hervor, die eng miteinander verzahnt sind, bei allem Widerspruch.
    Die erste Lüge lautet: der Mensch ist nicht frei, sondern (biologisch) abhängig.
    Die sich daraus ableitende Folgerung des Aufklärungszeitalters lautete: der Mensch muß politisch frei sein. Liberalismus, Demokratie, Zivilisation. - Das ist die zweite Lüge, denn der atomisierte Mensch kann in Freiheit nicht überleben, benötigt also Ordnung in Sicherheit.

    Es ist die große Leistung der Deutschen gewesen, daß sie diese Lügen erkannten (von Kant über Nietzsche bis zu Adorno) und in den Geistesbewegungen nach der Aufklärung zunichte machte. Der Westen allerdings beharrte auf der (politischen) Umsetzung dieser Lügen und führte Kriege gegen den widerspenstigen Renegaten.

  15. #15
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    Post Deutsche Freiheit

    Zwei Kriege sollten uns lehren, daß politische Freiheit das Höchste sei, was ein Mensch erreichen könne. Die Umsetzung liege im Parlamentarismus.

    Im Grunde wird heute auch so argumentiert, wenn es um Freiheiten und Rechte geht. Die Diskussion dreht sich um Mehrheiten im Parlament, beim Volk, um Partizipation und außerparlamentarische Opposition. Wer nicht in das geltende Raster paßt, wird als nichtdemokratisch disqualifiziert, als ob die westliche Demokratie das einzig mögliche System zur Herstellung von Freiheit, zur Gerechtigkeit sei.

    Die deutsche Freiheit, wie sie von unseren Vorfahren verstanden wurde, bewegte sich im Gleichgewicht zwischen dem idealistischen Pflichtgedanken, wie ihn Kant formuliert hatte, und dem romantischen Individualitätsgedanken. Pflicht kann nur aufgrund eines autonomen Willensentschlusses erfüllt werden, andernfalls ist sie Zwang.
    Das schlechthinnige Gefühl unendlicher Weiten in uns trägt uns (Menschen) dazu, diese Weiten in Eigenverantwortung durchschreiten zu wollen.

    Wie unwichtig wird da ein politisches System? Es muß nur eben gerade so viel leisten, daß es dieses größere Freiheitsbedürfnis erfüllen kann.

  16. #16
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    Lightbulb Britische Antinomie

    Der Brite der Neuzeit wird von einem dem Kontinentaleuropäer unverständlichen Widerspruch getragen. Dieser Widerspruch besteht in einem schroffen Supranaturalismus, dem ein ausgebildeter Utilitarismus gegenübersteht, der lebenspraktisch zuerst nach dem Nutzen eines Tuns fragt. Eine Antinomie. Die Verbindung zwischen beiden Gegensätzen, die Brücke, bildet der Erwähltheitsdünkel, die Prädestination, die im erfolgreichen Tun Erwähltheit belegen soll. Das Besondere.

    Der aufmerksame Betrachter angelsächsischer Kunstprodukte wird die Thematisierung dieses Zusammenhangs oft genug erleben. Tüchtigkeit, individuell erworbener Reichtum, sind die Siegel christlicher Tugend, sozusagen die Gewähr für Weltergreifung, denn das Ich transgressiert in die Welt. Wer dagegen ist, ist zivilisationsfeindlich.

  17. #17
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    Post Verbalidealismus

    Lese derzeit den dicken Wälzer des Papen-Redenschreibers Edgar Jung. Stieß auf Jung, weil der im Reichstag flammende Reden gegen den kapitalistischen Zeitgeist hielt und zugleich eine Absetzung deutschen Geistes gegen den Westen propagierte. Ein Hauptkampfwort jener Tage kam aber nicht von ihm, Verbalidealismus.

    jung_exerpt.jpg

    Das damit Gemeinte hat bis heute Bestand, ich halte es für ein Kennzeichen der Postmoderne, das beinahe jeden Politiker kennzeichnet, der zu dem breiten Spektrum liberaler Parteien von Linken bis AfD gehört. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel. Auch bei den Konservativen gibt es diesen Typus, aber hier ist das Akzidenz, nicht Substanz politischer Weltwahrnehumng.

    Nebenbei läßt sich hier meine Methode erkennen: Ich exzerpiere Bücher und weise dem Exzerpierten dann einen Platz in dem zu, was ich Verarbeitung nenne: wiki philosophica, Geschichtsbuch, Forum... Bewahrung der Tradition.

  18. #18
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    Post Zum Verhältnis von Freiheit und Gleichheit

    Kerngedanke des politischen Konservatismus: der politische Liberalismus ist der Totengräber der Freiheit.
    Von linksliberaler Seite (marxistisch bis linksgrün) ist der deutschen Geschichte, der sie tragenden Kräfte, immer vorgeworfen worden, sie habe auf die Durchsetzung der Freiheit verzichtet, sei deshalb gegenüber den westlichen Nachbarn zurückgeblieben, die doch viel eher Menschenrechte und politische Freiheit durchgesetzt haben sollen, was nicht zuletzt in der verquicklichen Form der französischen säkularisierten Trinität aus Freiheit, Glöeichheit und Brüderlichkeit bestanden haben soll. Im Marxismus stalinistischer Prägung ging man sogar soweit, wozu auch Fischer gehört!, aus dem Zuspätkommen des Durchsetzens dieser Trinität in der nationalstaatlichen Gründung des II. Reiches 1871 einem Kompensationszwang konstruieren zu wollen. Etwa so, daß die Deutschen zu spät gekommen seien und nunmehr mit Gewalt sich die Fleischtöpfe behmen wollten, denen sie sich aus eigener Dummheit selber viele Jahrzehnte vorenthielten, indem sie sich in feudalen und halbfeudalen Absolutitäten verzettelten und so dem Weltgeist Paroli geboten zu haben glaubten.

    Ist natürlich Bockmist, DENN weder waren wir zu spät noch war das Konzept falsch. Auch war die Reichsgründung 1871 keine Nationalstaatsgründung, andernfalls hätte es nicht Reich geheißen. Ein Reich ist eben kein Nationalstaat. Deshalb ja die Kriege gegen uns. Aber zurück zur Verquickung von Freiheit und Gleichheit.

    Der Grundfehler des politischen Liberalismus liegt in dem Glauben begründet, quasi als Paradigma, daß die sittlich errungene Freiheit des Einzelwesens auch eine politische Forderung abgeben müsse. Etwa in der Art, daß die Annahme, das Prolegomenum, daß dem Einzelwesen Freiheit zustünde, letztlich die politische Praxis des Zugestehens der Freiheit an jedweden gefolgert werden müsse. Denkfehler! Denn wenn ich jedem Teilnehmer am politischen Entscheidungsprozeß jede die gleiche Freiheit konzediere, dann ist eine Entscheidung schlechterdings nicht mehr möglich. Dann herrscht Anarchie. Zwangsläufig. Mehrheit wird dann aus ganz anderen Gründen Unisnn.
    Die Freiheit löst sich bei der Durchführung der politischen Gleichheit auf. Sie wird sinnlos. Wenn alle gleich sind, sind entweder alle in einem Käig ihrer Abhängigkeiten, über die sie sich hinwegzusetzen wünschen oder alle besitzen das gleiche Recht, sich für frei zu erklären, also über die Beschlüsse der Gemeinschaft resp. -heit hinwegsetzen zu dürfen. So kann aber keine Gemeinschaft existieren. Also ist politische Freiheit, die auf Gleichheit basieren soll, ein Hirngespinst.

    Das wußten wir bereits im Angesicht der Entgleisungen der sittlichen Freiheit in der Französischen Revolution von 1791. Seitdem ist es den Deutschen bekannt, daß die Gleichung Freiheit = Gleichheit nicht funktioniert, nicht funktioniert für die politische Freiheit. Freiheit ist kein Zustand, kein Ziel, das erreicht werden kann. Freiheit ist immer etwas Prozeßhaftes, etwas, das im Spannungsfeld von Determination und sittlicher Entschlußkraft des Einzelwesens liegt.

    Das ist der deutsche Geist, der politische. Er ist sehr viel reifer (gewesen) als der westliche. Deshalb mußte er vernichtet werden.

    Ein Gutes aber hat der Begriff der Gleichheit dann doch: Es darf niemanden geben, der über dem Gesetz steht. Ob man aber wie Platon ein Kastensystem entwickelt oder eine andere Form der Rechtsgleichen schafft, ist notwendig. Durchlässigkeit ist das Zauberwort. Die itzige Form der Käuflichkeit des Rechts, die Tatsächlichkeit des Rechtsmittelstaats allerdings ist die kläglichste Form des durchgesetzten politischen Liberalismus.

  19. #19
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    AW: Deutscher Geist im Verhältnis zu seinen Nachbarn

    Kulturstreben ist Formvollendung, Formverlangen für die im Inneren waltenden chaotischen Gegensätze, deren Basis religiös, will heißen alliebend, sehnsuchtssuchend, alternierend ist.
    Die Deutschen blieben jahrhundertelang das Volk der Seele. Sie wurden in der Moderne ein Volk des Stoffes und verloren darüber viel. Ironischerweise blieb die DDR aufgrund ihrer Selbstbezogenheit deutsch genug, um die Seele wieder ins Zentrum zu rücken.
    In den letzten Jahren gaben wir dem Stofftrieb zuviel nach. Ob sich aber ein Formtrieb wieder wird einfinden lassen, ist doch zu bezweifeln. Zu wenig regt sich.

  20. #20
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    Ursächliches Denken

    Formen des Materialismus basieren auf ursächlichem Denken. Es geht um Ausgangspunkte für Analysen, aus denen dann gefolgert wird. Ob es sich um ein naturwissenschaftliches oder geschichtswissenschaftliches Format handelt, um Psychoanalyse oder die Analyse historischer Situationen, um die Zusammensetzung von Verbindungen unter dem Mikroskop oder um die Analyse gesellschaftlicher Zustände, ist dabei nebensächlich. Alle diese Formen müssen sich dem Prozeßhaften, das das Leben nun einmal ist, entfremden, gehen starr an dieses heran, bestimmen Momentaufnahmen, aus denen sie Prozesse ableiten. Insbesondere die Übertragung auf die Bedürfnisse des Menschen muß hier fehlschlagen, am Ende wird der Mensch auf ein Triebwesen reduziert, seine Bedürfnisse materialiter rein stofflich (finanziell) oder schlichtweg seiner tierischen Natur gemäß auf Nahrungs-, Wohnungssuche und Triebbefriedigungen anderer Art reduziert. Am Ende sind das alles Rahmenbedingungen, die zwischen einzelnen Händlern (Politikern) fixiert werden sollen, um dann glauben zu machen, so die Geschicke der Welt lenken zu können, was allerdings nicht bedeuten soll, daß die Analyse von etwas freuchtlos bleiben muß. Überhaupt nicht. Aber wenn sie die einzig akzeptierte Methode bleibt, muß doch deren Grundsätzlichkeit angezweifelt werden dürfen, schließlich gibt es Alternativen - die gibt es immer.

    Dagegen gab es eine Denkrichtung, die das Prozeßhafte in den Mittelpunkt zur Erklärung, besser Beschreibung von Verhältnissen und Gegebenheiten betonte. Boden, Herkommen, Weitergabe des Feuers, Pflege, Aufgehobenheit in einem Überindividuellen, Dienst, Nächstenliebe... Das sind die Parameter dieser Herangehensweise an geselslchaftliche, familiäre und persönliche Angelegenheiten. Es geht nicht um die Aufgabe des Ich, sondern um die Akzentverschiebung.

  21. #21
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    National-konservativer Grundansatz im Gegensatz zum liberalen

    Dieser Tage wird das national-konservative Denken überwiegend in den Kontext des Rechtspopulismus und Rechtsextremen gestellt. Das ist insofern nicht verwunderlich, als daß die meisten in den weitgehend gleichgeschalteten Medien der BRD Linksgrüne sind und einem liberalistischen Weltbild folgen. Sie sind befangen und parteiisch zugleich und sich einig in der Diffamierung des national-konservativen Ansatzes.

    Wie lautet dieser national-konservative Grundansatz und warum steht er im Gegensatz zum liberalen?

    Der Mensch wertet. Das ist seine wichtigste Eigenschaft. Seine Wertungen geben ihm ein politisches Profil. Er entscheidet, was gut und richtig ist. Vieles in seinem Leben ist eine Folge von Grundsatzentscheidungen, die nicht jedes Mal neu getroffen werden müssen, so daß er unterbewußt das tut, was im Kontext der einmal getroffenen Grundsatzentscheidungen getan werden muß. Selten genug kömmt es vor - und einer ändert die Grundsatzentscheidung. Wie lautet sie im politischen Sinn?

    Es gibt den liberalen Ansatz (zu dem Linke, Grüne, SPD und der größte Teil der CDU/CSU gehören, aber auch Teile der AfD; die FDP sowieso): Nach diesem Ansatz wertet der Einzelne in Selbstverantwortung alles Gemeinschaftliche dahingehend, was es ihm nützt, inwiefern Organisationen, Staatsform, Wirtschafts- und Sozialapparat dazu angetan sind oder werden können, ihm selbst auf dem Wege zu seiner Glückseligkeit zu helfen. Er richtet die Gesellschaft so ein, daß sie ihm die besten Voraussetzungen zu seinem Gedeih, zu seiner Vervollkommnung, zu der seiner Familie und seiner Liebsten etc. helfen kann. Dahingehend stellt er gegebenenfalls eigene Wünsche zurück, fragt auch, was er tun kann, um dieses Grundprinzip respektierend zu erfüllen, ihm zu genügen. Oder, um es mit Kennedy zu sagen: Er fragt sich, was er für die Gemeinschaft tun kann, damit die Gemeinschaft ihm ein Höchstmaß an Glückseligkeitsverheißung zurückgeben kann.

    Daneben gibt es den national-konservativen Ansatz (zu dem wenige in der AfD gehören, viele Christen, wenige in der CDU/CSU und auch einige Grüne, Linke und SPDler). Dieser Ansatz stellt nicht sich resp. den Einzelnen in den Mittelpunkt aller Interessen, sondern höhere Ganzheiten: das Volk, den Stamm, die Rasse, die Menschheit. Es betrachtet den Einzelnen nur als Erfüllungsgehilfen für die Interessen dieser höheren Ganzheiten. Dienst und Opfer sind es, die diesen Ansatz praktisch begleiten. Der diesem Ansatz folgende Einzelne weiß, daß die Selbstverantwortung des wertenden Ichs zur Selbstbeschränkung führen muß und überantwortet dieses Ich einem größeren Kontext, dient ihm.

  22. #22
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    Arrow Konservative Demokratie

    Die andernorts besprochene westliche Demokratie besitzt ein deutsches Pendant, die konservative Demokratie. Sie basiert nicht auf der Masse, sondern auf dem Volk; sie will nicht die Gleichheit apostrophieren, sondern die Persönlichkeit. Sie ist die eigentliche Verwirklichung des von Rousseau prolongierten volonte generale als Volkswille politisch gleichberechtigter und sittlich freier Persönlichkeiten. Eine Idee, eine metaphysische.
    Diese Idee scheitert an der Quantität ihrer Träger. Sie kann nur funktionieren, also praktikabel sein, wenn die Zahl der Volkswillenden übersichtlich wie der Entscheidungsraum bleiben. Demokratie hängt am Begriff der Heimat, am Begriff der Kleinstaatung, der Region, der Stadt, des Dorfes, des Landkreises. Sie führt zur Lebendigkeit der einzelnen Glieder, die das Gefühl haben, in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld etwas beitragen zu können, gehört zu werden, Anteil nehmen zu können.
    Der westliche Staat, der auf den liberalen Ideen beruht, steht diesem Konzept kontradiktorisch gegenüber. Der westliche Staat bedarf der Vermassung und der auf Individualismus basierenden Entpersonalisierung ihrer Einzelwesen, die erst dann lenk- und nutzbar werden.

  23. #23
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    Demokratie plus Aristokratie = bester Staat?

    Daß es eine Verbindung zwischen der Demokratie und Aristokratie geben muß, leuchtet jedem ein, der das Schicksal Sokrates' verfolgte. Die Schlußfolgerung Platons, später der Klassik, daß ein dauerhafter Staat nur dann Perspektive und Freiheit, Sicherheit und Wohlstand erzeugen würde, wenn man ein Kastensystem generiere und durchlässig erhalte, hat bis heute nichts von seiner Virulenz verloren. Bei wenigen. Den meisten ist das egal, solange ihr Bäuchlein gefüllt ist.

    staat_als_aristokratie_jung.jpgstaat_als_aristokratie_jung_2.jpg

    Der abgelichtete Text entstammt Edgar Jung: Konservative Revolution. Berlin 1928. S. 310-311.

  24. #24
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    Parlamentarismus als Machtfaktor des Kapitalismus

    Systemimmanenter Widerspruch des Parlamentarismus: einerseits formuliert er den Grundsatz der Verantwortlichkeit von Regierung und Parlament vor dem Wähler (alle Macht geht vom Volke aus), wobei das Parlament die Macht besitzen soll, durch Mehrheitsbeschluß einen Minister oder gar die gesamte Regierung zu kippen.

    Eben darin liegt ein Widerspruch des westlichen Systems. Oder nicht?

    Das Volk wählt Vertreter, ob nun direkt oder indirekt ist eine Frage des Wahlgesetzes, ändert aber nichts an der Tatsache, daß das Volk über die Zusammensetzung seiner Repräsentanten bestimmt. Gut. Diese Vertreter haben itzo einen näheren und einen ferneren Auftrag. Der nähere Auftrag lautet, eine Regierung zu bilden, jedenfalls im Parlamentarismus, denn es müssen die Parlamentarier sein, die hier die Macht besitzen sollen. Nun aber überläßt man dieser Regierung nicht das Regieren, sondern soll JEDERZEIT befähigt sein, durch einfachen Mehrheitsbeschluß, einzelne Minister oder gar die ganze Regierung wieder abzuberufen? Der fernere Auftrag? Ist das nicht ein Widerspruch? Bedeutet das nicht eine Aufhebung der GEWALTENteilung?

    Ich erinnre daran, daß im Reich bis 1918 eine solche Parlamentsmacht nicht gegeben war, was gut für die innere Entwicklung war, denn das Parlament besaß zwar die Macht der Etatablehnung, nicht aber die, einzelne oder die gesamte Regierung abzuwählen. Das verschaffte dem einzelnen Parlamentarier m,ehr Freiheit udn zugleich eine individuell ausgeprägte Verpflichtung, nämlich der Regierungskontrolle. Die Regierung ihrerseits war gezwungen, PARTEIÜBERGREIFEND Mehrheiten zu suchen, um den Haushalt Jahr für Jahr durchzubekommen.

    Ich halte dieses System für besser und demokratischer.

  25. #25
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    Der organische Staatsentwurf und die Parteien

    Das von Jung entwickelte Baugerüst des organischen Staates weist einen Strukturfehler auf, den es zwar kennt, aber nicht lösen kann, insofern also das gleiche macht wie die Kommunisten mit der Entwicklung ihrer historischen Mission der Arbeiterklasse: das Problem wird auf ein Später verschoben. Das Strukturproblem liegt in der zwangsläufigen Entstehung resp.Existenz von Parteien. Parteien sind keine deutsche Erfindung, sondern eine westliche. Sie entstanden zur Durchsetzung politischer Ziele als Interessenverbände, sind also Folge einer individualistischen Weltwahrnehmung. Für die Moderne müssen die Bildungen während der Französischen Revolution, eher die als die in Britannien hundert Jahre zuvor, als disparate Quellpunkte des deutschen Proporzes gelten, der bis heute obwaltet und den Staat fest im Griff hat.
    Das muß ja nichts Schlechtes sein, sofern diese Parteien das Fortkommen des Ganzen im Blick hätten, wäre es das auch nicht, nichts Schlechtes. Sie haben aber nur ihr eigenes Fortkommen im Blick und nennen gesellschaftlichen Fortschritt den Kompromiß zwischen ihren Individualinteressen, die sie dann als gesellschaftliche verkaufen, weil Mehrheiten bei Wahlen das nahelegen.

    Der organische Staat nun glaubt, daß der Ausschluß von Massenwahlen schon ein erster Schritt wäre, die Macht der Parteien zu brechen, daß aber der eigentliche Diversionsprozeß (für die Parteien) dann einsetzen würde, "wenn Kultur-, Wirt#chafts- und Sozialpolitik aus dem Bereiche des rein #taatlichen Lebens herausgenommen #ind". (Jung, S. 344.)

    Das glaube ich auch. Aber solange kein Handlungsbedürfnis besteht, bleibt das eine Theorie.

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