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Thema: Das Reformationszeitalter

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Hexenverfolgung

    Die Reformatoren waren keine Gegner der Hexenverfolgung. In Wittenberg, Zürich und Genf wurden Exempel an mutmaßlichen Hexen statuiert. Luther, Zwingli und Calvin wollten den Teufel austreiben und wußten seinerzeit keinen anderen Rat als den mit dem Feuer. die rechtliche Grundlage hatten alle drei 1487 erhalten.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Das Reformationszeitalter

    AUGUSTINER
    - 1256 gegründeter Bettelorden, der helfen soll, wo die Kirche Hilfe benötigt
    - Heil und Vergebung der irdischen Sünden werden durch Glauben und Gnade vergeben
    - sie beriefen sich auf Paulus, der in Jesus Christus den Wender des Heilsgeschehens sah → der Mensch würde immer sündigen, aber im Glauben könne er in der Gemeinde Vergebung finden
    Dieses Zeitalter, das ca. drei Jahrhunderte umfaßte, stand ganz im Zeichen des wichtigsten Reformators: Martin Luther. Er wurde am Martinstag 1483 im ostfälischen Eisleben geboren, westlich von Halle (Saale) gelegen, eben jenem Teil Deutschlands, aus dem u.a. Friedrich von Hardenberg (Novalis), Händel und Nietzsche stammen. Sein Vater war ein zu Wohlstand gelangter Bergmann, der Luther jr. eine gute Ausbildung ermöglichen wollte. Der Filius gehorchte seinem Vater bis zu seinem 21. Lebensjahr und genoß die damals angesehene lateinische Bildung, die zu Berufen wie Arzt oder Beamter berechtigte. Doch als er auf die Juristenfakultät überwechseln sollte, regte sich in ihm das Gewissen und er beschloß, Mönch bei den Augustinern zu werden. 1505. In Erfurt führte dieser Bettelorden ein weithin bekanntes Kloster, dort begehrte und fand Luther Einlaß. Er lernte gut und kam bald in die Praxis. Der Orden versetzte ihn nach Wittenberg, um an der dortigen Universität zu lehren. Wittenberg, heute Bundesland Sachsen-Anhalt, war 1485 zur Hauptstadt Chursachsens geworden, auch das ernestinische Sachsen genannt, benannt nach Ernst von Sachsen. Ernst herrschte über den Teil Sachsens, den er samt der Churwürde in der Leipziger Teilung 1485 erhalten hatte (nördliche Teile Meißens, Wittenberg, Südthüringen, Zwickau, Vogtland). Ernsts jüngerer Bruder Albrecht herrschte indes über südliche Teile Meißens und Nordthüringens, u.a. die reichen Städte Dresden und Leipzig, dafür besaß er kein Recht zur Wahl des deutschen Königs. Die Brüder kamen darin überein, daß im Todesfall des einen Bruders das geteilte Land dem Überlebenden zufallen sollte. Die Gebiete wurden in Amtsbezirke und Adelsherrschaften geteilt, deren Herren eine persönliche Bindung an den Fürsten besaßen.

    In Wittenberg herrschte weitgehend Lehrfreiheit. Luther war als Augustiner der Auffassung, daß Glauben und Gnade durch eine autoritativ geführte Kirche zum Seelenheil der Gläubigen führen müsse. Das ist eine mittelalterliche, keine frühneuzeitliche Auffassung. Doch in die Kirche war zu viel Einfluß von außen gedrungen, Reformversuche scheiterten und sie hatte ihre heilsgeschichtliche Funktion vernachlässigt. Der Ungeist des pragmatischen Weltwahrnehmens hatte auch die Kirche erfaßt und zu einer Werkheiligkeit geführt, will heißen, daß Wirken am Erfolg gemessen wurde, nicht die Absicht zählte, sondern das meßbare Resultat. Eine Heiligung des Geldes, eine Spiritualität des Verkaufs. Kapitalismus. Seelenheil gegen Bares!
    Auf der anderen Seite des religiösen Alltags standen nicht die Gleichgültigen oder Atheisten, die zu dieser Zeit eine verschwindend kleine Minderheit abgaben, sondern die Eifrigen, die Asketen, die Streber nach dem Wort Gottes, zu denen auch Luther gezählt werden muß. Originalton Luther: Ist je ein Münch gen Himmel kommen durch Müncherei, so wollt ich auch hineingekommen sein.

    melanchthon.JPG

    Die Kirche fürs Volk arbeitete für eine Versöhnung zwischen Gläubigen und Himmel, das bedeutete, sie ließ sich die Befreiung von irdischen Lastern mit Geld bezahlen. Ablaßhandel. Daneben blühte der Reliquienhandel. Das umfaßte Gegenstände allseits bekannter Heiligtümer, wie sie in der Bibel genannt werden, aber auch erdachte Heiligtümer, die dadurch zu welchen wurden, weil sie ein Kirchenoberer zu ebenjenen erklärt hatte. Aberglauben. Wer sich die Mühe machte und alle Reliquien in allen christlichen Kirchen zusammenzählte, der würde auf vielleicht vierhundert Kreuze, an denen Jesus gekreuzigt wurde und zwanzig heilige Lanzen, Hunderte von heiligen Tüchern, Knochen oder Gegenständen kommen; allein in Wittenberg soll es 6000 Reliquien gegeben haben, vom Holzsplitter des Kreuzes bis zu einem Stück von dem Busch, den Moses brennen sah! Jeder halbwegs kluge Mensch mußte da ins Grübeln kommen, ob das der Sinn des Glaubens sein sollte, Tand, obgleich geheiligten, anzubeten.
    Luther zeigte seinen Glauben anders: er fastete und kasteite sich, übertrieb es. Allerdings durfte er als Augustiner kein rein kontemplatives Leben führen. Er mußte hinaus, aktive Seelsorge betreiben, zudem in der Öffentlichkeit lehren. 1513 brachen sich seine Zweifel an der Umsetzung christlicher Werte in der Wirklichkeit Bahn, er konnte die Diskrepanz (unüberbrückbarer Abstand) zwischen Lehre und Wirklichkeit nicht mehr aushalten. Er sah die Raffkes der Kirchenoberen und das zahlungswillige, dumme Volk, sah die ehrlichen Christen mit Füßen getreten und aus den Ämtern gejagt, erkannte, daß etwas faul sein mußte, erkannte, daß die Kirche in ihrer Form nicht das Seelenheil der Gläubigen entwickeln und vertiefen konnte, da sie zum Selbstzweck ihrer Amtsträger und um 1500 mehr als jemals zuvor ein Staat im Staate geworden war. Jede Gemeinde hatte ihre Ämter, ihre Einnahmequellen (Pfründen), die von besonders Betriebsamen besetzt worden waren. An der Spitze dieses Apparates stand ein Papst, der vor allem politisch wirkte und auch in fiskalischer Hinsicht die Spitze der Hierarchie bildete. Und so wurde von der Spitze weg nicht mehr klar unterschieden, ob der Gläubige mit dem Erwerb eines Ablaßbriefes nun einen Erlaß der Sünde oder einen der Sündenstrafe erhielt. Die meisten Gläubigen kannten den Unterschied nicht, sie waren beruhigt, wenn sie einen Ablaß erwerben konnten, das verschaffte ihnen inneren Frieden. Es kam immer mehr die Unsitte der Ablaßbriefe auf, die Sünden vorab gestatteten, denn schließlich hatte er seine Strafe quasi vorab bezahlt.
    Das widersprach eigentlich christlicher Weltwahrnehmung, wurde aber in Zeiten des Renaissancepapsttums als lukrative Einnahmequelle genutzt, denn der Bedarf an Ablaßbriefen wuchs ins Ungeheuerliche. Die Vermittlung dieser päpstlichen Geldgeschäfte nahm das Bankhaus der Fugger aus Augsburg vor, die päpstliche Ablaßbriefe wie Anleihen von umherreisenden Ablaßhändlern gegenzeichnen ließen. Ein Riesengeschäft ohne Risiko.

    Petrus Damiani (1007-72)
    Legat des Papstes gegen die Simonie in Mailand
    - gilt als Initiator der Visionsliteratur
    - lehrte, daß Bußstrafen nachgelassen werden könnten, indem der Sünder ein frommes Werk durch einen Beitrag, eine Geldspende unterstütze → führte zum Ablaßhandel

    Von der göttlichen Allmacht:
    - Gott kann dem Gesetz der Unvereinbarkeit entgegenhandeln und die Vergangenheit ungeschehen machen → wurde später vom Hlg. Thomas verworfen
    - lehnte die Dialektik ab und nannte die Philosophie eine „Magd der Theologie“

    Als wegen der Besetzung des Mainzer Bischofstuhls mit dem Hohenzollern Albrecht hohe Bestechungssummen gezahlt werden mußten, die in Chursachsen und Magdeburg eingetrieben werden sollten, war es Luther zuviel. Er begehrte auf und fand Unterstützung bei seinem Landesherren, dem die Ausbeutung seiner Untertanen mit Hilfe päpstlicher Ablaßbriefe schon längst ein Dorn im Auge war. Gleichwohl zog Tezl durchs Land und verkaufte Ablässe, während Luther in Wittenberg 95 Thesen über den Ablaßhandel an die Schloßkirche nagelte. Einen Tag vor Allerheiligen, am 31. Oktober anno Domini 1517. Ein welthistorisches Ereignis, denn nun ging eine Lawine los, die Europas politisches Handeln für lange Zeit bestimmte und erst im 19. Jahrhundert anderen Hauptgegensätzen wich.
    Luther wollte den Ablaßhandel als rein äußere Lösung innerer Bedrängnis des Christenmenschen aus der Welt schaffen. Er kannte aus der Erfahrung des seelsorgenden Augustiner-Mönches die Seelenvergiftung, die der Ablaß bewirkte und stellte nunmehr (als Lehrer der Wittenberger Universität) auch wissenschaftlich seine Ansicht vor: Thesen! Er sollte nicht der einzige Reformator [1] bleiben.

    Luther Calvin
    - Gott ist gütig und zur Vergebung bereit - Gott ist streng und unbegreiflich, er richtet (Prädestination)
    - geistliches und weltliches Regiment sind streng zu trennen: der Christ ist ein Bürger zweier Welten - beide Welten sind zusammenzuführen in einem Gottesstaat auf Erden
    - Kirche ist hierarchisch zu strukturieren - Kirche beruht auf der Mitwirkung der ganzen Gemeinde

    Luthers Thesenanschlag ist ein Indiz für das neue Zeitalter, in dem er lebte. Hundert Jahre zuvor wäre dies nicht möglich gewesen, die Öffentlichkeit hätte einem öffentlichen Anschlag nichts entgegnen können, wäre stumm geblieben oder hätte den Anschläger vors Tribunal geladen. Doch 1517 hatte der Humanismus Diskursethik bereits als allgemeine wissenschaftliche Auseinandersetzungsform durchgesetzt. Luther warf quasi den Fehdehandschuh hin. Eine Antwort würde kommen, dazu war das Thema zu brisant, stand für viele zu viel auf dem Spiel.

    Calvin betonte im Gegensatz zu seinem Kollegen Luther die aus der Bibel abgeleitete Feststellung, daß die Inhaber politischer Ämter nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht zum Widerstand gegen despotische Herrschaftsausübung besäßen. Calvin verwies auf die Freiheit des Volkes als erste Norm für jede Staatsgewalt, verließ die durch den Apostel Paulus geschaffene negative Grundlegung der weltlichen Obrigkeit und setzte einen neuen Wert, den des demokratischen Verständnisses von Staat und Herrschaft.
    Mit Luther konnte es gerade in diesem Punkt keine Einigung geben, da der davon ausging, daß die meisten Menschen einer Lenkung bedürften und nicht in der Lage seien, sich wirkungsvolle politische Ordnungen zu geben, ein Widerstandsrecht für den einfachen Christenmenschen also nicht bestünde.
    Die Parteien bildeten sich. Auf der einen Seite die alte Kirche mit ihren Theologen, Äbten, Bischöfen und weltlichen Handlangern: Vögten, Grafen, Königen, dem Kaiser. Auf der anderen Seite stand Luther, mit ihm ein paar Freunde, möglicherweise einige weltliche Herren, die sich profilieren wollten. Aber es gab unter den Humanisten etliche, die Luthers Tat als Befreiung empfanden und sich auf seine Seite stellten. Der Streit würde viele Facetten besitzen, die anfängliche mußte das Wort Gottes bilden, worauf sich Luther berief. Melanchthon, ein genialer Humanist, wurde nach Wittenberg geholt, um Grundlagenforschung der griechisch geschriebenen Evangelien betreiben zu können. Luther wollte seine Worte auf die der Bibel stützen. Die Unterstützung seines Churfürsten Friedrich des Weisen hatte Luther sicher. Auch der große Humanist Reuchlin sprach sich für Luthers Kampf aus.
    In Deutschland entstanden zwei Lager, auf der einen Seite die Kölner Dominikaner, auf der anderen Seite die Anhänger Luthers; in den Startlöchern pro Lutheri stand eine große Zahl weltlicher Herrscher, denen der Ablaßhandel schadete, da ihre Untertanen ihres Geldes beraubt wurden.
    Außerdem gingen dem frühneuzeitlichen Staat Akzise dadurch verloren, daß klösterliche Betriebe steuerfrei wirtschaften durften, denn dies verschaffte ihnen im Wettbewerb mit nichtklösterlichen Betrieben Vorteile; außerdem wurden in wirtschaftlichen Streitfällen oft kirchliche Sanktionen gegen bürgerliche Konkurrenten verhängt: Exkommunikation, Bußen... Die Kirche vor Luthers Reformation mischte sich in Belange ein, für die sie eigentlich keine durch die Schrift (Bibel) zertifiziertes Mandat besaß.
    Luther wurde nach Augsburg geladen, um vor einem Kardinal namens Cajetan seine Thesen zu widerrufen. Kurz darauf traf man sich in Leipzig, um wissenschaftlich zu disputieren. Die Kirche schickte Professor Eck ins Rennen. Dessen Totschlagargument in der Diskussion war die Beschreibung der Kirche als des Leibes Christi. Luther wurde kleinlaut, denn genau diesen schwachen Punkt konnte er nicht wegleugnen: Durfte er sich gegen die Weisheit der Jahrhunderte stellen, gegen die Beschlüsse der Konzile? – 1520 wurde Luther zum Ketzer erklärt.

    Die Deutschen haben Europa um die letzte große Kultur-Ernte gebracht, die es für Europa heimzubringen galt – die Renaissance. Cesare Borgia als Papst... Versteht man mich? Das wäre der Sieg gewesen, nach dem ich heute allein verlange –: damit war das Christentums abgeschafft. Was aber geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance. Statt mit tiefster Dankbarkeit das Ungeheure zu verstehn, das geschehen war, die Überwindung des Christentums an seinem Sitz – verstand sein Haß aus diesem Schauspiel nur seine Nahrung zu ziehn. Ein religiöser Mensch denkt nur an sich. – Luther sah die Verderbnis des Papsttums, während gerade das Gegenteil mit Händen zu greifen war: die alte Verderbnis, das peccatum originale, das Christentum saß nicht mehr auf dem Stuhle des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das große Ja zu allen hohen, verwegenen, schönen Dingen. Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an... Die Renaissance – ein Ereignis ohne Sinn, ein großes Umsonst! Ah, diese Deutschen, was sie uns schon gekostet haben! Umsonst – das war immer das Werk der Deutschen!“ (Friedrich Nietzsche: Der Antichrist. Abschnitt 61-62.)

    Aufgaben:


    1. Was veranlaßte Luther zur Abfassung seiner Thesen? (II)
    2. Gib den Gang der Ereignisse in Luthers Leben bis zum Gang nach Worms 1520 wieder! (I)
    3. Entwickle ein Ursache-Wirkung-Schema in wenigstens drei Punkten für die Luther-Zeit! (III)




    [1] Bei allen Unterschieden der Ansatzpunkte und Auswirkungen der Reformatoren, war ihnen eines gemeinsam: aller Kraftquellen bildete das lautere Wort der Schrift und die Verwerfung der Auslegungen der katholischen Kirche, die sich NICHT direkt auf das Wort begründen lassen.



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