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Thema: Ort

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Die Finsternis ist so dicht, ich kann sie riechen - der Geruch von feuchtem Stein und Trauer, vermischt mit dem meines Schweißes. Die Füße stehen auf abschüssigem Grund, ich taste mit beiden Händen durch die Dunkelheit, ich bewege mich so wenig wie möglich, tauche vorsichtig meine Arme in die Schwärze. Die Angst lässt mich kaum atmen, jeder meiner Atemzüge vielfach verstärkt, aus dem Dunkel zu mir zurückzufinden, mich zu verspotten, mein Grauen zu verhöhnen. Meine Augen sind schmerzhaft weit geöffnet, doch kein Lichtstrahl berührt sie, die Nacht um mich kennt keinen Schatten. Ich weiß weder wo ich bin, noch wie ich hierher kam; als ich erwachte fand ich mich an diesem Ort, von dem ich nicht mehr kenne, als den Boden unter mir. Aber nicht einmal der scheint sicher zu sein, denn ich bemerke wie er sich kaum merkbar hebt und senkt, als stünde ich auf langsam pulsierendem Leben. Kaum wage ich es mich zu bücken, um mit flacher Hand neben meine Schuhe zu fassen - ich greife ins Leere. Worauf ich mich auch immer befinde, es ist nicht größer als der Platz auf dem ich stehe. Ich schlage meine Hände vor das Gesicht und versuche zu verstehen, allein ich kann mich nicht konzentrieren, meine Gedanken versuchen halt zu finden, schwärmen aus, suchen und kommen schließlich wie müde Tauben zu mir zurück. Unvorstellbar ist dieses Nichts, mein Verstand stemmt sich verzweifelt gegen diese Einsicht, versucht einzugrenzen wo keine Grenzen sind, bemüht sich zu vergleichen wo kein Vergleich möglich ist. Ich schluchze, ein schwaches Geräusch auf dem meine Gefühle in die Unendlichkeit zu entfliehen suchen. Vielleicht stehen hier, ganz in meiner Nähe, andere so wie ich auf ihren kleinen atmenden Parzellen und warten auf einen befreienden Laut - einen Schrei in den sie einstimmen können, der zu einem hellen, alles durchdringenden Ruf wird. Nur hätten sie sicher mein Weinen gehört, oder ist die Düsternis so hungrig, dass sie selbst die Geräusche in ihre Schwärze saugt? Plötzlich wird das Rauschen in meinen Ohren durch ein leises Wimmern unterbrochen, ich drehe mich vorsichtig, versuche die Richtung zu bestimmen, will schon antworten - da ist es wieder still um mich.
    Ich sollte rufen, aber ich weiß genau, wenn ich riefe und keine Antwort erhielte, wäre dies mein Tod. So werde ich keinen Laut von mir geben, hier bis zu meinem Ende ruhig stehen bleiben, weil ich die Gewissheit vielleicht nicht ertragen könnte.

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 24. August 2001 editiert.]

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    Liebe Kyra!

    Da sind Bilder, große Bilder, großartige Bilder. Vergleiche finden sich auch, gelungene. Du hast Dich an einer in sich geschlossenen Miniatur versucht, die mich überzeugt wegen der Verdichtung von Gefühlen der Beklemmung, der Angst. Reales wird durch die Sprecherperspektive und die gelungenen Vergleiche zu überhöht Irrealem. Bei allem Lob stört mich aber ein einziger Satz, den ich ersatzlos streichen würde. "Ob ich hier ganz alleine bin?" ist als Frage und als Feststellung für diesen Gedankengang, den der Text vermittelt, zu aufgesetzt, zu naiv, denn zwischen allen Zeilen steht diese eine Frage bereits und schreit lautlos aus dem Text nach einer Antwort.
    Dieser Text gefällt mir sehr, Kyra!
    herzlichst uis

    [Diese Nachricht wurde von uisgeovid am 24. August 2001 editiert.]

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    Hallo Uis

    den Satz habe ich gelöscht, aber es freut mich sehr, dass Dir der Text gefällt, ich versuche grade etwas von diesen Kurzgeschichten wegzukommen, so etwas wie Prosa zu schreiben. Aber der Boden wackelt unter meinen Füßen wie diese kleinen Parzellen

    Grüße

    Kyra

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    Ja, Kyra, das ist gut, wenn der Boden wackelt, wenn Du unsicher bist und gleichzeitig in einer bestimmten Art bestätigt Dich fühlst innerlich beim Schreiben, das ist der Weg zu einer verdichteten Ausdrucksform, zu einem lyrischen Schreiben. Ich kann mir beispielsweise diese Miniatur durchaus in einen größeren Zusammenhang eingebettet gut vorstellen. Also, Kyra, versuch es mal weiter in dieser Richtung, ich bin gespannt, was noch dabei herauskommt.
    wie immer
    uis

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