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Thema: Die Lichtung (Teil I)

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  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Die Lichtung (Teil I)

    DIE LICHTUNG
    Erzählung aus dem Zyklus „Jahrmarkt in der Stadt“ (Anfang)

    Der Autor hatte aufmerksam mitgezählt. Er setzte mit der Goldfeder seines Schönschreibfüllers zum vierhundertzwanzigsten Mal drei elegante Striche auf die dritte Seite eines seiner Bücher. Sie bildeten das zeitsparende Kürzel seiner Unterschrift und sahen wie ein chinesisches Schriftzeichen aus. Vierhundertzwanzigmal in einer Stunde, das waren sieben Unterschriften in einer Minute, hatte er ausgerechnet. Es war ein guter Schnitt; schließlich musste er bei etwa jeder dritten Unterschrift sagen:
    „Es tut mir leid. Ich kann Ihnen leider keine Widmung schreiben. Dafür fehlt die Zeit. Sie haben sicher Verständnis dafür.“
    Das hatte der Autor bislang also einhundertvierzigmal gesagt. Damit ihm dabei nicht langweilig wurde, hatte er ab und an die Reihenfolge seiner Sätze, denn es gab schließlich vierundzwanzig Permutationen der Grundaussage, getauscht. Jetzt, bei der vierhundertzwanzigsten Unterschrift, war die Version: „Sie müssen Verständnis haben. Ich kann Ihnen leider keine Widmung schreiben. Dazu fehlt die Zeit. Es tut mir leid.“ an der Reihe.
    Er lächelte für sich und sein Gegenüber nahm es als Freundlichkeit. Zahlen bedeuteten dem Autor viel. In dieser chaotischen Welt, in der er alle Werte zerstört oder zumindest relativiert fand, war ihm die Algebra ein Ruhepunkt an Klarheit, Struktur und Regelmäßigkeit. Der Autor war der Meinung, die Denker hätten die Mathematik nur entwickelt, um wenigstens in den Besitz einer Sache zu gelangen, die sicher ist, da sie doch jenseits jeder Wirklichkeit nur im Verstand existiere. Wenn der Autor auf die weltanschaulichen Irrungen sah, wie wohltuend war ihm da zum Beispiel der Satz des Taylor, der unabänderlich immer wahr bleiben würde, auch wenn das Wasser plötzlich zur Quelle flösse.
    Der klägliche Versuch allerdings, dachte er, die Gesetze der abstrakten Mathematik mit Hilfe der Tensorrechnung auf Erfahrungswissenschaften zu übertragen, scheitert eben daran, dass diese den Versuch machen, tatsächliche Vorgänge erklär- und vorhersehbar zu machen. Diese jedoch, siehe Einstein, können nur im jederzeit änderlichen örtlichen und zeitlichen Bezugsrahmen des Beobachters Geltung haben. Die Mathematik bleibt davon unberührt.
    „Dr. Pendell?“
    Jemand legte seine Hand auf die Schulter des Autors und holte ihn aus seiner sokratischen Abwesenheit. Er hasste Unterbrechungen bei seinen philosophischen Gedankenflügen und wand sich recht unwirsch herum. Hinter ihm stand ein junger Angestellter der Buchhandlung, dessen eingeschüchterte Haltung ihn jedoch sofort wieder erheiterte.
    „Entschuldigen Sie bitte, Dr. Pendell; die Stunde ist zwar um, aber es warten noch einige Leute. Würde es Sie stören, noch etwas länger...“
    „Ich habe leider einen Termin.“ log der Autor eilig, stand auf und schloss seinen Füller geräuschvoll. Er bemühte sich, Endgültigkeit in seine Geste zu legen. Soweit Pendell sehen konnte, warteten nur mehr zehn, fünfzehn Leute mit einem seiner Bücher in der Hand auf sein Signum. Er hätte die Unterschriften in zwei Minuten erledigen können, aber dann würden seine Zahlen nicht mehr passen. Er glaubte an ihre Magie, an die Verknüpfung, die sie mit den heiligen Ziffern Drei und Sieben hatten. Weitere Unterschriften hätten alles kaputt gemacht.
    Pendell steckte den Füller in die Innentasche seines Kashmirjacketts und wand sich an die Wartenden. Ein Schriftsteller muss nicht nur so seriös wie ein Bankier aussehen, er muss sich auch wie einer geben, dachte er.
    „Es tut mir leid. Es fehlt leider die Zeit. Sie müssen Verständnis dafür haben. Ich habe einen unaufschiebbaren Termin.“ sagte er und lächelte gewinnend. Er blickte in enttäuschte Gesichter. Der Angestellte kam ihm beflissen zur Hilfe.
    „Wir bitten Sie um Verständnis. Herr Dr. Pendell hat leider keine Zeit mehr. Es tut uns leid, aber er hat einen Termin.“
    Der Autor sah erstaunt und anerkennend zu dem jungen Mann, der dann aber fortfuhr:
    „Sie finden an der Kasse im ersten Stock noch vorabsignierte Exemplare des neuen Buchs von Herrn Dr. Pendell. „Netze kosmischer Energien“, sechsunddreißig neunzig, gebunden. Ich möchte Sie auch noch auf Herrn Dr. Pendells Lesung heute Abend um zwanzig Uhr in der Aula der Fachhochschule aufmerksam machen.“ Der Autor nickte zustimmend und verharrte, bis sich die Wartenden verstreut hatten. Eine ältere Frau jedoch, die eine Taschen-buchausgabe eines frühen Werkes von ihm über die „Geistererscheinungen verstorbener Päpste im Vatikan und ihre geheimen Botschaften“ in den Händen hielt, blieb hartnäckig knapp vor ihm stehen. An Aufdringlichkeiten gewöhnt, kümmerte er sich nicht weiter um sie, schüttelte, sich verabschiedend, dem Angestellten die Hand.
    „Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Pendell!“ sagte die Frau plötzlich zitternd, aber mit einem eindeutig kämpferischen Unterton.
    „Glauben Sie an den Unsinn, den sie schreiben?“
    Pendell musterte die Frau abschätzend. Wahrscheinlich war sie Ende fünfzig, aber sie wirkte älter; sie schien ihm eine abgearbeitete, durch die täglichen Reibereien des Hausfrauenlebens abgenutzte kleine Frau zu sein, die seine Schriften und die Regenbogenpresse als Flucht aus ihrem deprimierenden Alltag nahm. Ihre Art, ihn durchdringend und strafend zu betrachten, erinnerte den Autor an seine kürzlich verstorbene Mutter; es war ein gewohnheitsmäßiger, erschöpfter Vorwurf in ihrem Blick, der ihn, auch wenn er die Hände nicht in der Süßigkeitenkiste hatte, sich schuldig fühlen ließ.
    An einem anderen Tag hätte sich der Autor ohne zu antworten abgewandt. Heute war jedoch seine Selbstzufriedenheit unangreifbar und er war zudem neugierig, was der Grund für diesen unvermuteten Angriff war. Mit einer Handbewegung hinderte er den Angestellten, für ihn einzuspringen. Er räusperte sich.
    „Spielt es eine Rolle, ob ich an ihre Wahrheit glaube? Ich halte es da mit Pilatus: Was ist Wahrheit überhaupt? Wichtig ist doch, denke ich mir, was mein Leser aus den Texten macht. Die Bücher bieten Informationen, wollen etwas erfahrbar machen, egal ob man sie für wahr oder falsch erachtet. Information steht jenseits von solch kleinlichen Dünkeln, muss sie doch öffentlich gemacht werden. Das erachte ich als meine vornehme Aufgabe. Alles andere wäre Zensur. Erst die Vielfalt des Wissens, die Kenntnis von These und Antithese, schafft den mündigen Bürger. Können Sie mir folgen?“
    Die Frau sah ihm nicht danach aus.
    „Ich glaube an den ‚Unsinn‘, den ich schreibe“, vereinfachte er.
    „Er ist ebenso wahr oder falsch wie ein Physikbuch oder die Bibel.“
    „Mein Mann Holger glaubt auch daran; er hat Ihre Bücher gelesen und viele andere mehr...“ erwiderte sie zögernd, eingeschüchtert durch die Gardinenpredigt.
    Der Autor sah auf seine Uhr.
    „Das ist gut. Aber ich muss jetzt gehen. Nun ja, für Ihren Holger...“
    Er nahm der Frau kurzentschlossen das Buch aus der Hand und setzte mit einem Kugelschreiber, den ihm der Angestellte eifrig reichte, seine Unterschrift hinein.
    „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“ log Pendell und gab der Frau den Band zurück. Sie wollte etwas entgegnen, aber da hatte er sich schon abgewandt. Später würde er sich zwar ärgern, weil er mit der Unterschrift seine glückbringende Zahlenmagie zerstört hatte, aber im Moment war er sehr zufrieden. Er hatte die Frau und ihren Mann mit nur drei Strichen glücklich gemacht.

    Pendell ließ sich Zeit. Er schlenderte in ausgeglichener Stimmung durch die City der ihm fremden Stadt. Er hatte noch keine Lust, zurück in das Hotel zu gehen, in das ihn sein Verlag für die Länge seines Aufenthaltes eingemietet hatte. Bis zum Abendessen und der Lesung, zu der ihn ein Vertreter der örtlichen Volkshochschule, ein gewisser Emilio Parma, mit dem er bislang nur telefoniert hatte, abholen würde, blieb ihm noch einige Stunden Freizeit.
    Der Autor hatte sich zu einem, wie er es nannte, Spürgang entschlossen und wollte gedankenverloren an den Schaufenstern der Innenstadt entlang flanieren. Das machte ihm Spaß, denn jenes unbewusste, halb somnambule Gehen führte ihn stets zielsicher an die interessanten Orte ihm unbekannter Städte: Er benutzte sich selbst als Wünschelrute für die außergewöhnlichen Stellen, an denen die Erdstrahlung sich kreuzte und mitten in den modernen Städten Orte voller Kraft schufen, Orte, an denen es Ungewöhnliches zu sehen oder zu erleben gab. Auffallend häufig fand Pendell an diesen Kreuzungspunkten Kirchen oder Gasthäuser vor.
    Er genoss das Phänomen, für die Magie dieser Orte empfänglich zu sein und sie aufspüren zu können. Einmal hatte er versucht, seine Fähigkeit in den Dienst der Wissenschaft zu stellen. Vor einigen Jahren hatte er auf diese Weise, sich bei abgeschaltetem Geist unbewusst leiten zu lassen, eine Karte mit archaischen keltischen Kultstätten der Umgegend seiner Heimatstadt erstellt. Jene Karte hatte er den Stadtarchäologen übergegeben, aber leider nichts von ihnen gehört. Natürlich gaben sie trotz einiger Übereinstimmungen ihre späteren Funde als die Ergebnisse archäologischer Detektivarbeit und nicht seines Spürsinns aus. Der Autor konnte damit leben, dass Wissenschaftler seine Kräfte nicht ernst nahmen. Er lebte übrigens nicht schlecht damit.
    Pendell blieb stehen. Etwas war in seine Augen gelangt, hatte einen langen Weg genommen, bis es in seine Gedanken drang und ihn aus der Selbstversenkung weckte. Er stand an einer belebten Kreuzung und sah sich um. Hier war nichts Ungewöhnliches, es war eine Stelle wie jede andere auch. Dennoch war da etwas gewesen, hinter ihm, auf dem Weg, den er gekommen war. Aufmerksam spähend ging er die Straße zurück. Kurz darauf verharrte er überrascht vor dem Schaufenster einer kleinen, unscheinbaren Galerie. Hier hatte er sein besonderes Gefühl wieder. Er hatte Herzklopfen und war sicher, nun an einem jener Orte zu stehen, an denen die Erde eine starke Aura hat.
    [..]


    ------------------
    hks
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  2. #2
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Jetzt weiß ich's, Klammer, Du machst das mit Absicht (grins). Einfach aufzuhören an einer Stelle, wo man dann weiterlesen möchte... gemein sowas.

    Ich fand es zumindest spannend bis hierhin, nachdem ich mich zu Beginn etwas an der Konturlosigkeit von Pendell gerieben habe. Du machst ihn meiner Meinung nach zu lange zu unsichtbar, zu wenig konkret, versteckst ihn hinter Erzählergedanken, gibst ihm zu wenig Fleisch und Blut. Aber naja, er ist ja auch eine esoterische Erscheinung, die Rechenspiele liebt, was man ganz am Ende erfährt, da muss das wohl so sein, und so nehme ich das als noch ziemlich stimmig hin. Ich bin jetzt erstmal gespannt auf die Fortsetzung und will mich dann abschließend äußern.
    herlichst uis

  3. #3
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Ich hätte gern das Buch "Geistererscheinungen verstorbener Päpste im Vatikan und ihre geheime Botschaft".
    Pendel und Kraftlinien, es ist ganz schön gemein, uns mit Häppchen zu füttern.

  4. #4
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Lieber Klammer,
    es ist natürlich schwierig, substantielle Kritik anzubringen, solange man das Gesamte noch nicht kennt und damit weiß, wie sich die Figuren weiter fügen. Meine Anmerkungen beschränken sich deshalb auf Kleinigkeiten und auf die Person "Dr. Pendell". Zuerst die Kleinigkeiten: Schönschreibfüller - so etwas hatte ich in der ersten Klasse, um das Schönschreibheft mit minderem Erfolg zu füllen. Erwachsene Menschen haben wohl eher einen teuren, schönen oder was weiß ich Füller. "Fachhochschule" klingt so deutsch, gibt es soetwas auch in Österreich und der Schweiz? Ich fände Schule oder Universität angebrachter. Der Begriff "somnambule" zeugt von Bildung, stört aber eher den Lesefluß, des guten Erzählstils. Wie kann man einen Füller geräuschvoll schließen, zumal einen mit Goldfeder?

    Nun zu deiner Hauptfigur. Wenn du sie als Dilettanten einführen willst, ist dir das gelungen, allerdingst mit dem nicht zu vernachlässigenden Nachteil, daß es nur in der Mathematik Bewanderten auffällt. Warum? Hier fängt es mit dem Begriff abstrakte Mathematik" an. Was ist die konkrete Mathematik? Nein, Mathematik ist abstrakt und daher ist es eine sinnlose Tautologie (aber natürlich nur, wenn er nicht als Schwätzer auftritt. Das wiederum ist auch nicht ganz schlüssig, da du ihm einen "Dr." gibst - oder hat er diesen bei Konsul Weyer eingekauft?, schwierig!) Die Aussage über die Tensorrechnung, es gibt Tensoren, aber damit noch keine Tensorrechnung, ist natürlich absoluter Unfug. Als Hinweis: Tensoren nennt man in der Matrizenrechnung Veränderungsparameter zur Verschiebung von Basiskoordinaten. Weiter: Gerade die damit gedanklich implizierte Matrizenrechnung wird permanent auf Erfahrungswissenschaften angewandt und natürlich bietet sie damit ein Erklärungsmodell für empirische Wissenschaften - das steht in allen Wissenschaften vollkommen außer Zweifel. Also dein Mann ist eher ein "Däniken" und auf wissenschaftlichem Niveau völliger Schwätzer. Bin gespannt, ob sich das in den weiteren Sequenzen bestätigen wird. Auch ist mir nicht klar, warum Pilatus für die Wahrheit herhalten muß? Dafür gibt es in der Geschichte der Philososphie wohl wesentlich besser geeignete Vertreter, die Wahrheiten angezweifelt, begründet, beschreiben usw. haben!
    Es ist immer bedauerlich, daß bei Kritiken der Kritikteil, weil man begründend schreibt, lang ist und daher den Anschein vermittelt, der Leser sei unzufrieden. So ist das nicht. Momentan ist es noch zu früh für ein abschließendes Urteil. Allerdings bist du gewissenhafter als ich, da deine Texte sprachlich schon sehr fertig sind, du dir also die Mühe vorher machst, zu überarbeiten. Den Erzählstil finde ich flüssig, es ist angenehm zu lesen, es bewegt sich etwas und die Sequenzen sind abgeschlossen und machen gespannt auf die weitere Handlung.

    Gruß hagen

  5. #5
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Jetzt war ich sogar schon auf Deiner homepage gucken, ob da etwa eine Fortsetzung steht... Spann uns mal nicht allzu lange auf die Folter, bitte.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Hallo, meine Freunde im Wort.

    Es freut mich, dass ihr nach einer Fortsetzung ruft, ihr sollt sie haben. Damit ist die Geschichte noch längst nicht zu Ende, aber bis Teil 3 müsst ihr euch noch gedulden, weil ich morgen für eine Woche nach Freiburg fahre. (Auch auf die kritischen Anmerkungen gehe ich ein, wenn ich wieder zu Hause bin.)

    Grüße,
    Klammer
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  7. #7
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Arbeiten wir uns durch.
    DIE LICHTUNG
    Der Autor hatte aufmerksam mitgezählt. Er setzte mit der Goldfeder seines Schönschreibfüllers zum vierhundertzwanzigsten Mal drei elegante Striche auf die dritte Seite eines
    inkonsequent; hier bitte konkret werden
    seiner Bücher. Sie bildeten das zeitsparende Kürzel seiner Unterschrift und sahen wie ein chinesisches Schriftzeichen aus. Vierhundertzwanzigmal in einer Stunde, das waren sieben Unterschriften in einer Minute, hatte er ausgerechnet.
    Nebensatz streichen
    Es war ein guter Schnitt; schließlich musste er bei etwa jeder dritten Unterschrift sagen:
    „Es
    Anapher ohne Not. Außerdem empfehle ich die Streichung von 75% aller ES’!
    tut mir leid. Ich kann Ihnen leider keine Widmung schreiben. Dafür fehlt die Zeit. Sie haben sicher Verständnis dafür.“
    Das hatte der Autor bislang also einhundertvierzigmal gesagt. Damit ihm dabei nicht langweilig wurde, hatte er ab und an die Reihenfolge seiner Sätze, denn[/quote]DENN ist zu bedeutsam, als daß es hier verschleudert werden könnte!
    gab schließlich vierundzwanzig Permutationen der Grundaussage, getauscht. Jetzt, bei der vierhundertzwanzigsten Unterschrift, war die Version: „Sie müssen Verständnis haben. Ich kann Ihnen leider keine Widmung schreiben. Dazu fehlt die Zeit. Es tut mir leid’, an der Reihe.
    Er lächelte für sich und sein Gegenüber nahm es als Freundlichkeit. Zahlen bedeuteten dem Autor viel.
    Den letzten Satz würd ich streichen; statt dessen könnte eine Geste darüber Aufschluß geben.
    In dieser chaotischen Welt, in der er alle Werte zerstört oder zumindest relativiert fand, war ihm die Algebra ein Ruhepunkt an Klarheit, Struktur und Regelmäßigkeit. Der Autor war der Meinung, die Denker hätten die Mathematik nur entwickelt, um wenigstens in den Besitz einer Sache zu gelangen, die sicher ist, da sie doch jenseits jeder Wirklichkeit nur im Verstand existiere. Wenn der Autor auf die weltanschaulichen Irrungen sah, wie wohltuend war ihm da zum Beispiel der Satz des Taylor, der unabänderlich immer wahr bleiben würde, auch wenn das Wasser plötzlich zur Quelle flösse.
    Im unteren teil schreibst Du über etwas, wovon Du etwas verstehst, im oberen ist’s Gestückel, um irgendwo hinzukommen. Morgen mach ich weiter.

  8. #8
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Lieber Robert.
    Du schreibst ?ber meinen Ausflug in die Mathematik:

    "Im unteren teil schreibst Du über etwas, wovon Du etwas verstehst, im oberen ist's Gestückel, um irgendwo hinzukommen."

    Du demonstrierst mir, dass auch ein intelligenter Mensch auf vorgefasste Meinungen hereinfallen kann. Schon einmal hast du mir, und ich weiß auch nicht, wie du darauf kommst, eine naturwissenschaftliche Bildung untergeschoben.
    Leider besitze ich, wenn überhaupt, nur eine geisteswissenschaftliche Halbbildung. Von Naturwissenschaft, aber auch von Mathematik, verstehe ich rein gar nichts. Also quatscht hier Pendell, wie Hagen bereits bemerkt hat, nur (meinen?) Unfug, der sich zwar ganz nett anhört, aber trotzdem letzlich nur Unfug bleibt. Für die meisten Menschen reicht es aus, zu allem etwas zu sagen zu haben, was zumindest intelligent klingt, um als klug zu gelten.
    Vorher beschäftigt sich Pendell übrigens mit der "Magie" der Zahlen, an diese Magie glaubt er.

    Gruß Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Womit wieder mal bewiesen wäre, daß ich auch keine Ahnung von Naturwissenschaften habe, also leicht ein Buch über die Weltformel lektoriere, aber auch jedem Scharlatan, der sich wohlweislich zur Frage: "Ist die Erde nicht vielleicht doch eine Scheibe?" äußert, aufsitzen muß. Nimm's als Kompliment. Schließlich hatte ich, der ich auch meine Nase in Informatik-Bücher steckte, zuweilen den Eindruck, daß da einer weiß, wovon er spricht.

    Wollen wir nun hier weiter ein bissel Textarbeit machen?

  10. #10
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Mit dem größten Vergnügen.

    Nimms leicht. Ich falle auch oft auf mich herein.

    Gruß und Kuss.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  11. #11
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    AW: Die Lichtung (Teil I)

    Machen wir den ersten Teil fertig. Diesmal habe ich meine Physikusbrille im Schrank gelassen.
    erstellt von Klammer: Der klägliche Versuch allerdings, dachte er, die Gesetze der abstrakten Mathematik mit Hilfe der Tensorrechnung auf Erfahrungswissenschaften zu übertragen, scheitert eben daran, dass diese den Versuch machen, tatsächliche Vorgänge erklär- und vorhersehbar zu machen.
    Tut mir leid, aber hier verstehe ich nichts. Willst Du das? Was ist Tensorrechnung? Von welchen Gesetzen sprichst Du hier warum?
    Diese jedoch, siehe Einstein, können nur im jederzeit änderlichen örtlichen und zeitlichen Bezugsrahmen des Beobachters Geltung haben. Die Mathematik bleibt davon unberührt.
    „Dr. Pendell?“
    Jemand legte seine Hand auf die Schulter des Autors und holte ihn aus seiner sokratischen Abwesenheit.
    Also, nein. Sokrates ist zwar ein berühmter Abwesender, aber hier wohl kaum als Topos brauchbar.
    Er hasste Unterbrechungen bei seinen philosophischen Gedankenflügen und wand sich recht unwirsch herum. Hinter ihm stand ein junger Angestellter der Buchhandlung, dessen eingeschüchterte Haltung ihn jedoch sofort wieder erheiterte.
    „Entschuldigen Sie bitte, Dr. Pendell; die Stunde ist zwar um, aber es warten noch einige Leute. Würde es Sie stören, noch etwas länger...“
    „Ich habe leider einen Termin“,
    Klammer, ein- für allemal: die direkte Rede wird nicht mit Punkt abgeschlossen, wenn eine Beschreibung der Art udnf Weise des Redeflusses erfolgt.
    log der Autor eilig, stand auf und schloss seinen Füller geräuschvoll.
    Das ist interessant genug, um genauer beschrieben zuw erden.
    Er bemühte sich, Endgültigkeit in seine Geste zu legen. Soweit Pendell sehen konnte, warteten nur mehr zehn, fünfzehn Leute mit einem seiner Bücher in der Hand auf sein Signum. Er hätte die Unterschriften in zwei Minuten erledigen können, aber dann würden seine Zahlen nicht mehr passen. Er glaubte an ihre Magie, an die Verknüpfung, die sie mit den heiligen Ziffern Drei und Sieben hatten. Weitere Unterschriften hätten alles kaputt gemacht.
    auch hier: genauer
    Pendell steckte den Füller in die Innentasche seines Kashmirjacketts
    überflüssig
    und wand sich an die Wartenden. Ein Schriftsteller muss nicht nur so seriös wie ein Bankier aussehen, er muss sich auch wie einer geben, dachte er.
    Jetzt wird’s bissig, beinahe parodierend. Willst Du das? Ich fange jetzt nicht an, das zu glauben.
    „Es tut mir leid. Es fehlt leider die Zeit. Sie müssen Verständnis dafür haben. Ich habe einen unaufschiebbaren Termin“, sagte er und lächelte gewinnend. Er blickte in enttäuschte Gesichter. Der Angestellte kam ihm beflissen zur Hilfe.
    „Wir bitten Sie um Verständnis. Herr Dr. Pendell hat leider keine Zeit mehr. Es tut uns leid
    wiederholt unnötig
    , aber er hat einen Termin.“
    Der Autor sah erstaunt und anerkennend
    genauer
    zu dem jungen Mann, der dann aber fortfuhr:
    „Sie finden an der Kasse im ersten Stock noch vorabsignierte Exemplare des neuen Buchs von Herrn Dr. Pendell. „Netze kosmischer Energien“, sechsunddreißig neunzig, gebunden. Ich möchte Sie auch noch auf Herrn Dr. Pendells Lesung heute abend um zwanzig Uhr in der Aula der Fachhochschule aufmerksam machen.“ Der Autor nickte zustimmend und verharrte, bis sich die Wartenden verstreut hatten. Eine ältere Frau jedoch, die eine Taschenbuchausgabe eines frühen Werkes von ihm über die „Geistererscheinungen verstorbener Päpste im Vatikan und ihre geheimen Botschaften“
    Das ist jetzt aber nicht Dein Ernst. Warum strickst Du hier zwei Stränge?
    in den Händen hielt, blieb hartnäckig knapp
    ungünstige Raumbeschreibung
    vor ihm stehen. An Aufdringlichkeiten gewöhnt, kümmerte er sich nicht weiter um sie, schüttelte, sich verabschiedend, dem Angestellten die Hand.
    Ich zähle vier Kommas. Prima. Das können wir noch besser.
    „Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Pendell!“ sagte die Frau plötzlich zitternd, aber mit einem eindeutig kämpferischen Unterton.
    „Glauben Sie an den Unsinn, den sie schreiben?“
    Pendell musterte die Frau abschätzend. Wahrscheinlich war sie Ende fünfzig, aber sie wirkte älter; sie schien ihm eine abgearbeitete, durch die täglichen Reibereien des Hausfrauenlebens abgenutzte kleine Frau zu sein, die seine Schriften und die Regenbogenpresse als Flucht aus ihrem deprimierenden Alltag nahm.
    DAs klingt sehr entschuldigend, bestenfalls unnütz deskriptiv, schlimmstenfalls barock. Böse Zungen wuerden es freudianisch nennen.
    Ihre Art, ihn durchdringend und strafend zu betrachten, erinnerte den Autor an seine kürzlich verstorbene Mutter; es war ein gewohnheitsmüßiger, erschöpfter Vorwurf in ihrem Blick, der ihn, auch wenn er die Hände nicht in der Süßigkeitenkiste hatte, sich schuldig fühlen ließ.
    An einem anderen Tag hätte sich der Autor ohne zu antworten abgewandt. Heute war jedoch seine Selbstzufriedenheit unangreifbar und er war zudem neugierig, was der Grund für diesen unvermuteten Angriff war. Mit einer Handbewegung hinderte er den Angestellten, für ihn einzuspringen. Er räusperte sich.
    „Spielt es eine Rolle, ob ich an ihre Wahrheit glaube? Ich halte es da mit Pilatus: Was ist Wahrheit überhaupt?
    Das ist wieder eine merkwürdige Koaktion. Ich spreche hier wohl im Namen aller Anwesenden, wenn ich Dich zur Ordnung rufe! Wahrheit knöpft sich wohl kaum an Pontius p.
    Wichtig ist doch, denke ich mir, was mein Leser
    perspektivenwechsel.
    aus den Texten macht. Die Bücher bieten Informationen, wollen etwas erfahrbar machen, egal ob man sie für wahr oder falsch erachtet. Information steht jenseits von solch kleinlichen Dünkeln, muss sie doch öffentlich gemacht werden.
    Ich sag’s ungern, aber diese Argumenatationslinie ist widerlich. Kömmt da noch eine Einfassung?
    Das erachte ich als meine vornehme Aufgabe. Alles andere wäre Zensur. Erst die Vielfalt des Wissens, die Kenntnis von These und Antithese, schafft den mündigen Bürger. Können Sie mir folgen?“
    Die Frau sah ihm nicht danach aus.
    „Ich glaube an den ‚Unsinn‘, den ich schreibe“, vereinfachte er.
    „Er ist ebenso wahr oder falsch wie ein Physikbuch oder die Bibel.“
    Beides gehört in den Bereich der Phatasmagorien und Mythologie. Falsch, aber ein wahrer Kern.
    „Mein Mann Holger
    Gibt es noch einen anderen?
    glaubt auch daran; er hat Ihre Bücher gelesen und viele andere mehr...“ erwiderte sie zögernd, eingeschüchtert durch die Gardinenpredigt.
    Der Autor sah auf seine Uhr.
    „Das ist gut. Aber ich muss jetzt gehen. Nun ja, für Ihren Holger... „
    Er nahm der Frau kurzentschlossen das Buch aus der Hand und setzte mit einem Kugelschreiber, den ihm der Angestellte eifrig reichte, seine Unterschrift hinein.
    „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen“, log Pendell und gab der Frau den Band zurück. Sie wollte etwas entgegnen, aber da hatte er sich schon abgewandt. Später würde er sich zwar ärgern, weil er mit der Unterschrift seine glückbringende Zahlenmagie zerstört hatte, aber im Moment war er sehr zufrieden. Er hatte die Frau und ihren Mann mit nur drei Strichen glücklich gemacht.

    Pendell ließ sich Zeit. Er schlenderte in ausgeglichener Stimmung durch die City der ihm fremden Stadt. Er hatte noch keine Lust, zurück in das Hotel zu gehen, in das ihn sein Verlag für die Länge seines Aufenthaltes eingemietet hatte. Bis zum Abendessen und der Lesung, zu der ihn ein Vertreter der örtlichen Volkshochschule, ein gewisser Emilio Parma, mit dem er bislang nur telefoniert hatte, abholen würde, blieb ihm noch einige Stunden Freizeit.
    Der Autor hatte sich zu einem, wie er es nannte, Spürgang entschlossen und wollte gedankenverloren an den Schaufenstern der Innenstadt entlang flanieren. Das machte ihm Spaß, denn jenes unbewusste, halb somnambule Gehen führte ihn stets zielsicher an die interessanten Orte ihm unbekannter Städte: Er benutzte sich selbst als Wünschelrute für die außergewöhnlichen Stellen, an denen die Erdstrahlung sich kreuzte und mitten in den modernen Städten Orte voller Kraft schufen, Orte, an denen es Ungewöhnliches zu sehen oder zu erleben gab. Auffallend häufig fand Pendell an diesen Kreuzungspunkten Kirchen oder Gasthäuser vor.
    Er genoss das Phänomen, für die Magie dieser Orte empfänglich zu sein und sie aufspüren zu können. Einmal hatte er versucht, seine Fähigkeit in den Dienst der Wissenschaft zu stellen. Vor einigen Jahren hatte er auf diese Weise, sich bei abgeschaltetem Geist unbewusst leiten zu lassen, eine Karte mit archaischen keltischen Kultstätten der Umgegend seiner Heimatstadt erstellt. Jene Karte hatte er den Stadtarchäologen übergegeben, aber leider nichts von ihnen gehört. Natürlich gaben sie trotz einiger Übereinstimmungen ihre späteren Funde als die Ergebnisse archäologischer Detektivarbeit und nicht seines Spürsinns aus. Der Autor konnte damit leben, dass Wissenschaftler seine Kräfte nicht ernst nahmen. Er lebte übrigens nicht schlecht damit.
    Ein bißchen breit, aber ansehnlich.
    Pendell blieb stehen. Etwas war in seine Augen gelangt, hatte einen langen Weg genommen, bis es in seine Gedanken drang und ihn aus der Selbstversenkung weckte. Er stand an einer belebten Kreuzung und sah sich um. Hier war nichts Ungewöhnliches, es war eine Stelle wie jede andere auch. Dennoch war da etwas gewesen, hinter ihm, auf dem Weg, den er gekommen war. Aufmerksam spähend ging er die Straße zurück. Kurz darauf verharrte er überrascht vor dem Schaufenster einer kleinen unscheinbaren Galerie.
    Ist sie klein und unscheinbar oder klein im Sinne von unscheinbar?
    Hier hatte er sein besonderes Gefühl wieder. Er hatte Herzklopfen und war sicher, nun an einem jener Orte zu stehen, an denen die Erde eine starke Aura hat.[..]

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