+ Antworten
Ergebnis 1 bis 6 von 6

Thema: Haltestelle

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    Haltestelle

    Haltestelle

    Luise stand im schmalen Schattenstreifen eines Baumes neben der Haltestelle. Sie hätte sich gerne auf die Bank gesetzt, aber dort hatte sich bereits ein dickes Paar niedergelassen und seine Einkaufstaschen ausladend neben sich verteilt. Sie wollten offensichtlich nicht gestört werden. So versuchte Luise ihr Stückchen Schatten gegen die Kinder zu verteidigen, die, wenn sie die Rucksäcke mit den herausquellenden Handtüchern richtig deutete, auf dem Weg ins Schwimmbad waren. Luise versuchte die Schmerzen in den Füßen und Knien nicht zu beachten, schrecklich, wie schwer ihr das Stehen in den letzten Jahren fiel - aber was sollte sie sich beklagen mit ihren fünfundachtzig Jahren. Sie stützte sich noch schwerer auf ihren Schirm, den sie selbst jetzt im Hochsommer einem Gehstock vorzog, und beobachtete die beiden Dicken auf der Bank. Die beiden waren nicht mehr jung, so um die sechzig schätzte Luise, aber offensichtlich sehr verliebt ineinander. Neben sich die Tüten mit den Einkäufen wie Wälle aufgebaut, saßen sie in ihrem Nest und befingerten sich zärtlich. Der Mann strich der Frau die feuchten Haarstränen aus dem Gesicht und küsste hingebungsvoll ihr knorpeliges rotes Ohr. Sie hielten sich die ganze Zeit an den Händen, bis die Frau den Griff schließlich löste und beide lachend ihre schweißnassen Handflächen verglichen. Luise konnte ihren Blick kaum abwenden, sie war zugleich gerührt und angeekelt, als würde sie zwei Nachtschnecken bei der Paarung beobachten. Sofort verdrängte sie diesen Gedanken beschämt und wandte den Blick einer jungen Mutter zu, die mit verklärtem Lächeln in den Kinderwagen blickte. Luise hatte ihre eigenen Kinder großgezogen, dann aber alles Interesse an Babys verloren. So betrachtete sie die weiche, nahrhafte Liebe in dem Gesicht der jungen Frau; ein Ausdruck, der sie in seiner Sanftheit, an den einer zufriedenen Stute erinnerte. Dieser Blick änderte sich ungehend, als eines der umhertobenden Kinder dem Säugling zu nahe kam. Die Bereitschaft, ihre Brut zu verteidigen, ließ das Gesicht der Mutter schlagartig gefährlich und angriffsbereit aussehen. Luise versuchte sich dieser Gefühle zu erinnern, aber die schienen, wie so vieles Andere, unter dem Geröll der Jahren begraben worden zu sein. Als eine Straßenbahn sich näherte, beschattete Luise ihre Augen um rechtzeitig zu erkennen, um welche Tram es sich handelte. Hier hielten mehrere Bahnen, sie wartete auf die Eins, nur hielt hier auch die Sieben und bereits mehrmals hatte sie sich in die falsche Bahn gesetzt. Wie gerne hätte sie jetzt jemanden gefragt, aber eine ihr selber unerklärliche Schüchternheit hielt sie davon ab. Es war durchaus nicht so, dass sie sich ihrer schwachen Augen schämte, eher eine Scheu, sich mit anderen Menschen durch Worte zu verbinden. Obwohl Luise natürlich klar war, dass durch solch eine einfache Frage keine Verflechtungen entstehen würden, konnte sie sich einfach nicht überwinden. So blieb sie mit zusammengekniffenen Augen stehen, bis sie sich sicher war, dass dies weder die Eins noch die Sieben war. Die Kinder stiegen alle ein, so wurde es plötzlich fast unangenehm ruhig. Luise hörte die Mutter ihr Kind angurren, die beiden Dicken kicherten bis die Frau einen Hustenanfall bekam und mit rotem Gesicht nach Luft rang. Traurig bemerkte Luise, wie sie die Menschen immer mehr hasste, oder vielleicht eher Abscheu vor ihnen empfand. Luise versuchte immer wieder, dieser Aversion auf die Spur zu kommen, war es möglich, dass sie sich vor dem Leben an sich ekelte? Ein junger Mann stellte sich hinter sie in den Baumschatten. Sie meinte seinen Blick im Rücken zu fühlen und hätte sich nur zu gerne umgedreht, um ihn genauer anzusehen. Aber hier war es wieder - was wäre, wenn der Mann lächeln oder, noch schlimmer, eine Bemerkung über das Wetter machen würde? Sie müsste antworten, würde möglicherweise in ein Gespräch verwickelt, alles Dinge die Luise auf keinen Fall wollte. Am liebsten hätte sie eine Glaswand zwischen sich und der Welt errichtet, dann hätte sie ruhig alles beobachten können, ohne die Gefahr mit einbezogen zu werden.
    Luise sah, wie der jungen Mutter ein Päckchen Präservative aus dem Rucksack rutschte, jetzt müsste sie eigentlich etwas sagen, so etwas wie „ihnen fällt da was raus“, aber das klang furchtbar, eher „gleich verlieren sie da etwas“, nur das würde klingen, als wüsste sie nicht, dass es sich um eine Packung Präservative handelt, also eine blöde Alte war? Richtig wäre die Bemerkung „junge Frau sie verlieren ihre Präservative, das scheint ihnen ja schon einmal passiert zu sein“; den letzten Teil des Satzes würde Luise in Wirklichkeit natürlich nie sagen. Schließlich beobachtete sie einfach nur, wie die flache Schachtel leise auf den Boden fiel. In diesem Augenblick sprang der junge Mann hinzu, hob das Päckchen auf und gab es der Besitzerin mit unbefangenem Lachen zurück. Wenig später waren die beiden in ein Gespräch über Kinder, Wohnungen und Geld vertieft. Als sich die nächste Tram näherte, überlegte Luise krampfhaft, wie sie die Mutter oder den jungen Mann nach der Nummer der Bahn fragen könnte, ohne mehr als eine kurze Antwort zu erhalten; die Chancen standen jetzt sehr gut, so intensiv wie deren Unterhaltung verlief. Luise trat einen Schritt nach vorne, aber als die fragenden Blicke sie trafen, senkte sie die Augen und vertiefte sich in den Anblick ihres Schirmes. Nein, es war nicht Abscheu vor den Menschen die sie zurückhielt, eher das Gefühl der Sinnlosigkeit. Wie ein altes Tier wollte sie nur noch alleine sein, ihren Weg zu Ende gehen und mit der Lebendigkeit der Jugend ebenso wenig zusammenzutreffen, wie mit der urinsauren Zittrigkeit der Alten.
    Die Bahn die jetzt hielt war entweder die Eins oder die Sieben, Luise konnte es nicht erkennen, alle anderen stiegen ein, der junge Mann half der Frau mit dem Kinderwagen, die beiden Dicken schafften es grade noch rechtzeitig, sich selber und ihre Einkäufe hineinzuhieven. Luise blieb alleine zurück und setzte sich zufrieden auf die freie Bank. Sie spannte ihren Regenschirm auf, um sich vor der Sonne zu schützen und streckte behaglich die Beine aus. Einen Augenblick wurde ihr schwindelig, das kam sicher vom langen stehen - dies war ihr letzter Gedanke.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    10.July 2000
    Ort
    Duisburg
    Beiträge
    670
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Haltestelle

    Liebe Kyra,
    frag Dich einmal, ob Du erzählst oder referierst. Ja, ja, die auktoriale Perspektive. Der Erzähler weiß ja ohnehin alles, also warum sich noch die Mühe machen und die Figur zu Wort kommen lassen. Du hast denselben Atemzug beim Beschreiben der Umgebung wie beim Mitteilen von Luises Gedanken. Innerer Monolog wäre vielleicht angesagt beim Abrechnen mit dem Leben an der Haltestelle, beim Warten auf den Tramtod. Ich wünschte mir hier etwas mehr natürliche Künstlichkeit, falls es sowas gibt...
    herzlichst uis

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    12.August 2001
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    301
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Haltestelle

    der titel ist genial

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Haltestelle

    der titel ist genial

    um ganz ehrlich zu sein, wie genial er ist, bzw. wie Du ihn verstanden hast, habe ich ihn gar nicht gemeint, ich hatte ihn nur nach dem Ort beschrieben.
    (solche Bekenntnisse sind sicher schlecht für die Biographie, oder)

    Kyra

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.514
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Haltestelle

    Das ist keine schlechte Übung, viele Stränge, viele gute Beobachtungen, ein hübscher Gedanke an den anderen gereiht, dabei wenig überlagert. Kaum Brokat.
    Uis hat an der Perspektive herumgenölt. Nun, ich glaube, Du könntest in der Tat etwas länger auf einen Punkt starren. Wenn die gute Frau schlecht sieht, dann sollte sie das auch ausgiebig tun. :wasgeht?:

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Haltestelle

    Hallo Uis,
    Hallo Robert,

    das siehst Du völlig richtig, ich sehe dies als Übung. Ich wollte es mal mit stilleren Situationen versuchen, mehr beobachten, weniger Handlung, So etwas muss ich ja auch können, oder? Bisher habe ich mich auf die Handlung verlassen. Das länger verweilen ist sicher richtig, ich traue mich noch nicht so richtig, will weiter hetzten, habe Angst dass der Text dann ertrinkt. Aber ich werde mich weiter in Richtung Verharren vorarbeiten.

    Viele Grüße

    Kyra

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •