Nach Luthers Thesenanschlag bildete sich in Norddeutschland eine protestantische Kirche aus, die viele Enklaven in Süddeutschland besaß und wuchs. Luther hatte die alte augustinische Selbstbehauptung des Gläubigen gegenüber weltlichen Einflüssen zum Kern seiner Kirchenpläne gemacht, das bedeutete, daß der Christ sich ohne Kirchenstruktur behaupten könne, keine Hierarchie der Gläubigen mehr bestand, wie sie die alte Kirche prägte.
1541 trafen sich hohe Vertreter der Katholiken und Protestanten zu einem Religionsgespräch. Aber die Formel, auf die man sich geeinigt hatte, wurde sowohl von Luther als auch dem Papst abgelehnt. Der neue Papst, Paul III., sah sich gezwungen, nun endlich einem Konzil zuzustimmen und gestattete religiösen Eiferern in der Gesellschaft Jesu (die Jesuiten) ihr Wirken. Doch die Protestanten hatten zwischenzeitlich das Interesse an einem Konzil verloren: sie standen auf Sieg, selbst die Erzstifte Köln und Mainz waren auf dem Wege, protestantisch zu werden. Warum sollten sie jetzt noch ein Konzil wagen, in dem sie nur verlieren konnten? Der Kaiser mußte handeln, wenn er noch etwas retten wollte. Aber wie? Der Königsweg der politischen Machtausübung hieß seinerzeit Krieg. Krieg war das Mittel, um politische Differenzen zu beseitigen. Also bereitete der Kaiser einen Krieg gegen die protestantischen Fürsten vor.
Die protestantischen Fürsten ihrerseits kannten diese Spielregel und hatten sich in einem militärischen Schutz- und Trutzbund zusammengefunden, dem Schmalkaldischen Bund. Der Kaiser erklärte die protestantischen Fürsten Philipp von Hessen und den sächsischen Churfürsten in die Acht und hatte, was er wollte, den Krieg.
Der Papst unterstützte den Kaiser und sorgte für die Bestallung des kaiserlichen Heeres mit niederländischen, spanischen und italienischen Truppen.
Bei den Protestanten gab es Streit. Die Kriegskasse war leer, keiner wollte oder konnte etwas einzahlen. Geiz, Fehleinschätzungen der freien Städte... Auflösungserscheinungen. Das kaiserliche Heer rückte vor und nahm Stadt um Stadt. Bei Mühlberg im nördlichen Sachsen kam es am 24. April 1547 zur Entscheidungsschlacht, die das kaiserliche Heer gewann. Nun schien der Protestantismus verloren. Aber im nördlichen Deutschland sammelten sich Truppen aus Magdeburg, Braunschweig, Hamburg und Bremen unter Führung des mansfeldischen Grafen und traten bei Drakenborg/Drakenburg an der Weser gegen das vorrückende kaiserliche Heer an. Die kaiserlichen Truppen wurden besiegt und aus Norddeutschland vertrieben. Wichtig war die Behauptung Magdeburgs, das zur wichtigsten Feste des protestantischen Glaubens in Norddeutschland wurde. Hier liefen die wirtschaftlichen und politischen Fäden des Protestantismus zusammen, wurde vor allem mit Hilfe der Druckerpresse die halbe Welt mit protestantischen Schriften versorgt, wurde der Handel organisiert, was sehr zum Reichtum der Stadt beitrug. Schließlich hatte die Ulrichskirche in Magdeburg den Kirchen in Wittenberg, wo Luther seine Thesen anschlug, den kirchenpolitischen Rang abgelaufen, denn sie bestimmte sich als erste protestantische Gemeinde der Stadt, von der aus der Protestantismus in Norddeutschland organisiert, später auch kirchenhistorisch unterlegt wurde.
Der Kaiser versuchte, nach dem Mißerfolg von Drakenburg den Erfolg vom Mühlberg politisch zu veredeln. Das bedeutete letztlich Kompromisse: Er gestand den Protestanten zu, das Abendmahl in beiderlei Gestalt einzunehmen (Brot und Wein für alle Christen), außerdem konzedierte er die Priesterehe. Den protestantischen Fürsten gestattete er die Einbehaltung der eingezogenen Kirchengüter. Damit mischte er sich in Fragen ein, die bisher zu entscheiden dem Papst vorbehalten geblieben war. Warum? Mutmaßlich verfolgte er mit diesen Zugeständnissen an die Protestanten das Ziel einer deutschen Nationalkirche unter seiner, nicht unter römischer oder jeweils churfürstlicher Leitung. Es ist ein ehrgeiziger Plan, wie ihn in etwa zeitgleich auch Englands König Heinrich VIII. verfolgte. Aber Deutschland war zu wichtig, als daß der Papst das hätte gestatten können! In Deutschland hätte es dazu kommen können, aber die meisten Fürsten sahen hier eine Begrenzung ihrer landesherrlichen Macht und versagten dem Kaiser ihre Hilfe. Vor allem aus Bayern regte sich Widerstand. Aber auch die Magdeburger fühlten ihre neue Stellung bedroht und torpedierten die kaiserlichen Pläne mit Streitschriften, die im ganzen Reich eine kaiserfeindliche Stimmung erzeugten. Ein kaiserliches Heer unter dem sächsischen Churfürsten Moritz zog aus, Magdeburg zu belagern. 1550. Aber die Stadt hielt stand und konnte die Belagerer zurückschlagen. Und jetzt kippte die Stimmung vollends gegen den Kaiser. Karl zog sich zurück, legte seine Kronen 1555 nieder und beschloß sein Leben im Kloster San Yuste in Spanien. Das Imperium, in dem die Sonne nicht unterging, wurde zwischen seinem Bruder Ferdinand und seinem Sohn Philipp geteilt. Ferdinand beherrschte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, Philipp Spanien und Südamerika.
Diese Ereignisse zwischen 1530 und 1555 zeigen, daß ein Konzil zur Wiederherstellung der Kircheneinheit illusorisch geworden war. Also nahm der römische König von diesem Gedanken Abstand und suchte statt dessen eine Vereinbarung mit den politischen Eliten des Reiches herbeizuführen. Kaiser und Reichsstände trafen in Augsburg zusammen, um diese Vereinbarung zu fixieren. Ferdinand garantierte allen Landständen gleichen Schutz, ob katholisch oder evangelisch. Damit waren die Reichsstände zufrieden und der Landfrieden wiederhergestellt. Es galt ein geographischer Grundsatz für die innere Verfaßtheit des Territoritums: cuius regio, eius religio, was mit dem ius reformandi verknüpft war und der territorialen Obrigkeit die Möglichkeit verlieh, ihre Untertanen auf dem Wege der kirchlichen Verkündigung so zu erziehen, wie sie es konfessionell wollten. Auch für die Untertanen war die Rechtssicherheit wiederhergestellt: Wer sich aus Glaubensgründen nicht mit seiner Obrigkeit arrangieren wollte, der besaß fortan das Recht zur Auswanderung mit seinem Vermögen.
Die Verbindung von politischem und kirchlichem Regiment (Staatsgewalt) stärkte die Macht der deutschen Territorialstaaten und schrieb die konfessionelle Teilung Mitteleuropas in protestantische und katholische Rechtsbezirke fest, so daß Solidarität unter Glaubensbrüdern resp. gemeinsame Gegnerschaft zu den Andersgläubigen im Reich zum bestimmenden politischen Faktor der nächsten zweihundert Jahre wurde. Zugleich bildete diese Aufteilung des Reiches die Grundlage für den philosophischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aufstieg des Reiches.


Aufgaben:


  1. Sortiere die Schwierigkeiten bei der Schaffung einer neuen Kirche! (II)
  2. Diskutiere den Augsburger Religionsfrieden hinsichtlich der Intention, Frieden zu bewirken! (III)