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Thema: Dezembersamstag

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Dezembersamstag

    Dezembersamstag

    Der Bus war von Anfang an unpünktlich, drei, vier Minuten, fünf, sechs, jetzt wird es aber schon knapp, wenn ich meinen Zug noch erreichen will. Endlich. Klar, die vielen Leute darin, dazu noch mit Kinderwagen, das dauert beim Einsteigen... Der Bus führt jetzt wie ungestüm durch die provinzielle Bergwelt, hat nach zehn Kilometern die Verspätung schon fast aufgeholt, nach zwanzig ist er im Plan, und ich stehe auf dem zugigen Bahnsteig und warte. Kleinstadtbahnhof, kaum Sonne am Himmel, dafür Wind bei sieben Grad, und rundherum früh-alkoholisierte Jugendliche, die sich zum Fußballspiel in die Revierstadt aufmachen, an ihrer Kleidung unschwer zu erkennen, an ihrem Gegröle nicht zu überhören. Samstags tragen die Regionalbahnen die Last der Freizeitkultur. Klar, dass der Zug Verspätung hat, denn auch an den anderen Provinzbahnhöfen stiegen die trinkenden Horden bereits zu. Wenn sie jetzt schon wüssten, dass ihr Verein heute Drei zu Null gewinnt, würden sie ihre Alkoholvorräte noch für die siegestrunkene Rückfahrt aufsparen... sind aber durchaus normale Jugendliche, sitzen am Montag alle wieder an ihren Schülertischen oder gehen ihrer Ausbildung und sonstigen Tätigkeiten nach. Der Zug kommt, der eingeschüchterte Reisende zieht sich ob des Gestanks und Lärms in die Abteile der Ersten Klasse zurück, ein wenig Ruhe und in einem Buch etwas aus fernen romantischen Zeiten in Deutschland lesen, ja. Doch die Zeiten waren gar so romantisch nicht, denn auch schon und damals immer noch im mittleren neunzehnten Jahrhundert gab es in Deutschland diesen unverständlichen Antisemitismus. Seltsam, lesend die Schicksale jüdischer Bewohner von Altona um 1830 und hörend das Gegröle deutscher Jugendlicher, alkoholisiert auf dem Weg zum Fußballspiel. Manchmal ein Blick aus dem Fenster... Ja, diese mittelgebirgige Welt presst nun ihre Jugend heraus in die Großstadt, man hört es. Dabei noch lesen? Es geht, denn sehr gut geschrieben tragen mich die Worte in die Welt der Varnhagens und Gutzkows, die Welt der Levys und Assurs. Hamburg damals genauso wie heute... ich weiß es nicht und lese weiter und höre unbewusst Schlachtgesänge.
    Ende der Regionalbahnfahrt bedeutet Körpereinsatz auf dem Bahnsteig. Dicht gestaffelt der Kordon der dienstverpflichteten Grenzschutzbeamten, ein Zug hat seine Jugend bereits entleert auf diesen Bahnsteig, die des anderen, des feindlichen Vereins, steigt grade mit mir aus. Geschiebe, Gedränge, laut und heftig, Menschenmassen, Enge. Dem Ausgang und der Treppe zuströmend nun die Reisenden, die ein normales Ziel haben. Treppe herunter und wieder herauf, Intercity-Bahnsteig. Aus der sicheren Entfernung lassen sich die zukünftigen Zuschauer von zwei Bundesligaspielen einigermaßen erträglich beobachten und geben ein Bild eines kläglichen Deutschland ab. Wenn das Freude ist, will ich nicht mehr so gerne lachen. Diesmal hat der Zug keine Verspätung, kommt aus Basel und fährt bis Lübeck. Im Großraumwagen keine Geschäftsleute, heute ist Samstag. Der Tag, wenn Großmutter zu Besuch kommt und ausnahmsweise Erste Klasse fährt. Der Tag, an dem die attraktive Mittvierzigerin vielleicht ihren Lover besucht, trotz grauer Strähnen im Haar trägt sie ihren Kopf voller Stolz und verströmt Gucci. Ich trinke Kaffee und entspanne langsam, obwohl mich meine Lektüre mitten hinein in den großen Brand Altonas um 1840 trägt. Jetzt wieder Distanz zur Gegenwart und zurück zur Geschichte und Ruhe. Die flache Landschaft macht die Bergwelt der Provinz nun vergessen, wie weit man hier schauen kann, und das Gegröle ist auch nicht mehr da. Hinter der Hauptstadt des Westfälischen Friedens wieder weite und ein wenig Sonnenschein. Meine Fahrt endet gleich nach mehr als drei Stunden im Bahnhof der Stadt, die ebenfalls Ruhm für den ersten großen Frieden der Neuzeit beansprucht. Man könnte also sagen, dass Deutschland ein friedliebendes, den Frieden durchaus reklamierendes Land ist.
    Die Rückfahrt noch am selben Tag mache ich mit dem Auto bei wunderschönem Sonnenschein. Wer ist schon am Samstagnachmittag auf den Autobahnen unterwegs? Friedliebende Menschen, die nicht übermäßig rasen, sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten und ab und zu mal Pause machen und einen Kaffee trinken. Dabei höre ich in einer Rastanlage die Fußballberichte aus dem lauten Radio. Ist ja wichtig, so etwas. Ich denke an meinen seltsam entrückten Vormittag wieder und an das Drei zu Null der einen Mannschaft. Unwillkürlich entstehen wieder diese Bilder. Süßer Kuchen und guter Kaffe verdrängen einen Nachgeschmack jedoch, den der Vormittag hinterlassen hatte. Wieder auf die Bahn, die Fahrt ins Dunkle, langsam, mich der Bergwelt erneut zuführend, das Auto will ja sicher überführt sein. In meinem Kopf aber bleiben Erinnerungen an verzerrte Menschengesichter und deutsche Geschichte.

  2. #2
    Liz
    Laufkundschaft

    AW: Dezembersamstag

    Zwei besonders schöne Sätze:

    Wenn das Freude ist, will ich nicht mehr so gerne lachen.
    Samstags tragen die Regionalbahnen die Last der Freizeitkultur.

  3. #3
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Dezembersamstag

    Wie würde mein Freund Schwarzes Pferd hier schreiben: "Rückzug, Genossen! Hier ist noch nicht mal das Fernsehen."

    Uis, über eine Wirkungsangabe hinsicht eines nur Möglichen wäre ich (im Text) sehr dankbar.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Dezembersamstag

    Reisen, Fußball, deutsche Geschichte: an einem x-beliebigen Samstag in Deutschland; Facetten halt, subjektiv. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erhebe keinerlei Anspruch auf Wirkung und Literatur; nenn es essayistisch, feuilletonistisch oder so.

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