Die päpstliche Kirche mußte mit dem Auftreten Luthers erkennen, daß sie sich nunmehr reformieren mußte. Doch würde sie auch die Kraft dazu besitzen? Reformen bedürfen einer Einsicht und sind meist mit der Neubestimmung der Machtverhältnisse verbunden, was letztlich nichts anderes bedeutet, als daß diejenigen, die die Macht besitzen, vor Reformen zurückschrecken.
JESUITEN
- verkündigen die mutmaßliche Einheit von Gott und Welt → Arbeit daran, denn alle irdische Herrlichkeit empfängt ihren Sinn nur im Dienst Gottes
- diese Verkündigung riß die mittelalterliche Antithese von Gott und Welt, Zeit und Ewigkeit neu auf und überspielte Luthers fröhliche Botschaft mit der Nichtigkeit alles Irdischen

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gingen dem altgläubigen Katholizismus trotz gegensteuernden Bemühungen in Mittel-, West- und Nordeuropa eine Stadt nach der anderen verloren. Es mußte etwas geschehen. Aber was? Die der katholischen Kirche innewohnenden Reformbestrebungen hatten versagt, doch daran hing der Fortbestand dieser Kirche. Eine Kirche ohne innere Selbstgestaltung geht unter. Ein neuer Geist mußte her!
Der baskische Edelmann Ignatius Loyola liebte und schlug sich, bis er in seinem dreißigsten Lebensjahr nach einem Gefecht so schlecht verarztet wurde, daß er fortan keine militärische Laufbahn mehr einschlagen konnte. Zudem befiel ihn eine widerliche Nasenkrankheit (Stinknase), die ihn für die Frauenwelt uninteressant machte. Dem Ehrgeizling blieb nur die Kirche. Er entsagte der Welt und fand Zuflucht in der Anschauung der Dreifaltigkeit, blieb jedoch ohne Mönchskutte. Er versenkte sich in kontemplative Mystik, aus der er bald zur Tat zu streben beabsichtigte.
Sein Leben war rastlose Suche. Mit 45 Jahren wurde er Priester. Er suchte junge Menschen nach seinem Vorbilde zu prägen. Anfangs hielten ihn nicht wenige für einen heimlichen Lutheraner. Daß bedeutete in Spanien das Einschreiten der Inquisition. Loyola mußte zehn Mal die Prozedur der Befragungen ertragen. Dabei muß ihm klargeworden sein, daß die alten Methoden nicht ausreichten, die christliche Religion neu aufzubauen.
In Paris gründete er an der dortigen Universität mit Gleichgesinnten die „Gesellschaft Jesu“. Papst Paul III. erkannte die Möglichkeit direkteren Einflusses auf die Gläubigen, die Loyola anpries, und erkannte die Gesellschaft Jesu 1543 an. Die Jesuiten zogen fortan mit dem Segen des Papstes durch Europa, traten direkt ins Leben der Menschen, machten aktiv mit, mischten sich in Alltägliches und verwischten den im Mittelalter so oft beschworenen Gegensatz zwischen Welt und Ewigkeit. Andererseits wurden die Mitglieder der Gesellschaft Jesu zu unbedingtem Gehorsam gegenüber ihrer Gesellschaft verpflichtet. Die Oberen der Gesellschaft gaben vor, wie auf die Seelen der Gläubigen einzuwirken sei. Die Einflußgebiete umfaßten alle Bereiche der Gesellschaft; überall versuchten die Jesuiten Einfluß zu gewinnen. Aufgrund ihrer hohen Selbstdisziplin und hohen fachlichen Qualifikation, die sie in vielen Universitäten gewinnen mußten, nahm ihre Bedeutung immer mehr zu. Sie verbanden die Scholastik des Mittelalters mit den modernen Ausbildungsformen des Humanismus. So kam es, daß neben humanistischen und calvinistischen Schulen auch jesuitische Schulen eine Lehrtätigkeit begannen. Alleinstellungsmerkmal gegenüber ihren Konkurrenten: die zentrale Stellung der Dialektik-Ausbildung. Sie suchten Fragen mit dem größten Streitpotential.

Die katholische Reformbewegung im 15. Jahrhundert ging von der Einsicht in die Reformbedürftigkeit des kirchlichen Lebens aus und suchte die christlichen Werte der Einfachheit, der schlichten Frömmigkeit und Demut wiederzubeleben und die Kluft zwischen Klerikern und Laien einzuengen.
Im Unterschied dazu war das bestimmende Moment der Gegenreformation in die Abwehr und Widerlegung der reformatorischen Lehren gelegt. Bei der Gegenreformation ging es nicht um Einsicht und Abschaffung eigener Fehler, sondern um die Wahrhaftigkeit der eigenen Lehre, um Darstellung derselben und um Unterwerfung der Gläubigen hinsichtlich der Kirchendisziplin.

In Deutschland gab es viele Probleme mit den Jesuiten, vor allem in den reformierten Gebieten. Loyola wich nach Rom aus und gründete dort ein collegium Germanicum, in dem er Lehrer und Wandermönche ausbildete, die auch in Schillers „Wallenstein“ auftretenden Kapuziner.
Loyola wird mit dem historischen Begriff der „Gegenreformation“ verbunden, doch lag es nicht in seiner Absicht, die Protestanten gewaltsam zu missionieren, vielmehr wollte er sie in den Schoß der katholischen Kirche zurückführen und verstand sich als Missionar, nicht als Inquisitor. Dabei nutzte er die Führungsschwäche des Luthertums aus, denn nach Luthers Tod war der Protestantismus von Streitsucht geprägt. Loyola argumentierte immer auf der Basis eines starken Papsttums, dessen Autorität sich in den Jahrhunderten erwiesen hatte. Unter Paul IV. kam es nach 1555 zu verschärften Maßnahmen, die Gegenreformation voranzutreiben, indem eine schärfere Ketzerverfolgung einsetzte. Der Papst mengte sich hier sogar in kaiserliche Belange, indem er abtrünnigen Fürsten mit dem Verlust ihrer weltlichen Herrschaften drohte. Er ließ ketzerische Schriften auflisten (index librorum prohibitorum), sammeln und verbrennen. Bücherverbrennungen in Italien. Wer Lutheraner war, der brannte, meist zusammen mit seinen Büchern. Jeder „Ketzer“ wurde hier vors Tribunal gezerrt und nach dem Schuldspruch verbrannt. Es war nicht so sehr eine wiedererwachte Stärke des Katholizismus, die das Luthertum zurückdrängte, vielmehr war es die Zerrissenheit [1] des Protestantismus selbst, seine Führungsschwäche, die gewonnene Gebiete wieder verlor. Die katholische Kirche gewann durch die Fixierung auf die Autorität des Papstes ihre alte Stärke zurück, neue Lehrinhalte, eine neue Ästhetik fand sie nicht. Die Kirchenspaltung wurde nicht beseitigt und sollte Jahrhunderte die weitere europäische Politik mitbestimmen.


Aufgaben:


  1. Fasse das Leben Loyolas in fünf Stichpunkten zusammen! (I)
  2. Beschreibe die Probleme, mit denen die alte Kirche konfrontiert wurde! (II)
  3. Nenne die wichtigsten Punkte des gegenreformatorischen Ansatzes! (II)




[1] Carl Schmitt sieht in „Land und Meer“ (Berlin 1942) unter dem Aspekt weltgeschichtlicher Entwicklungen eine bedeutendere Zerrissenheit, nämlich die zwischen Luthertum und Calvinisten einerseits, aber auch die zwischen Calvinisten und Katholizismus. Die Calvinisten wiesen ihre gewonnenen Völker zur See, die Lutheraner und Katholiken verlandeten sie. Zwar eroberten Katholiken viele Weltteile vor den Calvinisten, wurden aber von diesen allmählich verdrängt oder zur Bedeutungslosigkeit verdammt.