Hier noch eine (hoffentlich nicht verbenüberlastete) Kleinigkeit aus der aktuellen Erzählung:

„Wenn dieses ‚Ding‘ wirklich existiert ...“, erwiderte Robert zweifelnd. „Weshalb unternimmt man dann nichtsö“
„Man hat ja etwas unternommen. Die Regierung hat Soldaten geschickt, die das Gelände bewachen. Was hätte man denn sonst tun sollen: den Wald niederbrennenö ... die Absturzstelle bombardieren?“
„Ich weiß nicht, alles ist so ...“, Robert brach plötzlich ab. Er hatte etwas gehört. Noch konnte er das Geräusch nicht genau orten, aber es klang wie dumpfer Trommelwirbel.
„Es geht los“, murmelte der alte Mann mit einem hilflosen Lächeln und griff nach seinem Glas.
Einen Augenblick später war er verschwunden.
Ungläubig starrte Robert auf das groteske Wesen, das seinen Platz eingenommen hatte.
Es war eine riesige weiße Ratte, die irgendein Witzbold mit einer randlossen Brille und einem weiß-rot gepunkteten Fliege ausgestatte hatte. Das Tier hatte es sich in lässiger Pose auf dem Sessel des alten Mannes bequem gemacht und musterte Robert mit einem Ausdruck, den man nicht anders als amüsiert bezeichnen konnte.
Obwohl die Ratte mit zentimeterlangen Krallen und einem beeindruckenden Gebiß ausgestattet war, wirkte sie keineswegs furchteinflößend.
Gleich verschwindet sie wieder, dachte Robert, während er sich unauffällig in den Oberschenkel kniff, oder er Alte hat mir etwas ins Glas getan ...
Es schmerzte, und die Ratte kicherte wie ein albernes Schulmädchen.
„Hallo Robert!“ ihre Stimme war eine perfekte Imitation der Maus Jerry aus den Disney-Trickfilmen. „Schön, daß du uns besuchst.“
Robert sagte nichts. Sein Verstand weigerte sich noch immer, die Situation zu akzeptieren.
„Ich weiß, weshalb du hier bist“, verkündete die Ratte gut gelaunt. „Und ich kann dir helfen.“
„Wirklich?“ Das sollte sarkastisch klingen, doch seine ausgetrocknete Kehle ließ nur ein Flüstern zu.
„Heute ist dein Glückstag, Robert“, versicherte die Ratte und verzog ihr rosa Maul zu einem Grinsen. „Im übrigen kannst du mich Carrie nennen.“
Robert zuckte zusammen. Plötzlich war er sich sicher, daß das unheimliche Wesen alles über ihn wußte. Der alte Mann hatte recht gehabt: Dieses „Ding“ war in der Lage, sein Bewußtsein zu beeinflussen. Unter anderem konnte es einen knapp fünfzigjährigen Mann dazu bringen, sich mit einer bebrillten Ratte zu unterhalten. Und es besaß eine ziemlich eigenartigen Sinn für Humor ...
Der Gedanke an „Alice im Wunderland“ war naheliegend, nur daß sich Carolls Figuren seines Wissens nicht so ungeniert mit den eigenen Genitalien beschäftigt hatten, wie es die Ratte in diesem Augenblick tat. Sie war offenkundig weiblich. Die Manipulationen des Tieres wirkten auf Grund seiner Größe überaus obszön, dennoch konnte Robert seinen Blick nicht abwenden. Möglicherweise wollte ihm das Wesen, das die Illusion der Ratte geschaffen hatte, mit dieser Vorführung etwas mitteilen. Er verstand nur nicht, was.
Nachdem sie ihre Aktivitäten zur Zufriedenheit beendet hatte, verkündete die Ratte mit dröhnender John-Wayne-Stimme: „Darauf trinken wir einen!“
Ihr haarloser Schwanz glitt wie eine Schlange über den Tisch, wand sich um die Schnapsflasche und brachte das Kunststück fertig, die Gläser aufzufüllen, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten. Die Darbietung wirkte so grotesk, daß Robert Mühe hatte, das in seinem Zwerchfell zuckende Gelächter nicht zum Ausbruch kommen zu lassen.
„Auf dein Wohl, alter Junge“, dröhnte der Westernheld, und die Ratte schüttete den Inhalt ihres Glases in einem Zug hinunter.
Robert trank ebenfalls. Aberwitziger konnte die Situation kaum werden. Und vielleicht brachte der Alkohol das Gefühl in seine Beine zurück ...
Der Schnaps löste die Verkrampfung ein wenig, und Robert fand den Mut zu einer Frage:
„Wer bist du?“
Er rechnete nicht damit, daß der Schöpfer des Ratten-Phantoms seine Identität offenbaren würde, aber wollte es wenigstens den Versuch unternommen haben, die Situation zu klären.
„Ich bin Gott!“ verkündete die weiße Ratte würdevoll und starrte Robert herausfordernd an. Die starken Brillengläser verwandelten den Blick ihrer Albinoaugen zu einem stumpfsinnigen Glotzen.
In diesem Augenblick brach Roberts Selbstbeherrschung zusammen. Hysterisches Gelächter schüttelte seinen Körper und trieb ihm die Tränen in die Augen. Es gab nichts, was er dagegen hätte unternehmen können. Er konnte nur hoffen, daß der Anfall vorbeiging, bevor er erstickt war. Mühsam rang er nach Atem, während er darüber nachdachte, welches Schicksal wohl einen Gläubigen erwartete, der seine - Roberts - Vision wahrheitsgetreu und mit allen Details wiedergeben würde ...
Als der Lachkrampf ihn endlich freigab, ging sein Atem rasselnd und sein Oberkörper schmerzte. Beschämt tupfte sich Robert die Augen trocken und wartete auf die Reaktion seines Gegenübers.
„Was ist denn so lustig an dieser Vorstellung?“ erkundigte sich die Ratte gekränkt. „Alles, was ihr von eurem Gott erwartet, könnt ihr auch von mir bekommen.“
„Und das wäre?“
„Ewige Jugend zum Beispiel“, erwiderte die Ratte und verwechselte vor lauter Eifer die Filmstimmen, „das ist es doch wohl, was sich die meisten von euch wünschen.“ Die piepsende Jerry-Mouse-Stimme stand in irritierendem Gegensatz zur Bedeutung dieses Versprechens. Robert glaubte ihr kein Wort.
Die Toten bleiben jung, dachte er in einem Anflug von Zynismus. Wahrscheinlich meint sie etwas in dieser Richtung.
„Na gut, Kumpel“, das Stimmen-Repertoire des Rattenwesens schien unerschöpflich. Jetzt ware Bruce Willis an der Reihe. „Sieht ganz so aus, als müßte es mal wieder die Free-Tour sein. Adiös, muchacho!“
Die Ratte salutierte spöttisch und verschwand.
...
Gruß
K.