+ Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 25 von 31

Thema: Die Stadt am Fluß - Rattenzauber

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    Die Stadt am Fluß - Rattenzauber

    Hier noch eine (hoffentlich nicht verbenüberlastete) Kleinigkeit aus der aktuellen Erzählung:

    „Wenn dieses ‚Ding‘ wirklich existiert ...“, erwiderte Robert zweifelnd. „Weshalb unternimmt man dann nichtsö“
    „Man hat ja etwas unternommen. Die Regierung hat Soldaten geschickt, die das Gelände bewachen. Was hätte man denn sonst tun sollen: den Wald niederbrennenö ... die Absturzstelle bombardieren?“
    „Ich weiß nicht, alles ist so ...“, Robert brach plötzlich ab. Er hatte etwas gehört. Noch konnte er das Geräusch nicht genau orten, aber es klang wie dumpfer Trommelwirbel.
    „Es geht los“, murmelte der alte Mann mit einem hilflosen Lächeln und griff nach seinem Glas.
    Einen Augenblick später war er verschwunden.
    Ungläubig starrte Robert auf das groteske Wesen, das seinen Platz eingenommen hatte.
    Es war eine riesige weiße Ratte, die irgendein Witzbold mit einer randlossen Brille und einem weiß-rot gepunkteten Fliege ausgestatte hatte. Das Tier hatte es sich in lässiger Pose auf dem Sessel des alten Mannes bequem gemacht und musterte Robert mit einem Ausdruck, den man nicht anders als amüsiert bezeichnen konnte.
    Obwohl die Ratte mit zentimeterlangen Krallen und einem beeindruckenden Gebiß ausgestattet war, wirkte sie keineswegs furchteinflößend.
    Gleich verschwindet sie wieder, dachte Robert, während er sich unauffällig in den Oberschenkel kniff, oder er Alte hat mir etwas ins Glas getan ...
    Es schmerzte, und die Ratte kicherte wie ein albernes Schulmädchen.
    „Hallo Robert!“ ihre Stimme war eine perfekte Imitation der Maus Jerry aus den Disney-Trickfilmen. „Schön, daß du uns besuchst.“
    Robert sagte nichts. Sein Verstand weigerte sich noch immer, die Situation zu akzeptieren.
    „Ich weiß, weshalb du hier bist“, verkündete die Ratte gut gelaunt. „Und ich kann dir helfen.“
    „Wirklich?“ Das sollte sarkastisch klingen, doch seine ausgetrocknete Kehle ließ nur ein Flüstern zu.
    „Heute ist dein Glückstag, Robert“, versicherte die Ratte und verzog ihr rosa Maul zu einem Grinsen. „Im übrigen kannst du mich Carrie nennen.“
    Robert zuckte zusammen. Plötzlich war er sich sicher, daß das unheimliche Wesen alles über ihn wußte. Der alte Mann hatte recht gehabt: Dieses „Ding“ war in der Lage, sein Bewußtsein zu beeinflussen. Unter anderem konnte es einen knapp fünfzigjährigen Mann dazu bringen, sich mit einer bebrillten Ratte zu unterhalten. Und es besaß eine ziemlich eigenartigen Sinn für Humor ...
    Der Gedanke an „Alice im Wunderland“ war naheliegend, nur daß sich Carolls Figuren seines Wissens nicht so ungeniert mit den eigenen Genitalien beschäftigt hatten, wie es die Ratte in diesem Augenblick tat. Sie war offenkundig weiblich. Die Manipulationen des Tieres wirkten auf Grund seiner Größe überaus obszön, dennoch konnte Robert seinen Blick nicht abwenden. Möglicherweise wollte ihm das Wesen, das die Illusion der Ratte geschaffen hatte, mit dieser Vorführung etwas mitteilen. Er verstand nur nicht, was.
    Nachdem sie ihre Aktivitäten zur Zufriedenheit beendet hatte, verkündete die Ratte mit dröhnender John-Wayne-Stimme: „Darauf trinken wir einen!“
    Ihr haarloser Schwanz glitt wie eine Schlange über den Tisch, wand sich um die Schnapsflasche und brachte das Kunststück fertig, die Gläser aufzufüllen, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten. Die Darbietung wirkte so grotesk, daß Robert Mühe hatte, das in seinem Zwerchfell zuckende Gelächter nicht zum Ausbruch kommen zu lassen.
    „Auf dein Wohl, alter Junge“, dröhnte der Westernheld, und die Ratte schüttete den Inhalt ihres Glases in einem Zug hinunter.
    Robert trank ebenfalls. Aberwitziger konnte die Situation kaum werden. Und vielleicht brachte der Alkohol das Gefühl in seine Beine zurück ...
    Der Schnaps löste die Verkrampfung ein wenig, und Robert fand den Mut zu einer Frage:
    „Wer bist du?“
    Er rechnete nicht damit, daß der Schöpfer des Ratten-Phantoms seine Identität offenbaren würde, aber wollte es wenigstens den Versuch unternommen haben, die Situation zu klären.
    „Ich bin Gott!“ verkündete die weiße Ratte würdevoll und starrte Robert herausfordernd an. Die starken Brillengläser verwandelten den Blick ihrer Albinoaugen zu einem stumpfsinnigen Glotzen.
    In diesem Augenblick brach Roberts Selbstbeherrschung zusammen. Hysterisches Gelächter schüttelte seinen Körper und trieb ihm die Tränen in die Augen. Es gab nichts, was er dagegen hätte unternehmen können. Er konnte nur hoffen, daß der Anfall vorbeiging, bevor er erstickt war. Mühsam rang er nach Atem, während er darüber nachdachte, welches Schicksal wohl einen Gläubigen erwartete, der seine - Roberts - Vision wahrheitsgetreu und mit allen Details wiedergeben würde ...
    Als der Lachkrampf ihn endlich freigab, ging sein Atem rasselnd und sein Oberkörper schmerzte. Beschämt tupfte sich Robert die Augen trocken und wartete auf die Reaktion seines Gegenübers.
    „Was ist denn so lustig an dieser Vorstellung?“ erkundigte sich die Ratte gekränkt. „Alles, was ihr von eurem Gott erwartet, könnt ihr auch von mir bekommen.“
    „Und das wäre?“
    „Ewige Jugend zum Beispiel“, erwiderte die Ratte und verwechselte vor lauter Eifer die Filmstimmen, „das ist es doch wohl, was sich die meisten von euch wünschen.“ Die piepsende Jerry-Mouse-Stimme stand in irritierendem Gegensatz zur Bedeutung dieses Versprechens. Robert glaubte ihr kein Wort.
    Die Toten bleiben jung, dachte er in einem Anflug von Zynismus. Wahrscheinlich meint sie etwas in dieser Richtung.
    „Na gut, Kumpel“, das Stimmen-Repertoire des Rattenwesens schien unerschöpflich. Jetzt ware Bruce Willis an der Reihe. „Sieht ganz so aus, als müßte es mal wieder die Free-Tour sein. Adiös, muchacho!“
    Die Ratte salutierte spöttisch und verschwand.
    ...
    Gruß
    K.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Ich habe den gesamten ersten Teil noch einmal überarbeitet und würde gern wissen, ob sich das Weiterschreiben lohnt (naja, wahrscheinlich werde ich mich sowieso nicht davon abhalten lassen).

    Die Stadt am Fluß

    Ich hätte nicht herkommen dürfen.
    Als sich der Nebel lichtete und den Blick auf die vertraute Silhouette der Stadt freigab, spürte Robert, wie seine Kehle trocken wurde.
    Vorsichtig verminderte er die Geschwindigkeit, bevor er die Brücke über die Aarnau überquerte. Der Herbstregen hatte den Fluß anschwellen lassen. Träge drängten sich die lehmfarbenen Fluten gegen die Böschungen. Im Herbst und zur Zeit der Schneeschmelze trat die Aarnau regelmäßig über die Ufer und überschwemmte die Wiesen bis hin zur Straße. Aus dem vieldiskutierten Bau eines neuen Dammes war wohl nichts geworden ...
    Links der Straße lag das alte Strandbad. Einzig die Ruine des Umkleidehäuschens und das Gerippe eines Kinderkarussells erinnerten an seine vormalige Bestimmung. Auf der Liegewiese wucherte Unkraut.
    Es wird nie mehr sein ..., zischelte der Fahrtwind und Robert kurbelte fröstelnd die Fensterscheibe hoch.
    Erst jetzt bemerkte er, daß das Unkraut auch in den angrenzenden Gärten und selbst auf dem Bürgersteig auf dem Vormarsch war. Die meisten Häuser schienen unbewohnt zu sein, aber selbst dort, wo die Fensterscheiben noch heil waren und die Vorgärten einigermaßen gepflegt, ließ sich keine Menschenseele blicken.
    „Willkommen in Meerburg!“ verkündete trotzig eine verblichene Giebelaufschrift, und Robert mußte unwillkürlich lächeln. Wind und Wetter hatten die Schrift und das Stadtwappen zu einem kläglichen Etwas verblassen lassen, das ebenso aufmunternd wirkte wie ein Strauß verwelkter Blumen als Begrüßungsgeschenk.
    Die Stadt lag im Sterben.
    Obwohl Robert seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, hatte er nichts anderes erwartet. In den letzten Tagen hatte er oft von ihr geträumt, und wenn er danach stundenlang wachlag, hatte er darüber nachgedacht, was gewesen war und was hätte sein können ...
    Während er im Schrittempo durch die dämmrigen Vorstadtstraßen fuhr, dachte Robert an Caren. Ob sie wohl noch in der Stadt lebte? Er hatte zu lange nichts mehr von ihr gehört, um an ein Wiedersehen zu glauben. Seit einiger Zeit waren sogar die Nachrichten aus zweiter Hand ausgeblieben - Briefe von ehemaligen Klassenkameraden und Bekannten, die in Meerburg wohnten. Er hatte stets geantwortet, nicht nur aus Höflichkeit, sondern weil er das Band nicht abreißen lassen wollte, das ihn mit seiner Heimatstadt verband.
    Natürlich war es ohne weiteres möglich, daß der ein oder andere weggezogen war oder das Interesse an dem Kontakt verloren hatte. Daß dieses Schweigen nun schon seit Monaten andauerte, war dennoch beunruhigend. Manchmal hatte Robert mit dem Gedanken gespielt, jemanden anzurufen, aber aus irgendeinem Grund - vielleicht weil es ihm zu aufdringlich erschien - hatte er davon Abstand genommen.
    Vielleicht ist ihnen etwas zugestoßen, dachte er und war sich plötzlich sicher, daß ihr Schweigen mit der Stadt zu tun hatte, mit dieser alten Stadt am Fluß, in der er aufgewachsen war ...
    Am Nachmittag hatte Robert die Sehenswürdigkeiten der Umgebung besucht. Über seine Motive war er sich selbst nicht im klaren. Wollte er wirklich nur alte Erinnerungen auffrischen? Oder ging es ihm eher um einen Aufschub, eine letzte Möglichkeit der Besinnung?
    Er war zum Thomasfelsen hinaufgestiegen, auf dessen Gipfel ein großes, schmuckloses Kreuz an einen Dichter der Befreiungskriege erinnerte. Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen ... Das klang ziemlich naiv, aber das Lächeln darüber hatte wehgetan.
    Der Thomasfelsen war früher ein beliebtes Ausflugsziel gewesen, doch Robert war auf seinem Weg einzig einer alten Frau begegnet, die ihm mißtrauisch hinterhergeschaut hatte. Auf dem Gipfel hatte er sich trotz eines flauen Gefühls im Magen bis zu jener Klippe vorgewagt, von der sich der Ritter Thomas der Sage nach auf der Flucht vor seinen Verfolgern hinab in Aarnau gestürzt hatte. Einen Augenblick lang war das Schwindelgefühl übermächtig gewesen, und Robert hatte gegen die Versuchung ankämpfen müssen, sich einfach fallen zu lassen ...
    Der Besuch am alten Steinbruch verlief ebenfalls enttäuschend. Der Badesee existierte nicht mehr. Robert hatte zwar gewußt, daß ihn die Russen in den Achtzigern als Panzerwaschplatz benutzt hatten, nicht aber, daß man hinterher das Wasser abgepumpt und das Gelände sich selbst überlassen hatte. Dort, wo sich früher die hellen Felswände auf der Oberfläche des Sees gespiegelt hatte, verrottete jetzt eine alte Seitenwagenmaschine im kniehohen Unkraut. Von diesem Steilufer waren damals die Jungen zwölf Meter tief ins Wasser gesprungen, belohnt vom Kreischen und den bewundernden Blicken der Mädchen. Wie lange war das jetzt her? Robert mochte nicht darüber nachdenken.
    Auch den „Mückentempel“ hatte er besucht, einen Aussichtspavillon aus der Gründerzeit, der seinen Namen den stechlustigen Plagegeistern verdankte, die allabendlich im Spätsommer von den sumpfigen Wiesen des Braunbachtales aufstiegen. Einmal war er nach der Tanzstunde mit Caren hiergewesen - aber zu mehr als zu einem Kuß und einer flüchtigen Umarmung war es nicht gekommen. Die Mücken waren Sieger geblieben und das Liebespaar, das die hölzerne Bank des Pavillons bereits mit Beschlag belegt hatte. Er hatte das Mödchen nach Hause gebracht und sich damit getröstet, daß der Sommer noch lang war und ihnen alle Zeit der Welt blieb. Doch es hatte keine zweite Chance gegeben. Es gab nie eine zweite Chance ... Wir können doch Freunde bleiben - Eingeständnis einer Niederlage, die immer noch schmerzte.
    Jetzt schien es hier keine Mücken mehr zu geben und erst recht keine Liebespaare, die von romantischen Abgeschiedenheit des Ortes angelockt wurden. Aufmerksam hatte Robert die Inschriften studiert, die Generationen von Meerburgern in die hölzernen Bohlen geritzt hatten, aber keine gefunden, die jüngeren Datums war. Sitzfläche und Lehnen der Bänke im Inneren des Pavillons waren mit einer klebrigen Staubschicht bedeckt, die bestätigte, was Robert längst wußte: Hier kam niemand mehr her.
    Der Friedhof. Beinahe unbewußt ließ Robert den Wagen ausrollen und hielt unmittelbar vor der Zufahrt. Die Torflügel waren mit einer rostigen Kette und einem Vorhängeschloß gesichert, doch die Fußgängerpforte war unverschlossen. Quietschend öffnete sich die schmale Gittertür, und nach wenigen Schritten stand Robert vor dem Portal der Andachtshalle. Zeit und Witterung hatten den Marmorsäulen ebensowenig anhaben können wie den Granitquadern der Hallenwände, und für Sekunden fühlte Robert die gleiche ehrfürchtige Scheu, die er als Kind an diesem Ort empfunden hatte.
    Er ging weiter und lauschte dem Rauschen des Windes in den Kronen alten Bäume. Das Gefühl der Verunsicherung, der Furcht vor einer noch namen- und gestaltlosen Gefahr, das der Anblick der Stadt in ihm ausgelöst hatte, wurde schwächer und verging.
    Dieser Ort war sich selbst genug. Er forderte weder Aufmerksamkeit noch Mitgefühl. Die Namen und Ziffern auf den Grabsteinen mochten den Lebenden wichtig gewesen sein, für die Toten waren sie ohne Bedeutung. Sie warteten auf nichts, hofften auf nichts, und fürchteten nichts mehr. Es war nicht wichtig, wie lange sie gelebt hatten oder wie sie gestorben waren. Sie hatten es längst vergessen, so wie er es vergessen würde ...
    Irgendwann würde es enden, an einem Ort wie diesem oder einem anderen, weniger privilegierten. Wenn es soweit war, würde es ihm nichts mehr ausmachen.
    Nachdenklich schritt er die kiesbedeckten Wege entlang und blieb hin und wieder stehen, um die Aufschriften der Grabsteine zu entziffern. Und plötzlich wußte er, weshalb er hier haltgemacht hatte: Er suchte ihre Namen.
    Daß seine Suche erfolglos blieb, erstaunte ihn ebensowenig wie die Tatsache, daß er kaum Gräber fand, die in den letzten Jahren angelegt worden waren. Die Bewohner der Stadt waren nicht gestorben, sondern weggegangen. Irgendwohin.
    Robert fror plötzlich. Er schlug den Kragen seine Mantels hoch und ging zurück zum Auto. Als er den Zündschlüssel drehte, fürchtete er einen Augenblick lang, daß der Wagen nicht anspringen würde. Daß er nie wieder anspringen würde ...
    Doch zum Glück hatte er sich getäuscht. Gutmütig grummelnd sprang der Motor an, und das warme Schimmer der Leuchtanzeigen beruhigte ihn ein wenig.
    Obwohl es rasch dunkel wurde, brannte nirgendwo Licht. Robert kurbelte das Seitenfenster herunter und lauschte in der Hoffnung, irgendwo Stimmen zu hören oder die Schritte eines verspäteten Passanten, den er nach dem Weg zur nächsten Pension fragen konnte. Doch es blieb still.
    Erst jetzt bemerkte er, daß das Autoradio verstummt war. Hatte er es selbst abgeschaltet? Nein, die Senderanzeige leuchtete, doch als er den Ton lauterdrehte, drang nichts als gleichförmiges Rauschen aus den Lautsprechern der Stereoanlage.
    Merkwürdig. Robert drückte die Stationstasten der Reihe nach durch, doch das Rauschen blieb.
    Wahrscheinlich ist die Antenne nicht in Ordnung, versuchte er sich zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß sich ein flaues Gefühl in seiner Magengrube einnistete.
    Er schaltete das Radio ab und öffnete das Handschuhfach. Unter der Parkkarte lag der Zettel mit einigen Adressen, die er in seinen Unterlagen gefunden hatte.
    „Michael Fischer“, stand ganz oben auf der Liste, „Winklerstraße 13“. Er kannte Mischa noch von der Grundschule her. Später, in den frühen Siebzigern, waren sie gemeinsam über die Tanzsäle der näheren Umgebung gezogen - eine alkoholselige Zeit voller Abenteuer, an die sich Robert gern zurückerinnerte. Er war sich beinahe sicher, daß Mischa sich über seinen Besuch freuen würde. Wenn er überhaupt noch dort wohnte ...
    Einen Versuch ist es allemal wert, entschied Robert nach einem Blick auf die Uhr. Es ist ja noch nicht einmal acht. Einfach die Mozartstraße hoch zum Bahnhof und dann am Krankenhaus vorbei in Richtung Markt.
    Fast ein wenig stolz auf sein Ortskenntnis chauffierte er den Wagen durch die menschenleeren Straßen und registrierte nur beiläufig, daß die Straßenbeleuchtung nicht funktionierte und selbst der Bahnhofsvorplatz in völliger Dunkelheit lag.
    17 ... 15 ... 13 ... Robert erriet die Hausnummern eher, als daß er sie lesen konnte. Hier muß es sein. Er nahm die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus.
    Das Haus lag einige Meter zurückgesetzt hinter einem schmalen Vorgarten. Durch die Stäbe des Zaunes wucherten die Triebe einer mannshohen Hecke. Das Gartentor stand halb offen. Kein noch so schwacher Lichtschimmer drang aus den Fenstern der dreistöckigen Villa, die schweigend wie ein seit Jahrzehnten verlassener Herrensitz vor ihm lag.
    Es hat keinen Sinn. Robert wußte, daß er niemanden antreffen würde, dennoch ging er weiter. Der Kies knirschte unnatürlich laut unter seinen Sohlen, und als die Stufen zum Eingang hinaufstieg, fühlte er sich wie ein ungebetener Eindringling.
    Es gab keine Klingel, nur einen altertümlichen Klopfer, dessen Griff vom Gebrauch der Jahrzehnte glattgescheuert war. Obwohl Robert das Gewicht nur ein paar Zentimeter angehoben hatte, fuhr er unwillkürlich zusammen, als der Schlag die nächtliche Stille durchbrach. Das Geräusch mußte im ganzen Viertel zu hören sein.
    Mit klopfendem Herzen wartete er auf eine Reaktion, doch im Haus blieb alles still. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe verharrte auf einem mit Grünspan überzogenen Messingschild: „Michael Fischer - Import/Export“.
    Wenigstens war es das richtige Haus.
    Die Vorstellung, daß sein Kumpel Mischa „Rocky“ Fischer im Geschäftsanzug hinter einem Schreibtisch thronte und Verträge unterschrieb, reizte zum Lächeln.
    Doch das Bild verschwand und wich der Befürchtung, daß er Rocky und die anderen vielleicht nie wiedersehen würde. Sie waren verschwunden, einfach weggegangen, ohne eine Spur zurückzulassen.
    „Kommt raus, verdammt noch mal!“ hörte Robert sich plötzlich rufen, während er den Klopfer wieder und wieder gegen das Türblatt niedersausen ließ. Eine Salve krachender Schläge erfüllte die Nacht und ließ die Fensterscheiben ringsum erzittern.
    Egal, dachte er schwer atmend, als der Ausbruch vorüber war, hier wohnt sowieso keiner mehr.
    Doch er hatte sich getäuscht.
    Irgendwo hinter ihm wurde ein Fenster geöffnet und eine Männerstimme rief: „Ruhe, da unten! Was soll denn das?“
    Beschämt wie ein Schuljunge, der bei etwas Verbotenem ertappt worden ist, schaltete Robert die Taschenlampe aus. Er hatte keine Mühe, herauszufinden, woher der Ruf gekommen war. Nur in einem einzigen Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite brannte Licht. Vor dem hellen Hintergrund zeichneten sich deutlich die Umrisse einer menschlichen Gestalt ab.
    „Da drüben wohnt niemand mehr!“ Der Mann am Fenster schien darauf zu warten, daß der Störenfried seiner Wege ging. Eilig lief Robert zurück zur Straße, um mit dem Fremden ins Gespräch zu kommen.
    „Entschuldigen Sie!“ rief er in Richtung des gelben Lichtvierecks. „Können Sie mir vielleicht sagen, wo die Leute hingezogen sind?“ Seine Stimme vibrierte vor Aufregung.
    „Nein!“ entgegnete der Mann am Fenster schroff. „Verschwinden Sie!“
    Das Fenster schlug zu, und das Licht erlosch.
    Willkommen in Meerburg, dachte Robert mit einem Anflug von Sarkasmus, bestimmt steht der Kerl jetzt hinter der Gardine und beobachtet mich.
    Er hatte große Lust, dem Fremden ein paar Grobheiten an den Kopf zu werfen, aber das machte angesichts der Umstände wenig Sinn. So begnügte er sich mit einer abfälligen Geste, drehte sich um und ging langsam zurück zum Wagen.
    Im Auto roch es nach Öl und den letzten Duftmolekülen des ausgetrockneten Lufterfrischers. Die vertraute Umgebung beruhigte Robert ein wenig und half ihm, sich über seine weiteren Schritte klarzuwerden.
    Natürlich konnte er sein Vorhaben aufgeben und heimfahren. Das war die einfachste und vermutlich auch vernünftigste Alternative. Aber sollte er das wirklich? Ohne herausgefunden zu haben, was hier vorgefallen war? Irgendwo mußten sie doch hingegangen sein, Caren, Mischa und all die anderen ...
    Unsinn! widersprach der pragmatischere Teil seines Bewußtseins. Im Grunde sind sie dir doch völlig gleichgültig. Sie haben dir dreißig Jahre lang nicht besonders gefehlt, also mach dir nichts vor.
    Aber Caren ..., wandte Robert halbherzig ein, obwohl er die Antwort kannte. Sie ließ nicht lange auf sich warten: Du liebst sie also immer noch, ist es das? In Wirklichkeit kannst du nur nicht verwinden, daß sie dich sitzengelassen hat. Sie hat dich damals nicht gebraucht, und sie braucht dich heute erst recht nicht. Es ist vorbei! Du wirst demnächst fünfzig, hast du das vergessen?
    Robert hatte es nicht vergessen, auch wenn er es sich manchmal wünschte. Nicht wegen des Alters an sich, das spielte nur eine untergeordnete Rolle. Im Grunde war er stolz darauf, nie erwachsen geworden zu sein. Er hatte Caren geliebt, und ein Teil von ihm liebte sie noch immer. Wenn er jetzt aufgab, war er nicht mehr als ein Feigling. Er mußte weitersuchen, auch wenn die Aussicht auf Erfolg noch so gering war ...
    Das Geräusch des Anlassers durchbrach die nächtliche Stille. Der Motor sprang sofort an. Erleichtert lehnte sich Robert zurück und fuhr langsam durch die dunklen, feucht glänzenden Straßen in Richtung Markt.
    Der Marktplatz schien der einzige Ort in der Stadt zu sein, der wenigstens noch einen Hauch von Normalität ausstrahlte. Die Straßenbeleuchtung brannte, und die Rolandsfigur über dem Marktbrunnen reckte sich trotzig im Licht der Halogenscheinwerfer. Auf dem Parkplatz standen Autos - wenn auch weit weniger als früher -, und das Leuchtzifferblatt der Rathausuhr zeigte die korrekte Zeit an.
    Doch Roberts Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit blieb erfolglos. Die Fenster des „Weißen Rosses“ waren mit Spanplatten zugenagelt, und an der Eingangstür zum „Wiener Hof“ begrüßte ihn ein altersfleckiges Pappschild: „Vorübergehend geschlossen“. Weitere Hotels in Zentrumsnähe fielen Robert nicht ein; die Stadt am Fluß war zu unbedeutend, um Touristen anzuziehen.
    Enttäuscht ging Robert zurück zum Parkplatz. Möglicherweise blieb ihm nichts anderes übrig, als im Auto zu übernachten. Die Aussicht war wenig als verlockend. Mittlerweile war es empfindlich kühl geworden, und der Wagen hatte keine Standheizung. Hoffentlich lag die alte Wolldecke noch im Kofferraum ...
    Ein Geräusch ließ Robert innehalten. Nein, kein einzelnes Geräusch, eher das verstohlene Echo einer Vielzahl von Lauten: Trappeln, Keuchen, Winseln, Knurren und Schnaufen. Noch konnte Robert nichts erkennen, aber es kam unzweifelhaft näher. Rasch.
    Nur Augenblicke später brach das Rudel aus einer Seitengasse hervor: Hunde, große, kleine, dunkle, weiße, gefleckte. Langbeinige Doggen, gefolgt von Schäferhunden, Boxern, Mischlingen und sogar Pudeln, eine Prozession, deren Anblick ebenso unheimlich war, wie er zum Lachen reizte. Über die Zahl der Tiere konnte Robert nur Vermutungen anstellen. Vermutungen, die sofort gegenstandslos wurden, als ein Teil des Rudels plötzlich die Richtung wechselte und auf ihn zustürmte.
    Verdammt! Mit fahrigen Bewegungen nestelte Robert am Türschloß, öffnete und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Nur Augenblicke, nachdem er die Tür wieder zugeschlagen hatte, sprang das erste Tier auf die Motorhaube. Wütend preßte die Bulldogge ihre Schnauze gegen die Windschutzscheibe und entblößte ihre Fangzähne. Die anderen Hunde hatten den Wagen mittlerweile eingekreist. Die größeren stemmten sich knurrend und geifernd mit den Vorderpfoten gegen die Scheiben, während die kleineren wie wild umhersprangen und bellten.
    „Spring an“, flüsterte Robert lautlos, als er den Zündschlüssel drehte. Seine Bitte wurde erhört. Erleichtert gab er Gas und ließ die Kupplung frei. Der Wagen schoß nach vorn, schleuderte zwei große Hunde zur Seite und überrollte eines der kleineren Tiere. Robert glaubte, Knochen brechen zu hören, aber vielleicht bildete er sich das Geräusch auch nur ein. Die Bulldogge verlor das Gleichgewicht und schlitterte über den Kotflügel hinab auf die Straße. Rasend vor Wut stürmte das Rudel hinter dem Auto her und gab erst auf, als die Tachometernadel auf siebzig Stundenkilometer geklettert war.
    Der Hund bleibt mir im Sturme treu ..., deklamierte Robert in Gedanken, war sich allerdings nicht ganz sicher, das dem Anlaß entsprechende Zitat gewählt zu haben. Der Schrecken saß ihm noch immer in den Gliedern. Obwohl die Gefahr glücklich überstanden schien, zitterten ihm die Knie und der Puls hämmerte dumpf in seinen Schläfen.
    Für das Auftauchen einer so großen Zahl herrenloser Hunde gab es nur eine Erklärung: Ihre Besitzer hatten sie im Stich gelassen. Sie waren gegangen, ohne sich darum zu bekümmern, was aus ihren vierbeinigen Hausgenossen wurde. Das war ebenso seltsam wie beunruhigend ...
    Kurz vor dem Ortsausgangsschild zwang sich Robert, den Fuß vom Gas zu nehmen. Er wollte in der Stadt bleiben, aber das Problem der Unterkunft wurde allmählich drängend. Es mußte nicht unbedingt ein Hotelzimmer sein, wohl aber ein Ort, der nicht von übellaunigen Straßenkötern heimgesucht werden konnte. Wahrscheinlich blieb ihm keine andere Wahl, als es in einer Gartenanlage zu versuchen - am besten in einer Gegend, die er von früher her kannte.
    Robert wendete und fuhr zurück auf den Stadtring. An der Talstraße bog er rechts ab und hatte einige Minuten später die Hammertalsiedlung erreicht. Vorbei an der ehemaligen Arztpraxis - ob der alte Doktor Landenau noch lebte? - und einer stillgelegten Zigarrenfabrik führte die Vorstadtstraße direkt zu dem leerstehenden Eckhaus, in dem seine Eltern bis zu ihrem Tode gewohnt hatten.
    Obwohl es stockdunkel war, und die Fahrtunterbrechung keinerlei Sinn machte, ließ Robert den Wagen vor der Einfahrt ausrollen und stieg aus. Der Bau aus der Gründerzeit war seit Jahrzehnten nicht renoviert worden und sah selbst im matten Schein der Taschenlampe erbarmungswürdig aus. Der Putz war großflächig abgeblättert, auf dem nackten Mauerwerk glitzerten weiße Salpeterkrusten. Die Fenster des Erdgeschosses waren mit Brettern vernagelt, die übrigen Fensterscheiben nur noch in Resten vorhanden. Die Tür zum Geräteschuppen stand offen. Jemand hatte das Schloß aufgebrochen. Der Boden war mit Müll und Unrat bedeckt. Es stank nach Urin. Angewidert wandte sich Robert ab und lief weiter zum Hintereingang. Die Tür war verschlossen. Kratzspuren im Holz deuteten darauf hin, daß die bisherigen Versuche, hier einzudringen erfolglos geblieben waren. Es war eine alte, sehr stabile Tür. Robert konnte sich noch an das Geräusch erinnern, mit dem sie ins Schloß fiel, wenn man sie zu rasch losließ. Er besaß keinen Haustürschlüssel. Als seine Eltern noch lebten, hatte die Tür tagsüber immer offengestanden, weil es keinen elektrischen Türöffner gab. Späte Besucher mußten klingeln und warten, bis man ihnen öffnete.
    Der Lichtkegel der Taschenlampe wanderte über verbeulte Briefkästen hinauf zum Klingelbrett, auf dem noch immer die vertrauten Namen standen.
    Einem Impuls folgend drückte Robert auf den untersten der drei Knöpfe und fuhr erschrocken zusammen, als das schrille Geräusch einer elektrischen Klingel die Stille durchbrach.
    Wie war so etwas möglich? Wohnte tatsächlich noch jemand hier, oder hatte man nur vergessen, den Strom abzustellen?
    Angespannt, beinahe ängstlich lauschte Robert, und dann hörte er es: Jemand öffnete eine Tür. Obwohl er seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, wußte Robert sofort, welche Tür das war, und zu welcher Wohnung sie gehörte. Das leichte, kaum vernehmbare Klirren eines Schlüsselbundes bestätigte seine Vermutung ebenso wie die schlurfenden Schritte auf der Treppe, die sich langsam aber unaufhaltsam näherten.
    Roberts Erstarrung wich im gleichen Augenblick, in dem ihm bewußt wurde, daß ihm seine Sinne einen Streich spielten. Das Haus stand seit Jahren leer. Es konnte niemand auf der Treppe sein. Niemand, der sein Klingeln gehört hatte und sich eben anschickte, die Haustür aufzuschließen. „Niemand!“ Robert flüsterte das Wort wie ein Beschwörung. Die schlurfenden Schritte wurden leiser und verstummten schließlich ganz. Das Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, lag dunkel und still vor ihm. Nur der Wind rauschte in den Wipfeln der Bäume, und irgendwo bellte ein Hund den wolkenverhangenen Nachthimmel an.
    Achselzuckend wandte sich Robert ab und wäre um ein Haar gestürzt. Seine Knie schienen den Kontakt zum Rest seines Körpers verloren zu haben. Erst nach einigen unsicheren Schritten kehrte das Gefühl allmählich zurück.
    Ich habe mich getäuscht, wiederholte Robert in Gedanken, als er den Wagen anließ. Es war nur der Schreck wegen dieser verdammten Klingel ...
    Doch obwohl die Heizung mit voller Leistung lief, spürte er etwas Kaltes in der Nähe seiner Magengrube, das sich auch durch das beruhigende Grummeln des Motors und den warmen Luftstrom des Gebläses nicht vertreiben ließ.
    Ursprünglich hatte Robert vorgehabt, sich in der nahegelegenen Gartenkolonie ein Nachtquartier zu suchen. Aber das machte nun wohl keinen Sinn mehr. Er würde nicht schlafen können, selbst wenn es ihm gelang, einen der Bungalows aufzubrechen. Seine Sinne waren bis zum Zerreißen gespannt. Das Gefühl der Bedrohung hatte sich mit dem Einbruch der Dunkelheit verstärkt. Irgend etwas verbarg sich dort draußen, dessen war sich Robert beinahe sicher, obwohl er nach wie vor keine Vorstellung hatte, wie dieses Etwas aussah. Er wußte nur, daß er ihm aus dem Wege gehen mußte, und deshalb würde er seinen Wagen heute nacht nicht mehr zu verlassen ...
    Hier konnte er allerdings nicht stehenbleiben. Wenn es in dieser Stadt verwilderte Hunde gab, dann gab es vielleicht auch verwilderte Menschen, die vielleicht schon auf ihn aufmerksam geworden waren. Besser, er blieb in Bewegung.
    Robert griff nach dem Zündschlüssel und ließ den Motor an. Die Scheinwerfer flammten auf, und er hörte einen lautes Knistern, dessen Ursprung ihm erst klar wurde, als die Musik mit ohrenbetäubender Lautstärke über ihn hereinbrach.
    „Hang on sloopy“, sangen oder vielmehr schrien die McCoys aus sechs Lautsprechern und verwandelten die Fahrerkabine von einem Augenblick auf den anderen in ein von pulsierenden Rhythmen erfülltes Tollhaus.
    „Was soll das denn ...“, knurrte Robert, nachdem er zu seiner Erleichterung festgestellt hatte, daß der Wagen nicht explodiert war, und griff zum Lautstärkeregler. Der Knopf ließ sich ohne weiteres nach links drehen, aber das war auch schon alles.
    Doumm-dommdomm-dommdamm-dommdomm-domm, dröhnten die Bässe und ließen die Wagenscheiben ebenso wie Roberts Trommelfelle vibrieren. Robert mochte das Lied. Nicht, weil er es in irgendeiner Weise herausragend gefunden hätte, sondern weil es mit Erinnerungen an eine Zeit verknöpft war, in die er sich oft zurückwünschte. Aber er war keine fünfzehn mehr und hatte auch nicht vor, einen Tanzsaal zu beschallen, deshalb mochte er es nicht in dieser Lautstärke.
    „Geh aus, du Mistding!“ fluchte er und betätigte der Reihe nach sämtliche Knöpfe des Autoradios einschließlich des Ausschalters. Nichts geschah, außer daß sich die McCoys knisternd verabschiedeten und das Feld den zunächst einschmeichelnden, dann aber rasch anschwellenden Orgelklängen von „Je t’aime“ überließen.
    Entnervt trat Robert auf die Bremse und zog den Zündschlüssel ab.
    „Je t’aime Moi Non Plus“, keuchte Jane Birkin in Rummelplatzlautstärke, während Robert mit offenem Mund auf das blinkende Display des Autoradios starrte. „HALLO ROBERT“, flimmerte es in roten Leuchtbuchstaben, „ICH HABE EIN“, die Anzeige wechselte erneut „GESCHENK!!!“
    Robert war in seinem Leben ziemlich oft betrunken gewesen, hatte gewisse Erfahrungen mit Drogen und neigte zu Alpträumen. Einige dieser Ausflüge waren unerfreulich gewesen, aber er hatte nie ernsthaft fürchten müssen, den Verstand zu verlieren.
    Bis jetzt.
    Den ohrenbetäubenden Lärm hätte er unter Umständen noch einem Defekt zuschreiben und somit akzeptieren können, nicht aber die Tatsache, daß ein Autoradio vom Typ „Bose - Symphonie“ seinen Vornamen kannte und ihm ein Geschenk versprach ...
    Aufwachen! befahl sein Bewußtsein nach einer Schaltpause, und Robert kniff sich schmerzhaft in den Oberschenkel. Er träumte nicht.
    „ES WARTET“, behauptete die Senderanzeige.
    Wer wartet und wo? Roberts Neugier war offensichtlich stärker als sein Mißtrauen gegenüber den Wahrnehmungen seiner Sinne. Doch nur auf den zweiten Teil seiner Frage erhielt er eine Antwort.
    „AM KINO!“ verkündete das Display nach einer angemessenen Pause und erlosch wenig später. Der Musik verstummte allerdings nicht, im Gegenteil, die stampfenden Rhythmen von Jaggers „Paint it black“ lösten die Birkinsche Stöhnorgie ab und zerstörten damit Roberts Hoffnungen, möglicherweise doch einer Sinnestäuschung anheim gefallen zu sein.
    „Also gut“, murmelte er schließlich entnervt, „dann fahren wir eben zum Kino, warum nicht?“
    Er trat das Gaspedal durch und gab die Kupplung frei, der Wagen machten einen kleinen Satz und jagte mit qietschenden Reifen zurück in Richtung Stadtring. Vielleicht täuschte er sich, oder seine Ohren hatten sich mittlerweile an den Lärmpegel gewöhnt, in jedem Fall hatte Robert den Eindruck, daß die Musik ein wenig leiser wurde. Ein paar hundert Meter weiter war kein Zweifel mehr möglich: Im gleichen Maße, wie er sich seinem Ziel näherte, nahm die Lautstärke im Wagen ab.
    Unmöglich, behauptete eine ärgerlich klingende Stimme in seinem Kopf. Das Radio ist einfach kaputt, und den Rest bildest du dir ein.
    Robert war anderer Auffassung. Er hatte keinerlei Vorstellung, mit was er es zu tun hatte, aber er ahnte, daß es über Möglichkeiten verfügte, die weit über die Kontrolle seines Autoradios hinausgingen. Und er war sich beinahe sicher, daß es mehr über ihn wußte als ihm lieb sein konnte.
    „Oh, won’t you come with me“, ertönte in diesem Augenblick die Stimme des Leadsängers von Iron Butterfly aus den Lautsprechern, „and take my hand. Oh, won’t you come with me, and walk this la-a-a-and.“
    Dieses Land, dachte Robert, während er den Wagen durch die dunklen Straßen in Richtung Hafen lenkte, oder meinst du dein Land ...
    Merkwürdigerweise gelang es ihm, die Gedanken an das zu verdrängen, was ihn am Ziel seiner Fahrt erwartete. Stattdessen beschäftigte ihn die Frage, ob der unsichtbare Programmdirektor die Single- oder die fast zwanzig Minuten lange LP-Version von „In A Gadda Da Vida“ für ihn ausgesucht hatte. Er mochte das Lied, obwohl er nicht sicher war, ob er es um seiner selbst willen mochte oder wegen der Erinnerungen, die er damit verband. Als das Gitarrensolo einsetzte, wählte Robert halb unbewußt eine Abzweigung, die abseits des direkten Weges zum Hafen lag. Er hatte das Stück sicherlich hundertmal und öfter gehört, aber das war vor dreißig Jahren gewesen. Aus irgend einem Grund hielt er es für wichtig, es noch dieses eine Mal bis zum Schluß zu hören, vielleicht auch, weil er sich vor dem fürchtete, was ihn am Ziel seiner Fahrt erwartete.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    547
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Lieber Kassander,

    "Als der Zug seine Geschwindigkeit verminderte und langsam über die gro?e Flußbrücke fuhr, die unmittelbar vor der Endstation lag, trat Robert an das Fenster des Abteils und warf noch einen Blick auf das zurückliegende Land. Endlich am Ziel! Aufatmend sah er unter sich das tiefe Bett es Stromes, der die Grenze bildete. Zu beiden Seiten der Fahrtrinne dehnten sich breite Streifen mit verschlammten Ger?llsteinen, die der vorzeitige Sommer ausgetrocknet hatte. Über allem lag das triefende Zwielicht der frühen Morgendämmerung."

    "Noch hüllte das farblose Licht der Frühe Häuser, Zäume und Straßenanlagen in ein staubiges Grau. Die Bevölkerung mochte zu dieser Stunde noch nicht unterwegs sein, so daß Robert bald auf einem ovalen Platz unschlüssig verhielt, von dem mehrere Stra?en abzweigten. In der Mitte stand ein Brunnen, dessen Wasser einen stumpfen Glanz spiegelte."

    Diese zwei Ausschnitte sind aus Beginn des Romans "Die Stadt hinter dem Strom" von Hermann Kasack. Der Roman erschien im Jahre 1947 und erzählt von einer Stadt der lebenden Toten, einem nebligen Zwischenreich, wo die Menschen nur noch als Kopien existieren.
    Bevor ich mir deinen Text sprachlich und inhaltlich zu Gemüte führe:
    Erkläre mir diese Ähnlichkeit!

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Hallo Klammer,

    außer dem Namen des Protagonisten und ein paar stilistischen Eigenheiten kann ich keine Ähnlichkeiten finden.

    Ich kenne weder Herrn Kasack noch seine Werke (was ein Manko sein kann), so daß ich mich über Deine Einlassungen schon ein wenig wundern muß.

    Irritierte Grüße

    K.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    547
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Herrmann Kasack (1896 - 1966) studierte Literaturgeschichte und Nationalökonomie in Berlin und München. 1920 begann er als Lektor im Verlag Gustaf Kiepenheuer und wurde bald darauf dessen zweiter Verlagsdirektor. Neben Gedichten und Erzählungen entstanden Hörspiele und Vorträge, bis ihm im März 1933 die Mitarbeit am Rundfunk verboten wurde. Von 1941 bis 1949 war er Lektor im Suhrkamp-Verlag. Als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung prägte er wesentlich das Programm ihrer Veröffentlichungen. Seine bekanntesten Romane sind eben "Die Stadt hinter dem Strom" und der fantastische Roman "Das große Netz" (sehr zu empfehlen).

    Wenn du mir sagst, dass die außerordentlichen Ähnlichkeiten in Titel, Hauptfigur, Inhalt, Stimmung und Sprache Zufall sind, muss ich dir wohl glauben, wir haben ja gerade einen ähnlichen Fall bei Android. Ein Rest Zweifel, erlaube mir das, bleibt.

    Eine ausführliche Kritik deines Textes folgt.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  6. #6
    kls
    Laufkundschaft

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Ich würde gerne die angeblichen Originalpassagen lesen, aber in der Türkei komme ich nicht dran.

    Es kann verdammt viel im Unterbewustsein haengen bleiben.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    547
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Hallo kls,

    es ist, glaube ich, das erste Mal, dass wir ins Gespräch kommen. Und ich weiß, verdammt noch mal, keinen Grund, warum das so lang gedauert hat, wenn es nicht daran liegt, dass ich normalerweise etwas langsamer reagiere als du und dir immer dann erst antworten will, wenn dich das Thema längst nicht mehr interessiert.

    Tja.
    Kasack kann man hier bestellen. Die liefern auch in die Türkei:
    www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3518390619/qid=1008440919/sr=1-3_pi/ref=sr_sp_prod/302-8626781-7393665

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    das ist eine Interessante Sache, jeder der schreibt, schreibt nicht nur über sich, sondern auch in den Zungen der Autoren die er gelesen hat. Keiner kommt umhin "abzuschreiben". Wie Picasso so richtig sagte, "Künstler sind die größten Diebe". Er wusste wovon er sprach, hat der doch selber die afrikanische Stammeskunst ausgebeutet, wie viele seiner Generation. Die Frage ist dabei eigentlich nur, wie weit bin ich in der Lage, aus den vorhandenen Versatzstücken, etwas neues zu fertigen, was wiederum den Stempel des "ich" trägt.

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Danke für die Belehrung, Klammer.
    Dennoch: Wenn ich hier zur Kenntnis gebe, daß ich meinem ganzen Leben noch nichts von Herrn Kasack gelesen habe, dann erwarte ich, daß dies estimiert [geschätzt] wird.
    Nähe zu Bradbury: Ja, vielleicht.
    Nähe zu Kasack: Nein.

    Ich kann den Namen des Protagonisten gern ändern, mehr aber (außer im handwerklichen Bereich) nicht.

    Wenn Ihr Euch untereinander aussprechen wollt, dann bitte nicht in meinem Ordner.

    Verstimmte Grüße

    K.

  10. #10
    kls
    Laufkundschaft

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    [..]

    Zu Deinem Text kann ich wenig sagen außer: "Gefällt mir gut.", denn für tiefergehende Bemerkungen fehlen mir die Grundlagen. Ich kann nur nach: "Sagt mir was" und "sagt mir nix" einordnen.

    Ich habe mal einen ganzen Absatz von Jörg Fauser in einem Text von mir wiedergefunden. Ohne Fauser je gelesen zu haben. Ich betrachte so einen Vorgang als möglichen Beweis unbewusster Eidetikertalenten, denn nach Monaten dämmerte mir, dass ich diesen Satz wohl gelesen haben muss, aber in das falsche Fach: "Eigene Gedanken" abheftete. Mir fiel sogar die Situation wieder ein - im Zug, eine vergessene F.A. oder F.Z.

    Unser Hirn ist erstaunlichen Leistungen fähig. Ob die Kapazität wohl ausreicht jedes Bild zu speichern, das wir wahrnehmen? Kann das mal wer nachrechnen?

    Ich will nicht behaupten, dass Dir Dein Hirn einen Streich gespielt hat, ich wollte nur vergleichen, das finde ich nicht beleidigend. Falls doch, entschuldige ich mich doch glatt noch mal.

    Mit nett gemeinten Grüssen...kls...

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    [..]

    Natürlich ist unser Unterbewußtsein in der Lage, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, von denen wir keine Ahnung haben.

    Selbstverständlich kann ich in irgendeiner Anthologie (wer merkt sich schon die einzelnen Beiträge) etwas gelesen haben, das in die erwähnte Richtung geht.

    Nur: Wenn jemand bewußt kopieren will, dann verwendet er wohl kaum die Namen der Protagonisten des Vorbildes.

    Ich gebe weiter zu bedenken, daß sich die Szenarien im Bereich der dark fantasy häufig genug ähneln, da menschenleere, verfallende Städte ein geeignetes Umfeld darstellen.

    Niemand kann allerdings erwarten, daß ich mich über mehr oder minder höflich geäußerte Plagiats-Unterstellungen freue. An dieser Geschichte sitze ich nun schon mehrere Monate (es ist übrigens die 5. Version) und habe gestern gerade einmal 10 Zeilen zustande gebracht. Abschreiben ginge deutlich schneller.

    Gruß

    K.

    üNachtrag: Merkw?rdige Analogien

    Habe mir eben den Amazon-Link angesehen: Die Geliebte des Protagonsiten heißt bei Kasack Anna. Ich verwende diesen Namen schon seit Jahren für Frauenfiguren (z. B. Roberts Frau in "Am Ufer der Nacht").
    Bücher, die Käufer von Kasacks Roman bestellt haben: "Ausweitung der Kampfzone" von Houellebecq - ein Buch, das ich erst letzte Woche bestellt und mittlerweile gelesen habe ...

    Seltsam.


    P.S. Ein Beitrag mit Textbezug wäre nicht schlecht gewesen ...

    Diese Nachricht wurde von Kassandra am 16. Dezember 2001 editiert.]

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Hallo Kassandra,
    ich finde die Geschichte spannend, ich lese ja (zur großen Mißbilligung der anderen Forumsteilnehmer) Stephen King. Ansonsten interessiert mich phantastische Literatur nur wenig. Mir ist nicht genau klar, mit welchem Anspruch Du schreibst, willst Du mich einfach einige Stunden gut unterhalten? Oder hast Du einen "höheren" literarischen anpruch?
    Dies meine ich überhaupt nicht wertend, denn ich schätze es durchaus, wenn jemand einfach nur gut zu unterhalten weiß. Mir fehlt bei der geschichte ein gewisser Kick. Ich würde schon gerne wissen, wie es weiter geht, aber ich muß es nicht wissen. Dabei ist mir die Hauptperson durchaus sympathisch, kenn die gleiche Musik, ist wohl so alt wie Du (ich war auf Deiner HP) und damit auch so alt wie ich. Der geschichte fehlt meiner meinung nach, etwas zwingendes, die leicht nostalgischen Gefühle der Hauptperson reichen nicht. Eine Liebe die man mit 15 hatte....., die alten Freunde...... Schön ist die Idee mit dem Autoradio, auch die Beschreibung der Stadt ist ok., ich kann sie mir vorstellen. Die vielen Rassehunde sind übertrieben, aber das macht nichts. Fünf räudige Schäferhundmischlinge hätten es für mich auch getan, wären sogar eindringlicher gewesen. Ich glaube das Grundproblem dieses Textes ist, daß ich mich nicht um den Protagonisten sorge. Dafür muß er keine lange Geschichte haben, aber nur über die Musik kommt es auch nicht. Er ist eigentlich nicht anders als die Stadt, darum sorge ich mich nicht um ihn. Er ist leer.

    Ich hoffe Du kannst etwas damit anfangen

    Kyra

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Hallo Kyra,

    danke für Deine Anmerkungen.

    Ja, mit welchem Anspruch schreibe ich? Wenn ich das wüßte ...
    Die nicht vorhandene Zielgruppe besteht aus Lesern mittleren Alters, die ein wenig Phantasie besitzen und ihre Jugendträume nicht vergessen haben. Keine bloße Unterhaltung, aber auch, und erst recht, keine Agitation (Was will uns der Autor mit dieser Geschichte sagen? Grrrh!).
    Die Protagonisten meiner Geschichten haben nie eine wirkliche Wahl - so, wie wir auch nie eine haben - deshalb wirken sie manchmal ein wenig haltlos.
    Von "Rassehunden" habe ich nichts geschrieben, den Einwand verstehe ich nicht ganz.
    Daß Robert im Grunde nicht anders ist als die Stadt, ist gut beobachtet. Wäre es anders, wäre er nicht dorthin zurückgekehrt.
    Daß der Protagonist (nicht nur) aus Deiner Sicht kein Sympathieträger ist, ist schade, denn er ist wie ich.
    Alle meine Geschichten handeln von mir, andere Personen kenne ich nicht gut genug.
    Aber "leer"?
    Im Vergleich mit Houellebecqs Figuren - nur als Beispiel - ist Robert doch ein netter Bursche.

    Viele Grüße
    K.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Hallo Kassandra,
    das sind alles Rassehunde:
    Langbeinige Doggen, gefolgt von Schäferhunden, Boxern, sogar Pudeln, + Bulldogge
    Dieses Bild gefällt mir darum nicht, weil es mich zu sehr an eine Hundebande bei Disney erinnert....

    ....Alle meine Geschichten handeln von mir, andere Personen kenne ich nicht gut genug.
    Aber "leer"?

    ich will ja nicht denken, daß Du leer bist, aber Du lässt mich auch nicht wirklich an Dich ran (haben Dir das die Frauen noch nie gesagt).
    Wie Du das im wirklichen Leben hältst, ist mir egal, aber beim Schreiben musst Du die Hosen runterlassen, sonst entwickelt sich keine Beziehung zwischen Leser und Protagonist. Solltest Du mich jetzt konkret fragen, wie das aussehen soll, muß ich passen. Dies hat nichts mit der Form der Geschichte zu tun. Valquez Montalban gelingt dies in seinen Krimis. Es sind Eigentümlichkeiten, Einmaligkeiten, Kleinigkeiten, eben das was eine Person ausmacht. Wenn Du das bist, sollte es Dir besser gelingen. Deine Sprache scheint mir recht routiniert, also ich an Deiner Stelle würde erst mal an der Person arbeiten, und dann an der Sprache. Es sei denn, der alte!!! Spielverderber will Dich umgekehrt piesacken. Seis drum, lass was von Dir raus, erzähl von Deinen H?morrhoiden, Deinen kleinen perversionen, dem was Du gerne ißt, dem was du gerne wärest....

    Kyra

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - überarbeitet

    Hallo Kyra,

    Seis drum, lass was von Dir raus, erzähl von Deinen Hämorrhoiden, Deinen kleinen perversionen, dem was Du gerne ißt, dem was du gerne wärest...
    .
    Beide - Robert und Autor - sind ein wenig altmodisch und mögen nicht über ihre Hämorrhoiden - so vorhanden - sprechen.
    Wie wär's mit Erektionen?

    ...
    Die Route, die er halb unbewußt gewählt hatte, führte am Sportplatz vorbei durch ein Waldstück zum Gelände der alten Färberei. Es war stockdunkel, und die Straße wurde zunehmend schlechter. Schon bald hatte Robert alle Mühe, wenigstens den größeren Schlaglöchern auszuweichen. Er schaltete in den zweiten Gang zurück und chauffierte den Wagen im Zickzackkurs über die holprige Fahrbahn.
    Dumm-dumm-dumm-dumm-du-du-dumm-dumm-dumm ..., das Schlagzeugsolo ließ Roberts Trommelfelle vibrieren, während Stoßdämpfer und Federung Schwerstarbeit verrichteten.
    Die Anhalterin hätte er beinahe übersehen. Sein Blick war so auf die Beschaffenheit der Fahrbahn fixiert, daß er das am Straßenrand winkende Mädchen erst im letzten Augenblick bemerkte.
    Erschrocken riß Robert das Lenkrad herum und trat das Bremspedal durch. Mit blockierten Rädern rutschte der Wagen noch einige Meter weiter und kam dann zum Stehen. Farbige Warnsymbole leuchteten auf und signalisierten, daß er den Motor abgewürgt hatte. Die Musik verstummte abrupt.
    Robert bemerkte nichts davon.
    Josi, flüsterte er und starrte die Anhalterin wie ein Gespenst an.
    Das Mädchen schien weniger beeindruckt zu sein. Es stieg wie selbstverständlich ein und ließ sich mit einem lässigen Hallo Robin auf den Beifahrersitz fallen. Nimmst du mich mit?
    “Robin“, wie lange war das jetzt her? Und woher kannte die Anhalterin seinen damaligen Spitznamen? Trotz seiner Verwirrung war sich Robert darüber im klaren, daß das Mädchen neben ihm nicht Josi sein konnte. Josepha Zacher war 1970 fünfzehn Jahre alt gewesen und mußte jetzt um die fünfzig sein. Sie hatten nicht zueinander gepaßt, der schüchterne, körperlich ein wenig zurückgebliebene Junge und Josi, nach der nicht nur die jüngeren Männer auf der Straße umdrehten. Das Mädchen hatte besessen, was Robert fehlte: Selbstbewußtsein und Erfahrung, und so war es ihm fast wie ein Wunder erschienen, daß sie sich zwei, drei Mal von ihm nach Hause hatte bringen lassen. Viel war dabei nicht passiert, und das war zweifellos Roberts Schuld gewesen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er damals nicht so verdammt naiv gewesen wäre ...
    „Klar doch!“ erwiderte er mit einer Bestimmtheit, die ihn beinahe noch mehr irritierte als die Tatsache, daß das Mädchen seiner Josi aufs Haar glich.
    Das Radio blieb stumm, als Robert den Motor anließ. Vorsichtig gab er die Kupplung frei, konnte aber nicht verhindern, daß der Wagen weiter von Schlagloch zu Schlagloch schaukelte und die Insassen dabei kräftig durchschüttelte.
    Das Mädchen lachte. Und plötzlich machte es Robert nichts mehr aus, daß die Josi von damals noch vor dem Abschluß der Mittelschule aus Meerburg weggezogen war und er seither nie wieder etwas von ihr gehört hatte.
    Sie ist es, dachte er, es ist ihr Lachen, ihr Haar und ihre Art sich zu bewegen. Josis Rock war ein wenig nach oben gerutscht und gab den Blick auf den hellen Slip frei. Robert bemühte sich, nicht hinzusehen und sich auf die Straße zu konzentrieren, aber es war bereits zu spät. Ihm blieb nur die Hoffnung, daß die Dunkelheit seine Erektion verbarg.
    „Es ist nicht mehr weit“, erklärte das Mädchen wie beiläufig, „du wirst dich ja noch erinnern.“
    Natürlich konnte sich Robert erinnern. Er konnte sich sogar sehr genau erinnern. Was versäumte Gelegenheiten anbetraf, besaß er ein ausgesprochen präzises Gedächtnis ...
    Sie mußten noch durch den Straßentunnel, und dann begann auch schon das kleine Wäldchen, an das sich die Werkswohnungen der ehemaligen Färberei anschlossen. Dort hatte Josi gewohnt.
    Dort wohnt Josi, korrigierte er sich nach einem verstohlenen Blick zur Seite. Das helle Stück Stoff war immer noch zu erkennen.
    „Hast du keine Musik?“ fragte Josi. „Doch“, erwiderte Robert ein wenig zu schnell und schaltete auf CD um. Erstaunlicherweise reagierte das Gerät prompt; nur Augenblicke später drangen die ersten Akkorde von „Light my fire“ aus den Lautsprechern.
    „Doors“, stellte das Mädchen erfreut fest. „Stark.“

    ...

    Gruß
    K.

  16. #16
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Komplette Überarbeitung - 5. 1. 2002


    Die Stadt am Fluß
    Vampire’s prey

    Give us a creed
    To believe
    A night of Lust
    Give us trust in
    The Night
    James Douglas Morrison
    „An American Prayer“


    Ich hätte nicht herkommen dürfen.
    Als sich der Nebel lichtete und den Blick auf die vertraute Silhouette der Stadt freigab, spürte Robert, wie seine Kehle trocken wurde.
    Vorsichtig verminderte er die Geschwindigkeit, bevor er die Brücke über die Aarnau überquerte. Der Herbstregen hatte den Fluß anschwellen lassen. Träge drängten sich die lehmfarbenen Fluten gegen die Böschungen. Im Herbst und zur Zeit der Schneeschmelze trat die Aarnau regelmäßig über die Ufer und überschwemmte die Wiesen bis hin zur Straße. Aus dem vieldiskutierten Bau eines neuen Dammes war wohl nichts geworden ...
    Links der Straße lag das alte Strandbad. Einzig die Ruine des Umkleidehäuschens und das Gerippe eines Kinderkarussells erinnerten an seine vormalige Bestimmung. Auf der Liegewiese wucherte Unkraut.
    Es wird nie mehr sein ..., zischelte der Fahrtwind und Robert kurbelte fröstelnd die Fensterscheibe hoch.
    Erst jetzt bemerkte er, daß das Unkraut auch in den angrenzenden Gärten und selbst auf dem Bürgersteig auf dem Vormarsch war. Die meisten Häuser schienen unbewohnt zu sein, aber selbst dort, wo die Fensterscheiben noch heil waren und die Vorgärten einigermaßen gepflegt, ließ sich keine Menschenseele blicken.
    „Willkommen in Meerburg!“ verkündete trotzig eine verblichene Giebelaufschrift, und Robert mußte unwillkürlich lächeln. Wind und Wetter hatten die Schrift und das Stadtwappen zu einem kläglichen Etwas verblassen lassen, das ebenso aufmunternd wirkte wie ein Strauß verwelkter Blumen als Begrüßungsgeschenk.
    Die Stadt war alt geworden, alt und hinfällig.
    Obwohl Robert seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, hatte er nichts anderes erwartet. In den letzten Tagen hatte er oft von ihr geträumt, und wenn er danach stundenlang wachlag, hatte er darüber nachgedacht, was gewesen war und was hätte sein können ...
    Während er im Schrittempo durch die dämmrigen Vorstadtstraßen fuhr, dachte Robert an Sandra. Ob sie wohl noch einmal zurückgekommen war? Er glaubte es nicht. Seit ihrem plötzlichen Verschwinden hatte niemand mehr etwas von ihr gehört. Vielleicht hatte sie gute Gründe gehabt, alle Brücken hinter sich abzubrechen, damals, 1970. Was wußte er schon von ihr?
    Im Grunde glaubte Robert nicht an ein Wiedersehen, was ihn jedoch nie daran gehindert hatte, sich bei jeder passenden Gelegenheit nach Sandra zu erkundigen. Doch die Gelegenheiten waren mit der Zeit immer spärlicher gewordenen. Seit dem Tod seiner Großeltern war Robert nicht mehr in der Stadt gewesen. An das letzte Klassentreffen konnte er sich kaum noch erinnern, allenfalls daran, daß er fürchterlich betrunken gewesen war. Zuletzt waren sogar die Briefe von Klassenkameraden und Bekannten ausgeblieben, die noch in Meerburg lebten. Dabei hatte Robert stets geantwortet, nicht nur aus Höflichkeit, sondern weil er das Band zu seiner Heimatstadt nicht abreißen lassen wollte.
    Natürlich war es ohne weiteres möglich, daß der ein oder andere weggezogen war oder das Interesse an dem Kontakt verloren hatte. Daß dieses Schweigen nun schon so lange andauerte, war dennoch beunruhigend. Manchmal hatte Robert mit dem Gedanken gespielt, jemanden anzurufen, aber aus irgendeinem Grund - vielleicht weil es ihm zu aufdringlich erschien - hatte er davon Abstand genommen.
    Vielleicht ist ihnen etwas zugestoßen, dachte er und fragte sich, ob ihr Schweigen mit der Stadt zu tun hatte, mit dieser alten Stadt am Fluß, in der er aufgewachsen war ...
    Am Nachmittag hatte Robert die Sehenswürdigkeiten der Umgebung besucht. Über seine Motive war er sich selbst nicht im klaren. Wollte er wirklich nur alte Erinnerungen auffrischen? Oder ging es ihm eher um einen Aufschub, eine letzte Möglichkeit der Besinnung?
    Er war zum Thomasfelsen hinaufgestiegen, auf dessen Gipfel ein großes, schmuckloses Kreuz an einen Dichter der Befreiungskriege erinnerte. Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen ... Das klang ziemlich naiv, aber das Lächeln darüber hatte wehgetan.
    Der Thomasfelsen war früher ein beliebtes Ausflugsziel gewesen, doch Robert war auf seinem Weg einzig einer alten Frau begegnet, die ihm mißtrauisch hinterhergeschaut hatte. Auf dem Gipfel hatte er sich trotz eines flauen Gefühls im Magen bis zu jener Klippe vorgewagt, von der sich der Ritter Thomas der Sage nach auf der Flucht vor seinen Verfolgern hinab in die Aarnau gestürzt hatte. Einen Augenblick lang war das Schwindelgefühl übermächtig gewesen, und Robert hatte gegen die Versuchung ankämpfen müssen, sich einfach fallen zu lassen ...
    Der Besuch am alten Steinbruch verlief ebenfalls enttäuschend. Der Badesee existierte nicht mehr. Robert wußte zwar, daß ihn die Russen in den Achtzigern als Panzerwaschplatz benutzt hatten, nicht aber, daß man hinterher das Wasser abgepumpt und das Gelände sich selbst überlassen hatte. Dort, wo sich früher die hellen Felswände auf der Oberfläche des Sees gespiegelt hatte, verrottete jetzt eine alte Seitenwagenmaschine im kniehohen Unkraut. Von diesem Steilufer waren damals die Jungen zwölf Meter tief ins Wasser gesprungen, belohnt vom Kreischen und den bewundernden Blicken der Mädchen. Wie lange war das jetzt her? Robert mochte nicht darüber nachdenken.
    Auch den „Mückentempel“ hatte er besucht, einen Aussichtspavillon aus der Gründerzeit, der seinen Namen den stechlustigen Plagegeistern verdankte, die allabendlich im Spätsommer von den sumpfigen Wiesen des Braunbachtales aufstiegen. Einmal war er nach der Tanzstunde mit Sandra hiergewesen - aber zu mehr als zu einem Kuß und einer flüchtigen Umarmung war es nicht gekommen. Die Mücken waren Sieger geblieben und das Liebespaar, das die hölzerne Bank des Pavillons bereits mit Beschlag belegt hatte. Er hatte das Mädchen nach Hause gebracht und sich damit getröstet, daß der Sommer noch lang war und ihnen alle Zeit der Welt blieb. Doch es hatte keine zweite Chance gegeben. Es gab nie eine zweite Chance ...
    Jetzt schien es hier keine Mücken mehr zu geben und erst recht keine Liebespaare, die von der romantischen Abgeschiedenheit des Ortes angelockt wurden. Aufmerksam hatte Robert die Inschriften studiert, die Generationen von Meerburgern in die hölzernen Bohlen geritzt hatten, aber keine gefunden, die jüngeren Datums war. Sitzfläche und Lehnen der Bänke im Inneren des Pavillons waren mit einer klebrigen Staubschicht bedeckt, die bestätigte, was Robert längst wußte: Hier kam niemand mehr her.
    Der Friedhof. Beinahe unbewußt ließ Robert den Wagen ausrollen und hielt unmittelbar vor der Zufahrt. Die Torflügel waren mit einer rostigen Kette und einem Vorhängeschloß gesichert, doch die Fußgängerpforte war unverschlossen. Quietschend öffnete sich die schmale Gittertür, und nach wenigen Schritten stand Robert vor dem Portal der Andachtshalle. Zeit und Witterung hatten den Marmorsäulen ebensowenig anhaben können wie den Granitquadern der Hallenwände, und für Sekunden fühlte Robert die gleiche ehrfürchtige Scheu, die er als Kind an diesem Ort empfunden hatte.
    Er ging weiter und lauschte dem Rauschen des Windes in den Kronen der alten Bäume. Das Gefühl der Verunsicherung, der Furcht vor einer noch namen- und gestaltlosen Gefahr, das der Anblick der Stadt in ihm ausgelöst hatte, wurde schwächer und verging.
    Dieser Ort war sich selbst genug. Er forderte weder Aufmerksamkeit noch Mitgefühl. Die Namen und Ziffern auf den Grabsteinen mochten den Lebenden wichtig gewesen sein, für die Toten waren sie ohne Bedeutung. Sie warteten auf nichts, hofften auf nichts, und fürchteten nichts mehr. Es war nicht wichtig, wie lange sie gelebt hatten oder wie sie gestorben waren. Sie hatten es längst vergessen, so wie er es vergessen würde ...
    Nachdenklich schritt er die kiesbedeckten Wege entlang und blieb hin und wieder stehen, um die Aufschriften der Grabsteine zu entziffern. Und plötzlich wußte er, weshalb er hier haltgemacht hatte: Er suchte ihre Namen.
    Daß seine Suche erfolglos blieb, erstaunte ihn ebensowenig wie die Tatsache, daß er kaum Gräber fand, die in den letzten Jahren angelegt worden waren. Die Bewohner der Stadt waren nicht gestorben, sondern weggegangen. Irgendwohin.
    Robert fror plötzlich. Er schlug den Kragen seine Mantels hoch und ging zurück zum Auto. Als er den Zündschlüssel drehte, fürchtete er einen Augenblick lang, daß der Wagen nicht anspringen würde. Daß er nie wieder anspringen würde ...
    Doch zum Glück hatte er sich getäuscht. Gutmütig grummelnd sprang der Motor an, und der warme Schimmer der Leuchtanzeigen beruhigte ihn ein wenig.
    Obwohl es rasch dunkel wurde, brannte nirgendwo Licht. Robert kurbelte das Seitenfenster herunter und lauschte in der Hoffnung, irgendwo Stimmen zu hören oder die Schritte eines verspäteten Passanten, den er nach dem Weg zur nächsten Pension fragen konnte. Doch es blieb still.
    Erst jetzt bemerkte er, daß das Autoradio verstummt war. Hatte er es selbst abgeschaltet? Nein, die Senderanzeige leuchtete, doch als er den Ton lauter drehte, drang nichts als gleichförmiges Rauschen aus den Lautsprechern der Stereoanlage.
    Merkwürdig. Robert drückte die Stationstasten der Reihe nach durch, doch das Rauschen blieb.
    Wahrscheinlich ist die Antenne nicht in Ordnung, versuchte er sich zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß sich ein flaues Gefühl in seiner Magengrube einnistete.
    Er schaltete das Radio ab und öffnete das Handschuhfach. Unter der Parkkarte lag der Zettel mit einigen Adressen, die er in seinen Unterlagen gefunden hatte.
    „Michael Fischer“, stand ganz oben auf der Liste, „Winklerstraße 13“. Er kannte Mischa noch von der Grundschule her. Später, in den frühen Siebzigern, waren sie gemeinsam über die Tanzsäle der näheren Umgebung gezogen - eine alkoholselige Zeit voller Abenteuer, an die sich Robert gern zurückerinnerte. Er war sich beinahe sicher, daß Mischa sich über seinen Besuch freuen würde. Wenn er überhaupt noch dort wohnte ...
    Einen Versuch ist es allemal wert, entschied Robert nach einem Blick auf die Uhr. Es ist ja noch nicht einmal acht. Einfach die Mozartstraße hoch zum Bahnhof und dann am Krankenhaus vorbei in Richtung Markt.
    Fast ein wenig stolz auf sein Ortskenntnis chauffierte er den Wagen durch die menschenleeren Straßen und registrierte nur beiläufig, daß die Straßenbeleuchtung nicht funktionierte und selbst der Bahnhofsvorplatz in völliger Dunkelheit lag.
    17 ... 15 ... 13 ... Robert erriet die Hausnummern eher, als daß er sie lesen konnte. Hier muß es sein. Er nahm die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus.
    Das Haus lag einige Meter zurückgesetzt hinter einem schmalen Vorgarten. Durch die Stäbe des Zaunes wucherten die Triebe einer mannshohen Hecke. Das Gartentor stand halb offen. Kein noch so schwacher Lichtschimmer drang aus den Fenstern der dreistöckigen Villa, die schweigend wie ein seit Jahrzehnten verlassener Herrensitz vor ihm lag.
    Es hat keinen Sinn. Robert wußte, daß er niemanden antreffen würde, dennoch ging er weiter. Der Kies knirschte unnatürlich laut unter seinen Sohlen, und als er die Stufen zum Eingang hinaufstieg, fühlte er sich wie ein ungebetener Eindringling.
    Es gab keine Klingel, nur einen altertümlichen Klopfer, dessen Griff vom Gebrauch der Jahrzehnte glattgescheuert war. Obwohl Robert das Gewicht nur ein paar Zentimeter angehoben hatte, fuhr er unwillkürlich zusammen, als der Schlag die nächtliche Stille durchbrach. Das Geräusch mußte im ganzen Viertel zu hören sein.
    Mit klopfendem Herzen wartete er auf eine Reaktion, doch im Haus blieb alles still. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe verharrte auf einem mit Grünspan überzogenen Messingschild: „Michael Fischer - Import/Export“.
    Wenigstens war es das richtige Haus.
    Die Vorstellung, daß sein Kumpel Mischa „Rocky“ Fischer im Geschäftsanzug hinter einem Schreibtisch thronte und Verträge unterschrieb, reizte zum Lächeln.
    Doch das Bild verschwand und wich der Befürchtung, daß er Rocky und die anderen vielleicht nie wiedersehen würde. Sie waren verschwunden, einfach weggegangen, ohne eine Spur zurückzulassen.
    „Kommt raus, verdammt noch mal!“ hörte Robert sich plötzlich rufen, während er den Klopfer wieder und wieder gegen das Türblatt niedersausen ließ. Eine Salve krachender Schläge erfüllte die Nacht und ließ die Fensterscheiben ringsum erzittern.
    Egal, dachte er schwer atmend, als der Ausbruch vorüber war, hier wohnt sowieso keiner mehr.
    Doch er hatte sich getäuscht.
    Irgendwo hinter ihm wurde ein Fenster geöffnet und eine Männerstimme rief: „Ruhe, da unten! Was soll denn das?“
    Beschämt wie ein Schuljunge, der bei etwas Verbotenem ertappt worden ist, schaltete Robert die Taschenlampe aus. Er hatte keine Mühe, herauszufinden, woher der Ruf gekommen war. Nur in einem einzigen Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite brannte Licht. Vor dem hellen Hintergrund zeichneten sich deutlich die Umrisse einer menschlichen Gestalt ab.
    „Da drüben wohnt niemand mehr!“ Der Mann am Fenster schien darauf zu warten, daß der Störenfried seiner Wege ging. Eilig lief Robert zurück zur Straße, um mit dem Fremden ins Gespräch zu kommen.
    „Entschuldigen Sie!“ rief er in Richtung des gelben Lichtvierecks. „Können Sie mir vielleicht sagen, wo die Leute hingezogen sind?“ Seine Stimme vibrierte vor Aufregung.
    „Nein!“ entgegnete der Mann am Fenster schroff. „Kommen Sie nicht näher! Ich habe eine Waffe!“
    Das Fenster schlug zu, und das Licht erlosch.
    Willkommen in Meerburg, dachte Robert mit einem Anflug von Sarkasmus, der Kerl bringt es fertig und schießt tatsächlich. Wahrscheinlich steht er jetzt hinter der Gardine und beobachtet mich.
    Er hatte große Lust, dem Fremden ein paar Grobheiten an den Kopf zu werfen, aber das machte angesichts der Umstände wenig Sinn. So begnügte er sich mit einer abfälligen Geste, drehte sich um und ging langsam zurück zum Wagen.
    Im Auto roch es nach Öl und den letzten Duftmolekülen des ausgetrockneten Lufterfrischers. Die vertraute Umgebung beruhigte Robert ein wenig und half ihm, sich über seine weiteren Schritte klarzuwerden.
    Natürlich konnte er sein Vorhaben aufgeben und heimfahren. Das war die einfachste und vermutlich auch vernünftigste Alternative. Aber wollte er das wirklich? Ohne herausgefunden zu haben, was hier vorgefallen war? Irgendwo mußten sie doch hingegangen sein, Mischa, Tarzan und all die anderen ...
    Unsinn! widersprach der pragmatischere Teil seines Bewußtseins. Im Grunde sind sie dir doch gleichgültig. Sie haben dir dreißig Jahre lang nicht besonders gefehlt, also mach dir nichts vor.
    Und Sandra? wandte Robert halbherzig ein, obwohl er die Antwort kannte. Sie ließ nicht lange auf sich warten: Mach dich nicht lächerlich, Sandra ist schon dreißig Jahre nicht mehr hier gewesen. In Wirklichkeit kannst du nur nicht verwinden, daß sie dich sitzengelassen hat. Sie hat dich damals nicht gebraucht, und sie braucht dich heute nicht. Es ist vorbei! Du wirst demnächst fünfzig, hast du das vergessen?
    Robert hatte es nicht vergessen, auch wenn das Alter für ihn nur eine untergeordnete Rolle spielte. Im Grunde war er sogar stolz darauf, nie erwachsen geworden zu sein. In den letzten Tagen hatte er oft an Sandra gedacht. In seiner Erinnerung würden sie immer zusammengehören, die Stadt am Fluß und das Mädchen, das er geliebt hatte. Wo sollte er sie finden, wenn nicht hier? Er mußte weitersuchen, auch wenn die Aussicht auf Erfolg noch so gering war ...
    Das Geräusch des Anlassers durchbrach die nächtliche Stille. Der Motor sprang sofort an. Erleichtert lehnte sich Robert zurück und fuhr langsam durch die dunklen, feucht glänzenden Straßen in Richtung Markt.
    Der Marktplatz schien der einzige Ort in der Stadt zu sein, der noch einen Hauch von Normalität ausstrahlte. Die Straßenbeleuchtung brannte, und die Rolandsfigur über dem Marktbrunnen reckte sich trotzig im Licht der Halogenscheinwerfer. Auf dem Parkplatz standen Autos - wenn auch weit weniger als früher -, und das Leuchtzifferblatt der Rathausuhr zeigte die korrekte Zeit an.
    Doch Roberts Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit blieb erfolglos. Die Fenster des „Weißen Rosses“ waren mit Spanplatten zugenagelt, und an der Eingangstür zum „Wiener Hof“ begrüßte ihn ein altersfleckiges Pappschild: „Vorübergehend geschlossen“. Weitere Hotels in Zentrumsnähe fielen Robert nicht ein; die Stadt am Fluß war zu unbedeutend, um Touristen anzuziehen.
    Enttäuscht ging Robert zurück zum Parkplatz. Möglicherweise blieb ihm nichts anderes übrig, als im Auto zu übernachten. Die Aussicht war alles andere als verlockend. Mittlerweile war es empfindlich kühl geworden, und der Wagen hatte keine Standheizung. Hoffentlich lag die alte Wolldecke noch im Kofferraum ...
    Ein Geräusch ließ Robert innehalten. Nein, kein einzelnes Geräusch, eher das verstohlene Echo einer Vielzahl von Lauten: Trappeln, Keuchen, Winseln, Knurren und Schnaufen. Noch konnte Robert nichts erkennen, aber es kam unzweifelhaft näher. Rasch.
    Nur Augenblicke später brach das Rudel aus einer Seitengasse hervor: Hunde, große, kleine, dunkle, weiße, gefleckte. Langbeinige Doggen, gefolgt von Schäferhunden, Boxern, Mischlingen und sogar Pudeln, eine Prozession, deren Anblick ebenso unheimlich war, wie er zum Lachen reizte. Über die Zahl der Tiere konnte Robert nur Vermutungen anstellen. Vermutungen, die sofort gegenstandslos wurden, als ein Teil des Rudels plötzlich die Richtung wechselte und auf ihn zustürmte.
    Verdammt! Mit fahrigen Bewegungen nestelte Robert am Türschloß, öffnete und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Nur Augenblicke, nachdem er die Tür wieder zugeschlagen hatte, sprang das erste Tier auf die Motorhaube. Wütend preßte die Bulldogge ihre Schnauze gegen die Windschutzscheibe und entblößte ihre Fangzähne. Die anderen Hunde hatten den Wagen mittlerweile eingekreist. Die größeren stemmten sich knurrend und geifernd mit den Vorderpfoten gegen die Scheiben, während die kleineren wie wild umhersprangen und bellten.
    „Spring an“, flüsterte Robert lautlos, als er den Zündschlüssel drehte. Seine Bitte wurde erhört. Erleichtert gab er Gas und ließ die Kupplung frei. Der Wagen schoß nach vorn, schleuderte zwei große Hunde zur Seite und überrollte eines der kleineren Tiere. Robert glaubte, Knochen brechen zu hören, aber vielleicht bildete er sich das Geräusch auch nur ein. Die Bulldogge verlor das Gleichgewicht und schlitterte über den Kotflügel hinab auf die Straße. Rasend vor Wut stürmte das Rudel hinter dem Auto her und gab erst auf, als die Tachometernadel auf siebzig Stundenkilometer geklettert war.
    Der Hund bleibt mir im Sturme treu ..., deklamierte Robert in Gedanken, war sich allerdings nicht ganz sicher, das dem Anlaß entsprechende Zitat gewählt zu haben. Der Schrecken saß ihm noch immer in den Gliedern. Obwohl die Gefahr glücklich überstanden schien, zitterten ihm die Knie und der Puls hämmerte dumpf in seinen Schläfen.
    Kurz vor dem Ortsausgangsschild zwang sich Robert, den Fuß vom Gas zu nehmen. Er wollte in der Stadt bleiben, aber das Problem der Unterkunft wurde allmählich drängend. Es mußte nicht unbedingt ein Hotelzimmer sein, wohl aber ein Ort, der nicht von übellaunigen Straßenkötern heimgesucht werden konnte. Wahrscheinlich blieb ihm keine andere Wahl, als es in einer Gartenanlage zu versuchen - am besten in einer Gegend, die er von früher her kannte.
    Robert wendete und fuhr zurück auf den Stadtring. An der Talstraße bog er rechts ab und hatte einige Minuten später die Hammertalsiedlung erreicht. Vorbei an der ehemaligen Arztpraxis und einer stillgelegten Zigarrenfabrik führte die Vorstadtstraße direkt zu dem leerstehenden Eckhaus, in dem seine Großeltern bis zu ihrem Tode gewohnt hatten.
    Obwohl es stockdunkel war, und die Fahrtunterbrechung keinerlei Sinn machte, ließ Robert den Wagen vor der Einfahrt ausrollen und stieg aus. Der Bau aus der Gründerzeit war seit Jahrzehnten nicht renoviert worden und sah selbst im matten Schein der Taschenlampe erbarmungswürdig aus. Der Putz war großflächig abgeblättert, auf dem nackten Mauerwerk glitzerten weiße Salpeterkrusten. Die Fenster des Erdgeschosses waren mit Brettern vernagelt, die übrigen Fensterscheiben nur noch in Resten vorhanden. Die Tür zum Geräteschuppen stand offen. Jemand hatte das Schloß aufgebrochen. Der Boden war mit Müll und Unrat bedeckt. Es stank nach Urin. Angewidert wandte sich Robert ab und lief weiter zum Hintereingang. Die Tür war verschlossen. Kratzspuren im Holz deuteten darauf hin, daß man versucht hatte, sie aufzubrechen. Es war eine alte, sehr stabile Tür. Robert konnte sich noch an das Geräusch erinnern, mit dem sie ins Schloß fiel. Er besaß keinen Haustürschlüssel. Als seine Großeltern noch lebten, hatte die Tür tagsüber immer offengestanden, weil es keinen elektrischen Türöffner gab. Späte Besucher mußten klingeln und warten, bis man ihnen öffnete.
    Der Lichtkegel der Taschenlampe wanderte über verbeulte Briefkästen hinauf zum Klingelbrett, auf dem noch immer die vertrauten Namen standen.
    Einem Impuls folgend drückte Robert auf den untersten der drei Knöpfe und fuhr erschrocken zusammen, als das schrille Geräusch einer elektrischen Klingel die Stille durchbrach.
    Wie war das möglich? Wohnte tatsächlich noch jemand hier, oder hatte man einfach nur vergessen, den Strom abzustellen?
    Angespannt, beinahe ängstlich lauschte Robert, und dann hörte er es: Jemand öffnete eine Tür. Obwohl er seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, wußte Robert sofort, welche Tür das war, und zu welcher Wohnung sie gehörte. Das leichte, kaum vernehmbare Klirren eines Schlüsselbundes bestätigte seine Vermutung ebenso wie die schlurfenden Schritte auf der Treppe, die langsam aber unaufhaltsam näherkamen.
    Roberts Erstarrung wich im gleichen Augenblick, in dem ihm bewußt wurde, daß ihm seine Sinne einen Streich spielten. Das Haus stand seit Jahren leer. Es konnte niemand auf der Treppe sein. Niemand, der sein Klingeln gehört hatte und sich eben anschickte, die Haustür aufzuschließen. „Niemand!“ Robert flüsterte das Wort wie ein Beschwörung. Die schlurfenden Schritte wurden leiser und verstummten schließlich ganz. Das Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, lag dunkel und still vor ihm. Nur der Wind rauschte in den Wipfeln der Bäume, und irgendwo bellte ein Hund den wolkenverhangenen Nachthimmel an.
    Achselzuckend wandte sich Robert ab und wäre um ein Haar gestürzt. Seine Knie schienen den Kontakt zum Rest seines Körpers verloren zu haben. Erst nach einigen unsicheren Schritten kehrte das Gefühl zurück.
    Ich habe mich getäuscht, wiederholte Robert in Gedanken, als er eingestiegen war und die Tür zugeschlagen hatte. Es war nur der Schreck wegen dieser verdammten Klingel ...
    Ursprünglich hatte er vorgehabt, sich in der nahegelegenen Gartenkolonie ein Nachtquartier zu suchen. Doch dazu fehlte ihm jetzt der Mut. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Das Gefühl der Bedrohung hatte sich mit dem Einbruch der Dunkelheit verstärkt. Irgend etwas verbarg sich dort draußen, dessen war sich Robert beinahe sicher, obwohl er nach wie vor keine Vorstellung hatte, wie dieses Etwas aussah. Er wußte nur, daß er ihm aus dem Wege gehen mußte, und deshalb würde er das Auto heute nacht nicht mehr zu verlassen ...
    Hier konnte er allerdings nicht bleiben. Wenn es in dieser Stadt verwilderte Hunde gab, dann gab es vielleicht auch verwilderte Menschen, die möglicherweise schon auf ihn aufmerksam geworden waren. Besser, er blieb in Bewegung.
    Robert griff nach dem Zündschlüssel und ließ den Motor an. Die Scheinwerfer flammten auf, und er hörte einen lautes Knistern, dessen Ursprung ihm erst klar wurde, als die Musik mit ohrenbetäubender Lautstärke über ihn hereinbrach.
    „I am the god of hell fire, and I bring you - fire!“, rief oder vielmehr brüllte Arthur Brown aus sechs Lautsprechern, und die jäh einsetzende Begleitung von Schlagzeug und Elektronenorgel verwandelte die Fahrerkabine von einem Augenblick auf den anderen in ein von pulsierenden Rhythmen erfülltes Tollhaus.
    „Was soll das denn ...“, knurrte Robert, nachdem er zu seiner Erleichterung festgestellt hatte, daß der Motor nicht explodiert war, und griff zum Lautstärkeregler. Der Knopf ließ sich ohne weiteres nach links drehen, aber das war auch schon alles.
    „You gonna burn, burn, burn, burn ... ha, ha, ha, ha ...“, kreischte der Feuergott, während sich die Akkorde überschlugen und irres Gelächter die Wagenscheiben vibrieren ließ. Robert mochte das Lied. Es war so ziemlich das Verrückteste, das damals, Ende der Sechziger, im Radio gespielt worden war. Aber mittlerweile war er keine fünfzehn mehr, und deshalb mochte er es nicht in dieser Lautstärke.
    „Geh aus, du Mistding!“ fluchte er und betätigte der Reihe nach sämtliche Knöpfe des Autoradios einschließlich des Ausschalters. Nichts geschah, außer daß sich Arthur Brown sturmrauschend verabschiedete und das Feld den zunächst einschmeichelnden, dann aber rasch anschwellenden Orgelklängen von „Je t‘aime“ überließ.
    Entnervt trat Robert auf die Bremse und zog den Zündschlüssel ab.
    „Je t‘aime Moi Non Plus“, keuchte Jane Birkin in Rummelplatzlautstärke, während Robert mit offenem Mund auf das blinkende Display des Autoradios starrte. „HALLO ROBERT“, flimmerte es in roten Leuchtbuchstaben, „ICH HABE EIN“, die Anzeige wechselte erneut „GESCHENK!“
    Robert war in seinem Leben ziemlich oft betrunken gewesen, hatte gewisse Erfahrungen mit Drogen und neigte zu Alpträumen. Einige dieser Ausflüge waren unerfreulich gewesen, aber er hatte nie ernsthaft fürchten müssen, den Verstand zu verlieren.
    Bis jetzt.
    Die extreme Lautstärke der Musik hätte er unter Umständen noch einem Defekt zuschreiben und somit akzeptieren können, nicht aber die Tatsache, daß ein Autoradio vom Typ „Bose - Symphonie“ seinen Vornamen kannte und ihm ein Geschenk versprach ...
    Aufwachen! befahl sein Bewußtsein nach einer Schaltpause, und Robert kniff sich schmerzhaft in den Oberschenkel. Er träumte nicht.
    „ES WARTET“, behauptete die Senderanzeige.
    Wer wartet und wo? Roberts Neugier war offensichtlich stärker als das Mißtrauen gegenüber den Wahrnehmungen seiner Sinne. Doch die Antwort war alles andere als präzise.
    „VOR DEM TUNNEL!“ verkündete das Display nach einer angemessenen Pause und erlosch wenig später. Die Musik verstummte allerdings nicht, im Gegenteil, die stampfenden Rhythmen von Jaggers „Paint it black“ lösten die Birkinsche Stöhnorgie ab und zerstörten damit Roberts Hoffnungen, möglicherweise doch einer Sinnestäuschung anheim gefallen zu sein.
    „Also gut“, murmelte er schließlich entnervt, „ich wollte ja sowieso los.“ Robert wußte nicht genau, welcher Tunnel gemeint war, nahm aber an, daß es sich um den Fußgängertunnel am Bahnhof handelte.
    Er trat das Gaspedal durch und gab die Kupplung frei, der Wagen machte einen kleinen Satz und jagte mit quietschenden Reifen zurück in Richtung Stadtring. Vielleicht täuschte er sich, oder seine Ohren hatten sich mittlerweile an den Lärmpegel gewöhnt, in jedem Fall hatte Robert den Eindruck, daß die Musik ein wenig leiser wurde. Ein paar hundert Meter weiter war kein Zweifel mehr möglich: Im gleichen Maße, wie er sich seinem Ziel näherte, nahm die Lautstärke im Wagen ab.
    Unmöglich, behauptete eine ärgerlich klingende Stimme in seinem Kopf. Das Radio ist einfach kaputt, und den Rest bildest du dir ein.
    Robert war anderer Auffassung. Er hatte keinerlei Vorstellung, womit er es zu tun hatte, aber er ahnte, daß es über Möglichkeiten verfügte, die über die Kontrolle seines Autoradios hinausgingen. Und er war sich beinahe sicher, daß es mehr über ihn wußte, als ihm lieb sein konnte.
    „Oh, won‘t you come with me“, ertönte in diesem Augenblick die Stimme von Doug Ingles aus den Lautsprechern, „and take my hand. Oh, won’t you come with me, and walk this la-a-a-and.“
    Dieses Land, dachte Robert, während er den Wagen durch die dunklen Straßen in Richtung Zentrum steuerte, oder meinst du dein Land ...
    Merkwürdigerweise gelang es ihm, die Gedanken an das zu verdrängen, was ihn am Ziel seiner Fahrt erwartete. Statt dessen beschäftigte ihn die Frage, ob der unsichtbare Programmdirektor die Single- oder die fast zwanzig Minuten lange LP-Version von „In A Gadda Da Vida“ für ihn ausgesucht hatte. Er mochte das Lied, obwohl er nicht sicher war, ob er es um seiner selbst willen mochte oder wegen der Erinnerungen, die er damit verband. Als das Gitarrensolo einsetzte, wählte Robert halb unbewußt eine Abzweigung, die abseits des direkten Weges zum Bahnhof. Er hatte das Stück sicherlich hundertmal und öfter gehört, aber das war vor dreißig Jahren gewesen. Aus irgend einem Grund hielt er es für wichtig, es bis zum Schluß zu hören, wenigstens dieses eine Mal noch ...
    Die Route, die er halb unbewußt gewählt hatte, führte am Sportplatz vorbei durch ein Waldstück zum Gelände der alten Färberei. Es war stockdunkel, und die Straße wurde zunehmend schlechter. Schon bald hatte Robert alle Mühe, wenigstens den größeren Schlaglöchern auszuweichen. Er schaltete in den zweiten Gang zurück und chauffierte den Wagen im Zickzackkurs über die holprige Fahrbahn.
    Dumm-dumm-dumm-dumm-du-du-dumm-dumm-dumm ..., das Schlagzeugsolo ließ Roberts Trommelfelle vibrieren, während Stoßdämpfer und Federung Schwerstarbeit verrichteten. Früher war die Straße besser gewesen, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Schließlich hatte er damals noch nicht einmal ein Moped besessen. Und die Gründe, weshalb er sich so gut in dieser Gegend auskannte, hatten absolut nichts mit der Beschaffenheit der Fahrbahn zu tun ...
    Die Anhalterin hätte Robert beinahe übersehen. Sein Blick war so auf die Unebenheiten der Straße fixiert, daß er das am Straßenrand winkende Mädchen erst im letzten Augenblick bemerkte.
    Erschrocken riß Robert das Lenkrad herum und trat das Bremspedal durch. Mit blockierten Rädern rutschte der Wagen noch einige Meter weiter und kam dann zum Stehen. Farbige Warnsymbole leuchteten auf und signalisierten, daß er den Motor abgewürgt hatte. Die Musik verstummte abrupt.
    Robert bemerkte nichts davon.
    „Sandra“, flüsterte er und starrte die Anhalterin wie ein Gespenst an.
    Das Mädchen schien weniger beeindruckt zu sein. Es stieg wie selbstverständlich ein und ließ sich mit einem lässigen „Hallo Robin“ auf den Beifahrersitz fallen. „Nimmst du mich mit?“
    “Robin“, wie lange war das jetzt her? Trotz seiner Verwirrung war sich Robert darüber im klaren, daß das Mädchen neben ihm nicht Sandra sein konnte. Sandra Simonis war 1970 sechzehn Jahre alt gewesen und mußte jetzt um die fünfzig sein. Außerdem war sie im Herbst des gleichen Jahres aus der Stadt verschwunden, und niemand hatte seither wieder etwas von ihr gehört. Sie hatten nicht zueinander gepaßt, der schmächtige Junge und das langhaarige, braungebrannte Mädchen, nach dem sich nicht nur die jüngeren Männer auf der Straße umdrehten. Sandra hatte besessen, was Robert fehlte: Selbstbewußtsein und Schlagfertigkeit, und so war es ihm fast wie ein Wunder erschienen, daß sie auf seine Annäherungsversuche überhaupt reagiert hatte. Sie waren hin und wieder im Kino gewesen, und später hatten sie zusammen die Tanzstunde besucht. Sandra wohnte ziemlich weit außerhalb und hatte nichts dagegen, daß er sie danach nach Hause begleitete. Viel war dabei nicht passiert, und das war zweifellos Roberts Schuld gewesen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er damals nicht so verdammt naiv gewesen wäre ...
    „Na klar!“ erwiderte er mit einer Bestimmtheit, die ihn beinahe noch mehr irritierte als die Tatsache, daß das Mädchen seiner Sandra aufs Haar glich.
    Das Radio blieb stumm, als Robert den Motor anließ. Vorsichtig gab er die Kupplung frei, konnte aber nicht verhindern, daß der Wagen weiter von Schlagloch zu Schlagloch schaukelte und die Insassen dabei kräftig durchschüttelte.
    Das Mädchen lachte.
    Sie ist es, dachte er, es ist ihr Lachen, ihr Haar und ihre Art, sich zu bewegen. Sandras Rock war ein wenig nach oben gerutscht und gab den Blick auf den hellen Slip frei. Robert bemühte sich, nicht hinzusehen und sich auf die Straße zu konzentrieren, aber es war bereits zu spät. Ihm blieb nur die Hoffnung, daß die Dunkelheit seine Erektion verbarg.
    „Es ist nicht mehr weit“, erklärte das Mädchen wie beiläufig, „du wirst dich ja noch erinnern.“
    Natürlich konnte sich Robert erinnern. Er konnte sich sogar sehr genau erinnern. Was versäumte Gelegenheiten anbetraf, besaß er ein ausgesprochen präzises Gedächtnis ...
    Sie mußten noch durch den Straßentunnel, und dann begann auch schon das kleine Wäldchen, an das sich die Werkswohnungen der ehemaligen Färberei anschlossen. Dort hatte Sandra gewohnt.
    Dort wohnt Sandra, korrigierte er sich nach einem verstohlenen Blick zur Seite. Das helle Stück Stoff war immer noch zu erkennen.
    „Hast du keine Musik?“ fragte Sandra. „Doch“, erwiderte Robert ein wenig zu schnell und schaltete auf CD um. Erstaunlicherweise reagierte das Gerät prompt; nur Augenblicke später drangen die ersten Akkorde von „Light my fire“ aus den Lautsprechern.
    „Doors“, stellte das Mädchen erfreut fest. „Stark.“
    Robert sagte nichts. Er lauschte der Musik und suchte hin und wieder Sandras Blick, als müsse er sich versichern, daß sie noch da war.
    Der Straßentunnel. Die schwarzen Granitwände schienen das Licht der Scheinwerfer förmlich aufzusaugen. Oder war etwas mit der Lichtmaschine? Nein, dann würde auch das Radio nicht mehr funktionieren.
    Dennoch schien die Dunkelheit von allen Seiten gegen das Fahrzeug vorzurücken. Robert bremste den Wagen vorsichtig ab. Er mußte langsamer fahren, wenn er nicht riskieren wollte, mit einem unvermuteten Hindernis zu kollidieren.
    „Er ist tot, nicht wahr?“
    Robert fuhr zusammen. Wen meinte sie damit? Jim Morrison?
    Es war zu dunkel, um Sandras Gesichtsausdruck zu erkennen. Aber eigentlich hatte sich die Frage nicht wie ein Scherz angehört.
    „Ja, seit 71.“ Das war jetzt über dreißig Jahre her.
    „Schade“, sagte das Mädchen traurig.
    Hast du das nicht gewußt? dachte Robert, sprach die Frage aber nicht aus. Die Anwort würde weitere Fragen aufwerfen, Fragen, denen er so lange wie möglich auszuweichen gedachte ...
    „Try now we can only lose“, sang der tote Jim Morrison, „and our love become a funeral pyre.“
    Robert trat auf die Bremse und ließ den Wagen ausrollen.
    „He, was soll das“, beschwerte sich Sandra. „Wir sind noch nicht da.“ Ihre Stimme klang allerdings alles andere als besorgt, im Gegenteil, sie trug jetzt wieder jenen leicht ironischen Unterton, an den sich Robert nur zu gut erinnern konnte. Er war sicher, daß sie die Situation genoß.
    Robert griff noch vorn und schaltete die Scheinwerfer aus. Jetzt waren sie allein - eingeschlossen in einer Höhle aus Blech, in der die Armaturenbeleuchtung die Glut der Feuerstelle ersetzte.
    „Du hast dich verändert“, sagte das Mädchen. Es klang beinahe anerkennend.
    „Ja“, sagte er. Sonst nichts. Damals hatte er viel geredet, zu viel. Nicht, weil er etwas Falsches gesagt hatte, sondern weil Worte nur selten dazu taugen, Gefühle auszudrücken.
    „Come on, light my fire“, sang Jim, und Ray Manzarek griff noch einmal mit beiden Händen in die Tasten, „Try to set the night on fire ...“
    Robert wartete. Seine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, und so konnte er die winzigen roten Fünkchen sehen, die in den Augen des Mädchens tanzten.
    Die Orgeltöne verklangen, und er wartete noch immer.
    „Du weißt es“, sagte Sandra ernst. Ihr Gesicht war jetzt ganz nahe, und einen Augenblick lang hatte Robert den Eindruck, daß es nicht nur das Rot der Armaturenbeleuchtung war, das sich in den Augen des Mädchens spiegelte.
    Ja, dachte er. Aber jetzt bist du hier. Nichts anderes zählt.
    Die Worte gefielen ihm, doch bevor er sie aussprechen konnte, spürte er Sandras Lippen auf seinem Mund. Ihr Kuß war nicht mehr als ein Abtasten, ein noch unsicheres Suchen nach Vertrautem, und als sich ihre Lippen lösten, verspürte Robert einen Anflug von Enttäuschung.
    Sie wird weggehen, wie damals ...
    „Wir haben Zeit“, sagte das Mädchen. Ihre Hand strich sanft über seine Wange, eine flüchtige Berührung, die er sich vielleicht auch nur eingebildet hatte. „Hast du mich wirklich vermißt?“
    Die Unsicherheit in Sandras Stimme beschämte ihn, ohne daß er sich über die Ursache klarzuwerden vermochte. Schließlich hatte sie ihn verlassen und nicht umgekehrt. Und dann war sie einfach weggegangen, ohne Abschied ...
    Aber das war nicht die Antwort, auf die das Mädchen wartete.
    Robert zögerte. Er konnte „Ja“ sagen, ohne bewußt zu lügen. Aber war es deshalb die Wahrheit? War es wirklich die Sandra von damals, an die er sich erinnerte, oder ein Wunschbild, das kaum noch etwas mit der realen Person zu tun hatte? Er wußte es nicht.
    „Du bist weggegangen“, sagte er trotzig.
    „War es schlimm?“ Wieder eine Berührung, diesmal etwas länger, daß er die Wärme ihrer Hand spüren konnte.
    „Ja“, sagte Robert. „Am Anfang bist du wie betäubt. Weh tut es erst später, wenn du begriffen hast ...“
    „Begriffen ... was?“
    Warum fragte sie das?
    „Daß es vorbei ist“, erwiderte er stockend, „daß nichts von dem sein wird, worauf du gehofft hast. Du bist allein, und es ist kalt.“
    Er lauschte dem Klang seiner Worte nach, und plötzlich begriff er, daß Sandra aus einem ganz bestimmten Grund gefragt hatte, daß sie ihm helfen wollte, eine Entscheidung zu treffen.
    „Ja, das kenne ich“, sagte das Mädchen leise. „Der einzig ehrliche Nachruf: „Er war allein, und ihm war kalt. - Scheiße.“ Sandras Stimme zitterte kaum, aber Robert konnte das Glitzern in ihren Augen sehen.
    „Ja, Scheiße“, Robert lächelte hilflos.
    „Komm, wir fahren!“ das Mädchen schien plötzlich seine gute Laune zurückgefunden zu haben - einer von Sandras abrupten Stimmungswechseln, vor denen sich Robert immer ein wenig gefürchtet hatte. „Sehr weit ist ja nicht mehr, und du willst mich ja wohl nicht in einem Auto verführen. Denk an dein Alter!“
    „He, sag das nicht nochmal!“ empörte sich Robert und wischte sich mit einer verstohlenen Bewegung eine Träne aus dem Augenwinkel. Der Motor sprang an, und die Lichtkegel der Scheinwerfer trieben die Schatten zurück in die Nacht. „Wo fahren wir überhaupt hin?“
    „Zu mir natürlich“, versetzte Sandra und drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf die Wange. „Meine Eltern sind auf Tournee, und wir haben sturmfrei.“
    In dieser Stadt sind eine Menge Leute auf Tournee, dachte Robert. Vielleicht haben sie auch ein Geschenk bekommen und dann den Weg nach Hause vergessen ...
    „Okay“, sagte er laut und hoffte, daß sein Grinsen nicht allzu albern ausfiel. „Dann nichts wie los.“
    Dann ließ er den Motor aufheulen und gab die Kupplung so rasch frei, daß die Beschleunigung sie in die Sitze preßte, während der Wagen mit quietschenden Reifen ins Dunkel raste.
    „He, nicht so schnell“, kicherte Sandra, und es war nicht ganz klar, ob sie den Kavaliersstart damit meinte oder Roberts rechte Hand, die jetzt auf dem weißen Stoffdreieck lag, das seine Blicke immer wieder magisch angezogen hatte. „Früher warst du geduldiger.“
    Sie schüttelte in gespielter Entrüstung den Kopf, und nur ein sehr aufmerksamer Betrachter hätte das düstere Rot bemerkt, das einen Augenblick lang durch ihre Augen schimmerte.
    „Take it easy, baby“, sangen die Doors, während Robert den Wagen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf die dunkle Häuserzeile zusteuerte, die das Fabrikgelände vom Fluß trennte, „take it as it comes.“ Genau das hatte er vor.
    „Ist es hier?“ erkundigte er sich ein wenig irritiert, als sie zwei Minuten später mit blockierten Rädern vor dem ersten der acht Reihenhäuser zum Stehen kamen. Es war das erste Gebäude in der Stadt, in dem er Licht sah.
    „Natürlich, wo sonst?“ entgegnete Sandra fröhlich. Dabei preßte sie wie zufällig Roberts Hand gegen ihren Schoß. Etwas verspätet fiel er in ihr Lachen ein.
    Die Häuser der ehemaligen Werksiedlung wirkten ebenso verwahrlost wie die baufälligen Lagerhallen auf der anderen Straßenseite. Die ehemals roten Klinkersteine waren von einem dunklen Rußfilm bedeckt, die meisten Scheiben zerschlagen. Vor dem düsteren Hintergrund wirkte das vorderste Haus noch strahlender. Auf den Fensterbrettern standen Kerzen in allen möglichen Größen und Stärken. Ihre Flammen spiegelten sich in den Scheiben, die wie frisch geputzt glänzten. An den Decken hingen Kronleuchter und tauchten die Räume in helles, warmes Licht.
    In seiner Lichterpracht wirkte das kleine Reihenhaus so einladend gemütlich wie die naiven Darstellungen auf manchen Weihnachtskalendern.
    Die Tür stand weit offen, als wartete es nur darauf, daß sie endlich eintraten und es sich bequem machten. Es war kein gewöhnliches Haus, das wußte Robert. Schon bei Tagesanbruch würde es sich kaum noch von seiner trostlosen Umgebung unterscheiden. Aber das spielte keine Rolle, morgen früh würden sie nicht mehr hier sein. Ob er das Tageslicht wohl vermissen würde?

    Before you slip into unconsciouness
    I’d like to have another kiss
    Another flushing chance at bliss
    Another kiss, another kiss,

    sang James Douglas Morrison, der wie das Mädchen neben ihm nie auch nur einen einzigen Tag älter werden würde. Sandra Simoni war einen anderen Weg gegangen, und jetzt war es an der Zeit, ihr zu folgen ...
    „WILLKOMMEN DAHEIM“, blinkte die Senderanzeige. Die Stadt hatte ihn keinen Augenblick lang aus den Augen verloren. Dann wechselte die Ausschrift noch einmal: „VIEL GLÜCK!“ Robert schaltete das Gerät nicht aus, als er ausstieg. Glück konnte man schließlich immer brauchen ...
    „Na, komm schon, Robin“, lächelte Sandra und nahm seine Hand. „Ich glaube, dagegen sollten wir schleunigst etwas unternehmen.“ Das Mädchen sah mit einem vielsagenden Lächeln an ihm herunter, dann prusteten sie beinahe gleichzeitig heraus und liefen Hand in Hand auf das lichterglänzende Haus zu.

    © 2002 by Frank W. Haubold

    Gruß
    Kassandra

    [Diese Nachricht wurde von Kassandra am 05. Januar 2002 überarbeitet.]

  17. #17
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.October 2000
    Ort
    Bad Füssing
    Beiträge
    945
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Kassandra, habe den Grusel nächtlings gelesen, allerdings nach Scream, kaum das richtige Vorspiel.

    Für mich springt die Geschichte, kann sich lange nicht entscheiden wohin...allerdings mit starken Momenten. Auf eimal blitzt Christine übers Radio, gute Musik und einsame Hunde. Meinem Geschmack nach noch zu wenig Horror. Wie wär`s denn wirklich mit Krähen, Unheilsverkündern, Schatten im Nebel, Schatten, die hinter toten Fenstern flüstern und der Geruch dieser Frau, ein bißchen Odeur de Gruft dürfte schon sein...bau noch einen Brunnen ein, laß Robert Teile von ihr fressen und ab in den Ordner nach oben!

    Nixfürungut, hat dennoch vergnügliche Krähenhaut gebracht.

  18. #18
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Danke, Hannemann, so ganz ernst war das "fertig" auch nicht gemeint. Aber jetzt sehe ich wenigstens eine Chance, die Story ordentlich zu Ende zu bringen. Ein wenig Musik muß noch raus, vielleicht kann ich dafür noch etwas "Schockierendes" einbauen. Vordergründige Effekte liegen mir nicht so, das ist Sache der Herren aus der Splatterzunft.
    Danke fürs Lesen.

    Gruß
    K.

  19. #19
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.October 2000
    Ort
    Bad Füssing
    Beiträge
    945
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Laß die Musik, sie ist wichtig. Aller Anfang ist die Musik...und auch Aller Ende.

    Ich hab mal zu Lennon schaurig Rührei geschlagen, doch das braucht noch Zeit...nicht das Rührei, meine Horrorgeschichte.

    Übrigens, täglich fütter ich mindestens 264 Krähen in meinem Garten...mit Hundefutter, falls Du für Deinen Albtraum noch bellende Krähen brauchst, bitte...

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    So, ich habe das Ganze noch einmal überarbeitet und würde mich freuen, wenn sich der ein oder andere dazu äußern würde.

    Hannemann, ich hab's gelassen mit den Gruseleffekten, ich bin eine alte sentimentale Krähe, die kein Blut mag ...

    Gruß
    K.

  21. #21
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    morgen werde ich Dir zumindest etwas dazu sagen. Im Augenblick bin ich so mit Brunnen besetzt, daß ich sonst kaum einen anderen Text lese, oder zumindest nichts dazu sage.

    Kyra

    PS. Außerdem hast Du Dich zu meiner Brunnenmühsal auch nicht geäussert. Auch unsereins (Frauen) braucht Kritik, Anregung und Zweifel

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 05. Januar 2002 editiert.]

  22. #22
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Hallo Kassandra,

    ich kann nichts gegen den Text sagen, er stimmt in sich, ist ohne Holperer geschrieben. Trotzdem habe ich das Gefühl, es würde etwas fehlen. Vielleicht ein Bruch, ein wirkliches Erschrecken (nicht des Lesers). Horror vermisse ich nicht, eher mehr von dem was er über den alten Badesee sagt...
    Oder einem Bruch zwischen der Person jetzt, der ja viel älter ist, und dem Eintauchen in das damals. Oder zu wissen, wie er daraus wieder herauskommt.
    Es klingt zu milde aus. Er ist wie Alice im Wunderland....möglicherweise solltest Du dies auch verstärken, das Wunder nicht auf unbewohnt, Hunde und Radio beschränken.

    Gut es sind nur Gedankenfetzen, aber technisch bist Du mir eh überlegen
    Die Geschichte sollte mehr Sog haben, enger werden, auf das Mädchen und Robert zusammenschmelzen, mit einer Enge die schön und schrecklich ist. Aber sollte sie nicht so heiter sein.

    Kyra

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 06. Januar 2002 editiert.]

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    239
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Danke, Kyra.

    Der behäbige Anfang ist sicherlich "kürzungsfähig", aber das möchte ich nicht.

    Aber weshalb merkt eigentlich niemand, daß es eine Vampirgeschichte ist? Nichts mit "Alice im Wunderland" ...

    Ob er das Tageslicht wohl vermissen würde?
    Ist das nicht deutlich genug?

    Na gut, ich hab's jetzt in der Überschrift mit drin.

    Gruß
    K.

  24. #24
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Oh Kassandras Crow...

    .....Aber weshalb merkt eigentlich niemand, daß es eine Vampirgeschichte ist?
    weil wir wohl alle nicht genau genug lesen...
    bin ich blöde
    Ich liebe Vampire, aber ich möchte nicht in so einem engen Sarg schlafen
    Aber ich bin wirklich nicht darauf gekommen, auf Vampir.

  25. #25
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.542
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Die Stadt am Fluß - endlich fertig

    Nein, Kyra, Du mußt Dir jetzt keine Asche aufs Haupt streuen. Das ist ein blasser Text, blutleer, wahrlich. Man muß schon genau hinschauen, wenn man erkennen wollte, daß es eine Gruselgeschichte sein soll. Haha. Der Autor erklärt hier, man müsse sich doch gruseln und die Vampyre erkennen. Eine saftigere Selbstkritik habe ich selten gelesen. Oder Realsatire. Das ist zu komisch. Dieses Genre ist auch sehr anspruchsvoll, voller Verästelungen und logischer Weggabelungen, die unaufhörlich in den Sog des Unsichtbaren hineinziehen.

    Kassandra, Du bist im falschen Film. Lern es erst einmal, Spannung zu erzeugen. Du zerredest und zersiebst Spannung durch umständliches Beschreiben. Flach und bodenlos zugleich. Unrettbar. Aber nett, nice, würd' ich sagen, aber nur, weil es sich auf vice reimt.

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Die gläserne Stadt
    Von kassandra im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 12
    Letzter Beitrag: 10.04.18, 07:46
  2. Die Stadt am Fluß - Sex & Crime
    Von kassandra im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 22.10.17, 08:06
  3. Stadt der Engel
    Von Hannemann im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 19.12.01, 00:01
  4. Die Stadt am Fluß - auf den Hund gekommen
    Von kassandra im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 06.10.01, 18:28
  5. Die Stadt am Fluß - Intro
    Von kassandra im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 30.09.01, 17:35

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •