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Thema: Die Stadt am Fluß - Intro

  1. #1
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    Die Stadt am Fluß - Intro

    Die Stadt am Fluß

    Ich hätte nicht herkommen dürfen.
    Als sich der Nebel lichtete und den Blick auf die vertraute Silhouette der Stadt freigab, spürte Robert, wie seine Kehle trocken wurde.
    Vorsichtig verminderte er die Geschwindigkeit, bevor er die Brücke über die Aarnau überquerte. Der Herbstregen hatte den Fluß anschwellen lassen. Träge drängten sich die lehmfarbenen Fluten gegen die Böschungen. Im Herbst und zur Zeit der Schneeschmelze trat die Aarnau regelmäßig über die Ufer und überschwemmte die Wiesen bis hin zur Straße. Aus dem vieldiskutierten Bau eines neuen Dammes war wohl nichts geworden ...
    Links der Straße lag das alte Strandbad. Einzig die Ruine des Umkleidehäuschens und das Gerippe eines Kinderkarussells erinnerten an seine einstige Bestimmung. Auf der ehemaligen Liegewiese wucherte Unkraut.
    Es wird nie mehr sein ..., zischelte der Fahrtwind und Robert kurbelte fröstelnd die Fensterscheibe hoch.
    Erst jetzt bemerkte er, daß das Unkraut auch in den angrenzenden Gärten und selbst auf dem Bürgersteig auf dem Vormarsch war. Die meisten Häuser schienen unbewohnt zu sein, aber selbst dort, wo die Fensterscheiben noch heil waren und die Vorgärten einigermaßen gepflegt, ließ sich keine Menschenseele blicken.
    „Willkommen in Meerburg!“ verkündete trotzig eine verblichene Giebelaufschrift, und Robert mußte unwillkürlich lächeln. Wind und Wetter hatten die Schrift und das bunte Stadtwappen zu einem kläglichen Etwas verblassen lassen, das ebenso aufmunternd wirkte wie ein Strauß verwelkter Blumen als Begrüßungsgeschenk.
    Die Stadt lag im Sterben.
    Obwohl Robert seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, hatte er nichts anderes erwartet. In den letzten Tagen hatte er oft von ihr geträumt, und wenn er danach stundenlang wachlag, hatte er darüber nachgedacht, was gewesen war und was hätte sein können ...
    Während er im Schrittempo durch die dämmrigen Vorstadtstraßen fuhr, dachte Robert an Caren. An Caren, an Michael, Dietrich und Jürgen. Sie hatten ihm etwas bedeutet. Und jetzt sie waren verschwunden, wenn Rita recht hatte. Robert hatte kaum Zweifel, daß ihre Besorgnis begründet war. Schließlich organisierte sie seit vielen Jahren die Treffen ihrer ehemaligen Klasse und sorgte dafür, daß Anschriften und Telefonnummern auf dem aktuellen Stand blieben. Selbst die chaotischen Zustände unmittelbar nach dem Ereignis hatten sie nicht davon abhalten können, ihre früheren Klassenkameraden „im Auge zu behalten“. Natürlich war es ohne weiteres möglich, daß jemand wegzog, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, aber daß ausgerechnet die vier Meerburger sich auf diese Weise davongestohlen haben sollten, war mehr als unwahrscheinlich.
    Irgend etwas muß ihnen zugestoßen sein, dachte Robert und war sich plötzlich sicher, daß ihr Verschwinden mit der Stadt zu tun, mit dieser alten Stadt am Fluß, in der er aufgewachsen war ...
    Am Nachmittag hatte er die Sehenswürdigkeiten der Umgebung besucht. Die ehemaligen Sehenswürdigkeiten der Umgebung, um genau zu sein. Über seine Motive war er sich selbst nicht im klaren. Wollte er wirklich nur alte Erinnerungen auffrischen?
    Er war zum Thomasfelsen hinaufgestiegen, auf dessen Gipfel ein großes, schmuckloses Kreuz an einen Dichter der Befreiungskriege erinnerte. Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen ... Das klang ziemlich naiv, aber das Lächeln darüber hatte wehgetan.
    Der Thomasfelsen war früher ein beliebtes Ausflugsziel gewesen, doch Robert war auf seinem Weg einzig einer alten Frau begegnet, die ihm mißtrauisch hinterhergeschaut hatte. Auf dem Gipfel hatte er sich trotz eines flauen Gefühls im Magen bis zu jener Klippe vorgewagt, von der sich der Ritter Thomas der Sage nach auf der Flucht vor seinen Verfolgern hinab in Aarnau gestürzt hatte. Einen Augenblick lang war das Schwindelgefühl übermächtig gewesen, und Robert hatte gegen die Versuchung ankämpfen müssen, sich einfach fallen zu lassen ...
    Der Waldsee am Steinbruch war dagegen eine Enttäuschung gewesen. Robert hatte zwar gewußt, daß ihn die Russen in den Achtzigern als Panzerwaschplatz benutzt hatten, nicht aber, daß man hinterher das Wasser abgepumpt und das Gelände sich selbst überlassen hatte. Dort, wo sich früher die hellen Felswände auf der Oberfläche des Sees gespiegelt hatte, verrottete jetzt eine alte Seitenwagenmaschine im kniehohen Unkraut. Von diesem Steilufer waren damals die Jungen zwölf Meter tief ins Wasser gesprungen, belohnt vom Kreischen und den bewundernden Blicken der Mädchen. Wie lange war das jetzt her? Robert mochte nicht darüber nachdenken.
    Auch den „Mückentempel“ hatte er besucht, einen sechseckigen Aussichtspavillon aus der Gründerzeit, der seinen Namen den stechlustigen Plagegeistern verdankte, die allabendlich im Spätsommer von den sumpfigen Wiesen des Braunbachtales aufstiegen. Einmal war er nach der Tanzstunde mit Caren hiergewesen - aber zu mehr als zu einem Kuß und einer flüchtigen Umarmung war es nicht gekommen. Die Mücken waren Sieger geblieben und das Liebespaar, das die hölzerne Bank des Pavillons bereits mit Beschlag belegt hatte. Er hatte das Mädchen nach Hause gebracht und sich damit getröstet, daß der Sommer noch lang war und ihnen alle Zeit der Welt blieb. Die Trennung hatte wehgetan. Es war schwer gewesen, sich damit abzufinden, daß sie nie mehr als gute Freunde sein würden. Hatte er sich wirklich damit abgefunden? ...

    Jetzt schien es hier keine Mücken mehr zu geben und erst recht keine Liebespaare, die von romantischen Abgeschiedenheit des Ortes angelockt wurden. Aufmerksam hatte Robert die Inschriften studiert, die Generationen von Meerburgern in die hölzernen Bohlen geritzt hatten, aber keine gefunden, die jüngeren Datums war. Sitzfläche und Lehnen der Bänke im Inneren des Pavillons waren mit einer klebrigen Staubschicht bedeckt, die bestätigte, was Robert längst wußte: Hier kam niemand mehr her.
    Die langgestreckte Silhouette der Friedhofsmauer riß Robert aus seinen Betrachtungen. Beinahe unbewußt ließ er den Wagen ausrollen und hielt unmittelbar vor dem schmiedeeisernen Tor der Zufahrt. Die beiden Torflügel waren mit einer rostigen Kette und einem Vorhängeschloß gesichert, doch die Fußgängerpforte war unverschlossen. Quietschend öffnete sich die schmale Gittertür und nach wenigen Schritten stand Robert vor dem Portal der Andachtshalle. Zeit und Witterung hatten den Marmorsäulen ebensowenig anhaben können wie den Granitquadern der Hallenwände, und für Sekunden fühlte Robert die gleiche ehrfürchtige Scheu, die er als Kind an diesem Ort empfunden hatte.
    Er ging weiter und lauschte dem Rauschen des Windes in den Kronen alten Bäume. Das Gefühl der Verunsicherung, der Furcht vor einer noch namen- und gestaltlosen Gefahr, das der Anblick der Stadt in ihm ausgelöst hatte, wurde schwächer und verging.
    Dieser Ort war sich selbst genug. Er forderte weder Aufmerksamkeit noch Mitgefühl. Die Namen und Ziffern auf den verwitterten Grabsteinen mochten den Lebenden wichtig gewesen sein, für die Toten waren sie ohne Bedeutung. Sie warteten auf nichts, hofften auf nichts, und fürchteten nichts mehr. Es war nicht wichtig, wie lange sie gelebt hatten oder wie sie gestorben waren. Sie hatten es längst vergessen, so wie er es vergessen würde ...
    Irgendwann würde es enden, an einem Ort wie diesem oder einem anderen, weniger privilegierten. Wenn es soweit war, würde es ihm nichts mehr ausmachen.
    Nachdenklich schritt er die kiesbedeckten Wege entlang und blieb hin und wieder stehen, um die Aufschriften der Grabsteine zu entziffern. Und plötzlich wußte er, weshalb er hier haltgemacht hatte: Er suchte ihre Namen.
    Daß seine Suche erfolglos blieb, erstaunte ihn ebensowenig wie die Tatsache, daß er kaum Gräber fand, die in den letzten Jahren angelegt worden waren. Die Bewohner der Stadt waren nicht gestorben, sondern weggegangen. Irgendwohin.
    ...


    Gruß K.


  2. #2
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    AW: Die Stadt am Fluß - Intro

    [..] bezüglich der Farblosigkeit gewisser Hillflosigkeitsverben [..] Da müsstest Du mal etwas dran arbeiten, bitte. Dein Protagonist erscheint zu blass, er wird vom Erzähler förmlich dem Leser ins Hirn gedrängt. Weißt Du wie man das als aufmerksamer Leser merkt? An der Erwähnung des Namens dauernd. Überleg mal, Kassandra, wie oft Du den Namen erwähnt hast und was Du stattdessen alles noch umschreibend und charakterisierend deshalb über ihn hättest sagen können. Das hätte dann viel besser gesessen, wäre lebendiger gewesen und wirkt dann nicht so, als müsse der Erzähler unbedingt noch etwas Wichtiges über diesen "Robert" loswerden.
    Mal abgesehen von der bereits geäußerten Kritik, halte ich den Text noch für einen ziemlich guten Beginn einer Erzählung, genug Geheimnisse sind angelegt, auch im Charakter des Protagonisten. Es sind manchmal eben nur gewisse Kleinigkeiten ...
    übrigens, hast Du inzwischen mal Kunerts "Zentralbahnhof" gelesen? Ich hab Dir das mal vor Monaten im Hinblick auf Deinen Text "Welcome To the Machine" angeraten? Würd mich mal nur so nebenbei interessieren.
    herzlichst uis

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Stadt am Fluß - Intro

    Hallo ui,

    danke für Deine Anmerkungen.
    Was die "Farblosigkeit" des Protagonisten anbetrifft, könntest Du rechthaben. Nur liegt es mir nicht, einen Text mit einer Personenbeschreibung zu beginnen.
    Ich hatte eigentlich vor, den "Helden" der Erzählung durch seine Erinnerungen und Träume transparent zu machen.
    Ein weiteres Problem ist, daß Robert (nicht Eurer!) wie Martin, Fabian etc. nur eine Umschreibung für die Person des Autors ist, und wer beschreibt sich schon gern selbst?
    Was Du mit "Hilflosigkeitsverben" meinst, verstehe ich nicht. "War" und "hatte" sind schließlich Teile von PQP-Konstruktionen. Das mag manchmal hölzern klingen, ist aber im Deutschen fast unvermeidlich.

    Der Zentralbahnhof.
    Das ist merkwürdig, da unlängst ein Kritiker auf eben diesen Text abstellte, den ich nicht kenne, weil ich Kunert für einen überschätzten Selbstdarsteller halte. Was nicht heißen muß, daß er nicht den ein oder anderen guten Text geschrieben hat.
    Also kann ich mit dem Vergleich wenig anfangen.
    Wenn ich schon ein Vorbild im deutschen Sprachraum nennen sollte, dann wäre dies Reiner Kunze, der meiner Ansicht nach hundertmal talentierter ist als beispielsweise dieses Blech trommelnde (und schreibende) Scheusal namens Grass.

    Viele Grüße
    K.

  4. #4
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    AW: Die Stadt am Fluß - Intro

    Original erstellt von kassandra:

    Die Trennung hatte wehgetan. Es war schwer gewesen, sich damit abzufinden, daß sie nie mehr als gute Freunde sein würden. Hatte er sich wirklich damit abgefunden? ...
    Das, kassandra, möge als Beispiel dienen. Sicherlich haben die Verbformen hier ihre Berechtigung, nur in der Häufung an sich wirken sie oftmals zu akademisch. Das müsste sich entweder anders sagen lassen können oder im Verlaufe der weiteren Handlung geklärt werden. Natürlich muss diese Transparenz der Figur sich ergeben und kann nicht künstlich herbeigeführt werden, das ist klar, das will jeder Autor. Genauso aber kann man nicht verhindern, dass schließlich in jede Hauptfigur, die man erfindet, etwas aus der eigenen Biographie einfließt. Das ist immer so, selbst wenn ein männlicher Autor sich eine weibliche Protagonistin schafft und umgekehrt. Das ist ja auch gar nicht schlimm, Schreiben ist immer Exhibitionismus zum Wohle einer Botschaft, zum Wohle der Leser.
    Soso, hat mir jemand meine Zentralbahnhofs-Gedanken-Parallele geklaut? Haha, das zeigt aber prinzipiell, wie gut dann doch Dein Text von dem Maschinchen ist, kassandra, wenn au?er mir noch so ein Dödel darauf abstellt? Solltest den Text aber nu wirklich mal lesen. Geht auch nicht um Vorbilder, sondern mehr um Weiterentwicklungen eines Themas. Scifi kann sehr schnell den Grenzbereich zur utopistischen Literatur berühren und mit der Maschine warst Du gut und nahe dran.
    Ich mag Kunze auch sehr wegen seiner Sensibilität, die ohne Betroffenheitsduselei daherkommt. Aber, und da reden wir mal ein enrstes Wörtchen drüber, kassandra, ich mag Grass noch mehr!!! Ich will hier nicht im einzelnen sagen, warum seine besten Romane gut sind, warum das Treffen in Telgte unübertroffen ist undsoweiter. Ich will nur mal in aller Deutlichkeit sagen, dass seine Gedichte aus den letzten vierzig Jahren kaum von einem Lyriker deutscher Zunge übertroffen wurden. Also rede nicht so abfällig über Grass hier in diesem Forum, sonst werde ich sauer.
    herzlichst uis

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Stadt am Fluß - Intro

    Okay, ui, das oben Zitierte klingt in der Tat hölzern. Es gefällt mir auch (noch) nicht.
    Das Problem ist: Solange ich mit der Handlung kämpfe (heute schon wieder vier Stunden), muß ich den ein oder anderen stilistischen Kompromiß eingehen. Das bedeutet nicht, daß es am Ende so bleiben muß. Das gilt auch für ein Dutzend Adjektive, die erst im Nachgang entfernt werden können.
    Zu Grass fällt mir allerdings nach wie vor nichts Positives ein. Ich hasse diese Die-Welt-ist-eine-Kloake-und-Deutschland-erst-recht-Masche von Herzen, dieses halb weinerliche, halb obszöne Sich-im-Dreck-wälzen, das viele deutsche Nachkriegsautoren auszeichnet. Richtige Schriftsteller wie Mann, Hesse oder Böll hatten so etwas nie nötig.
    Möglicherweise vermische ich auch die Person und das Werk, denn jemand, der öffentlich äußert, die deutsche Asylpraxis sei mit dem Vorgehen der Nationalsozialisten gleichzusetzen, gehört m. E. entweder in die Klapse oder - besser noch - in eine Zeitmaschine.
    Viele Grüße
    K.

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