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Thema: Die Stadt am Fluß - auf den Hund gekommen

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Die Stadt am Fluß - auf den Hund gekommen

    So, auf Grund des vielfältigen Interesses geht's nun doch weiter mit der Stadt am Fluß:

    ... Es geht mir gut, wiederholte der alte Mann störrisch. Ich habe alles, was ich brauche. Schau her, mein Junge, ich habe vorgesorgt! Mit unvermuteter Behendigkeit sprang er aus dem Sessel und öffnete der Reihe nach sämtliche Schranktüren. Truhen und Schränke quollen förmlich über von Konserven, Schokoladentafeln, Kekspackungen, Wein- und Schnapsflaschen und Stapeln von Zigarrenschachteln.
    Das ist lange nicht alles, versicherte das dünne Männlein hastig, als müsse es sich vor seinem Gast rechtfertigen. In der Küche stehen noch zwanzig Paletten mit Mineralwasser und zwölf Kästen Lagerbier. Selbst wenn sie mir morgen den Strom abstellen, reicht das Propangas länger als ich noch zu leben habe.
    Das freut mich für Sie, erwiderte Robert und stand auf.
    Du willst doch nicht etwa schon aufbrechen? Der Gedanke schien den Alten regelrecht in Panik zu versetzen. Aber wir haben doch noch gar nicht ...
    Doch Robert hatte keine Zeit mehr für Höflichkeiten.
    Es ist spät geworden, versetzte er förmlich und streckte seinem Gastgeber die Hand zum Abschied entgegen, und ich habe noch einiges zu erledigen.
    Aber ... du kannst doch nicht einfach ..., aufgeregt trippelte der alte Mann hinter Robert her und ruderte verzweifelt mit den Armen. Warum?!

    Sein Warum? klang Robert noch in den Ohren, als er die Wohnungstür hinter sich zuschlug und durch das halbdunkle Treppenhaus nach unten hastete. Im Freien angelangt, atmete er tief durch und genoß die erfrischende Kühle des Herbstwindes. Robert drehte sich nicht um, als er langsam zurück zum Wagen ging. Er wußte nur zu gut, was er sehen würde: ein gelb leuchtendes Fensterviereck und den Schatten eines toten Mannes.
    Im Auto roch es nach Öl und den letzten Duftmolekülen des ausgetrockneten Lufterfrischers. Die vertraute Umgebung beruhigte Robert ein wenig und half ihm, sich über seine weiteren Schritte klarzuwerden.
    Natürlich konnte er die Suche abbrechen und heimfahren. Das war die einfachste und vermutlich auch vernünftigste Alternative. Aber sollte er wirklich jetzt schon aufgeben? Ohne herausgefunden zu haben, was aus den vermißten Freunden geworden war?
    Unsinn! höhnte ein Stimme in seinem Kopf. Sie klang nicht wie Bruce Willis, und sie erschreckte Robert auch nicht, denn er kannte sie gut. Im Grunde sind sie dir doch völlig gleichgültig. Sie haben dir dreißig Jahre lang nicht besonders gefehlt, also mach dir nichts vor.
    Aber Caren ..., wandte Robert halbherzig ein, obwohl er die Anwort seines schlechteren Ichs längst kannte. Sie ließ nicht lange auf sich warten: Du liebst sie also immer noch, ach ja? Daß ich nicht lache. Wenn du damals Erfolg bei ihr gehabt hättest, würdest du dich kaum noch an sie erinnern. So aber bildest du dir ein, du hättest etwas verpaßt. Vergiß diesen Unfug. Du wirst demnächst fünfzig, hast du das vergessen?
    Robert hatte er nicht vergessen, auch wenn er es sich manchmal wünschte. Nicht wegen des Alters an sich, das spielte nur eine untergeordnete Rolle. Im Grunde war er stolz darauf, nie erwachsen geworden zu sein. Was ihn traurig machte, waren die verlorenen Möglichkeiten. Dinge, die hätten sein können und die doch nie sein würden. Er hatte Caren geliebt, und ein Teil von ihm liebte sie noch immer. Wenn er jetzt aufgab, war er nicht besser als der alte Mann da oben, der inmitten seiner mit Vorräten vollgestopften Wohnung auf den Tod wartete. Robert würde weitersuchen, auch wenn die Aussicht auf Erfolg noch so gering sein mochte ...
    Das Geräusch des Anlassers durchbrach die nächtliche Stille. Der Motor sprang sofort an. Erleichtert lehnte sich Robert zurück und fuhr langsam durch die dunklen, feucht glänzenden Straßen in Richtung Markt.
    Der Marktplatz schien der einzige Ort in der Stadt zu sein, der wenigstens noch einen Hauch von Normalität ausstrahlte. Die Straßenbeleuchtung brannte, und die Rolandsfigur über dem Marktbrunnen reckte sich trotzig im Licht der Halogenscheinwerfer. Auf dem Parkplatz standen Autos - wenn auch weit weniger als früher -, und das Leuchtzifferblatt der Rathausuhr zeigte die korrekte Zeit an.
    Doch Roberts Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit blieb erfolglos. Die Fenster des Weißen Rosses waren mit Spanplatten zugenagelt, und an der Eingangstür zum Wiener Hof begrüßte ihn ein altersfleckiges Pappschild: Vorübergehend geschlossen. Weitere Hotels in Zentrumsnähe fielen Robert nicht ein; die Stadt am Fluß war zu unbedeutend, um Touristen anzuziehen.
    Enttäuscht ging Robert zurück zum Parkplatz. Möglicherweise blieb ihm nichts anderes übrig, als im Auto zu übernachten. Die Aussicht war alles andere als verlockend. Mittlerweile war es empfindlich kühl geworden, und der Wagen hatte keine Standheizung. Hoffentlich lag die alte Wolldecke noch im Kofferraum ...
    Ein Geräusch ließ Robert innehalten. Nein, kein einzelnes Geräusch, eher das verstohlene Echo einer Vielzahl von Lauten: Trappeln, Keuchen, Winseln, Knurren und Schnaufen. Noch konnte Robert nichts erkennen, aber es kam unzweifelhaft näher. Rasch.
    Nur Augenblicke später brach das Rudel aus einer dunklen Seitengasse hervor: Hunde, große, kleine, dunkle, weiße, gefleckte. Langbeinige Doggen, gefolgt von Schäferhunden, Boxern, Mischlingen und sogar Pudeln, eine seltsame Prozession, deren Anblick ebenso unheimlich war, wie er zum Lachen reizte. Über die Zahl der Tiere konnte Robert nur Vermutungen anstellen. Vermutungen, die sofort gegenstandslos wurden, als ein Teil des Rudels plötzlich die Richtung wechselte und auf ihn zustürmte.
    Verdammt! Mit fahrigen Bewegungen drehte Robert den Schlüssel herum, riß die Tür auf und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Nur Augenblicke, nachdem er die Tür wieder zugeschlagen hatte, sprang das erste Tier auf die Motorhaube. Wütend preßte die Bulldogge ihre Schnauze gegen die Windschutzscheibe und entblößte ihre Fangzähne. Die anderen Hunde hatten den Wagen mittlerweile eingekreist. Die größeren stemmten sich knurrend und geifernd mit den Vorderpfoten gegen die Scheiben, während die kleineren wie wild bellten.
    Spring an, flüsterte Robert lautlos, als er den Zündschlüssel drehte. Seine Bitte wurde erhört. Erleichtert gab er Gas und ließ die Kupplung frei. Der Wagen schoß nach vorn, schleuderte zwei große Hunde zur Seite und überrollte eines der kleineren Tiere. Robert glaubte, Knochen brechen zu hören, aber vielleicht bildete er sich das Geräusch auch nur ein. Die Bulldogge verlor das Gleichgewicht und schlitterte über den linken Kotflügel auf die Straße. Rasend vor Wut stürmte das Rudel hinter dem Auto her und gab erst auf, als die Tachometernadel auf siebzig Stundenkilometer geklettert war.
    Der Hund blieb dir im Sturme treu ..., deklamierte Robert in Gedanken, war sich allerdings nicht ganz sicher, das dem Anlaß entsprechende Gedicht gewählt zu haben.
    ...

    K.

  2. #2
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    AW: Die Stadt am Fluß - auf den Hund gekommen

    Könnte sein, kassandra, dass wir ein wenig überfordert mit dieser Geschichte sind, weil es ja in gewisser Weise aus einem Zusammenhang gerissen ist, den man nicht kennt bzw. weil es ja noch weitergeht. Also zum Stil sag ich nicht viel, außer dass ich es lesen kann und verstehe, worum es geht. Du wirst sicherlich noch selbst daran arbeiten wollen. Stellenweise bist Du aber doch recht merkwürdig. Warum bringst Du einen so plumpen Vergleich mit der Stimme von Bruce Willis? Erstens meinst Du ja wohl seine Synchronstimme und zweitens macht mir Dein Held alles andere als den Eindruck eines Action-Helden. Irgendwie unorganisch wirken die Selbstgespr?che mit der inneren Stimme, weil Du in ihrem Zusammenhang doch sehr Vieles aus der Tiefe der Lebensgeschichte des Helden holen musst. Die Szene mit den Hündchen ist spannend, da verschenkst Du nichts. Ich glaube sie Dir in Ihrer Phantastik so, wie Du sie da geschildert hast. Sie erscheint vollkommen verrückt, unglaubwürdig und irreal und passt doch zu dem Ganzen. Hier gelingt Dir wohl ein Übergang in ein Phantastisches. Ich mag ja an sich solche Sachen weniger und habe, glaub ich, noch niemals ein Buch von Stephen King zu Ende gelesen, worauf ich stolz bin, aber von dieser Geschichte würde ich jetzt dann doch Weiteres lesen wollen. Persönlich möchte ich Dir aber noch sagen, dass ich es ziemlich gemein finde, Hunde einfach so zu überfahren, ehrlich, das macht mich betroffen, denn ich bremse für Tiere, für Anderes eher weniger...
    Also mach mal weiter, auch wenn es länger dauert mit dem Echo, keine Sorge, überfordern tust uns schon nicht.
    herzlichst uis

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Stadt am Fluß - auf den Hund gekommen

    Hallo ui,
    danke erstmal für die Rückäußerung.
    Das mit der Bruce-Willis-Stimme hast Du falsch verstanden, die taucht schon vorher auf - als eine der Stimmen des Ratten-Phantoms. Ich werd's aber trotzdem ändern, da der Satz insgesamt zu kompliziert ist.
    Auf die Selbstgespräche würde ich nur ungern verzichten, da der Protagonist ohne dieses Hilfsmittel anonym bleibt. Er hat ja ansonsten wenig Gelegenheit, etwas über sich zu erzählen.

    Naja, im Augenblick komme ich nur schwer voran, weil ich mich nebenbei noch über die die Schlechtigkeit der Welt und die Vorstellungen der deutschen Fußballnationalmannschaft ärgern muß.

    Gruß
    K.

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