Im September 1634 gelang den Kaiserlichen bei Nördlingen ein großer Sieg gegen die Protestanten, die 1635 in den Frieden von Prag einwilligen mußten. Der sächsische Churfürst wechselte wieder einmal die Seiten und wurde mit einem Dispens zufriedengestellt: das Restitutionsedikt sollte vierzig Jahre ausgesetzt werden. Den Fürsten wurde das Aufstellen und Halten einer eigenen Armee verboten, statt dessen sollte eine Reichsarmee von 80000 Mann ständig unterhalten werden, wovon 50000 vom Kaiser und 30000 vom sächsischen Churfürsten geführt werden sollten. Marschall des Reiches sollte der sächsische Churfürst sein. Der nahm sein Amt an und trieb die Schweden vor sich her. Der Kaiser seinerseits stellte alle westlich operierenden protestantischen Verbände und jagte bis weit nach Frankreich hinter diesen her. Der Sieg des Kaisers schien vollkommen, wenn da nicht Bernhard von Weimar gewesen wäre. Der sammelte die protestantischen Verbände, brachte französische Verbände dazu, sich ihm unterzuordnen und ließ ausrufen, daß der Protestantismus und die Religionsfreiheit unter ihm am Leben seien.
Wenn die kaiserliche Seite sich bereit gefunden hätte, dieser Religionsfreiheit, wie sie im Augsburger Religionsfrieden definiert worden war, zuzustimmen, hätte der Krieg beendet werden können, aber der Kaiser wollte den vollständigen Sieg. Vielleicht ist sogar anzunehmen, daß er ihn nicht nur wollte, sondern vor allem brauchte. Er glaubte sich und sein Haus an einem Scheitelpunkt der Geschichte angekommen: Sein oder Nichtsein? Die Lösung war wie fast immer ein Dazwischen. Dogmatische Fragen werden meist durch Kompromisse beantwortet, so auch hier. Und so ging es immer weiter; es zogen Scharen von Abenteurern durchs Reich, sich selbst versorgend, was bedeutet, daß sie plünderten. 1639 starb Bernhard. Der Krieg ging weiter, von Richelieu immer wieder angefacht, von den Schweden immer wieder aufgenommen, die Jahr auf Jahr mit neuen Truppen auf Usedom landeten.

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Die Reichsarmee konnte nicht gehalten werden. Es fehlte an Führung und Geld. Die Fürsten achteten eifersüchtig darauf, daß sie eigene Kontingente stellten und unterhielten. Sie besaßen das Waffenrecht, es war ihnen also nicht verboten. Am Ende des Krieges stand es im Reich so, wie Richelieu es von Anfang gewollt hatte: ein in sich zerstrittenes und zerstörtes Land ohne klare Führung, das unfähig war, seine Kräfte zu konzentrieren und leicht zur Beute Frankreichs werden mußte. Die Fürsten wechselten die Seiten nach Belieben, man konnte leicht das Gleichgewicht nach eigenem Ermessen gestalten. Alle waren käuflich, Werte und Moral auf dem Tiefpunkt, Rohheit und Gemeinheit prägten den Alltag, Hunger und Krankheit überall. Vanitas. Die Religion war vorgeschoben, Formel zu Verpflichtungen, die am nächsten Tag schon nichts mehr wert waren.
1645 war man erschöpft genug, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen. Schweden und Frankreich bestritten, mit dem Reich im Kriege zu sein. Man setzte separate Friedensverhandlungen fest, in Osnabrück (Schweden) und Münster (Frankreich). Drei Jahre wurde nun verhandelt.
Der Churfürst von Brandenburg überließ den Großteil Pommerns den Schweden und erhielt dafür (von wem eigentlich?) Magdeburg, Halberstadt und Minden. Die Churpfalz wurde wiederhergestellt, doch Bayern behielt seine Churstimme und erhielt außerdem rechtsrheinische Gebiete der Pfalz. Die Religionsfrage durfte auf Reichstagen jedoch kein Gegenstand von Abstimmungen sein; es galten hier die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens. Frankreich erhielt Gebiete im Elsaß und somit Zugriff auf deutsches Reichsgebiet. Die Schweiz [1] und die Niederlande traten aus dem Reichsverband aus und bildeten eigene Staaten. Am Staatsaufbau des Reiches wurde nichts verändert; es gab nach wie vor drei Rechtsebenen: die des Kaisers, die des Reiches und die der Fürsten. Doch entschied der Krieg, um einmal etwas Positives zu sagen, den Sieg des föderativen Prinzips über das zentralistische; man könnte von einer föderativen Nation statt einer absolutistischen Monarchie sprechen. Das Zauberwort zu Deutschland lautete „Gleichgewicht“; allerdings war der Reichsgedanke zugunsten des partikulären in der Defensive geblieben, dennoch ist auch festzustellen, daß die Fürsten am Reich festhielten und ihre Selbständigkeit nicht überbetonten: Das Reich entzwickelte sich zu einer Föderation mehr oder weniger gleichgestellter Klein-, Mittel- und Großstaaten in unterschiedlicher nationeller Zusammensetzung, aber immer doch mit den Schwaben, Brandenburgern, Sachsen oder Bayern als dominanter (germanisch-deutscher) Volksgruppe. Der innere Zusammenhalt der Deutschen war stärker als der Drang zur Eigenstaatlichkeit in landesmannschaftlicher Organisation mit einem monarchischen Oberhaupt. Dieser Drang bestand und entwickelte sich, aber dagegen weste ein inneres Band über landsmannschaftliche Grenzen hinweg und v.a. das Bewußtsein, daß die deutsche Libertät nur dann gewährleistet werden könnte, wenn die Kräfte im Reichsverband einander in Schach hielten.
Der Verlust der reichen Niederlande wog schwer, der der armen Schweiz dagegen kaum. Der Friedensschluß kam gegen den Willen des Papstes zustande, der an politischem Einfluß viel verloren hatte und den Frieden als Ketzerwerk bezeichnete, da Religionsfreiheit verkündet wurde.


Aufgaben:


  1. Ermittle die Ergebnisse des Dreißigjährigen Krieges! (I)
  2. Erkläre das französische Engagement auf protestantischer Seite! (II)



[1] Die Schweiz betrachtet sich in ihrem heute vorwaltenden historischen Selbstverständnis als bereits um 1290 selbstbefreites Volk und feiert das mit alljährlich wiederkehrenden Festivitäten. Historisch ist das Unfug. Bei aller Dramatik, die der Sage um den Jäger (Wilhelm Tell), der gezwungenermaßen auf sein Kind schießen muß (den Apfel vom Kopf), innewohnt, die Ereignisse fanden nicht statt. Allerdings wird bereits um 1470 im "Weißen Buch von Sarnen" der Rütlischwur (ein gegenseitiges Treueversprechen einiger schweizer Gemeinden) mit dem Namen Tell verbunden und trat nun seinen Siegeszug in der Vorstellungskraft der Schweizer an. Daß die Ereignisse um Tell und den Rütlischwur unhistorisch sind, hatte bereits der luzerner Geschichtsschreiber Josef Kopp um 1845 erkannt und beschrieben, dennoch pflegen die Schweizer bis heute den Kult um Tell. Historisch dagegen ist der Austritt der Schweiz aus dem Reichsverband 1648.

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