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Thema: Der Mann

  1. #1
    Oliver
    Laufkundschaft

    Der Mann

    Hallo Leute! Wie kann man Nachfolgendes bewerten?

    ---
    Es war ein Mann, der seine Aufgabe darin sah, möglichst lange in ein und derselben Position auf seinem Stuhl zu sitzen. War es am Anfang etwas schwierig, auf das Sprechen der Leute vor seiner Wohnungstür nicht achtzugeben, so bestand nach Überwindung dieses ersten Hindernisses die nächste Schwierigkeit darin, seinen Körper allmählich zu ignorieren, die Nase jucken zu lassen und den Fuß nicht entspannend kurz abzuwinkeln, wenn der Drang danach schon unerträglich geworden war. Nur auf seinem Stuhl wollte er eine möglichst lange Zeit sitzen, ohne Bewegung und mit möglichst langsamem Herzschlag.
    Die einzige Aktivität, die er sich gestattete, war es, hie und da einen schnellen Blick auf seinen Pulsmesser zu werfen, um einen messbaren Nachweis seines Ideales des absoluten in sich Ruhens zu besitzen. Er verglich mit früheren Werten und freute sich, wenn er auf eine Frequenz von um die 40 Schläge pro Minute kam. Sein Rekord lag bei 36 Schlägen.
    Freute er sich aber zu stark, etwa wenn er von einem unerwartet tiefen Puls überrascht wurde, so tadelte er sich sogleich, da er meinte sich derart von sich wegzubewegen. Der Blick auf den Pulsmesser sollte idealerweise kurz und unauffällig geschehen, so als ob jemand anderer auf die Anzeige sähe und ihm den Wert in einem Nebensatz übermittelte - ähnlich wie man bei einem Kind, dem man beibringen will, dass seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen seien, lange Zeit von Himmel und seinen vielen Engeln spricht, bevor man beiläufig erwähnt, dass auch seine Eltern ab sofort dort oben Platz gefunden hätten und deshalb der sonntägliche Schokoladenkuchen ausfalle.
    Wenn es ganz unglücklich läuft, so kann es passieren -wie bereits einmal-, dass die Batterie während des Prozesses des versuchten in sich Gehens den Geist aufgibt und keinen Aufschluss mehr darüber gibt, wie weit man bereits in die Sphäre der Absolutheit vorgedrungen sei. In dem einen Fall, da dem Mann dies unvorbereitet zustieß, brach er ab, da er sich außerstande sah, ohne Echolot gesichert nach vorne zu kommen und startete einen neuerlichen Versuch erst wieder, nachdem er im Geschäft eine neue Batterie gekauft und sie in den Pulsmesser eingelegt hatte. Um vor derartigen Überraschungen in Zukunft gefeit zu sein, konstruierte er eigens eine in Serie schaltbare Batterieanordnung, damit beim Ausfall der einen gleich die nächste zur Stelle sei.
    In seinen ersten Versuchsmonaten schaffte es der Mann bereits fünf Tage lang regungslos auf seinem Stuhl zu verharren. Da sein Pulsschlag sehr niedrig war, brauchte er nicht viel zu essen und konnte lange an seinen Fettreserven zehren. Das einzige Problem war das Trinken, das ihn auch in seinem bisherigen Rekordversuch dazu zwang, die Hand nach fünf Tagen nach vorne zu einem auf einem kleinen Kästchen stehenden Wasserglas auszustrecken und davon einige große Schlücke zu nehmen, bevor er wieder weitere vier Tage in sich versinken konnte und dann diese insgesamt neuntägige Etappe aus Mangel an Konzentration abbrechen mußte.
    Aus Wut darüber, dass er am fünften Tag durch sein natürliches Durstverlangen in seinem Verharren beeinträchtigt wurde, nahm er sich vor, einen Infusionsständer neben sich zu platzieren, der ihn in regelmäßigen Abständen mit Wasser versorgen sollte. Aus weiser Voraussicht erkannt der Mann, dass in diesem Fall beim nächsten Mal nicht das Wasser Probleme bereiten würde, sondern die Nahrung und plante so die Infusionstechnik auch für den regelmäßigen Nachschub an Flüssignahrung zu verwenden - ähnlich wie man Intensivstationpatienten zu einer ausgewogenen Ernährung verhilft.
    ---
    Oliver

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Der Mann

    Hallo, Oliver.

    Sei gegrüßpt in dieser Runde.

    Honore de Balzac war der Auffassung, dass man besonders lange leben könne, wenn man sich möglichst wenig bewege. Sein Paradebeispiel waren die Bäume, die sich ja kaum fortbewegen und mehrere hundert Jahre alt werden. Balzac versuchte immer, nach dieser Regel zu leben. Er wurde nicht einmal 50.

    Hm, solche Einleitungen mache ich bei Kritiken nur, wenn ich eigentlich nicht weiß, was ich schreiben soll. Brainstorming nennt man das wohl.
    Fangen wir noch einmal an:

    Beim Einleitungssatz dachte ich noch, es käme ein Märchen. Es ist nicht allzu günstig, Texte mit "es war" beginnen zu lassen, das weckt Erwartungen. Bis über die Hälfte des Textes hinaus dachte ich, ich bekäme eine etwas seltsame Anleitung für Autogenes Training. Dann schien es mir doch eher in die oben erwähnte Balzacsche Richtung zu gehen. Schließlich kam ein Schluss, der keiner war.
    Nun, ich kann sagen, was der Text m. E. nicht ist: Es ist keine Geschichte, sondern eine Skizze. Es ist zwar ein Gedanke zu einer Geschichte vorhanden, aber er ist noch nicht in Form gefasst. Die Sprache, die du benutzt, ist dem Thema auch nicht angepasst, hier wäre ein wesentlich ausführlicheres, ja, langweiliges Erzählen nötig.
    Nebenzu: Als ich
    Zitat: "während des Prozesses des versuchten in sich Gehens"
    las, hätte ich beinahe nicht weitergelesen. (Aber um diese Dinge kümmert sich ja Robert)
    Ich würde mich freuen, einen anderen Text von dir kennenzulernen. Dieser ist nur das Versprechen, dass da etwas da sein könnte.

    Nichts für ungut,
    Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Mann

    Nun ja, ich habe den Eindruck, das erste Drittel einer Geschichte gelesen zu haben, deren fehlender Teil jedoch - wenn alles weiterläuft wie bisher - alles andere als überraschend sein wird.
    5 Tage, 10 Tage, 20 Tage und schließlich ex.
    Derartiges wirkt auf Dauer ermüdend, wenn weit und breit keine Pointe in Sicht ist.
    Unterhaltsam allenfalls das Einsprengsel mit dem ausgefallenen Schokoladenkuchen, ansonsten aber - siehe oben.

    Gruß
    K.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Mann

    Lieber Oliver,
    ich grüße Dich und wünsche mir eine gute Zusammenarbeit.
    Die ersten Reaktionen auf Deinen Beitrag erscheinen mir ja alles andere als erbaulich. Aber ich will da nicht unbedingt mit einstimmen. Sicherlich gibt es Schwächen im Abschluss, das könnte man überarbeiten, da stimme ich meinen Vorbewertern zu.
    Allein der Anfang "Es war ein Mann..." fasziniert mich sehr, klingt schweizerisch, so nach frühem Bichsel. Es heißt ja nicht "Es war einmal", also kein Märchen, da leg ich Wert drauf. Und allein dieser Anfang schafft es, diesen namenlosen Mann so nah zu bringen, dass man tatsächlich eine Sonderling-Geschichte erwartet. Hier machst Du gewisse Anspielungsanleihen bei Süskind. Die Verweise auf die genannten Autoren sollen Dich nicht als epigonal abstempeln, im Gegenteil, ich glaube, Du bist auf einem interessanten Weg, gerade mit dieser Art des Be-Schreibens. Robert wird sich sicher noch zupfend dem Textlein widmen, und wenn dann noch etwas übrig bleibt, kannst Du sicher sein, dass etwas draus zu machen ist. Die ganze Welt besteht aus Sonderlingen, aus Menschen mit Macken, nur niemand macht sich die Mühe, diese aufzuzeigen, aufzuzählen, weil es mühsam ist. Lesenswert ist Dein Text allemale. Ich werde mich auch noch weiter um ihn kümmern...
    herzlichst uis

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Mann

    hallo oliver,

    also, ich fragte mich, wo er mit seinem überschuß bleibt.

    bye
    tt

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Mann

    Hallo Oliver!
    Herzlich willkommen im Forum des geschriebenen Wortes. Ich hoffe, Du hast die Regeln gut gelesen und beteiligst Dich rege.

    Zu Deinem Text: literarisch ist er nicht. Aber das muß ja nichts heißen. Nicht jeder hier verhandelte Text ist literarisch oder muß literarisch sein. Meiner ist's ja augenblicklich auch nicht.
    Wollt ich was sagen? Nein, eigentlich nicht. Vorn fehlt etwas, mittendrin und am Ende auch. Schreib mal noch ein bißchen drumrum, vielleicht find ich mich dann zurecht. Vielleicht aber sollte sich jemand damit befassen, der weiß, daß ein Auto fünf Räder besitzt.

  7. #7
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    AW: Der Mann

    Literaturhinweis: Tom Robbins, Salomes siebenter Schleier!
    Hier schafft es ein Mann, sich, beschrieben auf vielen Seiten, in 24 Stunden einmal um sich selbst zu drehen. Sein Name " Turn around Willy". Auch sonst wegen der Verbindung von Islam, Football und Judentum sehr lesenswert, lobenswert.

  8. #8
    Oliver
    Laufkundschaft

    AW: Der Mann

    Danke erst mal für die Antworten!
    Habe diese Tage nur beschränkten Internetzugang und bin auch ansonstan nicht übermäßig mit Zeit überschüttet; demnächst aber gehts hoffentlich besser...
    O.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Mann

    Oliver hat sich hoffentlich eine andere Freizeitbeschäftigung gesucht. Schreiben sollte es nicht sein. Phantasie und Gestaltungswillen impuldieren hier nicht eben Schreibers Welten.

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