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Thema: Weinen

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Weinen

    Weinen

    Ruth drückt den Filter ihrer Zigarette zwischen den Fingern zusammen, bis er flach genug ist, um sich angenehm zwischen die Lippen zu schmiegen. Während sie den Rauch langsam ausatmet, betrachtet sie die Risse, die von der Mitte der Tischplatte immer weiter nach außen vordringen. Sie hatte sich diesen Tisch gewünscht, eine dicke Ulmenscheibe, entrindet, aber sonst unbehandelt. Das Holz war wohl noch zu frisch gewesen, so biegt es sich langsam, wird schief und rissig.
    Arno erzählt Magda und Gero, ihren Nachbarn und Freunden mal wieder, wie untüchtig Ruth selbst in Kleinigkeiten sei. Lachend berichtet er, dass sie nicht einmal ein Nummernschild an ihrem Auto richtig festmachen könne. So habe er sie ja auch kennen gelernt, ein hübsches Mädchen in einem klapprigen Wagen dessen Nummernschilder mit Draht an den Stoßstangen befestigt waren. Da habe er einfach helfen müssen. Ruth hört Arno zwar zu, versuchte aber seine Worte nicht in sich eindringen zu lassen. Sie weiß wie wenig patent sie ist, wie Arno es gerne ausdrückt. Magda, halb im Sessel liegend, die Hände schützend über ihren schwangeren Bauch gefaltet, lacht herzlich über diese Geschichte. Ruth versucht mitzulachen, aber als sie den spöttischen Blick von Gero auffängt, muss sie wieder gegen das Bedürfnis zu weinen ankämpfen. Arno liebt diese Anekdoten, sie merkt, wie er ihre Reaktion beobachtet, so hebt sie die Brauen, verzieht den Mund zu einem spöttischen Lächeln und entgegnet,
    „sei lieber froh dass nicht alle so tüchtig sind wie du, sonst hättest du viel mehr Konkurrenz. Das willst du doch sicher nicht, oder?“
    Eine schwache Antwort, Arno bemerkt es sofort und setzt nach,
    „es gibt auch nicht viele Frauen, die sich jahrelang damit begnügen in einer Bude zu sitzen und Lose zu verkaufen.“
    Magda fällt ihm ins Wort,
    „lass sie doch Arno, da kommt sie jedenfalls mal hier raus. Es ist sicher auch interessant, die Leute und so?“
    sie will ihr wohl beistehen, machte es aber mit ihrer Bemerkung nur noch peinlicher.
    Ruth mag es in dem kleinen Holzhäuschen auf dem Marktplatz zu sitzen. Sie verkauft gerne Lotterielose - an aufgeregte fröhliche Kinder, an enttäuschte Frauen mit schweren Einkaufstaschen - die immer direkt sagen, dass sie nie gewinnen - oder an ärmliche Männer in abgetragenen Anzügen, die ein Stück beiseite treten, bevor sie das Los mit ernstem Gesicht aufreißen.
    Wenn niemand kommt, kann sie sich in die Welt eines Buches hüllen oder der flinken Schneiderin im Änderungsatelier zusehen, manchmal schließt sie auch nur die Augen und versucht alle Geräusche um sich herum zu deuten. All dies sind Dinge, die Ruth ihre Arbeit lieben lassen, aber, wie soll sie dies Gero mit seiner Softwarefirma erklären, oder Magda, seiner ehemaligen Assistentin, die jetzt ganz ihre Mutterschaft genießen will. Bevor Ruth antworten kann, meint Arno mit unnachgiebigem Lächeln,
    „Ruth willst du uns nicht erzählen, warum du dich so gerne in diesem Büdchen zur Schau stellst?“
    ohne auf eine Antwort zu warten, wendet er sich mit einem Auflachen an Gero,
    „Ruth hat einfach das Problem, dass sie nur für ihr hübsches Gesicht Anerkennung bekommt
    “ist es nicht so, Schatz? Wenn man sonst nichts hat, muss man sich die Anerkennung halt von den Männern auf der Strasse holen. Es ist eigentlich ein Jammer,“
    und zu Magda gewandt,
    „Ruth ist eigentlich wirklich intelligent, nur macht sie nichts daraus?“
    dann mit fordernd vorgestreckten Kinn zu Ruth,
    „vielleicht wird es ja anders, wenn wir Kinder haben.“
    Arno seufzt, während er nach einer Zigarette greift,
    „es wird wirklich langsam Zeit.“
    Gero bedenkt Magda mit einem stolzen Blick und zündet sich ebenfalls eine Zigarette an.
    Magda wedelt mit gequältem Ausdruck mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, Gero dreht sich sofort zur Seite und bläst den Rauch über seine Schulter. Arno tätschelt Magda unbefangen den Bauch und meint grinsend,
    „das sollte der Kleine schon vertragen können, sonst wäre er kein echter Scheibler, nicht war Gero? Außerdem kann ich dir als Arzt sagen, so schlimm ist das nicht mit dem bisschen Rauch.“
    Magda entgegnet kühl,
    „auch wenn du mein Arzt warst, du kannst mir glauben, ich merke sehr genau, was mir und meinem Kind bekommt, und was nicht.“
    Arnos Lächeln verlässt seine Augen, nur der Mund grinst tapfer weiter,
    „was meinst du damit, dass ich dein Arzt war? Keine Operationen mehr nach der Schwangerschaft? Gut lassen wir das Thema jetzt, für mich ist es sowieso besser, weniger zu rauchen.“
    Ruth ist zwar erleichtert, dass sie nicht mehr im Mittelpunkt steht, aber Magdas kleine Drohung bereitet ihr Unbehagen. Arno hatte vor wenigen Jahren noch eine normale Praxis als Chirurg, versorgte Schnitte, Platzwunden und machte kleine Operationen. Dann verlegte er sich auf plastische Chirurgie und wurde ein erfolgreicher Schönheitschirurg, nicht zuletzt weil Magda alle ihre Freundinnen zu ihm schleppt.
    Ruth bemerkt, dass sie wieder viel zu flach atmet, das passierte ihr immer, wenn sie Spannungen um sich fühlte. Manchmal hatte sie das Gefühl, ohne Haut zu leben, schon winzige Verstimmungen empfindet sie als Schmerz. Zum Glück springt in diesem Augenblick Kugelblitz, der dicke Kater, auf ihren Schoß. Dankbar lässt sie sich zurücksinken, damit er es sich auf ihrem Bauch bequem machen kann. Als er schließlich liegt, faltet sie sanft ihre Hände über ihn, mit der gleichen Geste, mit der Magda ihren Leib umfasst. Warum fällt ihr jetzt nur keine lustige Geschichte ein, etwas, das alle von Magdas selbstsicherem Schweigen befreien würde. Aber das einzige, wovon sie berichten könnte, wären die völlig gewöhnlichen Loskäufer die sie jeden Tag sieht. Vielleicht hatte Arno ja auch Recht, sie genießt es wenn ein junger Mann ihr tief in die Augen sieht, manche kommen sogar öfter und versuchen sie zu einem Kaffe einzuladen. Ruth weiß, darauf kann sie sich nichts einbilden, sie ist hübsch und das ist auch das einzige, was sie zu bieten hat. Arnos Freunde sind alle erfolgreich, die Ehefrauen haben studiert, obwohl keine von ihnen arbeitet. Das schlimmste ist, dass sie Arno schon seit einem Jahr belügt, obwohl sie vorgibt, auch Kinder zu wollen, nimmt sie heimlich die Pille. Bald würde er darauf bestehen, dass sie sich untersuchen lässt. Ruth hat Angst, Angst davor, als Lügnerin entlarvt zu werden, Angst davor, Kinder zu bekommen und am meisten fürchtet sie, anzufangen zu weinen und nie mehr aufhören zu können. Die Unterhaltung setzt zögernd wieder ein, Gero berichtet von einem neuen Computerprogramm für Ärzte und Magda erkundig sich bei Ruth nach einem Buch, was sie ihr einmal geliehen hat. Sofort setzt Ruth Kugelblitz auf den Boden und springt auf, um es zu holen, dankbar einen Augenblick wegzukommen. Sie muss eine Weile suchen und als sie mit dem Buch zurückkommt, herrscht schon Aufbruchstimmung. Arno kommt aus der Küche und spült zwei Tabletten mit einem großen Glas Wasser herunter. Das tut er fast jeden Abend, damit er schnell einschläft. Magda lässt sich von Gero in den Mantel helfen und bedankt sich für das Buch. Darauf folgen die üblichen Umarmungen und Wangenküsse, bis morgen, man würde sich ja sowieso im Garten sehen.
    Arno verschwindet als erster im Badezimmer, die Schlaftabletten die er immer nimmt, wirken schon nach kurzer Zeit. Ruth hat einmal eine davon genommen, als sie furchtbar nervös war, weil ihre Periode trotz Pille ausgeblieben war. Sie war wenig später in einen komaähnlichen Schlaf gefallen und erst nach zwölf Stunden wieder aufgewacht.
    Ruth schminkt sich sorgfältig ab, sieht sich dann solange im Spiegel an, bis ihr Gesicht sich aufzulösen scheint. Schließlich verzieht sie den Mund zu einem Lächeln und geht ins Schlafzimmer. Arno liegt halb aufgerichtet im Bett und raucht ein Zigarillo, dies ist für ihn das Schönste vor dem Einschlafen. Ruth findet den Gestank zwar kaum auszuhalten, hat aber schnell aufgegeben, sich darüber zu beklagen. Arnos Argumente sind immer die gleichen, er müsse den ganzen Tag hart arbeiten und lasse sich dies kleine Vergnügen nicht verleiden.
    Während Ruth sich auszieht, bemerkt er schon mit etwas schleppender Stimme,
    „willst du wirklich deinen Busen nicht vergrößern lassen, es muss ja nicht viel sein, aber was du da hast, würde ja kaum eine Zwölfjährige zufrieden stellen.“
    Ruth spart sich eine Antwort, da sie merkt dass Arno langsam wegdämmert. Dann setzt sie sich wie jeden Abend auf seine Bettkante und wartet darauf, dass das Zigarillo ihm aus der Hand fällt.
    Einmal hat sie nicht aufgepasst, weil sie im Wohnzimmer mit einer Freundin telefonierte. Natürlich war Arno eingeschlafen und hat ein großes Loch in die Matratze gebrannt. Nach dem gewaltigen Krach der hierauf folgte, Ruth musste sich tagelang anhören, dass sie nicht das mindeste Verantwortungsgefühl habe, weder für ihn, noch für die Beziehung, hat sie diese Pflicht nie mehr vernachlässigt.
    Ruth muss sich nicht lange gedulden, Arnos Kopf sinkt zur Seite, seine Finger öffnen sich, geschickt zupft sie die glühende Kippe heraus, wirft sie in die Messingdose und schließt den Deckel. Leise schlüpft sie in ihr Bett, kauert sich zusammen und umarmt ihre Knie, dann zieht sie sich die Decke über den Kopf. In diesem Zelt beginnt sie ruhig zu atmen, immer fester drückt sie das Gesicht gegen ihre Beine, bis sie merkte, wie der Schmerz in der Brust nach oben steigt, ihre Kehle entzündet und sie endlich weinen kann.


    PS
    das Glück wird am Wochenede überarbeitet

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Weinen

    Die Schilderung in Gegenwartsform. Ich hatte den Eindruck, die Regieanweisungen eines Theaterstücks zu lesen. 70er Jahre, Wohnzimmerszene, einige Personen spitzen frustrierende Halbfeindseligkeiten, die dazu führen,dass die Heldin am Ende einen leicht unterkühlten Gefühlsausbruch erleidet. Der Vorhang fällt, der Zuschauer bleibt, gewollt, im Dunkeln.

  3. #3
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    AW: Weinen

    Hallo Hannemann

    Du hast voll ins Schwarze getroffen, dies sind verfremdete Szenen meiner 1. Ehe (1974)
    Das war da wohl so, zumindest wenn man so blöde war wie ich.
    Dann merkt man ja sogar den "Zeitgeist"

    Kyra

  4. #4
    mimi
    Status: ungeklärt

    AW: Weinen

    Und Du hast dem Mistkerl nichts angetan????

    Herzlichen Gruß
    Mimi

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Weinen

    Siehst Du, Kyra, und ich habe die ganze Zeit überlegt, warum es insgesamt so blass bleibt. Es sind, wie Du sagst, Szenen... Solche Szenen mögen zwar manchmal in sich wirken als Miniaturen, hier aber fehlt es rundherum an Fleisch und ein wenig gestalterischer Überspitzung. So ist das mit aus dem Zusammenhang herausgelösten Schnipseln und Versatzstücken. Immer mal wieder fehlt ein wenig Kontext.
    herzlichst uis

  6. #6
    mimi
    Status: ungeklärt

    AW: Weinen

    Häh?,
    nur so ein Vorschlag als Anregung, liebe Kyra: verwende seine glühende Kippe anders...

    Blutrünstigen Gruß
    Mimi

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Weinen

    Hallo Mimi,

    damit hast Du sicher Recht !
    Hallo Uis,

    Du schreibst:
    hier aber fehlt es rundherum an Fleisch und ein wenig gestalterischer Überspitzung.

    ich wollte es eigentlich so künstlich, wenn es natürlicher wäre, wären die Personen noch unerträglicher. Oder müsste ich es noch künstlicher machen?
    Ich wollte eigentlich so etwas zwischen ganz künstlich und Familienszene....

    Kyra

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Weinen

    Gut, Kyra, folgendes:
    Wenn Du schreibst, hast Du unterschwellig oder nicht eine Botschaft, eine Absicht, die Du vermitteln willst. Oder willst Du Voyeuren nur die Gelegenheit geben, Einblicke intimster Art zu nehmen? Das kann es nicht sein. Im vorliegenden Falle, und ich behandle den Text jetzt mal als Fiktion, müsste diese Botschaft wenigstens darin bestehen, dass die Heldin eine Wandlung erlebt hat, dass eine Wende eingetreten ist, und wenn man es auch nur ahnt, wenn es auch nicht ausgesprochen wird. Davon merkt man in dem Text allerdings etwas zu wenig. Hier wird zu teilnahmslos erzählt, zu lapidar aneinandergereiht. Gerade in biographischer Rückschau, Stichwort "Autobiographie", sammelt man zunächst viele kleine Episoden aus einem gelebten Leben. Und was macht man mit ihnen: man ordnet sie an, damit sie ein Gefüge, ein mehr oder weniger logisches Textgefüge ergeben, welches das Jetzt, die Gegenwart eines Autobiographen erklärt, erhellt, plausibel macht. Verzeih diesen theoretischen Exkurs, kurz gesagt will ich auf eine Stringenz des plots kommen. Nichts ist natürlich, was wir schreiben, nichts ist künstlich, wir bilden immer ab durch uns, und das Abgebildete ist so natürlich oder so künstlich wie wir selbst.
    herzlichst uis

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Weinen

    Ach, die Kyra, alias Anisimow, alias Ame Schulze, alias, alias, alias! "Galeristin", hahaha! - In unserem Forum hat sie denselben Schmarrn gepostet, im "4w-Forum" ebenso, und dann, nachdem sie alle bemuehten Antworten zusammen hatte, wieder geloescht. Eine fiese Tour! Fallt auf die nicht rein, ist 'ne linke Ratte!
    Schulze, lass Dir mal was Neues einfallen, so ganz so doofi sind nicht alle! Ich krieg Dich ja doch, Du verheu(che)ltes Schweinchen!

    Wein mal wieder: Der Schein heilicht die Mittel!

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