+ Antworten
Ergebnis 1 bis 9 von 9

Thema: Ballast

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    759
    Renommee-Modifikator
    0

    Ballast

    Ballast

    Es ist wie üblich am Freitagabend, die Schlange vor Danielas Kasse wird immer länger. Sie sitzt auf der Kante ihres Drehstuhls und schiebt die Packungen mit geizigen Bewegungen am Lesegerät vorbei. Obwohl die feuchte Oktoberkühle ihr durch die Eingangstür über den Rücken streicht, ist ihr fast übel vor Hitze. Während ein alter Mann mit fahrigen Fingern Münzen aus der kleinen Geldbörse fischt, lässt sie den Kopf sinken und sieht auf die Grübchen in ihren Handrücken - Babyhände, es sind viel zu große, verletzliche Babyhände, die auf ihren vollen Oberschenkeln liegen. Rund und weich, mit rosig polierten Nägeln ruhen sie dort nebeneinander, wie zwei zufriedene Seekühe. Daniela trägt wie immer einen dunkelblauen Kittel über der Hose, ein weites Zelt in dem ihr Körper sich verkriechen kann, die riesigen Brüste, der unförmigen Bauch, dieser afrikanisch ausladenden Hintern, der ihr immer das Gefühl gibt, alle lachen über sie, sobald sie sich umdreht. Als sie den Blick wieder hebt, liegt das Geld von dem Alten schon da und er wartet mit einem geduldigen Lächeln. Die Röte der Gereiztheit steigt ihr in das hübsche, leicht aufgedunsene Gesicht, während sie die Münzen ungezählt in die Kasse wirft. Sie will heute keine Freundlichkeiten, keine Nachsicht, kein Verständnis - nicht einmal Streit, sie wünscht sich nur Leere, Ruhe, eine riesige Fläche Nichts, Stillstand, den Tod im Leben. Ohne zu denken kassiert sie weiter bis immer weniger Menschen das Geschäft betreten, es langsam ruhig um sie wird, die Gespräche an der Bäckereitheke wieder zu verstehen sind und sie nicht mehr in herbstblasse müde Gesichter blicken muss.
    Jetzt fühlt sie es wieder, diese verhasste Bewegung in ihrem Inneren - jenes Wesen, das in ihr heranwächst, ohne sie je gefragt zu haben, ob sie es wolle, ob sie das ertragen könne. Wie ein Parasit ernährt es sich schon seit über neun Monaten von ihrem Leib und verlässt ihn erst, wenn es vor der Welt als Mensch gilt.
    Daniela schämt sich schon lange für ihren Körper, aber seitdem sie fühlt, wie sich dieses eigene Leben in ihm entwickelt, mischt sich die Scham mit Ekel.
    Mit flachem Atem bedient sie die letzten Kunden, nimmt die Schublade aus der Kasse und geht ins Büro, um das Geld zu zählen. Hier trifft sie auch heute den Mann, der bei einer gehetzten ungeschickten Begegnung im Lager, zwischen Kartons mit Tomatensuppe und einer Palette Kartoffeln Marke Hansa, den Samen in sie pflanze - er arbeitet in der Fleischabteilung, sie begegnen sich jeden Abend bei der Abrechnung, aber seit jenem Tag schaffen sie es beide, sich in diesem winzigen Raum zu bewegen, als seien sie Lichtjahre voneinander entfernt.
    Seitdem träumt Daniela häufig von einem kleinen Topf mit blutroter Suppe, in die ihr alles hineinfällt, was sie gerne hat. Der kleine Clown, der auf ihrem Bett sitzt, die beiden Weihnachtsteller, die in der Diele hängen, ihr Lieblingslehrer aus der Volksschule, einmal ist selbst ihre ganze Wohnung darin untergegangen. Immer muss sie dann selber in die heiße Röte hinabsteigen aber nie ist es ihr gelungen, den geliebten Gegenstand zu bergen. Nachdem sie einmal in ihrem rot bezogenen Bett aufwachte und nicht mehr aufhören konnte zu schreien, schläft sie nur noch in weißer Bettwäsche.
    Die letzten Monate hatte sie versucht, dieses Geschöpf in sich zu töten, mit Gedanken, mit Schlägen und mit einer Stricknadel, mit Alkohol und Tabletten. Ihr ging es dabei immer schlechter, aber nichts von dem schien bis in die tiefe Höhlung ihres Bauches vordringen zu können - sie ist machtlos gegen dieses angeblich so verletzliche Lebewesen.
    Auf ihrem kurzen Heimweg überkommt sie wieder dieser unerträgliche Ekel, am liebsten würde sie sich mit bloßen Händen den Bauch aufreißen und dieses Ding herausholen, nur um endlich wieder alleine zu sein. Daniela ist gerne alleine, sehr gerne - wenn jemand sie fragte, was ihr im Leben am wichtigsten sei, würde sie ohne zögern antworten können. Mit trockenen Augen der Wut betritt sie ihre Wohnung, lässt Tasche und Mantel fallen, ein Kleidungsstück nach dem anderen zieht sie sich aus während sie ins Bad geht. Später, im warmen Wasser, weicht der Zorn einer fast angenehmen, gedankenlosen Trauer, in der sie sich alleine und geborgen fühlt.
    Als sie sich später abtrocknet, fällt ihr Blick in den großen Spiegel an der Badezimmertür. Manchmal, wenn es ihr gelingt, völlig zu vergessen wie andere sie sehen, kann sie ihren Körper ohne Abscheu betrachten. Alles an ihr ist schwer und stark, die Üppigkeit scheint ihr dann das Geschenk eines großzügigen Schöpfers zu sein. Ihre breiten Hüften sind der reine Ausdruck der Fruchtbarkeit. Sie ist jung, ihre Fülle spannte die zarte Haut über dem Bauch, lässt sie aber nicht reißen. Sie zuckt zusammen als sie dort plötzlich eine Bewegung fühlt, starrt in den Spiegel und beobachtet als sich dort eine kleine Erhebung abzeichnet, wie ein Kätzchen unter dem Laken - nur ist dies kein Kätzchen, sondern beharrt darauf, ein Teil von ihr zu sein. Die friedliche Stimmung ist verbraucht, aufgesaugt von ihrem Unterleib.
    In der Nacht wird sie von ziehenden Schmerzen geweckt, Daniela ist sofort hellwach. Seit Monaten hatte sie die Gedanken an diesen Augenblick vermieden, aber sie ist sich sicher, es alleine durchstehen zu können. Niemand weiß davon, keiner wird es je erfahren. Die nächsten Stunden sind eine qualvolle Erlösung. Nachdem sie mühsam mit einer Schere die Nabelschnur durchtrennt, bindet sie ihre Verbindung mit dem Baby endgültig ab und wickelt es sorgfältig in mehrere Handtücher. Dabei vermeidet sie es, ihm in das winzige rote Gesicht zu sehen, sie verschließt ihre Ohren vor den ersten zarten Schreien und schickt ihre Gedanken auf einen Vogelflug über die Baumwipfel eines Urwaldes. Niemand sieht auf der nächtlichen Strasse eine große dicke Frau, die mit einem Packen im Arm mit erschöpften Schritten zum Krankenhaus geht. Im Vorübergehen legt sie das Bündel vor dem Portal der Klinik ab. Niemand beobachtet sie.
    Wenig später liegt sie in ihrem, wieder blutrot bezogenem Bett und fällt in einen traumlosen Schlaf.

    eigentlich ein Versuch eine Geschichte im Präsens zu schreiben. Ob es hier gut und sinnvoll ist weiß ich noch nicht.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    31.July 2000
    Ort
    Münster
    Beiträge
    91
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Ballast

    Kyra meine Liebe. Es macht mir immer mehr Spaß dich zu lesen. Obwohl Spaß in diesem Zusammenhang vielleicht ein sorglos gewähltes Wort ist. [..] Nur mal so, entschuldige das ich euch unterbrochen hab. K. (Gr.H.)

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    7.August 2001
    Ort
    Paris (Frankreich)
    Beiträge
    194
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Ballast

    Liebe Kyra,

    wie bereits an anderer Stelle bemerkt, ist m.E. der Präsens immer ein probates Mittel um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Man hat dann das Gefühl mittendrin oder live dabei zu sein. Selbst eine zeitliche Abfolge der Geschichte läßt sich so intensiver mit-erleben.

    Speziell zu dieser Geschichte:

    Ich finde sie zu überladen mit schweren Bildern. Sie machen das ganze zu einem zähflüssigen Sirup, in dem man sich schwer tut voran zu kommen. Es fehlt dieser Geschichte - ganz im Gegensatz zu den anderen, die ich bisher von Dir gelesen habe - die Leichtigkeit, die die Tragik doch erst so richtig mit-fühlen läßt.

    Dies nur nochmals hier, falls Du es an anderer Stelle nicht so bald lesen solltest ...

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.645
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: Ballast

    Ich bin bei Deinen Texten zumeist hin- und hergerissen. Diesen würd' ich als typisch für Dein Schreiben bezeichnen. Der Ansatz gerät, dann kommst Du zum Kern, um ihn loszulassen, sich selbst zu überlassen, flatterst gleich zur nächsten Beobachtung, kehrst zurück und bleibst niemals stille stehen, um den Dingen im Leser Platz und Zeit zu lassen, sich mit eigener Gewalt zu entwickeln.

    Hier: Streich das Wort Samen, alles Direkte des Aktes, aber beschreib das Szenario und die psychologische Bestandheit der Heldin näher! Den Mann nehmen wir hier als deus ex machina, der hat keine Bedeutung, nur eine Funktion zu erfüllen. Dann wird das ein guter Text.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    759
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Ballast

    Hallo Robert,

    danke, Du gibst dem Drachen Wind ohne ihn von der Leine zu lassen.
    Feinarbeit kommt später, erst mal die Gewichtung eines Textes.

    Viele Grüße

    Kyra

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.October 2000
    Ort
    Bad Füssing
    Beiträge
    998
    Renommee-Modifikator
    22

    AW: Ballast

    Sie wohnt mir gegenüber, holte sich ihre Frucht wieder in ihr Zuhause. Erst leugnete der Metzger, dann zahlte er den Mindestsatz.
    Komisch, es gibt scheinbar keine neuen Geschichten. Und Alle sind nun glücklich. Heilsbotschaft, wert zu verkünden!

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    17.July 2001
    Beiträge
    99
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Ballast

    Hannemann,
    wir haben ja Demokratie. ok
    aber was sollen wir denn wirklich neues schaffen?
    Leid zeiht sich wie eine Karawane durchdie Jahrtausende und doch ist es jedem neu, der es erfährt.
    grummel

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.October 2000
    Ort
    Bad Füssing
    Beiträge
    998
    Renommee-Modifikator
    22

    AW: Ballast

    Warum grummel?
    Neun Monate war die Gute krank, jetzt lacht sie wieder, Gott seu Dank.

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    14.October 2000
    Beiträge
    29
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Ballast

    Auch ich kann mich endlos, sinnlos wiederholen, und ist es nur, um zu nerven:

    Ach, die Kyra, alias Anisimow, alias Ame Schulze, alias, alias, alias! "Galeristin", hahaha! - In unserem Forum hat sie denselben Schmarrn gepostet, im "4w-Forum" ebenso, und dann, nachdem sie alle bemuehten Antworten zusammen hatte, wieder geloescht. Eine fiese Tour! Fallt auf die nicht rein, ist 'ne linke Ratte!
    Schulze, lass Dir mal was Neues einfallen, so ganz so doofi sind nicht alle! Ich krieg Dich ja doch, Du verheu(che)ltes Schweinchen!

    Kotz Dich doch mal wieder selber an, Du Hirnlostraene, Du verlogene!

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •