Wir setzen ein mit der Thronbesteigung Ludwigs XIII. 1610. Er stand unter der Regentschaft seiner Mutter, einer Medici. Sie war an der Stärkung ihrer Hausmacht interessiert, nicht jedoch daran, mit den Hugenotten auszukommen. Sie verheiratete ihren Sohn mit der Habsburgerin Anna, einer Katholikin. Die Protestanten witterten Verrat. Unmut im Land. Verschwörungen. Maria ernannte 1624 Kardinal Richelieu zu ihrem Berater. Der glättete sofort die Wogen, indem er Karl I. von England mit einer Schwester des Königs verheiratete. Das beruhigte die Protestanten.
Für Frankreich war der Krieg in Deutschland, der später den Namen „Dreißigjähriger Krieg“ bekommen sollte, eine große Gefahr, denn wenn der Kaiser diesen Krieg gewinnen sollte, was zu befürchten stand, so wäre Frankreich zwischen Spanien und dem Reich eingekeilt gewesen. Solange das Reich politisch uneinheitlich blieb, konnte Frankreich seine Kräfte entfalten, was in dieser Zeit bedeutete, es konnte expandieren und anderen Land, Menschen und Besitztümer wegnehmen.

Der Staat entsteht durch Vertrag, bei dem die Vertragschließenden ihre Rechte auf eine zentrale Gewalt übertragen. Der Mensch ist ursprünglich nicht auf die staatliche Gemeinschaft angelegt, dennoch erscheint der Übergang vom Naturzustand zur Gemeinschaft als ein Gebot der Vernunft. Die Menschen verzichten auf ihre unbegrenzte Freiheit im Naturzustand, unterwerfen sich der Staatsgewalt und gewinnen dafür einen Zustand der Sicherheit und Ruhe.
Der Staatsvertrag führt nicht zur Volkssouveränität, sondern zur völligen Unterwerfung des einzelnen unter die neue Staatsgewalt. Unbegrenzte Freiheit hat nur noch der Staat, denn zwischen den Staaten besteht der Naturzustand weiter. (Thomas Hobbes: Leviathan.)

Richelieu war der richtige Mann für diese Politik. Er fand ein reiches, aber steuerpolitisch ungeordnetes Land bei seinem Amtsantritt vor. Richelieus Vorgänger, Sully, hatte vergebens versucht, da Abhilfe zu schaffen. Er griff zu dem alten Mittel des Ämterverkaufs, Simonie. Das dehnte sich auch auf die Justiz aus. Sporteln. Letztlich war das eine Politik zur Stärkung partikularistischer Strömungen. Denn jeder Beamte hatte das Bedürfnis, sein ausgegebenes Geld für das Amt schnell wieder einzutreiben, was gegen zentralistische Aspekte des Königtums gerichtet sein mußte. Bizarr genug erscheint es, daß die Hugenotten, die von jeher an einer Schwächung der Königsmacht interessiert waren, sich hier mit diesen Strömungen verbinden mußten. Richelieu dagegen war an einer Stärkung der Zentralmacht interessiert. Es mußte zum Kampf kommen. Das Symbol dafür war die hugenottische Bastion an der Atlantikküste, La Rochelle. Richelieu ließ es belagern, bis es fiel. Er begnadigte die Hugenotten, ließ ihnen ihren Glauben, auch die Ausübung und nahm die Hugenotten in den französischen Staatsverband auf, indem er ihnen wichtige Stellen im Staat zusicherte. Das war ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu einem einheitlicher operierenden Nationalstaat. Frankreichs Kräfte waren nunmehr nicht zerstreut, sondern liefen mehr und mehr auf die Wünsche des Königs zu, der seinerseits von Richelieu beherrscht wurde.
Die Königin-Mutter, Maria von Medici, war mit dieser sanften Politik gegen die Hugenotten wenig einverstanden, doch Richelieu überzeugte den König mit Hilfe wirtschaftlicher Argumente, so daß der französische König die eigene Mutter samt näherem Anhang aus Frankreich verbannte. Die verbliebenen Anhänger der Medici und andere mögliche innenpolitische Gegner verstrickte Richelieu in Hochverratsprozesse, die allesamt zu dem erwünschten Ergebnis führten, was nicht weiter verwundert, da die Richter des Königs von Richelieu mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln entsprechend instruiert worden waren. 47 politische Hinrichtungen waren die Folge: Herzöge, Grafen und dergleichen, keine einfachen Bürgersleute.

Thesen zur französischen Außenpolitik im 17./18. Jahrhundert:


  1. Kampf um Vormachtstellung, der vom Staatsinteresse und vom Streben nach Ruhm und Ansehen bestimmt wird. Das Kernziel ist der Vorstoß zum Rhein und die Gewinnung des linken RheinuferS. (Hubatsch)
  2. Das Ziel Frankreichs ist die Ausdehnung bis zu seinen natürlichen Grenzen. (Seignobos)
  3. Kriege sind die Quelle des Ruhms und die natürliche Beschäftigung für den Adel. Frankreich stand nach den Erbfolgekriegen (ab 1715) unter dem Zwang, seine Kernlande zu schützen, um aus der habsburgischen Umklammerung zu gelangen. (Gaxorte)
  4. Frankreichs Außenpolitik wird getragen von Ludwig XIV. Machttrieb, der auf Vergrößerung der Macht zielt. Letztlich führte diese Politik zur Schwächung Frankreichs. (Näf)

Richelieus Außenpolitik unterstützte Schweden und die protestantischen Reichsstände (Subsidien), um diese gegen die katholische kaiserliche Macht zu stärken. Denkt man diese Politik konsequent zu Ende, so folgert daraus die Hegemonie Frankreichs in Europa, die Erweiterung der Grenzen nach Nord, Ost und Südost. Der Rhein war zwar nicht als „natürliche“ Grenze Frankreichs postuliert [1], aber bis es soweit kommen sollte, war es nur eine Frage der Zeit.
Als Richelieu 1642 starb, hatte Frankreich eine politische Richtung, war im Inneren gefestigt und fürs Äußere gerüstet. Gemessen an den eigenen Zielen ist Richelieu auch zu tadeln: einerseits konnte er die Struktur des Finanzwesens in Frankreich nicht ordnen und überließ Steuerpächtern unbeschränkte Vollmachten bei der Eintreibung der Steuern, andererseits verstärkte er den pragmatischen Aspekt, daß der Zweck die Mittel heilige, in das Geschäft der Politik. Richelieu führte diesen Gedanken in aller Strenge und v.a. unter moralischen Gesichtspunkten durch. Mord? Gut, wenn es Frankreich nützt. Attentate? Gut, wenn... Wie viele Gegner wurden gemeuchelt, geheim massakriert? Richelieu – ein Massenmörder? Die Zahl der Verfolgten und Getöteten dürfte in Richelieus Amtszeit in die Hunderttausenden gehen, denn die im offenen Gerichtsprozeß für „schuldig“ Befundenen machen nur die Spitze des Eisberges aus.
Richelieu würde entgegnen, daß jede seiner Taten als vernünftig bezeichnet werden müßte, denn er tat es zum Wohle (beinahe) aller. Es ist die gleiche Argumentation, die später die Jakobiner benutzten oder die heute zum Führen von gerechten Kriegen benutzt wird. Unter Richelieu wurde der König zum Abgott der Franzosen. Statt der rechten Lehre war es nun die Staatsraison, die das politisch Korrekte ausmachte, dem Wesen nach war das nichts anderes als die Ketzerverfolgung im Mittelalter, wenn einer gegen diese Staatsraison verstieß. Und welche das war, bestimmte der Kardinal, in Folge ein starker König, sofern er stark genug war, in Folge die weitere Abstrahierung dieses Gedankens, das Gesetz. Äußere Zwänge, die keine Freiheit gebieren, nur Unterordnung unter den Willen eines anderen. Das ist primitiv, aber es war im 17. Jahrhundert erfolgreich, erfolgreicher als die Toleranzbestimmungen des Augsburger Religionsfriedens, die de iure das schaffen sollten, was es de facto im Reich nicht gab: Toleranz [2].
Nach Richelieu kam ein anderer Kardinal zur Macht, Mazarin. Ludwig XIII. starb ein paar Monate nach Richelieu, sein Nachfolger Ludwig XIV. bekam wie seine Vorgänger die Mutter zur Regentin, dazu einen Staatsrat, conseil, von ca. einhundert, ursprünglich meist bürgerlichen Beamten, die in ihre Funktionen hineinwuchsen und diese Tätigkeiten meist bis zu ihrem Tode ausübten. Doch im Gegensatz zu Maria und Katharina von Medici überließ Anna von Österreich Mazarin die Lenkung des Staates und stellte sich nicht gegen den ersten Minister, den Kardinal. Es soll zärtliche Bande gegeben haben, wie uns heute nachgelaßne Briefe vermitteln.
Mazarin trat aus dem Schatten Richelieus mit wachsender Stärke Frankreichs. Mit dem Westfälischen Frieden bekam Frankreich Zugang zu Reichsgebiet und wurde zum europäischen Hegemon. Aber diese Machtfülle in der Hand der französischen Monarchie gefiel in Frankreich nicht allen. Der Adel erhob sich. Die Fronde.
Die französischen Adligen wollten sich nicht von zwei Ausländern regieren lassen. Anna von Österreich, wie sie heute genannt wird, war eine Spanierin. Mazarin war Italiener. Beide scheiterten, weil sie die Finanzen nicht in Ordnung bringen konnten und zugleich zu viel Macht in ihren Händen hielten. Das bedeutete, daß die Macht bei Mazarin konzentriert blieb, er die Gerichtshöfe besetzen konnte nach Gutdünken und die Beamten von seiner Gnade abhingen, wobei er diesen Beamten ein Höchstmaß an eigenständiger Machtpolitik zugestand, insofern sie finanziell beschränkt blieb, also die Souveränität des Königtums nicht in Frage stellte. Das paßte vielen adligen Familien nicht, die sich das von Richelieu noch im Angesicht einer wachsenden Bedeutung Frankreichs gefallen ließen, doch jetzt war Frankreich bedeutend, sie aber wollten v.a. politisch unabhängig sein, wobei sie nicht genau wußten, was sie wollten, wohl aber, was sie nicht wollten. Sie schlossen sich zusammen und verweigerten den Gehorsam gegenüber Mazarin, nicht jedoch gegenüber dem noch minderjährigen Ludwig XIV.. Der Aufruhr war allgemein, auch die Gebietsparlamente und Gebietsgerichtshöfe, die die Edikte Mazarins durchsetzen sollten, verweigerten den Gehorsam und schlossen sich dem Aufruhr an. Anführer wurde der Pariser Bischof, Kardinal Retz. Mazarin floh, konnte aber einige königstreue Truppen aufstellen, die eben das einigte, die Treue zur Krone. Die Fronde war uneinig, einig nur im Aufruhr, aber ohne klare eigene politische Vorstellungen. Mazarin siegte, als die Pariser Bürgerschaft erkannte, daß sie vom Adel Frankreichs nichts zu erwarten hatte und sich gegen ihn stellte. Den langen Krieg mit Spanien beendete Mazarin. Er konnte bei der deutschen Königswahl durchsetzen, daß die Churfürsten von ihrem habsburgischen Kaiser in die Wahlkapitulation schreiben ließen, daß er Spanien in einem möglichen Kampf mit Frankreich nicht unterstützen dürfe.
Das ist ein eindeutiger Beleg dafür, daß Frankreich nunmehr, in der Mitte des 17. Jahrhunderts der Hegemon Europas geworden war. Im Inneren gefestigt, im Äußeren bestimmend. 1661 starb Mazarin und hinterließ Ludwig XIV. einen mächtigen Staat. Nach Mazarins Tod wurde Colbert des Königs wichtigster Beamter. Colbert bestimmte als Generalkontrolleur der Finanzverwaltung über zwei Jahrzehnte die wirtschaftliche Entwicklung Frankreichs und war Merkantilist.


Aufgaben:


  1. Widerlege wenigstens eine der Thesen aus dem zweiten Textfeld! (III)
  2. Was tat Richelieu, um die innere Stabilität Frankreichs zu erhöhen? (I)
  3. Gehe auf die Gründe der Frondisten ein und erkläre die Härte des französischen Staats ihnen gegenüber! (II)




[1] "Die Franzosen haben zuerst die Tatsachen der Geschichte mit den Tatsachen der Natur verwechselt und in den 1790er Jahren von den natürlichen Grenzen ihrer Republik zu reden angefangen; es kam ihnen teuer zu stehen." (Golo Mann)

[2] Die politisch Mächtigen kannten Toleranz lediglich innerhalb der von ihnen als Glaubenswahrheit bestimmten Religionsform. Es blieb dem Zeitalter der Aufklärung vorbehalten, die Freiheit des Glaubens und Denkens allen Richtungen zu ermöglichen, weil man den grundsätzlichen Zweifel an der Möglichkeit, die Wahrheit und Unwahrheit von Religionen dogmatisch zu beweisen, erkannt hatte.