Schweden hatte Rügen und Vorposten auf dem europäischen Festland gewonnen und beabsichtigte eine Ausdehnung an der gesamten Ostseeküste. Polen war der erste Feind Schwedens, den es zusammen mit Brandenburg-Preußen niederzukämpfen galt. Anfangs gelang das auch, doch dann traten Rußland, Holland, Österreich und Dänemark zusammen auf. Schweden mußte sich zurückziehen. [1]
Brandenburg-Preußen verriet den Bündnispartner und wurde wieder einmal für den Treuebruch von den Siegern des Krieges belohnt: es gewann die Entlassung aus polnischer Lehenshoheit. 1660. (Der Churfürst des Reiches, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, war als Herzog von Preußen dem polnischen König untertan.) Nun war er davon befreit und widmete sich dem Zusammenschluß der diversen brandenburgischen Besitzungen zu einem funktionierenden Staatswesen.

Schweden erhielt im Westfälischen Frieden:

  • Vorpommern und Rügen (Schweden ist die stärkste Macht in der Ostsee)
  • Teile von Hinterpommern mit Stettin und der Odermündung (das Reich wird vom Seehandel abgeschnitten)
  • Bremen und Verden


Frankreich erhielt:

  • Metz, Toul und Verdun
  • Besitzungen des Hauses Habsburg im Elsaß (Ober- und Unterelsaß, Sundgau und die Landvogtei über zehn elsässische Reichsstädte)
  • Breisach (Brückenkopf im Reich)
  • Besatzungsrecht der Festung Philippsburg (Brückenkopf im Reich)


Die Niederlande und die Schweiz wurden zu völkerrechtlich anerkannten Staaten und traten aus dem Reich aus.

Die brandenburgischen Staatseinnahmen waren im Dreißigjährigen Krieg auf ein Achtel der Vorkriegseinnahmen gesunken. Mehr als die Hälfte der Untertanen war gestorben oder erschlagen worden (auch nach 1648 führte der Krim-Tatarensturm im Kontext des Nordischen Krieges zwischen 1655 und 61 oder die Pest-Epidemie von 1709 zu vielen Toten), die Landschaften wurden zudem von marodierenden Schweden ausgeplündert, die Bevölkerung war traumatisiert und kam erst langsam wieder auf die Beine. Zudem wurde der alte Churfürst schlecht beraten, sein wichtigster politischer Berater, Graf Schwarzenberg, wirtschaftete vor allem in die eigene Tasche.
Friedrich Wilhelm erkannte, daß er zum Ausbau seiner Macht Volk ins Land holen mußte (Toleranzedikt von 1685 garantierte jedem Einwanderer das Recht zu, seinen Glauben ausüben zu dürfen) und eine schlagkräftige Armee benötigte. Um sich nicht in die dauernde Abhängigkeit von Subsidien zu begeben, waren zudem die Finanzen zu ordnen. Das bedeutete wiederum, regelmäßige Steuereingänge kalkulieren zu können. In Brandenburg war die Steuererhebung von der Zustimmung der Stände abhängig. Doch die hatten kein Interesse an wachsenden und vor allem Abgaben p.a.. Wir müssen hier ins Auge fassen, daß es, wie heute üblich, keine jährlich zu entrichtende Steuer gab. Es gab kein Steueramt, das jedem Untertanen jährlich ein Formular zuschickte, womit der seine Einnahmen und Ausgaben angeben mußte. Letztlich war der Churfürst gezwungen, durch persönliches Erscheinen die einzelnen Untertanen zur Abgabe von Steuern zu zwingen. Der Churfürst drohte also mit Belagerungen und Verhaftungen seiner eigenen Städte, wenn die ihm nicht Geld zukommen ließen und begründete es mit der Notwendigkeit der Verteidigung des Landes. Die Stände bewilligten widerwillig eine sechsjährige Kriegsmetze in Form von Naturalabgaben.
Wie anders als heute damalige Auffassungen vom Staat waren, belegen auf dem Reichstag von 1650 geäußerte Argumente. Der braunschweigische Gesandte erklärte, daß Steuern dem Prinzip des Staates widersprächen, denn jeder wolle das Seine behalten und dieses nicht auch noch bezahlen müssen. Wozu solle man sich in einem Staatswesen organisieren, wenn dieser Staat nicht den Schutz des Eigentums garantiere? Wozu Obrigkeit, die genug besäße, wenn die Untertanen diese Obrigkeit auch noch bezahlen sollten?
Das war nicht zeitgemäß argumentiert: Die Neuzeit ist u.a. durch dauernde Besteuerung gekennzeichnet. Das war Zeitgeist, also kam das Problem immer wieder zur Sprache. Im nächsten Jahr beschloß der Reichstag, daß die Stände die Armeen ihrer Territorien zu unterstützen hätten. Das war der Anfang einer dauernden Besteuerung und somit sehr modern, neuzeitlich.

MILITARISMUS
- konnte sich erst durch allgemeine Wehrpflicht bilden, ist der Zwang zur Gewalt als Mittel zu Zwecken des Staates (Benjamin)
- besaß bei den Nationalsozialisten eine dienende Funktion im Rahmen der die Gesamtpolitik bestimmenden radikalen universal-antisemitischen Rassendoktrin, die dann nach Wannsee umgesetzt werden sollte
- war der Doktrin von der Reinhaltung der Rasse untergeordnet (Binion)
- der Kultus der rohen Gewalt (Liebknecht)
- ein gewisses Ethos und eine gewisse innere und äußere Menschenhaltung, eine im Gemüte des Menschen festgewordne Art, gewisse Werte anderen Werten im Leben vorzuziehen und dies sichtbar auszudrücken, z.B. die Werte des dumoeidez (innere Anstrengung) den Werten des Angenehmen und Nützlichen, Ehre und Ruhm dem Leben, Macht dem Vorteil, die Sache des Staates dem individuellen Wohlbehagen (Scheler)

Zur Vergleichung: Anderswo war das zu dieser Zeit noch nicht üblich.
Friedrich Wilhelm ließ bald die Kriegsmetze durch eine regelmäßige Kontribution ersetzen, eine Mischung aus Grund-, Ertrags- und Kopfsteuer. Später übernahm er eine Steuer, die er in den Niederlanden kennengelernt hatte, die Akzise, die gezahlt werden mußte, wenn jemand eine Stadt betrat und sich in den Rechtsschutz dieser Stadt und ihrer Beamten begab. Widerstand dagegen gab es überall, ob in der Altmark oder in Ostpreußen, doch letztlich bewirkte die Akzise eine Konsolidierung der churfürstlichen Finanzen, genau das, was der Churfürst wollte. Er ordnete seine Domänen, indem er dort Beamte einsetzte, die ohne die Stände wirtschafteten. Die Verwaltung dort übertrug er Kandidaten, die ihm Rechenschaft geben mußten. Gab es irgendwo Schwierigkeiten mit den örtlichen Ständen, so erschien er selbst und regelte das, manchmal auch mit Waffengewalt. So gelang es Friedrich Wilhelm allmählich, Ordnung in sein Land zu bekommen. [2] Manchmal reichte es aus, Zünglein an der Waage bei örtlichen Streitigkeiten zu sein.
Man könnte diesen Kampf den der ständischen Freiheit gegen den absolutistischen Ehrgeiz [3] eines Landesfürsten nennen. So betrachtet kann der brandenburgisch-preußische Churfürst als dynastischer Machtmensch beschrieben werden, sein Plan als einer, der zu Krieg führen muß. Militarismus?

„In [der] Schlacht [Schlacht bei Fehrbellin, 1675] mußte der damals zweiundvierzigjährige Prinz Friedrich II. von Hessen-Homburg, nachdem der rechte Flügel der Schweden im wesentlichen durch ihn vernichtet war, auf Befehl des Kurfürsten mit seinen von den Märschen und dem vorangegangenen Kampf ermatteten Reitern einen neuen Angriff auf den unberührten linken schwedischen Flügel machen. Diese unwesentliche Niederlage führte ein kleines Zerwürfnis mit dem Kurfürsten herbei, infolgedessen der Prinz wenige Tage nach der Schlacht unbedankt das brandenburgische Heer verließ. Später hieß es: Nach der Schlacht sollte ein Kriegsgericht über den Prinzen gehalten werden, weil er eigenmächtig den Angriff unternommen habe. Aber der Kurfürst, obwohl er zugeben mußte, daß der Prinz nach der Strenge der Kriegsgesetze das Leben verwirkt hatte, habe den Antrag abgelehnt. […] diese Geschichte findet sich in den Memoiren des Baron Pöllnitz wie in denen Friedrichs des Großen. Heinrich von Kleist aber, der in seinem Schauspiel 'Der Prinz von Homburg' den Prinzen verjüngt und zu einem phantastisch-träumerischen Liebhaber macht, nimmt den Konflikt mit dem Kurfürsten auf; bei ihm wird der Prinz sogar wirklich zum Tode verurteilt und erst im letzten Akt begnadigt.“ (Hertslet, S. 194.)

Das kriegerische Wesen war diesem Staat immanent, die Armee hielt das Staatswesen zusammen. Zugleich aber war dieses Konstrukt auch ein Hort der Freiheit, denn die dieses Zeitalter prägenden konfessionellen Streitereien spielten im Brandenburg Friedrich Wilhelms bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Andererseits könnte auch behauptet werden, daß die Stände letztlich die Selbstauflösung Brandenburg-Preußens herbeigeführt hätten, wenn sie nicht diszipliniert worden wären, ihr Weg war der der Anarchie. Die Stände bildeten keine homogene Klasse, sondern waren in sich zerstritten und ohne Ziel, nur jeweils am eigenen Vorteil interessiert, der meist dem der Familie entsprach. Es ist müßig, hier zu entscheiden, welcher Weg besser für das Gemeinwesen war, gewesen wäre. Manchmal versuchte eine ganze Stadt, sich behaupten zu müssen. Das durch den kaiserlichen Feldmarschall Tilly zerstörte Magdeburg wollte nicht brandenburgisch-preußisch, sondern freie Reichsstadt werden. Die Bestimmungen vom Westfälischen Frieden sprachen es aber Brandenburg-Preußen zu. Magdeburg mußte sich unterwerfen und wurde 1680 besetzt.


Aufgaben:


  1. Erkläre die wankelmütige Politik Brandenburg-Preußens! War die Vertreibung der Schweden aus Norddeutschland ein Stück dynastische Politik oder ein nationaler Kraftakt? (III)
  2. Nenne die positiven Auswirkungen des Militarismus auf die Stabilität Preußens! Wäge dagegen die negativen Auswirkungen ab und komme zu einem Ergebnis, ob diese Politik für Preußen angemessen war! (II)



[1] Etliche marodierende Schweden blieben in Norddeutschland und nahmen sich, wessen sie bedurften. Es gab keinen, der sie daran hinderte. Erst 1675 fühlte sich der brandenburgische Churfürst stark genug, die Schweden in eine Schlacht zu zwingen, die Schlacht bei Fehrbellin.

[2] Die Legende von einem West-Ost-Abfall an Freiheit und Wohlstand zwischen einem westreuropäischen, landwirtschaftlich geprägten Gebiet und der ostelbischen Feudalwirtschaft läßt sich am besten so widerlegen, daß der einzelne Bauer in Frankreich oder England stärker unter der Fuchtel seines Herrn stand als der ostelbische Bauer. Die auf Ertragsgewinn orientierten bürgerlichen Besitzer (bereits vor der Französischen Revolution waren über 40% des Landes im Besitz bürgerlicher Besitzer, die in den Städten lebten) sorgten durch Verwalter dafür, daß der Arbeitseifer entsprechend hoch blieb. Der ostelbische Junker dagegen war mit seiner militärischen Laufbahn beschäftigt und überließ sein Land den Bauern, deren Frondienstbelastung sehr viel geringer blieb als die der westeuropäischen Bauern, die mit den kapitalistisch anmutenden Belastungen überfordert waren, in die wachsenden Städte zogen und dort als Lumpenproletariat ihr Dasein fristeten. Erst mit der Bauernbefreiung von 1808 setzte in Preußen Landflucht ein und führte zu ähnlich elendigen sozialen Verhältnissen, wie sie englische und französische Städte schon hundert Jahre zuvor kannten.

[3] Absolutismus ist keine Willkürherrschaft. Ein absolutistischer Herrscher unterliegt nach dem französischen Staatsrechtler Bodin der Bindung an natürliches und göttliches Recht und hat Treueversprechen und Verpflichtungen zu erfüllen. Diese Bindungen unterscheiden ihn vom Tyrannen, der nur das Recht des Stärkeren anerkennt. Der Form nach ist der absolutistische Herrscher summa in cives legibusque soluta potestas, er besitzt also die gegenüber den Bürgern höchste und über den Gesetzen stehende Gewalt, deren Anwendung dem Herrscher nur Gott gegenüber rechtfertigen muß, nicht aber gegenüber weltlichen Richtern.