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Thema: Ich bring' dich um

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Ich bring' dich um

    "... dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt, ein jeder sieht, was er im Herzen trägt..."

    - Goethe -


    ICH BRING DICH UM


    Stück in einem Akt mit einem Bild, das zwischen den Redephasen, in vollkommener Dunkelheit, umgebaut wird. In der Zeit der Umbauveränderungen ertönt Musik.

    personae:
    - Dichter
    - Sein "alter ego"
    - Krankenpfleger 1 und 2

    situs:
    Dichter in einem weißen Nachthemd und sonst nackend, steht mit wirrem zerzaustem Haar und mit dem Rücken zum publicum und schaut in einen Spiegel, der ziemlich groß und vor ihm steht.
    Neben Dichter steht ein Holztisch, auf dem Papier, ein Federkiel und Tintenfaß, ein Weinglas nebst Flasche (beide leer), eine Schale voll bunten Obstes, ein Laib Brot, eine Fischgräte und ein Ei, einem Stilleben gleich stehen. Dem beigefügt ist ein Bilderrahmen, beinhaltend das Bildnis einer jungen Frau.
    Dichter spricht mit seinem Spiegelbild, bis jenes nach dem ersten Monolog ein Eigenleben (Spiegel wird durch Glasscheibe ersetzt) annimmt und somit zu seinem a.e. wird.
    Dichter: "Leere glotzt mich an,
    wohin ich glotze,
    nichts als Leere,
    Leere strotzt hier allerorten,
    und sie kündet:
    leer der Wein und
    leer das Blatt,
    leer das Sein -
    ach, ich hab's satt! -
    hab es satt und
    bin doch hungrig,
    hungrig, durstig,
    ja, richtig gierig
    bin ich nach ... -
    ja, nach was? -
    das ist's ja,
    was mich quält,
    dieses Sehnen, Streben, Suchen
    nach -
    bin schon süchtig nach dem Sehnen
    nach, nach, nach - ach,
    was ist dies "nach" denn
    für ein Ort,
    oder ist der Ort
    nur wie ein Wort,
    ein Wörtchen nur
    und liegt mir auf der Zunge,
    liegt mir auf der Zunge,
    die belegt ist
    wie die Toilette,
    die man dringlichst
    bräuchte und sie
    findet dann
    verschlossen,
    versperrt
    mir,
    dieses Örtchen,
    dieses Wörtchen
    auf der Zunge und
    zurück bleibt
    nur ein
    bittrer Geschmack,
    verbleibt in
    meinem Rachen,
    schweigt und bleibt stumm ...
    ach, ich kann nicht mehr -"
    (beginnt zu schluchzen)

    Bühne verdunkelt sich. Es wird das Lied "Sehnsucht" von "Einstürzende Neubauten" eingespielt. Spiegel wird durch Glasscheibe ersetzt, dergestalt, daß "alter ego" nun als eigenständiges ego dahinter Wesen annimmt.

    Licht
    alter ego: "oh, was bist ein
    Wirrkopf du geworden,
    du, der einstmals feurige Reden schwang,
    ausgebrannt nun ist dein Stammeln,
    jetzt, schwaches Flämmchen ohne Glut -
    zu erschöpft du selbst,
    um noch zu schöpfen,
    ohne Glanz, verblaßt,
    und ohne Mut,
    suhlst dich hier
    in deinen Mitleid
    mit dir selbst
    in deinen Dreck -
    ach, du armer Tropf,
    wie tröpfelt's karg nur
    noch aus deiner Quelle,
    deine Seele,
    sie ergießt sich nur
    noch in den Ausguß,
    ich wollt sie gerne spülen weg ...
    doch dein Abbild bin ich,
    bin dein Freund,
    Genosse, bin dein Ich
    und ich bin's der hier
    spricht zu dir,
    spricht dir zu und
    zu deinen Sinnen,
    daß sie sich besinnen,
    mögen auf sich selbst
    und auf ihr Können,
    auf ihre Kunst und
    auf die deine -
    du, der Dichter
    verstricktest dich in
    deinem Dichten,
    in der Dichte deines
    Hirngestrüpps,
    Schluß damit,
    nimm die Machete,
    ergreife sie und
    schaffe Licht,
    schaffe wieder,
    schöpfe Lieder,
    schöpfe aus dem Vollen
    Fasse
    deiner Seele
    und mach faßbar
    was in ihrer Tiefe
    unfaßbar schien und
    scheinen soll -
    durch deiner Hände Kraft,
    die Kelle sei gefaßt,
    geschöpft und von
    dir geführt uns
    an den Mund,
    zu kosten von
    der Süße deiner Worte,
    oh, wir würden alle
    wahrhaft satt!
    Sodenn, wohlan,
    es ist an Dir!"
    Das Lied "Land in Sicht" von "Ton, Steine, Scherben" ist zu hören.

    alter ego verschwindet, d.h. das Spiegelbild verschwindet. Dichter zunächst noch etwas ratlos und verwirrt ob des Verschwindens, faßt sich alsbald wieder und sein Dichtermut gewinnt an neuer Kraft und Farbe kommt in sein Gesicht und glänzend werden seine Augen, als er sich besinnt auf seine Schaffenskunst - bis zuletzt der letzt Funke Hoffnung in seinem eigenen Sinnieren verglimmt. Neben dem Dichter ist der Holztisch mit seinem darauf gebahrten Stilleben verschwun-den, er ist itzt nur noch als Spie-gelbild zu sehen.
    Dichter: "Potzblitz, wie wird mir,
    was ist hier geschehen? -
    mein Spiegelbild,
    es sprach zu mir,
    und hier der Tisch,
    er ist verschwunden,
    verschollen er,
    der g`rad noch greifbar -
    unbegreiflich ist mir‘s,
    irreal -
    und dies Bildnis meiner Geliebten,
    weg,
    und Spiegelbild nunmehr,
    und dieses Glas,
    ein Spiegelglas
    und hier das Ei,
    zum Spiegelei geworden -
    nichts kann ich mehr fassen,
    unfaßbar all das ist‘s -
    ich kann nichts mehr berühren,
    nur mich noch kann ich spüren,
    und spüren auch, wie mich berührten
    diese Worte meines Spiegelbilds -
    Lieder schaffen soll ich wieder,
    wieder schöpfen Spraches Klang -
    Dichter bin ich, war ich,
    wahrhaft Dichter,
    Trichter gar, wenn man so will,
    trichterte, filterte den Schwall
    der unerschöpflich Sprache,
    verdichtete diese Masse
    und leitete sie in feine Bahnen,
    daß sie zum Ausdruck fanden
    sich und ich mich
    selbst ausdrückte,
    wie ein Schwamm,
    so, daß Worte trofen, troffen,
    tropften aus den Tiefen,
    aus mir träufelten sacht und ich macht'
    ihnen ein schön' Gewand -
    ich war's und bin's,
    der hier im Zaume hielt,
    was bäumte sich und
    baumstark sich
    entäußern wollte -
    Form gab ich und
    formvollendet nahm Gestalt
    an, was ich jüngst gestaltet,
    Wesen wurd's, was
    ich für wesentlich
    erachtet,
    hauchte Odem ein
    was einstmals Lehm,
    Ton war, tonlos und stumm,
    macht ich tönend,
    klingend und belebt,
    belebte ich mit meiner Kraft,
    Dichterblut, die so was schafft!
    verfällt in Grübeln
    doch was bleibt?,
    bleibt von mir,
    dem Dichtermenschen? -
    bleibt nicht durch
    dies Schaffen,
    durch dies Schwitzen
    im Schweiße seines
    Angesichts, als er
    am Dichtertische
    sitzend, schweißte in
    Form,
    Buch und Buchstabe
    transliterierte,
    transpirierte,
    bleibt der Dichter
    nicht entleibt zurück,
    ausgehöhlt und
    ausgelutscht,
    bleibt nicht Hölle
    nur noch Kokon,
    der Schmetterling entflogen,
    und er, der Dichter
    betrogen um sein Ich
    verfällt ins Grübeln
    fällt in seine eigene
    Gruben,
    wo er gefangen, gefesselt
    in seinem eigenen
    Verließ
    von allen guten Geistern
    verlassen,
    gekettet an die
    Mauer seiner
    Sehnsucht,
    Beute wird für
    all die bösen
    Geister, die
    begeistert Zagen,
    Zaudern, Zweifel säen,
    bis der Dichter endlich
    bricht und bricht zusammen,
    bleibt am Boden
    wehrlos Beute,
    der Wahnsinns fette ...?"
    bricht zusammen
    Dunkelheit, das Lied "Mensch gib acht" von "Konstantin Wecker" wird entfacht. Licht geht an. alter ego ist im Spiegel wieder aufgetaucht, der Tisch ganz verschwunden.
    alter ego von dem Zusammenbruch seines realen Ichs und Gegenüber sichtlich enttäuscht und erzürnt ob dessen Schwäche.
    alter ego: "Nur Narr bist nur noch
    nicht mehr Dichter,
    narrhaft jetzt
    was einst narrativ, -
    statt Schönheit laut zu ehren
    in Gesängen und in Oden,
    kriechst jammernd jetzt und
    winselnd am Boden -
    ein Wehgeheul ist's nunmehr,
    was du anstimmst,
    was deine Stimme einst von Höhen sang,
    sang und sank hinab ins Jammertal,
    so wie du in dich zusammen,
    ein Scherbenhäufchen nur noch,
    Staub und Asche -
    Ach ich kann's nicht mehr ertragen,
    dein Bildnis ist mir widerlich,
    und dein Stöhnen, weinen klagen,
    ba!, mich ekelt's,
    Schluß, vorbei -
    Sollst krepieren du in deiner Umnachtung,
    verrecken in deinem dunklen Wahn -
    ich selbst noch komponier dir ein Requiem,
    das strotzen soll von Hohn und Verachtung.
    Genug der Worte,
    die Zeit ruft zur Tat,
    wohlan, du Wurm:
    Ich bring dich um!

    Dunkelheit, wird mit kurzen Blitzen erhellt, lauter Knall

    Dichter (schreit): "Aaaaah, ich werde wahnsinnig...

    tobt herum und zerschlägt sein Spiegelbild, verletzt sich dabei und verschmiert alles mit Blut.
    Dann Stille, die durch ein lauter werdendes Tatütata gebrochen wird.
    Es wird hell, Dichter liegt am Boden, röchelt und hat Schaum um den Mund.
    Zwei Krankenpfleger, voraussicht-lich aus der Irrenanstalt betreten den Raum und legen den Dichter, nachdem sie ihn in eine
    Zwangsjacke gestopft haben, auf eine Bahre und tragen ihn ab.
    Krankenpfleger 1 (lakonisch): "Der hat sich umgebracht."
    Krankenpfleger 2: "Er zappelt doch noch ganz schön ..."
    Krankenpfleger 1: "Um den Verstand gebracht..."

    Vorhang fällt. Zu hören das Lied "Der goldene Reiter", von "Joachim Witt"

    SCHLUß, VORBEI

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ich bring' dich um

    Gut gemacht, Paulchen!
    Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Persönlichkeit mäkle ich auch.
    Vorab nur das: Düster und prätentiös. Daraus sind Spaktakel gemacht. Die Länge ist gut, die Charaktere fast plakativ, eben gerade so erträglich in ihrer Doppeldeutigkeit, also theatertauglich.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Ich bring' dich um

    ...Herr Biafra glänzt mit einem gereiften Interwju im neuen Spiegel, aber nicht dass ich mit dergleichen Wissen protzen möchte...

    Mensch! Kind, just eben hab ich, überreizt, in um ähnlich gealterten Handschriften geblättert komma kucken. Mit Äppelwoi im Schlafanzug, i.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Ich bring' dich um

    ...Herr Biafra glänzt mit einem gereiften Interwju im neuen Spiegel, aber nicht dass ich mit dergleichen Wissen protzen möchte...

    Mensch! Kind, just eben hab ich, überreizt, in ähnlich gealterten Handschriften geblättert komma kucken. Mit Äppelwoi im Schlafanzug, i.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ich bring' dich um

    robert, das freut mich, mal wieder einen smaili von dir zu sehen - der text is schon älter, aber nu hab ich endlich, hootchi sei dank, getschächkt, wie man texte ins forum kopieren kann, ohne sich die finger wundzutippen... - theater, au fein, das wär schön - einen eigenen forumsordner gar???
    hootchi, wie alt ist denn der neuste spiegel im odenwald - hab im neuen bis jetzt vergeblich nach worten des ehemaligen dk-frontmäns gekuckt - welche seite??? just jener war neulich übrigenz bei mir um die ecke und man staune: lesenderweise!!! besinnt sich im alter wohl eher auf das gesprochene wort. leider war ich ob der nächtlichen arbeit verhindert und so abwesend. die musik der dead kennedys dürfte in diesen tagen übrigenz an aktualität wieder dazugewinnen...: let's lynch the landlord!!!
    in diesem sinne
    paul guevara...

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Ich bring' dich um

    gäbe im situs dem dichter auch einen artikel. einem stilleben gleich stehen tönt schlecht, nehm es doch mit, das relativpronomen.

    gefällt mir nicht schlecht, mit grosser kelle angerührt, das, irgendwie sophisticated und doch, ja, hab's gern gelesen, trotz einiger längen.

    gruss stöver

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Ich bring' dich um

    ...äh wart ma, habs gleich, ächz & guten moin, ahda, kumma da: Nr. 41 vom 8.10. Seite 223 rechts: "Falsche Patrioten". Jetz ersma lecker Moccainstantkaffee und den Kadaver duschen.

  8. #8
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Ich bring' dich um

    Was sind falsche Patrioten? Das ist so was wie weißer Teer oder schwarzer Schimmel. c.i.a.? Was vielleicht gemeint ist: egomanische Bettnässer.

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ich bring' dich um

    Ein guter Wurf, Paul, gefällt auch mir.

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ich bring' dich um

    Ich kann nicht umhin, mich über dieses Dramolett heute immer noch zu freuen. Leider ist festzustellen, daß wir in unserem Forum mit dramatischen Versuchen nicht sehr oft gesegnet sind, dieses Genre, das den aus sich selbst handelnden Charakter benötigt, der in eine Welt gestellt wird, in der er sich notgedrungen behaupten muß.

    Dieser Text fand in etwas geänderter Form nun endlich Eingang in Paulchens Buch: "Fleischwerdung". (wird 2018 neu aufgelegt; Vorbestellung für 15 € hier)

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ich bring' dich um

    paulchens buch. wo isses denn? ich hätts gern.

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ich bring' dich um

    [..] so ist das leben - eben?

    mit meiner haumpaitsch hab ich quasi nix am hut.
    keinen einfluß drauf, noch sonst was,

    die is quasi tot.
    alte geschichte das.

    nun denn -
    ansporn für ne neue.

    (ich spiel ja schon wieder: internetpräsenz. internetdada...)
    wenn ich groß bin, werd ich meisterontologe.... )

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ich bring' dich um

    Die Kunst des Dramolettierens will gelernt sein. Es müßte so etwas wie einen Dramolettkranz geben, was begabte Dramoletteure dazu zwingt, mehr als eines zu verfassen. Nennten wir ihn Dramolare?

    Auch heute wieder gern gelesen. Habe deshalb beschlossen, Pauls "Fleischwerdung" 2018 neu aufzulegen.

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