1683: Wien wird von den Türken zum zweiten Mal nach 1529 bedroht. Der französische König Ludwig XIV. verspricht [1], seine Eroberungen im Westen des Reiches, die das Elsaß betreffen, für zwanzig Jahre auszusetzen, damit die Kräfte des Reiches sich gegen die Türken sammeln können. Hilfstruppen schickt er nicht. Er spekuliert darauf, daß er nach einem Sieg der Türken als Retter der Christenheit kommen könnte, was ihm die Kaiserkrone einbrächte. Wunder genug, daß er die Eroberungen (Reunionen) im Elsaß und Lothringen für zwanzig Jahre aussetzen will! Das französische Königtum griff schon länger nach dem Elsaß, da es den Rhein als Grenze zum Reich begriff. Als letzte Bastion des Reiches hatte sich Straßburg gehalten, das 1681 kapitulierte. In christlicher Gelassenheit fügten sich die Bürger der Stadt ihrem neuen Herrn, dem französischen König, etliche allerdings „heulten“ beim Einzug desselben, wie die pfälzische Churfürstin Liselotte von der Pfalz in einem Brief berichtet – nicht aus nationalem Pathos, das in dieser Zeit den Deutschen fremd war –, sondern wegen des Verlustes der wirtschaftlichen und politischen Freiheit: mit dem neuen Herrn war auch der Verlust der wirtschaftlichen Selbständigkeit der alten Reichsstadt verbunden. Das Elsaß gehörte fortan samt den lothringischen Bistümern zu jenen provinces etrangeres effectives (tatsächlich ausländischen Gebieten), die als wirtschaftliche Fremdkörper innerhalb Frankreichs durch eine Zollgrenze geschieden blieben. Die Annexionen, euphemistisch als Reunionen (Zurückführungen) bezeichnet, waren ein militärischer Kraftakt gegen ein schwaches Reich und bildeten ein Element des imperialen Ehrgeizes des französischen Königtums. Das war konzeptionell durchdacht. Zeitgleich unterstützte der französische König die Türken, die Wien angriffen, damit die Deutschen ihre militärische Kraft dafür aufbringen mußten. Wien wurde 50 Mal angegriffen, bombardiert, vermint und dergleichen mehr. Der Verteidiger der Stadt, Graf Starhemberg, erwies sich als genialer Verteidiger. Er stellte die Türken immer wieder vor neue Hindernisse. Die Wiener wußten, was eine Eroberung durch die Türken bedeutet hätte und stemmten sich vehement dagegen. Ein Entsatzheer war unterwegs. Es brachte ca. 90000 Mann Reichsvölker und Polen (die vom Papst aufgefordert worden waren, den Deutschen zu helfen) vor die Stadt, angeführt vom polnischen König Sobieski. Der Sieg gegen immer noch überlegene Türken war vollständig. Die Türken zogen sich zurück und wurden nun ihrerseits von den siegreichen Reichstruppen verfolgt. 1686 fiel Budapest zurück in deutsche Hand. Die Christenheit in Europa war vorerst gerettet.



[1] Ein diesbezüglicher Vertrag liegt nicht vor. Es oblag französischer Staatsräson, Verträge nur zu schließen und zu halten, solange sich ein vermeintlicher Vorteil daraus ergibt. Ludwig begriff Spanien und das Reich als Erbfeinde, bezeichnete das Verhältnis als "Erbfeindschaft", hostilite. Diesbezüglich müssen alle seine Versprechen und Verträge betrachtet werden. Es lag ihm nicht an der Rettung Wiens oder Deutschlands, er benutzte derlei Ankündigungen zur Fixierung seiner Machtposition in Europa.