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Thema: Das Verlassen der Zivilisation

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Das Verlassen der Zivilisation

    Das Verlassen der Zivilisation

    Die Kälte ist schneidend. Die Straßenlaternen werfen ihr blaßrosa Licht auf den nassen Asphalt. Der Schatten verlängert sich, vergrößert sich, schlägt plötzlich um, verkürzt sich und verkleinert sich. Es ist ein verrücktes Spiel. Das Klatschen des Schattens auf die regennasse Straße hypnotisiert, macht zum Sklaven des Voranschreitens, des Vorwärtstreibens in die Ungewißheit der kalten Nacht.

    Ein Motorengeräusch kommt näher, die Scheinwerfer brennen Löcher auf die ölverschmierte Fahrbahn. Der Lichtkegel blendet, ist nach kurzer Zeit verschwunden und das Geräusch verstummt in den Schluchten der Häuser. Die Schritte hallen. Die Kälte wird immer beißender.

    Der Drang nach Hause zu kommen, wird größer und dringender. Nach Hause. In die Geborgenheit. In die Wärme der schützenden Mauern.

    Doch der Weg wird immer länger, statt kürzer, das Ziel entfernt sich. Die Schuhe sind vom unablässigen Laufen zerfetzt. Die Straße ist schon lange nicht mehr asphaltiert.
    Die Laternen spenden kein Licht mehr, die Birnen sind ausgebrannt, einige Laternenmasten sind umgeknickt, bei anderen wiederum ist das Glas zerschlagen.

    Die Straße, inzwischen nur noch ein Weg, endet im Acker. Es ist ein Stolpern über die tiefgezogenen Furchen. Inzwischen schneit es. Der Schnee ist schwarz.

    Die Heimat ist verloren. Das Zuhause ist versunken. Der Tod ist im Schnee. Die Heimat wird zur kalten Wüste. Die Verlorenheit ist unendlich.



    [Diese Nachricht wurde von hagen am 16. Oktober 2001 editiert.]

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Ein gelungener Topos mit einem grottigen Ende. Ich wünsche mir, Du würdest Dich noch mehr im Zuspitzen und Ausmalen des Abgangs befassen. Gestalte diesen Abstieg! Mal mir die Straße ins Wort, setze einen Kontrapunklt in Form eines Hoffnungsschimmers.

    Also, hagen, dieser Text gefällt mir von der Anlage her; er ist spannend und einnehmend. Ich kann mich hineinsetzen, werde hineingezogen, meine Gedanken nehmen Fahrt auf, aber am Ende stößt Du mich in einen moralinen Aufgang aus dem Moder, einen, der mir nun gar nicht behagt. Dafür sollte man Dich erschießen!

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Aufgrund des derzeit allgemeinen kriegerischen Topos sei dem Lektor die martialische Gebärde des Tötens nachgesehen. Ich nehme den verfehlten letzten Satz zurück, so daß ich keine Todesangst mehr zu brauchen habe. Nein, Robert hat schon recht. Zuerst fehlte der letzte Satz, dann tat ich ihn dazu, bin zu sehr dem Erklären und Begründen verpflichtet. Der gestrichene Satz lautete "Jetzt herrscht Diktatur."


    [Diese Nachricht wurde von hagen am 16. Oktober 2001 editiert.]

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Mich überkommt der Ekel. Hast du etwa den von Sartre gelesen? Seine romanhafte Wahrnehmung wirkt schräg, fast krank, was immer das sein mag. Ich bin grad zum ersten Mal bei seiner Lektüre. Mir fällt auf, daß er nie ein Urteil fällt.

    Mädels, was sagt Sie dazu?

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Dieser Ordner gehört wieder nach oben, bevor er ganz im Orkus des Abgehandelten verschwindet. Denn dort gehört er absolut nicht hin.
    Mag sein, dass dieser kurze Text in der Flut der Nabelbeschau, die diesen Monat über uns hereinbricht, etwas untergegangen ist. Das hat er nicht verdient.
    Er ist kurz und Robert hat recht, wenn er den Schluss bemäkelt. Aber er ist in einer wunderbaren, konzentrierten Sprache geschrieben, die mühelos Stimmung schafft und zum Nachdenken anregt. Das erinnert mich an Isaak Babel und an eine Beweisführung von Spinoza.
    Es gibt hier genug faselnde und stotternde "Autoren", und ich nehme mich da nicht aus, die sich von dieser Genauigkeit und diesem zielsicheren Formulieren eine Scheibe abschneiden könnten.
    ...wenn sie denn wollten.

    Hagen, mach weiter so; lass uns weiter in diese Richtung gehen. Du bist eindeutig mein Favorit in diesem Monat.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  6. #6
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Ja, Klammer. Der Hagen, der hagen, der sollte sich zum Ende und zur Funktion der Moral in seiner Geschichte äußern. Dann kommen wir vielleicht ins Gespräch.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Ja, zum Ende und zur Moral auf jeden Fall, aber eine richtige Geschichte kann ich noch nicht erkennen. Klar, Klammer, hagen kann ziemlich genau beschreiben, wenn er will. Aber deshalb gleich das ganze Forum diesen Monat mit einer Nabelschau zu vergleichen und uns alle zu Teilnehmern einer intellektuellen Peepshow abzustempeln... ich weiß nicht, ich weiß nicht...

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Zur Entstehung:

    Ich erzähle Euch etwas anderes. Nachdem meine Lyrik hier immer hart kritisiert und in Frage gestellt wird, entschloß ich mich den Kern des Gedichtes in Prosa umzuformulieren. Der hier zur Diskussion gestellte Text ist somit ein Resultat aus einer Umarbeitung. Wenn man versucht, den Text zu klassifizieren, dann gebe ich den Kritikern hier recht, daß es natürlich noch keine Geschichte ist. Ich bin ein Freund der Miniatur. Diese Form soll lediglich ein Stimmungsbild erzeugen, ohne jedoch vollkommen auf einen inhaltlichen Aspekt zu verzichten. Es ist sozusagen ein Gedicht, ohne die Gedichtsform.

    Zur Frage der Moral:

    Befindlichkeiten erzeugen sich aus der Innerlichkeit und Äußerlichkeit menschlicher Existenz. Mit reiner Innerlichkeit, die sich ausschließlich der Subjektivität verpflichtet fühlt, kann ich nichts anfangen, da sie sich der objektiven Überprüfbarkeit entzieht. Dabei entsteht Beliebigkeit. Das subjektive Empfinden ist immer auch ein Resultat objektiver Verhältnisse. Die Gründe für Stimmungen liegen somit außerhalb des Subjekts und sind außeninduzierte Verhältnisse. Diese objektiven Verhältnisse sind um so dramatischer je höher ihr Grad der Ungerechtigkeit und Unbeeinflußbarkeit ist. Deshalb stülpte ich die Diktatur über die Miniatur. Die objektive Szenerie, die mich bewegte, ist die, daß der Protagonist aus der "gedanklichen" offenen Gesellschaft in eine Diktatur vertrieben wird. Die Grenzen zwischen zwei Systemen, die Hilflosigkeit des Ausgeliefertseins, dem Totalitären unterworfen zu sein, ist das, was mich interessiert. Dieser schleichende oder auch abrupte Wechsel der objektiven Verhältnisse ist die Moral.

    Danke, Klammer, für Deine wohlwollende Kritik.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Leider habe ich damals das von mir angeregte Gespräch dann doch nicht führen wollen. Heute bin ich dazu bereit. Darum ein paar späte Gedanken zu dazu...

    Hagens letzten Text kennzeichnet ein Widerspruch. Einerseits stellt er fest, daß das subjektive Empfinden immer auch Resultat objektiver Verhältnisse sei. Andererseits meint er, ein sich ausschließlich der Subjektivität verpflichtet fühlender Text sei einer objektiven Überprüfbarkeit abhold.

    Ja, mag schon sein, daß sich ein solch Innerer einer objektiven Überprüfbarkeit entziehen will, aber er kann es denn doch nicht, denn auch der Innere muß sich gewisser Muster bedienen, um seine Botschaft aussenden zu können, andernfalls versteht er ja nicht einmal sich selber. Er muß. Und schon tritt er aus demn Inneren in den Kreis aller Sprachnutzer, Stilfärbung hin oder her.
    Ein anderer Gedanke, der hier mehr Beachtung verdient, ist der des Ausgeliefertseins. Ich glaube, Menschen beigen dazu, sich stets auszuliefern. Sobald sie lieben. Liefern sich aus. Sie entscheiden sich für eine Arbeit und geraten in die Mühlen des Tagewerks. Sie wollen etwas und stoßen an ihre und die Grenzen anderer. Auslieferung! Ein jeder tötet, was er liebt. Auslieferung ist ein Synonym fürs Leben.

    Aber wir haben jederzeit die Möglichkeit, die Qualen selbst zu bestimmen. Doch wie wir uns auch entscheiden, Qualen wird es immer geben.

  10. #10
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    AW: Das Verlassen der Zivilisation

    Zitat Zitat von hagen Beitrag anzeigen
    Zur Entstehung:

    Zur Frage der Moral:

    Befindlichkeiten erzeugen sich aus der Innerlichkeit und Äußerlichkeit menschlicher Existenz. [...] Das subjektive Empfinden ist immer auch ein Resultat objektiver Verhältnisse. Die Gründe für Stimmungen liegen somit außerhalb des Subjekts und sind außeninduzierte Verhältnisse. Diese objektiven Verhältnisse sind um so dramatischer je höher ihr Grad der Ungerechtigkeit und Unbeeinflußbarkeit ist. Deshalb stülpte ich die Diktatur über die Miniatur. Die objektive Szenerie, die mich bewegte, ist die, daß der Protagonist aus der "gedanklichen" offenen Gesellschaft in eine Diktatur vertrieben wird. Die Grenzen zwischen zwei Systemen, die Hilflosigkeit des Ausgeliefertseins, dem Totalitären unterworfen zu sein, ist das, was mich interessiert. Dieser schleichende oder auch abrupte Wechsel der objektiven Verhältnisse ist die Moral.
    Was mir an der "Beweisführung" auffiel, ist die Abgabe der Eigenverantwortung dafür, wie sich jemand gerade "befindlich" einsortiert und befindet. Die Befindlichkeit an das Außen, die Umstände oder Situationen abzugeben, kann kein wirklich weiser Rat sein. Nicht über die Befindlichkeit zu urteilen, könnte die Befindlichkeit jedoch durchaus verbessern...

    Doch im gedehnten Blick auf die seit damals beobachtbaren Entwicklungen entfaltet sich die Miniatur nachträglich. Wobei die Totalität der Diktatur einen ebenso aprupten Wechsel erfahren kann, sobald die Grundprämisse des Verhaltens und damit der Verhältnisse sich verschiebt. Als einzige Totalität kann nur der Geist gelten, die Herrschaft der Physis über den Geist ist eine Zwangsjacke ohne Entrinnen, doch die Herrschaft des Geistes über seinen eigenen Geist ist eigentliche Freiheit.

    Mit jedem Gefühl des Ausgeliefert-Seins gebe ich die Herrschaft über meinen Geist an ein Au0en ab und werde zum Spielball im Wind unsichtbarer Mächte außerhalb meiner Entscheidung. Eigentlich beschreibt es das Grenzland zwischen Selbst und Ego. Der große Diktator ist jedenfalls immer das Ego. Warum sich einer Illusion scheinbar hilflos aussetzen? Wenn ich jetzt keinen Diktator über meinen Geist akzeptiere, ist keiner da.

    Nur dann kann "die Verlorenheit unendlich sein", wie eingangs das Lebensgefühl unter der Herrschaft des Egos treffend skizziert wurde.

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