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Thema: Ballon

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Ballon

    Sie beugte sich nicht vor. Unsere nackten Füße im flachen Flusswasser fanden kaum Halt auf den Kieseln, stachen spitz in die Fersen und Zehen, wir merken es kaum, kalterstarrt wie wir waren, verbittert über den immer wieder beginnenden Kreisgang, die schweren Taschen auf dem Rücken, ohne Mantel, der uns decken könnte vor dem Schnee, den ein Sturm schräg gegen uns warf. Wir stolperten weiter, zum wievielten mal schon, trugen den erstarrten Toten weiter ans andere Ufer zu dem zerborstenen Brückenpfeiler. Und legten ihn neben die anderen. Sie beugte sich nicht vor, sie ließ ihn einfach fallen. Dann kehrten wir durch den eisigen Fluss in den Wald zurück und knüpften einen anderen Gehenkten von den Bäumen.
    Es war eine schwere Arbeit.

    Fünf Stunden. Dann gaben wir auf, ich zuerst. Es war sinnlos. Wir gingen zurück in die Stadt, die Ebene entlang, das einzige, was noch stand, war die Kirche. Es war der Altar, an dem wir saßen, auf den Stufen, sie gab mir aus ihrer Flasche. Komm, trink, vielleicht gibt es Hoffnung. Ich nickte, warf alles hin, Jacke, Waffe. Trost wär mir lieber, sagte ich. Ich nahm einen Schluck, gab ihr die Flasche. Trost?, sie schob ihre Füße vor, brauchen wir nicht, sagte sie, solange leben wir kaum. Mir gefiel das nicht, überhaupt nicht, auch ihr Gesicht nicht. Früher, sagte ich, bin ich immer über die Geleise gegangen, immer. Damals, und jetzt blitzten ihre Augen, dann schloss sie sie, damals, sagte sie, hattest du noch einen anderen Namen. Ja, sagte ich, Achim.

    Ja, komm, die Toten können so nicht bleiben. Nein, sagte ich, aber es ist kalt draußen.
    Kalt?, komm, ich erzähl dir mal eine Geschichte. Lächelte sie? Weiß nicht. Aber es wurde wärmer in der Kirche. Schwachsinn. Behalte deine Rede, sagte ich, draußen war Lärm, wir bekommen Besuch. Wir sprangen runter, ich raffte Waffe und Jacke, lief hinter ihr in die Sakristei, sie schloss die Tür ab.

    Still, sagte sie, horch. An der Tür war ein Kratzen. Etwas ist an der Tür, sagte sie, sie drückte das Ohr dagegen. Nabobs?, fragte ich, sie schüttelte den Kopf. Ich sah mich um. Über dem Tisch an der Wand ein Heiligenbild, daneben ein Kalender, darüber ein winziges Fenster, weiter hinten, im Schummerlicht schwach zu erkennen, ein Feldbett, sonst nichts, kahle Wände, kein Teppich, kein Licht, nichts. Was ist, fragte ich. Nichts, es ist verschwunden. Wir müssen hier weg, sagte ich. Sie nickte. Ihr Gesicht verzog sich etwas und sie schüttelte die Haare. Sie deutete mit dem Kopf Richtung Feldbett.

    Es war jetzt Nacht. Ich schloss die Kirchentür und ging ihr nach. Die Gassen leer, nur Geröll. Wir gingen wieder zum Wald, der Wald war sicher. Es hatte mir gefallen. Sie hatte neben der Ausbildung einiges dabei, dass man nur mit Musik vergleichen konnte, heftige Musik. Natürlich war es verboten, aber solange wir nicht in Reichweite ihrer Spocs waren, würde es niemand merken. Dennoch, wir sollten unsere Zeit nicht verplempern. Noch zwei Tage, noch achtundvierzig Stunden und wir würden alle Zeit der Welt haben.

    Plötzlich blieb sie stehen, ließ mich herankommen. Als ich Kind war, flüsterte sie, fuhr mich Jeremias oft in den Wald, damit ich die Angst verliere. Und, hast du sie verloren? Ja, sagte sie. Sie legte mir den Arm um die Schulter. Ich glaub, schon. Was ist aus ihm geworden, er soll in Kuantan dabei gewesen sein, bei beiden Angriffen. Sie ging weiter. Er hat nie viel davon erzählt, sagte sie leise, aber er fuhr nie wieder mit mir in den Wald.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ballon

    Das ist die Ästhetik der Selbstauflösung. Du schleichst um den Brei; der Brei ist Dir zu heiß. Du streunst aber nicht weit genug, um Distanz zu bekommen. Ich mag dieses Diffuse; allerdings nur, wenn der Kreis geschlossen wird. Du bleibst offen, formal sowieso. Ich hätte gerne Sätze wie Peitschenhiebe, sagen wir ein Schock davon. Das wären 60. Zuviel?
    Dann machen wir einen kleineren Kreis, nennen wir ihn Quadrophil. Und wir stoßen uns in den Ecken (des Kreises?) die Ohren wund.

    Willst Du Textarbeit?

  3. #3
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    AW: Ballon

    Selbstauflösung erkenne ich hier nicht, Robert, aber, lieber lester, ich bemerke sehr wohl, dass sich ein Ich-Erzähler unbedingt hinter etwas Vagem verschanzt.
    Hier müsste Kontext nachgeliefert werden, Geschichte des Ich auf jeden Fall. Als herausgelöste Miniatur ist die Sprache zu profan, zu episch, zu unpoetisch, nicht lyrisch genug, dass man im Diffusen bleiben wollte. Will ich aber Klarheit, so brauch ich Infos. Reicht Dein Atem so weit?

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ballon

    Danke fürs Lesen. Ich seh es ein, das Geraune macht noch keine Erzählung. Nach zwei Seiten legt der Leser das Ding beiseite. Keine Spannung.
    Textarbeit? Lass mich es erst mal anders versuchen. Gar nicht so einfach, auf Prosa zu lernen...
    Ach ja, Robert, das andere, 7. Kapitel, war mehr Richtung Nachahmung gedacht, nur müssten es ca. zehn Seiten sein, dann könnte es was werden.

  5. #5
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    AW: Ballon

    Lester, Du bist Lyriker. Denk an Reich-Ranickis Worte: Kein Lyriker kann Prosa schreiben. Es gäbe zwar auch Ausnahmen, aber die arme Ulla Hahn hat schon bitterlich über den Verriss geweint. Ich persönlich stehe ja dazu. Wenn ich Prosa schreibe, außer Märchen, das ist was anderes, dann taugt das nicht so viel als wenn ich mich bei Lyrik anstrenge, manchmal jedenfalls...

  6. #6
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    AW: Ballon

    ...ach was, uis, so schnell geb ich nicht auf, RMM kann mich mal. Und die Hahn, na ja.
    Lass mich erstmal meinen Ton finden. Aber ich geb dir Recht, bei Arbeit an Lyrik bin ich mir sehr viel sicherer, ob der Text langsam besser wird, bei Prosa wird er von Versuch zu Versuch nur anders, nicht 'besser'. Seltsames Phänomen. Vielleicht weiß R. woran das liegt. Kann doch kein Geheimnis sein, gute Prosa zu schreiben. Beim Lesen Texte anderer Autoren weiß man das nach zwei, drei Sätzen.

  7. #7
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    AW: Ballon

    Das sind merkwürdige Beobachtungen, lester. Halten wir fest, daß die Selbstreflexion in unserem Forum gerade Konjunktur hat.
    Halten wir weiter fest, daß sich die Dinge nur entwickeln, wenn man ihnen einen formellen Rahmen schafft, in dem sie sich tummeln können, denn, wie wir Weisen wissen, Freiheit wächst nur aus dem Gefühl von Begrenzung. Lyrik nun ist engste Form, überkandidelte Form; Prosa dagegen läßt viele Freiheiten zu, vor allem den genialen Entwurf. Ausgekotzt und hingerotzt. Amen. Da, friß, Du blöder Lektor, streich mir die Fehler raus!

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