Die frühe Aufklärung

Von beinahe allen postmodernen Historikern wird das Beharren bei der Aristokratie des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die ausgebliebene Bildung eines deutschen Nationalstaats nach westlichem Muster als Fehlentwicklung beschrieben, deren Kompensation nach der dann doch erfolgten Schaffung im späten 19 Jahrhundert Krieg fürs 20. Jahrhundert bedeutete, daß also eine „zu spät“ gekommene Nation besonders aggressiv verlorengeglaubte Bereiche politischer und wirtschaftlicher Macht für sich einforderte und so Kriege evozierte. Das ist der gängige Standpunkt, der davon ausgeht, daß sich die Menschheit nur über großstaatliche Organisationsformen weiterentwickeln könne.
Allerdings war das Reich zu keiner Zeit rückständig. Es stand sicherlich nicht immer an der Spitze der europäischen Geistes- und politischen Entwicklung, formte jedoch selbst in Zeiten seiner mutmaßlichen Rückständigkeit (17./19. Jahrhundert) Menschen, deren Leistungen heute noch in allen (!) Ländern der Welt als innovativ oder gar vorbildlich angesehen werden.
Schauen wir uns das ein wenig genauer an und gehen noch einmal zwei Jahrhunderte zurück: Luthers Bibelübersetzung hatte eine deutsche Standardsprache geschaffen, die von den katholischen Teilen der Bevölkerung weitgehend abgelehnt wurde. Das hatte Folgen: Die deutsche Geistesbewegung vollzog sich beinahe ohne katholische Landesteile. Ausnahmen bilden katholische Gegenden, die in ihrer Sprache dem mittelostdeutschen Idiom verwandt waren. Im Umkehrschluß erklärt das den geringen Anteil Bayerns, Tirols, der katholischen Rheinlande und Österreichs zur deutschen Geistesgeschichte im Zeitalter der Aufklärung; kein bedeutender Dichter oder Philosoph ist zu nennen, der aus diesen Gegenden des Reiches kam; allerdings gab es zahlreiche Künstler von Weltformat, die sich in der Musik oder auch der Architektur hervortaten, was im Umkehrschluß die geringe Bedeutung der Konfession für diesbezügliche Leistungen belegt. Das bedeutet nicht, daß die protestantischen Teile des Reiches blühende Landschaften gewesen wären. Die Protestanten traten politisch und konfessionell inhomogen auf und fanden auch gegen die Katholiken (Altgläubigen) kein gemeinsames Organ. Das von Luther geschaffene Frühneuhochdeutsche war nicht in der Lage, Fremdwörter einzudeutschen, zudem hatte der Dreißigjährige Krieg Frankreich als Hegemon Europas erkennen lassen, was zu umfassenden Änderungen im Selbstbewußtsein der Deutschen führte: Das Französische gewann an Bedeutung und löste das Lateinische als Sprache der Gebildeten und Vornehmen ab. Das Deutsche blieb dem Volk – den Armen, Dummen und politisch Unbedeutenden – als Umgangssprache.
Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges waren groß. Das ist als Grund für die gemutmaßte Rückständigkeit der deutschen Literatur und Kultur gegenüber Frankreich, Italien und England behauptet worden. Vielleicht gab es die in den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg, doch schon um 1700 kann kaum von einer höheren Kultur in Frankreich oder England gegenüber dem Reich zu sprechen sein. Die Zerrüttung der Deutschen rührte von ihrem energisch geführten Konfessionsstreit, ihrem Kleinklein in praktischen Fragen und ihrer Leugnung eigener Kraft, der Orientierung an falschen (ausländischen) Vorbildern. Dennoch war diese Zeit bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch die Zeit Keplers, Pufendorfs, Baers, Pöppelmanns, Telemanns, Guerickes, Gryphius', Opitz', Bachs, Pachelbels, Leibniz' oder Händels, um nur einige zu nennen. Das sind Geistesgrößen, die noch heute Weltbedeutung haben. Dergleichen Leute wachsen nicht aus dem Nichts. Sie schufen für die Welt, nicht nur für die Vornehmen, und entstammten dem Volk, allen Schichten.

„Wenn wir von der Ausbildung eines europäischen Staatensystems in diesen Jahrhunderten [16.-18. Jahrhundert] sprechen, so meinen wir dreierlei: einmal die Zerschlagung der alten universalen Mächte und Ideen, des Kaisertums und des Papsttums. […] Zum zweiten meint man das neue Verhältnis der Staaten zueinander im Sinne eines Gleichgewichts der Mächte. Die Herrschaftsbereiche Karls V., auch noch Philipps II., schienen nicht nur für die eigenen Untertanen erdrückend, sie lasteten auch auf den italienischen Staaten und v.a. auf Frankreich. Solange die Österreicher [Habsburger] auf die spanische Erbfolge hofften, blieb die Gesamtmacht eine gewisse Einheit. Aber beide Teile der Universalmonarchie [das Reich und Spanien] hatten durch Kräfteverfall und neue Gegner gelitten. Schweden ist in die Reihe der europäischen Großmächte eingetreten; es hat Dänemark langsam überflügelt. England ist europäische Großmacht geworden seit der Vereinigung mit Schottland [1601], obwohl gerade diese zunächst die schwersten inneren Kämpfe auslöste. Die Westmächte Spanien, Frankreich, die Niederlande und England sind zudem in den Wettbewerb um die überseeischen Besitzungen geraten; und mit dem europäischen Gleichgewicht beginnt nun ein überseeisches beruhigend oder störend zu balancieren. Zu allen europäischen Mächten aber sind seit dem 16. Jahrhundert die Osmanen in ein […] völkerrechtliches Verhältnis getreten. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts bedeutet Polen noch […] Vormacht im Osten, tritt aber noch im Laufe des Jahrhunderts hinter dem seit 1613 vom Hause Romanow geführten Rußland zurück.
Drittens handelt es sich bei den europäischen Staaten durchweg um eine innere Umformung. Man ist in der jetzt abgelaufenen Periode endgültig aus der ritterlich-feudal-dynastischen Auffassung vom Staat hinausgewachsen zu einem eigenrechtlich, zweckbestimmten Staatsbegriff. Überall hat sich ein königliches Beamtentum meist gelehrter, d.h. theoretischer Ausbildung zum Träger der Rechtspflege und der Staatsbildung gemacht. […] die Idee der Staatsräson – d.h. des Eigenrechts des Staates, so gut gegenüber der Dynastie, den Ständen und der Kirche, wie gegenüber den Sätzen der hergebrachten Moral – hat sich siegreich durchgesetzt.“ (Brandi, S. 515/516.)

Politisch, nicht wirtschaftlich, bestimmend blieb in dieser Zeit Frankreich. England mit dem dort vergessenen Shakespeare, Spanien mit der Eintagsfliege Cervantes und Italien mit dem breiten Spektrum für sich schaffender Genies gaben Einzelkönner, die Franzosen wirkten in der Masse geschmack- und stilbildend. Die Aufklärung entwickelte sich aus zwei Impulsen: Den ersten Impuls gab der zerstrittene Katholizismus, der sich gegen den Protestantismus theologisch behauptet hatte und der nun neue Schlachtfelder suchte, und zum zweiten bewirkte die höfische Kultur des Absolutismus mit ihrem Repräsentationszwang künstlerische Finesse, die neue Ausdrucksmöglichkeiten suchte und brauchte. Kunst geht immer nach dem Geld. Ohne Geld gibt es keine Kunst von weitreichender Bedeutung.
Die zerstrittenen (katholischen) Richtungen in Frankreich hießen Jansenismus, Papalismus, Gallikanismus, dazu die Jesuiten mit ihrem Welttheater. Mehr oder wenig mystisch, weltab- oder –zugewandt, Ewigkeitswerten nachgrübelnd oder naturerfassend, ideengestützt oder materiell orientiert. All diese Aspekte benötigen Persönlichkeiten, die sich nur dann bilden, wenn sie außer Reibungspunkten auch eine solide Ausbildung erhalten. Die klassische Zeit der französischen Literatur brachte Werke hervor, in denen menschliche Schwächen thematisiert wurden (Geiz, Habgier, Eifersucht, Rachebedürfnis) oder ewige Themen (Pflicht und Neigung, Treue). Die Form orientierte sich an römischen Klassikern, weniger an den Griechen, die in Frankreich nur eine spärliche Rezeption fanden, mithin kam das Aufgebauschte, das Verspielte, das in der Spreizung sich erhaben gebende Individuelle zur Geltung. Das nennt man Barock. [1] Natur und Kunst standen im Gegensatz, alles Natürliche wurde als etwas ohne Verstand Seiendes betrachtet. Das Subjekt ist willkürlich in seinem Drang zur Selbstdarstellung, muß sich aber an die Gesetze der äußeren Form halten. Prunk und Schöpfungsdrang gleichermaßen. Der Tod ist nah, das Leben kurz und als Vergängliches begriffen. Todesahnungen werden mit Mystik umwoben. Augen zu und verzückt das Jüngste Gericht schauen. Daneben das Moralische, ein Beharren auf Tradition, auf überkommenen Mustern, die eine Gemeinschaft schaffen. So gab es nicht wenige Franzosen, die auf Alexandriner größten Wert legten und die Güte eines Kunstwerkes daran maßen, ob ein Versmaß durchgehalten wurde. Man entdeckte die Einheit von Raum, Zeit und Handlung wieder, wie sie bei den Klassikern gepflegt wurde. Aber das war, dramaturgisch betrachtet, ein Schritt zurück. Shakespeare kannte diese Einheit nicht, zumindest hielt er sich nicht daran. Die Franzosen taten so, als ob sie das Theater neu entdeckt hätten und zwängten ihre Texte und Aufführungen in dieses Korsett. Das disziplinierte die Künstler zum Formwillen. Barock. Corneille, Racine oder Moliere sind die klassischen französischen Dichter geworden. Den Deutschen gefiel das, solange sie selbst keine Sprache besaßen, die sie über diesen Zwang emporschwingen konnte. Sie orientierten sich in ihrem Schreiben an den Franzosen, in ihrem Denken, in ihrer Sprache. Sie ordneten sich diesen Stilikonen unter, was gefährlich ist, wenn man es zu lange betreibt und keine eigenen Muster ausprägt. Gefährlich? Die Ausprägung eigener Muster hat etwas mit dem Selbstbewußtsein zu tun, etwas mit Lebenssicherheit und Perspektive. Wenn ein Volk keine eigenen Muster ausprägt, sondern nur nachahmt, verliert es den Bezug zum Ich und wird früher oder später untergehen. Heute kann man die Texte dieser Zeit nicht mehr lesen, sie kommen uns zu verstandesorientiert daher, haben, ganz abgesehen von dem Kauderwelsch verschiedener Sprachen in einem Schachtelsatz, zudem etwas Überspanntes, dem wir lächelnd begegnen. Prahlerei und Gockelei. Jesuitenkasuistik. Aber damals fanden nicht wenige durch diese Texte einen Weg zum Theater, zur Sprache und zur Darstellung der Wirklichkeit. In Frankreich gab es Bühnen, gab es ein Publikum, gab es Themen. Frankreich war im siebzehnten Jahrhundert das Schlaraffenland der Dichtung.

Das Barockzeitalter wurde stilprägend fürs Gesellschaftsleben. Zuerst war es der Adel, der in die Metropolen strömte, und die Saison begann: Spätfrühling bis Hochsommer, also Mai bis Juli. Das war die Zeitraum, in dem sich der Landadel samt Familien in den Metropolen aufhielt - je nach Vermögen bei reicheren Verwandten oder im eigenen Stadtpalais -, und die Sprößlinge bei Hofe eingeführt wurden, Bälle einander ablösten, Gerichte tagten, politische Entscheidungen gefällt wurden, Künstler auftraten, die Akademien diskutierten und die Theater skandalierten.
Das Bürgertum übernahm diese Form gesellschaftlichen Miteinanders und dehnte sie in brav kapitalistischer Manier zeitlich und kommerziell, nicht aber qualitativ aus.

Neben der Dichtung etablierte sich die Philosophie. Die Vielfalt der Meinungen und Glaubensbekenntnisse schuf ihr den Platz. Es entwickelte sich ein Denken, das sich nicht an Konfession hielt, die Philosophie trat aus dem Schatten der Theologie. Hier muß Descartes genannt werden, der sich als Jesuit und reicher Edelmann keine Probleme um sein standing innerhalb der französischen Gesellschaft machen mußte und den Tag, nachdem er nicht vor elf aufgestanden war, damit verbrachte, über den Sinn des Denkens und Daseins nachzusinnen. Meditationen. Er fragte nach dem Gewissen (im Sinne von Gewißheit) und machte es daran fest, daß bei allem Zweifel, den man in jeder Frage haben könne, doch eine Sache gewiß sei, daß nämlich ein Ich frage und Zweifel hätte, es also feste Dinge gäbe. cogito ergo sum. So schuf er einen neuen Ausgangspunkt für das moderne Denken, eine auf die Entwicklung des Ich orientierte Philosophie. Daneben wurden in England pragmatische und positivistische Gedanken laut. Bacon sei hier genannt. Beides zusammen ergibt die Ursprünge der modernen Philosophie. Spinoza, Locke und Leibniz sind diesen Weg dann weitergegangen.


Aufgabe
: Formuliere den wichtigsten Grundgedanken des Zeitalters und begründe deine Auffassung! (III)


[1] „Die Bewegung strömt im Barock nicht mehr [wie in der Gotik] durch die Materie hindurch gläubig nach oben, ihres Zielpunktes gewiß, sondern sie legt sich der Masse ein, reißt sie als ganze herrschaftlich mit und erzeugt erst so den Rausch der großen, schwellenden Form. Es ist schließlich nicht mehr die universale Kirche des Mittelalters, sondern die kämpfende, propagierende, wiedererobernde Kirche, die da gebaut wird, und als Wille, der die Materie die ganze herrschaftlich bewegt, ist der absolutistische Staat geradezu definiert. Der Barock zeigt die Vernunft, wie sie als geschichtliche, das heißt als kämpfende und siegende Macht auftritt, im reinsten Spiegel.“ (Freyer II, S. 880/881.)