+ Antworten
Ergebnis 1 bis 12 von 12

Thema: raffaela

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    27.June 2000
    Ort
    Bärlin
    Beiträge
    58
    Renommee-Modifikator
    0

    raffaela

    raffaela

    1.

    rose, die aufblüht, ganz
    seele, die sich
    aufgibt --
    du.

    nachtaugenbeblumt: woher?
    des weins fremde fülle - hierher.
    machst locker die trockene kehle,
    durchstürzt der verzweiflung
    rauchwolken:
    duft.

    in deinem sterben
    du stehst.


    2.

    gärten, die niemand besitzt,
    entspringt dein duft,
    der heilbringer, der nicht-
    versiegende.

    dort zu verweilen, die luft
    aus nichtversiegelter quelle
    zu atmen...

    kelch des köstlichsten weins,
    den ich trinke und trinke --

    mit dornenstiel:

    als einer dich
    für eine fremde
    im garten
    des sicheren schlosses
    pflückte,
    gabst du ihm
    seinen todesstich.

    3.

    stielauge des raums,
    du schaust hinaus
    und siehst
    trübe.

    himmelstränenauge:
    verhüllt in der weichen tülle
    deiner weichen lider, die
    knospe,
    die sich einst der sonne
    öffnete.


    4.

    ich nenne dich nacht, die
    unbegreifliche.
    deine blüten die pforte
    zum unzugänglichen
    inneren.

    dennoch:

    buchstabe für
    buchstabe, ich
    übe und übe,
    bis ich dem wort
    gerecht werd.

    5.

    schale des wahren
    mondgesichts --
    maske.

    im weihrauch verschwindend
    doch beständig:

    wenn sich die wolken verzögen,
    strähltest du da.


    6.
    duft, die die luft des raums
    bindet,

    atemzug an atemzug.

    lache, die hängt
    eingekelcht
    an den lippen
    der luft.

    der kletterstrauch
    windet
    ums gitter der zeit.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.643
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: raffaela

    Oh ja, das nenn ich verspielten Umgang mit Sprache. Beinahe barock. Aber die dunkle Seite ist überbelichtet und so werden's weiße Rüschen. Mehr Dunkelheit, möchte ich Dir zurufen!
    Der Tod kommt auf samtenen Pfoten, der Dornenstiel ist dornig, weil er verteidigt die Unschuld der wei?en oder roten Rose, jedenfalls eines Rosengewächses. Und diesen Tod im Dornenstrauch möchte ich als Dornröschenbefreier auch ansatzweise spüren; ich muß ja nicht beim Lesen sterben.

    Strophe 3: TÜLLE? Rühren am Lide? Auch unvollendet, dabei aber denkbemüßigt.

    Strophe 5: überzüchtet

    Strophe 6: versteh ich nicht; bitte um erklärende Worte

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    20.April 2000
    Beiträge
    172
    Renommee-Modifikator
    21

    AW: raffaela

    ich stünde durchaus nicht an, das kitsch zu nennen, wenn mir eine flotte definition von der hand ginge. aber da kann man sich leicht verstricken, so will ich nur sagen: in meine anthologie der unkitschigen rosengedichte (o ja, da gibts ne menge) kommt es mir nicht. eine aufblühende rose und eine sich aufgebende seele stellen sich meinem unbefangenen verständnis schon am anfang gemeinsam in den weg, da nützt mir auch das lechzen der trocknen kehle nichts mehr. meine romantik bleibt auf der strecke!
    bigvogel

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    27.June 2000
    Ort
    Bärlin
    Beiträge
    58
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: raffaela

    danke, ed.!
    verspielter umgang mit sprache, beinahe barock? die nennung gefällt mir sehr. für mich ist es ein ziemlich freier assoziationslauf um eine rose herum (raffaela ist meine lieblingsrosensorte, die gibt's vom herbst bis april/mai, und steht in der zeit immer auf meinem schreibtisch).
    wenn die dunkle seite überbelichtet ist, liegt dies vielleicht daran, daß das gedicht einer dunkelheit entsprang, an der ich damals hätte zugrunde gehen können... für mich ist der dornenstiel etwas heimtückisches, keine unschuld wird verteidigt. obwohl...
    du bist ein dornröschenbefreier? ich denke, du hast pech gehabt. es sieht so aus, als ob ein anderer prinz schon vor dir da wäre. und es bleibt nur noch die dornen. und der herr des schlosses ist tot (das schloß, den ich hier meinte, ist muzot...) - ein alternativer ausgang zur schöne und dem biest?
    o, der assoziationsspiel geht weiter: ich denke gerade an hilde domins ' nur eine rose als stütze'.
    strophe 3: TÜLLE? ja tülle. (eine leichte anspielung auf celans 'sprachgitter'). im zusammenhang mit 'stielauge' ziemlich klar, dachte ich. mir fällt jetzt auf, daß zweimal 'weich' ist zuviel. unvollendet? hm.
    strophe 5: überzüchtet. weißt du, mit dieser habe ich auch mein problemchen. kann sein, daß sie gestrichen wird. ersatzlos.
    strophe 6: eliot hat irgendwo geschrieben, daß 'die poesie kommuniziert, bevor sie verstanden wird'. 'verstehen' tue ich auch nicht, was hier steht, wenn 'verstehen' heißt: mit dem verstand (und nur dem verstand) erfassen. ich hoffe, daß etwas kommuniziert wird, auch ansatzweise. ich habe es nur geschrieben. der leser bringt das seine. dann ist das gedicht ganz.

    kitsch, bigvogel? o weia!

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Fürth
    Beiträge
    63
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: raffaela

    Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
    unter den Akrobaten und Vögeln:
    mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
    wie ein Nest im Wind
    auf der äußersten Spitze des Zweigs.

    Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
    der sanftgescheitelten Schafe die
    im Mondlicht
    wie schimmernde Wolken
    über die feste Erde ziehn.

    Ich schließe die Augen und hülle mich ein
    in das Vlies der verläßlichen Tiere.
    Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
    und das Klicken des Riegels hören,
    der die Stalltür am Abend schließt.

    Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
    Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
    Meine Hand
    greift nach einem Halt und findet
    nur eine Rose als Stütze.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    29.April 2000
    Ort
    Stuttgart
    Beiträge
    50
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: raffaela

    was für ein verhallen, verwehen.....
    wir haben uns im turm von muzot eben noch nicht zu tode gestochen, aber fast.
    ich mag auch nicht verständeln. dornröschen schlief lange über ihrem verstand.
    "strählen"? da nehm ich doch gleich meinen ganz großen kamm...

    danke miranda und danke pamina

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    20.April 2000
    Beiträge
    135
    Renommee-Modifikator
    21

    AW: raffaela

    zarte, sanfte zeilen, eigentlich tief melancholisch.

    - lache, die hängt
    eingekelcht
    an den lippen
    der luft. -

    sehr pretiös diese strophe, gefällt mir jedoch, weil sie sich einfügt als abschließende bewegung, vor dem vergehen
    und
    ich sie mehrmals mit dem vergnügen las, das man empfinden kann, wenn man über samt streicht

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.643
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: raffaela

    Das mit dem STEHEN gefällt mir. Das mit dem AUFGEBEN nicht.
    Rosen sind Modergewächse. Sie gedeihen auf Much. Sie verwirren und stechen, sie sind ein Kontra im unisono blauer Blumen.
    Ein Sterben ist hier angesagt, angezeigt wurde es mir nicht.
    Du springst. Es sind die vielen kleinen Anzeigen, die Du nur erwähnst, aber nicht auslebst. Stoff für einen Zyklus? Ja.
    Mach einen!
    Beginne mit dem Ejakulieren und dem Sterben. Dem Duft des Fleisches einer weißen Rose folgt der Tod der roten. Getroffen bis ins Mark, der Kopf hängt, die Dornen bleiben stumpf, gebrochen. Das Herz stirbt im Angesicht des Gebrochenseins.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.643
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    Ein Jahr später

    Viel Geschwätz, im Zentrum Stille, Starre, Sturheit. Brokat aus vergangenen Zeiten, als das Gespräch ?ber einen Text wichtiger ward als die Arbeit am Text selbst.

    Der Text selbst aber war gut, hielt aber nicht die Verheißung. Insofern muß sich der Leser dieses Ordners fragen, welchen Sinn das Einstellen des Eingangstextes besaß: Wollte sich hier jemand brüsten?

    Lesen wir diesen Ordner mit dem Besserwissen des Nachgeborenen, des einjährig Gereiften!

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    24.August 2001
    Beiträge
    101
    Renommee-Modifikator
    20

    Ein Jahr später

    Ich vermisse ihn auch, den Dialog zwischen den Geschlechtern...

    Auch wenn und weil ich unbehufter Dreibeiner keine ordentliche Arbeit leisten kann - Miranda, Kyra, Hanne, strega, Pamina, Liebe Frauen, wo seid ihr dann?

    Das Einjährige ist wundervoll, ich verstecke eine Träne im Knopfloch.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    14.May 2000
    Ort
    Cary (Nordcarolina)
    Beiträge
    108
    Renommee-Modifikator
    21

    Ein Jahr später

    das ist so wunderbar, wie konnte ich das damals übersehen?

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Tübingen
    Beiträge
    510
    Renommee-Modifikator
    21

    Ein Jahr später

    ..oha:

    wenn sich die wolken verzögen,
    strähltest du da.
    das hätte ich mich nicht getraut. Aber es ist ausgezeichnet. Wo, by the way, ist sie geblieben, die Miranda?

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •