Hallo,
ich habe dieses Forum gerade entdeckt und Lust bekommen, etwas hier hineinzustellen. Über Kritik würde ich mich sehr freuen.
Außerdem möchte ich wissen, ob man automatisch Mitglied ist, wenn man sich registrieren lassen hat? Oder gibt es da eine Differenz?
Danke
Claire

Der zauberhafte Wald

Tief atmete sie den frischen Wind, der den Duft des Heidekrauts verwehte und das Ende des Tages ankündigte. Sie blieb stehen und schaute nach rechts in einen glutroten Sonnenuntergang, tief unten golden glitzernd, während die Wolken weiter höher am Himmel violett angestrahlt wurden. Dann sah sie wieder nach vorn und wusste, diesmal hatte sie den Zauberwald gefunden. Die schwarze Masse der Bäume vor ihr war ihr Ziel, das sie so viele Monate vergeblich gesucht hatte. Wie oft war sie losgelaufen, durch wie viele Wälder war sie geirrt, immer auf der Suche, immer gelockt von ihrer Vision von vollkommenem Glück, von Leidenschaft und Geborgenheit, von Tiefe und gleichzeitig spielerischer Leichtigkeit.
Sie ging weiter auf den Wald zu und glaubte, ihn rufen zu hören.
"Komm her, Marianna! Komm zu mir! Ich werde dich glücklich machen!"
Ihr Herz klopfte vor Vorfreude. Er wollte, dass sie zu ihm kam! Er freute sich auf sie, so wie sie sich auf ihn freute. Bald würde sie am Ziel ihrer Träume sein. Und vielleicht auch am Ziel seiner Träume.
Sie ging immer schneller, das Blut pochte in ihren Ohren und ihr Atem wurde lauter. Der Wind wehte über die Heide, während die Sonne mit einem Seufzer versank. In all den Geräuschen vernahm sie eine wispernde Stimme, die zu ihr sagte:
"Was willst du dort, Marianna? Was erhoffst du dir? Er wird dich benutzen, wird sich an dir erfreuen und dir deine Kraft nehmen, bis du darum bittest, zurückkehren zu dürfen."
"Nein!" antwortete sie und ging weiter. "Er wird mich aufnehmen, meine Liebe empfangen und mir Geborgenheit geben. Es wird wundervoll werden. Ich werde nicht umkehren."
Doch die Stimme verstummte nicht.
"Denk daran, Marianna. Wenn du den Wald betrittst, könnte es zu spät sein für eine Umkehr. Wirf nicht dein Leben weg!"
"Ob ich umkehre, entscheide ich, wenn es so weit ist. Jetzt will ich diesen Wald betreten, will endlich wissen, wie es dort ist, will all die Träume leben. Das wird mich glücklich machen."

Sie erreichte den Saum des Waldes und suchte einen Eingang. Die Bäume lockten sie und winkten mit ihren Zweigen. Doch erst einmal hob sie die Arme und watete durch hüfthohe Brennnesseln. Sie sprang über einen Wasserlauf, überwand noch mehr Brennesseln und stand vor dornigen Heckenrosensträuchern. Vorsichtig bog sie die Zweige auseinander und schlüpfte hindurch. Endlich stand sie unter den Bäumen. Die Kratzer auf ihren Armen brannten, aber was war das gegen dieses Gefühl, dieses tiefe Glücksgefühl, endlich angekommen zu sein.
Sie schaute sich um. Die Bäume sahen gewaltig aus und wunderschön.
"Hallo Wald", sagte sie mit weicher Stimme.
Die Wipfel rauschten.
Sie ging langsam tiefer in den Wald hinein. Ohne einen Gedanken oder gar einen Blick zurück. Was kümmerte es sie, was hinter ihr lag!
Mit zunehmender Dunkelheit begannen die Wunder. Das Moos auf den alten Stämmen fing an zu schimmern, so dass bald alles in grünliches Licht getaucht war. Auch die lila Blüten der Heckenrosen leuchteten auf und vom Waldboden her antworteten tausende winziger weißer und gelber Blüten. Und es nahm kein Ende. Bald gaben alle Blätter an Bäumen und Sträuchern ein sanftes grünes Licht ab. Sie schaute nach oben und es schien ihr, als befände sie sich in einem riesigen Ballsaal mit einem kunstvoll gewölbten filigranen Blätterdach.
"Es ist wunderschön bei dir, Wald."
Wie zur Antwort erklang plötzlich eine zarte Musik, die, wie sie bald herausfand, vom Läuten der weißglühenden Maiglöckchen herrührte.
Sie schritt durch den Wald und hatte das Gefühl, tanzen zu müssen. Schade, dass da niemand war, mit dem sie ihre Freude teilen konnte. Sie umarmte einen der dicken Stämme und bemerkte zu ihrem Staunen, dass er daraufhin seine Farbe in ein warmes Rot änderte. Sie ging zu einem anderen Stamm und strich mit der Hand über seine Rinde. Die Stelle, die sie berührt hatte, wurde leuchtend gelb. Marianna lachte übermütig und berührte und umarmte immer andere Stämme, um sich an ihrem Reagieren zu freuen. Bald glühten und strahlten alle Stämme um sie herum in den verschiedensten Farben. Es wirkte wie auf einer verrückten Party, grün, blassblau, golden, violett, pink, orange, gelb, rot, nein nicht einfach rot, sondern burgunderrot, violettrot, sonnenuntergangsrot, karminrot, rosenrot, glutrot und hellrosa.
Sie lachte und tanzte durch die Bäume, bis sie müde wurde. Als sie langsamer ging und ihr Herzschlag sich beruhigte, hörte sie in all dem Klingen der Blüten ein neues liebliches Geräusch. Sie ging darauf zu und sah, dass es von einer Quelle kam, die in einem schönen gemauerten Rund entsprang und dann als Bach munter über Steine davon plätscherte.
Sie setzte sich auf den Rand der Quelle und streckte die Hände ins kühle Wasser. Dann trank sie in durstigen Zügen. Das Wasser schmeckte würzig und süß und stillte Hunger und Durst.
Marianna fühlte Müdigkeit in sich aufsteigen. Sie legte den Kopf auf einen Mauervorsprung und schlief ein.
Als sie erwachte, war es kühl. Das Leuchten des Waldes war fast erloschen, nur hier und da verbreitete ein Stamm ein schwaches Licht. Sie schaute nach oben und sah einen klaren funkelnden Sternenhimmel ?ber sich. Kein Wunder, dass es so kalt war. Marianne suchte nach ihrem Lieblingssternbild, doch das war von Baumkronen verdeckt. Sie wurde von Traurigkeit ergriffen und sehnte sich nach einem Bett.
Dann stand sie auf und weil sie nicht wusste, welche Richtung sie einschlagen sollte, folgte sie dem Bachlauf. Irgendwann würde der sie aus dem Zauberwald heraus führen. Sie dachte daran, stehen zu bleiben und an der Quelle auf den neuen Tag zu warten, aber was, wenn dieser Tag grau und hässlich herandämmerte? Dann wäre in ihrem Herzen all die Lust, all das Tanzen und Klingen der Nacht verdeckt von einem kalten Schleier.
Mit Wehmut im Herzen ging sie weiter.
Vielleicht würde der neue Tag neue Wunder für sie bereithalten? Vielleicht war der Zauber der Nacht nur ein Anfang? Was, wenn sie später nie wieder in diesen Wald voller Lichter und Freude zurück fände?
Aber - hätte der Wald nicht die Macht, sie zurückzuhalten, wenn er es wollte? Sie schaute sich um, doch die Stämme standen schweigend und starr, kein Blatt regte sich und keine Farbe wies ihr den Weg zurück zur Quelle.
Sie ging weiter und ihr Herz war dabei schwer und auch warm, traurig und froh, voller Sehnsucht und zugleich voller Zufriedenheit.