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Thema: Kostet nichts

  1. #1
    o.leander
    Status: ungeklärt

    Kostet nichts

    Vor dem steinernen Torbogen tippt jemand Julian auf den Arm. Als er sich umdreht, steht da ein Mann, der ihm ein Backblech mit Pizza-Stücken entgegenhält.

    „Nein, danke, ich möchte keine“, sagt Julian.

    „Sie kosten nichts“ sagt der Mann. „Bitte. Ich muss sie noch vor dem Abend loswerden, sonst komme ich nicht in die Stadt zurück. Nehmen Sie, bitte.“

    Die Teigstücke sind nur dünn mit Tomatensoße und Käse bestrichen. Ein wirklicher Belag fehlt.

    Der Mann bemerkt Julians Blick. Er greift in eine Mauerspalte, zieht einige kleinere Tiere hervor: Eidechsen, Tausendfüßler, Asseln; er quetscht sie kurz an, dann legt er sie auf die Pizza.

    „Es fehlt noch etwas Grün“, überlegt er halblaut. Beiläufig fasst er in die herabhängenden Ranken, rupft einige Büschel ab, drapiert die Pizza-Stücke damit.

    „Jetzt ist alles beisammen“, sagt er und hält Julian das Blech wieder hin.

    Es ist inzwischen recht kühl geworden, gerade so, als hätte jemand in einer langen Pipeline polare Luft hergeleitet. Und irgendwie riecht es wie nach Trollen.

    „Nimm!“ sagt der Mann. Sein Ton ist schärfer geworden. Das ist keine Bitte mehr.

    „Siehst du die Fratzen über diesem Torbogen, Julian?“ fragt er. „Nimm. Sonst kommen sie dich holen.“

    „Nein“, sagt Julian. „Ich nehme nichts davon. Du bist dumm. Du weißt nicht, dass nur die Geister kommen, die du selber rufst. Merke dir: Keiner holt mich, bevor ich das selber will. Keiner, auch der mit der Sense nicht.“

    Wo vorher nur ein leerer Mauerbogen gewesen war, zeigen sich jetzt eisenbeschlagene Torflügel, die sich vor Julian öffnen, und er tritt ein in die Stadt.

  2. #2
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    AW: Kostet nichts

    Das gefällt mir. Es hat das, was fides implicita nur ungenau ausdrückt, eine Achtung vor dem Tode und dem Wort, vor dem Unwägbaren im Hintergrund.
    Der Text ist bitterlich und schmeckt ranzig, aber der Grund, auf dem Du schreibst, der behagt mir sehr. Vielleicht sehen wir uns bei einem Bierchen?

  3. #3
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    AW: Kostet nichts

    Irgendwie sind mir derartige Träume ein wenig unheimlich.

  4. #4
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    AW: Kostet nichts

    liebster uis - unheimlich - kein wunder, das war schließlich dein 666. beitrag - 666, du weißt, was diese zahl bedeutet...
    der text gefällt, eine stimmung kommt auf, das ist doch schon mal was... - erinnerte mich ein wenig an hesses steppenwolf, das magische theater und der ihm anhaftende flair... - den pizzabelag fand ich ganz wunderbar, ach das absurde ist gar so lieb... - die trollen, sinds die aus finnland? -was machen die denn dada? - der schluß öffnet phantasias pforten, der leser schwebt weiter - schön das... -
    irgendwas fehlt mir jedoch, kann nicht sagen was, so lass ichs...

  5. #5
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    AW: Kostet nichts

    sieh an, kaum ändert man den nick, schon wird man zum bierchen eingeladen. das ist mir vordem nie passiert. robert, ich bin dabei. macht es dir etwas aus, dass wir etwa 2000 km auseinander wohnen? und wär dir statt bier auch ein guter weißwein unter einem blühenden zitronenbaum recht (ich geb ihn aus, daselbst)?

    und sonst: lob freut mich natürlich, macht mir lust zum weiterschreiben. kritik schätze ich jedoch eher noch mehr, denn sie kann mich weiterbringen. was meinst du mit ranzig? alt? abgestanden? pathetisch? fetthals über den stimmritzen? oder was? könntest du ein wenig konkreter werden?

    was den neuen nick betrifft: ich habe eine lange auszeit genommen, musste. jetzt überlege ich mir, ob ich zurückkehren soll in die schöne neue forenwelt. weil ich meine texte der letzten zeit doch ziemlich düster finde, wollte ich erst einmal unter anderem namen ins netz gehen, reaktionen abtesten.

    uisgeovid (ein keltischer name?), bist du jemand, den ich von früher her kenne? meine schlussfolgerungen aus bisher nur wenigen begegnungen: falls du ein mann sein solltest, bist du erstaunlich sensibel. falls du eine frau sein solltest, hast du offenbar genügend x-chromosome für oberlehrerhafte kommentare. egal. was ich hier geschrieben habe, ist kein traum. ich wohne außerhalb einer südlichen kleinstadt mit mauern, türmen, stadttoren. jeden tag muss ich durch ein tor hinein, und das ist nicht immer einfach. dies ist der unmittelbare anlass/auslöser des textes. außerdem schiebt sich natürlich immer alles mögliche gelesene dazwischen, schließlich steht man ja in einer tradition, oder? ich möchte beispielsweise nur den türhüter von kafka in dessen prozess erwähnen. mir war es schon immer unerträglich, dass der mann vom lande bei ihm nie durch das tor eintritt, schon immer wollte ich eine gegengeschichte schreiben. in anderem rahmen natürlich, denn ich bin nicht kafka, und das soll man auch ruhig sehen.

    lieber paul (kenn ich dich vielleicht auch, unter anderem nick?), vielen dank für deine freundliche beurteilung. was die trolle betrifft: meines wissens kamen/kommen die in finnland nicht vor, sondern in schweden, norwegen und island, und eine begegnung mit ihnen war/ist häufig tödlich, denn sie fraßen/fressen gern menschen, besonders zu weihnachten, so wie wir eine weihnachtsgans. damals war es jedenfalls noch weitverbreitete meinung , dass menschen ebenso gutes fleisch liefern wie gänse. mir scheint, heute ist man da eher im zweifel, oder täusche ich mich?

    so, paul, und jetzt stell dir mal eine südliche kleinstadt mit mauern und stadttoren vor: mit den trollen kommt das kontrastig-polare erst richtig zum tragen, oder? was meinst du?

    greetings,

    asmodai

  6. #6
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    AW: Kostet nichts

    Sei gegrüßt asmodai,
    ja, komm nur und mach mit wieder, werde mich an dem süßlich-morbiden Hauch Deiner Texte erfreuen, wenn ich kann, werde sie kritisieren, wo ich kann, darauf solltest Du gefasst sein. Kenne einige Deiner Texte aus diesem wie auch aus andern Foren, in denen ich früher mal war, stets jedoch unter diesem, richtig, keltisch angehauchten Namen. Was die Sensibilität des uisgeovid angeht, so hoffe ich, dass ich immer genug davon besitze, um mich an guter Lyrik zu erfreuen und ab und zu auch selbst welche zu veranstalten. Die Oberlehrerhaften Kommentare müssen auch manchmal sein, weil mich Ignoranz ein wenig ärgert, wenn sie plump daherkommt. Nun mach Dir einen Reim drauf, kannst eh bald Bilder von der Flussbuch-Präsentation sehen.

  7. #7
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    AW: Kostet nichts

    wie bitte? morbid? süßlich-morbid? wenn ihr eure brillen wiedergefunden habt, werdet ihr merken, dass diese etiketten nicht passen. abgesehen davon: sollten wir menschen von geschmack uns nicht überhaupt vor geschmacklosen totschlags-vokabeln hüten?

  8. #8
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    AW: Kostet nichts

    Ich meinte das nicht nur despektierlich, schlichtweg so, wie ich's eben wahrnehme. Wenn ich mein eigenes Schreiben aus der Distanz betrachte, dann empfinde ich ähnlich - zuweilen; ich habe da irgend einen wehmütigen Schlag auszuführen, der mich manchmal hinter mich stellt. - Das ist nun mal Timbre, da hab ich mich zu stellen und nicht wegzulaufen oder zu metonymieren.

    In Deinem Text steht der Tod als treibendes Motiv; er treibt als gefahrvolle Helle das Geschehen voran. Jederzeit könnte er eingreifen - und er zerstört damit das Beziehungsgeflecht; es wird brüchig. Das schadet einer Konstruktion des Geschehens, da es weniger Ausgänge zuläßt, als Du sie eigentlich konstruierst. Das Mittel taugt demnach nur bedingt zu einem den Leser gewöhnigen Methode, Spannung NICHT auszuhalten, sondern vorschnell ausbalanciert zu bekommen. Das amchst Du wett durch manch liebevolle Begleitmusik, durch eine recht saubere Sprache und das Vermissen großen Getöses.
    Faß ich zusammen: brüchig = morbid; süß = - hab ich was von süß gesagt?

  9. #9
    Pumuckel
    Status: ungeklärt

    AW: Kostet nichts

    Zitat Asmodai:

    Vor dem steinernen Torbogen tippt jemand Julian auf den Arm. Als er sich umdreht, steht da ein Mann, der ihm ein Backblech mit Pizza-Stücken entgegenhält.
    Das ist hübsch verdreht und weil schlichterdings unmöglich: ein kreiselnder Einstieg, der irgendwie riecht wie nach - um es in Deinen Worten zu sagen - Gevatter Tod's rosaner Unterwäsche. Durchaus humorig radebricht's und bricht's im Zappendusteren, so auch der mit Käse bestrichene Pizzaboden.
    Meinethalben! Auch das eine und andere hingelegte Grammatikülchen.
    Und obzwar gern gelesen, wäre irgendwie so ein wie Vorab-Sätzlein nicht schlecht gewesen.

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Kostet nichts

    wie PUMchen sagt: leider an zvielen stellen verdreht und daher ins unmögliche gedrängt. aber a.u.f.s. ein text der was hat und mir in ausgefeilter noch dichterer form sehr gut gefallen würde. was mich ein wenig irritiert, ist der eindruck, dass er teil eines größeren ganzen zu sein scheint und damit doch in der luft hängt. der gute giftstrauch hat zwar keine großes schreibtalent, dafür aber kreativität und ich muss sagen: ich hab letztere lieber, als einen geschliffenen, aber einfallslosen text.

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Kostet nichts

    Das ist einer der wenigen Ordner, in denen sich der Ordnereingangstexteinsteller zu erkennen gab, obgleich er der Text unter einem anderen Namen zuvor eingestellt hatte.

    Leider nahm asmodai die Diskussion nicht an.

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