Die Frühneuzeit (ca. 1492-1789) ist durch die steigende Bedeutung der Geldwirtschaft gekennzeichnet. Der Reichtum eines Landes wurde daran gemessen, wieviel Edelmetalle und Geld vorhanden waren. Konsumgüter oder Sachwerte besaßen minderen Wert. Das bedeutet, daß ein Großgrundbesitzer, der heute Millionen von einer Bank allein dafür bekäme, daß er eben diese vielen Hektar Land besitzt, im Zeitalter des Merkantilismus ein bettelarmer Mann gewesen sein konnte. Das Land wurde mühsam bewirtschaftet, Güter langsam und beschwerlich von Punkt A zu Punkt B bewegt. Wenn man an die Wirtschaft dachte, dann zielte alles Tun darauf, den Vorrat an Gold und Silber zu erhöhen, nicht, die Produktion zu erhöhen. Warenaustausch war nicht unbedingt erwünscht, es sei denn, es kam dadurch Gold ins Land. Doch schmälerten Transportkosten den Profit, der zudem oft im Ausland blieb, was die politisch Mächtigen, die Fürsten, nicht dazu animierte, die Exportwirtschaft zu forcieren. Lange Kriege um 1700 erschöpften die Finanzen der westlichen Länder Europas. England stand 1694 vor dem Staatsbankrott, denn es hatte v.a. Preußen mit diversen Subsidien in immer neue militärische Abenteuer getrieben, um so die Franzosen zu binden, was die englischen Kaufleute dazu nutzten, ihre Weltmarktpositionen auszubauen. England benannte, um den Staatsbankrott abzuwehren, eine Zentralbank, eine Staatsbank, die das Kreditwesen in staatliche Kontrolle brachte.
Der Merkantilismus zielt auf die Erzeugung von finanziellem Mehrwert, um die großen Heere und Beamten bezahlen zu können. Er überschätzt die Bedeutung des Vorrats an Edelmetallen, funktioniert jedoch in Zeiten, in denen diese Edelmetalle in großer Menge auf den Markt geführt werden, was um 1700 durch lateinamerikanisches Silber und Gold geschah, das insbesondere die Briten und Iberer erbeuteten.
Die Herrscher dieser Tage lenkten ihre Wirtschaft darauf, eine aktive (positive) Handelsbilanz zu erzeugen, was bedeutet, daß mehr exportiert als importiert werden soll, hohe Einfuhrzölle zur Folge hat und Abwerbung gut ausgebildeter Fachkräfte bewirkt, Einfuhr von Rohstoffen fördert und ein Konzessions- und Verlagssystem befördert, das die Eckpfeiler auch heutiger Produktionsprozesse bildet. Das alles wurde von Beamten überwacht, die sich an strikte Vorgaben über Ein- und Ausfuhr zu halten hatten.
Gegen diese merkantilistischen Aspekte traten die Physiokraten auf, die insbesondere auf französischer Seite betonten, daß die Landwirtschaft das Rückgrat der Wirtschaft bilde, Ex- und Importgeschäfte also überflüssig, ja schädlich seien, weil sie den natürlichen Produktionsprozeß künstlich beeinflußten. Die Merkantilisten traten für den Ausbau der Infrastruktur ein und gegen Binnenzoll auf (der in Frankreich noch wilder wuchs als im Reich!). Sie wollten die Kolonien als Billigzulieferer resp. Rohstofflieferanten entwickeln. Das konnte mitunter zu marktbeherrschenden Handelsunternehmungen führen, aber da diese Gesellschaften große Gewinne nicht nur erzielten, sondern auch den Hochadel und aufstrebende Bürgerliche versorgten, gab es in Westeuropa deswegen kaum Protest.
Im Reich wurde Wirtschaft als etwas verstanden, was nicht auf Gewinnerzielung, sondern Menschenversorgung zielte. Es ist unsinnig, die deutsche Wirtschaft jener Zeit als rückschrittlich zu bezeichnen; sie fußte auf einem anderen Grundsatz und versorgte die Menschen besser als in den Ländern des Westens, wo eine Mißernte sofort zu überhöhten Preisen führte oder gar Revolutionen auslöste, während die vielen kleinen Herrscher im Reich die Versorgungspflicht nicht kapitalistisch arbeitenden Wirtschaftsunternehmen überließen, sondern sich kümmerten. Der Volkswohlstand dürfte im Reich höher gewesen sein als in Frankreich oder England, wo die Schere zwischen arm und reich sehr viel größer war, die Abstraktion des Adels vom Volk sehr viel weiter fortgeschritten und das Verhältnis zwischen dem Königtum und seinem Volk ebenso abstrakter war, was nicht als Indiz einer fortschrittlicheren Lebensauffassung bezeichnet werden kann.

Nach dem Frieden von Ryswick (1697) gab es nur eine Atempause in der Auseinandersetzung um die europäische Vorherrschaft, die zur Konsolidierung der Finanzen benutzt wurde. Doch schon 1700 ging das kriegerische Treiben weiter, denn der spanische König war 1700 ohne klare Erbbestimmungen gestorben, weshalb nun die üblichen Verdächtigen um die Konkursmasse des heruntergewirtschafteten Großreiches der Spanier stritten, was Kriege bedeutete. Einzelheiten der Ansprüche sollen uns hier nicht interessieren. Im Gefolge der Streitereien konnte Ludwig XIV. seine Position ausbauen und drang am Rhein und in den Niederlanden vor, auch in Italien machte er Herrschaftsansprüche geltend. England hatte keine Armee, seine Flotte reduziert, die Deutschen waren von den Türkenkriegen immer noch geschwächt. Wer sollte Ludwigs Vormarsch aufhalten? Da sich Bayern und einige rheinische Gebiete mit Ludwig XIV. verbanden, stand die Sache schlecht: Ludwig plante den Marsch auf Wien, um sich selbst zum römischen Kaiser zu machen und das Reich unter französische Herrschaft zu bringen.
Das gefiel nicht allen in Süddeutschland: Ein Volksheer aus Tirol stand gegen die bayrisch-französische Verschwörung auf und verhinderte das Vordringen französisch-italienischer Truppen aus dem Süden, ein kaiserlich-englisch-niederländisches Heer stand bei Hochstädt an der Donau und lieferte den bayrisch-französischen Truppen eine blutige Schlacht. Das Reich siegte und konnte die Franzosen vertreiben. Der Krieg starb an Erschöpfung. Keine Seite besaß die Mittel, um entscheidend zuschlagen zu können. Pläne, den Kriegsgewinnlern die Gewinne wegzunehmen, scheiterten. Es stand zu befürchten, daß man fortan keinen Kredit mehr von ihnen bekäme.
1713 einigte man sich in Utrecht. Spanien behielt einen Bourbonen, Philipp V., was dem Reich nicht gefallen konnte, denn so wurde Spanien quasi zur französischen Enklave. England konnte seine Herrschaft zur See ausbauen, denn die Franzosen überließen den Engländern Nordamerika bis auf Louisiana und Kanada und mußten ausgebaute Stellungen an der holländischen Küste zerstören. Dünkirchen. Außerdem konnte England in Spanien einen Stützpunkt bauen, Gibraltar, Was England die Einfahrt ins Mittelmeer sicherte und einen Landungspunkt, falls es mit Spanien zu erneuten Streitigkeiten kommen sollte. England behielt sich das Recht vor, Sklaven zu verschiffen und Südamerika mit Waren zu versorgen, ein Handelsmonopol. All diese Punkte sprachen sehr zum Vorteil Englands, das darauf bedacht war, den französisch-deutschen Gegensatz zu schüren. Nach Utrecht war Englands Weg zu einer Wirtschaftsmacht vorgezeichnet. Der Handel und die Seemacht verschafften England Voraussetzungen dafür, dauerhaft Gewinne zu erzielen. Der Staat Englands war gefestigt. Der Widerspruch zwischen Königtum und Parlament war augenscheinlich beigelegt, die englischen Kräfte folgten dem Ruf des Meeres, eroberten die Wellen, die Weiten, die Welt.

„Als [Ludwig XIV.] am 1. September 1715 starb, hatte sein Land eine Schuldenlast von 2 Milliarden Livres [auf der Basis des heutigen Silberpreises entspricht das ca. 570 Milliarden €] zu tragen. [Der Regent für den jungen Ludwig XV.] Philipp [Philipp II. von Orleans] gab sich alle Mühe, sie zu tilgen und griff daher begierig den Finanzierungsplan des Schotten John Law auf, der riskante Spekulationen mit Landvergebungen in den französischen Kolonien am Mississippi vorsah. Ein heftiges Spekulationsfieber befiel die ganze Nation; Unzählige setzten ihr Vermögen ein, um Schatzanweisungen und Obligationen zu kaufen. Eine Zeitlang ging alles gut. Als aber die Zinszahlungen ausblieben, setzte der Run auf die Banken ein, so daß diese ihre Schalter schließen mußten, weil ihre Barreserven nicht zur Befriedigung der Gläubiger ausreichten. Das war der 'schwarze Freitag' des Jahres 1720. Law, der Verursacher dieses Desasters, mußte vor den über Nacht zu Bettlern gewordenen Spekulanten fliehen. Der gutmütige Regent ließ ihn nach Venedig entkommen und hat ihn bis zu seinem Tode im Jahre 1723 unterstützt.“ (Hertslet, S. 259.)

Das Reich gewann durch diesen Frieden nichts, obwohl es den Krieg gewonnen hatte. Österreich wuchs weiter nach Südosten, hatte aber als Ordnungsmacht im Reich seine Funktion nicht wahrgenommen. Wo Österreich im Verbund mit den Ungarn siegte, wurden danach deutsche Bauern angesiedelt, was dazu führte, daß auf dem Balkan deutsche Enklaven entstanden.
Ein weiterer Gewinner dieses wichtigen Friedens von Utrecht war der italienische Herzog von Piemont, der Frankreich verraten hatte und dafür mit Sardinien belohnt wurde. Preußen hatte sich auf Reichsseite gegen die Franzosen behauptet. Sein Königtum wurde von Kaiserseite nunmehr angesichts der treuen Dienste gegen die Frankobajuwaren anerkannt. Bis zum Jahre 1715 hatten sich Kaiser und Papst geweigert, die selbstaufgesetzte Krone des brandenburgischen Churfürsten zum König von Preußen anzuerkennen. Jetzt war Friedrich I. von Preußen beim Kaiser als König akkreditiert, was Preußens Aufstieg den Weg ebnete.


Aufgaben:


  1. Nenne die Kriterien, die ein Wirtschaftsgebiet dem Merkantilismus subsumieren! (I)
  2. Diskutiere einen Aspekt des Merkantilismus! (II)