In Rußland vollzog sich die neuzeitliche Nationalstaatsbildung über das Moskowiter Fürstentum. Iwan der Schreckliche hatte sich zwischen um 1550 gegen die Tataren behauptet und deren Streitigkeiten zum Ausbau seiner Hausmacht genutzt. Im Zentrum seines Gebietes lag Moskau, das er ausbaute und gegen die Tataren behaupten konnte. Er erhob sich über die anderen Fürstentümer und behielt den eingetriebenen Zins ein, ohne ihn an die Tatarenkhane abzuliefern. Iwan richtete seine Aufmerksamkeit nach Westen, unterwarf das mächtige Nowgorod, indem er von 200000 Einwohnern nur ein Zehntel leben ließ und die reiche Oligarchie der Stadt in den Weiten des übrigen Rußland verstreute, außerdem gab er die Parole aus, daß sein Zarentum das dritte Rom errichte, da Konstantinopel in der Hand der Türken und Rom durch die Hand der Ketzerei Apollinars gefallen sei. Das brachte ihm die uneingeschränkte Unterstützung der russischen Kirche. Adlige Gegner (Bojaren) wurden getötet, manchmal gab es Massenfolterungen und –hinrichtungen. Hunderttausende mußten Iwans Größenwahn mit dem Leben bezahlen. Aber Rußland lebte! Nach seiner Herrschaft Chaos, wie das meist der Fall ist, wenn fehlende Rechtsklarheit zu einer Herrschaftsform führt, die auf persönlicher Autorität und Gewalt beruht, nicht aber auf Gesetzen.

Die eigentliche Behauptung der absolutistischen Königsherrschaft vollzog sich in den bürgerkriegsähnlichen Nachwehen über den falschen Demetrius um 1600 bis zur Machterringung des Fürstengeschlechts der Romanows, die Rußland bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution (GSOR) beherrschen sollten. 1613. Rußland behauptete sich gegen die Rekatholisierungsbestrebungen des großpolnischen Staates, der versuchte, seinen Machtbereich nach Osten auszudehnen. Daraus erwuchs ein Jahrhundertelanger slawischer Gegensatz zwischen katholischem Polentum und griechisch-orthodoxem Russentum. Beide Reiche drängten zur Hegemonie im osteuropäischen Raum. Anfangs unterlagen die Russen den Polen, doch nach er Vertreibung des falschen Demetrius (Schiller: „Demetrius“) um 1606, der mit polnischer Unterstützung russischer Zar geworden war, und der Machtergreifung Michaels Romanow als russischer Zar befand sich Rußland immer mehr auf dem Vormarsch, Polen dagegen verlor an Kraft.

Polen mußte Schweden Livland überlassen. Sein Wahlkönigtum brachte nicht die erhoffte Stabilität, sondern stärkte den Adel, der sich zunehmend verselbständigte, ganz ähnlich wie im Reich. Doch wuchs in Polen kein starkes Königtum heran, im Gegenteil, mit August dem Starken kam ein Ausländer auf den Thron (1697), der Polen als Renommesteigerung betrachtete und administrativ nicht interessiert war. So drohte den Polen das, was mit absterbenden Dynastien und Staaten immer geschieht, es wurde Konkursmasse der Geschichte: Rußland, Österreich, Schweden und Preußen standen bereit, die für sie besten Stücke herauszuschneiden und sich einzuverleiben. Aber haben wir hier kein Mitleid mit den Polen, denn dies war allein Sache der Polen, sie begehrten nicht dagegen auf, verzettelten sich in schier endlosen Streitereien um Privilegien und entwickelten weder ihre Wirtschaft noch ihre Kultur. Es gibt nicht wenige Historiker, die behaupten, daß Polens Niedergang mit Wahlkönigtum und liberum veto (das Recht des einzelnen Magistrats, mit einem Nein Gesetzesvorgaben oder politischen Entscheidungen des polnischen Reichstages, Sejm, zu blockieren) zusammenhänge. Sie behaupten, daß das Majoritätsprinzip des Westens dem Einstimmigkeitsprinzip der Germanen und Slawen überzuordnen sei, Staaten erst regierungsfähig mache, währenddessen das liberum veto Fortschritt verhindere, weil es de facto niemals Einstimmigkeit geben könne, somit alle Reformen undurchführbar würden. Man stelle sich vor, welche gravierenden Änderungen des politischen Alltags ein liberum veto bedeutete!
In Rußland hatte Michael Romanow als russischer Zar ein Gesetzbuch auf den Weg gebracht, das die Stände voneinander schied. Die russischen Bauern hatten bis dahin Bewegungsfreiheit besessen, nun wurden sie an die Scholle gebunden, was sie zu Hörigen des Adligen machte. Feste Zinsen und Abgaben führten zu einem hohen Maß an Fronarbeit der Bauern. Andererseits hatten viele Russen ungeahnte Freiheiten. Sie schlossen sich zu Genossenschaften zusammen und fixierten lokal begrenzte Agrarverfassungen, die die Bodenverteilung und die gemeinsame Bearbeitung und Verteilung der Erträge bestimmten. Auch die russischen Städte bestimmten ihre Verhältnisse selbst, d.i. Autonomie: Die Bürger der Städte bildeten eigene Rechtsbezirke; entweder hatten sie das Magdeburger Recht angenommen oder sich eigene Verfassungen gegeben. Es gab ständische Zusammenkünfte, semsky zobor, von Bojaren (russische Gutsbesitzer) oder Bürgerlichen, beide zusammen bildeten etwa 5% der Bevölkerung. Diese Versammlungen in der Hauptstadt bestimmten die wichtigsten politischen Entscheidungen, die dem Zaren überbracht wurden, der diese dann bestätigte oder verwarf. Das ist ein ganz ähnlich wie in England, es ist eine Oligarchie. Doch während in England die Bauern ihr Besitzrecht am Boden verloren und in die Städte vertrieben wurden, behielten die russischen Bojaren ihre Bauern und sicherten diesen wiederum Schutz zu, ganz wie im Mittelalter.
Das gesellschaftliche Bindeglied war die Kirche. Während in England im 17. Jahrhundert der Parlamentarismus [1] siegte (der 95% der Engländer gar nichts brachte, wohl aber den Besitzenden, letztlich also eine Form der Oligarchie ist), blieb in Rußland alles beim alten. Es funktionierte auch. Die russischen Bauern begehrten zuweilen auf, aber es gab keine protestantische Bewegung, keinen Kalvinismus, keine Kirchenspaltung, allerdings oft Unruhen, meist aus Not. Es gab in Rußland keine Rechtfertigungslehre, keine Legitimitätsdiskussion, keine Verantwortlichkeit oder Sozialfürsorge. Es gab Gottessucher und Individualisten, aber keine Kirche neben der Kirche. Kontemplation und Kultus, darauf kam es der Kirche an; der Pope mußte keine Überzeugung durch Interpretation der Schrift leisten, sondern den Kultus durchführen. Die wenigsten Popen konnten schreiben. So fehlen in Rußland die Faktoren, die für Europa maßgebend wurden: die Struktur der Bürokratie des römischen Imperiums, die katholische Kirche, die Renaissance und die Reformation.
Aber auch Rußland hatte seinen Investiturstreit, die Raskol-Bewegung, die mit den Hegemoniebestrebungen des Patriarchen Nikon um 1660 verbunden werden kann. Nikon versuchte eine Reform der Kirche, verlangte von den Geistlichen Grundkenntnisse des russischen ABCs und arbeitete anfangs auch mit dem Zaren zusammen. Doch in Nikons Plan spielte dieses Zusammenspiel nur eine taktische Rolle: letztlich wollte er die Herrschaft des Patriarchen über den Zaren. Die russischen Altgläubigen, die Raskol, unterstützten den Zaren, der sich gegen Nikon durchsetzen konnte, aber auch die Reformansätze rückgängig machte. Die Kirche mußte sich dem Staat unterwerfen, ähnlich wie in England und anders als im Reich, wo sie neben den staatlichen Organen ihre eigenen bekam. Die russische Kirche blieb somit unmodern, manche behaupten, sie sei dem Urchristentum näher als die protestantische oder katholische Kirche.
Der russische Adel hatte seine unentgeltlichen Dienstpflichten im Staate wahrzunehmen und zugleich sichere Einnahmequellen durch eigenes Land, das Hörige zu seiner wirtschaftlichen Sicherheit beackerten. Manchmal setzte der Gebietsfürst Beamte und Steuereintreiber mit festen Sätzen ein, was dazu führte, daß diese ihre Handlungen und Erlasse durch Bestechungen lenken ließen, denn sie standen selbst unter dem Druck einer bestimmten Steuersumme, die sie jährlich aufbringen mußten. Andererseits konnten kluge Bauern in guten Jahren angenehm leben. Die Praxis sah meist anders aus: Man lebte von der Hand in den Mund. Kaum ein Russe hatte ein Vorsorgebedürfnis, imgleichen entwickelte sich kein Bankwesen, keine Versicherungen, keine Industrie, die auf Fortschritt orientiert war. Rußland blieb ein rückständiges und auf Landwirtschaft orientiertes Riesenreich mit siebenmonatigem Winter: sicher und konservativ, berechenbar, aggressiv und beharrend zugleich. Es expandierte nach Sibirien, später zum Bosporus, viel später nach Westen.
Das änderte sich auch nicht unter Zar Peter I., der als Siebzehnjähriger 1689 den russischen Thron bestieg. Zar Peter I. öffnete Rußland dem Westen, ließ seinen Adligen und Beamten die Bärte scheren und verfügte eine Kleiderordnung, welche den Russen das Tragen langer Kleider verbot. Außerdem änderte er den Kalender, statt des Rechnens vom mutmaßlichen Beginn der Welt wurde jetzt der Julianische Kalender benutzt. Peter I. holte aus dem Reich geeignete Beamte und ließ nicht wenige Ausländer an seinen Hof. Peter I. war zwar hier um Öffnung bemüht, jedoch organisierte er seine Herrschaft so, daß alles auf ihn zulief, eine Autokratie nach französischem Vorbild. Er setzte die ständischen Rechte weitgehend aus und ließ verkünden, daß fortan er über alle relevanten Fragen entscheide. Auch das Erbrecht wurde fokussiert: Peter I. wollte das ganz allein verkünden, wer sein Nachfolger sein sollte.
Seine Außenpolitik war erfolgreich. Ihm gelang es, am Asowschen Meer den Türken Gebiete zu entreißen, Tschetschenien, wobei es nicht gelang, diese dem orthodoxen Glauben zuzuführen. Im weiteren suchte er eine Verbindung zur Ostsee und fand sie im nordöstlichen Teil dieser. Ein sumpfiges Gebiet wurde den Schweden entrissen, entwässert und eine Stadt gegründet, St. Petersburg. Allerdings mußte Peter I. mit seiner neu aufgebauten Armee gegen die Schweden unter ihrem ungestümen Karl XII. viele Niederlagen einstecken; es ist ein kleines Wunder zu nennen, daß dieser Schwedenkönig nicht nachsetzte, sondern sich mit polnischen Angelegenheiten so sehr verzettelte, daß Peter I. als Nutznießer seinen Brückenkopf an der Ostsee behalten konnte.


Aufgabe: Bestimme nach tabellarischer Gegenüberstellung die wichtigsten Punkte, die Rußland von Kerneuropa unterscheiden! (II)

[1] Das bedeutet allerdings nicht, daß das englische Parlament bereits 1689 die Regierungsbildung bestimmte, die lag immer noch bei der Krone, aber es bedeutet, daß das Parlament der von dieser Regierung geführten Politik zustimmen mußte und gegebenenfalls das zur Durchführung notwendige Geld verweigerte.

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