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Thema: Mandarin

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Mandarin

    Die See war tiefschwarz an diesem Tag und Sakumi mußte seine Extrascheinwerfer einschalten um durch die grüne Infrarotbrille überhaupt irgend etwas zu sehen. Selbst bei ruhigen Verhältnissen war es nicht einfach den Walhai zu lenken und der Pilotfisch war dementsprechend stolz darauf für diesen Auftrag ausgewählt worden zu sein - und auch auf seine Pilotenlizenz, welche sogar plus Extra - Gefahr galt. Es gab nicht viele die Aufträge bei solch widrigen Bedingungen annahmen, aber Sakumi war jung und brauchte das Geld.
    Hinter ihm blinkten matt und monoton die hellgelben Warnlichter welche die gefährliche Fracht anzeigten, aber selbst er als Pilot war nicht eingeweiht worden in ihr Geheimnis, er wußte nicht im Ansatz um was es sich handelte. Es mußte etwas sehr wichtiges sein, denn Sakumi war angewiesen die normalen Walhaiwege abzukürzen und durch verseuchtes Gebiet zu steuern. Um nicht zu sehr zu leiden, trugen der Walhai und Sakumi alberne, schwarze Gummimasken, aus denen seitlich das ausgefilterte toxische Wasser matte, gelbe Schlieren zog. Kein anderes Lebewesen durchschwamm mehr diese Gebiete, es war schon lange viel zu gefährlich die bereinigten Sicherheitszonen zu verlassen. Ab und an konnte Sakumi mal einen Felsen, oder vielleicht ein rostiges Fass erahnen, doch es waren vielmehr gespenstische Umrisse, mal glaubte er eine Bewegung zu sehen, oder ein Gesicht im Dunkel. Dem kleinen Pilotfisch war es durchaus etwas unheimlich und er versuchte sich auf den Kurs zu konzentrieren. Er hoffte inbrünstig kein Batrachotoxin geladen zu haben, denn das könnte nur etwas ganz furchtbares, wie etwa einen neuen Krieg, bedeuten.

    Das Gift der Pfeilgiftfrösche war vor einigen Jahren die Antwort gewesen, auf die Zerstörung der Wälder und das Vergiften der Meere. Innerhalb kürzester Zeit war die Menschheit zwar keine Bedrohung mehr gewesen, die Wiederherstellung der Natur war jedoch viel schwieriger als viele gedacht hatten. Schon seit 25 Jahren war jetzt das Meer nur noch zu kleinen Teilen bewohnbar und Land war sowieso nicht mehr viel übrig. Eine neue Menschengefahr könnten sie jetzt wirklich nicht gebrauchen, aber Sakumi fiel eigentlich kein anderes Gefahrengut ein das jemand überhaupt noch aufbringen könnte, nur Batrachotoxin, das Menschengift.

    Der kleine Pilotfisch steuerte elegant an zwei schwarzen Rauchern vorbei durch schwefelige, stinkige Luftblasen. Von hier aus sollte es nur noch zwanzig Minuten dauern, dachte er und gab noch mal ein wenig mehr Walhaigas. „Du hast nicht zufällig eine Ahnung was wir transportieren?“ funkte Sakumi per Intraschall an seinen Walhaibus. Aber auch der wußte nichts, die Auftraggeber im indischen Ozean hatten scheinbar die allerhöchste Geheimhaltungsstufe ausgegeben. Sakumi schluckte. Einen Auftrag dieser Art hatte es ebenfalls 25 Jahre lang nicht mehr gegeben. Die ganze Geschichte war schon etwas mysteriös und dem Fisch unheimlich. Er fuhr jetzt bestimmt seit sieben Jahren schon Walhaie, er brachte Verpflegungen zu entlegenen Aussenposten oder mal eine Brassenschulklasse auf Klassenfahrt ins San Francisco Barrier Reef. Und jetzt wußte er nicht einmal genau was er an den angewiesenen Zielkoordinaten finden würde.
    Als Sakumi den Walhai drosselte und sich langsam seinem Ziel näherte, war ihm klar das sein Weg mitten in der konterminierten Zone enden würde. Bald tauchten vor ihm rechts und links hellblaue Positionslichter auf und er lenkte den Hai langsam zwischen ihnen entlang bis zu einer dunklen, steilen Felswand. Die Lichter führten weiter in eine schmale Höhle an deren Ende Sakumi ein großes Licht erblicken konnte. Der Walhai und sein Pilotfisch schwammen mit einem flauen Gefühl im Magen in die Riffhöhle und Sakumi knabberte sogar etwas an seinen Bauchflossen. Nach einem, wie es ihnen schien, endlos langen Tauchgang durch den schwarzen Tunnel, immer den Blick starr auf das Licht gerichtet, schwammen die beiden Reisenden schließlich in eine große Kammer. Diese war ganz und gar hellblau erleuchtet, aber Sakumi konnte keine Lichtquelle ausmachen. Plötzlich hörte er hinter sich ein leises Klicken. Sakumi drehte seinen Hai vorsichtig einmal um die eigene Achse und erschrak: Der Tunnel, aus dem sie gekommen waren war weg, einfach verschwunden - der Pilotfisch und sein Walhaifreund schienen gefangen, in einer perfekten, hellblauen Kugel ohne Ausgang.

    Sakumi klammerte sich an den Walhai und eine seltsame Klarheit durchströmte seinen kleinen Körper. War dies der Wendepunkt? Alle seine Sinne schienen erhellt von dem grellen Licht das die beiden umgab und den beiden Freunden liefen kalte Schauer der Unwirklichkeit die Rücken herab.
    „Sakumi...Sakumi...“ weckte ein Flüstern den kleinen Pilotfisch aus seiner geistigen Umnachtung. „Was denn? Wie? Hä!“ „Sakumi“, sagte der Walhai, „schau mal dort drüben, in der Mitte, da ist eine ziemlich große Gehirnkoralle und schon seit einer halben Stunde blinken rote Landelichter. Außerdem schreit schon ungefähr genauso lange eine genervte Stimme das wir endlich einparken sollen.“ Sakumi murmelte etwas von „Hm, jaja, hm sicherheitsbedenken hm...“ und fuhr dann seelenruhig den Walhaitransporter in die Riesenkoralle. Dabei tat er selbstredend so, als sei er nicht noch gerade in tiefer Ohnmacht gewesen ob der beeindruckenden Ereignisse.
    In der Koralle war alles glatt und weiß und viele kleine Fische schwammen hin und her und hatten es eilig. „Da seid ihr ja endlich!“ rief ein Schiffshalter aufgeregt und wies den Walhai hektisch zu einer Entladestation und den Fahrer ins Import-Exportbüro. „Bis nachher, kleiner Walhaifreund“, sagte da Sakumi, nahm seine Papiere und ging das Büro suchen. Eine attraktive Seepferdchendame half ihm rührend dabei und so hatten sie es bald gefunden. Dort saßen an einem runden, türkisen Glastisch einige Vertreter der Weltmeerpopulation und sahen den kleinen Fisch mit großen Augen an. „Sakumi“ sprach da mit tiefer Stimme ein großer marmorierter Zackenbarsch, klimperte mit den Augen und wies ihn mit ausladenden Gesten auf einen freien Platz.

    „Heute ist ein großer Tag und ein trauriger zugleich“, sprach er weiter und wandte sich an die Runde. Hinter ihm, durch ein Fenster, sah man einen gewaltigen Hohlraum, ein Habitat für Millionen von Meeres- und Landtieren, eine schier unendliche Anzahl verschiedenster Arten war dort versammelt und spielte Spiele oder las Bücher. „Sakumi, unser Pilotfisch, hat heute unseren letzten Passagier gebracht. Wir sind bereit zu gehen, mit einem weinenden Auge wegen der vielen Freunde die wir verloren haben und der einstigen Schönheit dieser Welt, aber voller Hoffnung auf einen Neuanfang in einer sauberen Welt. Und nun, öffnet das Tor.“
    Alle Augen im Raum richteten sich auf eine kleine Öffnung in der Wohnkugel. Und als der winzig kleine, bunte Fisch herausschwamm, schien die Zeit still zu stehen, die Tiere im Habitat unterbrachen ihr Spiel oder ihr Buch und beobachteten ergriffen den Neuankömmling. „Liebe Freunde, es ist Zeit aufzubrechen,“ wandte sich der Zackenbarsch erneut an die Fauna dieses Planeten. „Und zu Ehren unseres letzten, noch fehlenden Freundes und den letzten seiner Art, taufe ich dieses Schiff „Mandarin“. Alle Tiere waren nun ein wenig traurig und sie trösteten und umarmten den einsamen und wunderschönen Mandarinfisch und luden ihn zum Essen ein.
    Sakumi aber hatte natürlich inzwischen geschnallt was los war. Deshalb hatte sich die Meeresqualität nicht mehr verbessert in den letzten Jahren, überlegte er, weil die Tiere erkannt hatten das es zu spät war. Und so hatten sie ein Gefährt gebaut was sie zu einer neuen Welt, einer gesunden Heimat bringen würde. Sakumi ging seinen Walhaifreund holen und beide schwammen zusammen in die große Kugel. Dort suchten sie sich eine schöne, ruhige Ecke und überlegten wie wohl ihr neues Zuhause aussehen würde. „Stell dir vor,“ sagte der Walhai, „ein Meer mit ganz sauberem Wasser und keinen Fangnetzen und man muß keine Angst mehr haben. Hach, wär das schön...“ Der Walhai seufzte und schloss die Augen. „Mhpf, blubb.“ „Könntest du deinen Übersetzer anschalten“, sagte da der Pilotfisch zu ihrem neuen Freund, dem Ameisenbär, welcher mit einem albernen Helm versehen bei ihnen am Tisch saß. „Entschuldigung.“ Der Ameisenbär guckte etwas mißmutig. „Ich werde ihre Schokolade vermissen“, meinte er. Aber da mußten alle lachen und sie lachten noch lange, immer weiter bis man die helle, blau leuchtende Kugel mit bloßem Auge schon lange nicht mehr sehen konnte von der beinahe ausgestorbenen Erde.

    Auf einer völlig ausgedörrten Sandbank liegen zur gleichen Zeit eine Mutter mit ihrem Kind. Rostige Ölfässer sind ausgelaufen, der Sand ist schwarz und rot von Blut. Das nackte Kind schreit, die Mutter schlägt, entfernt untersucht ein Mann einen letzten technischen Gegenstand, drückt einen Knopf und vollbringt damit sein letztes und erstes Werk.

    „Vor uns die Sintflut“, denkt Sakumi, als er aus einem Sichtfenster den neuen, blauen Planeten erblickt und eine Träne läuft seine gelb-weiß gestreiften Wangen herunter, eine dicke Träne des unendlichen Glücks.




    [Diese Nachricht wurde von Kolja am 09. November 2001 editiert.]

    [Diese Nachricht wurde von Kolja am 06. Dezember 2001 editiert.]

  2. #2
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    AW: Mandarin

    Lieber Kolja,

    so manches Mal hier im Forum hat Deine Phantasie Purzelbäume im Wasser geschlagen, manchmal auch mit so großem Erfolg, dass man herzhaft lachen konnte. Da ich nun aber mal ein etwas konservativer Mensch zu sein scheine und mir das Sinnlose nicht immer Spaß macht, fehlte mir in einigen Geschichten eine dezidierte Botschaft, denn nur Spaß kann auf Dauer nicht tragen. Natürlich war die Geschichte mit dem Beobier bisher unübertroffen, das am Rande.
    So abgegriffen die Endzeitstimmung und Weltuntergangslarmoyanz auch sein mag, hier in dieser Geschichte geht sie eine wunderbar-melancholische Synthese mit der Welt Deiner Phantasie ein. Plötzlich stellen sich Deine bizarren Gesellen, die die Weltmeere bewohnen, jedoch wohl hauptsächlich die vor La Coruna, in den Dienst einer Botschaft. Und siehe da, Du musst nicht mehr allzu stark übertreiben, um Gehör zu finden, keine Lasershow in der Muränengrotte beispielsweise, nein, Du kannst schlicht und einfach erzählen und mit ein paar Farbtupfern Deiner Phantasie beschreitest Du feinfühlig neue Wege.
    herzlichst uis

  3. #3
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    AW: Mandarin

    Ich wußte schon immer, daß nur die Weisheit eines altehrwürdigen Zackenbarschs, sapientia epinephelinae prisci, unsere leckeren Fische zu retten vermag. Er selbst schmeckt auch sehr gut, und denkt an seine Lippen, wollüstige Schließmuskeln wie niemals zuvor geschaut.
    Danke für einen weiteren Blick unter Wasser.

  4. #4
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    AW: Mandarin

    eine geschichte, in der sich imagination und humor aufs schönste verbinden. trotz all des wassers nichts, was trieft.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Klammer
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    AW: Mandarin

    Lieber Kolja,
    ich danke dir für diese Geschichte.
    Sie ist zwar aufgrund deiner an Legasthenie grenzenden Syntax- und Grammatikschwäche nicht leicht zu lesen und auch Uisgeovid hat sicher recht, wenn er feststellt, dass sie die x-te Variante des Weltuntergangs ist.
    Aber was soll es?
    Für die Grammatik haben wir ja Robert (Ich sehe ihn schon lustvoll stöhnend den Rotstift spitzen) und ich bin ein großer Freund von Weltuntergängen, vor allem wenn sie fröhlich sind.
    Das ist das Schönste an deinem Text: Wenn ich die andere Prosa lese, die gerade ins Forum gestellt wird (ich nehme mich da nicht aus), ist sie durchweg in larmoyantes Moll getüncht und novemberlich. Deine Geschichte ist ein Lichtblick in dunkler Zeit.
    Ich würde gerne erfahren, wie es den Fischen auf ihrer Neuen Welt ergeht.

    Grüße, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mandarin

    ich danke euch allen für die lieben und herzerwärmenden Worte (nur das mit der Legasthenie... naja...). Habe mich sehr darüber gefreut - und Hannemann: Halt dich zurück! Übrigens, sprechen wir doch lieber vom Menschenuntergang, auch wenn bei mir zuletzt die Welt explodiert, das wichtigste bleibt.
    Euer Kolja.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Klammer
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    AW: Mandarin

    Lieber Kolja,

    für das derbe Wort "Legasthenie" möchte ich mich entschuldigen, das war gedankenlos und unfair von mir.
    Zudem bist du in bester Gesellschaft: Selbst Heinrich Böll wird ja nachgesagt, dass er den Unterschied zwischen "das" und "dass" nicht kannte.
    Und deine Geschichten sollten, denke ich mir, auch wie Märchen vorgelesen werden, dann spielen fehlende Kommata keine Rolle mehr und der Text kann sich entfalten und wirken. Das hat sich zum Beispiel letzten Samstag bei der Vorstellung des Flussbuchs im "Saurüssel" gezeigt, wo deine Geschichte von den drei Monden beim Publikum den meisten Eindruck machte und mit ausdauerndem Applaus bedacht wurde.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mandarin

    du brauchst dich nicht entschuldigen Klammer, so wie du gesagt hast (mit dem vorlesen und dem Lektor der Arbeit braucht) sehe ich das auch. Und ich bin mir meiner orthographischen Katastrophen ja durchaus bewusst. Und das mit dem Applaus verschämt mich ja geradezu... Hach.
    Gruß Kolja.

  9. #9
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    AW: Mandarin

    Kolja, gestern habe ich mit größtestem Genuß ein Tatar von der Lachsforelle verspeist. Der Leckermäulchen-Fisch wurde mir noch quieklebendig an meinen Tisch gebracht. Er öffnete seine fangfrischen Augen, sprach mich voll Entzücken an:" Ich freu mich, Sinn Deines Lebens zu werden!"...so sprach er wahrhaft einsichtig in den Sinn seines Lebens.
    Hätte er es auch besser treffen können, als auf mich zu stoßen?

  10. #10
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    AW: Mandarin

    Die Rache des Riesenhais wird fürchterlich sein. Und in das Maul passt sogar du rein, Hannemann. Die anderen Haie konnte ich leider mit deiner Geschichte nicht beeindrucken, die essen ja selber frischen Fisch. Insofern hast du letztlich meine Erlaubnis, solange du acht gibst woher du ihn bekommst.


    [Diese Nachricht wurde von Kolja am 12. November 2001 editiert.]

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Mandarin

    ..das, Kolja, ist eine wunderschöne Geschichte. Hat mir den Morgen gerettet.

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