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Thema: Blind

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Ich schreibe dies ganz sicher nicht für eine so genannte Nachwelt, was für ein dummes Wort, als würde sich die Welt um einen Tod scheren, dieses nach schüttelt sie ab wie ein Hund einen Floh. Da ich keine Kinder habe werden sich auch keine Nachkommen dafür interessieren. Wahrscheinlich mache ich diese Aufzeichnungen, weil es mich an guten Tagen noch immer amüsiert zu sehen, wie sich die Tastatur scheinbar durch Geisterfinger bewegt. Nein, das ist auch nicht wahr, ich schreibe, damit zumindest etwas von mir sichtbar wird - für mich sichtbar wird. Lisa, meine Frau - meine Frau die mich schon vor drei Jahren verlassen hat, würde sicher einen ihrer altjüngferlich ranzigen Psychohappen dazu äußern, wie:
    Du musst dich darüber nicht wundern, nie hast du andere Menschen wirklich wahrgenommen, in all den Jahren bin ich dir immer fremd geblieben, du bist ein Ignorant der nur nach Nützlichkeiten Ausschau hält? .
    So ungefähr würde ihre Beurteilung aussehen, möglicherweise nicht ganz falsch, aber weit entfernt von richtig. Eigentlich verspüre ich wenig Lust so diszipliniert und verständlich zu schreiben, wie es mir mein Broterwerb abzwingt. Also sollte tatsächlich jemand einmal dies lesen, wird er sicher bald aufgeben. Unordentlich will ich sein, nach meinen Gedanken haschen wie nach lästigen Fliegen um sie dann ins Papier zu drücken. Aber noch ein Wort zu meinem sonstigen Schreiben. Ich bin Autor für Gesundheitsratgeber, nicht die üblichen, eine hübsche Nische habe ich mir erschlossen, die zudem meine Reiselust finanziert. Meine Bücher handeln von den, ach so geheimen, Heilmethoden der Südamerikanischen Indios, bestimmter afrikanischer Stämme und seit neuestem der Chalcha der inneren Mongolei. Natürlich bereite ich die Rezepte etwas für die mitteleuropäischen Mägen und Köpfe auf, wer würde schon ein frisch geköpftes flatterndes Huhn über einem rheumatischen Knie ausbluten lassen? Auch ist hierzulande warmer Kameldung zur Behandlung von Unterleibsbeschwerden schwer zu bekommen. Aber Blut kann man auch beim Metzger bestellen und leicht erwärmt sollte es auch seine psychologische Wirkung tun und Kameldung lässt sich durch Schlamm ersetzten. Ich persönlich ziehe die Schulmedizin vor, Spalt Tabletten, Valium und Canesten bei Fußpilz? all die Segnungen der teuren Forschung weise ich nicht so schnöde zurück, wie die Käufer meiner Bücher es zumindest vorgeben. Lisa sagte früher, ich sei zynisch - aber warum soll ich den Leuten nicht erzählen was sie wissen wollen? Kaum haben sie all die Vorzüge der Zivilisation, der Wissenschaft und Bildung, sehnen sie sich nach abstrusen unerklärbaren Wundern einer weit zurückliegenden Zeit. Das ist nämlich genau, was die Medizin dieser Naturvölker darstellt, eine billige Zeitreise für bornierte Sattmenschen, nein ich habe mich nicht verschrieben, ich nenne sie Sattmenschen.
    Aber vielleicht sollte ich noch mal auf meine unsichtbaren Hände zu sprechen kommen, der eigentliche Grund dieses Textes. Es sind nicht nur meine Hände - um es kurz zu machen ich bin völlig unsichtbar. Sie werden jetzt vielleicht ungläubig den Kopf schütteln, oder, wenn sie ein humorvoller Typ sind, sich vorzustellen beginnen, was man als Unsichtbarer Mensch so alles anstellen kann. Hier muss ich direkt unterbrechen - alle anderen können mich wahrnehmen, nur ich kann mich nicht sehen. Mal abgesehen davon nie zu wissen, wie die Frisur sitzt und ob man noch Spinat zwischen den Zähnen hat, ist dieser Zustand für die Seele sehr zermürbend. Man, oder besser gesagt ich, kann mich nicht daran gewöhnen. Nicht dass ich früher sehr eitel gewesen wäre, aber ich kannte mein Gesicht, meinen etwas zu dicken Körper, die beginnende Glatze - all das war eben ich. Ich war nicht stolz darauf, aber es war mir vertraut und lieb. Dieser gläserne Zustand dauert nun schon fast ein Jahr. Wie es begann? Nun, wie viele einschneidenden Dinge im Leben, ganz harmlos und beiläufig. Als ich zum ersten mal bemerkte, dass ich meine Fingerkuppen nicht mehr sehen kann, hielt ich es für eine wetterbedingte Sehstörung, eine Woche später als meine Hände verschwanden ging ich zum Augenarzt, der schickte mich zum Neurologen. Dieser fand den Fall wie er es nannte, sehr interessant, bestellte mich immer häufiger ein und hätte wohl am liebsten einen Blick in mein Gehirn geworfen - durchaus nicht im übertragenen Sinne. Ich bin nicht mehr hingegangen. Kurz zog ich es in Erwägung mit Freunden darüber zu sprechen, aber ich wollte die verwunderten Blicke nicht sehen, die besorgten Nachfragen nicht hören, so behielt ich es für mich, beobachtete weiter mein allmähliches Schwinden, die schmerzlose Auflösung meiner Person. Mein Leben ging weiter wie bisher, manchmal sagte jemand zu mir, ich habe mich verändert - irgendwie - aber das war schon alles. Anfangs fiel mir das sichere Zugreifen schwer und ich stolperte bisweilen, bis ich meine verschwundenen Gliedmaßen unter Kontrolle hatte. Nach einigen Wochen war die Schwindsucht abgeschlossen, ich konnte nichts mehr von mir sehen. Am längsten haben sich Zähne und der Darm gehalten, merkwürdig aber in dieser Situation habe ich mich auch an deren Anblick erfreuen könne. Solange ich angezogen bin, fehlen mir nur die Hände, mein Gesicht gaukle ich mir durch eine breitrahmige Brille vor. Das einzige was mir von meiner sichtbaren Existenz blieb, ist mein Schatten. Oh, wie habe ich nächtelang gegrübelt, was wohl die Ursache sein könne?, sogar alle Vorwürfe und psychologischen Analysen meiner geistigen und gefühlsmäßigen Verfassung, die Lisa in den zehn Jahren unserer Ehe an mich herangetragen hatte, erwog ich ernsthaft. In einer sehr depressiven Phase bin ich zu einem Voodoo Meister gereist, meinen Bekannten habe ich gesagt es würde sich um eine Recherche handeln. Es hatte nur einem Papagei das Leben gekostet - mich hat es keinen deut weiter gebracht. Natürlich frage ich mich immer noch nach der Ursache, nur liege ich nicht mehr nächtelang schlaflos im Bett, die Frage schwimmt wie ein Fettauge auf meiner Gedankensuppe, immer vorhanden aber nicht mehr beherrschend.
    Es gab da was, vor über einem Jahr?, es kommt mir immer wieder in den Sinn, dennoch will es mir als Grund nicht möglich erscheinen. Ich vermute es ist nur die Blindheit, die mich zu diesem Erlebnis zurückzieht.
    Nun, es war eine kleine Romanze, nichts besonderes, außer der Erblindung des Mädchens. Ich hatte sie schon lange beobachtet, sie wohnt hier in der Straße, so traf ich sie bisweilen beim Einkaufen und an der Bushaltestelle. Sie trug keine dunkle Brille, ihre Augen sahen völlig gesund aus, aber ihre Bewegungen verrieten sie. Aus Eitelkeit verzichtete sie auf einen Blindenstock, aber ich hatte sie schnell durchschaut, die Drehung des Kopfes bei einem unerwarteten Geräusch, wie ein scheues Tier. Sie war nicht hübsch, eigentlich sogar eher hässlich. Was mich anzog war ihre Behinderung - nein ich bin nicht pervers, keiner von denen die auf Amputierte oder Missgebildete Frauen stehen. Dies war etwas anderes. Ich wollte fühlen wie eine Frau mich berührt, mich liebkost und begehrt, die mich nicht sehen kann. Es war nicht allzu schwer sie zu erobern, eigentlich hätte ich von einer blinden Frau mehr Misstrauen erwartet. Die kurze Zeit unserer Beziehung habe ich sehr genossen, tatsächlich erfühlte sie meinen Körper so zart, so intensiv, wie ich es noch nie erlebt hatte. Mir sagte ihr plumper Leib weniger zu, auch hatten wir uns nicht viel zu sagen. So beendete ich diese Liebelei nach wenigen Wochen. Hella, so hieß sie, hatte sich leider etwas zu sehr hereingesteigert, ich war gezwungen deutlicher zu werden, als es meine Art ist. Nach einem Streit sagte ich in einem Anfall von Wut einen Satz, der mir heute oft in den Sinn kommt. Ich wollte diesen engen Umarmungen, dieser klebrigen Anhänglichkeit entfliehen. Ich schrie sie an,
    „sie doch in den Spiegel, dann weißt du warum?“
    In diesem Moment hatte ich ihre Blindheit vergessen, wollte sie nur loswerden - und das ist mir auch gelungen. Hella sah mich an, ich weiß sie war blind, aber ich hatte tatsächlich das Gefühl, sie würde mich ansehen, dann meinte sie, dies würde mir noch einmal sehr leid tun. Dann ging sie. Es klang nicht drohend oder wirklich böse, eher wie eine Feststellung. Ich sehe sie noch manchmal auf der Strasse, gehe ihr aber aus dem Weg. Wäre mein Verschwinden nicht gewesen, ich hätte nicht mehr daran gedacht.
    Nach meiner völligen Auflösung hatte ich nur einmal ein Erlebnis mit einer Frau. Ich war verunsichert und bedrückt, um mir selber Mut zu machen habe ich den einfachsten Weg für einen Mann gewählt, ich bin in ein Puff gegangen. Dort habe ich mir ein wirklich hübsches junges Mädchen ausgesucht, aber als ich auf ihr lag und ihre Brüste berührte, sah ich nur die hässlichen Deformationen die meine gierigen Hände auf ihrem Körper verursachten. Vielleicht werde ich es ja einmal genießen können, aber damals hat es mich nur erschreckt. Da ich mich ja nicht sehen konnte, war mein Blick frei auf eine Frau, die sich wie in einem Pornofilm scheinbar grundlos vor Lust wälzt, zuckte und stöhnt. Wäre ich ein Voyeur, ich hätte mein Paradies gefunden, nur bin ich das leider (noch?) nicht. Ich hatte mich früher immer an dem Anblick von zwei Leibern erregen können, die sich umeinander winden, sich umschlingen und einsaugen - damit ist es nun vorbei.
    Es hat wenig Sinn weinerlich zu werden, vielleicht tauche ich ja plötzlich wieder auf, entstehe neu, werde wieder sichtbar. Derweil behelfe ich mich an manchen Tagen mit einem großen Topf Wandfarbe, die schütte ich in die Wanne, verdünne sie etwas mit Wasser und lasse mich als weißes Gespenst wieder Auferstehen. So laufe ich dann nackt durch die Wohnung und genieße den Blick auf meinen Körper.
    Wenn mich ab und an die große Trauer überkommt, schalte ich eine starke Lampe an und liebkose meinen Schatten. Wie sehr sehne ich mich nach mir.



    Schnellschuß vor dem Wochenende. Lohnt die Geschichte einer Überarbeitung? Oder ist die Idee zu blöd, banal überzogen oder sonst was...


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 16. November 2001 editiert.]

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Blind

    Am Anfang war es interessant. da störte mich nur der vorschnell genannte Name, die vielen Erklärungen, die eben doch darauf abzielen, einem Publikumsgeschmack näher zu treten. Allmählich gewann Dein Naturell die Oberhand, meine Liebe, Dein Naturell liegt (u.a.) im Mitteilen, um es freundlich auszudrücken. Nicht streichen, sondern sperren. Die anfangs genannten Gedanken mußt Du als Exposition einführen, nicht als Beiläufiges. Du fällst zu schnell mit der Tür ins Haus. Laß die Geschichte, so Du eine erzählen willst, sich langsam entwickeln, will heißen allmählich.
    Da haben wir einen Erzähler, der sich nicht sofort ausziehen muß, da haben wir eine Erzählte, die vielleicht - bis auf die Namensnennung - beschrieben werden muß, allerdings nicht so, daß sie keinen Spielraum mehr besitzt; da haben wir ein Thema: Schulmedizin und so. Darauf komm mit Schwung, dann bleib stehen und schließlich spring zu deiner Aussage, die Du im Folgenden konterkarierst und somit in antithetischer Verschränkung verdichtetst.

    Liebe Kyra, mach mal etwas richtig fertig, Du würdest mir einen großen Gefallen tun. Wie wäre es hiermit? Hast Du genug Ahnung vom angesprochenen Thema? Hast Du ein Vorbild, Vor-Bild?

  3. #3
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    AW: Blind

    Hallo Robert,

    Du schreibst:
    Liebe Kyra, mach mal etwas richtig fertig, Du würdest mir einen großen Gefallen tun.
    Gut, dann werde ich hierdran weiter arbeiten, obwohl mich das Huschen mehr liegt, ebenso wie das Schwätzen...

    Jede Frau die auf die 50 zugeht hat eien Ahnung davon wie es ist unsichtbar zu werden ....
    Meine Freundin hat es mir vor Jahren mal unter Tränen gesagt....keiner sieht mich mehr....als sei ich unsichtbar....
    Na. ich habe noch ein wenig Zeit, aber ich beginne mich langsam aufzulösen

    PS.
    Du bist wirklich lieb zu mir, wie ein Vater....das brauche ich auch, denn, obwohl 10 Jahre älter als Du, bin ich wie ein Kind, will immer etwas neues anfangen
    Dabei sage ich mir immer, diese ganzen Geschichten überarbeite ich dann irgenwann einmal später, wenn ich groß bin, oder wenn etwas konkretes ansteht. Ich bin ein Hudler...

  4. #4
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    AW: Blind

    Liebe Kyra,
    als kurze Geschichte habe ich es erst mal ganz gut genossen. An den Ausflügen in das Nischenreich bin ich nicht so interessiert gewesen wie an der Ausgestaltung des Unsichtbarwerdens. Hat mich entfernt dann an Schlemihl erinnert, an Stephen King auch, nur eine Spur romantischer bei Dir als beim Amerikaner. Der letzte kleine Absatz muss sein und verdient ein Lob, denn er bringt den gesamten Unverstand der Geschichte zum Ausdruck, rein psychologisch: Diese Ich-Identifikation, die dem modernen Menschen abhanden kommt, weil er sich über alles Mögliche definiert, nur nicht über sich selbst. Entfremdung hier natürlich auch ein Thema. Hättest es aber auch nicht noch extra als Schnellschuss vor dem Wochenende apostrophieren sollen, Robert ist eh schon genug gebeutelt ob Deiner hastigen Ausdrucksweise. Sprichst Du auch so schnell, wenn Du Dich unterhältst? Übrigens: Quasselbude ist nebenan im ORBIS.
    herzlichst uis

  5. #5
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    AW: Blind

    Stephen King auch....
    Uis, Du bist toll, den lese ich grade mal wieder, meiner Meinung nach ein Autor der völlig zu unrecht ins Horror Klischee gepresst wird, er schreibt sicher auch zu schnell, aber er ist schon ganz gut.
    Nein, ich glaube ich spreche ganz normal, frag Robert, er hat mal mit mir telefoniert.

    Liebe Grüße

    Kyra

    auch noch ein PS

    ich bin manisch-depressiv, nicht so schlimm wie es sich anhört. In meinen manischen Phasen fällt mir viel ein, Ideen die ich unbedingt umsetzten will. Ich sollte mir angewöhnen die depressiven Zeiten zur Aufarbeitung zu nützen, da fällt mir nämlich nichts ein.
    Ach so wegen schnell sprechen, wenn ich manisch bin, rede ich viel...das kann reichen um andere zu nerven, dazu muss ich nicht schnell sprechen

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 16. November 2001 editiert.]

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Blind

    Liebe Kyra,

    für diesmal hoffe ich, schnell genug antworten zu können, bevor du dich wieder einem anderen Thema zuwendest.
    Ich will mal all die grammatischen Unzulänglichkeiten beiseite stellen und mich nur auf die Sprache und Inhalt beziehen. Den Rest macht schon Robert.
    Als erstes will ich dir sagen, dass mir die Geschichte gefallen hat. Diese Auflösung eines Mannes vor sich selbst erinnerte mich allerdings nicht an Stephen King. Wie könnt ihr nur diese unsägliche Schreibwerkstatt für billigen Horror, die aus einer ganzen Gruppe von Autoren zum Zwecke des Geldverdienens unterhalten wird, schätzen? Das will mir nicht in den Kopf. Das Gefühl, das dein verlöschender Held beschreibt, eine ähnliche Lust an der Vernichtung einer bürgerlichen Existenz, fand ich hingegen bei Gogols "Nase", Hoffmanns "Abenteuer der Silvesternacht", bei Peter Schlemihl und vielleicht auch (Verzeih mir, Hagen, dass ich deinen Gott herunter zu den Sterblichen ziehe) bei Kafkas Gregor Samsa. Es ist also eine Geschichte in bester Tradition:
    Etwas Unerklärliches, Unbeschreibbares geschieht, verändert wie ein Naturgesetz die Wirklichkeit und zerstört langsam eine Existenz. Etwas Unbegreifliches drängt sich hinein in das Alltägliche, etwas nicht Fassbares, das jenseits von Gut und Böse ist, aber durchaus Humor hat.
    Um es nochmals zu sagen: Das ist wirklich schön.
    Leider ist deine Sprache nicht adäquat. Nimm dir doch einmal die Zeit, aus einer guten Idee etwas zu machen. Viel zu schnell poltern die Ideen, sie haben keine Ordung im Text. Nebensächliches wie der Brotberuf der Figur wird breit ausgewalzt, wichtiges aber vernachlässigt: Nebenfiguren wie Lisa, die Thereisiasfigur Hella, die Prostituierte, der Neurologe, Freunde usw. tauchen auf und verschwinden, ohne dass man sie greifen kann. Sie bleiben bloße Skizzen und nehmen der Geschichte die Lebendigkeit, die sie benötigt, um beim Leser bildhaft zu werden.
    Du handelst das alles einfach viel zu gehetzt ab. Lass dir und den Figuren Zeit, gib ihnen eine Chance. Lauf um jede ein paar Mal herum und erzähle sie mir. Zeig mir ihre Kleidung, ihre Wohnung, ihre Gewohnheiten und kleinen Macken. (Kennst du dieses Argument? Das habe ich schon mal von dir zu hören bekommen.) Die erste Ebene der Geschichte hast du, setz darunter noch einen Subtext, eine Handlung. Gib der Geschichte einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss. Und denke an Dürrenmatt: Eine Geschichte ist erst dann zuende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.
    Aus solch einer Idee macht King einen 600 Seiten-Thriller, so ist das Ganze nur ein hastiges Expose.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Blind

    Falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich Stephen King schätze, so möchte ich zu Protokoll geben, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Ein wenig mehr als nur Distanz zu diesen Werken tut immer gut, obwohl er in seinen sehr frühen Romanen Ansätze zur Literaturfähigkeit gezeigt hat.

  8. #8
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    AW: Blind

    Danke Klammer.....
    ich weiß ja, ich bin immer zu hastig, ich will zu schnell etwas sichbares...nett in diesem Zusammenhang, wahrscheinlich ist er mein alter ego, ich schreibe schnell, damit ich schnell etwas von mir sehen kann. Aber ich nehme es mir zu Kopf und werde an den Personen weiter arbeiten.
    Was Stephen King angeht, er schreibt sicher schlampig, schafft aber doch oft dieses unagenehme Kippen und zerbrechen der scheinbar heilen Welt. Das mag ich an ihm. Es ist auch kein schlechter Beobachter, leider ist es, wie Du richtig sagst Fabrikware, hat nichts mit Literatur zu tun. Er hat aber ein Gespür für die Ängste der Menschen.

    Kyra

  9. #9
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    AW: Blind

    Unten die neueste Fassung. 2 Seiten kürzer und umgestellt. Ich habe das Gefühl unfertiger denn je
    Bitte vor der Textkorrektur erst als Genzes bewerten, ich schreibe es sonst eventuell ganz um.


    Blind

    Ich schreibe dies ganz sicher nicht für die Nachwelt, was für ein dummes Wort, als würde sich die Welt um einen Tod scheren, dieses schüttelt sie ab, wie ein Hund einen Floh. Da ich keine Kinder habe, werden sich auch keine Nachkommen hierfür interessieren. Wahrscheinlich mache ich diese Aufzeichnungen, weil es mich an manchen Tagen amüsiert, wie sich scheinbar Luft zu Worten und Sätzen verdichtet. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, nein, dies ist so nicht wahr, auch wenn ich es gerne so sähe. Ich schreibe, damit zumindest etwas von mir sichtbar wird; für mich sichtbar wird.
    Die einzige meiner Ausscheidungen, deren Anblick mir Freude bereitet.
    Lisa, meine Frau - meine Frau, die mich schon vor drei Jahren verließ, würde sicher eine ihrer altjüngferlich-ranzigen Bemerkungen dazu äußern, wie:
    „du bist blind für andere Menschen“, wenn du statt zu urteilen nachdenken würdest“, du bist ein Ignorant der nur nach Nützlichkeiten Ausschau hält“. So ungefähr würde ihre Beurteilung aussehen, möglicherweise nicht ganz falsch, aber weit entfernt von richtig.
    Ja, Lisa. Als ich ihr das erste Mal begegnete, hörte ich jemanden ihren Namen sagen, Lisa“, ich hatte mich bereits in sie verliebt, bevor ich mich umdrehte und ihr Madonnengesicht sah - eine Madonna, die mit Sommersprossen übersät war, umkränzt von einem rotlockigstörrischen Haarschopf. Sie wirkte sanft aber leidenschaftlich auf mich. Ich umwarb Lisa, sie fand Gefallen an mir und wir heirateten nach kurzer Zeit. Ihre Sanftmut war leider hilfsbedürftigeren Geschöpfen vorbehalten, als ich es damals war. Ihre Leidenschaft haben wir in langen Analysen bei Kerzenlicht und Wein zu Grabe getragen.
    Als sie mich verließ, fragte ich sie, was ihr bei unserer ersten Begegnung am besten an mir gefallen habe. Ihre Entgegnung trifft mich heute mit einem scharfen Schmerz, den ich damals natürlich nicht verspürte. Sie sagte, mir sind als erstes deine Hände aufgefallen, sie sahen klug aus. Ja, ihr fielen zuerst meine Hände auf - und mir scheint, die vermisse ich heute auch am meisten von meinem Körper.
    Vielleicht sollte ich hier einfügen, dass ich Neurologe bin. Meine finanziellen Verhältnisse gestatten es mir aber, mein Leben frei zu gestalten - ich dachte immer dies sei ein glücklicher Umstand.
    Heute bin ich mir darüber nicht mehr so sicher. Nichts zwingt mich, das Haus zu verlassen, meine abgetragene Kleidung passt zum verwilderten Garten. Auch mein Denken scheint die Schienen seiner wissenschaftlichen Schulung verlassen zu haben, wirr kommt es mir bisweilen vor, die Gedankenstrudel eines ungebildeten Wilden.
    Manchmal fühle ich mich einsam, aber kein anderer Mensch könnte diese Sehnsucht stillen und die Leere meines Spiegels füllen.

    Es begann, wie so viele einschneidende Dinge im Leben, ganz harmlos und beiläufig. Als ich zum ersten Mal bemerkte, dass ich meine Fingerkuppen nicht mehr sehen konnte, hielt ich es für eine wetterbedingte Sehstörung. Damals glaubte ich, meine Trauer über Lisas Auszug gerade überwunden zu haben. Ich fühlte mich sogar wieder stark genug, anderen Frauen hinterher zu sehen. Noch war ich nicht soweit, sie zu begehren, aber ich stand kurz davor. Als einige Tage später meine Finger begannen immer durchscheinender zu werden, fing ich an, in meinen alten Lehrbüchern zu stöbern. Für mich als Neurologen gab es unzählige Diagnosemöglichkeiten, das Gehirn ist nicht nur zu kaum erklärbaren Gedankenleistungen in der Lage, auch die Ausfälle können einzigartig und bizarr sein.
    So blätterte ich mit meinen Geisterfingern durch die Seiten, ich konnte die Stichworte durch meinen abwärts wandernden Zeigefinger lesen. Da nur noch meine Handrücken sichtbar waren, mit kaum wahrnehmbaren Fingeransätzen, fiel es mir schwer mich, auf die Texte zu konzentrieren. Wie plump sahen sie doch aus, keine Menschenhände, eher eine Art Pfote, deren Geschick beim Blättern nicht zu erklären war. Amputierte hatten Phantomschmerzen, aber mein Körper schien völlig gleichgültig auf diesen Verlust zu reagieren. Mein Interesses an meiner äußeren Erscheinung hatte in den letzten beiden Jahren sehr nachgelassen, so bemerkte ich erst Tage später, bei einem zufälligen Blick in den Badezimmerspiegel, wie erschreckend diese fingerlose Person aussah, deren Mittelhand ebenfalls langsam vom Nichts zersetzt wurde. Die Lepra der Unsichtbarkeit fraß mich langsam auf.
    Jeden Mittwoch kam die Zugehfrau, eine junge stille Person, die in den fünf Stunden ihrer Anwesenheit versuchte, den Belag der Einsamkeit vom Boden aufzunehmen und ihren säuerlichen Geruch mit energischem Salmiakgeist zu übertönen.
    Mehrere Wochen hielt ich mich bei ihrem Eintreffen versteckt, rief ihr über die Treppe zu, mir sei nicht wohl, dann zog ich mich in mein Schlafzimmer zurück, bis ich an der zaudernden Endgültigkeit des Zuklappens der Haustür merkte, dass ich wieder alleine war. Ich kannte sie, hatte es früher oft beobachtet, wie sie, bevor sich das Haus verließ, einen Augenblick zögerte, auf etwas zu lauschen sie, bevor sie die Tür mit einem befriedigten Knall schloss. Was hatte ich zu befürchten? Mir war nichts anzusehen, dies war alleine in mir entstanden, dessen war ich sicher. Trotzdem hatte ich immer wieder die unangenehme Vorstellung, ich würde wirklich unsichtbar. Lächerlich für einen Arzt, aber ich träumte davon, wachte des Nachts weinend auf, wie ein verlorenes Kind auf dem Rummelplatz. Mir war völlig klar, sollte ein anderer Mensch diese Veränderungen an mir sehen können, würde mein Geist sich sofort in die Sicherheit des Wahnsinns zurückziehen.
    Aber einmal kam die Putzfrau meiner Flucht zuvor. Ich hatte an diesem Tage zu lange geschlafen, als ich gerade mein Frühstück hastig hinunterschlang, stand sie plötzlich in der Küche. Die Kaffeetasse am Mund, starrte ich sie bestürzt an. Sie erwiderte meinen Blick etwas verwundert, dann grüßte sie mich, lächelte mich nachsichtig an und begab sich an ihre Arbeit. Da zu diesem Zeitpunkt meine Hände ganz verschwunden waren, nur noch Stümpfe lugten aus den Ärmeln meines Morgenmantels, hätte ihr dies aufgefallen sein müssen, vor allem da ich eine Tasse in der Hand hielt. Am liebsten wäre ich so schnell wie möglich wieder in meinem Zimmer verschwunden, nur um Gewissheit zu haben, zwang ich mich zu bleiben. Mit ängstlicher Höflichkeit bat ich sie, mir ein Glas Wasser zu geben. Dies tat sie ohne zu zögern und reichte es an die Stelle, wo sie offenbar meine ausgestreckte Hand sehen konnte. Ehrfurchtsvoll hielt ich das Gefäß, sah durch meine Hand, durch die Glaswand, jenseits des Wassers die verzerrte Gestalt meiner Bedienerin und das Fenster mit dem grauen Himmel in ihrem Rücken.
    Sie drehte sich um, ich bedankte mich und stellte das Glas achtlos auf den Tisch.
    Kurze Zeit zog ich es in Erwägung, mit den wenigen Freunden, die ich hatte, darüber zu sprechen, aber ich wollte die verwunderten Blicke nicht sehen, die besorgten Nachfragen nicht hören, so behielt ich es für mich, beobachtete weiter mein allmähliches Schwinden, die schmerzlose Auflösung meiner Person. Da auch schon vorher meine Kontakte zur Welt außerhalb meines Hauses spärlich waren, fiel mein weiterer Rückzug niemandem auf. Ich begann wieder, meine Einkäufe zu machen, erleichtert nicht mehr von Pizza und chinesischen Gerichten leben zu müssen, die ein Bote vor die Tür abstellte, wo ich zuvor das Geld deponiert hatte. Wenn ich einen Bekannten auf der Straße traf, sagte mancher, ich hätte mich irgendwie verändert, nichts bestimmtes, die Frisur, oder der Gesichtsausdruck.
    Anfangs fiel mir das sichere Zugreifen schwer und ich stolperte bisweilen, wenn ich barfuss ging. Der Auflösungsprozess dauerte Wochen, manchmal waren die Beine stärker betroffen, an anderen Tagen verschwanden Teile meines Kopfes, erst die Haare, dann wurde mein Kinn immer kürzer, was mir ein debiles Aussehen gab. Ich muss gestehen, obwohl ich mich inzwischen daran gewöhnt zu haben glaubte, wurde mir sehr übel, als mein linkes Auge, samt dahinter liegendem Kopf, eines Morgens verschwunden war. Übrig war ein Loch, gefüllt mit reinem Nichts, es schien mir durchscheinender zu sein als Luft, von einer Reinheit, die sich jeglichem Besitz entzog. Ich beschloss mir eine Glatze zu rasieren. Auf meine Haare war ich immer sehr stolz gewesen, dunkel, dicht mit leichten Wellen und grauen Schläfen - männlich. Jetzt, wo sie nicht mehr sehen konnte, missgönnte ich auf kindische Weise anderen ihren Anblick.
    Nach fast drei Monaten war die Schwindsucht abgeschlossen, ich konnte nichts mehr von mir sehen. Am längsten hatten sich Zähne und der Darm gehalten, merkwürdig, aber in dieser Situation erfreute ich mich auch deren Anblick.
    Solange ich angezogen bin, fehlen mir nur die Hände, mein Gesicht gaukle ich mir durch eine breitrahmige Brille vor. Das einzige was mir von meiner sichtbaren Existenz blieb, ist mein Schatten.
    Oh, wie habe ich nächtelang gegrübelt, was wohl die Ursache sein könne“.
    Obwohl ich nicht viel von Psychologie halte, habe ich mich auch dieser Möglichkeit gestellt, die Diagnose wäre hier Hysterie gewesen. Da ich aber bisher noch nie in meinem Leben eine Veranlagung dazu festgestellt habe, konnte ich dies fast mit Sicherheit ausschließen. Nicht einmal Lisa hatte mir jemals so etwas vorgeworfen. Ich begann immer häufiger an sie zu denken, nicht an ihre Zärtlichkeit oder Liebe, sondern daran, wie laut ihre Schritte durch das Haus klangen, wie sie die Tischdecke mit den Krümeln vom Frühstück am Fenster ausschüttelte, für die Vögel. Solche Dinge gingen mir durch den Kopf, ihre immer leicht angeschwollenen Fußknöchel, die Borstigkeit ihres Haares und ihre ewige Kränklichkeit. Ich vermisste sie wieder, fast so, wie vor drei Jahren. Noch nie war mir ein Mensch so nah gekommen, unbehaglich dicht und unausweichlich lebte sie neben mir. Ich habe sie trotzdem geliebt.
    Mein Leben ging fast genauso weiter, wie bisher, ich las, schlief viel und unternahm bisweilen Spaziergänge im nahe gelegenen Park.
    Sicherlich hätte ich zu einem Kollegen gehen können, aber ich glaubte genug zu wissen, was sollte er mir neues erzählen? Er würde mich immer wieder zu sich bestellen, verschiedene Tests machen, um dann alles schließlich in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Manchmal übernehmen andere Gehirnteile die Aufgaben einer ausgefallenen Region, aber das würde mir nur die Zeit zeigen.
    Ich verlegte mich eine Zeit lang auf Übungen, versuchte nackt neben meinem Schatten stehend, meinen Körper wieder zu erfinden. Versuchte, die Augen an das zu erinnern, was sie so viele Jahre ohne besondere Beachtung wahrgenommen hatten. Ich schloss die Augen, um sie dann plötzlich zu öffnen, als könnte ich meinen Leib für einen Augenblick vor seinem Verschwinden überraschen.
    Inzwischen ist über ein Jahr vergangen, die Frage nach dem Grund schwimmt wie ein Fettauge auf meiner Gedankensuppe, immer vorhanden aber nicht mehr beherrschend.
    Es gab da was, vor fast zwei Jahren“, es kommt mir immer wieder in den Sinn, dennoch will es mir als Auslöser nicht möglich erscheinen. Ich vermute, es ist nur die Blindheit, die Blindheit eines anderen Menschen, die mich zu diesem Erlebnis zurückzieht.
    Es war eine kleine Romanze, nichts besonderes, außer der Erblindung des Mädchens. Ich hatte sie schon lange beobachtet, sie wohnt hier in der Straße, so traf ich sie bisweilen beim Einkaufen und an der Bushaltestelle. Sie trug keine dunkle Brille, ihre Augen sahen völlig gesund aus, aber ihre Bewegungen verrieten sie. Wohl aus Eitelkeit verzichtete sie auf einen Blindenstock, aber ich hatte sie schnell durchschaut, die Drehung des Kopfes bei einem unerwarteten Geräusch, wie ein scheues Tier. Sie war nicht hübsch, eigentlich sogar eher häßlich. Was mich anzog war ihre Behinderung - nein ich bin nicht pervers, keiner von denen, die auf Amputierte oder missgebildete Frauen stehen. Dies war etwas anderes. Ich wollte fühlen, wie eine Frau mich berührt, mich liebkost und begehrt, die mich nicht sehen kann. Es war nicht allzu schwer, sie zu erobern, eigentlich hätte ich von einer blinden Frau mehr Misstrauen erwartet. Als ich sie ansprach, sah sie lächelnd zu mir auf, bemühte sich in meine Augen zu blicken.

    Die kurze Zeit unserer Beziehung habe ich sehr genossen, tatsächlich erfühlte sie meinen Körper so zart, so intensiv, wie ich es noch nie erlebt hatte. Nachdem wir uns geliebt hatten, wusste ich nichts mit ihr zu Sprechen. Eigentlich habe ich es auch nie versucht, fühlte ich doch die Überlegenheit, die fast jeder Mensch einem Behinderten gegenüber heimlich empfindet. Ich dachte, sie sei dumm, zutraulich und arglos. Ich schmunzelte, als sie mir sagte, wie schön sie mich fände, wie genau sie mein Gesicht kenne - unter tausenden würde sie es sofort erkennen, mit den weichen Kuppen ihrer Finger. Mir sagte damals ihr plumper Leib weniger zu, auch störte es mich nach kurzer Zeit, von ihr nicht gesehen zu werden, ihr in die toten Augen zu blicken. So beendete ich diese Liebelei nach wenigen Wochen. Hella, so hieß sie, hatte sich leider etwas zu sehr hereingesteigert, wie ein geblendeter Vogel wollte sie sich nicht von mir befreien. Ich war gezwungen, deutlicher zu werden, als es meine Art ist. Nach einem Streit sagte ich in einem Anfall von Wut einen Satz, der mir heute oft in den Sinn kommt. Ich wollte diesen engen Umarmungen, dieser klebrigen Anhänglichkeit entfliehen. Ich schrie sie an,
    „sieh doch in den Spiegel, dann weißt du warum!“
    In diesem Moment hatte ich ihre Blindheit vergessen, wollte sie nur loswerden - und das ist mir auch gelungen. Hella sah mich an, ich weiß, sie war blind, aber ich hatte tatsächlich das Gefühl, sie würde mich ansehen, dann meinte sie, dies würde mir noch einmal sehr leid tun. Dann ging sie. Es klang nicht drohend oder wirklich böse, eher wie eine Feststellung. Ich sehe sie noch manchmal auf der Strasse, gehe ihr aber aus dem Weg. Wäre mein eigenes Verschwinden nicht gewesen, ich hätte nicht mehr daran gedacht. Heute beneide ich sie um die Klugheit ihrer Hände, würde so gerne von ihr lernen. Sie ist der einzige Mensch der mich so erleben könnte, wie ich mich selber empfinde. Ihr würde es reichen, sie könnte mich lehren mich fühlen zu können, ohne meinen Anblick zu vermissen.
    Aber diese Tür habe ich mir damals endgültig verschlossen.
    Nach meiner Auflösung hatte ich nur einmal ein Erlebnis mit einer Frau. Ich war verunsichert und bedrückt, um mir selber Mut zu machen habe ich den einfachsten Weg für einen Mann gewählt, ich bin in ein Puff gegangen.
    Dort habe ich mir ein wirklich hübsches junges Mädchen ausgesucht. Ich war auch wirklich geil, als ich ihr auf das kleine Zimmer folgte, das wenig mehr als ein Waschbecken und ein Bett mit einem großen Spiegel darüber enthielt. Ein alter Teddybär saß auf einem der Kopfkissen. Liebevoll setzte sie ihn neben das Bett, bevor sie sich auszog. Ich versuchte, mich nicht an dem leisen Schmatzen zu stören, mit dem sie ihr Kaugummi im Mund herumrollte. Aber als ich auf ihr lag und ihre Brüste berührte, sah ich nur die hässlichen Deformationen, die meine gierigen Hände auf ihrem Körper verursachten. Da ich mich nicht sehen konnte, war mein Blick frei auf eine Frau, die sich wie, in einer billigen Pornoshow mit schlecht gespielter Lust, vor dem männlichen Publikum wälzt. Nur einmal wagte ich den Blick in den Deckenspiegel, der Anblick war lächerlich, sie tat mir Leid. Sicher war sie es gewohnt sich nackt zu zeigen, aber sonst wurde sie zumindest noch von einem Männerkörper bedeckt oder umfangen. So war sie auf eine hässliche und demütigende Weise entblößt. Fast, als würde sie vergewaltigt. Früher hatte ich mich an dem Anblick von zwei Leibern erregen können, die sich umeinander winden, sich umschlingen und einsaugen - damit war es nun vorbei.
    Es hat wenig Sinn weinerlich zu werden, vielleicht tauche ich ja plötzlich wieder auf, entstehe neu, werde wieder sichtbar. Derweil behelfe ich mich an manchen Tagen mit einem großen Topf Wandfarbe, die schütte ich in die Wanne, verdünne sie etwas mit Wasser und lasse mich als weißes Gespenst wieder Auferstehen. So laufe ich dann nackt durch das Haus und genieße den Blick auf meinen Körper.
    Wenn mich ab und an die große Trauer überkommt, schalte ich eine starke Lampe an und liebkose meinen Schatten. Wie sehr sehne ich mich nach mir.

    (mein Freund, der immer die Kommata setzten muss, meint langweiliger und schlechter)

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 29. November 2001 editiert.]

  10. #10
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    man oh man, ich hätte nicht gedacht, dass mensch aus dem verlust der körperlichen sichtbarkeit, eine solche geschichte kreieren kann, welche die verschiedenen blickrichtungen in die betroffene persönlichkeit gut ausleuchtet. nur einmal hing ich fest beim lesen

    Versuchte, die Augen an das zu erinnern, was sie so viele Jahre ohne besondere Beachtung wahrgenommen hatten. Ich schloss die Augen, um sie dann plötzlich zu öffnen, als könnte ich meinen Leib für einen Augenblick vor seinem Verschwinden überraschen.

    zweimal hintereinander augen finde ich nicht so cool, und auch die kurze moralische einsicht {nach dem abschuss der blinden} passt mir nicht so richtig zu deinem protagonisten. auch zweifele ich an dieser wannenszene, da dein text ziemlich real rüberkommt und deswegen schon aus medizinischen gründen ein bad in weißer farbe blanker selbstmord wäre.

    ------------------
    homo sum,
    humani nihil a me alienum puto

  11. #11
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    Hallo Caspar,

    {nach dem abschuss der blinden} passt mir nicht so richtig zu deinem protagonisten.

    moralisch wird er erst, nachdem es ihm dreckig geht, das kommt schon mal vor- aber eigentlich ist er eher neidisch, neidisch sich nicht so intensiv wahrnehmen zu können, wie die Blinde es konnte.
    Das muss ich wohl deutlicher machen.
    2x Augen ist blöde, aber es gibt so gut wie keine Synonyme. Ich sollte wohl den ganzen Satz umstellen.

    Das mit der weißen Farbe ist kein Problem, die Hautartmung wird auf Grund von Gerüchten überschätzt. (ich habe lange bei meinem exexmann in der Praxis gearbeitet. Dieses Märchen kam nach Goldfinger auf.

    Grüße nach Ä

    Kyra

  12. #12
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    Liebe Kyra! Letztes Wort? - Dann will ich mal.
    Ich schreibe dies ganz sicher nicht für die Nachwelt, was für ein dummes Wort, als würde sich die Welt um einen Tod scheren, dieses nach schüttelt sie ab wie ein Hund einen Floh.
    Mit dieser Eingangsbemerkung stellst Du den Text in eine Ecke, aus der er kaum wieder herauskömmt. Andererseits ist dadurch eine Konnotation möglich, die viele Erstleser in ihren Bann ziehen könnte: Mit anderen Worten gesagt, Kyra, Du polarisierst am Anfang. Warten wir mal ab, ob Du bei der Stange bleibst.
    Da ich keine Kinder habe, werden sich auch keine Nachkommen hierfür interessieren.
    Damit nimmst Du viel Spannung weg, Du grenzt (unnötig) ein. Streich diesen Satz!
    Wahrscheinlich mache ich diese Aufzeichnungen, weil es mich an manchen Tagen amüsiert, wie sich scheinbar Luft zu Worten und Sätzen verdichtet.
    WEIL-Konstruktion streichen.
    Obwohl, wenn ich es recht bedenke, nein, dies ist so nicht wahr, auch wenn ich es gerne so sähe.
    Wann geht's los?
    Ich schreibe, damit zumindest etwas von mir sichtbar wird - für mich sichtbar wird.
    Dies wäre ein guter Eingangssatz, wobei ungesagt bleiben muß, daß Schreiber blind ist. Im ganzen Text muß das ungesagt, wohl aber mitgeteilt sein.
    Die einzige meiner Ausscheidungen, deren Anblick mir Freude bereitet.
    Das ist kein Satz, eine Ellipse ist hier nicht gerechtfertigt, nicht zu diesem Zeitpunkt. Hier mußt Du exzeptuieren. Also, worum geht's, wer ist wer und wo sind wir denn?
    Lisa, meine Frau - meine Frau, die mich schon vor drei Jahren verließ, würde sicher eine ihrer altjüngferlich-ranzigen Bemerkungen dazu äußern, wie:

    Du bist blind für andere Menschen, wenn du statt zu urteilen nachdenken würdest, du bist ein Ignorant der nur nach Nützlichkeiten Ausschau hält.
    Das würde ich nicht so machen wollen. Die Bemerkungen sollen stechen, aber nicht zuviel verraten. Einzelheiten aus dem Ehealltag vielleicht, die bestimmte Charaktereigenschaften aufzeigen. Die direkte Anzeige eines Sachverhaltes ist in langjährigen Beziehungen kaum gegeben. Sind es nicht vielmehr Kleinigkeiten, sehr spezielle Kleinigkeiten, die zwischen Lebensabschnittsgefährten Sprache suchen und finden? Ich laß mich aber auch gern belehren, daß dem nicht so ist!
    So ungefähr würde ihre Beurteilung aussehen, möglicherweise nicht ganz falsch, aber weit entfernt von richtig.
    Bitte? - Das ist überflüssig gesagt.

  13. #13
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    Hallo Robert,

    Du fragst:
    Liebe Kyra! Letztes Wort? - Dann will ich mal.

    ist denn der Aufbau jetzt besser? Also die gesamtstruktur?

  14. #14
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    AW: Blind

    Also, Du wünschst mehr das Grobe?! Okay.
    Am Anfang steht ein Ich. Du näherst Dich kursorisch und teilst Beweggründe mit, wobei nicht so ganz klarwerden kann, ob sich hier Autor und Erzähler nicht uneins die Hand reichen. Ich frage mich, ob das eine gute Exposition sein kann. Dann wird's besser, nämlich klarer - und jeder Leser braucht anfangs Klarheit über die Art und Weise des Erzählens. Über mehr wahrscheinlich nicht, doch darüber streiten die Gelehrten.
    Ein Satz wie
    Ihre Leidenschaft haben wir in langen Analysen bei Kerzenlicht und Wein zu Grabe getragen.
    ist für sich genommen eine Geschichte wert. Aber er steht nur mittenmang. Du setzt hier falsch an. Statt in der Vergangenheit Lisa und des Helden herumzuwühlen, solltest Du jetzt straff erzählen, also Dein eigentliches Anliegen vortragen. Du zäumst falsch auf.
    Die angeführte Einsamkeit ist nicht zu nennen, sondern teilt sich mit bzw. muß sich mitteilen. Einsamkeit kann hier kein Thema sein, bestenfalls eine akzidentiell motivische Funktion wäre angebracht. Du willst nämlich was...
    Gut ist die Freizeile. Endlich! Das Thema ist beschrieben und setzt dem Leser etwas vor. (Ich halte es mit topologischen Gradmustern.) Leider schwätzt Du jetzt drauflos, statt Dich behutsam von mehreren Seiten zu nähern. Das ist Dein größtes Manko, zuweilen auch eine Deiner Stärken, daß Du eben frischfrommfröhlichfrei pladderst. Wörter wie SCHIEN und MEIN und DIESE und vor allem ES sind dann zwangsläufig. Der text verwässsert, aber eigentlich wickelt sich nur die schwächliche und ungeratne Exposition aus. Daß es nicht langweilig wird, bleibt Dein Geheimnis. Ist aber gut so.
    Ich frage mich, warum Du das Vexierspiel der Selbstauflösung derartig ausmalst! Bist Du insgeheim ein Expressionist? Die hatten auch in der Regel schwächere Expositionen, dafür legten sie allen Wert auf die Aneinanderreihung von Eindrücken. Veränderungen. Gibt es da nicht auch noch Nuancen? UNANGENEHM?

    Erst mal genug. Du hast zu tun, meine Liebe.

    P.S. Dann ist das Nr. Eins. Dazu empfehle ich die Geschichte mit dem Ritzen, die Vergewaltigungsgeschichte, die Geschichte vom Bauernhof, eine Großmuttererinnerungsgeschichte. Muß ich jetzt suchen gehen?

  15. #15
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    AW: Blind

    Durchsicht

    Ich schreibe, damit zumindest etwas von mir sichtbar wird - für mich sichtbar wird. Es erfüllt mich mit Freude, wie Luft sich gleichsam zu Sprache verdichtet. Manchmal unterbreche ich mich, um an meinen Fingerspitzen zu riechen, als könnte dieser leicht fischig-erdige Geruch mein Gehirn anregen. Ich wasche mir nur selten die Hände.
    Lisa, meine Frau - meine Frau, die mich schon vor drei Jahren verließ, würde sicher in ihrer katzenhaft aufdringlichen Art bemerken,
    „manchmal beneide ich dieses dumme weiße Papier, das du stundenlang beschreibst“
    Als sie mich verließ, fragte ich sie, was ihr bei unserer ersten Begegnung am besten an mir gefallen habe. Ihre Entgegnung trifft mich heute mit einem scharfen Schmerz, den ich damals natürlich nicht verspürte.
    Sie sagte, während sie ihre Blusen sorgfältig in den Koffer packte, beiläufig über die Schulter,
    „mir sind als erstes deine Hände aufgefallen, sie sahen klug aus.“ Ja, ihr fielen zuerst meine Hände auf - und mir scheint, die vermisse ich heute auch am meisten von meinem Körper.

    Es gab bisher wenig Bemerkenswertes über mich zu sagen, ich habe Medizin studiert, bin Neurologe. Meine finanziellen Verhältnisse gestatten es mir aber, mein Leben frei zu gestalten.
    Mein Denken hat inzwischen die Schienen seiner wissenschaftlichen Schulung verlassen, unordentlich ist es geworden - ein umgestürztes Gefäß, in dessen Inhalt ich wie blind umhertaste.

    Alles begann, wie so viele einschneidende Dinge im Leben, ganz harmlos und beiläufig. Als ich zum ersten Mal bemerkte, dass ich meine Fingerkuppen nicht mehr sehen konnte, hielt ich es für eine wetterbedingte Sehstörung. Als einige Tage später meine Finger immer durchscheinender wurden, begann ich in meinen alten Lehrbüchern zu stöbern. Es gab unzählige Diagnosemöglichkeiten, das Gehirn ist zu einzigartigen und bizarren Ausfällen in der Lage.
    So blätterte ich mit meinen Geisterfingern durch die Seiten, ich konnte die Stichworte durch meinen abwärts wandernden Zeigefinger lesen. Da nur noch meine Handrücken sichtbar waren, mit kaum wahrnehmbaren Fingeransätzen, fiel es mir schwer mich, auf die Texte zu konzentrieren. Wie plump sah sie doch aus, keine Menschenhand, eine Art Pfote.
    Amputierte hatten Phantomschmerzen, aber mein Körper schien völlig gleichgültig auf diesen Verlust zu reagieren. Die Lepra der Unsichtbarkeit fraß mich langsam auf und ich beobachtete das Verschwinden meines Leibes mit distanzierter Wehmut. Auch mein Spiegelbild verließ mich Stück um Stück, nur ein Polaroidfoto bestätigte mir meine Sichtbarkeit für andere. Obgleich mir dies eine Beruhigung sein sollte, war ich nicht wirklich überzeugt davon.
    Jeden Mittwoch kommt die Zugehfrau, eine junge stille Person, die in den fünf Stunden ihrer Anwesenheit versucht, den Belag der Einsamkeit vom Boden aufzunehmen und ihren säuerlichen Geruch mit energischem Salmiakgeist zu übertönen.
    Mehrere Wochen hielt ich mich bei ihrem Eintreffen versteckt, rief ihr über die Treppe zu, mir sei nicht wohl, dann zog ich mich in mein Schlafzimmer zurück, bis ich am lauten Zuschlagen der Haustür merkte, dass ich wieder alleine war.
    Warum fürchtete ich mich? Mir war nichts anzusehen, dies war alleine in mir entstanden, dessen war ich sicher. Trotzdem hatte ich immer wieder die unangenehme Vorstellung, ich würde wirklich unsichtbar. Fast ebenso unerträglich war der Gedanke, jemand könnte mich anfassen. Ich träumte davon in einer vollbesetzten Bahn zu stehen, niemand konnte mich sehen, die Menschen kamen immer näher, drückten sich an mich, drangen schließlich in meinen unsichtbaren Körper ein. Ich erwachte weinend.
    Mir war völlig klar, sollte ein anderer Mensch diese Veränderungen an mir sehen können, würde mein Geist sofort in den einsamen Turm des Wahnsinns fliehen.
    Aber einmal kam die Putzfrau meiner Flucht zuvor. Ich hatte an diesem Tage zu lange geschlafen, als ich gerade mein Frühstück hastig hinunterschlang, stand sie plötzlich in der Küche. Die Kaffeetasse am Mund, starrte ich sie bestürzt an. Sie erwiderte meinen Blick etwas verwundert und begab sich an ihre Arbeit. Da zu diesem Zeitpunkt meine Hände ganz verschwunden waren, nur noch Stümpfe lugten aus den Ärmeln meines Morgenmantels, hätte ihr dies aufgefallen sein müssen. Am liebsten wäre ich so schnell wie möglich wieder in meinem Zimmer verschwunden, nur um Gewissheit zu haben, zwang ich mich zu bleiben. Mit ängstlicher Höflichkeit bat ich sie, mir ein Glas Wasser zu geben. Sie reichte es, ohne zögern, an die Stelle, wo sie offenbar meine ausgestreckte Hand sehen konnte. Ehrfurchtsvoll hielt ich das Gefäß, sah durch meine Hand, die Glaswand und jenseits des Wassers die verzerrte Gestalt meiner Bedienerin.
    Ich ging wieder mehr aus. Wenn ich einen Bekannten auf der Straße traf, sagte mancher, ich hätte mich irgendwie verändert, nichts Bestimmtes, nichts von Bedeutung.
    Der Auflösungsprozess dauerte Wochen, manchmal waren die Beine stärker betroffen, an anderen Tagen verschwanden Teile meines Kopfes, erst die Haare, dann wurde mein Kinn immer kürzer. Ich muss gestehen, obwohl inzwischen daran gewöhnt, wurde mir übel, als mein linkes Auge, samt dahinter liegendem Kopf, eines Morgens verschwunden war. Übrig war ein Loch, gefüllt mit reinem Nichts, es schien mir durchscheinender zu sein als Luft, von einer Reinheit, die sich jeglichem Besitz entzog.
    Nach fast drei Monaten war die Schwindsucht abgeschlossen, ich konnte nichts mehr von mir sehen. Am längsten hatten sich Zähne und Gedärm gehalten, in dieser Situation erfreute ich mich auch deren Anblick.
    Solange ich angezogen bin, fehlen mir nur die Hände, mein Gesicht gaukle ich mir durch eine breitrahmige Brille vor. Das einzige was mir von meiner sichtbaren Existenz blieb, ist mein Schatten.
    Ich habe nächtelang gegrübelt, was wohl die Ursache sein könne?
    Obwohl ich nicht viel von Psychologie halte, habe ich mich auch dieser Möglichkeit gestellt, die Diagnose wäre hier Hysterie gewesen. Da ich aber bisher noch nie in meinem Leben eine Veranlagung dazu festgestellt habe, konnte ich dies fast mit Sicherheit ausschließen. Nicht einmal Lisa hatte mir jemals so etwas vorgeworfen. Ich begann eine Zeit lang häufig sie zu denken.
    Als ich ihr das erste Mal begegnete, hörte ich jemanden ihren Namen sagen, Lisa, ich hatte mich bereits in sie verliebt, bevor ich mich umdrehte und ihr Madonnengesicht sah - eine Madonna, die mit Sommersprossen übersät war, umkränzt von einem rotlockigstörrischen Haarschopf. Sie wirkte sanft aber leidenschaftlich auf mich. Ich umwarb Lisa, sie fand Gefallen an mir und wir heirateten nach kurzer Zeit. Ihre Sanftmut war leider hilfsbedürftigeren Geschöpfen vorbehalten, als ich es damals war. Ihre Leidenschaft haben wir in langen Analysen bei Kerzenlicht und Wein zu Grabe getragen.
    Unbehaglich dicht und unausweichlich lebte sie neben mir. Ich habe sie trotzdem eine Zeit lang sehr geliebt.
    Mein Leben ging fast genauso weiter, wie bisher, ich las, schlief viel und unternahm bisweilen Spaziergänge im nahe gelegenen Park.
    Ich verlegte mich eine Zeit lang auf Übungen, versuchte nackt neben meinem Schatten stehend, meinen Körper wieder zu erfinden. Versuchte, die Augen an das zu erinnern, was sie so viele Jahre ohne besondere Beachtung wahrgenommen hatten - ich schloss sie, um sie dann plötzlich zu öffnen, als könnte ich meinen Leib einen Moment vor seinem Verschwinden überraschen.
    Inzwischen ist über ein Jahr vergangen. Lisa taucht in meinen Erinnerungen kaum mehr auf. Eine andere Frau kommt mir in letzter Zeit öfters in den Sinn, sie war völlig unbedeutend.
    Ich vermute, es ist nur die Blindheit, die Blindheit eines anderen Menschen, die mich zu diesem Erlebnis zurückzieht.
    Es war eine kleine Romanze, nichts besonderes, bis auf die Erblindung des Mädchens.
    Ich hatte sie schon lange beobachtet, sie wohnt hier in der Straße, so traf ich sie bisweilen beim Einkaufen und an der Bushaltestelle. Sie trug keine dunkle Brille, ihre Augen sahen völlig gesund aus, aber ihre Bewegungen verrieten sie. Sie war nicht hübsch, eigentlich sogar eher unansehnlich, aber sie konnte mich nicht sehen, dies war ein eigentümlicher Reiz. Ich wollte fühlen, wie so eine Frau mich berührt, mich liebkost und begehrt.
    Als ich sie ansprach, sah sie lächelnd zu mir auf, bemühte sich in meine Augen zu blicken.
    Die kurze Zeit unserer Beziehung habe ich sehr genossen, tatsächlich erfühlte sie meinen Körper so zart, so intensiv, wie ich es noch nie erlebt hatte. Trotzdem schwand die Faszination rasch. Ich schmunzelte nachsichtig, als sie mir sagte, wie schön sie mich fände, wie genau sie mein Gesicht kenne - unter tausenden würde sie es sofort erkennen, mit den weichen Kuppen ihrer Finger. Nach kurzer Zeit empfand ich es als störend, nicht gesehen zu werden, immer in tote Augen zu blicken. So beendete ich diese Liebelei nach wenigen Wochen. Hella, so hie? sie, krallte sich an mich wie, ein geblendeter Vogel. Nach einem Streit sagte ich in einem Anfall von Wut einen Satz, der mir heute oft in den Sinn kommt. Ich wollte nur diesen engen Umarmungen, dieser klebrigen Anhänglichkeit entfliehen. Ich schrie sie an,
    „es reicht mir einfach nicht, nur berührt zu werden. Ich brauche den Blick in die Augen.“
    Sie verlie? ich wortlos. Ich sehe sie noch manchmal von Ferne auf der Strasse.
    Wäre mein eigenes Verschwinden nicht gewesen, ich hätte nicht mehr an Hella gedacht.
    Heute beneide ich sie darum, mit ihren Händen so viel wahrnehmen zu können. Sie ist der einzige Mensch der mich so erleben könnte, wie ich mich selber empfinde. Dennoch empfinde ich Ekel vor ihrer Blicklosigkeit.
    Nach meiner Auflösung hatte ich nur einmal ein Erlebnis mit einer Frau. Ich war verunsichert und bedrückt, um mir selber Mut zu machen habe ich den einfachsten Weg für einen Mann gewählt, ich bin in ein Bordell gegangen.
    Dort habe ich mir ein wirklich hübsches junges Mädchen ausgesucht. Ich war voller Lust, als ich ihr auf das kleine Zimmer folgte, welches wenig mehr als ein Waschbecken und ein Bett mit einem gro?en Spiegel darüber enthielt. Ein alter Teddybär sa? auf einem der Kopfkissen. Liebevoll legte sie ihn neben das Bett, bevor sie sich auszog. Ich versuchte, mich nicht an dem leisen Schmatzen zu stören, mit dem sie ihr Kaugummi im Mund umherrollte. Aber als ich auf ihr lag und ihre Brüste berührte, sah ich nur die häßlichen Deformationen, die meine gierigen Hände auf ihrem Körper verursachten. Nur einmal wagte ich den Blick in den Deckenspiegel. Es fehlte ein zweiter Körper, der sie umfing und bedeckte, so war sie auf eine hässliche und demütigende Weise entblö?t. Fast, als würde sie vergewaltigt.
    Es hat wenig Sinn weinerlich zu werden, vielleicht tauche ich ja plötzlich wieder auf, entstehe neu, werde wieder sichtbar.
    Wenn mich ab und an eine gro?e Trauer überkommt, schalte ich eine starke Lampe an und liebkose meinen Schatten. Wie sehr sehne ich mich nach mir.

  16. #16
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Blind

    Ach, Kyra. Der Anfang ist besser, dann hetzt Du wieder los. Bleib doch mal ein bißchen stehen!
    Da hat der Mann nun fischig riechende Hände. Das wäre eine nähere Betrachtung wert. Auch wenn das Expositionelle anfangs damit zurückgedrängt würde, einen Satz müßtest Du dazu noch schreiben, künstlerisch wäre es, wenn Du aus diesem Duft heraus eine Geschichte entwickeln könntest, also das Riechen übernimmt die Funktion des Sehens. Sei ehrlich: Wird das deutlich? Die Schärfung der anderen Sinne!

    Ich glaub', wir basteln hier noch ein wenig herum. Die Geschichte behagt mir in ihrer Substanz schon, aber ist zusammengewürfelt, wenig verdichtet.

  17. #17
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Blind

    ja, vielleicht sollte kyra mal süskinds 'parfum' lesen, nur so, zur anregung.

  18. #18
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    AW: Blind

    vielleicht sollte kyra mal süskinds 'parfum' lesen, nur so, zur anregung.
    das hat sie vor langer zeit ....

    Hallo Robert,

    ich glaube das Problem mit dieser geschichte ist der GRUND für das unsichtbar werden. Ich habe jetzt so etwas wie einen Mann der Probleme mit Nähe hat herausgearbeitet. Dann hat er noch der Blinden die Abfuhr erteilt. Aber das reicht nicht, das hält nicht. Das ist so eine Küchen-Hausfrauen Psychologie, böser Mann, nicht beziehungsfähig, also wird er auch Blind für sich selber. Das ist dümmlich. Der Grund muss stärker sein, Angst (wie in Stiefel) Schuld, Hass, ein Auslöser von Schwere und Wucht. Das Problem mit Blind ist, es ist unglaubhaft.
    Ich muss die Substanz der Geschichte ändern, nicht nur einzelne Sätze umstellen etc.

    Danke Euch allen

    Kyra

    PS. der Grund f?r das Verschwinden des Mannes ist einfach unsinnlich, altj?ngtferlich, moralisierend!!!!


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 30. November 2001 editiert.]

  19. #19
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    AW: Blind

    Liebe Kyra,

    nachdem ich nun dazu gekommen bin, deine Texte noch einmal zu lesen, setze ich ein paar ungeordnete Anmerkungen darunter. Ich wei? nicht, ob sie dir helfen.

    Zum Eingangstext "Blind"
    Vielleicht solltest du einmal folgendes versuchen: Lege den Text beiseite, in eine Schublade und schreibe die Geschichte dann noch einmal, ohne die erste oder zweite oder dritte Fassung als Palimpsest zu benutzen. Beginne damit, eine allt?gliche Situation dieses Menschen zu beschreiben.

    Schreibe abgehetzter, formuliere k?rzer,mache h?ufiger Abs?tze.Zum Beispiel dieser erste Satz, der dem Leser sehr sperrig im Weg steht. Wenns erlaubt ist:
    "Ich schreibe dies nicht f?r eine Nachwelt. Das ist ein dummes Wort. Als w?rde sich die Welt auch um einen Tod scheren: Dieses ?nach? sch?ttelt sie doch ab, wie ein Hund einen l?stigen Floh!
    Da ich keine Kinder habe..."
    Hier taucht ?brigens auch ein grunds?tzliches Problem auf, das ich nicht nur bei dir beobachte: Ich glaube, solch einen Anfang oder einen ganz ?hnlichen,habe ich schon tausendmal gelesen. Es ist nicht geschickt, eine Geschichte damit zu beginnen, den Erz?hler ?ber die Gr?nde referieren zu lassen, warum er schreibt. Das interessiert den Leser nicht. Er m?chte m?glichst schnell die Story haben, das Referat, wenn es denn ?berhaupt sein muss, sollte man sp?ter einf?gen. Lass deinen Helden schneller dazu kommen, etwas zu tun, eine Handlung auszuf?hren, lass ihn erz?hlen, was er heute vormittag gemacht hat, noch sch?n verr?tselt und geheimnisvoll, hypochondrisch und selbstmitleidig, neurasthenisch vielleicht, am Rande zum Neurotiker, ohne genau auf seine Situation einzugehen, das macht den Leser neugierig. Es w?re z. B. interessant, hier zu beschreiben, wie er sich morgens w?scht oder fr?hst?ckt, einfach noch ohne moralisierende Reflexion zu erz?hlen, wie er mit seinem Manko lebt. Seine Suche nach seinen ersten Krankheitssymptomen ist eine gelungene Stelle, mit der der Text auch beginnen k?nnte.

    Sprachlich ist leider noch einiges zu tun, aber das ist deine und Roberts Arbeit. Manchmal willst du mit deinen Sätzen mehr ereichen, als du bereits fähig bist, auzudrücken. Vielleicht wäre es hier sinnvoll für dich, dich etwas zurück zu nehmen und eine klarere, einfacher strukturierte Sprache zu benutzen.
    Die Figuren sind jetzt klarer, auch wenn sie noch immer sehr typisiert und eindimensional wirken.
    Und, nichts für ungut: Dein Freund sollte sich zurückhalten, wenn er deine Geschichten beurteilt und sich dafür etwas mehr mit den Kommaregeln beschäftigen.

    Zum Text "Durchsicht"
    Der Anfang ist wesentlich besser, du kommst hier schneller auf den Punkt. Es fehlt allerdings durch die Kürze des Textes ein Bezugspunkt, bevor der Leser sich auf die Figur des "Unsehbaren" einlassen kann, ist die Geschichte wieder zu Ende.
    So nett die Bordellszene auch sein mag, sie wirkt ein wenig plüschig, wie aus einem eleganten Roman aus dem 19. Jahrhundert. Ich würde sie weglassen. Wenn ich schon so stark die sexuelle Seite der Geschichte betone, wie es gerade in dieser Version der Fall ist, lass ihn vergeblich versuchen, sich selbst zu befriedigen (kann man das als Frau eigentlich beschreiben?) oder verjünge seine Haushälterin und lass ihn versuchen, sie zu verführen. Wie würde diese Geschichte eigentlich funktionieren, wenn der Erzähler eine Frau wäre?

    Noch ein Rat (Gott, was bin ich heute wieder weise): Arbeite an dem Text, aber stelle nicht jede Veränderung ins Forum. Zeige uns dein Ergebnis nach Weihnachten noch einmal, dann haben wir wieder Abstand gewonnen. Im Moment merke ich, dass ich für diese Geschichte betriebsblind werde und es mir sehr schwer fällt, sie unvoreingenommen und vor allem auch mit der nötigen Aufmerksamkeit wieder und wieder zu lesen.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  20. #20
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    Danke Klammer,

    Manchmal willst du mit deinen Sätzen mehr ereichen, als du bereits fähig bist, auzudrücken. Vielleicht wäre es hier sinnvoll für dich, dich etwas zurück zu nehmen und eine klarere, einfacher strukturierte Sprache zu benutzen.

    Ich glaube, solch einen Anfang oder einen ganz ähnlichen,habe ich schon tausendmal gelesen. Es ist nicht geschickt, eine Geschichte damit zu beginnen, den Erzähler über die Gründe referieren zu lassen, warum er schreibt.
    das stimmt, da muss ich mich um einen "schrägeren" Einstieg bemühen. Die Anfänge sind bemüht mich und mein Schreiben zu rechtfertigen.

    Viele Grüße

    Kyra


    hier hast Du sicher recht, ich spinne Gold zu Stroh
    Ich muss den Text auch liegen lassen, ich merke wie ich verbore, und mich genauso wie Euch damit Nerve.

    darum habe ich ja auch mit "Stiefel" versucht mich dem Thema auf andere Art zu nähern. War ich zuerst arg sorglos, bin ich jetzt zu verbissen ich will, ich will, ich will...besser, besser, besser!!!
    Liegen lassen ist für mich noch neu

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 02. Dezember 2001 editiert.]

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