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Thema: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    staunen & sein


    der atem der see
    und der gezeiten
    ersetzt meinen eigenen
    bewegt nicht
    meinen rock
    noch mein haar
    bin ganz musik
    in hohler kirchturmspitze

    ich vergess das rot meiner lippen
    und meine lippen
    ich vergess die farbe meiner augen
    und meine augen
    nur den glanz
    den geb ich nicht her
    und die einverleibte sonne
    auf der haut

    und du
    sagst mir
    von glück
    gelebt zwischen
    diesem und jenem
    unglück

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    Ich glaube, ich wäre hier noch ein wenig glücklicher, so das allerletzte Wörtchen fehlte.
    Und die Sonne unvereinleibt bleibt.
    Gruß M

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    - bricht emotionell ab
    - verdichtet nur anfangs, da aber läßt sich kaum was verdichten
    - im Aufbau beginnend, aber ein Haus braucht einen Dachbalken, sonst regnet's rein

    Fazit: exzeptionelle Schwächen werden durch die beinahe rhythmische Sprache konterkariert, aber ein lyrischer Text muß da mehr bieten

  4. #4
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    "...ich vergess die farbe meiner augen
    und meine augen
    nur den glanz
    den geb ich nicht her..."

    und ich, ich hoff, dass dem so ist. stattdessen können sterne verlöschen, meinetwegen. warum aber denke ich jetzt an prag, an ein glas absinth und rosarote elefanten?

    das vergessen ruht innerhalb der erinnerung: man knipst ein licht aus in irgendeinem hotelzimmer, vielleicht. man kennt das ja, dies immer wieder letzte lichterlöschen. und auch, wie die zigarette schmeckt vor dem einschlafen. vielleicht noch besser als die erste am morgen. und am morgen dann schliesst man die türe hinter sich, gibt die schlüssel ab und nimmt den zug nach hause. vieles ist bereits vergessen dann. das vergessen aber ruht innerhalb der erinnerung.

    vergesse, was ich hier geschrieben hab, stöver, vergesse das blau und den rest, das ist okay, auch für mich.

    vergesse ruhig auch folgendes: mir gefällt's. einmal mehr. und einmal mehr: ohne worte, letztlich.

    greetings

    Mr. Jones

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    Jonathan, manche Sätze von Dir gefallen mir, sie sind in ihrer Substanz nicht richtig, aber sie regen an.
    erstellt von Jonathan: das vergessen aber ruht innerhalb der erinnerung.
    Eben nicht.
    Ich hab einen Freund, der arbeitet als Pfarrer auf dem Lande. Sein Kampf gilt dem Vergessen, dem Abbruch von Traditionellem. Er sagt: Wenn erst einmal eine Tradition abgebrochen wird, ist sie für immer dahin. Man kann sie nicht revitalisieren, wie Hagen es nennen würde.
    Ich widerspreche an diesem Punkt unseres Gesprächs zumeist und behaupte, daß Neues geschaffen würde, was neue Traditionen auf den Weg bringe, außerdem könne man nicht krampfhaft an Altem festhalten. Da verstummen wir beide. Wir sind an einer Aporie.
    Du behauptest jetzt, daß Vergessen (dialektisch?) aufgehoben würde in der Erinnerung! Das ist nicht richtig. Im Wesen des Vergessens liegt keine Erinnerung. Die Tiefe des Vergessens ist Auslöschung, ist nicht Verdrängung, sondern Vernichtung, Tod.
    Gessen bedeutet haben, besitzen, getting... Das VER- verdreht den Sinn in ein NICHT MEHR... Also ist auch Erinnerung nicht in der Lage, hier etwas zu generieren. Vergiß Deinen Gedanken, benutz und setz die Worte schärfer, nicht auf ersten Bedacht hin!

    stöver, Du schweigst?

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    O.k., Robert, verzichten wir also auf das förmliche Mister, kannst mich Jonathan nennen. Schön, dass Dich meine Sätze anregen, jedenfalls. Denn darum geht's. Wahrheit? Wo wie was warum hä?

    Ich habe also geschrieben: das vergessen ruht innerhalb der erinnerung. - Stimmt das? Du hast versucht, mich zu widerlegen. Deine Hypothese gegen meine. Beweise fehlen, meine ich, weiterhin. Nach dem Kausalitätsprinzip scheint es mir halt einfach evident, dass mein Satz, oder wenigstens der Satz in meinem Satz, wenn nicht die ganze Wahrheit, dann doch immerhin eine Halbwahrheit beinhaltet. Die Erinnerung: absolut gedacht, das Vergessen: relativ.

    Ich kam nicht durch einen Plan auf diese Aussage, weißt Du, sondern: durch eine Vision. Oder etwas kleinlauter: Eine Story, an der ich momentan arbeite. So ist dieser Satz zwar als Resultat meines Denkens zu verstehen, mein Denken aber muss in diesem Zusammenhang anders verstanden werden, und zwar: als das Denken des Schriftstellers, der ich bin, von Zeit zu Zeit. Dann ist dieser Satz, oder zumindest der Satz im Satz, jenes Denken, welches reflektiert wird in einem der unzähligen Spiegel des Schreibens und also - je nach Schliff des betreffenden Spiegels - kommt dies Denken so oder so zum Ausdruck.

    Du denkst scharf. Ich aber habe einen Kommentar an Stöver geschrieben, und der wird diesen zweifellos ganz und gar verstehen. Kannst Du das so hinnehmen?

    Vielleicht erlaube ich mir, demnächst meine Story in diesem Forum zu präsentieren. Vielleicht verstehst Du diesen meinen Satz dann als Resultat einer Geschichte, und nicht als allgemeingültige Wahrheit bzw. als allgemeingültigen Irrtum. Aber dann rauchen wir vielleicht besser zuvor ne Friedenspfeife, Robert. Und graben das Kriegsbeil später wieder aus, wenn's sein muss.

    Greetings

    Mr. Jones
    (Jonathan für Dich, Robert)

    PS. in ganz und gar eigener Sache, sorry Stöver: Einen Ordner zu schliessen, Robert, find ich übrigens daneben, wirklich, zumal in meinem Fall. So ich doch immer innerhalb meiner Ordner ausflippe und niemals Dein Forum, sondern nur meine Mr. Jones-Ordner mit meinen Geistesblitzen entflamme. Oder? Oder bist Du Polizist? Die haben auch so ne Lizenz nämlich, ungestraft Arsch sein zu dürfen. Nix für ungut aber. Und gerne setz ich mich mit Dir und Uis sowieso und Stöver, bitte sehr, und all den anderen an einen Tisch, weiterhin. Das Essen hat geschmeckt, bis anhin.

    PPS. Ich schreibe nichts mehr zu diesem Thema in diesen Ordner, ist halt nicht meiner. Und Stövers Zeilen haben ein bisschen mehr verdient als eine Diskussion um einen meiner Sätze, und das ist wirklich so.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    Mir gefällt der Ordner. Ich kann mir vorstellen, dass stöver schweigt, weil er das Gesagte insgesamt so stehen lassen will. Ist auch gut so. Eure Bemerkungen zum Text und weitere auch sind vielsagend und metatextuell. Das ist eben das Faszinierende. Statt herumzualbern und sich Lob zu hudeln, hat man manchmal was zusagen. Und deshalb gefällt mir Eure Rede.
    stöver, nimm das Ende weg vom Text. Die letzte Strophe ist viel zu abstrakt]. Glück, Unglück, ein du, ein mir... Plattitüden, Schwebegeist, der die Plastizität der Bilder des Anfangs, "Musik in hohler Kirchturmspitze" ist gelungen, aufmischen, zerbröseln. Das ist unstark.
    herzlichst uis

  8. #8
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    hast recht, uis. die erste strophe ist verdammt brauchbar, die anderen.. no ja

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    eines der schönsten gedichte eines deutschen über schottland, das ich kenne. man spürt die kräftige, kühle nordseebrise, die einem übers gesicht streicht, stellt sich den schottenrock des dudelsackspielers vor und hört seine musik bis in die hohle kirchturmspitze. man fragt sich, warum gesagt wird, dass sich der rock nicht bewegt. vielleicht ist der kirchturm sehr hoch, und man kann von dessen hohler spitze aus nicht genau erkennen, was sich unten abspielt; womöglich ist da ja auch gar kein fenster; und so hört man eben nur die musik, die aber dafür umso intensiver. oder man ahnt einen vorausgegangenen sturz im glitschigen moor, und als der rock getrocknet ist, ist er so starr, dass er sich nicht mehr bewegt.

    in der zweiten strophe ein auffälliger perspektivwechsel: man steht direkt vor dem spieler, offenbar angelockt von der musik. dieser, der spieler, ist so in sein spiel versunken, dass er vergisst, wie sich beim blasen seine lippen rot färben, und er schließt die augen, so dass man nicht mehr weiß, ob sie grün oder blau sind. vielleicht glänzte auch eine träne im auge, und es ist ihm peinlich, dass andere sie sehen, er will sie ganz für sich behalten. dann wird von einverleibte(r) sonne gesprochen. ein schönes bild, ein starkes bild, und so eingängig. bedenkt man, wie oft es in schottland regnet, wird sofort verständlich, warum der dudelsackspieler so sehr an seiner erinnerung an sonnige tage hängt.

    in der dritten strophe wird diese erinnerung verallgemeinert. der dudelsackspieler muss daran denken, wie selten die sonne scheint in schottland, wie oft es regnet, und er ist unglücklich darüber, sieht die kurzen zeiten der sonne und des glücks fast verschwinden zwischen vielen und langen unglückselig nasskalten tagen. in dieser verallgemeinerung verwandelt sich ein schlichter wetterbericht unversehens in ein seismogramm der befindlichkeit einer leidenden seele.

    es ist ein gedicht voller höhen und tiefen, und man ist angerührt von der schwermütigen note, mit der es endet.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Monatsgedicht zwar zufällig, aber Oktober

    a. schrieb: "eines der schönsten gedichte eines deutschen über schottland, das ich kenne."

    deutscher mit schottenrock, so ungefähr kann man sich den autor vorstellen, jetzt, nach lektüre deiner zeilen...

    und irgendwie zufällig passt's vielleicht auch in diesen tristen november, gedicht oder vorstellung des dichters... (mann, was für ein unmöglicher satz!)

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