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Thema: In euren Herzen ist das Nichts

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    In euren Herzen ist das Nichts

    ich nenne die geschichte lieber um:

    Nichts

    Der Tag einer Entscheidung rückte näher und es war mir gleich, es interessierte mich alles nicht mehr. Mit dem Maße, in dem die Perspektiven einer Zukunft voller Reichtum und Liebesglück geschwunden waren, nahm die Deutlichkeit des Gefühls auf dieser Welt völlig fehl am Platz zu sein, stark zu.

    Der Tag war schön, es roch überall nach Sommer, neben mir saß ein hübsches, leicht bekleidetes Mädchen, mein Getränk war kühl, die Bar hell und am nächsten Morgen hatte ich nichts zu tun. „Du bist schon ein komischer Kerl“, sagte die Frau und lächelte mich an, „Aber ich mag dich. Du hast so viel Phantasie, ich bin mir sicher du wirst irgendwann mal berühmt. So etwas spüre ich.“ Ich konnte mich nicht an ihren Namen erinnern während sie sprach und immer wenn ich wegschaute vergaß ich ihr Gesicht. „Hm? Irgendwann? Was soll das? Wann sollte das ungefähr sein, hm?“ Nervös blickte ich wieder raus auf die Straße. „Naja, daß du der schönste Mann in der Stadt bist habe ich dir ja schon immer gesagt.“ Sie schaute mich jetzt, glaube ich, erwartungsvoll an. „Weißt du noch, wie wir früher...“ Ich leerte mein Bier, sah in weiterhin ausdruckslose Gesichter um mich herum, massierte angestrengt meine Kopfhaut. Ich schnitt komische Grimassen weil mein Gesicht völlig verspannt war und blickte ohne Grund nervös in der Gegend herum. Leise und dann etwas lauter, weil nichts passierte, sagte ich: „Computer: Programm beenden!“ Ich hätte es in keiner Weise überraschend gefunden, wenn sich daraufhin die Konturen um mich aufgelöst hätten, alles nur ein schlechter Witz. Aber der Strand, die Bar, das Mädchen, sie blieben. Irgend jemand schien mir den Ton abgedreht und auf Zeitlupen Wiederholung gedrückt zu haben, also ging ich ohne Ton und in Zeitlupe nach draußen, auf die Straße, Richtung Strand, Richtung Meer und ganz langsam kamen mir die Sinne zurück.“

    Die Promenade wurde leerer, die Palmen raschelten in meine Ohren und das Meeresrauschen klang weniger aufgeregt als noch eben, inmitten all der Leute. Ich blieb stehen und schloß die Augen, atmete tief ein und aus. Das hörte sich ungefähr so an: „Mhmpf.“ Mir schwindelte und ich stützte mich kurz auf der kleinen Steinmauer ab die den Strand von der Promenade trennt. Ein überfüllter Mülleimer, ein paar Leute die Fotos machen. Das Meer rief ein wenig zu mir herüber und ich lief über den Strand, zur Brandung, zog hastig meine Schuhe aus und sah einen kleinen hölzernen Steg am Anfang der Bucht. Dort schien es sehr gemütlich zu sein. Der Steg war muschelig, veralgt und einige Holzlatten fehlten, aber ich ging trotzdem bis an sein Ende und setzte mich, die Füße im kalten Wasser. Am Horizont waren keine Wolken, der Himmel war strahlend blau und die Sonne machte sich langsam fertig für den anstrengenden Untergang.

    Auf einmal zwickte mich etwas ganz leicht am großen Zeh. Erst tat ich so als würde ich es nicht bemerken, aber dann wurde das Zwicken immer stärker bis man es ein ausgewachsenes Ziehen nennen konnte. Ich schielte mit einem Auge auf das Wasser, aber es war dunkel, ich konnte nichts sehen. Also beschloß ich meinen Zeh herauszuholen. Dabei mußte ich mich stark festhalten und alle verbliebene Kraft aufwenden, denn an meinem Zeh hing augenscheinlich etwas verdammt Großes. „Hllll...“, sagte da jemand. „Bitte?“ fragte ich verwundert und sah, da hing ein riesiger, weißer Hai an meinem Fuß und grinste mich blöd an. „Hallo, meinte ich“, sprach er, „entschuldige, aber ich hatte deinen Zeh im Mund, da fiel mir das Sprechen ein wenig schwer.“ „Hm, ja gut, verstehe. Aber warum kommst du eigentlich so nahe an den Strand und ins Mittelmeer und beißt mir in den Fuß?“ fragte ich, den Umständen entsprechend etwas verwirrt. Der Hai schaute nachdenklich in die Ferne und räusperte sich. „Du warst allein, wir merken so etwas. Und deine Füße haben mir gefallen. So etwas merken wir auch, auf große Entfernung.“

    Der Hai lehnte sich mit einer Flosse auf einen großen Stein und machte es sich bequem während er dem Treiben am Strand mehr Beachtung schenkte. „Es ist schon komisch“, sagte ich leise, „daß dies alles zusammen gehört, daß die Hochhäuser dort, die vielen Menschen, die Bäume, das Meer, du und ich, daß wir alle eins sind, letztlich. Findest du nicht?“ Der Hai zog ein schlechtgelauntes Gesicht. „Naja. Es ist schon erstaunlich. Wenige denken so. Die Menschen bewegen sich ‚In der Natur‘, ich glaube sie haben nie begriffen daß sie die Natur sind. Ihr übt Macht aus, zerstört und nennt es freien Willen und hohe Intelligenz. Aber mit diesem nicht Schritt aus der Natur heraus habt ihr euch lediglich die Möglichkeit zur Selbstzerstörung erkauft. Herzlichen Glückwunsch. Möchtest du ein Kaugummi?“ Der bestimmt sechs Meter fünfzig lange, weiße Hai griff behende in seine linke Hosentasche und beförderte mühsam ein zerknittertes Kaugummipäckchen heraus. Ich nickte und nahm gerne eins. „Danke“, sagte ich. „Du hast recht, glaube ich. Das alles hat uns zu orientierungslosen Hektikern gemacht. Und wir haben sogar extra und plakativ Gott dazu abgeschafft.“ Ich plätscherte mit meinen Füßen im Wasser herum und rieb meine Nase. Die Luft tat mir sehr gut, ich fühlte mich besser. Der elegante Hai sah derweil aus als müßte er sich beherrschen nicht laut zu lachen. „Hihi, das ist wirklich interessant, daß mit Gott. Und die Menschen wundern sich daß er sie alleine läßt, hihi.“ Ich verstand ihn nicht. Der Hai redete weiter: „Ich zum Beispiel habe gerade noch mit ihm telefoniert. Wir sprachen übers Wetter und über einige seiner spannenden Projekte anderswo im Universum. Aber dann riefst du nach mir und ich kam zu dir an den Strand.“

    „Ja,“ dachte ich. „Ich habe so deutlich gespürt, daß ich nicht hierher gehöre, daß ich fremd bin in dieser Welt, da habe ich nach dir gerufen. Weißt du, als ich klein war habe ich mir oft vorgestellt was ich machen würde, wie es wäre wenn ich auf einmal etwas fände das nicht möglich ist. Zum Beispiel eine Stelle an der Nichts ist. Ich stellte mir vor, hinter einem Busch im Wald oder sonst irgendwo, wäre ein Fleck Welt nicht fertig geworden, ein Stückchen Nichts. Was würde ich dann tun, was würde ich denken? Ich habe das immer für eine gute Idee gehalten und mich innerlich darauf vorbereitet diese Unmöglichkeit zu finden, dieses Eine das alles andere ad absurdum führt, dieses Eine nach welchem alles zu Ende geht.“

    Der Hai schwamm vor mir ein paar Kreise und vollbrachte dann ein albernes Kunststück. „Und weißt du noch was!“ rufe ich zu ihm herüber. „Ich habe es gefunden. Es ist in ihren Herzen, in ihren Herzen ist das Nichts!“ Mein Freund kommt wieder nah zu mir und beißt mir ganz leicht in den kleinen Zeh. „Kann ich mit dir gehen, bitte?“ frage ich ihn und der Hai lächelt und sagt nur, „Ja.“ Ich lasse mich ins Wasser gleiten, umarme den großen, weißen Hai und zusammen schwimmen wir zurück ins offene Meer, zurück.“


    (hab doch lieber mal die Zeit geändert)



    [Diese Nachricht wurde von Kolja am 24. November 2001 editiert.]

  2. #2
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    Hai, Kolja, Du wirst besinnlich. Schreib doch mal eine Geschichte vom Selbstmord des großen weißen Hai. Hier herrscht der November, Dunkelheit, das Forum wär grad in der richtigen Stimmung.
    Nichts in ihren Herzen, zum Fischeauskotzen, doch sie debattieren. Und mach die Bar dunkler.

    More sharkness than darkness.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    Ha. Kaum antwortest du, habe ich schon wieder alles geändert... Ich war mit meiner Präsens Benutzung nun nicht zufrieden irgendwie, daß will bei meinen schamlosen grammatikalische Debakeln schon was heißen. Nein, dunkel mach ichs nicht. Und Haie treibe ich auch nicht in den Selbstmord. Vielleicht lieber noch ein wenig mehr "Rache des weißen Hais", das ja.
    Einen besonders lieben gruß für Hannemann der immer meine Freunde ißt von Kolja

  4. #4
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    ich würde die theoretische abhandlung des themas (umgang des menschen mit der natur) kürzen, das problem lieber handgreiflich machen, zum beispiel die leute an der bar fisch essen lassen, einen wunderschönen großen, um den es dir (und dem leser) leid tut (wie einen thunfisch, einen delfin oder auch einen hai, vielleicht wird er noch zappelnd hereingebracht und man erlebt mit, wie er geschlachtet wird) oder einen seltenen, der vom aussterben bedroht ist. so verdeutlichst du im bild: die schönheit der welt wird hingemetzelt und verkonsumiert (womöglich aus oder bis zum überdruss). mit dem thema essen würdest du außerdem das interesse von lesern wie hannemann an der geschichte steigern.

    und sonst könntest du an diversen kleinigkeiten feilen, z.B. : "Naja, daß du der schönste Mann in der Stadt bist habe ich dir ja schon immer gesagt." die stelle ist etwas überzogen. "na ja, dass du ein toller typ bist, habe ich ..." tät's auch. die oberflächlichkeit der frau käme auf diese art mindestens ebenso gut heraus. übrigens: ist sie ein mädchen oder eine frau?

    das ist diesen monat schon die zweite wassergeschichte von dir. es regnet wohl ziemlich viel in berlin, was?

  5. #5
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    Liebes asmodele,
    ich dachte, Du wärest ein Dämon mit Feuer zwischen den Hörnern, ein gieriger Teufel, der den Sinn gefallener Engel versteht: Die Übertreibung!
    Selbstredend ist Kolja der Schönste in der Stadt (so wie ich auf dem Land... das Land ist größer), und er muß einfach so schreiben, andere Aussage w?re kleinkariert. Er ist Typ, sticht heraus aus dem Grau und flüchtet sich zu Fischen. Warum? Weil er die Schnauze voll hat vom Glattgeschliffenen, Feinstrukturierten, vom allgemeinen Gleichklang. Oder habt Ihr in der Hölle entschieden, in Zukunft mit Langeweile zu quälen, mit Menschlichem?
    Unter Wasser bestimmt die Phantasie Gottes.

    Kolja, die Rache des weißen Hai? Und dann? Sie werden ihn bestrafen wollen, ihn jagen, letztendlich töten und auf meinen Herd schaffen. Cyclus diabolus, cyclus asmodai. Laß ihn sich seine Flossen zwischen die Kiemen stecken, bring ihn in den Himmel für große Fische... irgendwo in der Nähe des Barrier Reef... und ab und an soll er auch einen Taucher verspeisen.
    Unterwasserschwellig, Hannemann

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    liebes hannele,

    du bist der schönste im ganzen land? kann es sein, dass du spiegel bloß aus märchen kennst?

    wer so verfressen ist wie du, kann einfach nicht schön sein.

    gruß,

    a.

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    Ja Asmodai, ich denke darüber nach, mir läuft sie auch etwas unrund die geschichte. Wenn du weiter nach hinten guckst wirst du übrigens feststellen das ich fast immer unter wasser bin. Und ich weiß nicht obs in Berlin regnet, hier in Münster aber fast immer. Gruß, Kolja.

    Ach, Hannemann. Bei mir gewinnen die Fische doch immer. Mancher wird es vielleicht gewinnen nennen von dir verspeist zu werden (ich kenne da eine nette lachsforelle...) aber nicht alle.

    ach und noch was. Ich weiß nicht ob du das so meintest, asmodai, wenn nicht will ich das doch trotzdem mal sagen: Das mit dem "schönsten Mann" soll so. Nicht weil ich der schönste Mann der Stadt bin, sondern weil der Mann in der Geschichte es angeblich ist. Wer sagt irgendwo, ich sei es? Ich glaube es ist hier im Forum mal an der Zeit daran zu erinnern das es hier um Literarische texte geht und nicht um Hobbypsycholgie. Fehlt nur noch einer/eine die mich jetzt fragt ob ich Hilfe brauche... Also, autobiographisches ist (bei mir zumindestens) bei mir nicht in solcher Form vorhanden. Ich erzähle Geschichten und will nix mit der Selbsttherapiegruppe hier am Hut haben. Außer es kommt aus Versehen mal ein guter Text bei raus aber auf den warte ich noch.
    Gruß, Kolja.

    Asmodai, deine Ideen sind nicht so schlecht, aber für die Essensszene z.B. müßte ich mich zu viel mit Menschen befassen, das mag ich nicht und ist mir in der geschichte eh schon zu viel. Und Hannemanns Interesse steigere ich besser indem ich nett zu den Fischen bin und er sie dann mit der ihm eigenen Grausamkeit verprügeln kann. Zuguterletzt, sie ist Mädchen und Frau und klein und groß.

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    die änderung der stelle mit dem schönsten mann habe ich bloß deswegen vorgeschlagen, weil es an der stelle ein wenig unbeholfen klingt, für mich wenigstens.

    und das andere mit dem essen ist nur EIN vorschlag, wie man dem text etwas von seiner - nun ja - kopflastigkeit nehmen und ihn mehr ins gleichgewicht bringen könnte. vielleicht fällt dir ja was besseres ein.

    gruß, a.

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    Ja, vielleicht. Ich habe aber immer ein Problem mit meinen Texten wenn ich mir schon vorher überlege, dies und jenes sollte dabei rüberkommen. Mir kommt das dann auch oft unbeholfen vor, nicht nur an der einen Stelle. Normalerweise schreibt sich eine Geschichte von alleine und auch die "Moral" (wie unangenehm) kommt dann wenn überhaupt zufällig. Das gefällt mir meist besser. Ich habe es nur 3-4 mal probiert wie in dieser Geschichte, und jedesmal fand ich es holprig und konstruiert. Naja...

  10. #10
    kls
    Laufkundschaft

    AW: In euren Herzen ist das Nichts

    Kolja:

    "Du bist schon ein komischer Kerl," sagte die Frau und lächelte mich an, "Aber ich mag dich. Du hast so viel Phantasie, ich bin mir sicher du wirst irgendwann mal berühmt. So etwas spüre ich."

    Das finde ich genial. So hohl-flach-bescheuert, dass die Dame somit wirklich ausreichend beschrieben wurde.

    Ich kenne Frauen, die reden tatsaechlich so einen, mit mystischer Ihhaltslosigkeit aufgepeppten Anschleim. Ich sehe das Wesen der, mit diesen Worten beschriebenen Person deutlich vor mir...kls...

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