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Thema: Die Entscheidung

  1. #1
    Adlerfeder
    Laufkundschaft

    Die Entscheidung

    Die Entscheidung

    Mit gesenktem Blick und Tränen in den Augen saß ich vor der Sozialarbeiterin. Meine Hoffnung zerbröselte innerhalb weniger Augenblicke durch ihre Worte.
    "Tut mir leid." sagte Lydia. "Aber du musst bis vierzehn Uhr das Zimmer geräumt haben."
    Ein weiterer Schub Tränen schoss aus meinen Augen. Ich konnte nicht begreifen, warum ich nicht im Frauenhaus bleiben durfte.
    "Bin ich nicht geschlagen worden? Hat mich nicht die Polizei nachts hierher gebracht?"
    "Doch sicherlich, aber so sind die Vorschriften. Du hast keine Kinder und somit nicht das Recht, länger zu bleiben.", sagte Lydia und schaute dabei aus dem Fenster.
    Schweigende Minuten. Ich überlegte, wo ich hingehen sollte. Es war gerade zwölf Uhr und ich hatte keine Ahnung was mich erwartete nach vierzehn Uhr.
    Warum habe ich mich eigentlich schlagen lassen? War ich nicht immer ein resoluter Mensch gewesen? Wieso wurde die Beziehung zur Hölle? Diese Fragen drängten meine Sorge der nächsten Übernachtung vollkommen aus meinem Gedächtnis.
    "Hier ist die Adresse vom Obdachlosenheim für Frauen." Lydia reichte mir ein Visitenkarte mit der Adresse.
    Meine Augen waren feuerrot und verquollen, mein Körper zitterte vor Wut und ich wusste weder ein noch aus.
    "Sag mal Lydia, ... " begann ich erneut ein Gespräch. " ... wurdest du schon einmal in deinem Leben alleine gelassen oder geschlagen? Weißt du, was innerlicher Verlust heißt? Nicht das du glaubst, ich wollte dich persönlich angreifen. Doch eines wünsche ich dir, dass du meine Hölle erleben wirst." Mit diesen Worten stand ich auf und verlies das kleinen unbehagliche Büro.
    Im Hausflur brüllten wieder Kinder, es war grauenhaft. Keinen Augenblick der Ruhe und Besinnung, immer brüllte irgend jemand. In den vergangenen drei Wochen hatte ich Kindergebrüll und Frauenhass erlebt. Diese Schicksale, welche ich hier traf, ließen mich zum Entschluss kommen, dass ich eine viel zu starke Frau bin. Noch konnte ich mich wehren, und das hatte ich getan.
    Langsam ging ich die Treppen zum zweiten Stock hinauf. Auf der rechten Seite war mein Zimmer, das ich mit Cindy teilte. Sie war auch alleine, hatte keine Kinder und keine Verwandtschaft, aber sie war schon dreiundsechzig Jahre alt. Cindy ist nun schon seit fünft Monaten hier im Haus. Welches Schicksal sie hatte, wusste keine so recht. Es wurde wohl das ein oder andere Gerücht in der Küche erzählt, ihr Mann hätte sie krankenhausreif geschlagen. Dieses Schicksal teilten wir Frauen alle hier.
    Cindy sah mich an und fragte, ob die Entscheidung gefallen sei. Mit einem Kopfnicken antwortete ich ihr und holte meinen Koffer vom Kleiderschrank herunter. Schweigend begann ich meine wenigen Sachen zusammenzupacken.
    "Das lasse ich nicht zu." sagte Cindy mit wütender Stimme, "Das gibt es doch nicht. Deine blauen Flecken sind immer noch zu sehen. Ich glaube, die haben was am Sträußchen!". Dabei tippte sie sich an die Stirn.
    "Ach Cindy, danke, dass du dir soviel Mühe machen willst aber lass mal - ich werde schon was finden. Zurück werde ich nicht gehen; glaube ich.", Mit Tränen in den Augen packte ich weiter.


    Eine schneeweiße Villa stand vor mir. Ich schaute nochmals auf die Karte, blinzelte auf die Tafel und verglich die Strasse mit der Adresse.
    "Villa Kunterbunt - Haus für verlorene Seelen" strahlten mir weiße dicke Buchstaben entgegen. Unter dem Straßenschild, etwa in Augenhöhe, war sie am Pfosten befestigt.
    'Eine Villa als Obdachlosenheim für Frauen.', dachte ich und verglich noch einmal den Zettel und das Straßenschild. Eine steile Treppe führte zum Haus herunter, das etwas unterhalb der Hauptstrasse lag. Innerliche Aufregung, Anspannung und Schüchternheit machten sich breit. Wieder begann ich zu zittern und wieder brannten sich Tränen in meine Wangen. Mit dem schweren Koffer in der Hand machte ich mich auf den Weg nach unten ins Ungewisse.


    "Wieso hat man Sie hierher geschickt?" wollte der Sozialarbeiter wissen.
    "Das weiß ich selbst nicht so richtig. Lydia sagte, ich sei kein Fall für das Frauenhaus. Und selbst weiß ich überhaupt nichts mehr, weder was richtig noch was falsch ist."
    "Mein Name ist Reiner, ich bin der Chef hier vom Haus." stellte er sich vor und lächelte mir dabei freundlich ins Gesicht. "Darf ich ihnen einen Kaffee anbieten?"
    "Nein danke.", antworte ich und zog ein Papiertaschentuch aus meiner Hosentasche um mir die Nase schnäuzten.
    "Wollen Sie mir erzählen was passiert ist?" Reiner nahm einen Stift und etwas Papier, legte alles vor sich auf den Tisch und begann damit, sich Notizen zu machen, während ich tief durchatmete.
    "Ich weiß nicht ... eigentlich will ich nicht, dass sich jemand mit meinem Problem beschäftigt, denn so langsam glaube ich, ich habe kein Problem."
    Reiner sah mich verdutzt an.
    "Ich bitte dich; darf ich du sagen?"
    "Ja, ich heiße Babs." Damit reichte ich ihm die Hand.
    "Freut mich. Aber nun zum Thema. Babs, bitte erzähl was passiert ist, ich werde dir zuhören und ich hoffe, dass du Vertrauen zu mir findest." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wartete darauf, dass ich meine Geschichte erzählte.
    Ich schweifte mit meinem Blick durch das Zimmer. Es war größer als das Büro im Frauenhaus und es war freundlicher eingerichtet. Eine angenehme Atmosphäre. Die Wände war schneeweiß getüncht und doch wirkte es anders, freundlicher, aufheiternder und vertrauter. Nicht steril und abweisend. Ich dachte: hier werde ich mich wohlfühlen. Als ich Reiner anschaute begann ich wie von selbst zu reden.
    "Radek lernte ich vor vier Jahren kennen, damals war er liebevoll und zärtlich. Er brachte mich zum Lachen, war ehrlich, hatte Charme und war führsorglich. Eigentlich war er viel zu jung für mich, doch die sechs Jahre Unterschied machten uns nichts aus. Er war immer da, wenn ich ihn brauchte und ich konnte mich auf ihn verlassen, ihm vertrauen und wusste, dass er mich niemals anlügen würde. Das Leben mit ihm begann bereits damals im Chaos. Wir verloren unsere erste gemeinsame Wohnung. Der Vermieter war zwar nett, doch als Radek die Miete nicht bezahlte, wurde uns gekündigt. Leider erfuhr ich davon erst viel zu spät, da hatte bereits ein Brief vom Anwalt auf dem Tisch gelegen, mit einem Ultimatum für den Auszug und der Mietschuldbegleichung. Wir suchten uns was neues und bald schon hatten wir eine moderne Wohnung gefunden. Der Umzug wurde ohne Vorbereitungen gemacht. Es musste schnell gehen. Wie so vieles in Radeks Leben ging alles spontan und ohne Überlegung."
    "Was macht er beruflich?"
    "Er war LKW-Fahrer. Und als er dann zu mir zog, machte er sich einige Zeit später selbstständig, da begann auch die Verwandlung. Ich möchte nicht behaupten, dass nur er sich veränderte, nein ich veränderte mich auch. Radek lernte mich kennen als ich siebenundsechzig Kilo wog. Doch sieh mich jetzt an! Eine dicke, fette Kuh bin ich geworden." sagte ich voller Verachtung. Dabei überfiel mich wieder diese grenzenlose Wut auf mich selbst und über mein Aussehen.
    "Erzähl mir warum du glaubst, dass er sich veränderte."
    "Ich weiß es nicht. Ich kann mir die Frage selbst nicht beantworten. Vielleicht war ich es? Vielleicht waren es aber auch die Umstände, dass er ein Sturkopf ist!" antworte ich und blickte auf den Boden in der Hoffung, dort eine Antwort zu finden.
    "Babs, die blauen Flecke in deinem Gesicht, sind die von Radek?"
    "Ja. Die sind von ihm. Sein letztes Andenken, ... glaube ich. Ich will nicht zurück, ich kann nicht zurück, doch wenn ich keinen Platz finde muss ich zurück. Ich kann doch nicht auf der Straße schlafen. Übermorgen fange ich mit einer neuen Arbeit an und Lydia hat mich gnadenlos rausgeschmissen."
    "Wie oft hat er dich geschlagen?"
    "Ich weiß nicht genau, wann ich aufhörte zu zählen." dabei machte ich eine abfällige Handbewegung, "Immer und immer wieder, danach tat es ihm leid. Er entschuldigte sich und versprach es nie wieder zu tun. Doch beim nächsten Streit - zack wieder eins in die Fresse."
    Langsam beruhigte ich mich, dabei spürte ich, wie sich ein Knoten in meinem Inneren löste. Hier brauchte ich keine Angst zu haben. Hier konnte ich nicht geschlagen werden. Hier konnte ich ohne Angst, Hass, Wut und Tränen reden, leben und Mensch sein.
    Reiner bat mich, über den letzten Vorfall zu sprechen.
    "Jetzt hätte ich doch ganz gerne einen Kaffee und darf ich rauchen?"
    "Klar darfst du rauchen." Reiner schob einen Aschenbecher über den Schreibtisch, holte eine Tasse und schenkte den Kaffee ein.
    "Milch, Zucker?"
    "Schwarz, danke."
    Die Tasse stelle er auf den Tisch und nahm wieder hinter seinen Schreibtisch Platz. Dann bot er mir eine Zigarette an, welche ich dankend annahm. Langsam und genüsslich tat ich den ersten Zug. Es strömte eine wohlige Wärme und ein sehr entspannendes Gefühl durch meinen Körper. Ich fühlte mich wohl. Einfach nur wohl. Ein leichter Schwindel stieg mir zu Kopf. Meine erste Zigarette seit vier Wochen.
    Ich beobachtete die Glut und sah das Bild der brennenden Zigarette auf meinem Unterarm. Kalter Schauer überkam mich jetzt und eine Träne löste sich schweigend aus meinem Auge, im Zeitlupentempo lief sie hinunter und meine Zunge fing das Salz auf.
    "Der Computer streikte wieder mal. Wir saßen gemeinsam vor meinem Rechner und überlegten was es wohl sein könnte. Ich wollte mir das ‚User-Handbuch' anschauen, vielleicht fand ich da einen Hinweis oder sogar eine Lösung. Ich hatte allerdings auch keine Ahnung von den Dingern. Das Buch lag rechts von Radek auf dem Schreibtisch und ich hätte über ihn hinweg greifen müssen, das wollte ich nicht, denn ich wusste, er wäre wütend geworden. Also fragte ich ihn, nein ich sagte ihm: Gib mir bitte das Handbuch. Daraufhin meinte er einfach nur: Nein! Nichts weiter, keine Erklärung, kein Blickkontakt, kein sonst irgendwas. Einfach nur ‚nein'. ...", in der kurzen Gedankenpause sammelte ich mich und schluckte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, " ... Ich hasse das Wort nein, wenn es keine Erklärung dafür gibt. Reiner, kann es sein, dass ich zu zimperlich bin? Kann es wirklich sein, dass ich nicht mehr ganz helle im Kopf bin, weil ich eine Erklärung will, wenn jemand nein sagt?"
    "Nein, das glaube ich nicht."
    "Nun gut. Das Spiel - ‚gib mir das Buch - nein - gib mir bitte das Buch - nein' und so weiter ging etwa fünf Minuten. Sichtlich wurde ich wütend, Radek nannte mir immer noch keinen Grund und er nahm das Buch selbst nicht zur Hand, um darin nachzulesen. Ich wurde sauer, unsagbar sauer. In meinem Körper bebte jeder einzelne Muskel. Ich musste mich schwer zusammenreißen, um nicht auszurasten. Also nahm ich mir eine Zigarette und steckte sie mir an. Langsam beruhigte ich mich wieder. Meine Wut verzog sich mit jedem Zug Nikotin. Meine Nerven hatte ich bald wieder unter Kontrolle. So startete ich einen letzen Versuch. Diesmal fragte ich mit wirklich leiser und friedlicher Stimme: Würdest du mir bitte das Handbuch geben? Ich hatte den Satz noch nicht ganz beendet, da spürte ich nur noch einen Schmerz an meinem Kopf. Langsam spürte ich, wie das Blut aus meiner Nase lief. Mein rechtes Auge begann zu schmerzen. Ich glaubte, es sei zerquetscht. Mein Kinn tat schrecklich weh. Ich begann hysterisch zu schreien und sprang vom Stuhl hoch. Dabei stieß ich alles um, was in meiner unmittelbaren Umgebung lag oder stand. Und wieder spürte ich Schmerzen, diesmal im Unterleib, im Rücken und meine Kehle schnürte sich zusammen. Seine Hände legten sich um meinen Hals und drückten einfach zu. Ich bekam kaum noch Luft und hatte Schwierigkeiten, meinen Körper zu bewegen. Langsam spürte ich, wie sich meine Lebenskraft von mir verabschiedete. Meine Beine begannen zu zittern und gaben meinem Körpergewicht langsam nach, ich wurde immer schwächer und sackte zusammen. Nein, so wollte ich mich nicht aufgeben. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sah das Telefon, das auf dem Tisch neben dem PC stand. Mit wirklich letzter Kraft packte ich es und begann von vorn einfach auf Radek einzuschlagen. Ich schaute nicht nach, auf was oder wohin ich schlug, ich schlug einfach drauflos. Irgendwann wurde mir bewusst, was ich tat und liess von ihm ab."
    Mit dem Ausdrücken der Zigarettenglut verabschiedete ich ein Stück meines Lebens, nahm einen Schluck Kaffee und lehnte mich zufrieden im Stuhl zurück. Mein Bewusstsein signalisierte mir Zufriedenheit und Sieg. Es war ein Sieg über meine blinde Wut und meine namenlose Angst. Ich hatte es erzählt, jetzt war ich frei, jetzt konnte ich darüber reden.
    "Du warst danach beim Arzt?"
    In Reiners Augen spiegelte sich das Entsetzen meiner Geschichte wider.
    "Ja. Im Krankenhaus schickte man mich in Begleitung der Polizei ins Frauenhaus. Lydia sagte, dass ich nicht bleiben darf, weil ich zurückgeschlagen habe und weil ich durch unsere gemeinsame Anwältin Kontakt zu ihm habe."
    "Das ist Blödsinn, ich werde mit Lydia sprechen. Du gehörst eindeutig nicht hier her."


    Die lange Einkaufsmeile lag vor mir. ‚Was tue ich jetzt?' Dieser Gedanke hämmerte mir schon seit dem Besuch im Obdachlosenheim immer wieder durch den Schädel. Der Anruf von Reiner brachte mich kein Stück weiter. Ich konnte nicht zurück und das Obdachlosenheim konnte mich auch nicht aufnehmen. Denn rechtlich gesehen mußte das Frauenhaus für mich sorgen, bis ich Arbeit und eine eigene Wohnung hätte.
    ‚Doch übermorgen fange ich einen neuen Job an und eine neue Wohnung hatte ich nicht in Aussicht. Was mach ich nur?' Immer wieder die gleichen Gedanken, immer wieder das selbe Bild vor Augen. Ich in der Gosse, nachts in der Kälte, nur ein paar Kilometer von meiner Mutter entfernt.
    Ziellos ging ich die Strasse entlang.
    ‚Hier auf der linken Seite ist meine Rechtsanwältin, ich glaube, es ist nicht verkehrt mal bei ihr zu klingeln, um nachzufragen, was der Prozess macht.'
    Vor der Kanzlei dachte ich dann, ‚Nein lieber nicht, ich muss erst telefonieren.' Hundert Meter weiter stand ein Telefonhäuschen. Zielstrebig machte ich mich auf den Weg.
    ‚Wen ruf ich zuerst an? Meine Mutter, die mich so oder so nicht aufnehmen kann, weil mein Stiefvater das nicht will und sie somit Ärger bekäme, nein das konnte ich ihr nicht antun und beunruhigen will ich sie auch nicht. Die Rechtsanwältin ruf ich erst mal an.'
    Ich warf drei Groschen in den Schlitz und wählte die Nummer. Freizeichen, Glück gehabt. Dann ging jemand an den Apparat. Ich lies mich verbinden und erfuhr, dass Radek bei ihr war um eine Verzichtserklärung zu unterschreiben. Somit mußte ich keinen Prozess führen. Eine erfreuliche Nachricht an diesem versauten Tag. Ich bedankte mich und vereinbarte einen Termin für die darauf folgende Woche.
    Der Bürgersteig wurde von Blumenkästen gesäumt, ich setzte mich auf deren Rand und wartete. Ich wartete einfach, dass etwas passierte. Ich wartete auf die Lösung für mein Problem. Ich wartete einfach auf irgendwas. Dann beobachtete ich, wie die Tür der Kanzlei geöffnet wurde und Radek heraus trat. Er hatte mich gesehen und kam direkt auf mich zu. Etwas beklommen war mir schon zu Mute, als er so vor mir stand. Meine Hände begannen zu schwitzen und ich wurde wieder nervös.
    "Hallo, was machst du hier?" begrüßte er mich.
    "Ich hatte telefoniert und wollte gerade wieder gehen.", dabei schaute ich Radek nicht an. ‚Nein nicht in die Augen schauen', sagte ich mir immer wieder.
    "Was macht das Frauenhaus?" wollte er wissen und zeigte auf meinen Koffer.
    "Bist du gegangen?" fügte er fragend hinzu.
    Erschrocken sah ich ihm nun doch in die Augen und begann zu weinen.
    "Nein, rausgeschmissen hat man mich."
    "Hast du schon einen Plan, weißt du wo du hinkannst?", fragte er mich und setzte sich auch auf den Rand des Blumenkübels.
    "Nein, ich weiß bald gar nichts mehr. Übermorgen fang ich meinen neuen Job an, habe keine Übernachtungsmöglichkeit, keinen Pfennig Geld in der Tasche und sehe aus wie eine Schlampe."
    "Minki vermisst dich. Die beisst mir den ganzen PVC-Belag im Büro kaputt.", meinte er und legte wie selbstverständlich seinen Arm um mich, zog mich an sich heran und streichelte mir über den Kopf.
    "Es tut mir unsagbar leid was passierte. Bitte Babs komm wieder nach Hause. Ich vermisse dich." flüsterte er, und ich hörte wie er mit den Tränen kämpfte.
    "Ich kann nicht ... ich weiß nicht und ich weiß nicht, was noch werden soll."
    "Schau doch, du hast keinen Platz. Ich räume für dich das Büro leer und du kannst dein Schlafzimmer da hinein stellen. Kannst sogar die Tür abschließen, Nachts. Brauchst keine Angst mehr haben. Aber bitte komm nach Hause."
    Ich überlegte. Das Angebot war schon verlockend. Sicherlich wußte ich auch, was mich zuhause erwarten würde, wenn erst mal wieder die Routine in mein Leben kommt, aufräumen, putzen, waschen, schuften und meine kleine Katze, die ich sehr vermisste und zurücklassen musste. Wie sollte ich das vor mir selbst verantworten können? Doch alle Zweifel schmiss ich über Bord, denn ich hatte keine andere Wahl. Es war das Beste, was sich mir bot, ich musste zugreifen um nicht irgendwann als ‚unbekannte Leiche' in einer Statistik aufgeführt zu werden.
    "Also gut, Radek. Ich komme mit, aber nur unter meinen Bedingungen. Es ist endgültig aus, du berührtst mich nicht mehr, du fragst mich nie wieder nach Geld, du räumst deine Sachen selbst auf und fragst nicht was ich mache oder wohin ich gehe. Und ich werde nur solange bleiben, bis ich eine eigene Wohnung habe und das Büro räumst du noch heute aus."
    Meine Worten klangen hart und ich befürchtete, er würde sein Angebot wieder zurücknehmen.


    An diesem Abend ging ich wieder einmal mit ihm mit. Diesmal aus der Not heraus. Ich wurde durch die sozialen Einrichtungen gezwungen in meine Hölle zurückzukehren. Ich wusste, was mich erwartet, doch ich hatte ein Bett und ein Dach über dem Kopf und übermorgen einen neuen Job.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Entscheidung

    Liebes Adlerfeder,

    ein Nachteil des Internets ist es, dass sich hinter einem Nick jedermann oder -frau verstecken kann. Ich will nicht spekulieren, es würde mich aber schon interessieren, ob diese Geschichte von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde.
    Nimm bitte meine Anmerkungen als die eines ebenfalls nach Worten Suchenden:
    Zuerst einmal ist mir aufgefallen, dass es tatsächlich eine Geschichte ist, die du erzählt hast, sie hat einen Anfang und ein Ende. Allerdings ist es eine, bei der ich das Gefühl nicht loswerde, dass sie von deiner eigenen Lebenssituation zu weit entfernt ist, als dass es dir gelingt, dich in sie einzufühlen. Zudem wurde das Thema "Gewalt in einer Beziehung" in den Jahren der großen Deutschen Betroffenheitsprosa schon bis zum Erbrechen variiert. Du hast dem Thema leider nichts Neues hinzuzufügen. Von Anfang an ist klar, worauf das Ganze hinausläuft. Es wird allerdings nicht ganz deutlich, was du als Moral siehst: Ist die Frau nun Opfer des Mannes, des Staates, der Erziehung oder ihres Charakters? Oder gehört dies alles untrennbar zusammen? Immerhin, diese Frau ist ein Stehaufweibchen. Aber ist das nicht ein ganz klein wenig blauäugig gedacht?
    Auch die Gewichtung stimmt nicht. Der Mittelteil, das Gespräch zwischen Reiner und Babs, ist viel zu breit ausgewalzt. Lass deine Heldin hier doch nicht resümieren, sondern handeln. Lass sie vom Schmerz nicht erzählen, das berührt den Leser nicht, lass sie den Schmerz erleben und damit fühlbar machen. Ich hatte Probleme, ein Mitempfinden zu dieser Frau zu entwickeln. Sie blieb mir durch ihr ständiges unrealistisches Reflektieren fremd.
    Von Cindy hätte ich übrigens gerne mehr erfahren; diese Randfigur schreit geradezu nach einer Bedeutung, die du ihr allerdings verweigerst.
    Apropos: Tu mir einen Gefallen, nenne deine Helden in deiner nächsten Geschichte nicht "Babs" oder "Cindy", du tust ihnen damit mehr Gewalt an als Radek.
    Die Sprache ist an der Grenze. Einige Kommas fehlen, ein paar Bezüge sind falsch gesetzt, ein, zwei Sätze sind unfreiwillig komisch. Insgesamt entsteht auch hier wieder einmal der Eindruck, ein wenig mehr Arbeit hätte dem Ganzen gut getan.

    Gruß, Klammer

    P.S.: Eine Anmerkung in eigener Sache: Inzwischen fühle ich mich in diesem Forum schon als eine Art "advocatus diaboli". Glaubt mir, ich würde gerne einmal wieder loben.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
    Adlerfeder
    Laufkundschaft

    AW: Die Entscheidung

    Danke für die Antwort, es ist schon erstaunlich wie wenig man eigentlich von einem Menschen kennt ...

    Cindy hat mir nie erzählt weshalb sie mit mir das Zimmer teilte, dass hätte sie auch nicht getan, wenn ich sie unter Druck gesetzt hätte. Babs, ja ich hasse meinen Namen auch, aber er gehört zu mir. Opfer, ich weiß heute noch immer nicht ob ich Opfer bin und wenn ja, dann von wem.

    Das Leben ist manchmal etwas eigenartig, wenn es vor der eigenen Haustür statt findet.

    Und wenn keiner irgendeinen interessanten, konstruktiven Kommentar parat hat, der sollte doch lieber seine Klappe halten.
    Auch wenn du Betreiber oder Moderator oder gar zahlendes Mitglied bist, geholfen hast du mir nicht mit deinem unkontrollierten Beitrag. Im gegenzug dazu Klammer, dieser User setzte sich mit dieser Geschichte auseinander und sagte mir am Ende konstruktiv das noch etwas zu feilen ist.

    Naja, es ist halt nicht jeder mit Kommunikation und Nettiquette gesegnet.

    Gruß
    Adlerfeder

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Entscheidung

    Die Jungen
    werfen
    zum Spaß
    mit Steinen
    nach Fröschen

    Die Frösche
    sterben
    im Ernst
    (E.F.)


    Liebe Adlerfeder,

    ich denke, dass ich auch im Namen von Uisgeovid sprechen kann, wenn ich dir sage, dass wir grundsätzlich davon ausgehen, dass wir hier Dichtung zu lesen bekommen.
    Falls du dich nicht weiter mystifiziert hast, bekamen wir genau das von dir nicht: Dichtung.
    Wir erhielten ohne Kommentar ein Stück Autobiografie. Rezensiert haben wir aber eine Geschichte, als Geschichte haben wir es gelesen. Im Gegensatz zu einer Autobiografie gibt es für eine Geschichte nur zwei Maßstäbe:
    Entweder sie ist gut oder sie ist es nicht.
    Als Geschichte ist dein Text, und so will ich meine Einwürfe verstanden wissen, nicht gelungen.
    Ist dein Text allerdings eine Selbstoffenbarung, bist du hier im Forum am falschen Platz. Es ist sicher sinnvoll, aus Selbstheilungsgründen einen Text über sein Innenleben zu schreiben. Es ist m. E. aber nicht sinnvoll, ihn als Literatur zu veröffentlichen. Das kann nur Schmerzen bedeuten.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  5. #5
    Adlerfeder
    Laufkundschaft

    AW: Die Entscheidung

    Was ihr hier erwartet ist Goethe, Grass und Schiller.
    Der Unterschied zwischen einer Autobiographie und einer Geschichte besteht nur darin, dass es der Autor dies entsprechend benennt. Tucholsky hatte Geschichten als Biographie verkauft und es hat kaum einer gemerkt. Wie überheblich ihr doch seit.
    Das hier ist kein freundliches Forum für Literaturfreunde, das hier ist ein Haufen gequirlte Kacke mit einem Schlag Sahne obenauf.
    Selbstverherrlichung und Missachtung eines Jeden der nicht ein zahlendes Mitglied ist.
    Klammer, deine Argumentation ist Haltlos. Was wäre, wenn ich dir ein Märchen aufgetischt hätte?

    Eine Geschichte wollt ihr haben?
    [..]
    Klammer, deine Beurteilung ist objektiv, du hast dich leiten lassen, und zwar genau dahin wo ich dich haben wollte.
    Seit ihr wirklich der Meinung, ihr seit der Nabel der Welt?
    Auch ohne Euch dreht sich die Erde im Kreis, es ist nur eine Betrachtungssache, in welche Richtung sie sich dreht.
    Eure Kommentare zu seetyca, den ich hier herzlich grüße, sind von solcher Inkompitenz, dass es zum Himmel schreit. Da habe ich mir den Witz erlaubt und habe euch dahin manipuliert, wo ihr so nette Antworten gegeben habt. Günther Grass hätte seine Freude daran gehabt.

    Es sagte mal jemand zu mir: Die Sonne geht auf und geht auch wieder unter, du allein kannst nichts dagegen tun.
    Ich kann in der Tat nichts daran ändern das es hier so engstirnig ist und nach DIN zugeht.

    Zum Glück gibt es noch andere Foren, wo die Mitglieder durchaus bereit sind einem Anfänger zu helfen.

    Ich verabschiede mich hiermit

    Mit freundlichen Grüße
    Anuschka Kirijakow (Realname)

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Entscheidung

    Grotesk...
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  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Entscheidung

    Allerdings. Schnell zum Kiosk, Taschentücher kaufen. Mein Gott, diese Heulerei.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Entscheidung

    wieder ein misslungener versuch der kritik an diesem forum. ich warte, irgendwann wird es jemandem gelingen.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Entscheidung

    Beiseit genommen, das Fell ist wichtig. Das Fell glänzt, das Drunter selten. Wie sollte es?
    Adlerfeder, meine Liebe, nicht um Mitglieder geht es. Wie sollte es, da ich doch schon 240 verbannte? Um zahlende Mitglieder geht es auch nicht. Wie sollte es, da ich bei mehr als vierzig Mitgliedern mit der Arbeit schon kaum hinterher käme, stoß ich doch schon jetzt an meine Grenzen. Also, worum geht es? Um den Ernst, um ein dickes Fell, um Kritikfähigkeit und um Spaß, selbstredend. Letztlich ist das alles Arbeit.
    Sprich mir nicht von Manipulation, nicht von Kommunikation, da sind die paradoxen Pragmatiken ein Selbstläufer. Kennst Du den Spruch: "Er trug heute nur eine von den zwei Krawatten, die ich ihm schenkte. Die andere scheint er nicht zu mögen." Wenn Du mir hier einen kommunikativen Ausweg zeigst, will ich mich freundlich aus dem Fenster lehnen und mich verneigen, also auch Dir mehr zugestehen, als ich dies für gewöhnlich mit Durchreisenden absolviere.

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Entscheidung

    Robertus,

    der Paradigmus liegt wie immer im Auge des Urteilenden, und so sehr ich mich mühe, ich sehe keinen: Es sieht nur ungewohnt, aber sympathisch aus, wenn du zwei altmodische Krawatten gleichzeitig am Hals trägst - vor ein paar Zyklen nannte man solch sympathische Freaks noch Trendsetter!

    Beinahe versucht, sich mit den Worten "Hare Krishna" zu verabschieden, h.

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