• Wirtschaftliche und finanzpolitische Ursachen


Es gab unbeschreibliches Elend. Die meisten Franzosen lebten in Behausungen ohne Fenster. Sittlich und sozial verwahrlost besaßen sie meist nicht mehr als das Kleid auf ihrem Körper, gingen sommers wie winters barfuß, aßen Mehlsuppe, manchmal Schweinefett und tranken selten genug Wein. Sie lebten gezwungenermaßen vegetarisch, wurden krank, mit dreißig Jahren zahnlos und starben mit vierzig. Das war kein Krisenzeichen, sondern Lebensalltag in Frankreich zur Zeit des Absolutismus, seitdem der französische König es vermocht hatte, den Landadel an seinen Sonnenhof zu ziehen und ihm somit die Verpflichtung abnahm, für seine Bauern zu sorgen.
Allerdings waren die sozialen Zustände am Anfang der Französischen Revolution, 1789, nicht mit den elendigen Zuständen zu vergleichen, in denen sich neun Zehntel der Franzosen vor und während des Siebenjährigen Krieges befanden. Und trotzdem gab es unter Ludwig XIV. oder Ludwig XV. keine Revolution, unter dem dicken Louis XVI. dagegen schon. Was war dafür die Hauptursache? Zweierlei.


  1. Im 18. Jahrhundert fand eine Umverteilung des Landbesitzes statt. Um 1785 besaßen 30% der Landbevölkerung Land, aber 85% lebten auf dem Land. Viele Adlige hatten ihren Landbesitz an reiche Bürgerliche und Bauern verkauft, beharrten aber auf adligen Privilegien. Das städtische Bürgertum nutzte Besitz nicht unmittelbar, sondern beutete diesen durch Verpachtung kapitalistisch aus und ließ sich Dividenden auszahlen. Eine Entfremdung der Bauern bezüglich ihrer Arbeit setzte ein, die den Bauern besonders in Notzeiten spürbar wurde, als Abgaben an fremde Besitzer geleistet werden mußten. Das Bewußtsein dieser Ausbeutungsform schürte in Notzeiten den Haß gegen die fernen Ausbeuter, nicht gegen den König!
  2. Enttäuschte Hoffnung ist schlechter zu ertragen als ein dumpfes Vegetieren am Existenzminimum. Hoffnung entsteht durch Wissen und Glauben. Die Aufklärung hatte in Frankreich eine Schicht aufstrebender Kreise geschaffen, die sich danach sehnten, im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben fortan dauerhaft Aufstiegschancen zu bekommen. Einigen Jahren der Verbesserung um 1770 folgte nach etlichen Mißernten um 1785 eine nicht enden wollende Verschlechterung der Lebensverhältnisse.


Genauer. Die adligen Privilegien beinhalteten allerlei Hand- und Spanndienste. Der Herr bestimmte, wann die Bauern ihre Ernte einbringen durften, selbst wenn er ihnen das Land verkauft hatte, er bestimmte, wann die Wege gebaut wurden, wann Brücken oder Kirchenarbeiten zu erledigen waren, wann beim Herrn auf dem Schloß und in seinem Garten gearbeitet werden müsse. Die Abgaben waren nicht sehr hoch, aber der Herr hatte das Sagen, wann sie zu leisten waren. Der Herr bestimmte über den Verkauf von Land an Fremde, er besaß das Zwangs- und Bannrecht, Jagdrecht sowieso, und wenn ein Bauer starb, so durfte sich der Herr das beste Stück aus dem Nachlaß des Verstorbenen wählen. Außerdem besaß der Herr das Recht der ersten Nacht... Davon abgesehen delegierte der Herr das Amt des Patrimonialrichters, nahm also auch hier Einfluß.

Ihre Ursache [der Französischen Revolution] liegt im akuten Versagen der staatlichen - und zugleich der kirchlichen - Hoheitsgewalt, im Verfall der Autoritäten. Doch wichtiger ist, daß die Vernunft, die entschieden genug die Partei des Staates, der bürgerlichen Ordnung, der großen Monarchien genommen hatte und sie in Lafayette, Mirabeau und vielen anderen bis zuletzt nahm, nun zur Partei der Revolution, bald sogar zu derjenigen der Anarchie und des Schreckens überlief. Rousseau hat die ganze französische Revolution vorausgedacht, auch und insbesondere ihre zweite Phase von 1793 an, die Negation aller liberalen Garantien durch die Diktatur, den Absolutismus der Masse und ihrer Dompteure. (Freyer II, S. 888.)

Es war nun nicht so, daß der französische Adel frei und die Masse des Volkes unfrei gewesen seien. Der Adel besaß umfängliche Pflichten, mußte am Hofe erscheinen und die Aufträge übernehmen, die der König ihm befahl, konnte und durfte in seiner Entwicklung nicht das machen, was er wollte, u.a. durfte er keine bürgerlichen Berufe ausüben. Das besitzende Bürgertum nahm ihm Positionen im Staat ab, stieg dafür in einen Verdienstadel auf, der alteingesessene Familien peu-a-peu bedeutungsloser machte. Das Bürgertum drängte zudem aufs Land, indem es Land kaufte, verpachtete und von Zinsen gut lebte, während dem Adel des ancien regime dergleichen Geschäfte verboten waren.
Es bestand hier ein Reformzwang, der nicht unbedingt vom Bürgertum aus am stärksten wirkte. Die Bauern wollten Selbständigkeit, allerdings auch nicht auf den Schutz durch ihre adligen Herren verzichten, währenddessen es den reichen Städtern und Ausländern ablehnend gegenüberstand. Räuberbanden bedrohten das offene Land, reiche Ausländer und Städter drängten auf Eintreibung ihrer Schulden und bedrohten den Landbesitz der Alteingesessenen. Das Bürgertum in den Städten fühlte sich durch Zunft- und Korporationsvorschriften beschränkt, drängte seinerseits aber auch in adlige Aufgaben, die es sich durch gekaufte Adelstitel beim König zu verschaffen wußte. Und dadurch wurde aus einem das Alte bekämpfenden Jungspund schnell ein konservativer Bewahrungsapostel, denn hatte so ein Bürgerlicher erst einmal seinen Titel, wollte er alles belassen, wie es seit je gewesen.

Gewaltenteilung ist nicht an bestimmte Regierungsformen gebunden. Sie ist notwendig, um die Gewalt der absoluten Monarchie einzuschränken und im Sinne einer konstitutionellen Monarchie zu entwickeln. Die einzelnen Regierungsformen sind von Faktoren wie Klima, geographische Lage, Bevölkerung und Religion abhängig. (Montesquieu)

Die Staatsfinanzen waren zerrüttet. Das war nichts Neues, es war und ist immer schon so gewesen, jedenfalls ist kein Abschnitt der Menschheitsgeschichte bekannt, in dem es anders gewesen wäre. Adel und Kirche nahmen Steuerbefreiung in Anspruch. Es gab die Taille, eine direkte Steuer, die p.a. 91 Millionen Francs (1,8 Mrd. €) einbrachte. Die Idee einer einkommengebundenen Steuer wurde nicht konsequent durchgeführt und blieb auf Kriegszeiten beschränkt. Die Vielzahl indirekter Steuern war unübersichtlich. Wer einen Nachteil der deutschen Kleinstaaterei gegenüber Großreichen wie Frankreich feststellen zu müssen glaubt, dann sei am Beispiel der Salzsteuer, gabelle, erwiesen, daß dergleichen Annahme unsinnig sein muß. Es gab französische Provinzen, da kostete das Pfund Salz einen Sou (ca. 10 €), andernorts dreizehn. Das hatte rein steuerliche Gründe. Binnentransit von Salz war in Frankreich verboten. Das Salz wurde von öffentlicher Hand her gemulmt, Beamte wachten darüber, daß vor Ort dieses gepanschte Salz gekauft und verspeist wurde. Der Grund? Der König verpachtete Provinzen an Steuerpächter, die sehr daran interessiert waren, ihre dem König vorgeschossenen Beträge schnellstmöglich wieder einzutreiben. Das Uneinheitliche der Besteuerung in Frankreich wurde so Prinzip.
Mit einem Wort: In Frankreich herrschte Chaos.


  • Politische Ursachen


Politische Analyse zielt immer auf die Untersuchung der Machtverhältnisse. In Frankreich hatten sie sich verschoben. So drangen immer mehr Bürgerliche in das Beamtentum, sogar im Heer gab es bürgerliche Offiziere. Das machte den Adel mehr und mehr überflüssig. Dennoch bestand er auf seinen Vorrechten. Andererseits hatte der Adel auch keine wirtschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten, er war schollengebunden und besaß wegen der Erscheinungspflicht bei Hofe auch keine Möglichkeit, eine eigene Macht aufzubauen. Manche Vorrechte muten uns heute allerdings bizarr an: So durfte ein Wirt nicht gegen einen Adligen klagen, der die Rechnung schuldig geblieben war, aber er durfte mahnen. Es war eine Ehrenschuld des Adligen, doch keine Bringeschuld.
Und doch gab es eine Säule der absolutistischen Macht, die der Adel für sich weitgehend reserviert hatte, die Judikative. Dem König schrieb er in den fünfzehn Gebietsgerichtshöfen, den Parlamenten, vor, dessen Erlasse dahingehend zu prüfen und zu bestätigen, ob sie den Rechten des Gebietes, in dem sie Recht sprachen, gemäß waren. Der König seinerseits besaß ein Recht, lit de iustice, bei Parlamentsdebatten anwesend zu sein. In diesem Fall stand dem König das Recht zu, das Wort zu erteilen. Den Parlamentariern war es zugleich verboten, ohne Erlaubnis des Königs in seiner Gegenwart zu sprechen. Der französische König bediente sich eines Tricks und befahl die Registrierung/Annahme seines Erlasses und fragte zugleich nach Einwänden, und da niemand widersprechen durfte, mußte das Edikt angenommen werden. Mit diesem Trick konnte der König die Erlasse seiner Regierung gegenüber den Gebietsgerichtshöfen, den Parlamenten, durchsetzen. – Das nennt man die Vergewaltigung des Rechts.
Dennoch besaßen die Lokalparlamente Autorität in ihren Gebieten, waren selbständig, denn der König erschien, wenn überhaupt, nur gelegentlich im Parlament der Isle de France, was in unmittelbarer Nähe seines Versailler Schlosses lag.
Einen Widerspruch zur allgemeinen Rechtspraxis bildete das Recht des Königs, selbständig Strafen auszusprechen und auch durchführen zu lassen. Der König bedurfte keines Gerichtsbeschlusses, sondern verhängte eine Strafe selber, lettre de cachet. Der Delinquent wurde in das Pariser Stadtgefängnis, die Bastille, gebracht. Dieses Procedere ermöglichte phantasievollen Vorstellungen über despotische Anwandlungen des Königs.

Rousseaus Staatslehre


- wendet sich gegen die Schlußfolgerung – arm und tugendhaft oder reich und verrucht – und nennt die Tugend propädeutend bei allem Tun
- der Staat beruht auf dem stillschweigenden Vertrage souveräner Individuen, dessen Ergebnis die Konstituierung eines Volkes ist
- der Gesamtwille, volonte generale, ist von der Summe des Willens der Einzelnen, volonte de tous, zu unterscheiden, ist aber in den Gesetzen wiederzufinden
- die Gesetze sollen das gemeinschaftliche Leben verwirklichen helfen
- das Volk trägt die Souveränität, die sich in örtlicher direkter Demokratie ausspricht
- Rousseau lehnt das Verfahren der Gruppen- und Parteienbildung als Form der Interessenauseinandersetzung ab, da es für ihn zur Verfälschung des Gemeinwillens und zu seiner Unterordnung unter partielle Interessen führt

Neben den genannten Vorrechten des Adels und dessen Macht in den Parlamenten beschnitt die Administration der katholischen Kirche den Absolutismus. Nach Ludwigs XIV. Herrschaft löste sie sich von der französischen Bildung. Wer über religiöse Fragen nachdachte, was viele Franzosen gern taten, trat schnell in einen Konflikt zum Staat. Bayle, Voltaire oder die Enzyklopädisten seien hier genannt. Es mußte über früh oder spät zu einer prinzipiellen Klärung des Konflikts kommen. Die Franzosen waren dabei ein in sich zerstrittenes Volk. Das sind beinahe alle anderen Völker auch, doch wenn wir den Charakter der Zerstrittenheit jeweils bei Deutschen und Franzosen nehmen wollen, so fällt auf, daß die Deutschen die Aufklärung beinahe im gesamten Reich begrüßten und sich Fürsten und Adlige, selbst Kirchengemeinschaften um sie genauso verdient machten wie Bürgerliche oder Atheisten, daß aber in Frankreich der Kampf sehr viel vertikaler ausgefochten wurde. Die Kirche nahm sich heraus, im Adel gab es Förderer, aber auch Verordnungen des Pariser Parlaments, das die Verbrennung der Schriften Voltaires anordnete.
Voltaire hatte zeit Lebens die katholische Kirche bekämpft, doch in seiner Todesstunde suchte er mit genau dieser Kirche eine Aussöhnung und nahm nach vorheriger Beichte nicht nur formal die letzte Ölung. Wie ernst dürfen die Auffassungen dieses Geistesriesen genommen werden?
Vergessen wir nicht, daß die Aufklärung in Frankreich das Volk kaum berührte. Die Prätendenten (Voltaire und Diderot: wohlhabendes Bürgertum; Montesquieu, Racine, d’Alembert, Laclos: Adel) entstammten im Unterschied zu den meisten Aufklärern des Reiches wie Lessing, Hamann, Kant oder Moses Mendelsohn den Reichen und Privilegierten und schrieben auch für diese, nicht fürs Volk, das außerhalb ihres Blickwinkels blieb. Es gab wenige Lesekundige in Frankreich, die meisten waren zu arm, um über Literatur, Politik oder gar Philosophie überhaupt nachzudenken, die Herrscherschicht war mit der Gestaltung des eigenen Äußeren, mit Intrigen und Liebeleien befaßt oder mit Krieg und Geldverdienen. Frankreich war nicht politisiert, aber Neuem gegenüber sensibilisiert, denn die Darbietung von Neuem in eigenen Salons führte zu Gesprächsstoff in denselben, zu Wiederbesuch und schließlich zur Steigerung des Renommes.
Ein Kostgänger der Reichen war der aus der Schweiz geflohene Sozialkritiker Johann-Jakob Rousseau. Mit ihm setzte eine Verdammung der reinen Verstandestätigkeit ein, wurde das Gefühl des in seinem Kern guten Menschen (homo hominem agnum) gegen das durch Gesetze in seiner Boshaftigkeit beschränkte Wesen (homo hominem lupum) betont. War also Spott das bevorzugte Ausdrucksmittel der verstandesorientierten Aufklärer um Voltaire, so war Ernst das der sensibel-gefühlsbetonten Rousseauaner. [1] Voltaire wirkte in die Breite, sprach alle Schichten der Bevölkerung an, wenngleich die wenigsten ihn lasen. Aber seine Botschaft wurde verstanden: Lerne es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Rousseau besaß nicht Voltaires Bildung, aber das Prophetische, das die Jugend mitriß und tiefgreifend diese zur Erneuerung der Gesellschaft animierte.
Neben diesen beiden Polen französischer Geistesentwicklung hatte Montesquieu ein Konzept vorgelegt, das die Gewaltenteilung der drei wichtigsten Säulen des Staates (Judikative, Legislative, Exekutive) forderte. Montesquieu wollte die Beschränkung der absoluten Königsmacht durch privilegierte Körperschaften. Seine Vorstellung der Ständeteilung sollte Aufgaben im Staat neu zuweisen und voneinander in ihrer Kompetenz abgrenzen. Platon stand hier Pate. So waren die Richter Adlige mit größtmöglicher Freiheit, dafür durften diese Belehrer des Volkes nicht nebenher Handel treiben oder überhaupt Erwerb nachgehen. Die Kaufleute dagegen sollten das Volk ernähren, durften Reichtümer häufen, aber besaßen in politischen Fragen keine Kompetenz. Die politischen Gewalten waren geteilt, sollten sich aber verbrüdern und so für die Freiheit des Gemeinwesens bürgen.
Es hat nicht an Versuchen gemangelt, den französischen Absolutismus zu reformieren. Der Herzog von Orleans versuchte nach Ludwig XIV. Tod eine Kopie englischer Verhältnisse. Um 1745 schlug der Minister d’Argenson vor, die Monarchie durch demokratische Elemente auf eine breitere Basis zu stellen. Und schließlich schlugen die Jesuiten Reformversuche vor, was damit endete, daß sie 1764 aus Frankreich vertrieben wurden. Alle Versuche scheiterten an:


  • dem Absolutheitsanspruch des französischen Königtums;


  • dem mittelalterlich-ständischen Denken des französischen Adels, der nicht nur privilegiert sein, sondern mitregieren wollte, und


  • dem beißenden Spott und der Unversöhnlichkeit des liberalen Bürgertums, das nach alleiniger Macht strebte.


Der französische König besaß nominell die absolute Macht, aber er konnte sie nicht überall zugleich ausüben, denn des Königs Macht setzte seine Anwesenheit voraus. Faktisch war sie beschränkt durch viele Privilegien des Adels. Die Minister Ludwig XV., Choiseul und Maupeau, hatten die absolutistische Macht des Königs durch die Vertreibung der Jesuiten schon erweitert, jetzt schafften sie die vererbbaren Sitze in den Lokalparlamenten ab, indem sie deren Räte vom König bestimmen ließen. Die Macht des französischen Königtums war somit noch gewachsen, zugleich aber stand dem Staat mit Ludwig XVI. ein Mann vor, der sich lieber in seiner Schlosserei beschäftigte und die politischen Geschäfte seinen Ministern überließ.

Francois Quesnay


um 1720
französischer Physiokrat, Ökonomist, und Leibarzt der Pompadour
- bestimmte die Natur als Herrscherin des Menschen
- die Erscheinungen bestimmen sich notwendig nach empirisch verifizierbaren Gesetzen
- erkannte keine Religion an, v.a. keine geoffenbarte
- bestimmte Menschenliebe, Volksglückseligkeit und Wohlwollen als Ideale: alles ist auf Gerechtigkeit gemünzt, Genuß und Liberalismus, was von manchem Kritiker, z.B. Linguet, als Heuchelei erkannt wurde, weil letztlich der Egoismus über alles bestimme

1774 berief Ludwig XVI. Turgot zum führenden Minister. Turgot versuchte eine Reform des französischen Staates. Er nahm Quesnays Lehre (Physiokratismus) zum Ausgangspunkt seiner Politik. Das Steuerwesen wurde reformiert, fortan gab es nur noch die Grundsteuer. Turgot schränkte die Ausgaben des Staates ein, indem er die Pensionen beschnitt. Das Geld sollte zirkulieren und so den allgemeinen Wohlstand steigern. Widerstand erhob sich bei der Hof-Kamarilla, die ihre Einnahmen geschmälert fand. Indem sich der Staat aus der Verantwortung bei der Lenkung des Geldflusses stahl, wuchs die Eigenverantwortung der Franzosen. Doch die waren dazu nicht in der Lage. Mißernten verstärkten den Widerstand gegen Turgot. Ludwig XVI. nahm die Maupeausche Parlamentsreform wieder zurück, so daß sich die Parlamente profilieren konnten und allmählich zu einem Sprachrohr öffentlichen Unmuts entwickelten.
Es ist das alte Lied: Wenn man die Tür einen Spalt öffnet, bekommen die Feinde einen Fuß hinein und können das gesamte Haus zerstören. Ludwig XVI. war zu schwach, um seine Macht zu verabsolutieren. Er lavierte, doch ohne Glück. Turgot wurde geopfert. Alle Reform-Erlasse Turgots wurden zurückgenommen. Turgot folgte Necker, ein Bankier mit nordostdeutschen Wurzeln. Ein Ausländer! Er sollte die Finanzen Frankreichs ordnen. Necker machte seine Arbeit öffentlich und gab die Einnahmen und Ausgaben des französischen Staats an, erkannte die Rechte der Gebietsparlamente an und forcierte die Selbstverwaltung der Provinzen. Er arbeitete an der Beseitigung feudaler Abhängigkeiten in den Domänen und stärkte das Privateigentum.


Doch diese Arbeit änderte nichts an der Unvereinbarkeit der Machtansprüche in Frankreich. Die Parlamente forderten Kontrolle über die Ein- und Ausgaben. Es gab fortdauernden Unmut. Immer wieder strömten wütende Volksmassen zu den Parlamenten und machten ihrem Unmut über etliche Steuervorschläge Luft. Dieses dumme Volk verhinderte jeden Reformversuch, jeden Ansatz zur Verbesserung der finanziellen Lage. Und der König war unfähig, hier eine Strukturänderung zu bewirken. Vereinheitlichende Zollbestimmungen scheiterten immer wieder am Widerstand der Lokalparlamente. Es war keine Besserung in Sicht. Widerspruch kam aus allen Kreisen, aus dem Adel, aus der Kirche, aus dem Bürgertum und auch von den Ärmsten, die sich als Mob sammelten und die Tore der Gebietsparlamente blockierten, bis ihren Wünschen nachgegeben wurde. Almosen.
Es ist typisch für einen fähigen Politiker, daß er die Zeichen der Zeit erkennt und entsprechend handelt. Ludwig XVI. erkannte vielleicht, daß etwas getan werden mußte, aber er war nicht in der Lage, das seinerzeit bedeutendste Land Europas zu führen. Es ist dem Volk nicht vorzuwerfen, daß es politische Zusammenhänge nicht erkennt, auch dem Adel ist es nicht vorzuwerfen, daß er seine Macht ausbauen möchte. Und weil eben in Frankreich keine friedliche und vernünftige Gewaltenteilung möglich war, mußte es zur großen Umwälzung kommen. Die eine Seite konnte nicht mehr, die andere wollte so nicht mehr leben.


  • Die Einberufung der Generalstände


Politische Parteien vertreten die Interessen ihrer Mitglieder, die auf Parteitagen über die Inhalte der Parteiprogramme entscheiden. Menschen wechseln mitunter im Laufe ihres Lebens ihre politischen Überzeugungen und damit auch ihre parteipolitische Zugehörigkeit. Stände vertreten sich selbst. Sie vertreten die Interessen der sozialen Gruppe, die zu ihrem Stand gehört, was meist ein lebenlang gilt. Stände sind selten durchlässig und gehorchen festgelegten Codizes, der sich in übertriebener Form als Standesdünkel erkennen läßt. Andererseits ist die Zugehörigkeit zu einem Stand auch eine Form der sozialen Absicherung, die durch Mißachtung der Standesordnung gefährdet werden würde. In Frankreich war die Organisationsform der Stände landschaftsgebunden, also geographisch bedingt. Es gab keine Abstimmungen, nur Einstimmigkeit oder Vereinbarungen bezüglich der Forderungen des Königs, dem allein das Recht zustand, die Generalstände einzuberufen.
Im Mai 1789 versammelten sich in Versailles Vertreter der Stände aus allen Teilen Frankreichs. Die Zusammensetzung war so festgelegt, daß 300 Edelleute und 300 Geistliche versammelt waren, hinzu kamen die Vertreter des dritten Standes, 600 an der Zahl. Necker modernisierte das Wahlrecht für die Vertreter dieses Standes, indem er jeden Franzosen, der Steuern zahlte, zur Wahl berechtigte. Mirabeau hatte Necker 1788 bereits gewarnt, den einzuberufenen Ständen eine Richtung vorzugeben, damit Exzesse vermieden würden. Der Adel sollte sich nicht komplottieren, die Bürgerlichen demokratische Aspekte nicht exzessieren. Weil Necker diese Warnungen überhörte, soll er nach Auffassung vieler Forscher die Revolution ermöglicht haben.
Und so setzte sich die Generalversammlung am 5. Mai 1789 aus Adligen zusammen, die eben da waren, weil sie seit Jahrhunderten in ihren Bezirken patriarchalische Macht besaßen, saßen Geistliche, die von ihren Kirchenoberen dazu bestimmt worden waren, zum Teil aber auch den Sprengeln entstammten, in denen Wahlen stattfanden. 1200 gewählte Vertreter der besitzenden Franzosen aus allen Ständen waren versammelt, um die Probleme des Landes zu lösen.
Es wurden anfangs die Modalitäten der Abstimmungen festgelegt: So stimmten alle Stände über finanzielle Fragen ab, ständische Fragen wurden jeweils geregelt. Dem König blieb das Recht vorbehalten, die einzelnen Sachfragen dem Abstimmungsmodus zuzuweisen.
An dieser Stelle setzte die Kritik an. Sie kam sowohl von der adligen Seite als auch von den Bürgerlichen. Der Adel befürchtete den Verlust seiner Privilegien und forderte Einstimmigkeit bei wichtigen Fragen, nicht das Prinzip der Majorität. Die Bürgerlichen fürchteten, daß sie zu Zahlknechten bestimmt werden würden, aber keinen Machtzuwachs für ihre Leistungen bekämen. Sie wollten also eine Abstimmung nach Köpfen, wo ihnen aufgrund etlicher Überläufer aus der Geistlichkeit Mehrheiten sicher gewesen wären. Schnell wurde klar, daß die wichtigen Fragen nach den althergebrachten Abstimmungsmodalitäten unentscheidbar blieben. Da es zu keinen Lösungen kam, radikalisierten sich die Positionen.[2] Dem König bot sich jetzt die Möglichkeit zum Arrangement mit den oberen zwei Ständen, Adel und Geistlichkeit, was seine Macht eingeschränkt hätte, oder mit dem dritten Stand gegen Adel und Geistlichkeit zu verbünden, was ihm Geld eingebracht, aber den dritten Stand in die Regierung hätte bringen müssen. Beide Möglichkeiten waren für den König unannehmbar. Und so taten er und seine Berater das, was sie am besten konnten: nichts.

„Die dermaligte deutsche Reichsverfassung ist, ungeachtet ihrer unleugbaren Mängel und Gebrechen, für die innere Ruhe und den Wohlstand der Nation im Ganzen unendlich zuträglicher und ihrem Charakter und der Stufe von Kultur, worauf sie steht, angemessener als die französische Demokratie... Das Reich besteht aus einer großen Anzahl unmittelbarer Stände, deren jeder, in seinem Inneren von jedem anderen unabhängig, die Reichsgesetze, oder Kaiser und Reich, nur insofern diesen die Handhabung und Vollziehung derselben obliegt, über sich hat; und daß von seinem selbst erwählten Oberhaupt an, bis zum Schultheiß, Meister, Rat und Gemeinde der Reichsstadt Zell am Hammersbach, kein Regent in Deutschland ist, dessen größere oder kleinerer Machtgewalt nicht durch Gesetze, Herkommen und auf viele andere Weise, von allen Seiten, eingeschränkt wäre; und gegen welchen, wofern er sich irgend eine widergesetzliche Handlung gegen das Eigentum, die Ehre oder die persönliche Freiheit des geringsten seiner Untertanen erlaubt, die Reichsverfassung dem Beleidigten nicht Schutz und Remedur seiner Beschwerden verschaffte.“ (Christoph Martin Wieland: Patriotischer Beitrag zu Deutschlands höchstem Flor. 1793.)

Der entscheidende Vorstoß wurde vom dritten Stand vorgenommen, der in sich das Bewußtsein trug, ca. 95% der Franzosen zu vertreten, wie Abbe Sieyes in seiner Streitschrift: „Was ist der dritte Stand?“ dargelegt hatte. Das entsprach Wunschdenken, da nur ca. 8% der erwachsenen männlichen Franzosen Steuern zahlten, also die in Versailles versammelten Vertreter diese zu vertreten hatten. Aber was zählen schon Wahrheiten, wenn es um Macht geht? Der dritte Stand hatte am meisten zu gewinnen, so etwas setzt Kräfte frei. Abbe Sieyes beantragte in der Sitzung vom 17. Juni 1789, daß sich der dritte Stand als Nationalversammlung konstituiere und forderte die anderen beiden Stände auf, dieser beizutreten. Dieser Vorschlag setzte sich durch, womit sich der Begriff „Nation“ in einem neuen Bedeutungskontext als selbstverantwortliche politische Kategorie, als Subjekt einer eigenen Geschichte festsetzte: ein Akt der Freiheit. Typisch für westlich-plutokratische Verhaltensmuster folgte die Verschränkung der politischen Macht mit fiskalischen Rechten: Der dritte Stand alias „die Nation“ beschloß sogleich, daß Steuern nunmehr nur noch von dieser Versammlung zu beschließen seien.
Der Ball lag jetzt in der Königshälfte. Er wurde zurückgespielt, indem Reformen zugesagt wurden, zugleich sollte die Trennung der Stände beibehalten werden. Gleichzeitig schikanierte Necker die neue Nationalversammlung, indem er ihren Sitzungssaal zeitgleich mit einer Versammlung durch Königsbeamte belegte. Die ankommenden Abgeordneten fanden ihren Saal besetzt und zogen weiter zu einer Ballspielanlage. Dort versammelten sie sich am 20. Juni 1789 und schworen einander, erst wieder auseinander zu gehen, wenn Frankreich eine neue Verfassung habe, der Ballhausschwur. Ihre Versammlung nannten sie Nationalversammlung, denn das Wort „nation“[3] war seinerzeit ein Modewort, das die fortschrittliche Gesinnung des dritten Standes ausdrücken sollte. Objektiv betrachtet, strebte der die Produktionsmittel besitzende Stand nunmehr zur politischen Macht und bediente sich dazu der Fanale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, weil diese Schlagwörter, den Geboten des Aufklärungs- und Empfindsamkeitzeitalters entsprechend, viele Franzosen ansprachen.

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Am 23. Juni sicherte die Regierung des Königs, der Necker vorstand, der Nationalversammlung zu, das Steuerbewilligungsrecht zu modifizieren, die Leibeigenschaft und die Frondienste weitgehend abzuschaffen, sie sicherte ein Pressegesetz zu, Justizreformen und anderes, gleichzeitig jedoch forderte sie die Nationalversammlung auf, auseinanderzugehen. Necker selbst fehlte bei der Verkündigung dieser Regierungspläne und des sich daran anknüpfenden Befehls. Mirabeau rief zum offenen Widerstand auf, nur Bajonetten wollte er weichen. Er sprach vielen Abgeordneten aus der Seele, denn sie hatten keine Sicherheiten, daß die Regierung dem Willen der Abgeordneten entspräche. Und so blieben die Abgeordneten sitzen, nur einzelne des ersten und zweiten Standes kamen dem Befehl des Königs nach.
Das Volk erhoffte sich von der Nationalversammlung eine Lösung seiner Probleme. Täglich versammelte man sich und wurde durch aufrührerische Reden politisiert. Die Stimmung stand gegen König, Regierung und den ersten Stand, den Adel. Necker erkannte die Notwendigkeit von Reformen und geriet zwischen die Stühle. Die Pariser jubelten ihm zu. Am 11. Juli wurde Necker entlassen. Der erste Stand hatte Truppen aus der Provinz mobilisiert, die nach Paris zogen, um die aufrührerischen Pariser in die Schranken zu weisen. Die ausgehungerten und radikalisierten Pariser empörten sich nun. Barrikaden wurden errichtet, man schrie nach Waffen. Am 14. Juli stürmten einige zur Bastille, um sich zu bewaffnen.

„Die, welche den Feudalismus oder die Ungleichheit verteidigten, stützten sich auf ein Recht, welches unter ihren Händen zu einem toten Recht wurde; die, welche den Feudalismus angriffen und die Gleichheit begehrten, verlangten totes Recht und lebloses Besitztum – nichts weiter. Daher ist es durchaus falsch, wenn man annimmt, in der Französischen Revolution hätten zwei politische Systeme gegeneinander gestritten; es waren nur zwei verschiedene Besitzstände, ein durch die Vorzeit wirklich etablierter und ein andrer, den die gegenwärtige Generation imaginierte. Die Partei des Alten wurde nur deduktionsweise und der gerichtlichen Defension wegen dazu genötigt, Ideen von Recht, Politik und Religion zu ihrem Beistande zu Hilfe zu rufen. Ebenso waren, wie die nachherigen Erfolge hinreichend gezeigt haben, die Ideen der Freiheit, des Menschenrechtes und der Volkssouveränität bei den Besseren von der Partei des Neuen nichts als geistige Getränke, worin sie sich zu ihrem Angriff Mut tranken; bei den Schlechteren, Kälteren ein Theaterkostüm, das sie zu seiner Zeit abzulegen und zu vertauschen wußten.“ (Müller, S. 109.)

In der Vorstellung der Pariser war der Ort der Bastille ein Ort der zerstörten Hoffnung, ein Ort voller Willkür und Geheimnisse. Doch wer wurde dort inhaftiert? Meist waren es die mißratenen Söhne Adliger, die den König baten, ihre Söhne dort zu inhaftieren, damit sie zur Vernunft kämen. Politische Gegner, gar Bürgerliche fanden dort nur selten hin. Und so liest sich die Liste der Insassen um 1785 so: Freiherr von Staal, Herr von Gourville, Freiherr von Riviere, Graf von Bussi, Graf von Rabutin, Herr von Renneville, Herr Linguet, Herr de la Tude, Gräfin de la Motte, Ritter de Soulas u.a.. Der Gouveneur der Bastille hieß 1789 Launay und hatte sich das Amt für über 100000 Livres (30 Mill. €) gekauft. Dienstleistungsentgelte für die meist reichen Insassen verschafften ihm satte Einnahmen; diese Insassen werden also kaum gequält worden sein.
Am 14. Juli 1789 umlagerte diese Bastille eine lärmende Menschenmenge, die aus Pöbel, Unterweltlern und kürzlich aus einer Polizeistation befreiten Verbrechern bestand und nun zum nächsten Schlag gegen die Staatsmacht ausholte. Die Besatzung der Bastille bestand aus 132 Mann, meist Schweizer. Der Kommandant unterließ es, auf den Pöbel schießen zu lassen, der die Bastille nicht einnehmen konnte, denn sie war durch einen Wassergraben und hohe Mauern geschützt. Schließlich gelang es den Angreifern, die Ecktürme in Brand zu setzen. Launay verhandelte und kapitulierte gegen freien Abzug. Er bekam ihn nicht. Die Bastille wurde erobert, die Besatzung derselben getötet, ihre Köpfe auf Lanzen gesteckt und als Trophäen durch Paris' Straßen getragen. Sieben Gefangene wurden befreit: vier Urkundenfälscher, ein Kinderschänder und zwei Wahnsinnige. Wichtiger als das war folgendes:


  • Das Volk hatte seine Macht erkannt;
  • die Armee war in weiten Teilen nicht bereit, für ihren König zu kämpfen.


Die Folgen des Sturms auf die Bastille waren: Necker kehrte als Regierungschef zurück. Der kluge Bailly wurde zum Bürgermeister Paris' erklärt und ließ eine Bürgerwehr bilden, die Nationalgarde. Der Adlige Lafayette, der als Freund des dritten Stands bekannt war, erhielt den Posten des Kommandanten. Er war fähig genug, um auf den Straßen Paris‘ vorerst Ruhe herzustellen. Die Nationalgarde bekämpfte das, was Lafayette für anarchistische Umtriebe hielt; das Volk, im Vollgefühl seines Sieges, lud den König nach Paris, bejubelte ihn, mehr noch sich selbst, aber 1789 besaßen die Pariser noch das Bedürfnis, ihren Kampf als keinen gegen den König geführten zu akzentuieren, sondern als einen, der zur Freiheit aller, auch ihres dicken Königs, führen sollte. In diesem Sinne verstanden den Sturm auf die Bastille auch viele Ausländer, besonders die Deutschen, und begrüßten ihn mit Maibaumtänzen, wobei sie an die Spitze ihres Freiheitsbaumes die Trikolore banden. Nur auf dem Lande eskalierte mancherorts der Protest gegen die althergebrachte Feudal-Ordnung. Das führte zu einer starken Fluchtbewegung. Viele Adlige verließen Frankreich. Die meisten gingen ins Reich, wo sie Aufnahme fanden.
Die Nationalversammlung nahm ihre Tätigkeit wieder auf und arbeitete an einer neuen Verfassung. Am 4. August 1789 verabschiedete sie folgendes:


  • die Aufhebung der Leibeigenschaft;
  • die Ablösbarkeit der grundherrlichen Rechte;
  • die Aufhebung der Patrimonialgerichte;
  • die Aufhebung des Jagdrechts;
  • die Aufhebung des Zehnten;
  • die Gleichheit der Abgaben;
  • die Zulassung aller Bürger zu den Ämtern;
  • die Abschaffung des Ämterkaufs;
  • die Aufhebung aller Stadt- und Provinzialprivilegien;
  • die Aufhebung aller ohne Rechtstitel erteilten Pensionen.


Damit war der Feudalismus in Frankreich de facto beendet.
Zur gleichen Zeit wurde auf Veranlassung Lafayettes für die neue Verfassung eine dogmatische Präambel formuliert und als Glaubensbekenntnis apostrophiert. Die Menschenrechte. Diese lasen sich sehr schön, besaßen aber faschistoide Aspekte, die auf der Prämisse der Gleichheit aller Menschen beruhten und letztlich mehr soziale und poltische Ungerechtigkeit herbeiführen mußten, als sie eine gerecht aufgebaute Welt schaffen konnten. Man war sich in diesem Punkt auch im dritten Stand nicht einig. Mirabeau widersetzte sich der Formulierung dieser Menschenrechtserklärung, denn die Grenzen zwischen dem Ich und der Allgemeinheit zu erkennen bilden das schwierigste Problem für eine verfassungsgebende Versammlung. Sie wird sich immer für die Allgemeinheit erklären wollen und damit den Gedanken der Freiheit gegenüber einem Gleichheitspostulat opfern müssen. Und das führt zum Faschismus. Mirabeau hatte also recht, als er sich hier weigerte. Aber in einem übergeordneten aktuell-politischen Sinne hatte er 1789 auch unrecht, denn das Volk sah und sieht die Dinge einfacher und ist komplexeren Argumenten gegenüber unaufgeschlossen. Das Volk wollte den neuen Staatsgedanken: Nicht das Ich sollte herrschen, sondern das Wir. Das Ich war der feudale Staat der einzelnen Machthaber; das Volk wollte das Wir. Das Ich sollte aufgehen im Wir. [4]


Aufgaben:


  1. Gib die Ereignisse des Jahres 1789 wieder! (I)
  2. Sortiere die Ursachen der Revolution der Reihe nach! Beginne mit dem wichtigsten! Begründe deine Auffassung! (II)
  3. Stelle die Lehren Rousseaus und Voltaires vor und erkläre ihre Bedeutung für die Revolution! (II)
  4. Setze dich mit der Auffassung auseinander, daß konsequent durchgeführte Gleichheit zum Faschismus führt! (III)


[1] Zu Rousseaus Lebzeiten setzte sich eher die Auffassung des Historikers Boulanger durch, der in seinem Werk „Das entschleierte Altertum“ die Auffassung vertrat, die Menschen früherer Zeiten seien brutal, ängstlich, dumm, leicht manipulierbar und selbstisch gewesen, also die von Rousseau vertretene deszendente Teleologie nicht teilte.



[2] Radikalisierung ist ein Phänomen in beinahe jeder modernen Revolution. Es bedeutet eine Verschärfung der Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele, meist mit Straffung der organisatorischen Strukturen bis hin zur Diktatur oder auch mit Vernichtung politischer Gegner verbunden, was von einzelnen Köpfen bis zur Vernichtung ganzer Anhängerschaften, schlimmstenfalls, weil ohne politischen Willen zuhanden, dem ganzer Bevölkerungsgruppen einhergeht. "Die Feuillants, die in der Constituante ganz links gestanden haben, bilden in der Legislative bereits den rechten Flügel; die Gironde, die sich an die Macht kämpfte, indem sie die Revolution nach links trieb, wird von den Montagnards nicht nur überflügelt, sondern im Schrecken vernichtet." (Freyer II, S. 890.)



[3] Im Grunde war es eine Selbstbezeichnung des besitzenden Bürgertums, etwa 2% der Bevölkerung. Bis 1830 sollte die Zahl der Wahlberechtigten, der Vollbürger – von einzelnen Schwankungen abgesehen –, erst auf zwei Millionen gestiegen sein. In den anderen westlichen „Demokratien“ sah es nicht anders aus. Die Partizipation des Einzelbürgers war im aristokratischen Reich jederzeit höher.




[4] Der Glaube an das Gute durchdrang bereits den französischen Dramatiker Rabelais (1494-1553), wie Burckhardt versichert: „Es ist derselbe Glaube an die Güte der menschlichen Natur, welcher auch die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts beseelte und der französischen Revolution die Wege bereiten half.“ (Burckhardt, S. 247.) Ein Wir ist nur Teil des Ganzen. Der an die Macht gelangte Plebs hatte nichts Eiligeres zu tun, als im Namen der Freiheit alle zu töten, die nicht seine Vorstellungen besaßen. Adam Müller formulierte 1809: „…sobald die Freiheit bloß als die Eigenschaft einzelner Bestandteile des Staates […] anerkannt wird; sobald man sie nicht ebensowohl allen anderen notwendigen Elementen des Staates zuspricht; sobald man, wie es in Frankreich geschah, ein von aller der Eigenheit, in deren Behauptung sich eben die Freiheit äußert, entkleidetes Wesen, ein Abstraktum, einen Begriff ‚Mensch‘ frei erklärt: so ist die Freiheit selbst ein Begriff und kann keine andere Kraft begehren als die der bloßen Masse; sie kann wie ein großer Fels andre kleinere Felsen zerschmettern, ist aber in dem allgemeinen Ruin eben auch nichts als Trümmer.“ (Müller, S. 85.)