Die revolutionärste Grundstimmung herrschte im Pariser Stadtparlament. 300 Mitglieder diskutierten unablässig. Die allgemeine Wirtschaftslage hatte sich 1790 verschlechtert. Seit mehreren Jahren stiegen nach Mißernten die Brotpreise. Zahlreiche Aristokraten hatten vor ihrer Flucht ins Ausland ihre Angestellten entlassen, die, ohne Abfindungen oder Arbeitslosengeld, verarmt, Verbesserungen ihrer Lage forderten. Zeitgleich wuchs die Angst der Revolutionäre vor einem Gegenschlag der Aristokratie. Die Angst war real und wahrscheinlich. In Paris verbreitete sich das Gerücht von einem Bankett junger Offiziere, die ihrem König ewige Treue geschworen hatten. Die einfachen Pariser verstanden das als einen Angriff auf ihre revolutionären Errungenschaften und drängten darauf, die Nationalversammlung fortan nach Paris zu holen, damit sie von den Parisern kontrolliert werden könnte. Auch der König sollte fortan in Paris seinen Wohnsitz aufschlagen. Pariser Marktfrauen forderten Brot vor den Schloßtoren von Versailles. Der König gab nach und wurde am 6. Oktober 1789 unter Bewachung Lafayettes nach Paris gebracht. Das war vom König insofern unklug, als daß er dem Drängen des Pöbels nachgegeben hatte und dem somit signalisierte, wie schwach er war. Die Pariser waren zufrieden mit der Anwesenheit des Königs in Paris, denn zum einen hatten sie ihn so an der Kandarre und zum anderen waren sie sich sicher, daß die Brotpreise nun fallen würden.
Die Nationalversammlung arbeitete währenddessen an einer neuen Verfassung, in der sie die Monarchie unangetastet bleiben lassen wollte. Schließlich hatte der geistige Vater der meisten Revolutionäre, Rousseau, die Notwendigkeit einer Monarchie für große Staaten präfiliert. Das Zauberwort sollte „Gewaltenteilung“ heißen. Allerdings war die Präambel der Volksherrschaft zu berücksichtigen. Das bedeutete, daß Frankreich zu einer Repräsentationsstaatsform übergehen mußte: König, Parlament, Richter sollten Repräsentationsorgane des Volkswillens darstellen. Dem König sollte die Gewalt der Exekutive zufallen, zudem die Ernennung einiger der wichtigsten Beamten; alles andere sollte durch Leistung, Ausbildungsstand und Verdienste bestimmt werden, nicht durch Herkunft. Zur Berufung von Richtern sollte eine Prüfungskommission zusammentreten, die diese für vorerst sechs Jahre bestimmte.
Es scheuten nicht wenige Parlamentäre davor zurück, dem König überhaupt Macht zu geben. Die Macht lag inzwischen beim pariser Pöbel und das Vorrecht des Adels hinsichtlich der Besetzung (Aspiration) der wichtigsten Staats- und Armeeämter hätte gebrochen werden können. Leistung statt Anciennität (je älter das Geschlecht, um so höher der Posten). Allerdings trauten sich die Volksvertreter nicht und schoben in die neue Verfassung ein Regulativ ein, um ein Gleichgewicht der Mächte zu bewirken, indem sie die Nationalgarde den Bürgermeistern unterstellten. Die dem König direkt unterstellten Truppen mußten mindestens 50 Kilometer (acht Meilen) außerhalb Paris' stehen und durften die Zahl von 1800 Mann nicht überschreiten. Das Parlament behielt sich auch das Recht vor, Kriegserklärungen auszusprechen. Dem König allerdings gestand man ein Veto-Recht zu.
Das zog eine Verschleppung des Machtkampfes nach sich. Es war nicht einmal so, daß der König als Repräsentant der Verfassung begriffen, mithin eine konstitutionelle Monarchie ins Auge gefaßt wurde. Der König war quasi zum beschnittenen Unruhefaktor im französischen Staat geworden. Einerseits respektierte die Nationalversammlung ein Jahrhunderte altes Recht des Königtums, andererseits beschnitt sie die Rechte des Königs und bestimmte sogar einen Erzieher für den Dauphin!
Die Nationalversammlung beschloß eine Neuaufteilung Frankreichs in 83 Departements, die geographische Namen erhielten. Damit sollte partikularistisches Denken unterbunden und Frankreich als eine Nation begriffen werden. Doch das Konzept war nicht durchgehalten. Die Nationalversammlung definierte zwei Klassen von Franzosen, diejenigen, die Steuern zahlten und die anderen eben. Wer zahlte, der erhielt das aktive Wahlrecht. Letztlich war das nichts anderes als das Prinzip vor der Revolution. Die Gleichheit blieb Utopie, denn obgleich die Zahl der Steuerzahler erhöht werden sollte, zahlten weniger als ca. 10% der männlichen Franzosen Steuern, Frauen überhaupt nicht. Letztlich war die Revolution eine des steuerzahlenden Bürgers gegen den steuerbefreiten Adel, der zum steuerzahlenden Bürger gemacht wurde. Die Gleichheit aller Franzosen hatten die Besitzbürger nie geplant. Nur wer etwas besaß und erwirtschaftete, der sollte auch politische Mitsprache besitzen. Die Verbindung von Besitz und politischer Partizipation wurde weiter intensiviert, indem eine Zwischenebene in der neuen Hierarchie der Machtzuweisung im französischen Staat geschaffen wurde, die Wahlmänner. Diese allein bestimmten die Abgeordneten. Um Wahlmann werden zu können, mußte man zwei Kilogramm Silber (5 Livres resp. 1600 €) an Steuern jährlich gezahlt haben. Damit schrumpfte die Zahl der Wählbaren auf höchstens 3% der Bevölkerung.
Eine Beziehung blieb bisher ausgeklammert, die Beziehung des dritten Standes zum zweiten Stand, anders gesagt die Beziehung der machtausübenden Nationalversammlung zur Kirche. Man beschloß in einer sogenannten Zivilkonstitution eine Begrenzung der Bischöfe von 134 auf 83. Das waren immer noch 50 mehr als im größeren Reich, aber so wurde die Organisation gestrafft. Dabei fiel es den steuerzahlenden Bürgern zu, ihren Bischof zu bestimmen. Der Papst blieb außen vor; er durfte fortan keinen Bischof mehr investieren, allerdings wurde vom neuen Bischof gegenüber dem Papst eine schriftliche Demutsverpflichtung abverlangt. Die Nationalversammlung verfügte die Einziehung der Kirchengüter. Im Gegenzug wurden die Kirchenoberen fortan vom Staat besoldet.
Die meisten Abgeordneten in der Nationalversammlung waren aufgeklärte Atheisten und hielten das Christentum für Aberglauben, aber sie waren klug genug, die Bedeutung der Kirche für die meisten Franzosen zu erkennen und entsprachen dieser Bedeutung durch eine Umorganisation des Kirchenkörpers. Es gab allerdings nicht wenige zeitnah lebende Historiker, die diese Umorganisation verurteilten (Tocqueville, Taine, Sorel, Sybel u.a.), da die Freiheit der Kirche ausgehebelt wurde. Doch fragen wir danach, ob es eine Revolution gegeben hätte, wenn die Nationalversammlung die Besitztümer der Kirche in Frankreich unangetastet gelassen hätte! Der französische Staat benötigte diese Besitztümer – oder er hätte den reichen Bürgern ihre Güter wegnehmen müssen. Da die reichen Bürger aber die Macht in der Nationalversammlung besaßen, war das unmöglich und es blieb nur der Griff in die Kirchenkasse. Zugleich wurden die einfachen Gemeindearbeiter besser bezahlt, mithin diesem Wechsel der Besitzverhältnisse geneigt gemacht, gekauft. Das Volk von Paris hielt man mit subventioniertem Korn bei Laune, außerdem gaben neue Nationalwerkstätten vielen Arbeit. Das Steuerwesen lag darnieder, zwar hatte man eine erst 25%ige Kopfsteuer ausgemacht, aber kaum eingezogen, dann versuchte man es mit einer 20%igen Grundsteuer des geschätzten Reinertrags jedes Bürgers. Auch das mißlang natürlich, denn wenn es keine Kontrolle des Bürgers gibt, zahlt der nicht. Und so lebte der französische Staat von den versilberten Kirchengütern, zum Teil wurden auch Gutscheine auf den zukünftigen Erlös oder die Erträge dieser Güter ausgegeben, die sogenannten Assignaten. Das funktionierte erst einmal (Leben auf Pump), zumal die Nationalversammlung einen propagandistischen Kunstgriff vornahm, indem sie die Kirchengüter als dem Volke gehörige paraphierte. Und das Volk sollte dem Verständnis dieser Heuchlerbande gemäß der Souverän sein! Die Nationalversammlung setzte sich somit auch über Kirchenrecht hinweg und war dreist genug, im November 1790 von „ihren“ Geistlichen den Schwur auf die Zivilkonstitution zu verlangen. Die meisten verweigerten ihn. Das war der Nationalversammlung gleichgültig. Sie ließ auf die Zivilkonstitution vereidigte und unvereidigte Priester gleichberechtigt ihren Dienst versehen. Konservative Franzosen sahen das nicht so leger. Der König beispielsweise wollte Ostern 1791 das Abendmahl von einem unvereidigten Priester in seiner Hauskirche St. Cloud bei Paris nehmen, kam aber nicht dazu, weil seine Kutsche daran gehindert wurde, Paris zu verlassen.
Frankreich befand sich immer noch im Chaos, nur besaßen jetzt die besitzenden Bürger die Macht.
Die Reaktion bedurfte des Königs als Orientierungspunkt ihrer Pläne. Doch der saß in Paris gefangen und plante nach dem mißglückten Kirchbesuch vor dem Osterfest 1791 die Flucht. Sein Schwager, Kaiser Leopold II., hatte in Belgien 30000 Mann stationiert, die ihn schützen sollten. Und in Metz, quasi auf halbem Wege ins Reich, hatte der Stadtkommandant eine königstreue Garnision unter Kontrolle. Doch die Flucht mißlang, zu unklug war sie durchgeführt: Zwar gelang das Herausschleichen aus dem Palast in Paris, den Tuilerien, doch eine sechsspännige Kutsche mußte es für das Königspaar schon sein, dazu Patrouillenreiter und Vorhut. Das fiel auf. Vierzig Kilometer vor dem Treffpunkt mit dem Metzer Regiment wurde der König aufgehalten und nach Paris zurückgebracht.
Nach der Rückkehr des Königs verschärften sich die internen Kämpfe in der Nationalversammlung. Manche radikalisierte Gruppe (Marat) forderte den Kopf des Königs und der Edelleute, andere wollten das Gegenteil (Barnave). Die Nationalwerkstätten wurden aufgelöst, die Arbeiter entlassen, ein allgemeines Streikverbot erlassen. Die Revolutionäre in der Nationalversammlung zeigten ihr wahres Gesicht, denn in Fragen, die unmittelbar ihren Geldbeutel betrafen, fanden sie schnell Übereinkünfte.
Am 16. September 1791 verabschiedete die Nationalversammlung die neue Verfassung, löste sich auf und wurde durch eine gewählte gesetzgebende Versammlung ersetzt, gewählt von etwa 5% der erwachsenen Franzosen.


Aufgaben:


  1. Nenne die Prinzipien der ersten Verfassung! (I)
  2. Diskutiere, ob ein Veto-Recht des Königs die Volkssouveränität aushebelt! (III)
  3. Beschreibe zwei Probleme, die die Versammelten lösen mußten! (II)


Fortsetzung zu Teil III zur Französischen Revolution