Krung Thep, Bangkok, Stadt der Engel. H. würde sie, die Unvergleichliche unter zweihundertvierundsechzigtausend anderen Städten allein an ihrem Geruch erkennen. Sie riecht wie sein freundlicher Beschützer in München, der tollpatschige Zuhälter Berti, gerochen hatte, als er erschlagen wurde.
Zwölf Tage hatte Berti gehungert. Erst als er entkräftet, gänzlich geschwächt, am Ende des Hungers war, konnten sie ihn mit Zaunlatten, Nägel bespickt, in den Tod prügeln. Warum aß er nicht? Gute Frage. Ein Zuhälter braucht Geld. Berti war am verhungern, weil ihm die einzige Nutte, sein Eheweib, davongerannt; alles Geld in ihrer Tasche. Er war so schwach geworden, der höfliche sanfte Riese, weil er zu unbeholfen, sich selbst ein Stückchen Brot zu verdienen. Und H. war nicht zur Stelle, ein Wunder zu wirken. Da erst konnten sie seine Knochen brechen und das Fleisch mit den Nägeln aus seinem Riesenleib reißen.
Alles an Berti war mächtig, Überdimension, XXXXL gewesen, ganz besonders sein Schwanz, gewaltig wie eine Gärtnergurke, den er ohne Scham für zehn Mark zeigte, wenn ihm sonst kein Einsatz für ein Spielchen "Wirf die Münze nah an die Wand!" geblieben. Für zwanzig Mark rubbelte er, ließ ihn steigen, den Gurkenschwanz. Berti hatte seine Frau, die kleine Nutte, allenfalls ein Zwölftel von ihm, außerordentlich geliebt. Doch die konnte es einfach nicht länger ertragen, ständig an der Gurke zu zerplatzen. So war sie Wiener Schmäh erlegen, und als sie bitter bereute, zu ihrem Berti zurück wollte, da war es zu spät. Da hatte er schon gerochen, und sie, die Wiener Lotteln, haben ihn erschlagen. -
Es war der Geruch nach Fäkalien, Wildentendärmen, nach innerer Fäulnis, Zersetzung der Leber, Zimt und Vanille mit Schwefeldunst vermischt, Parfum von Kloaken. Süßlich klebender Gestank, den man sich mit Papiertaschentüchern und spitzen Fingern von bloßen Hautstellen wischt. Wischen möchte, waschen, Zwang zum waschen! Genauso riecht Bangkok bei Regen, wenn sich alles übertünchende Auspuffdämpfe auf schmierigen Asphalt, in lehmige Gassen, dreckige Kanäle, über Wellblechhütten, Hochhäuser, Tempel und Märkte legen... Märkte mit Gärtnergurken.
Das mit Berti ist lange, sehr lange her. Doch der gutmütige Lude wird H. auf alle Zeiten in guter Erinnerung bleiben; zu oft hatte ihn der Freund in der Münchner Unterwelt vor fälligen Prügeln bewahrt. Krung Thep, die Stadt der Engel, stinkt weiter wie ein verhungernder Berti in langsamer Auflösung. Und letztendlich ist Bangkok, bei aller natürlichen Freundlichkeit, irgendwie auch ein riesiger sanfter Zuhälter.