+ Antworten
Ergebnis 1 bis 2 von 2

Thema: Napoleon (I)

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.534
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Terror des Direktoriums

    Die Hochzeit des Terrors war in Frankreich nicht im sogenannten Schreckensjahr 1794 (Robespierre), sondern lag in der Herrschaftszeit des Direktoriums zwischen 1795 und 1799. Es ist dies die Zeit unglaublicher Korruption und unglaublichen Betrugs. Das Direktorium bot England Ceylon für zwei Millionen Pfund (ca. 1700 millionen €) an, was Pitt ablehnte, weil sein Geheimfond zu dieser Zeit noch zu klein war.

    Die Adligen und Priester wurden zurück ins Land gelockt, dann ihnen die Bürgerrechte aberkannt und Hunderttausende von ihnen erschlagen und enteignet. Ein Gesetz Taines ließ für jede Handlung gegen einen Jacobiner vier andere mit dem Leben haften.
    Erst nach dem Staatsstreich Napoleons ließ der Terror nach.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.534
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    Post Napoleon (I)

    Der Aufstieg vom korsischen Leutnant der Artillerie zum Kaiser der Franzosen nahm seinen Anfang mit der Eheschließung einer Generalswitwe, Josephine de Beauharnais, was Bonaparte eine Verbindung zum politisch einflußreichen Barras herstellte, der ihn 1795 erfolgreich gegen die aufständischen Royalisten in Paris einsetzte. Der Aufstand hatte eine Vorgeschichte: Die Verfassung des Jahres III kam zur Abstimmung. Zirka eine Million Franzosen, das Besitzbürgertum, waren aufgefordert worden, über den Verfassungsentwurf des Konvents abzustimmen. 95,6% stimmten dem republikanischen Entwurf zu. Dennoch kam es zu einem Aufstand der Nationalgarde gegen die Regierung. Viele heimgekehrte Emigranten schlossen sich diesem Aufstand an. Barras beauftragte den jungen Brigade-General Bonaparte mit der Niederschlagung des Aufstands, der diese Aufgabe unter Einsatz von Kartätschenfeuer erfüllte. So endete der Vendemiaire-Aufstand. Das Soldatentum hatte die Bürgerwehr der Nationalgarde besiegt.

    bonaparte1798.jpg

    Zur Belohnung schickte Barras Bonaparte ins reiche Italien. Als Bonaparte aus Italien zurückkehrte, war er mächtiger als Barras, denn er hatte nicht nur Teile der italienischen Beute ins notleidende Paris geschickt, sondern sich auch gegen die Regierung profiliert, indem er sich gegen das Direktorium (eine von 1795 bis 1798 benutzte Bezeichnung für die Exekutive) durchsetzte, das Bonaparte einen zweiten Befehlshaber an die Seite stellen wollte. Er hatte diesen Wunsch des Direktoriums mit der Begründung abgelehnt, daß die Einheitlichkeit in der Befehlsstruktur unabdingbar sei und ein schlechter General besser für den Erfolg sei als zwei gute. Bonaparte machte klar, im Falle der Nichtberücksichtigung seines Wunsches ein Rücktrittsgesuch einzureichen. Das wollte das Direktorium auch nicht, denn Bonaparte hatte, wie gesagt, sehr viel von seiner Beute nach Paris geschickt und damit dem Direktorium den Rücken gestärkt. Unsicher dagegen wäre es für das Direktorium gewesen, ob zwei neue Befehlshaber das gleiche getan haben würden.
    Mit diesem Hasardspiel war Bonaparte durchgekommen. Nun kam er als Held des Volkes nach Paris zurück, hatte die Österreicher in Italien geschlagen und Beute gewonnen, seine Truppen gut bezahlt, zudem Geld, Nahrung und Reichtümer nach Frankreich geschickt, wo es verteilt wurde.
    Zeitgleich hatte Kriegsminister Carnot befohlen, daß französische Truppen ins Reich einfallen sollten. Die unter Erzherzog Karls Befehl stehenden Reichstruppen versäumten trotz Überlegenheit den Angriff und zogen sich zurück. Die Franzosen kamen bis an die Isar. Karl erkannte die Gefährlichkeit der Lage, zog bei Würzburg starke Kräfte zusammen, nahm auch seinen Mut in beide Hände und griff an. Und siehe da, es ging. Wie beim Domino fiel jetzt die französische Offensive. Vier Monate nach dem Angriff standen beide Heere wieder in ihren Ausgangsstellungen dies- und jenseits des Rheins.
    Barras war bis zum Aufstieg Bonapartes der starke Mann. Er schwor die ausgebrannten Parlamentarier auf das Nächstliegende ein, die Sicherung ihrer Macht. So sollte das umverteilte Gut der Adligen und Kirchen der neuen Führungsschicht und die Offiziersstellen im Heer gesichert werden, wollten die Nassauer weiter im Brot des Staates bleiben.
    Teile und herrsche! Jedes Jahr wurde ein Drittel des Konvents neu gewählt, zensiert, wobei sich die Konventmitglieder ihre Herrschaft zu sichern wußten. Die Wahlkreise verpflichtete ein Gesetz, neben einem neuen Abgeordneten auch zwei alte zu wählen. Dem Konventler war es dabei freigestellt, seinen Vertreter oder Ersatzmann selbst zu bestimmen! Zudem wurde der Konvent in zwei Kammern geteilt, in einer tagten 500 Konventler, im Rat der Alten 250 Vertreter des Besitzbürgertums. Das Los entschied über den Sitzplatz und die Zugehörigkeit zu einer der beiden Kammern, doch mußte das Mitglied im Rat der Alten wenigstens 40 Jahre zählen und verheiratet sein beziehungsweise gewesen sein. Man trennte die Regierung vom Konvent, allerdings blieb ein dreiköpfiges Direktorium der Regierung übergeordnet und bestimmte die einzelnen Minister. Der Wähler, ca. 11% der männlichen Franzosen, sollte fortan jährlich ein Mitglied des Direktoriums neu bestimmen.
    Der siegreiche französische General Bonaparte unternahm im Frühjahr 1797, nachdem er weite Teile Italiens eingenommen und die französische Staatskasse durch Erpressungen und Raub wieder gefüllt hatte, einen Vorstoß über die Alpen und kam 150 Kilometer vor Wien zum Stehen. Nun bot er Frieden, zugleich das neutrale Venedig im Tausch gegen österreichische Besitzungen in Italien an, die er eigentlich schon besaß. Ein verlockendes Angebot für die habsburgische Dynastie, denn das würde Österreichs Gebiet abrunden und somit leichter zu verteidigen sein.
    Am 7.4.1797 kam es in Leoben zu einem Vorfrieden, der genau das vereinbarte. Österreich sollte gewinnen, Bonaparte sollte gewinnen, Preußen sollte gewinnen, französische Satrapenstaaten in Süddeutschland sollten gewinnen, die rheinischen Separatisten sollten gewinnen; bezahlen sollten Venedig und das Reich. Venedig, indem es seine Unabhängigkeit verlor, das Reich, das säkularisierte Kirchengebiete verlor. [1] Die Entscheidung lag beim Reich, d.h. seinen Prätendenten und (meist bürgerlichen) Beratern, die darüber entscheiden mußten, ob sie in der seit rund einem Jahrtausend existierenden Gemeinschaftsform aristokratisch-demokratischer Form weiterbestehen oder erbdynastischen beziehungsweise pragmatisch-kapitalistischen Aspekten der Abrundung, Wirtschaftlichkeit etc. pp nachgeben wollten.

    Deutsche Größe, 1797, von Friedrich Schiller, Ehrenbürger der Französischen Republik
    „Darf der Deutsche in diesem Augenblick, wo er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige Völker [Briten und Franzosen] ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und der Sieger sein Geschick bestimmt – darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und freun? Darf er sein Haupt erheben und mit Selbstgefühl auftreten in der Völker Reihe?
    Ja, er darf's! Er geht unglücklich aus dem Kampf, aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren. Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupt seiner Fürsten. Abgesondert vom dem politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium [Romanum] unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten.
    Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist. – Dies Reich blüht in Deutschland, es ist in vollem Wachsen, und mitten unter den gotischen Ruinen einer alten barbarischen Verfassung bildet sich das Lebendige aus. (Der Deutsche wohnt in einem alten sturzdrohenden Haus, aber ein strebendes Geschlecht wohnt in dem alten Gebäude, und der Deutsche selbst ist ein edler Bewohner, und indem das politische Reich wankt, hat sich das geistige immer fester und vollkommener gebildet.)
    Dem, der den Geist bildet, beherrscht, muß zuletzt die Herrschaft werden, denn endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die Welt einen Plan, wenn des Menschen Leben irgend nur eine Bedeutung hat, endlich muß die Sitte und Vernunft siegen, die rohe Gewalt der Form erliegen – und das langsamste Volk wird alle die schnellen flüchtigen einholen. Die andern Völker waren dann die Blume, die abfällt. Wenn die Blume abgefallen, bleibt die goldne Frucht übrig, bildet sich, schwillt die Frucht der Ernte zu.
    Das köstlichste Gut der deutschen Sprache, die alles ausdrückt, das Tiefste und das Flüchtigste, den Geist, die Seele, die voller Sinn ist. Uns‘re Sprache [Gedankenwelt] wird die Welt beherrschen. Die Sprache ist der Spiegel einer Nation, wenn wir in diesen Spiegel schauen, so kommt uns ein großes treffliches Bild von uns selbst daraus entgegen. Wir lernen das jugendlich Griechische und das modern Ideelle ausdrücken.
    Keine Hauptstadt und kein Hof übte eine Tyrannei über den deutschen Geschmack aus. Paris. London. So viele Länder und Ströme und Sitten, so viele eigene Triebe und Arten.
    Finster zwar und grau von Jahren, aus den Zeiten der Barbaren, stammt der Deutschen altes Reich. Aber doch lebendge Blumen grünen unter gotischen Ruinen... Das ist nicht des Deutschen Größe, obzusiegen mit dem Schwert, in das Geisterreich zu dringen, Vorurteile zu besiegen, ringen, männlich mit dem Wahn zu kriegen, das ist seines Eifers wert. Schwere Ketten drückten alle Völker auf dem Erdenballe, als der Deutsche sie zerbrach, Fehde bot dem Vatikane [Reformation], Krieg ankündigte dem Wahne, der die ganze Welt bestach. Höhern Sieg hat der errungen, der der Wahrheit Blitz geschwungen, der die Geister selbst befreit, Freiheit der Vernunft erfechten, heißt für alle Völker rechten, gilt für ewge Zeit.
    Deutschlands Majestät und Ehre ruhet nicht auf dem Haupt seiner Fürsten. Stürzte auch in Kriegesflammen Deutschlands Kaiserreich zusammen, Deutsche Größe bleibt bestehn.“

    Bonaparte konnte sich im Frieden von Campo Formio am 17.10.1797 durchsetzen. Frankreich bekam die Rheingrenze bis Koblenz; italienische Fürsten erweiterten ihre Gebiete bis zum Etsch und wurden zudem durch Säkularisationserträge entschädigt; Österreich erhielt Venedig, nachdem Bonaparte es geplündert hatte. Die Reichsverfassung war damit faktisch aufgelöst.
    Die französischen Heeresmassen stellten Siege sicher. Allerdings erzeugte Bonapartes Kriegsführung eine neue Qualität des Krieges. Waren die Kriege im 18. Jahrhundert von disziplinierten Söldnern geführt worden, deren Versorgung Magazine aus dem Hinterland sichergestellt hatten, so setzte mit der Umorganisation des französischen Söldnerheeres in ein Volksheer auf Wehrpflichtbasis auch eine Umorganisation der Verpflegung ein. Bonaparte versorgte sich in dem Land, in dem er Krieg führte. Er plünderte dieses Land aus und verschaffte sich die Zustimmung der französischen Öffentlichkeit dadurch, daß er Anteile der Beute nach Frankreich schickte. Das System der Ernährung des Krieges durch den Krieg haben wir schon bei Wallenstein kennengelernt, aber Bonaparte brachte es erst vollends zur Entfaltung. Er zog die Abenteurer an. Strategische Bewegungen bestimmt der Heerführer selbst, er ist der Kabinettspolitik [2] keinen Gehorsam schuldig. Bonaparte setzte sich über die Instruktionen aus Paris hinweg, doch der Erfolg gab ihm recht. Und schließlich setzte er der starren Linientaktik der disziplinierten deutschen Heere, die vor allem im freien Feld erfolgreich war, eine dreifache Taktik entgegen: Zum einen verstärkte er die Artillerie, die von strategischen Punkten (Hügeln zumeist) aus auf gegnerische Truppen schoß; zum anderen riß er die eigenen Schützenlinien auseinander und ließ sie von frei gewählten Punkten in die feindlichen Linien schießen, denen dann der Stoß einer geordneten eigenen Linie folgte. Zudem vermied es Bonaparte, ein von den Feinden gewähltes freies Gelände als Schlachtort anzunehmen; er bevorzugte zerklüftete Landstriche, in denen er seine Kanonen auf die Erhebungen stellte, meist vor der Ankunft der feindlichen Truppen. Er hatte also größere Truppenmassen, war beweglicher und eher am selbstbestimmten Schlachtort und konnte somit dem Gegner die Taktik vorschreiben. Dies zusammengenommen bewirkte viele Siege für die französischen Heere in den kommenden Jahren. Die Gegner waren nicht in der Lage, ihre Taktik umzustellen, so daß sie bei besserer Disziplin und meist größerem soldatischen Mut meist unterlegen waren. Disziplin und Mut wuchsen dagegen mit den Erfolgen des französischen Heeres.

    Bonaparte konnte mit Hilfe dieser Taktiken eine völlig neue Strategie entwickeln. Darin liegt vor allem sein Genie: er warf mit Schnelligkeit nieder. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Franzosen, ihre wachsende Stärke und die Unfähigkeit der Gegner machten dies möglich. Allerdings begnügte sich der Politiker Bonaparte damit, seinen Feinden vorteilhafte Frieden zu geben, die den Machtverhältnissen nicht gerecht wurden und dadurch, getreu dem Grundsatz, daß Politik und Militär das schaffen, was möglich ist, den Krieg als einen fortdauernden Prozeß schufen, der erst dann beendet sein würde, wenn entweder Napoleons militärisches und politisches Genie gebrochen sein würde oder Frankreich als stärkste Macht Europas auch politisch seine Grenzen entsprechend erweitert haben würde.
    Nachdem Bonaparte im Dezember 1797 siegreich nach Paris zurückgekehrt war, faßte er sogleich einen neuen Plan: England. Er reiste an den Kanal und mußte sich überzeugen lassen, daß eine Landung auf England unmöglich sei. Also wählte er den indirekten Weg, der über Englands Kolonien führte. Als erstes sollte Ägypten erobert werden, das zwar keine englische Kolonie war, aber dem englischen Handel mit Indien als Zwischenstation diente.
    Mit 38000 Soldaten machte er sich auf den Weg, verfolgt von den Engländern unter Nelson. Es gelang Bonaparte, bei Alexandria an Land zu gehen und Ägypten zu erobern. Doch die Engländer konnten die französische Flotte, die ungeschützt bei Abukir reedete, zur Schlacht zwingen, indem Nelson seine Schiffe in zwei Linien aufstellte und die französischen Schiffe, die in einer Linie vor der ägyptischen Küste lagen, nun von zwei Seiten aus beschießen konnte. Schiff für Schiff. 1.8.1798.
    Bonaparte war eingeschlossen. Er konnte nur über den Landweg nach Frankreich zurück. Sein Weg, eine Blutspur, führte ihn über Suez und Palästina nach Akkon. Bonaparte vermutete, daß das osmanische Imperium vor der Auflösung stünde. Aber der Widerstand war stark genug, um ihn allmählich zu vertreiben.
    Zeitgleich witterten die Russen im Norden Beute. Katharina war 1796 gestorben; ihr schwachsinniger Sohn Paul erklärte, seine Völker glücklich machen zu wollen. Zeitgleich rüstete er zum Marsch auf das Kernziel der russischen Außenpolitik, Konstantinopel. Es gelang Paul, viele Siege zu erzielen. So vertrieben Russen die Franzosen aus Neapel und zusammen mit englischen Truppen auch aus Holland. Während Bonaparte in Ägypten sein Glück versuchte, brachen Österreicher in die Schweiz ein, stellten die Franzosen bei Zürich und vertrieben sie aus der Schweiz. 1799 war beinahe alles wieder so wie einige Jahre zuvor. Beinahe.
    In Frankreich waren die Assignaten auf einen Wert von 0,3% ihres Ausgabewertes gefallen. Das 1796 eingeführte Mandatgeld gestattete es den Besitzern, Staatsgüter ohne weiteres nach dem Taxwert in Besitz zu nehmen. Trotzdem florierte die Inflation. 1799 waren auch diese Mandate nur noch 2,5% ihres Ausgabewertes wert.
    Wer profitierte von dieser Politik? Diejenigen mit festen Werten, Gold, Land, Gebäuden, die Plutokraten, die schnell handelnden und unbarmherzigen Kapitalisten und Geschäftsleute, Räuber und Kleinhändler, Spekulanten. Bankhäuser eher nicht, eher auch nicht die Gehaltsempfänger wie Lehrer oder Polizisten, Staatsbedienstete; die Bauern profitierten nicht davon, wenn sie ihre Ernte auf einmal verkauften. Hielten sie dagegen ihre Erzeugnisse zurück, konnten auch sie zu großen Gewinnern werden.
    Die Thermidorianer [3] allerdings verzettelten sich in Grabenkämpfen und wurden bereits 1795 durch ein Direktorium abgelöst, das einig darin war, größtmöglichen Profit aus der politischen Führerschaft zu erzielen. Das bedeutete Korruption, Ämterschacherei, Preisdiktat und Intrigantentum, Meuchelmorde und brutalen Kapitalismus in sehr viel üblerer Weise als vor der Revolution. Das Volk blieb ruhig, weil es durch Napoleons Armeen versorgt wurde, die in Europa plünderten und nicht selten als reiche Leute aus der Fremde (meist aus Deutschland oder Italien) wiederkehrten.

    Bonaparte vernahm den Ruf der Franzosen nach einem starken Mann. [4] Am 9.10.1799 landete er in Frejus und begab sich nach Paris. Dort verschwor sich jeder gegen jeden. Barras hatte mit Royalisten verhandelt, die Ludwig XVIII. zum König krönen wollten. Die Jakobiner hatten Angst, ihre administrativen Errungenschaften zu verlieren, vor allem die Macht der zwei Kammern, in denen sie immer noch eine starke Stimme besaßen. [5] Bonaparte erschien in der Kammer der Älteren und forderte die Diktatur. Die Abgeordneten beschimpften Bonaparte und warfen ihn aus dem Sitzungssaal. Bonapartes Bruder Lucian stand derzeit der Kammer vor, ging hinaus zu den Soldaten Bonapartes, die den Saal stürmen wollten und versicherte ihnen, daß er die Abgeordneten hinter sich zu bringen wüßte. Es dauerte nicht lange und viele Abgeordnete ergriffen die Flucht. Die Übriggebliebenen bestimmten eine provisorische Regierung von drei Konsuln und eine Kommission zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die nach dem Führerprinzip von unten nach oben gestaffelt sein sollte. Fünf Millionen wahlberechtigte Franzosen wählten 500000 Kommunal-Notabeln, die wiederum 50000 Departements-Notabeln bestimmten, die wiederum 5000 National-Notabeln, woraus dann die Regierung bestimmt wurde.

    Das wichtigste Augenmerk dieser neuen Regierung mit Bonaparte, dem Abbe Sieyes (der sich im Vorfeld für einen starken Mann ausgesprochen hatte) und einem gewissen Ducos lag darin, gutes Geld zu schaffen. Man ließ den jakobinischen Zwangskredit fallen und bestimmte einen Finanzminister, dem die Pariser Bankiers trauten. Dann verfiel man wieder auf das Prinzip der Steuerpacht und verkaufte einzelne Provinzen an gut zahlende Steuerpächter. Das brachte sofort gutes Geld in die Kassen.

    Das Triplekonsulat bestimmte sich einen ersten Konsul: Bonaparte. Die Volksvertretung, die Kammern, nannte sich fortan Tribunat, das zwar diskutieren, nicht aber entscheiden durfte. Dieses Tribunat wurde nicht extra gewählt, sondern der Hierarchie, den National-Notabeln entnommen. Sieyes schied aus und wurde Vorsitzender des Tribunats. Er ließ über die neue Verfassung abstimmen. Drei Millionen Franzosen stimmten dafür, 1500 dagegen. Bonaparte nahm die Wahl an und erlaubte 40000 Emigrantenfamilien die Rückkehr nach Frankreich. Sie erhielten zwar nur selten ihre Güter zurück, kamen aber oft im Staatsdienst unter. Jetzt zogen alle in Frankreich an einem Strang. Letztlich herrschte ein von feudalen Resten befreites faschistoides Führersystem mit dem unmittelbaren Nutznießer des französischen Kapitalismus, der zudem über eine schlagkräftige Armee verfügte. Das waren beste Voraussetzungen für die imperialen Träume der Bourgeoisie.
    Nachdem Bonapartes Friedensangebot abgelehnt worden war, mußte der neue Herrscher Frankreichs in Italien gegen die Österreicher bestehen. Im zweiten Halbjahr des Jahres 1800 standen die Franzosen hier auf Sieg, auch in Süddeutschland unter ihrem General Moreau gelangen ihnen mehrere Siege gegen Reichstruppen. Ein Separatfrieden vom 9.7.1801 zwischen Frankreich und dem Reich bestätigte die Ergebnisse von Campo Formio. Auch Rußland war aus der Liste der Gegner Frankreichs ausgeschieden. Zar Paul schloß ein Bündnis mit Schweden und Dänemark gegen England zur Erreichung des wichtigsten russischen Ziels, den Zugang zu den Weltmeeren und die Eroberung Konstantinopels. Die Engländer schickten Nelson in die Ostsee. Es kam zur Schlacht bei Kopenhagen, die England gewann und damit diese Länder am Zugang zu den Weltmeeren hinderte. Ein Vorgeschmack auf spätere imperialistische Auseinandersetzungen.

    Napoleon gefiel sich darin, nachträglich in den Berichten gewisse Umstände zu erfinden, durch welche er Eindruck machen wollte... Es passierte ihm, je nach dem Grade von Rücksicht, die er seinem Untergebenen zuteil werden ließ, oder je nach dem Grade des Vertrauens, das sie ihm einflößten, gewisse Siege zu verschweigen oder irgendeinen Fehler irgendeines Marschalls in einen Erfolg zu verwandeln. Mitunter erfuhr ein General durch ein Bulletin von einer Schlacht, die er niemals geschlagen oder einer Rede, die er niemals gehalten hatte. Ein anderer sah sich plötzlich in den Zeitungen mit Lob überschüttet und suchte vergeblich nach der Ursache, aus welcher er es verdient hätte. Man tat Einsprache gegen die Verschweigung oder Entstellung: aber wie sollte man auf das zurückkommen, was schon vergangen, gelesen und durch neuere Nachrichten überholt war? Denn die Schnelligkeit Napoleons im Kriege lehrte jeden Tag etwas Neues. Dann legte er demjenigen, der reklamiert hatte, Stillschweigen auf, oder, wenn es ihm nötig schien, den Beteiligten zu versöhnen, so gab er ihm eine Summe Geldes oder die Erlaubnis zu plündern, eine Kontribution zu erheben, und so endigte der Streit. (Claire de Remusat: Memoiren. Paris 1880.)

    Zurück zum wichtigsten Mann dieser Zeit und dessen politisches Schicksal: Bonaparte mußte immer noch den Ausgleich mit der katholischen Kirche finden. Die meisten Franzosen waren begeistert für die apostrophierten Ziele der Revolution, doch wenn es ans Sterben ging, so kamen katholische Würdenträger wieder in ihre angestammten Funktionen. Zehn Jahre Revolution und revolutionäre Wirren hatten daran nichts geändert: der Papst blieb Autorität für die meisten Franzosen. Wollte Bonaparte also die Herzen der Franzosen vollends gewinnen, so mußte er mit der Kirche einen Ausgleich finden. Das nennt sich Konkordat. Nach der Schlacht bei Marengo (Bonaparte nannte nach dieser Schlacht seinen Schimmel) kam es zu Gesprächen mit Pius VII., der seit 1799 Papst war. Es ging um die Wiederherstellung der französischen Kirche, wobei Bonaparte diese nicht wieder zur Staatsreligion machen wollte. Die römische Kurie konnte die französische Kirche in ihren Machtbereich einbetten und wurde die seit dem Mittelalter in Frankreich immer wieder aufbrechenden Versuche einer gallikanischen Nationalkirche los. Bonaparte sicherte sich die Unabhängigkeit des Staates von der Kirche. Eine Rückgabe des einstigen Kirchenbesitzes lehnte er ab. Pius VII. akzeptierte, daß kirchliche Würdenträger fortan vom Staat bezahlt wurden. Er konnte darauf spekulieren, daß viele einsame Herzen ihren Besitz im Testament der Kirche überschreiben würden. Das neue Investiturrecht schrieb eine Einsetzung des Bischofs durch den Staat vor, der von Rom bestätigt werden mußte. Die konstitutionellen Würdenträger wurden von Pius VII. wieder in den Schoß der Mutterkirche aufgenommen. Beide Seiten waren zufrieden, der Frieden zwischen Frankreich und der römischen Kirche war wiederhergestellt.
    Bonaparte arbeitete an der Gleichschaltung der öffentlichen Meinung. Als sich Widerspruch gegen seine Kirchenpolitik mehrte, entließ er die Widersprüchler aus ihren Ämtern. Von über 70 Zeitungen politischen Inhalts ließ er 60 verbieten. Die anderen durften ohne Zensur nichts mehr publizieren. Bonaparte benutzte jede Gelegenheit, seine politischen Gegner töten zu lassen. Deportation, selbst Grenzüberschreitungen ins Reich, wo sich viele Bonaparte-Feinde versteckt hielten, ließ er vornehmen. Nach drei Volksbefragungen, in denen Bonaparte seine Herrschaft statuieren ließ, 1799, 1802 und 1804, nahm er am 20.5.1804 die Bezeichnung „Napoleon, Kaiser der Franzosen“ an. Der Selbsternennung zum Kaiser folgte am 2.12.1804 in Notre-Dame zu Paris die Krönung. Den Akt nahm Bonaparte selbst vor: Er setzte sich die Krone aufs Haupt und dokumentierte so der Welt die Anmaßung der Rechtsnachfolge Karls des Großen. Aus der Legitimitätsherrschaft der Bourbonen wurde die Herrschaft des Volkssouveräns, der das Mandat des Volkes zu lebenslanger Herrschaft besaß. 4,5 Millionen hatten ja gesagt, 2500 nein.

    „Wenn er [der Papst] kommen wird, um die Krone aufzusetzen, würde es ein großer Fehler sein! Wollen Sie [Napoleon] diese bedauerliche Einrichtung [Investitur] wieder erstehen lassen, die den Päpsten das Recht verleiht, Kronen zu nehmen und zu verleihen? […] Der Papst kann nicht kommen, um den Kaiser zu krönen, denn er hat ihn bereits anerkannt. Meiner Ansicht nach muß der Kaiser mit der Krone auf dem Haupte zur Feier kommen. Er [der Papst] nimmt sie ab, wenn er [Napoleon] sich vor Gott verneigt, und segnet sie. Dann setzt der Kaiser sich die Krone wieder selbst aufs Haupt.“ (der französische Minister Cambaceres im Staatsrat vor den Feierlichkeiten der Kaiserkrönung Napoleons; In: Friedrich Kircheisen. Napoleon I. Leipzig 1927. Bd. VI, S. 36.)

    Napoleon gab jedem seiner Untertanen die Möglichkeit, berühmt und reich zu werden. Der Ruhm sollte durch Eroberungskriege mit dem gigantischen Heer erreicht werden: Reichtum und Ruhm. Zur Herstellung der inneren Ordnung ließ er das Papiergeld abschaffen und bestimmte eine feste Edelmetallwährung auf dem Fuß 15,5 (Silber) zu 1 (Gold). Zugleich ließ er die Infrastruktur entwickeln: Straßen, Kanäle, Deiche. Der Code Napoleon sicherte einheitliches Recht, zudem schaffte der französische Kaiser die allgemeine Wehrpflicht ab und ersetzte verlorene Truppenteile durch Aushebungen.


    Aufgaben:


    1. Fasse die Taktik Napoleon Bonapartes in einer Übersicht zusammen! Entwickle ein Schaubild! (II)
    2. Wäge die Leistungen Bonapartes gegenüber seinen Verbrechen ab! (II)
    3. Liste die Ereignisse auf, mit denen Bonaparte das Reich zerschlug! (I)
    4. Gehe begründend auf die zunehmend ablehnende Haltung der Deutschen gegenüber der Revolution und Bonaparte ein! Sammle Zitate von Befürwortern und Gegnern der Revolution! (II)
    5. Vergleiche den Kaiseranspruch Napoleons mit dem der Ottonen und Staufer und formuliere ein Ergebnis! (III)




    [1] Die Wählbarkeit der geistlichen Fürsten und die Rechte des Domkapitels bezeugen die urdemokratische Basis dieser kleinen Herrschaften, die neben dem Fehler der Machtlosigkeit (die im Reichsverband lag) nur den einen besaß: sie waren kirchlich. Das paßte weder dem nach Vernunft strebenden Zeitalter noch den nach Macht strebenden Franzosen oder Herzögen resp. Königen des Reiches.

    [2] Als Kabinettspolitik wird die Art von Politik bezeichnet, die ohne Beteiligung oder Kontrolle einer Volksvertretung und ohne Abhängigkeit von einer öffentlichen Meinung allein vom Gesichtspunkt der Staatsräson oder dem persönlichen Ehrgeiz des Fürsten bestimmt wird. Napoleon dagegen nahm in Anspruch, vom französischen Volk entsandt worden zu sein, was Volksentscheide auch augenscheinlich machten.

    [3] Das sind diejenigen, die die radikale Phase der Französischen Revolution 1794 mit dem Sturz Robespierres beendeten und sich an die Spitze des französischen Staates stellten.

    [4] Nach dem starken Mann wird immer dann gerufen, wenn die innenpolitische Situation für die meisten Menschen eines Landes unerträglich geworden ist. Sie sind dann auch bereit, Einschnitte ihrer persönlichen Freiheit in Kauf zu nehmen, was allerdings verfänglich ist und kruden Beamtenseelen wie Fouche die Möglichkeit schafft, mit einem Spitzelsystem eigene Herrschaftssysteme aufzubauen, die sie im Hitergrund arbeiten lassen und meist unabhängig vom jeweiligen Herrscher fortwirken, selbst wenn die innenpolitische Situation sich besserte und die Verhältnisse stabil sind.

    [5] Das ist ein ereignisgeschichtlicher Aspekt, wenn man das Verhältnis zwischen den Jakobinern und Napoleon darstellen möchte. Eine Analyse des historischen Verhältnisses würde ergeben, daß Napoleon das Jakobinertum aus dem Stadium einer Partei und einer Emeute [Aufrührer] in eine nationale Gestalt von säkulärem Charakter, in ein europäisches Prinzip erhob (Freyer) und zugleich die von den Jakobinern errungenen modernen Prinzipien der Mitgestaltung des Staatsganzen durch das schöpferische Volk darin aufhob.


+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •