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Thema: Die Lichtung (Schluß)

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Die Lichtung (Schluß)

    Auf Wunsch eines einzelnen Forenmitgliedes, das mich sogar telefonisch darum anging:


    Die Lichtung - Schluss

    "Fahr erst einmal in Richtung Diebolz, hinter dem Ort geht es dann rechts weg", wies der Maler Parma vom Rücksitz aus an.
    Pendell hatte die beiden schnell von der Dringlichkeit eines Besuchs in Marienhaupt überzeugt, ohne freilich sein persönliches Interesse an dem Ort preiszugeben. Er hatte sich hinter den Recherchen an einem neuen Buch versteckt. In ihm wolle er über die geheimnisvollen Kräfte von bestimmten Stätten schreiben, die in alten Zeiten bereits Naturgottheiten gewidmet waren und dann vom Christentum als heilige Orte übernommen wurden. Um das Interesse von Hauser und Parma zu wecken, führte er an, dass an solchen Punkten, die wahrscheinlich die Nahtstellen von Dimensionsverwerfungen waren, aufeinanderprallende Energiefelder freigesetzt wurden, die sogar Todgeweihte heilen konnten. Fatima in Portugal, der Ort der am besten dokumentierten Marienerscheinung, sei beipielsweise solch eine Stelle, an der schon zu neolithischer Zeit megalithische Großsteinbauten, wahrscheinlich Heilstätten, entstanden seien.
    Pendell verstand es geschickt, seine Argumente mit Fremdwörtern und philosophischen und kulturhistorischen Versatzstücken zu spicken. Wieder einmal machte sich seine profunde Halbbildung bezahlt: Er erntete uneingeschränkte Bewunderung. Seine Zuhörer schienen Feuer und Flamme, die Wunder von Marienhaupt am eigenen Leibe zu erspüren.
    "Provinz", dachte Pendell herablassend, als er mit den beiden in Parmas Wagen stieg. "Komm ihnen welterfahren und sie küssen Dir die Füße."
    Sein ordentlicher Anzug, sein selbstsicheres Auftreten und ein wenig rhetorische Schulung öffneten ihm alle Türen, die sonst verschlossen geblieben wären.
    Es war jedoch durchaus nicht Pendells von ihm etwas überschätztes Charisma, das die beiden überredet hatte, ihm zu folgen. Hätte der Autor die wahren Gründe geahnt, wäre sein Selbstvertrauen einigermaßen erschüttert gewesen: Parma wollte sein Interview. Er entwarf bereits in Gedanken spöttische Sätze über diesen Ausflug. Solch einen Artikel konnte er vielleicht sogar in der Tageszeitung unterbringen. Hauser auf der anderen Seite wollte sich bei Pendell einschmeicheln. Nachdem er erfahren hatte, was für eine Berühmtheit der Mann war, hoffte er, der Autor würde ihn weiterempfehlen. Deshalb hatte er auch die Frage des Autors, ob er beim Malen seines Bildes etwas Ungewöhnliches gespürt habe, bejaht und von einem erregenden Ort voller Stimmungen gesprochen. Weder Hauser noch Parma glaubten eine Sekunde an Pendells pseudoantropomorphe, memokinetische Dimensonsvektoren, deren Emanationen Kreise in Kornfeldern schufen und Tote zum Leben erweckten.
    Nachdem sie den Stadtverkehr verlassen hatten und über eine breie Landstraße in Richtung Diebolz fuhren, interviewte Parma weiterhin Pendell. Nun wich er allerdings von der Hofberichterstattung ab und stellte kritischere Fragen, die meist unbeantwortet blieben. Hauser kämpfte auf dem Rücksitz mit dem Schlaf. Die ganze Zeit über fuhr ein blauer Wagen hinter ihnen her, immer den gleichen Abstand haltend. Keiner der drei bemerkte den Verfolger, nicht einmal Parma, der mehr auf die eleganten Formulierungen seiner Fragen als auf den ohnehin spärlichen Straßenverkehr achtete.
    Der Vormittag verlor langsam seinen gutmütigen Charakter. Von Westen zogen schwere Wolken auf. Als Parma ein Stück hinter Diebolz keine Fragen mehr einfielen und er in eine schmale Allee einbog, musste er bereits den Scheibenwischer einstellen.
    Der Autor starrte abgelenkt auf die hüglige, belandwirtschaftete Gegend, während er seinen Gedanken nachhing. Seine Euphorie war inzwischen einer flauen Anspannung gewichen, die in seinem Unterleib saß und auf die Blase drückte. Er hätte Parma gerne gebeten, anzuhalten, damit er kurz in den Büschen verschwinden konnte. Aber das passte nicht zu dem Bild, das er von sich zeigen wollte. Folglich biss er die Zähne zusammen.
    Längst war sich Pendell seiner und der Magie der Lichtung nicht mehr so sicher, viel trug das Regenwetter bei, das ihn an dem Erfolg der Unternehmung zweifeln ließ.
    Pendell dachte an den Tod und hatte plötzlich Angst. Nein, er glaubte nicht an ein Leben danach. Danach sah er nur ein Nichts, das ihn täglich zu verschlingen drohte, das ihn nachts nicht einschlafen oder schweißgebadet erwachen ließ. Er sträubte sich mit jeder Faser seiner Existenz gegen das Älterwerden, das ihn in jedem Augenblick, der verrann, dem Sterben näher brachte. Er fühlte dunkel, wie er langsam starb. Sein Totenschädel grinste ihm schon seit Jahren aus den Spiegeln entgegen.
    Pendell wusste genau, wie banal seine Furcht und seine Gedanken waren. Wie er gleichzeitig einsah, hatte er auch keine Wahl. Das war ihm das Schrecklichste: Seine Chancenlosigkeit und die Einsamkeit, die er dabei empfand. Mit seiner Literatur hatte er die Flucht nach vorn angetreten: Mit seinen Büchern strebte er nach Unsterblichkeit. Er wollte überzeugt werden, dass es ein Überleben gab, dass mehr in diesem Körper war, etwas, das blieb, wenn der Leib starb: eine Seele. Fieberhaft suchte er die Nähe von Menschen, die an die Unsterblichkeit glaubten und sie zu belegen versuchten.
    All diese Esoteriker, Parapsychologen, Schamanen, Astrologen, Psi-Spezialisten, Spiritisten, Naturphilosophen und Wünschelrutengänger, die Hexen, Medizinmänner, Magier, Wahrsager, Kartenleger, Ufologen, Hellseher, Mystiker und Rosenkreuzer, die Wunderheiler, Gurus, Pendler, Geisterseher, Kabbalisten, Gesundbeter, Gedankenleser, Vodoopriester und Theologen, denen er begegnet war: Sie alle suchten wie er nur die Antwort auf die eine Frage. Wie werde ich meinen Tod überleben können?
    Ihre Antworten fielen so unterschiedlich wie ihre Wege aus. Keiner hatte Pendell überzeugen können. Vielleicht hatten alle recht, aber er vermutete die Wahrheit im Gegenteil.
    Doch nun bekam er seine persönliche Chance. Er hatte zum erstenmal in seinem Leben etwas erfahren, das er nicht erklären konnte, das Unbekannte hatte ihn berührt. In jener Lichtung in Marienhaupt gab es seine Gelegenheit, seinem persönlichen Tod zu entwischen. Dabei wusste er nicht einmal, was er eigentlich erwartete. Eine Verjüngung? Potenz für den Rest seines Lebens? Oder gar einen Kontakt mit einem Geistwesen, das seine Horizonte für immer öffnen und ihn eine höhere Stufe des Menschseins erleben ließ? Vielleicht würde überhaupt nichts geschehen. Aber er fühlte sich weiterhin gerufen. Er hatte den starken inneren Drang, die Lichtung seiner Hoffnung aufzusuchen. Ihm war, als verdichte sich sein Leben an diesem Punkt. Er konnte den roten Faden erkennen, der ihn hierher geführt hatte. Was würde danach sein? Er konnte es sich nicht vorstellen.
    "Jetzt links!" rief der Maler spät und Parma nahm die Kurve mit quietschenden Reifen. Der Autor wurde schmerzhaft gegen die Beifahrertür gedrückt und schreckte hoch.
    "Sind wir da?" fragte er.
    "Noch nicht, aber wir können unser Ziel schon sehen."
    Hauser deutete zwischen den beiden Vordersitzen nach vorn. Es regnete stärker. Marienhaupt lag auf einem lang hingestreckten Hügel, den Parma hinauffuhr. Dichter Wald schob sich auf der anderen Seite den Hang hinab. Das Dorf bestand aus ein paar Häfen, der Wallfahrtskirche und einem großen Wirtshaus.
    "Die Lichtung liegt im Wald, in der Nähe der Mariengrotte. Man kommt vom Dorf nur zu Fuß hin", erläuterte Hauser.
    Parma parkte vor dem Gasthof. Er sah beim Aussteigen auf die Uhr.
    "Es ist fast Mittag. Wollen wir zuerst einkehren? Vielleicht bessert sich das Wetter ja in einem Ständchen. Über dem Wald sieht es schon heller aus."
    Pendell krempelte den Kragen seines Jacketts in die Höhe und sah zweifelnd nach oben.
    "Mir wäre lieb, wenn wir gleich gingen. Im Wald wird es trockener sein. Ich lade Sie beide danach zum Mittagessen ein."
    Parma zuckte mit den Schultern. Er wartete einen blauen Wagen ab, der langsam vorbeifuhr. Dann nahm er aus dem Kofferraum einen Schirm.
    "Mir soll es recht sein."
    Pendell sah zu dem Maler. Der holte aus dem Rücken seiner Windjacke eine Kapuze, die er über den Kopf schob. Anscheinend war nur der Autor nicht auf Regen vorbereitet.
    "Gut, gehen wir. Da geht es lang."
    Hauser deutete auf einen beschilderten Waldweg und setzte sich in Bewegung. Parma und Pendell folgten schweigend. Der VHS-Mitarbeiter dachte nicht daran, dem Autor Schutz unter seinem Schirm anzubieten. Pendell wurde schnell nass. Die drei gingen stumm den ausgetretenen Pfad, der sich als Kreuzweg entpuppte. Der Autor zählte die Stationen, aber der aufwärts gerichtete Weg zog sich hin, schien ihm kein Ende zu nehmen. Mit jedem Schritt kamen ihm größere Zweifel an dem Erfolg seiner Unternehmung.
    Die heilige Stelle war enttäuschend: Die Grotte bestand nur aus einem künstlichen, mannshohen Steinhaufen neueren Datums, im dem in einer Nische eine geschmacklose Kopie der Madonna von Lourdes stand. Davor war ein etwas abgesenkter Platz, der etwa fünf Meter im Rund hatte und von einer bunten Vielfalt von Votivtafeln aus vielen Jahrhunderten eingerahmt war. Direkt vor der Grotte moderte eine einzige, wacklige Betbank. Das Grau des Regentages verdüsterte noch das Halbdunkel des Waldes und die wenigen roten Lichter zu Füßen der Jungfrau wirkten auf den Autor eher lächerlich als erhaben.
    "Das also ist der Ort, an dem sich die Universen reiben. Bemerkenswert", spottete Parma.
    Pendell forderte ihn mit einer gebieterischen und zornigen Geste zum Schweigen auf. Dann trat er vorsichtig spürend in den Kreis. Er sah nach oben, um sich zu sammeln. Regen traf ihn im Gesicht.
    Der Autor fühlte Leere. Hier war nichts; die Grotte hatte keinerlei Emanation, die er fassen konnte. Nun, es war nicht die Stelle, zu die er wollte. Er wand sich an Hauser.
    "Das ist nicht der rechte Ort. Wo ist die Lichtung, die sie gemalt haben?"
    Der Maler deutete zur Seite; dort war nur dichtes Unterholz.
    "Nicht weit weg von hier, in dieser Richtung. Jetzt wird es allerdings etwas ungemütlich zu gehen."
    Pendell hob die Hand.
    "Sie führen uns."
    Hauser nickte ergeben, dann tauchte er in das noch trockene Zweigwirrwarr der Fichtenschonung. Pendell folgte ihm auf den Fuß. Parma zögerte ein wenig, ob er sich dieser Anstrengung aussetzen sollte, aber dann siegte seine Neugierde. Er schloss den Schirm und machte eine bedauernde Geste. "Nicht so schnell bitte!" rief er den anderen hinterher.
    Es war kein einfaches Unterfangen, sich durch das Unterholz zu arbeiten. Ständig blieben die drei an trockenen Zweigen hängen, schlugen ihnen Äste ins Gesicht. Der Autor riss sich den Ärmel seines wertvollen Kashmirjacketts auf. Er bemerkte es nicht einmal. Viel zu angestrengt versuchte er, dem wendigen Hauser zu folgen, der zielstrebig und gebückt durch den Ästedschungel kroch. Längst atmete Pendell schwer. Schweiß und Dreck verklebten sein Gesicht. Wenn er sich jetzt selbst gesehen hätte, wäre er über den Anblick tief erschüttert gewesen. Das Erschrecken wäre weniger an seinem Äußeren gelegen, denn das konnte er innerhalb kurzer Zeit wiederherstellen, es wäre der Blick in seinen Augen gewesen, der ihn er-schüttert hätte. Es war ein unruhiger, gehetzter Blick, dem er schon häufig bei Menschen begegnet war, denen die Jagd nach den letzten Wahrheiten den Verstand zerrüttet hatte. Zuletzt war er ihm gestern bei dem geisteskranken Holger begegnet.
    Eine Viertelstunde kämpften sich die drei stumm weiter. Als der Fichtenbewuchs jünger und dichter wurde, begann Hauser rückwärts zu gehen, da er sich einbildete, auf diese Weise leichter voranzukommen. Er sah ein wenig wie ein Käfer aus. Parma fluchte, als er mit der Stirn gegen einen dicken Ast rannte.
    "Ist es noch weit?" fragte er gefährlich ruhig.
    "Nicht mehr weit", versuchte ihn der Maler zu beruhigen, aber seine Stimme hatte einen etwas unsicheren Klang. Pendell hoffte inständig, dass Hauser wusste, was er tat, denn er selbst hatte längst die Orientierung verloren. Da die Sonne nicht schien, die ihm eine Richtung hätte angeben können, hatte er auch keine Hoffnung, sie jemals wiederzufinden. Er sah sich schon tagelang hungernd und dürstend in dem Wald umherirren.
    "Diese Lichtung ist recht groß, wir können sie eigentlich nicht verfehlen. Es war auch eine Jagdhütte da, wo wir uns unterstellen können. Dort habe ich das Bild gemalt. Es ist die richtige Richtung, ich kann mich nicht so irren... Auch wenn es mir nicht so weit vorgekommen ist", erläuterte Hauser beschwichtigend, während er an seinem Sweatshirt die feuchte Brille reinigte.Er versuchte sich selbst von seinen Worten zu überzeugen.
    Die Beschwörung half. Nur wenige Schritte weiter wurde es schlagartig lichter. Hohe Fichten standen weit auseinander, Farnkraut und Gräser bedeckten nun knietief den Boden. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, aber schwere Tropfen klatschten von den Bäumen. Pendells unsicherer Schritt tappte in eine unsichtbare, schlammige Pfütze. Er unterdrückte eine unflätige Bemerkung und versuchte vergeblich, seine hoheitsvolle Haltung zurückzugewinnen. Er strich ein paar kleine Zweige aus dem Haar. Es tat weh, weil sie sich verfilzt hatten. Parma, der diese Probleme nicht kannte,lächelte in seinem Rücken zynisch. Hauser gewann seine Zuversicht zurück.
    "Jetzt sind wir gleich da, nur noch ein paar Meter. Da vorn ist der Wald zu Ende."
    Er hatte recht. Das Ende der Baumreihen war deutlich zu erkennen, dahinter musste eine große, helle Lichtung sein, die, obwohl es leicht bergab ging, noch nicht einzusehen war.
    Erneut wühlte starke Anspannung in Pendells Unterleib. Jetzt würde sich gleich entscheiden, ob er einem Hirngespinst aufgesessen war oder dem Tod ein Schnippchen schlagen konnte. Jeder Schritt brachte ihn der Entscheidung näher. Er fror und das lag nicht daran, weil er vom Regen durchnässt war. Schon glaubte er, etwas zu spüren, sein Gesicht glühte.
    Parma schloss auf und die drei stolperten nebeneinander über einen Graben hinaus auf die Lichtung. Der glatzköpfige Mann erholte sich von dem Anblick als erster. Er klopfte mit seinen schmutzigen Schuhen auf den Asphalt, um sie vom gröbsten Dreck zu befreien. Dann lachte er freudlos auf.
    "Nun, wir haben uns wohl etwas verlaufen, oder?" fragte er und wurde zornig. Hauser sah verblüfft über den großen Parkplatz, der sich vor ihnen in Terrassen den Hügel hinab ausbreitete. Er war fast leer, nur weit unten stand ein vereinzelter blauer VW-Golf.
    "Wir haben uns nicht verlaufen!" rief er. "Das ist der richtige Ort, ganz sicher. Da ist auch noch die Jagdhütte."
    Tatsächlich war rechts von ihnen ein hölzerner Unterstand.
    "Dann ist Dir aber beim Malen ganz schön die Phantasie durchgegangen. Lasst Blumen wachsen statt Beton", stichelte Parma.
    "Ich verstehe das nicht. Es ist nicht zu glauben. Vor zwei Jahren war hier noch kein Parkplatz. Es war einfach eine Lichtung."
    Parma zeigte auf einen Wegweiser, der nur wenige Schritte neben ihm einen breiten, geteerten Pfad markierte. "Zur Mariengrotte, 5 Minuten", stand da.
    "Und Du Idiot hetzt uns eine halbe Stunde quer durch den Urwald! Wir hätten mit dem Auto herfahren können."
    Er langte sich ans Hirn. "So dumm muss man erstmal sein!"
    "Aber woher sollte ich denn wissen...", verteidigte sich Hauser schwach.
    In diesem Augenblick sackte Pendell zwischen ihnen erschöpft und verzweifelt auf die Knie und unterbrach die Auseinandersetzung.
    "Das darf nicht wahr sein!" rief er und rang die Hände. "Das kann nicht wahr sein."
    Der Autor schämte sich seiner Tränen nicht. Sein Traum zerbrach am Beton des Platzes. Noch nie in seinem Leben war so enttäuscht worden; nicht einmal damals, als ein Lektor mit spöttischen Worten seinen ersten Roman abgelehnt hatte.
    "Ich spüre nichts!" jammerte er. "Es ist alles tot. Wenn hier jemals ein Zauber war, dann haben sie ihn unter dem Asphalt begraben, diese gottverdammten Narren!"
    Der blaue Wagen ein Stück unter ihnen nahm Fahrt auf und näherte sich langsam. Keiner der drei achtete auf ihn. Hauser versuchte, den am Boden zerstörten Autor aufzurichten, während er ihm begütigend zuredete. Parma war dieses Schauspiel peinlich. Er beschäftigte sich interessiert mit einem Hinweisschild ein paar Meter weiter rechts, das auf die regelmäßigen Autosegnungen auf dem Parkplatz jeden zweiten Sonntag im Monat aufmerksam machte.
    "Also ist das doch ein besonderer Ort", sagte er bissig und hob den Kopf, weil er ein Motorengeräusch in seiner Nähe hörte Er starrte auf ein Auto, das jetzt bedrohlich nah war und beschleunigte. Die Motorhaube zielte wie eine Waffe auf Hauser und Pendell. Parma stieß einen Warnruf aus und der Maler sah auf. Das Auto schrammte nur wenige Zentimeter an Parma vorbei. Er taumelte entsetzt zurück und setzte sich auf den Hintern.
    Hauser, der den Wagen direkt auf sich zu kommen sah, reagierte trotz seiner Überraschung schnell. Er schleuderte Pendell, den er halb aufgerichtet in den Armen hielt, wie einen Kartoffelsack zur Seite. Der Autor fiel zwar hart auf das Gesicht, aber er war aus der unmittelbaren Gefahr. Hauser selbst allerdings hatte keine Chance mehr. Er schaffte zwar noch einen Schritt, aber dann traf ihn der Kotflügel. Er konnte deutlich spüren, wie etwas in ihm zerbrach, dann lag er auch schon im Dreck. Gleichzeitig bremste der Wagen, kam dabei ins Schleudern, schlug hinten aus und rutschte quer in den Graben, der ihn endlich zum Halten brachte.
    Für eine Minute bewegte sich nichts. Parma war als erster wieder auf den Beinen. Er sprang zu Hauser, der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Asphalt lag und jammernd eine Hand über seinem linken Bein krampfte. Seine Brille lag zersplittert neben ihm.
    "Ich glaube, ich habe mir etwas gebrochen", stöhnte er. Parma nickte bestätigend mit einem Blick auf das eine Handbreit unter dem Knie seltsam abgeknickte Bein.
    "Bleib ruhig liegen", mahnte er. "Ich werde Hilfe holen."
    "Wie konnte das passieren?" Pendell rappelte sich auf.
    Eine Gesichtshälfte war aufgerissen und blutete. Die schmutzige Wunde sah erschreckender aus, als sie es tatsächlich war. Pendell bemerkte nicht mehr als Wärme im Gesicht.
    "Wie konnte das passieren?" wiederholte er erstaunt und trat zu Parma, der sich um den verletzten Maler mühte.
    "Ist es schlimm?" fragte er und ihm wurde flau. Hätte ihn Hauser nicht zur Seite geworfen, hätte der Wagen ihn erwischt.
    "Nur wenn ich lache." Hauser konnte sich diese Antwort trotz seiner Schmerzen nicht verkneifen.
    "Schauen Sie lieber einmal nach dem Fahrer des Wagens", ächzte er.
    Pendell nickte und wand sich um. Er hatte das Auto für einen Moment völlig vergessen. Es schien ihm nicht sehr beschädigt zu sein.
    Er öffnete die Fahrertür. In dem Sicherheitsgurt hing benommen die ältere Frau, die ihn seit gestern verbissen verfolgte. Sie hatte eine klaffende Wunde auf der Stirn. Sie sah auf, ihr hasserfüllter Blick traf Pendell.
    "Ich habe Dich verfehlt." stieß sie kaum verständlich hervor.
    "Nächstes Mal wird es mir gelingen."
    Dann begann sie zu schreien.

    Ein überraschendes Rumpeln des Zuges weckte den Autor aus seinem leichten Schlaf. Er schmatze genüsslich mit den Lippen, denn er hatte für einen Augenblick den Geschmack von Roter Grütze auf der Zunge, der jedoch fast sofort wieder verschwand.
    Er blinzelte. Das Manuskript, über dem er eingenickt war, begann ihm von den Schenkeln zu rutschen, aber mit einem gedankenschnellen Griff, auf den er sich viel zugute hielt, erwischte er es noch. Er legte die Blätter auf den leeren Sitz neben sich. Es sollte die Einführung zu einem neuen Buch werden, deren erste Gedanken er notiert hatte. Er war nicht sehr zufrieden damit.
    Pendell sah aus dem Abteilfenster in die Dunkelheit, durch die ihn der ICE nach Hause brachte. Sein Blick rutschte von den wenigen Lichtern ab und er starrte sich selbst über das Spiegelbild der zitternden Scheibe in die Augen. Der Autor lächelte sich zu. Nur ein schmales Pflaster an seiner Backe erinnerte ihn noch an die wenig angenehmen Ereignisse des Tages. Er war glücklich, sie hinter sich gebracht zu haben.
    "Welch eine Verwirrung!" dachte er und griff zur Seite, holte aus der Innentasche seines Mantels eine Pfeife, die er umständlich stopfte und mit Genuss paffte. Er rauchte nicht oft, denn er achtete auf seine Gesundheit. Er tat es nur, wenn er mit sich selbst überaus zufrieden war. Sein Auge rutschte über sein Gepäck, das nur aus einer prallgefüllten Reisetasche und dem wieder in Packpapier gewickelten Bild bestand.
    Noch am Nachmittag hatte er das Gemälde nicht behalten wollen, zu sehr erinnerte es ihn an das peinliche Erlebnis auf dem Parkplatz. Er wollte es seinem Lektor schenken, der es im Verlag in einen dunklen Bürogang hängen würde. Dort konnte man es dann vergessen. Es war das Beste, was dem Bild passieren konnte. Als Pendell jedoch gegen Abend von der Polizei zu Packen zurück ins Hotel gekehrt war und einen ernüchterten Blick auf das Gemälde warf, traf es ihn erneut. Es hatte nichts von seiner Wirkung auf ihn verloren. Die Ausstrahlung traf ihn wie ein Schlag, machte seine Hose eng. Er war versucht, beim Portier nach einer eindeutigen Adresse zu fragen, entschied sich dann aber, stattdessen zu duschen. Der kühle Wasserguss half ihm zu klareren Gedanken.
    "Nun," dachte er, "der Spatz in der Hand..."
    Die Lichtung war zerstört. Das war zwar mehr als bedauerlich, aber ein Teil der Ausstrahlungen waren ja in das Bild übergegangen. Das Gemälde war, siehe Platon, wie der Schatten eines Gegenstandes, den das Feuer der ewigen Ideen an die Wand warf. Da konnte er sich nicht täuschen. Auch der Parkplatz war sicher noch ein Ort der Macht, allerdings einer pervertierten macht, die normale Menschen so verwirrte, dass sie mörderische Gedanken hegten. Nur auf diese Weise konnte der Autor sich den Anschlag auf sein Leben erklären.
    Pendell zuckte mit den Achseln. Gut, er war dem Geheimnis des Universums nicht näher gekommen; aber er hatte ein Objekt, das in ihm ans Wunderbare grenzende sexuelle Energien weckte. Das war auch nicht schlecht. Und schließlich war er noch nicht einmal fünfzig, auch wenn er sich diesem Alter näherte; vielleicht bot sich ihm noch eine weite Gelegenheit. Wie hatte er doch in seinem letzten Buch geschrieben?
    "Wenn er dich einmal berührt hat, kehrt der Kosmos unfehlbar wieder. Es gibt immer eine zweite Chance, man muss sie nur erkennen."
    Pendell war gewillt, sich diesmal selbst zu glauben, was er nur selten tat.
    Die Abteiltür öffnete sich halb.
    "Ist hier vielleicht noch frei?"
    Der Autor sah auf und sein Lächeln, das er schon eine geraume Weile im Gesicht trug, wurde breiter. Eine blonde, attraktive Frau schob ihren Kopf durch die Tür. Sie war sicher zwanzig Jahre jünger als er. Pendell nickte erfreut. Welch ein herrlicher Zufall. Sie war genau die Ablenkung, die er benötigte.
    "Wenn Sie meine Pfeife nicht stört."
    "Aber nein, im Gegenteil, ich mag den Geruch", erwiderte sie und setzte sich ihm gegenüber ans Fenster. Pendell musterte selbstvergessen den exhibitionistischen Ausschnitt ihrer Bluse, wo ein Ying-Yang-Anhänger fast im Karschnitt der Brüste verschwand. Sein Blick rutschte langsam hinab zu den Beinen, die sie kokett übereinanderschlug, wobei sich der kurze Rock fast bis zu den Hüften emporschob. Sein Mund wurde trocken. Er suchte nach einem gelungenen Gesprächsbeginn, wurde aber dieser Mühe auf überraschende Weise entledigt.
    "Sagen Sie mal, ich will Sie nicht stören, aber sind sie zufällig Dr. E. S. Pendell?" fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag und lächelte entwaffnend. Sie sprach den Namen englisch aus. Der Autor hörte im Hintergrund Glocken läuten und nun war er sicher: Es gab keinen Zufall. Ein intensiver Wunsch konnte die Wirklichkeit formen.
    "Wie kommen Sie darauf?"
    "Ich frage nur, weil..."
    Sie entnahm ihrer Handtasche die 'Netze kosmischer Energien' und deutete auf sein Portrait auf dem Einband.
    "...Sie sehen ihm sehr ähnlich, finden Sie nicht?" Pendell sah prüfend auf das Bild, ein Halbprofil, das ihm schmeichelte.
    "Ich denke, dafür gibt es eine einfache Erklärung. Ich bin es tatsächlich."
    Sie schlug erfreut die Hände zusammen.
    "Das ist wirklich ein großartiges Buch. Es ist so spannend und lehrreich; vor allem das Kapitel über die Liebe auf den ersten Blick. Sas ist ganz außerordentlich schön und wahr. Was für eine Freude, Ihnen einmal persönlich zu begegnen."
    "Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Es ist mir immer ein Vergnügen, einen Leser kennenzulernen", sagte er und für diesmal war es nicht einmal gelogen. Er nickte nachdrücklich. Das würde ein herrlicher Abend werden. Er hatte es im Gespür. Es gab da eigentlich nur eine Sache, die schiefgehen konnte.
    Dann lächelte er über das ganze Gesicht und deutete auf das verpackte Gemälde:
    "Ich würde Ihnen gern ein Bild zeigen; es ist ganz außerordentlich."


    ------------------
    hks
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  2. #2
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Sir Klammer,
    ich bedanke mich für die Erfüllung des Wunsches eines einzelnen Forinthen. Vielleicht hätte ich Dich nicht so drängen sollen? Zwar gibt es genug Schmunzeln lockende Sätze - pseudoantromorphe, memokinetische Dimensionsvektoren -, doch insgesamt erscheint mir Teil 6 als zuviel beschrieben, die Spannung litt...und teilweise auch ungenau beschrieben. Kaschmir, wenn es überhaupt eine Hose gibt, ist kein ordentlicher Anzug. Cashmere, woven in Scotland, ist etwas flockig locker Angenehmes. Ich weiß das.
    Im nachhinein gesehen: Wozu bedarf es auf der Fahrt zur Lichtung überhaupt des Parma? Ich habe den Eindruck, er füllt nur die Zeilen. Das Motiv für den Anschlag der Frau im blauen Golf noch einmal hervorzuheben, erscheint mir wichtiger. Ehrlich gesagt, hätte ich mir den Schluß auch etwas geheimnisvoller gewünscht, obwohl ich die Enttäuschung Pendells durchaus verstehen kann. Ich bin selbst einmal nach Patmos geflogen, um in der Höhle des Hl. Johannes eine Erleuchtung zu finden. Wenigstens eine. Das einzig Erleuchtete in mir war die Erheiterung, als der patmosische Küster die Heiligenbildchen mit Meister Proper von den Küssen brünstiger Griechenweiber befreite.
    Für meinen Geschmack hätte zumindest die Austernlady noch einmal kurz durch die Fichtenschonung huschen dürfen, um die Faszination zu erklären, die Hauser beim Malen des Bildes gespürt haben mußte. Na ja, sein Gemälde erfüllt einen guten Zweck. Vielleicht gibt es bald einen Sturm auf Bilder verkannter Genies. Das wär's doch.

    In diesem Sinne mein Dank für eine tolle Geschichte... vielleicht noch ein bißchen Zeit für den Schluß.

    Grüße Hannemann

  3. #3
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Schon zu Ende? Gib es zu, lieber Klammer, Du wolltest es nicht länger schreiben von Anfang an, was? Dabei füllen andere Autoren mit so einem Stoff, ach was, mit viel weniger Esprit, locker fünfhundert Seiten und erzielen millionenfache Auflagen weltweit. Mach das doch auch so.
    Ich finde es schade, dass Du Inhalte, die Du noch Deine Figuren hättest vermitteln lassen können, per zwischegeschaltetem Erzähler im Kopf Pendells auf geraffte didaktische Weise vermittelst. Weiterhin könnte das esoterische Viagra-Motiv durchaus noch ein paar Durchführungen vertragen.
    Eingeweihte Esoteriker würden Dir sagen, dass das mit dem Parkplatz so nicht in Ordnung ist. Selbst wenn alles zubetoniert und mit Teer zugekleistert ist... die geheime Macht wirkt noch. Auch der König der Horrorerzähler kennt sowas. Davon abgesehen ist die Idee mit dem Auto-Attentat eine recht bündige Geschichte und flott genug erzählt. Nun ja, Todesandeutungen an sich machst Du ja vorher genug, so dass man schon fast ahnen kann, dass es Pendell nicht erwischt. Und gerade deshalb, meine ich, müsste es noch ein Bisschen weitergehen können.
    Lass uns von novellistischem Erzählen reden. Das hier ist keine Novelle. Der Text, und ich beziehe mich auf den Inhalt jetzt, ist in bester amerikanischer Manier der Kurzgeschichten des 19. Jh. verfasst. Hawthorne und Poe, aber auch Melville lassen grüßen. Und das ist gut so.
    Nach einer gewissen Textarbeit und der Überarbeitung einiger Passagen würde daraus sicher ein Text, den einer breiten Leserschaft zu präsentieren sich lohnte.
    Das war durchaus Unterhaltung mit einem großen Schuss Zeitgeistwürze.
    für das Lesevergnügen dankend
    uis

  4. #4
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    ...und wenn ich schon dabei bin, hole ich den Schluss auch gleich zum Korrigieren nach oben. Also, Robert, Edjuschka oder wer auch immer, ich harre und hoffe...
    und bin dankbar.

    Klammer
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  5. #5
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    "Fahr erst einmal in Richtung Diebolz, hinter dem Ort geht es dann rechts weg", wies der Maler Parma vom Rücksitz aus an.
    Pendell hatte die beiden schnell von der Dringlichkeit eines Besuchs in Marienhaupt überzeugt, ohne freilich sein persönliches Interesse an dem Ort preiszugeben. Er hatte
    HATTE ersetzen
    sich hinter den Recherchen an einem neuen Buch versteckt.
    Wie soll ich das, bitte, verstehen? Merke: Die hohe Kunst des Schreibens besteht darin, in einfachen Mitteilungen mehr mitzuteilen, als man eigentlich beabsichtigt hatte, wissentlich zumindest. Das Unbewußte findet einen Weg zum Unterbewußen.
    In ihm wolle er über die geheimnisvollen Kräfte von bestimmten Stätten schreiben, die in alten Zeiten bereits Naturgottheiten gewidmet waren und dann vom Christentum als heilige Orte übernommen wurden.
    Du weißt, wie sehr ich diese WURDE, HATTE, WAR-Sätze liebe! Außerdem erscheint mir der Zusammenhang nicht sehr gegeben, zumindest unpräzise zu sein. Die Christen übernahmen Orte? Die Kirche? Örtliche Reviervorsteher? Wie muß ich mir das vorstellen? - Hier besteht Erklärungsbedarf.
    Um das Interesse von Hauser und Parma zu wecken, führte er an, daß an solchen Punkten, die wahrscheinlich die Nahtstellen von Dimensionsverwerfungen waren, aufeinanderprallende Energiefelder freigesetzt wurden, die sogar Todgeweihte heilen konnten. Fatima in Portugal, der Ort der am besten dokumentierten Marienerscheinung, sei beipielsweise solch eine Stelle, an der schon zu neolithischer Zeit megalithische Großsteinbauten, wahrscheinlich Heilstätten, entstanden seien.
    Bißchen viel auf einmal. Ich war neulich in der Fatima-Kirche bei Passau. Ausgesprochen ätzend. Ich würd' mich über eine liebenswertere Fiktion der Ewigjungfräulichen hier in einem motivischen Diskurs freuen. - Die Idee ist gut, also Heiligtümer wissenschaftlich zu erklä#ren. Das könntest Du mit Pendells Charakteristik verbinden, vielleicht einer Episode der Erforschung. Ja, hier ist mehr angesagt.


    Okay, bringen wir den Text ein bi?chen weiter. Vielleicht macht auch ein andrer mal Textarbeit. Warum immer ich? seetyca, zeig mal, was Du kannst, schweers, Du darfst auch und vom ENGEL hab ich auch noch nichts gesehen. Ach ja, shadow, Du wolltest TESTEN, hier zeige Dich als Zeuge!

    Pendell verstand es geschickt
    Den empirischen Beweis mußt Du schuldig bleiben, denn lautet die Frage für wenigstens jeden zweiten Leser hier: Wodurch bzw. Wie machte es Pendell? Das ist die Kunst, diese Geschicklichkeit an wenigstens einem Beispiel zu zeigen.
    , seine Argumente mit Fremdwörtern und philosophischen und kulturhistorischen Versatzstücken zu spicken. Wieder einmal machte sich seine profunde Halbbildung bezahlt: Er erntete uneingeschränkte Bewunderung. Seine Zuhörer schienen Feuer und Flamme, die Wunder von Marienhaupt am eigenen Leibe zu erspüren.
    Wiederholung der Satzkonstruktion. Genauer hier bitte. - Das mit der halbbildung habe ich nie verstanden. Jeder hat Wissenslücken. Ab wann gilt man als "gebildet"?
    'Provinz', dachte Pendell herablassend, als er mit den beiden in Parmas Wagen stieg. "Komm ihnen welterfahren und sie küssen dir die Füße."
    Mit wem spricht er, welche Reaktion hat das?
    Sein ordentlicher Anzug, sein selbstsicheres Auftreten und ein wenig rhetorische Schulung öffneten ihm alle Türen, die sonst verschlossen geblieben wären.
    Es war jedoch durchaus nicht Pendells von ihm etwas überschätztes Charisma, das die beiden überredet hatte, ihm zu folgen.
    krumm konstruiert; Der Aufbau ist nicht gut. Solche Passagen müssen jetzt nicht kommen, da muß alles klar sein. jetzt straff die Geschichte einem Ende zuführen, nicht erklären und deuteln. Am Anfang vertrüge das Ganze etwas mehr Breite, also Motivationen und Spekulationen. - Oder aber: Du holst noch weiter aus. Aber beides zusammen? [QUOTE}Hätte der Autor die wahren Gründe geahnt, wäre sein Selbstvertrauen einigermaßen erschüttert gewesen: Parma wollte sein Interview. Er entwarf bereits in Gedanken spöttische Sätze über diesen Ausflug. Solch einen Artikel konnte er vielleicht sogar in der Tageszeitung unterbringen.[/quote]siehe vorige Anmerkung; warum erfahre ich erst hier etwas über die Motivationen und Hintergedanken des Interviewers? Du kannst den als Widerpart schon anfangs deutlicher machen, Du kannst ihn wie eine diabolische Gestalt aus der Handlung springen lassen, zuschlagen und verschwinden, Du könntest aber auch ein Gespräch die verschiedenen Facetten feiern lassen: Möglichkeiten sehe ich hier genug
    Hauser auf der anderen Seite wollte sich bei Pendell einschmeicheln. Nachdem er erfahren hatte, was für eine Berühmtheit der Mann war, hoffte er, der Autor würde ihn weiterempfehlen. Deshalb hatte er auch die Frage des Autors, ob er beim Malen seines Bildes etwas Ungewöhnliches gespürt habe, bejaht und von einem erregenden Ort voller Stimmungen gesprochen. Weder Hauser noch Parma glaubten eine Sekunde an Pendells pseudoantropomorphe, memokinetische Dimensonsvektoren, deren Emanationen Kreise in Kornfeldern schufen und Tote zum Leben erweckten.
    Nachdem sie den Stadtverkehr verlassen hatten und über eine breie Landstraße in Richtung Diebolz fuhren, interviewte Parma weiterhin Pendell. Nun wich er allerdings von der Hofberichterstattung ab und stellte kritischere Fragen, die meist unbeantwortet blieben. Hauser kämpfte auf dem Rücksitz mit dem Schlaf. Die ganze Zeit über fuhr ein blauer Wagen hinter ihnen her, immer den gleichen Abstand haltend. Keiner der drei bemerkte den Verfolger, nicht einmal Parma, der mehr auf die eleganten Formulierungen seiner Fragen als auf den ohnehin spärlichen Straßenverkehr achtete.
    Der Vormittag verlor langsam seinen gutmütigen Charakter. Von Westen zogen schwere Wolken auf. Als Parma ein Stück hinter Diebolz keine Fragen mehr einfielen und er in eine schmale Allee einbog, mußte er bereits den Scheibenwischer einstellen.
    Dieser Teil ist so etwas wie eine Handlung, eine äußere. Na, was kömmt jetzt: Reflexion gefragt? Tageszeit hat Bedeutung? die Automarke? Hat der regen etwas auszusagen, wäscht er etwas ab, findest Du Allegorien, wenigstens kleinere Metaphern, Metonymien oder eine Paraphrase des Ungefragten? Was ist ein Interview? Wer will von wem was?

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Der Autor starrte abgelenkt
    Das ist ein Oxymoron, eine logische Ausschließung im Bereiche des Psychologischen: Starren ist eine anstrengende Tätigkeit, selbst wenn sie vordergründig unter Ausschluß anderer Perzeption vor sich geht, vielleicht gerade dann. Ablenkung dagegen, zumal mit diesem Partizip, nein ein PPP ist das eigentlich (abgelenkt worden sein) veträgt sich nicht mit der Anstrengung eines Starrens. Anomalie des Denkens = Starren? Überzeug mich mal!
    auf die hüglige, belandwirtschaftete Gegend, während er seinen Gedanken nachhing. Seine Euphorie war inzwischen einer flauen Anspannung gewichen, die in seinem Unterleib saß und auf die Blase drückte.
    Du weißt ja, diese SEINE und so.
    Er hätte Parma gerne gebeten, anzuhalten, damit er kurz in den Büschen verschwinden konnte. Aber das paßte nicht zu dem Bild, das er von sich zeigen wollte. Folglich biß er die Zähne zusammen.
    Längst war sich Pendell seiner und der Magie der Lichtung nicht mehr so sicher, viel trug das Regenwetter bei, das ihn an dem Erfolg der Unternehmung zweifeln ließ.
    Wiederholung der Konstruktion, zudem psychologisch blaß. Kein weiter. ERFOLG? ZWEIFEL sollte hier mitgeteilt, nicht genannt sein. Beschreib den Zweifel, gib ihm eine Gestalt(ung)!
    Pendell dachte an den Tod und hatte plötzlich Angst. Nein, er glaubte nicht an ein Leben danach. Danach sah er nur ein Nichts, das ihn täglich zu verschlingen drohte, das ihn nachts nicht einschlafen oder schweißgebadet erwachen ließ. Er sträubte sich mit jeder Faser seiner Existenz gegen das Älterwerden, das ihn in jedem Augenblick, der verrann, dem Sterben näher brachte. Er fühlte dunkel, wie er langsam starb. Sein Totenschädel grinste ihm schon seit Jahren aus den Spiegeln entgegen.
    Ja, so geht das. Das vorziehen und das Genannte streichen. Hierzu noch einige Kleinigkeiten wie Nachtgang, Mondschein, Sternengewitter und Drüsentätigkeit...
    Pendell wußte genau, wie banal seine Furcht und seine Gedanken waren. Wie er gleichzeitig einsah, hatte er auch keine Wahl. Das war ihm das Schrecklichste
    dieses Wort hasse ich; es ist nichtssagend
    Seine Chancenlosigkeit und die Einsamkeit, die er dabei empfand.
    kein Satz, nicht mal ein sehr guter Nichtsatz nicht
    Mit seiner Literatur hatte er die Flucht nach vorn angetreten
    Worauf bezieht sich das? Ich denke, Du wolltest das Schreiben thematisieren, nicht die Tätigkeit, sondern das Produkt, aber eigentlich meinst Du doch die Tätigkeit, oder?
    Mit seinen Büchern strebte er nach Unsterblichkeit. Er wollte überzeugt werden, daß es ein Überleben gab, daß mehr in diesem Körper war, etwas, das blieb, wenn der Leib starb: eine Seele.
    ein daß streichen; Du besitzt im Deutschen die Möglichkeit, in Reihungen den sogenannten Multiplikator wegzulassen, eine KLAMMERbildung sozusagen, böse Zungen nennen es Zeugma, ich nicht, besser wohl suspensio, ein Suspensorium
    Fieberhaft suchte er die Nähe von Menschen, die an die Unsterblichkeit glaubten und sie zu belegen versuchten.
    All diese Esoteriker, Parapsychologen, Schamanen, Astrologen, Psi-Spezialisten, Spiritisten, Naturphilosophen und Wünschelrutengänger, die Hexen, Medizinmänner, Magier, Wahrsager, Kartenleger, Ufologen, Hellseher, Mystiker und Rosenkreuzer, die Wunderheiler, Gurus, Pendler, Geisterseher, Kabbalisten, Gesundbeter, Gedankenleser, Vodoopriester und Theologen, denen er begegnet war: Sie alle suchten wie er nur die Antwort auf die eine Frage: Wie werde ich meinen Tod überleben können?
    Hast Du schön aufgezählt. Ich hoffe für Dich auf Vollständigkeit der Listung.

    Ihre Antworten fielen so unterschiedlich wie ihre Wege aus. Keiner hatte Pendell überzeugen können. Vielleicht hatten alle recht, aber er vermutete die Wahrheit im Gegenteil.
    Irgendwie verquer. Wahrheit läßt sich nicht über ein Gegenteil bestimmen, bestenfalls markieren, aber wie sollte das gehen? Wahrheit ist, das Gegenteil von etwas ist es, nicht zu sein. Außerdem benutzt Du Nominales, was immer auf Kosten des Textflusses geht. VIELLEICHT würde ich sowieso streichen wollen. Also, dieser erste Abschnitt ist schlecht.
    Doch nun bekam er seine persönliche Chance. Er hatte zum ersten Mal
    Sag Du mir, was mir daran nicht gefällt! - Die Weiterführung der Erstchance bezieht sich auf Unerfahrenes, das er doch kennt! Klärung des Unerkannten? Erstmaligkeit? Das sind so Achsen des Denkens, Du solltest hier sorgfältiger arbeiten.
    in seinem Leben etwas erfahren, das er nicht erklären konnte, das Unbekannte hatte ihn berührt. In jener Lichtung in Marienhaupt gab es seine Gelegenheit, seinem persönlichen Tod zu entwischen.
    GAB und ENTWISCHEN würd' ich nicht benutzen wollen.
    Dabei wußte er nicht einmal, was er eigentlich erwartete.
    Schriebest Du oben nicht von einem Erstmaligen? Entweder ist das jetzt retardierend oder aber Du hast vergessen, daß Du eigentlich nichts erwarten kannst. Die mir sehr genehme Lösung könnte darin liegen, daß Du das Unerwartete zum Thema des zu Erwartenden machst, aber dann müßtest Du die Geschichte umschreiben.
    Eine Verjüngung? Potenz für den Rest seines Lebens? Oder gar einen Kontakt mit einem Geistwesen, das seine Horizonte für immer öffnen und ihn eine höhere Stufe des Menschseins erleben ließ? Vielleicht würde überhaupt nichts geschehen. Aber er fühlte sich weiterhin gerufen. Er hatte den starken inneren Drang, die Lichtung seiner Hoffnung aufzusuchen. Ihm war, als verdichte sich sein Leben an diesem Punkt. Er konnte den roten Faden erkennen, der ihn hierher geführt hatte. Was würde danach sein? Er konnte es sich nicht vorstellen.
    "Jetzt links!" rief der Maler spät und Parma nahm die Kurve mit quietschenden Reifen. Der Autor wurde schmerzhaft gegen die Beifahrertür gedrückt und schreckte hoch.
    "Sind wir da?" fragte er.
    "Noch nicht, aber wir können unser Ziel schon sehen."
    Hauser deutete zwischen den beiden Vordersitzen nach vorn. Es regnete stärker. Marienhaupt lag auf einem lang hingestreckten Hügel, den Parma hinauffuhr. Dichter Wald schob sich auf der anderen Seite den Hang hinab. Das Dorf bestand aus ein paar Höfen, der Wallfahrtskirche und einem großen Wirtshaus.
    "Die Lichtung liegt im Wald, in der Nähe der Mariengrotte. Man kommt vom Dorf nur zu Fuß hin", erläuterte Hauser.
    Parma parkte vor dem Gasthof. Er sah beim Aussteigen auf die Uhr.
    Hier erzählst Du flüssig. Zugleich wird deutlich, worauf Du in der Geschichte abzielst. Gut.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    "Es ist fast Mittag. Wollen wir zuerst einkehren? Vielleicht bessert sich das Wetter ja in einem Stündchen. Über dem Wald sieht es schon heller aus."
    Pendell krempelte den Kragen seines Jacketts in die Höhe und sah zweifelnd nach oben.
    "Mir wäre lieb, wenn wir gleich gingen.
    Eigentlich bin ich kein großer Freund rückbezüglicher Konstrukte, aber ein ES wäre hier nett.
    Im Wald wird es trockener sein. Ich lade Sie beide danach zum Mittagessen ein."
    Ist nicht ganz deutlich, was DANACH bedeuten soll. Dem Sinn nach..
    Parma zuckte mit den Schultern. Er wartete einen blauen Wagen ab, der langsam vorbeifuhr. Dann nahm er aus dem Kofferraum einen Schirm.
    "Mir soll es recht sein."
    Pendell sah zu dem Maler. Der holte aus dem Rücken seiner Windjacke eine Kapuze, die er über den Kopf schob. Anscheinend war nur der Autor nicht auf Regen vorbereitet.
    den letzten Teil streichen; sowieso überlegen, inwiefern Kommentare notwendig, die nur Gesten bzw. Nebensächliches vorbringen, dem ich hier keine motivische Bedeutung beimessen kann
    "Gut, gehen wir. Da geht es lang."
    Hauser deutete auf einen beschilderten Waldweg und setzte sich in Bewegung. Parma und Pendell folgten schweigend. Der VHS-Mitarbeiter dachte nicht daran, dem Autor Schutz unter seinem Schirm anzubieten.
    sehr zäh, dieser Teil
    Pendell wurde schnell naß. Die drei gingen stumm den ausgetretenen Pfad, der sich als Kreuzweg entpuppte. Der Autor zählte die Stationen, aber der aufwärts gerichtete Weg zog sich hin, schien ihm kein Ende zu nehmen.
    irgendwie ist mir das hier zuviel Brokat, zuwenig Bewegung, so ein Drumherum ohne Berührung mit dem Leser; warum? Soll ich es der Fabulierfreude zuschreiben?
    Mit jedem Schritt kamen ihm größere Zweifel an dem Erfolg seiner Unternehmung.
    Die heilige Stelle war enttäuschend: Die Grotte bestand nur aus einem künstlichen, mannshohen Steinhaufen neueren Datums, im dem in einer Nische eine geschmacklose Kopie der Madonna von Lourdes stand.
    und hier bleibst Du die nähere Beschreibung schuldig: was macht etwas langweilig, was macht die Enttäuschung aus? - also, vom Arbeitsaufwand her bitte umstellen: die Details hier für die Madonna und die Grotte, das Vordere zusammenstreichenstreichen streichen
    Davor war ein etwas abgesenkter Platz, der etwa fünf Meter im Rund hatte und von einer bunten Vielfalt von Votivtafeln aus vielen Jahrhunderten eingerahmt war. Direkt vor der Grotte moderte eine einzige, wacklige Betbank. Das Grau des Regentages verdüsterte noch das Halbdunkel des Waldes und die wenigen roten Lichter zu Füßen der Jungfrau wirkten auf den Autor eher lächerlich als erhaben.
    hmph

    "Das also ist der Ort, an dem sich die Universen reiben. Bemerkenswert", spottete Parma.
    Pendell forderte ihn mit einer gebieterischen und zornigen Geste zum Schweigen auf. Dann trat er vorsichtig spürend in den Kreis. Er sah nach oben, um sich zu sammeln. Regen traf ihn im Gesicht.
    Der Autor fühlte Leere. Hier war nichts; die Grotte hatte keinerlei Emanation, die er fassen konnte.
    hohoho; was emaniert, läßt sich nicht fassen! das liegt in ihrem Wesen.
    Nun, es war nicht die Stelle, zu die er wollte. Er wand sich an Hauser.
    "Das ist nicht der rechte Ort. Wo ist die Lichtung, die sie gemalt haben?"
    Der Maler deutete zur Seite; dort war nur dichtes Unterholz.
    "Nicht weit weg von hier, in dieser Richtung. Jetzt wird es allerdings etwas ungemütlich zu gehen."
    Pendell hob die Hand.
    "Sie führen uns."
    Hauser nickte ergeben, dann tauchte er in das noch trockene Zweigwirrwarr der Fichtenschonung. Pendell folgte ihm auf den Fuß. Parma zögerte ein wenig, ob er sich dieser Anstrengung aussetzen sollte, aber dann siegte seine Neugierde. Er schloß den Schirm und machte eine bedauernde Geste. "Nicht so schnell, bitte!" rief er den anderen hinterher.
    Es war kein einfaches Unterfangen, sich durch das Unterholz zu arbeiten. Ständig blieben die drei an trockenen Zweigen hängen, schlugen ihnen Äste ins Gesicht.
    semantische Schieflage
    Der Autor riß sich den Ärmel seines wertvollen Kashmirjacketts auf. Er bemerkte es nicht einmal. Viel zu angestrengt versuchte er, dem wendigen Hauser zu folgen, der zielstrebig und gebückt durch den Ästedschungel kroch. Längst atmete Pendell schwer. Schweiß und Dreck verklebten sein Gesicht. Wenn er sich jetzt selbst gesehen hätte, wäre er über den Anblick tief erschüttert gewesen.
    zu geschwätzig, Handlung anhaltend, aber nicht retardierend; bitte streichen
    Das Erschrecken wäre weniger an seinem Äußeren gelegen, denn das konnte er innerhalb kurzer Zeit wiederherstellen, es wäre der Blick in seinen Augen gewesen, der ihn erschüttert hätte.
    kompliziert; das mit dem Funktionsunterschied von WÄRE und HÄTTE bringen wir Euch Süddeutschen auch nicht mehr bei
    Es war ein unruhiger, gehetzter Blick, dem er schon häufig bei Menschen begegnet war, denen die Jagd nach den letzten Wahrheiten den Verstand zerrüttet hatte.
    schlechte Konstruktion, Hilfsverbenfeuerwerk
    Zuletzt war er ihm gestern bei dem geisteskranken Holger begegnet.
    Eine Viertelstunde kämpften sich die drei stumm weiter. Als der Fichtenbewuchs jünger und dichter wurde, begann Hauser rückwärts zu gehen, da er sich einbildete, auf diese Weise leichter voranzukommen. Er sah ein wenig wie ein Käfer aus. Parma fluchte, als er mit der Stirn gegen einen dicken Ast rannte.
    ein Käfer von unten? Perspektive der Wahrnehmung nicht ganz klar; für eine Kafka-Bezug zu dünn

    "Ist es noch weit?" fragte er gefährlich ruhig.
    geht als Oxymoron nicht durch; bedarf eines Kontextes; stellt sich irgendwie quer und will mir nicht gefallen
    "Nicht mehr weit", versuchte ihn der Maler zu beruhigen, aber seine Stimme hatte einen etwas unsicheren Klang. Pendell hoffte inständig, daß Hauser wußte, was er tat, denn er selbst hatte längst die Orientierung verloren.
    DENN darf hier gestrichen werden. - Übertreibe es mit den kausallastigen Anmerkungen und Begründungen für ein Geschehen nicht. Früher oder später nimmt es der Leser übel, wenn ihm alles erklärt wird.
    die Sonne nicht schien, die ihm eine Richtung hätte angeben können, hatte er auch keine Hoffnung, sie jemals wiederzufinden.
    die Sonne?
    Er sah sich schon tagelang hungernd und dürstend in dem Wald umherirren.

    "Diese Lichtung ist recht groß, wir können sie eigentlich nicht verfehlen. Es war auch eine Jagdhütte da, wo wir uns unterstellen können. Dort habe ich das Bild gemalt. Es ist die richtige Richtung, ich kann mich nicht so irren... Auch wenn es mir nicht so weit vorgekommen ist", erläuterte Hauser beschwichtigend, während er an seinem Sweatshirt die feuchte Brille reinigte. Er versuchte, sich selbst von seinen Worten zu überzeugen.
    Den letzten Satz streichen. Wieder so eine Erklärung, die nur der dumme Leser braucht, den Du jedoch kaum ansprechen wirst.
    Die Beschwörung half. Nur wenige Schritte weiter wurde es schlagartig lichter. Hohe Fichten standen weit auseinander, Farnkraut und Gräser bedeckten nun knietief den Boden. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, aber schwere Tropfen klatschten von den Bäumen. Pendells unsicherer Schritt tappte in eine unsichtbare, schlammige Pfütze.
    Kaum. UNSICHTBARE Pfützen wachsen nur auf Bäumen, dessen sei gewiß!
    Er unterdrückte eine unflätige Bemerkung und versuchte vergeblich, seine hoheitsvolle Haltung zurückzugewinnen.
    Was ist der Unterschied zwischen vergebens und vergeblich?
    Er strich ein paar kleine Zweige aus dem Haar. Es tat weh, weil sie sich verfilzt hatten. Parma, der diese Probleme nicht kannte, lächelte in seinem Rücken zynisch. Hauser gewann seine Zuversicht zurück.
    SEIN zu oft. Die Szene ist beschrieben, aber nicht zu gut. Mehr wäre hier besser, schließlich spielt sie doch wohl keine unwesentliche Rolle. Eine unsichtbare Pfütze hätt' ich zeitlebens gern getroffen. Bleib stehen und halt ein! Hier mußt Du noch mehr fabulieren, nicht jedoch irgendwas begründen.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Lieber Robert,

    ich will dir zwischendurch einmal für die Arbeit danken, die du dir mit diesem Text machst. Ich lese immer noch aufmerksam mit und werde diese Geschichte aufgrund deiner Vorschläge auch überarbeiten (auch wenns art pour l'art ist).
    [..] Meine Sachen können nicht jedem Leser gefallen. Und ich erwarte von dir ja auch Kritik und kein Lob. Das ist vielleicht nicht ganz deutlich geworden.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Liebe Klammer! Was sollte uns daran hindern, in nicht absehbarer Zeit einen kleinen Erzählband zu machen? Dann wäre hier schon mal lektoriert worden. Daß Du Dein Publikum hast, beweisen die vielen Punkte, die Dir Minderbemittelte - - für Deine texte gaben, gell?

    Machen wir weiter, so schlimm ist das für mich auch nicht
    erstellt von Klammer: "Jetzt sind wir gleich da, nur noch ein paar Meter. Da vorn ist der Wald zu Ende."

    Er hatte recht. Das Ende der Baumreihen war deutlich zu erkennen, dahinter mußte eine große, helle Lichtung sein, die, obwohl es leicht bergab ging, noch nicht einzusehen war.
    ER HATTE RECHT streichen. Die Situation ist nicht klar. Sieht man das Ende udn vermutet eine Lichtung? Wie läßt sich eine Lichtung vermuten, die sich vom Ende eines Waldes unterscheidet?
    Erneut wählte starke Anspannung in Pendells Unterleib.
    zu drastisch und "naturalistisch"
    Jetzt würde sich gleich entscheiden, ob er einem Hirngespinst aufgesessen war oder dem Tod ein Schnippchen schlagen konnte.
    warum WÜRDE?
    Jeder Schritt brachte ihn der Entscheidung näher. Er fror und das lag nicht daran, weil er vom Regen durchnässt war.
    Hier empfehle ich DASZ und IHN FROR und die Umgehung des ersten DAS
    Schon glaubte er, etwas zu spüren, sein Gesicht glühte.
    Parma schloß auf und die drei stolperten nebeneinander über einen Graben hinaus auf die Lichtung. Der glatzköpfige Mann erholte sich von dem Anblick als erster. Er klopfte mit seinen schmutzigen Schuhen auf den Asphalt, um sie vom gröbsten Dreck zu befreien. Dann lachte er freudlos auf.
    "Nun, wir haben uns wohl etwas verlaufen, oder?" fragte er und wurde zornig. Hauser sah verblüfft über den großen Parkplatz, der sich vor ihnen in Terrassen den Hügel hinab ausbreitete. Er war fast leer, nur weit unten stand ein vereinzelter blauer VW-Golf.
    "Wir haben uns nicht verlaufen!" rief er. "Das ist der richtige Ort, ganz sicher. Da ist auch noch die Jagdhütte."
    Tatsächlich war rechts von ihnen ein hölzerner Unterstand.
    "Dann ist dir aber beim Malen ganz schön die Phantasie durchgegangen. Laßt Blumen wachsen statt Beton!" stichelte Parma.
    "Ich verstehe das nicht. Es ist nicht zu glauben. Vor zwei Jahren war hier noch kein Parkplatz. Es war einfach eine Lichtung."
    Parma zeigte auf einen Wegweiser, der nur wenige Schritte neben ihm einen breiten, geteerten Pfad markierte. "Zur Mariengrotte, 5 Minuten", stand da.
    "Und Du Idiot hetzt uns eine halbe Stunde quer durch den Urwald! Wir hätten mit dem Auto herfahren können."
    Er langte sich ans Hirn. "So dumm muß man erst einmal sein!"
    "Aber woher sollte ich denn wissen...", verteidigte sich Hauser schwach.
    In diesem Augenblick sackte Pendell zwischen ihnen erschöpft und verzweifelt auf die Knie und unterbrach die Auseinandersetzung.
    "Das darf nicht wahr sein!" rief er und rang die Hände. "Das kann nicht wahr sein."
    Der Autor schämte sich seiner Tränen nicht. Sein Traum zerbrach am Beton des Platzes. Noch nie in seinem Leben war so enttäuscht worden; nicht einmal damals, als ein Lektor mit spöttischen Worten seinen ersten Roman abgelehnt hatte.
    "Ich spüre nichts!" jammerte er. "Es ist alles tot. Wenn hier jemals ein Zauber war, dann haben sie ihn unter dem Asphalt begraben, diese gottverdammten Narren!"
    Der blaue Wagen ein Stück unter ihnen nahm Fahrt auf und näherte sich langsam. Keiner der drei achtete auf ihn. Hauser versuchte, den am Boden zerstörten Autor aufzurichten, während er ihm begütigend zuredete. Parma war dieses Schauspiel peinlich. Er beschäftigte sich interessiert mit einem Hinweisschild ein paar Meter weiter rechts, das auf die regelmäßigen Autosegnungen auf dem Parkplatz jeden zweiten Sonntag im Monat aufmerksam machte.
    Nun gut.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Lieber Robert,

    nichts hindert uns nicht daran, in "nicht absehbarer Zeit" keinen Band zu machen.
    Eine nette Umschreibung für "nie", finde ich. Manchmal schätze ich deinen Humor, das ist nur eine Frage meines Alkoholspiegels.

    Grüße an die Minderbemittelten.
    Selig sind die im Geiste armen, den ihrer ist das Himmelreich!

    Klammer
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  11. #11
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Die Lichtung (Schluß)

    KLEINEN, Klammer, nicht keinen... daß Du das L überlesen hast

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Hallo Klammer,

    immer wenn ich Deine Texte lese, frage ich mich was mich an ihnen gleichzeitig anzieht und auch wieder abstößt (das ist sicher nicht das richtige Wort, aber vielleicht verstehst Du es doch).
    Ich glaube Du bleibst unter deinen Möglichkeiten, konkret meine ich damit, Du hast benützt eine konventionelle Form, die Du auch ganz gut beherrscht, der Inhalt ist ebenfalls konventionell.
    Ich denke nicht, dass jeder Autor ein großer Erneuerer sein kann, jeder bewegt sich innerhalb seines Wissens in einem abgsteckten Claim, seiner eigenen Tradition. Aber der Punkt ist, will ich anbauen oder aufbauen. Bei Dir habe ich das Gefühl, Du baust lediglich an. Also bleibst auf der gleichen Ebene. Natürlich hinkt dies, wie alle vergleiche. Bisweilen habe ich den Eindruck, Du hast so viele Bücher verinnerlicht, dass es einen Befreiungsschlag braucht, um daraus wieder etwas Neues zu machen. Ich möchte Dir dann sagen, vergiss alles was Du weißt, sei freier, benütze die Literatur die Du gelesen hast, anstatt Dich vor ihr zu verbeugen. Dein Respekt setzt Dir unnötige Grenzen.
    Du weißt sicher, daß ich dies nicht böse meine, ich will Dich nur stoßen. Jeder der nicht nur in seinem Kämmerlein schreibt, will damit auch der Welt etwas sagen. Um gehört zu werden, muss man entweder inhaltlich auf Neuland setzten (relativ - alles gab es schon einmal) oder formal. Natürlich kann man auch großen Erfolg haben, auch wenn man nur einfach spannende Geschichten erzählt (Stephen King), aber dies ist sicher nicht Dein Ziel.
    Radikalität, dies ist in der Kunst ebenso wie in der Literatur das Zauberwort.
    Vielleicht kannst Du ja mit meinen halbverschlafenen Gedanken etwas anfangen. Nachgedacht darüber habe ich gestern abend..

    Kyra

    P.S. ich hoffe, Du bist mir nicht böse, dass ich immer an Dir (Deinen Texten) herumstochere....

    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 12. Dezember 2001 editiert.]

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Ach, Kyra,

    natürlich nicht. Ich weiß nur im Moment noch nicht, wie ich dir darauf antworten soll...

    Ich denke auf jeden Fall darüber nach und das schon seit geraumer Zeit. Dass ich mich in meiner Literatur weiterbewegen muss, weiß ich. Aber im Moment habe ich keine Ahnung, wohin ich gehen soll. Nicht zuletzt aus diesem Grund bin ich ja hier im Forum. "Tradition" war ein Versuch, weiter zu kommen.
    Warten wir auf meine nächsten Texte...

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Reflexion beim Schreiben zerstört das eigene Schreiben. Vorher und nachher sollte man sich aber jeden Tag ein wenig zerstören. Blüten müssen sterben, um Früchte zu sein.

    Hier die vorletzte Befassung:
    "Also ist das doch ein besonderer Ort", sagte er bissig und hob den Kopf, weil er ein Motorengeräusch in seiner Nähe hörte. Er starrte auf ein Auto, das jetzt bedrohlich nah war und beschleunigte. Die Motorhaube zielte wie eine Waffe auf Hauser und Pendell. Parma stieß einen Warnruf aus, und der Maler sah auf. Das Auto schrammte nur wenige Zentimeter an Parma vorbei. Er taumelte entsetzt zurück und setzte sich auf den Hintern.
    Wdh. der Satzstruktur
    Hauser, der den Wagen direkt auf sich zu kommen sah, reagierte trotz seiner Überraschung schnell.
    Sachlicher, TROTZ streichen
    Er schleuderte Pendell, den er halb aufgerichtet in den Armen hielt, wie einen Kartoffelsack zur Seite. Der Autor fiel zwar hart auf das Gesicht, aber er war aus der unmittelbaren Gefahr. Hauser selbst allerdings hatte keine Chance mehr. Er schaffte zwar noch einen Schritt, aber dann traf ihn der Kotflügel. Er konnte deutlich spüren, wie etwas in ihm zerbrach, dann lag er auch schon im Dreck. Gleichzeitig bremste der Wagen, kam dabei ins Schleudern, schlug hinten aus und rutschte quer in den Graben, der ihn endlich zum Halten brachte.
    Für eine Minute bewegte sich nichts. Parma war als erster wieder auf den Beinen. Er sprang zu Hauser, der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Asphalt lag und jammernd eine Hand über seinem linken Bein krampfte. Seine Brille lag zersplittert neben ihm.
    "Ich glaube, ich habe mir etwas gebrochen", stöhnte er.
    sprach er das in diesem vollständigen satz?
    Parma nickte bestätigend mit einem Blick auf das eine Handbreit unter dem Knie seltsam abgeknickte Bein.
    "Bleib ruhig liegen", mahnte er. "Ich werde Hilfe holen."
    "Wie konnte das passieren?" Pendell rappelte sich auf.
    Eine Gesichtshälfte
    genauer
    war aufgerissen und blutete. Die schmutzige Wunde sah erschreckender aus, als sie es tatsächlich war.
    schlecht, weil vorgreifend und spannungtötend
    Pendell bemerkte nicht mehr als Wärme im Gesicht.
    "Wie konnte das passieren?" wiederholte er erstaunt und trat zu Parma, der sich um den verletzten Maler mühte.
    "Ist es schlimm?" fragte er und ihm wurde flau. Hätte ihn Hauser nicht zur Seite geworfen, hätte der Wagen ihn erwischt.
    die letzten zwei Sätze streichen
    "Nur wenn ich lache." Hauser konnte sich diese Antwort trotz seiner Schmerzen nicht verkneifen.
    "Schauen Sie lieber einmal nach dem Fahrer des Wagens", ächzte er.
    Pendell nickte und wand sich um. Er hatte das Auto für einen Moment völlig vergessen. Es schien ihm nicht sehr beschädigt zu sein.
    streichen
    Er öffnete die Fahrertür. In dem Sicherheitsgurt hing benommen die ältere Frau, die ihn seit gestern verbissen verfolgte. Sie hatte eine klaffende Wunde auf der Stirn. Sie sah auf, ihr haßerfüllter Blick traf Pendell.
    "Ich habe dich verfehlt", stieß sie kaum verständlich hervor.
    "Nächstes Mal wird es mir gelingen."
    Dann begann sie zu schreien.
    raffen und nicht nachdenken

    Ein überraschendes Rumpeln des Zuges weckte den Autor aus seinem leichten Schlaf. Er schmatze genüßlich mit den Lippen, denn er hatte für einen Augenblick den Geschmack von Roter Grütze auf der Zunge, der jedoch fast sofort wieder verschwand.
    ]Nebensatz streichen.
    Er blinzelte. Das Manuskript, über dem er eingenickt war, begann ihm von den Schenkeln zu rutschen, aber mit einem gedankenschnellen Griff, auf den er sich viel zugute hielt, erwischte er es noch. Er legte die Blätter auf den leeren Sitz neben sich. Es sollte die Einführung zu einem neuen Buch werden, deren erste Gedanken er notiert hatte. Er war nicht sehr zufrieden damit.
    Pendell sah aus dem Abteilfenster in die Dunkelheit, durch die ihn der ICE nach Hause brachte. Sein Blick rutschte von den wenigen Lichtern ab, und er starrte sich selbst über das Spiegelbild der zitternden Scheibe in die Augen. Der Autor lächelte sich zu. Nur ein schmales Pflaster an seiner Backe erinnerte ihn noch an die wenig angenehmen Ereignisse des Tages. Er war glücklich, sie hinter sich gebracht zu haben.
    'Welch eine Verwirrung!' dachte er und griff zur Seite, holte aus der Innentasche seines Mantels eine Pfeife, die er umständlich stopfte und mit Genuß paffte.
    Insgesamt zu breit.
    Er rauchte nicht oft, denn er achtete auf seine Gesundheit. Er tat es nur, wenn er mit sich selbst überaus zufrieden war.
    Wiederholung in der Satzkonstruktion ohne Not, zudem er es nur..
    Sein Auge rutschte über sein Gepäck, das nur aus einer prallgefüllten Reisetasche und dem wieder in Packpapier gewickelten Bild bestand.
    Noch am Nachmittag hatte er das Gemälde nicht behalten wollen, zu sehr erinnerte es ihn an das peinliche Erlebnis auf dem Parkplatz. Er wollte es seinem Lektor schenken, der es im Verlag in einen dunklen Bürogang hängen würde.
    er es noch; die Funktion des Gesagten ist unkalr; wozu brauchst Du das alles? Was bereitest Du vor? Kommt ein Motiv? ISt das alles motivisch?
    Dort konnte man es dann vergessen. Es war das Beste, was dem Bild passieren konnte.
    streichen
    Als Pendell jedoch gegen Abend von der Polizei zu Packen zurück ins Hotel gekehrt war und einen ernüchterten Blick auf das Gemälde warf, traf es ihn erneut. Es hatte nichts von seiner Wirkung auf ihn verloren. Die Ausstrahlung traf ihn wie ein Schlag, machte seine Hose eng.
    Ach nö. Das ist jetzt aber schlecht. Die Bahn gehen wir nicht.
    Er war versucht, beim Portier nach einer eindeutigen Adresse zu fragen, entschied sich dann aber, statt dessen zu duschen. Der kühle Wasserguß half ihm zu klareren Gedanken.
    Kaum. Du läßt hier irgendwie nach. Angefangenes, zu eng oder zu weit, aber ohne klare Gedankenführung...
    'Nun', dachte er, 'der Spatz in der Hand...'
    Die Lichtung war zerstört. Das war zwar mehr als bedauerlich, aber ein Teil der Ausstrahlungen waren ja in das Bild übergegangen.
    Woran soll der Leser jetzt denken? Daß das Ende naht?
    Das Gemälde war, siehe Platon, wie der Schatten eines Gegenstandes, den das Feuer der ewigen Ideen an die Wand warf. Da konnte er sich nicht täuschen. Auch der Parkplatz war sicher noch ein Ort der Macht, allerdings einer pervertierten Macht, die normale Menschen so verwirrte, daß sie mörderische Gedanken hegten. Nur auf diese Weise konnte der Autor sich den Anschlag auf sein Leben erklären.
    PLATON streichen, Gedanken streichen, Erklärung streichen; Metapher finden, vielleicht das Höhlengleichnis oder eine beliebige Abbildtheorie metaphorisch einbinden

    Pendell zuckte mit den Achseln. Gut
    sagte der Fußballspieler, mir ham heit nich fein gespült ham tun
    , er war dem Geheimnis des Universums nicht näher gekommen; aber er hatte ein Objekt, das in ihm ans Wunderbare grenzende sexuelle Energien weckte. Das war auch nicht schlecht. Und schließlich war er noch nicht einmal fünfzig, auch wenn er sich diesem Alter näherte; vielleicht bot sich ihm noch eine weite Gelegenheit.
    Was ist eine weite Gelegenheit? - Diese Reflexion ist am Ende der Geschichte merkwürdig unverdichtet. Warum trägst Du hier nur analog zusammen, findest Du keine symbolische Ausdichtung?
    Wie hatte er doch in seinem letzten Buch geschrieben?
    "Wenn er dich einmal berührt hat, kehrt der Kosmos unfehlbar wieder. Es gibt immer eine zweite Chance, man muß sie nur erkennen."
    Der Held sollte sich nicht selbst zitieren, auch wenn es kein Sympathieträger ist/sein soll.
    Pendell war gewillt, sich diesmal selbst zu glauben, was er nur selten tat.
    Nebensatz streichen
    Die Abteiltür ?ffnete sich halb.
    Solche Differenzierungen eigentlich eindeutiger Tätigkeitsworte mag ich nicht. Hier empfehle ich Nominalstil, zudem eine Präzisierung. Ein Halböffnen gibt es nicht. Man kann öffnen nicht gradieren, aber man kann Vergleiche finden, Distanzen nennen, Unterschiede beschreiben..
    "Ist hier vielleicht noch frei?"
    Der Autor sah auf und sein Lächeln, das er schon eine geraume Weile im Gesicht trug, wurde breiter. Eine blonde, attraktive Frau schob ihren Kopf durch die Tür. Sie war sicher zwanzig Jahre jünger als er. Pendell nickte erfreut. Welch ein herrlicher Zufall. Sie war genau die Ablenkung, die er benötigte.
    "Wenn Sie meine Pfeife nicht stört."
    "Aber nein, im Gegenteil, ich mag den Geruch", erwiderte sie und setzte sich ihm gegenüber ans Fenster. Pendell musterte selbstvergessen den exhibitionistischen Ausschnitt ihrer Bluse, wo ein Ying-Yang-Anhänger fast im Karschnitt der Brüste verschwand. Sein Blick rutschte langsam hinab zu den Beinen, die sie kokett übereinanderschlug, wobei sich der kurze Rock fast bis zu den Hüften emporschob. Sein Mund wurde trocken. Er suchte nach einem gelungenen Gesprächsbeginn, wurde aber dieser Mühe auf überraschende Weise entledigt.
    "Sagen Sie mal, ich will Sie nicht stören, aber sind sie zufällig Dr. E. S. Pendell?" fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag und lächelte entwaffnend. Sie sprach den Namen englisch aus. Der Autor hörte im Hintergrund Glocken läuten und nun war er sicher: Es gab keinen Zufall. Ein intensiver Wunsch konnte die Wirklichkeit formen.
    "Wie kommen Sie darauf?"
    "Ich frage nur, weil..."
    Sie entnahm ihrer Handtasche die 'Netze kosmischer Energien' und deutete auf sein Portrait auf dem Einband.
    "...Sie sehen ihm sehr ähnlich, finden Sie nicht?" Pendell sah prüfend auf das Bild, ein Halbprofil, das ihm schmeichelte.
    "Ich denke, dafür gibt es eine einfache Erklärung. Ich bin es tatsächlich."
    Sie schlug erfreut die Hände zusammen.
    "Das ist wirklich ein großartiges Buch. Es ist so spannend und lehrreich; vor allem das Kapitel über die Liebe auf den ersten Blick. Das ist ganz außerordentlich schön und wahr. Was für eine Freude, Ihnen einmal persönlich zu begegnen."
    "Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Es ist mir immer ein Vergnügen, einen Leser kennenzulernen", sagte er und für diesmal war es nicht einmal gelogen. Er nickte nachdrücklich. Das würde ein herrlicher Abend werden. Er hatte es im Gespür. Es gab da eigentlich nur eine Sache, die schiefgehen konnte.
    Dann lächelte er über das ganze Gesicht und deutete auf das verpackte Gemälde:
    "Ich würde Ihnen gern ein Bild zeigen; es ist ganz außerordentlich."
    Der Schluß wäre ein guter Anfang. Nur das mit der exhibi. Bluse ist merkwürdig. Exhibitionierende aber klänge noch verwirrender. - Ich habe fertig.

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    19

    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Lieber Robert, ich danke.

    ...auch wenn du zunehmend missgelaunter daran gearbeitet hast:
    Mir war es ein Vergnügen.
    Wars für dich denn so schlimm?

    Gruß, Klammer

    Soll ich die überarbeitete Version, wenn ich sie fertig habe, auch ins Forum stellen?
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  16. #16
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Zugegebenermaßen bin ich mißlaunig, was jedoch nichts mit Deinem Text zu tun hat.
    Ich bin übellaunig, weil der Buchabsatz zu Wünschen übrig läßt, weil meine Kinder immer nur Pizza essen wollen und meine Freundin sich schont, um es mal vorsichtig auszudrücken. Außerdem schmerzen Knie und Unfallfuß.

    Arbeit dagegen macht Spaß.

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Lichtung (Schluß)

    Das war seinerzeit ein gutes Stück Arbeit.

    Grundsätzlich möchte ich nicht, daß hier im Forum lektorierte Texte ins Forum gestellt werden. Ich möchte den Arbeitscharakter behalten, nicht den Ergebnischarakter. Prozeß statt Produkt. docendo discitur

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