Die Franzosen wollten ein neues Zeitalter beginnen lassen. Diverse äußere Veränderungen belegen das. Man sprach einander mit citoyen (Bürger) an, nicht mit Madame und Monsieur. Das metrische System galt fortan, das zur Basis den zehnmillionsten Teil der Entfernung vom Pol zum Äquator, den eine französische Expedition ermittelt hatte, bestimmte. Das oder der Meter kam damit einem anderen und älteren Vorschlag ziemlich nahe, der den Ausschlaglänge eines Pendels innerhalb einer Sekunde zum Ausgangspunkt aller Maßsysteme machen wollte – es müßte ca. 0,99 m lang sein. Der neue Kalender bestimmte das Jahr 1792 als das Jahr 1. Monate gab es zwar, doch aus sieben Tagen bestimmte dieser Kalender Dekaden als Wocheneinheit, was die Arbeitszeit verlängerte. Statt des christlichen Kultus pflegte der neue Bürger einen Vernunftkultus. Kirchensilber wurde eingeschmolzen, Kruzifixe, Glocken und Heiligenfiguren zu militärischen oder alltäglichen Nutzgegenständen. Notre-Dame zu Paris war der Tempel der Vernunft. Unbekleidete Mädchen sollten in diesen neuen Prozessionen der Vernunft die Göttin der Vernunft darstellen. Doch der farblose Vernunftkultus befriedigte weite Teile des Volkes und auch Robespierre nicht. Am 7.5.1794 führte ein neues Gesetz als neue Staatsreligion das Fest des höchsten Wesens ein. Die Durchführung übernahm Robespierre. Viel Pathos. Das tyrannische Frankreich der Jakobiner, das keine andere Meinung neben der eigenen gelten lassen wollte, spielte sich als Befreier der Menschheit auf.
Das Ende Robespierres weckte in Preußen den Wunsch für einen baldigen Frieden. Frankreich forderte das linke Rheinufer. Preußen war bereit, das zu konzedieren. Nur war das Sache des Reiches, nicht Preußens. Doch das Reich hatte kein Sprachrohr; seine 20000 Soldaten, die es stellte, fielen gegenüber 700000 französischen Soldaten nicht ins Gewicht. Es kam am 5.4.1795 in Basel zu einem Separatfrieden zwischen Preußen und Frankreich, wonach Frankreich das linke Rheinufer besetzt hielt und Preußen im Falle eines Reichsfriedens und dem endgültigen Verbleib dieser Gebiete bei Frankreich entschädigt werden sollte. Außerdem sicherte Frankreich Preußen zu, für den Fall weiterer kriegerischer Auseinandersetzungen mit dem Reich – das hieß vor allem Österreich –, Norddeutschland nicht einzubeziehen. Preußen hatte das Reich verraten und sich dafür in östlicher Richtung mit polnischem Gebiet saturiert; es war zu 40% polnisch geworden. Daß durch diesen Frieden Millionen Deutsche in französische Fremdherrschaft gerieten, die nur darauf aus war, dieses eroberte Land für neue Expansionen zu nutzen, war Friedrich Wilhelm II. gleichgültig. Kurzsichtig und egoistisch, dynastisch gedachte Politik. Gleichzeitig gab der preußische König seinem Staat die Möglichkeit zu Reformtätigkeiten, zur Erholung. Und schließlich ist das folgende Jahrzehnt auch das Jahrzehnt der Klassik. Ist diese dem egoistischen Separatfrieden Preußens zu verdanken?
Auch vor der neutralen Schweiz machte der Weltverbesserungsanspruch der Franzosen keinen Halt. Sie gingen wie selbstverständlich davon aus, daß ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände auch den benachbarten Schweizern Vorbild seien und sie, die Franzosen, das Recht besäßen, diese auch in der Schweiz mit Waffengewalt durchzusetzen. Bonaparte proklamierte das Recht eines jeden Volkes, niemandes Untertan zu sein. Dann überfiel er die Schweiz. Ziel war der Staatsschatz der Schweizer, der aus dem Golde gehortet worden war, das ungezählte Schweizer im Laufe der Jahrhunderte in fremden Diensten erworben hatten. Die demokratisch organisierten Bauern wehrten sich gegen die übermächtigen Eindringlinge. Doch die Franzosen setzten die Gründung einer helvetischen Republik nach ihren Grundsätzen mit Hilfe opportunistischer Städter durch. 12. April 1798.

Die gewöhnliche Art, Krieg zu führen, ist allerdings vernunftwidrig und barbarisch. Der Eroberer verwüstet die eroberten Provinzen, um in der Eile soviel als möglich darauszuziehen, und dem Feinde so wenig als möglich darin zurückzugeben. Er rechnet also nicht darauf, sie zu behalten. Wenn dies so ist, warum führt er denn eigentlich Krieg?
Der entwaffnete Soldat ist gleichfalls nicht mehr Feind, sondern Untertan. Daß er bei uns Kriegsgefangener wird, um ausgewechselt zu werden, ist eine willkürliche Einrichtung unserer neuen Politik, die schon beizeiten darauf denkt, daß sie mit dem Feinde wieder in Unterhandlung treten werde, und überhaupt keinen tüchtigen, vor sich selbst bestehenden Zweck bei ihren Kriegen hat.
Der Zweck eines Kriegszuges ist gar nicht der zu töten, sondern nur der, die Bewaffneten, die den Bürger und sein Land bedecken, zu vertreiben und zu entwaffnen. Im Handgemenge, wo Mann gegen Mann gerät, tötet einer seinen Gegner, um nicht von ihm getötet zu werden; zufolge seines eigenen Rechts der Selbsterhaltung, nicht aber zufolge eines ihm von seinem Staate verliehenen Rechts totzuschlagen, welches derselbe nicht hat und folglich auch nicht verleihen kann. So läßt auch die neuere Art, mit Kanonen und anderem Schießgewehr Krieg zu führen, sich ansehen. Es ist nicht der Zweck, durch die Kugeln zu töten, sondern nur, den Feind von den Plätzen abzuhalten, wo dieselben fallen. Geht er denn doch dahin, so ist es seine Schuld, wenn er von der nicht gerade auf ihn gerichteten Kugel getroffen wird. (Der Vernunft nach sollte man den Feind erst benachrichtigen, daß man einen Posten beschießen werde, wenn er ihn nicht in Gutem verlasse; gerade so, wie man Festungen erst zur Übergabe auffordert, ehe man sie beschießt.) Das einzige in unserer neueren Kriegskunst, was schlechterdings rechtswidrig ist, sind die Scharfschützen, die im Dickicht auflauern und kaltblütig und selbstgesichert nach dem Menschen zielen wie nach einer Scheibe. Bei ihnen ist der Mord Zweck. (Johann G. Fichte: Grundriß des Völker- und WeltbürgerrechtS. § 14.)

Diese Politik ließ die arrivierten Mächte näher zusammenrücken. Türken, Russen und Österreicher, bald auch Neapolitaner und Engländer bildeten eine Allianz gegen den französischen Imperialismus. Die Franzosen schlugen zuerst bei Neapel zurück und proklamierten dort eine Republik. Februar 1799.
Zeitgleich tagte in Rastatt die Friedenskonferenz zur Festlegung der Rheingrenze. Die Franzosen benahmen sich wie die Herren des Reiches. Graf Lehrbach und einige Husaren suchten Beweise für die Konspiration Bayerns gegen das Reich, die sie auch fanden, aber sie erschlugen in ihrer Wut französische Gesandte.
Nachdem Bonaparte in Frankreich die Macht an sich gerissen hatte, bat er die europäischen Mächte um Frieden, den diese mit der Begründung ablehnten, daß Frankreich den Kampf gewollt und begonnen hätte und Frieden erst dann denkbar sei, wenn auf dem französischen Thron ein Bourbone säße. Das lehnte Bonaparte ab.
Nach der Ermordung des russischen Zaren Paul und neuen politischen Machtverhältnissen in Rußland gelang Bonaparte 1801/2 ein vorteilhafter Frieden mit England, das seine Kräfte nun zuerst gegen Rußland wenden zu müssen glaubte, um dessen politische Ziele in der Ostsee und im Mittelmeer zu verhindern. England kam Bonapartes Wünschen entgegen, der alle europäischen Eroberungen behalten konnte und sich aus dem nicht zu haltenden Ägypten, aus Ceylon und Trinidad zurückzog. Frankreich stand nach zehn Jahren Krieg gegen die halbe Welt besser da als zuvor und feierte Bonaparte mit einem Triumphzug ganz eigener Art: Man spannte die Pferde aus und zog seine Kutsche jubelnd durch die Straßen.
Doch es war kein Frieden, sondern nur ein augenblicklicher Waffenstillstand. An der Frage, wer Malta besetzen dürfe, entzündete sich der Konflikt zwischen beiden westeuropäischen Mächten erneut. Den Engländern war im Friedensvertrag zwar die Rückgabe Maltas an den protestantischen Johanniter-Orden auferlegt worden, aber sie wollten dies nicht tun, denn sie befürchteten mit Hilfe eines maltesischen Brückenkopfes einen erneuten Angriff Frankreichs auf Ägypten.
„Der Loyalität gegenüber der Nation sollte ein höherer Rang zukommen als jeder anderen Bindung, und tatsächlich wurde die Nation für den nachrevolutionären Menschen nach 1789, was zuvor die Kirche gewesen war: verbindliche Sinngebungs- und Rechtfertigungsinstanz. Diese Eigenschaft der Nation trennte den modernen Nationalismus vom traditionellen Patriotismus, der gefühlsmäßigen, fast immer auch religiös gefärbten Bindung an das Land, den Landesherrn und 'sein' Haus, die Dynastie.“ (Winkler, S. 46/47.)

Das gesamte europäische Gleichgewichtskonzept war durch Frankreichs imperialistische Politik zerstört worden. Es gab viele herrenlose Gebiete im Reich, in Polen, im Osmanischen Imperium, die nach neuen Herrschern schrien, nach einer grundlegend neuen politischen Ordnung. Die alte Ordnungsmacht Europas, das Reich, hatte politisch abgewirtschaftet; es besaß keinen Zusammenhalt mehr, löste sich durch Säkularisation und dynastische Politik vollends auf. Wer würde sich die Konkursmasse sichern, wenn nicht Napoleon? Der bereitete den Krieg vor, rüstete auf. Das amerikanische Louisiana verkaufte er für 80 Millionen Franken (1,6 Mrd. €) an die Vereinigten Staaten.


Aufgaben:


  1. Gib Gründe für Frankreichs Neubestimmung der Maße und Zeiteinheiten an! (II)
  2. Weise die eigensüchtige Politik der deutschen Staaten nach! (I)
  3. Arbeite zur These: „Napoleon zerschlug das Reich, weil er es konnte und schuf damit einen gefährlichen Präzedenzfall in der modernen Geschichte.“ (III)