Das Reich bestand um 1800 aus 314 reichsständischen Territorien sowie 1475 Gütern und Schlössern von selbständigen Obrigkeiten. Dieses Reich beherbergte europäische Großstaaten wie Preußen und Österreich, es beherbergte mittlere Staaten wie Sachsen, Bayern, Württemberg oder Hannover und viele viele Duodezfürsten, Bistümer, Abteien, Stadtstaaten. Der politische Gemeinwille wurde auf Reichstagen formuliert, seit Jahrhunderten. Das Reich funktionierte als Klammer divergierender Teilinteressen, aber es war um 1800 in den Augen der den öffentlichen Diskurs bestimmenden Aufgeklärten hoffnungslos veraltet. Wir Heutigen bauen mit dem alten konföderativen Prinzip des Reiches das neue Europa und betrachten das als der Weisheit letzten Schluß, doch um 1800 wehte der faule Wind des Nationalismus in die Hirne der meisten Klugen und Studierten, der des imperialen Weltwahrnehmens, des Wettkampfs der einzelnen Nationen; deswegen hatte ein auf Interessenausgleich konzipiertes konföderatives Konstrukt wie das Reich keine politische Zukunft mehr. Jeder Versuch der beiden großen Teilstaaten, die Hegemonie zu erreichen, schlug fehl: Preußens Versuch im Siebenjährigen Krieg mit der Eroberung Sachsens ebenso wie die ungezählten Versuche Österreichs, Bayern zu erwerben.

Es ist ein armseliges und kleinliches Ideal, nur für eine Nation schreiben zu wollen. (Schiller)

Bonaparte ging sehr viel erfolgreicher vor. Er entriß den Deutschen das linke Rheinufer und besetzte es mit seinen Truppen. Das Reich war wehrlos und ließ es geschehen. Bonaparte beruhigte Preußen und Österreich mit rechtsrheinischen Entschädigungen, die aus dem Verkauf von Kirchengut stammten. Preußen und Österreich wägten ab und nahmen Bonapartes Angebot an. So nahm dieser Prozeß seinen Lauf. Der Reichsdeputationshauptschluß (RDHS) von 1803 bildete die rechtliche Grundlage für die Selbstzerstörung der Konkursmasse des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. 112 deutsche Territorien, darunter 45 Reichsstädte, wurden versilbert und kamen unter französische Herrschaft. Manche wurden auch von Bayern oder Württemberg an sich gerissen. Das Prinzip des Reiches war damit zerstört, der Grundsatz eines gleichberechtigten Stimmenwägens. Es wurde durch das Recht des Stärkeren ersetzt. Die Kleinen hatten Stimmkraft und Existenz verloren. Drei Millionen Menschen zwang der RDHS in neue Herrschaftsverhältnisse. Der zentralistische Imperialismus Frankreichs griff wie ein Kraken nach allem, was das Reich hervorbrachte, um es für seine Kriege vorzubereiten und effizienter ausbeuten zu können. Kurzsichtige und raffgierige Herrschaften unterstützten Napoleon und ließen sich mit Anteilen belohnen, die letztlich nur auf Kosten auch ihrer Freiheit gehen mußten, aber das erkannten diese Herrscher und die mit ihnen kooperierenden meist bürgerlichen Berater erst ein paar Jahre später, als Napoleon dann das einstrich, was er mit dem Reichsdeputationshauptschluß vorbereitet hatte. [1]
Es ist eine Merkwürdigkeit der Weltgeschichte, daß der Untergang ihres tausendjährigen Reiches die Deutschen nicht sonderlich interessierte. Während der fleischgewordene Weltgeist namens Napoleon die politische Landkarte Europas veränderte, befaßten sich die Deutschen mit universalen Fragen, mit Fragen, die die nationalen Grenzen des Wahrnehmens verließen. Vielleicht war es richtig so.

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Napoleon befaßte sich nicht mit Theorie, sondern mit politischer und militärischer Praxis. Er führte Frankreich gegen England, besetzte Hannover, rüstete auf, organisierte eine Invasion Britanniens, die er dann doch unterließ, aber in England schellten die Alarmglocken. Er schloß mit Spanien ein Bündnis, was die Zahl der ihm zur Verfügung stehenden Linienschiffe auf 41 erhöhte. Diese lagen nördlich und südlich des französischen Festlandes vor Anker. Napoleon plante ihre Vereinigung, die Engländer bemerkten dies, blockierten die Durchfahrten und suchten das Bündnis mit Österreich und Rußland. Nachdem das englische Parlament 20 Millionen ₤ (ca. 2 Mrd. €) als Subsidien bereitgestellt hatte, gesellte sich Österreich dem Bündnis bei und entsandte zwei Heere, eins unter Mack nach Süddeutschland und das größere unter dem Erzherzog Karl nach Norditalien. Ein Fehler. Mack war völlig überrascht, als ihm bei Ulm Napoleons Hauptarmee gegenüberstand. Bei einigen geographischen Kenntnissen hätte ihn das nicht überrascht. Er kapitulierte sofort. Napoleon zog weiter nach Osten, um Österreich niederzuwerfen. Die Russen unter Kutusow waren im Wege. (Literaturtip: Leo Tolstoi: Krieg und Frieden.) Bei Gibraltar kam es währenddessen am 21.10.1805 zu einer Seeschlacht, die die Engländer gewannen. Zwar fiel Nelson, aber der Vormarsch der Franzosen war vorerst gestoppt.
In Trafalgar (Gibraltar) hatte Napoleon verloren, doch Wien fiel und Napoleon marschierte weiter, Kutusow zu schlagen, der ein Meister im Rückzug war. Bei Brünn waren alle russischen und österreichischen Truppen zusammengezogen und denen Napoleons an Zahl in etwa gleich. Zur gleichen Zeit erinnerte man sich in Preußen an den alten Wunsch, im nördlichen Deutschland eine zusammenhängende Landmasse haben zu wollen. Hannover als Erblande des englischen Königshauses stand diesem Wunsch immer im Wege. Nun forderte der preußische König dieses Erbland für seinen Einsatz im englisch-österreichisch-russischen Bündnis. Die Verhandlungen zwischen England und Preußen liefen noch, als es bei Brünn zur Drei-Kaiser-Schlacht von Austerlitz kam.
Napoleon rechnete mit einem Angriff und richtete seine Truppen darauf ein. Wie stets stellte er seine Artillerie auf die Hügel, diesmal auf die rechts und links an der Straße Olmütz-Brünn. Er ließ schanzen, den Wald im Rücken. Seine Gegner waren jetzt für den Fall ihres Angreifens gezwungen, eine Senke zu durchqueren. Das war die Konstellation, wie Napoleon sie haben wollte. Die Russen griffen die mutmaßlich schwächeren Truppen auf dem rechten Flügel an. Mitten in diesen Angriff ließ Napoleon einen Gegenangriff starten, der den russischen Angriff zerriß und dem Korsen die Gewalt über eine zerrißne Front gab, denn nun konnte er Kessel bilden. Die französische Artillerie stand auf dem Hügel und schoß auf die feindlichen Truppen im Tal. Napoleons Defensiv-Offensiv-Schlacht war erfolgreich geblieben.
Nach Napoleons Sieg schoben sich die Verbündeten gegenseitig Verrat und Schuld zu. Das Bündnis zerbrach. Kaiser Franz schloß Frieden, zahlte 40 Millionen Franken (ca. 800 Millionen €), entließ außerdem Venetien, Vorder-Österreich und Tirol aus seiner Herrschaft und hatte nun Ruhe.
Preußen lavierte. Es handelte mit Napoleon ein Quasibündnis aus, das ihm Hannover einbrachte, dafür aber Ansbach und Kleve abgab. Zugleich stellte sich Preußen gegen England und verschloß englischen Händlern die norddeutschen Häfen.
Napoleon war nun in der Lage, das Reich nach seinem Belieben aufzuteilen. Sich anbiedernde deutsche Fürsten wurden mit Konkursmasse (mediatisiertem oder säkularisiertem Gebiet) ausgestattet, sein Schwager Murat erhielt Kleve-Berg als Herzogtum. Das Reich löste sich auch als politischer Verband auf, 6.8.1806, nach über eintausend Jahren! Die süd- und westdeutschen Fürsten schlossen einen losen Bund, den Rheinischen Bund, nichts anderes als ein Protektorat Napoleons.
Napoleon sicherte seine europäische Herrschaft, indem er Verwandte in die europäische Aristokratie einheiraten ließ.


Aufgabe: Arbeite zur These: „Napoleon bedurfte Deutschlands, um seine Weltherrschaftspläne umsetzen zu können. Die Nation als Wirkverband war ihm zu klein gedacht. Er benutzte jede Nation, die sich ihm anbot. Es ging um Ruhm, Macht und Geld. Nur im Schatten dieser Pläne brachte er Fortschrittliches, aber nur, weil es ihm nützte.“ (III)




[1] Die Kirchen nahmen die Aufteilung ihres Besitzes nicht hin und setzten bei den Verhandlungen das Prinzip durch, welches auch in Frankreich durchgesetzt worden war, die Trennung von Staat und Kirche. Der (im Reich das Land, der Fürst…) Staat mußte fortan die Bezahlung der geistigen Würdenträger übernehmen, wofür er die eingezogenen Güter der Kirche verwendete. Das ist bis heute so geblieben, wobei die Kirchen allerdings in der Zwischenzeit zahlreiche neue Gebiete (meist durch Erbschaft) erwerben konnten, der Grund für die Bezahlung durch den Staat also weggefallen sein dürfte. Vorsichtige Schätzungen nennen einen Kirchenbesitz von 2500 km², wovon etwa 5% bebaut sind, also einen Besitz von 200 Mrd. €. Die laizistische Trennung von Staat und Kirche ist im Reich also nie durchgeführt worden, lediglich § 138 der Weimarer Verfassung setzte eine Länderhoheit hierfür fest; aber der Gesetzgeber hat bislang diesen Auftrag nicht umgesetzt. Das GG der BRD äußert sich nicht zu dieser Frage.

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