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Thema: Lokbuch, Teil I

  1. #1
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    Lokbuch, Teil I

    Lokbuch
    ( Aufzeichnungen einer Winterreise)

    ...die Sonne warf glitzernde Spiegeleier, ähm, Spiegeleien auf die gegenüberliegenden Fassaden, bezuckert lag der Bahnhof im Winterkleid eines Sonntages herum, die Ameisen, welche sich immer noch anmaßten zu sein (ha, gar Menschen...), wuselten bereits, als stünde das Weihnachtsfest bevor, was es auch tat!
    23.12.01, ICE von Hamburg-Altona nach München Hbf.!
    Blaß ließen sich die Weggefährten in den grauen Be-Zug fallen, bleich und mit Ringen unter den Augen, weil die Nacht zuvor, in Anbetracht der kitschigen Familienzusammenführung, noch einmal hoch die Tassen, wird schon alles vorbei gehen... -
    Eis bedeckte die Alster und ein Sahnehäubchen lag über dem jungen Tag, das ich begierig war, abzulecken. Die Zeit war reif wie ein alter Limburger und stank dergestalt, daß ich nicht umhin kam, Buchstaben ins Papier zu Meißeln, das sonst jungfräulich wie ein Schwan im See geblieben wäre. Doch jeder ist sich selbst seines Glückes Schmied, ich hackte dem Schwan wohlwollend den Kopf ab und der ICE glitt behäbig durch die Hansestadt in Richtung Süden.
    Der Zug, so las ich, nachdem ich einen selbigen an der Zigarette genommen hatte, hieß "Rudolf Harbig", benannt nach einem Leichtathleten aus Dresden, der 1913 geboren und 1944 sein junges Leben ließ, nachdem er mehrere Weltrekorde als Läufer aufgestellt hatte - hm, der Lauf der Dinge, scheint er eines Tages doch zu langsam gewesen zu sein, der Arme, obwohl sein Name eigentlich nicht unbedingt jüdisch klang, doch sein Todesjahr ließ einige Schlüsse zu, vielleicht war er homosexuell oder sonstwie entartet... - diktatorische Deppen, damals wie deute... -
    Der letzte Zug (an der Zigarette, ausgedrückt, qualmt noch ein wenig aus dem Aschenbecher...), mit dem ich erst kürzlich fuhr hieß "Heinrich Heine", das bemerkte ich durchaus mit Wohlwollen, nicht nur deswegen, weil die Fahrt da anstatt in die bayerische Reichshauptstadt, nach Prag ging und der Golem mir doch einiges mehr zu versprechen schien, als eine Maß und Schweinshaxe - politisch gesehen gab es in München ebenso ein schwarzes Theater, wie in Prag, aber ich will nicht abschweifen, gar entgleisen, gedenken wir ein wenig des Läufers Harbig.
    RattatRattatRattat.
    Ach, in welcher Anmut Hamburg doch im morgendlichen Wintersommerschein erglitzerte, Rauch schwelte aus den Kaminen des Hafens (wie immer noch aus meinem Aschenbecher...) und zauberte Wattewolken wie Tintenkleckse an den türkisnen Himmel, die Kanüle hätten mäandert, wenn sie nicht der allgemeinen deutschen Begradigung anheim gefallen wären (als wären sie an morbus bechterew erkrankt, verplattet, verstockt, versteift...), die bunten Container erinnerten mich an Legobausteine und die Kräne reckten ihre Hälse wie die Giraffen!
    Ich ließ mich von den Sonnenstrahlen kitzeln und lehnte mich behaglich zurück.
    Wohlan, die Fahrt begann!
    RattatRattatRattat.
    Wie die Fühler einer Schnecke versuchten sich meine Blicke durch den Smog im Raucherabteil zu bohren, noch war nicht all zu viel Rummel hier, schließlich war Hamburg der Anfangsbahnhof, das Alpha in Richtung Omega München... -
    Der Hamburger Passagier an und Pfirsich, zeichnete sich übrigens durch eine gewisse Leichtigkeit aus, die teils von seinem Ruhe ausströmenden Kontoaus-Zug, teils von seiner Weltgewandheit ausging, die er hinter "DIE ZEIT" und dem Laptop subtil, aber beharrlich verströmte, vermischt mit Hugo Boss und erlesenen Zigarillos.... Er versuchte nicht auf Teufel komm raus ein Gespräch vom Zaun zu reißen, das nur aus Gründen der eigenen Unsicherheit und Langeweile geführt worden wäre, nein wie ein satter Löwe lag er gleißenden Licht, was mir nur recht war, schließlich war der neue Roman von Philippe Djian ("Heißer Herbst") endlich als Taschenbuch erschienen und wartete darauf entblättert und wild genommen zu werden... .
    Ein wenig beunruhigend war der Fakt, daß der nächste Halt Hannover, und die Messefuzzis, das wußte man, verhielten sich immer wie aufgeschreckte Hühner im An-Zug und mit Schlips getarnt, wobei letzterer übrigens darauf hinwies, woher die Unausgeglichenheit eigentlich stammte, will sagen die toten Hosen bestiegen außer Züge sonst gar nicht mehr viel, aber ich will nicht ausfallend werden, sollen sie in Ruhe ihren Flachmann leeren, in solchen Fällen versuche ich immer, mich im fiktiven (platonischem, geistigen, virtuellen) Kiesharken, das ist so ähnlich wie Schäfchen zählen oder ein stummes Ooooommmm, oderso, falls einer fragen sollte... .
    RattatRattatRattat.
    Aus Jux und Tollerei, begann ich mir Gedanken zu machen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Lokbuch, Teil I

    Da mußt Du selbst aufpassen, nicht einer von den Gelegenheitsdichtern zu werden, jenen beliebigen Reitern auf Schemen des Gedankens, die sich gar selbst niemals hopps nehmen können, es gar immer vorgeben.

    (Im Grunde meines Herzens liebe ich Beobachtungen.)

  3. #3
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    AW: Lokbuch, Teil I

    sich selbst hopps nehmen?
    nicht mehr oder weniger als alles andere, schätz ich mal, das ist doch das kunststück, erinnern wir uns z.b. an daniil charms, da hoppste es was das zeug hielt, bzw. war schon gar nicht mehr zu halten - will mich jetzt nicht vergleichen, nur verdeutlichen - und schein war es doch nicht, potenziertes sein eher, ad absurdum eben... -
    und das ich ist mir in dem fall überhaupt nicht wichtig, vielleicht sollte ich dem ich einfach einen namen geben, otto vielleicht, oder paul... -
    und ein wenig an der zeit feilen wollt ich noch, die hanseaten und hannoveraner in den präsens setzen, der verallgemeinerung wegen - und auf die bayowaren freue ich mich jetzt schon... -
    und sonst?
    kinders, haut rein, schließlich ist die prosa für mich ein neugeborenes kind, der winter ist kalt und die fingergelenke drohen einzufrieren... -
    es wird doch wenigstens ein komma falsch gesetzt sein, mensch, hänschen pieps einmal... -
    so weit dazu.

  4. #4
    Dunkler Wald
    Laufkundschaft

    AW: Lokbuch, Teil I

    Paulchen Panther, danke für die Ringelblumen.

  5. #5
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Lokbuch, Teil I

    Ist die Reise schon zu Ende?

  6. #6
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    AW: Lokbuch, Teil I

    nein, nein,
    tische jedesch, dalsche budesch,
    wie der russe zu sagen pflegt,
    heißt je leiser du gehst, desto weiter du kommst, will sagen eile mit weile... -
    ich bin daran und feile, die reinschreibung zieht sich ganz schön, bin ich doch der prosa neues kind... - zudem stürzen sich die ein oder anderen projekte dazwischen... -
    werde dann den ganzen text präsentieren, keine teile mehr - war nur neugierde... -
    du scheinst übrigens der einzige zu sein, der interesse bewahrt...

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